Die Schlacht bei Langensalza

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Autor: Heinrich Schwerdt
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Titel: Die Schlacht bei Langensalza
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aus: Die Gartenlaube, Heft 28 und 29, S. 441–446 und 457–460
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1866
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Schlacht am 27. Juni 1866
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Die Schlacht bei Langensalza.[1]


Der König von Hannover gehörte, wie bekannt, zu denjenigen Fürsten, welche gegen Preußen lange schon nicht allein eine feindselige Haltung annahmen, sondern endlich sich zu offenem Widerstand rüsteten und zu verbinden suchten. Die letzte kurze Frist zur nachträglichen Erklärung der Neutralität ließ König Georg ungenützt vorüber gehen, und so rückten, wie angedroht, preußische Truppen von Norden her in das Königreich ein. Die hannover’sche Armee, trotz ihrer bekannten Schlagfertigkeit, zog sich sofort zurück. Ein kleiner Theil derselben wurde im Lande selbst überrascht und zur Niederlegung der Waffen genöthigt, die bei weitem größere Anzahl der Truppen aller Gattungen, man könnte mit Recht sagen die ganze hannover’sche Armee, in Stärke von zwanzigtausend Mann Infanterie mit vierzig bis sechszig Kanonen und sechs Cavallerie-Regimentern, verließ das Königreich Hannover und trat bei Heiligenstädt auf preußisches Gebiet über. Dieser eilige Abzug ohne genaue Kenntniß der Stärke und Stellung der Bundestruppen wird von Vielen nicht gebilligt, da die Truppen mit Ausrüstung aller Art und besonders mit Schießbedarf auf das Reichlichste versehen waren, und nicht, wie man hie und da erzählt, ohne Munition ausrückten. Schreiber dieses sah ganze Haufen derselben auf ihrem Zuge durch Waldungen von ihnen selbst zerstören und vergraben, weil ihnen die große Menge derselben lästig fiel; auch trug jeder Soldat, als es am 24. Juni zum ersten Male zum Kampf gehen sollte, nahe an 100 Patronen bei sich. Der König selbst nennt das Heer schlagfertig, von opferfreudigem Muthe beseelt.

Gleichwohl konnte eine so imposante Macht nicht im Lande bleiben, um es bis auf den letzten Mann zu vertheidigen und mit Ehre unterzugehen. Sie war darauf angewiesen, vereint mit den übrigen Bundestruppen ihr Heil gegen die Waffen Preußens zu versuchen. Das Streben nach dieser Vereinigung war es daher auch, was den König hinriß bis zu dem entsetzlichen Blutbade des Siebenundzwanzigsten, welches Tausende seiner eigenen Landeskinder todt oder verstümmelt niederstreckte. Dagegen halfen freilich dann keine Zähren bitterer Reue mehr, du armer betrogener Mann, als du am Sterbelager deiner Treuen standest, und nicht das Händeringen deines Erben an deiner Seite!

Die ersten Nachrichten über den Einmarsch der hannoverschen Truppen in die preußischen Lande trafen am 21. Juni hier ein. Langensalza, eine hübsche Stadt von neuntausend Einwohnern, liegt, wie Sie wissen, zwischen Erfurt, Gotha, Eisenach und Mühlhausen mitten inne. Frühmorgens von acht bis gegen ein Uhr hatten die Hannoveraner ihren Einzug in Heiligenstädt gehalten, den Landrath des Kreises festgenommen, die königlichen Cassen mit Beschlag belegt, den Einwohnern nah und fern eine starke Einquartierung aufgenöthigt, sowie große Lieferungen an Hafer, Heu, Brod, Rauchfleisch etc. ausgeschrieben. Das war nicht sehr friedlich! Wer hierorts an alledem etwa noch zweifeln mochte, den belehrten die in sausendem Galopp von Dingelstädt und Mühlhausen durch Langensalza nach der Festung Erfurt geführten königlichen Cassen, der unterbrochene Telegraphenverkehr und dergl. Der Landrath des Mühlhäuser Kreises, Herr von Wintzingerode, nahm seinen Aufenthalt hier, der Landrath des Langensalzaer Kreises begab sich auf seinen Stammsitz Altengottern. Beide wollten sich dadurch ihrer mehr als je nothwendigen Amtsthätigkeit erhalten. Es währte nur kurze Zeit, so wurden auch in Langensalza die Post und die königlichen Cassen geschlossen und letztere durch die betreffenden Beamten ebenfalls in Sicherheit gebracht. Für die städtischen Cassen wurde nicht minder gesorgt, doch fürchtete man für diese weniger, weil eingegangenen Nachrichten zufolge vom Feinde nur königliches Eigenthum mit Beschlag belegt, alles Privateigenthum möglichst respectirt worden war.

In banger Erwartung harrten Alle der kommenden Dinge, denn wir standen dem Feinde ziemlich hülflos gegenüber, da die ganze Gegend von preußischen Truppen entblößt war. In unsere trübe Sorge blitzte ein Lichtstrahl durch die Ankunft einer Schwadron preußischer Dragoner unter Rittmeister von Wydenbrink, welcher gekommen war, die Ankunft und Stellung der Hannoveraner zu erforschen und eine Vorpostenkette nach Gotha zu bilden.

Unter jubelndem Hurrah wurden die Dragoner empfangen und bewirthet, und weg war alle Sorge und Schwere des Augenblicks, ja überall herrschte Freude und Lachen, besonders als die bärtigen und tapfern Landwehrmänner in der Dankbarkeit ihrer Herzen ihren Gefühlen durch öffentliche Reden und [442] Hurrahs auf die Bürger Luft machten. Leider wurden schon wenige Stunden darauf einige der Tapfern von vordringenden Hannoveranern zusammengehauen oder gefangen genommen. Das geschah einem Vorposten von neun Mann auf der ersten Anhöhe von Langensalza nach Gotha zu, bei dem Dorfe Hennigsleben, wo die preußischen Dragoner sich postirt hatten.

Das Drama der Unglückswoche begann am 23. Juni gegen Mittag mit der Festnahme eines hannoverschen Officiers, welcher dicht vor der Stadt am Postgebäude die Telegraphendrähte durchhauen, und wobei ihm ein hiesiger Arbeiter ganz gemüthlich die Axt gereicht und die Leiter gehalten haben soll. Diese Arretirung trug für die Stadt beinahe sehr verhängnißvolle Folgen. Kaum hat der zurückfahrende Kutscher des gefangenen Officiers einer ihm begegnenden Abtheilung Dragoner und Husaren davon Mittheilung gemacht, als diese sofort die Carabiner laden, die Säbel ziehen und in raschem Galopp zur Stadt sprengen, den Gefangenen befreien und nun mit wüthenden Gebehrden und Flüchen vor’s Rathhaus kommen, um das Oberhaupt der Stadt, welches jene Arretirung veranlaßt, zu blutiger Rechenschaft zu ziehen. Die Sache wurde endlich in Güte beigelegt, die erschöpften Feinde auf’s Beste bewirthet und letzteres auch für die nachfolgenden hannoverschen Truppen zugesagt.

In der ganzen Stadt wurde nun mittels Ausrufer den Hausbesitzern befohlen, sich auf eine Einquartierung von wenigstens zehn Mann einzurichten und für deren Verpflegung Sorge zu tragen. Da gab es denn ein Laufen und Rennen und Furcht und Bestürzung auf allen Gesichtern, denn solche Gewaltscenen, wie eben hier gespielt, solch enorme Einquartierung war in dem stillbürgerlichen Städtchen unerhört. Ich sah dann den König einziehen; auf einem Schimmel reitend, der von einem nebenbei reitenden Adjutanten an der Leine geführt wurde, bot der stattliche Mann allerdings kein Bild eines Schlachtenführers. Am verwirrtesten mochte es jetzt wohl im Schützenhaus zugehen, wo der König und der Kronprinz von Hannover nebst Ministern und zahlreichem Gefolge Absteigequartier genommen. Durch den hannoverschen Major von Hammerstein waren sämmtliche oberen Räume mit Beschlag belegt worden. Der österreichische Gesandte, ein Graf Ingelheim, bezog den Gasthof zum Kreuz, befand sich aber zumeist an Seite des Königs, um ihm – guten Rath zu geben. Bei jeder Unterhandlung waren seine stereotypen Worte: „Majestät, um keinen Preis unterschreiben Sie, Ihre Ehre als Welfe duldet keine Unterwerfung und mein Herr und Kaiser schützt Sie!“ Und wie auch der besser unterrichtete und heller sehende königliche Sohn bat, flehte, dieser sein guter Engel mußte thränenden Auges weichen, der leiblich und geistig Blinde blieb in Dunkel und Nacht – die blutige Saat loderte zu grauenvoller Ernte empor.

Kaum hatte der König seinen Einzug gehalten, so folgten unübersehbare Reihen der hannoverschen Armee zu Fuß, zu Pferde, zu Wagen, alles in oder durch die Stadt, in einer Dauer von zwei bis drei Stunden. In dem Orte selbst verblieben wohl circa acht- bis zehntausend Mann und quartierten sich ein, wo es nur geschehen konnte.

Am 24. Juni früh rückte darauf die hannoversche Macht aus, um in der Nähe der Stadt Stellung zu nehmen, denn wenn auch Unterhandlungen zu ehrenvoller Heimkehr oder zur Beseitigung des Conflictes geführt wurden, so war man doch auf Schlimmes vorbereitet und suchte durch solche Truppenaufstellungen wohl auch zu imponiren. Und imposant war der Feind, besonders wenn er seine sämmtliche Artillerie und seinen stundenlangen Troß an Gepäck-, Fourage- und unzähligen andern Wagen, die Staatscarossen des Königs und seines höhern Hofpersonals, der Minister, der Gesandten, den vollständigen Marstall in der Zahl von hundert bis zweihundert Pferden mit sich führte, was in der Regel geschah.

An demselben Tage, am 24. Juni, wurden den Hannoveranern durch den Herzog von Coburg-Gotha in Vollmacht für den König von Preußen Bedingungen zur Capitulation gestellt, in Folge deren die hannoversche Armee mit Wehr und Waffen abziehen, dagegen sich verbindlich machen solle, während eines Jahres nicht gegen Preußen zu dienen. Der König solle während eines Jahres seinen Wohnsitz außerhalb des Königreichs nehmen und Garantie dafür bieten, daß seine Armee binnen Jahresfrist die Waffen gegen Preußen nicht führe. Der König von Hannover lehnte die Bewilligung der Garantieforderung ab und hannoversche Truppen rückten trotz und während der Capitulationsverhandlungen vor bis zum Dorfe Mechterstedt am Fuße des Hörselberges, zerstörten die Eisenbahn und Telegraphenlinie, und versuchten Durchbruch und Vereinigung mit der inzwischen bis Meiningen, ja bis zum hessischen Dorfe Brotterode am Inselsberge vorgerückten baierschen Armee, wurden aber von den bei Eisenach aufgestellten preußischen und gothaischen Truppen zurückgetrieben. Dieses Alles geschah, während der General-Adjutant des Königs von Preußen, Herr von Alvensleben, vor König Georg stand, um im Namen seines Monarchen die Capitulation zu ratificiren.

Noch am Vormittage zogen sich die hannoverschen Truppen theilweise wieder zurück, ohne daß es zu einem Kampfe gekommen war. Ein großer Theil marschirte Mittags nach Eisenach zu, um den bereits erwähnten Durchbruch zu versuchen. Die Stadt erhielt ihre Einquartierung wieder, ein Jeder suchte sein Quartier auf, besonders wenn es ihm daselbst behagt hatte; aber es schien der Geist friedlicher Gesinnung etwas aus ihren Herzen gewichen zu sein. Die stundenlange Aufstellung in glühender Sonnenhitze, aufregende Reden der Officiere und Vorgesetzten hatten die Gemüther entflammt, die Mittheilung, daß die Preußen das Ernst-August-Denkmal in Hannover zerstört und die herrliche Herrenhäuser Allee umgehauen, hatte allgemeine Empörung hervorgerufen. Als sie diese, wie sich später erwies, ganz grundlose Kunde in ihren Quartieren erzählten, riefen sie wuthentflammt: „Nun nehmen und geben wir keinen Pardon, wenn es zum Kampfe kommt. Wir haben’s uns zugeschworen und die Hand drauf gegeben. Der Napoleon hat unsere vaterländischen Denkmale geschont, der Preuße nicht, dem wir doch gar nichts gethan. Nun mag’s werden wie’s will.“

Ein neuer Versuch einzelner hannoverscher Abtheilungen zwischen Eisenach und Gotha, trotz des am Abend des 24. Juni abgeschlossenen Waffenstillstandes, durchzubrechen, wurde durch das vierte Garde-Regiment zu Fuß nachdrücklich zurückgewiesen. Die Hannoveraner ließen mehrere Verwundete zurück, auf preußischer Seite war keine Verwundung vorgekommen.

So stand es also noch am 24. Juni in der Macht des Königs Georg, mit Ehren zu capituliren und abzuziehen, ja sogar am 26. Juni erschien noch ein Mal ein höherer Officier des Königs von Preußen, um ihm ein Bündniß anzubieten und ihm im Fall der Annahme ungesäumte ehrenvolle Rückkehr sämmtlicher Truppen zuzusagen; aber der König ließ sich auf die bestgemeinten Vorschläge nicht ein. Im Drang des Augenblicks wirkte der Glanz der Krone mächtiger als das Heil des Landes. Bezeichnend für seine Stimmungen und Handlungsweise ist die Erklärung des Königs Georg, als ihm der preußische Gesandte das Ultimatum seines Monarchen überreichen wollte. Er verweigerte jegliche Erklärung bis nach dem Genuß des heiligen Abendmahles. Dagegen war nichts zu thun. Der Gesandte entfernte sich und zugleich wurde der Hofprediger Niemann zum Könige befohlen. Der König fragte ihn, ob es Gottes Wille sein könne, daß er den vierhundertjährigen Rechten seiner Krone entsage, um einer Gefahr zu entgehen? Der Hofprediger erklärte: Wenn durch die Entsagung Pflichten verletzt würden, besonders solche Pflichten, die ein Fürst gegen sein Land und Volk zu beobachten habe, dann dürfe sie nicht stattfinden. Habe aber der König blos persönlichen Vortheilen zu entsagen, um dem Lande zu nützen oder es vor Schaden zu bewahren, dann müsse er sich fügen, wie schwer es ihm auch werde. Dem König soll diese Antwort mißfallen haben und es ist dies zu glauben, da er gleich darauf den preußischen Gesandten, den Grafen Platen, zu sich bescheiden ließ, um ihm zu sagen, er möge thun, was er nicht lassen könne, worauf denn das Ultimatum übergeben wurde.

Auch hier in Langensalza ging er Sonntag früh zur Kirche, an die in der Aufregung und in den Befürchtungen für die kommenden Stunden nur Wenige gedacht, selbst der Prediger – ein Pfarrer vom Lande – war ausgeblieben. Ein Geistlicher der Stadt hielt deshalb stellvertretend den Gottesdienst, an welchem König Georg mit großer Andacht, wie es schien, Theil nahm; aber obwohl der erstere inbrünstig gen Himmel flehte, die Herzen der Fürsten mit Gedanken des Friedens und der Versöhnung zu erfüllen und auch ihren Völkern die Friedenspalme zu reichen, in dem Herzen des Königs Georg fand die flehentliche Mahnung keinen Boden. Die kurze Frist zweier Tage zeitigte die blutige Saat, zu welcher der Same nun einmal ausgestreut war. [443] Mehr wohl noch als die Predigt des Dieners des Herrn gefiel ihm beim Herausgehen aus dem Gotteshause und auf dem Gang nach seinem Absteigequartier das Hoch eines Bürgers, in welches auch die Menge einstimmte; denn der klüglich geschehene Ruf brachte das holdseligste Lächeln auf das Antlitz des königlichen Herrn, er neigte sich, dankbar nach allen Seiten grüßend, viele Mal und den Seinen soll er mit bewegter Stimme zugerufen haben: „Es sind doch gute Leute, die Langensalzer. Schont mir Langensalza!“ Und wenn man den Verlauf und Ausgang der ganzen folgenden Katastrophe betrachtet, so muß man wohl annehmen, daß dieses Wort wahr, daß es kein leeres gewesen ist; denn an dem blutigen Schlachttage des 27. Juni ist die Stadt von dem Schrecken und Unheil eines Straßenkampfes und Bombardements völlig frei geblieben.

Auch die letzten Capitulationsverhandlungen des Königs Georg mit dem königlich preußischen General-Adjutanten von Alvensleben fanden keinen Abschluß. Der König zögerte von Stunde zu Stunde, denn er und die Seinen hofften auf die Ankunft und Hülfe der Baiern, sie vertrauten ihrer Stärke. Sie kannten durch Spione die Schwäche der um Gotha und Eisenach lagernden preußischen und gotha-coburgschen Truppen, und während sie auf der Strecke von Gotha nach Eisenach immer neue Versuche machten durchzubrechen, hielten sie die Friedensverhandlungen hin oder forderten freien Abzug nach Baiern. Aber Alles hat seine Grenzen, und selbst die zäheste Geduld geht zu Ende. Dieser Zustand der Unruhe, dieses Aufzehren aller Lebensmittel, diese gewaltsamen Lieferungen, Fuhren und Vorspannen und hundert Quälereien wurden unerträglich, und so beschloß Preußen dem König Georg den ganzen Ernst der Situation zu zeigen.

Es war am Mittwoch den 27. Juni, an einem besonders angeordneten Bettage für das in Kampf und Streit allerorts befindliche preußische Kriegsheer, als sich von den Hennigsleber Höhen her – nach Gotha zu – die ersten Kanonenschüsse hören ließen. Die Einwohner der Stadt hatten an diesem Morgen ahnungslos gegen irgend welche Gefahr ihr Festkleid angelegt, waren ihrem Bettag in frommer Stimmung entgegengegangen, Niemand gedachte eines Unheils. Es war aber diese Stille die Schwüle vor dem Ausbruch des in der Tiefe brausenden Vulcans. Und in der That lag auch auf der Erde die drückende Hitze eines nahen Gewitters.

Es dauerte nicht lange, so mehrten und näherten sich die Kanonenschüsse von Süden her und Alles eilte seiner Wohnung zu, um ein möglichst sicheres Asyl bei dem befürchteten Straßenkampfe zu finden, oder Werthsachen, Betten, Wäsche u. dergl. in Sicherheit zu bringen. Die einquartierten Soldaten selbst, so wie die vor der Stadt im Bivouak liegenden, saßen und lagen zumeist bei dem Frühstück, als plötzlich zum Sammeln und Ausrücken geblasen wurde. In Zeit weniger Minuten war Alles marschfertig und nach kaum einer halben Viertelstunde sah man nur wenig Hannoveraner auf der Straße der inneren Stadt. Preußische Husaren erschienen und machten Hannoveraner zu Gefangenen.

Das eigentliche Trauerspiel begann an den Thoren, zunächst am sogenannten Gothaischen Gatter, welches die Hannoveraner besetzt hielten. Die auf dem Wege nach Gotha stehenden hannoverschen Truppen hatten sich vor den andringenden preußischen Truppen ohne weiteren Widerstand auf und um die Stadt zurückgezogen und gingen nach Osten, um sich später um und auf dem Kirchberge bei dem Dorfe Merxleben unweit Langensalza (einer sorgfältig gewählten, einer Festung zu vergleichenden Stellung) zu concentriren und zu behaupten. Der Schützenzug der ersten Compagnie des Coburg-Gothaischen Contingents unter Vorantritt des tapfern Hauptmanns von Schauroth nahm mit gefälltem Bajonnet und Hurrah den ersten Eingang, ihm folgte Lieutenant Seeber mit einem Zug derselben Compagnie und nahm am Gasthofe zum Mohren einen daher kommenden Wagen voll Proviant und Hannoveraner. Der Feind verließ auf dieser Seite nun gänzlich die Stadt und faßte am sogenannten Jüdenhügel Posto, welcher nun von dem inzwischen wieder vereinigten ganzen ersten Bataillon Gotha-Coburger gestürmt und behauptet wurde. Ein anderes Bataillon der Coburg-Gothaer ging durch die Stadt, überall mit jubelndem Hurrah begrüßt, um die Hannoveraner hier heraus zu treiben. Sie fanden keinen Widerstand und zogen sich deshalb, mit den Preußen vereinigt, hinter dem Schützenhause weg bis zu den Pappeln bei dem „Böhmen“ – ein Vergnügungsgarten und Haus der Stadt Langensalza – und begannen von hier einen neuen Angriff.

Die preußischen Geschütze rückten näher heran und postirten sich auf dem sogenannten Jüdenhügel, einer etwa hundert Fuß hohen, sanft ansteigenden und abfallenden Anhöhe (zwanzig Minuten weit, der Merxleber Höhe schief gegenüber). Der ganze Höhenzug östlich von Langensalza (nach Sondershausen zu) und zwar die Strecke von dem Dorfe Kirchheilingen nach dem Dorfe Sundhausen zu bis Dorf Klettstädt und Merxleben war mit hannoverschen Truppen besetzt. Ihre Geschütze und Infanteriemassen standen auf dem Merxleber Kirchberge und hatten die Höhen von Klettstädt inne, eine ausgezeichnet günstige, von Langensalza aus beinahe unangreifbare Stellung. Der Merxleber Berg ist eine nach Unstrut und Salza zu steil abfallende Anhöhe von mehreren hundert Fuß, geschützt auf der Vorderseite von dem tiefen und breiten neuen Separationsgraben, der sogenannten neuen Unstrut, dann von der alten oder eigentlichen Unstrut und der Salza mit ihren hohen, abschüssigen Ufern. Im Hintergrunde ist die Stellung durch das Dorf selbst und durch unzählige Baumgruppen, Gräben mit Wasser und Gebüsch geschützt, und weiter darüber hinaus liegen die nahen Klettstädter Höhen, für Artilleriemassen ganz vorzüglich geeignet.

Wenn wir diese fast unangreifbare Stellung des Feindes, seine weit über das Doppelte überlegene Streitmacht, seine zahlreiche, mit Schießbedarf aller Art überflüssig ausgestattete Artillerie und die vorzügliche und ebenfalls zahlreiche Cavallerie in Betracht ziehen, so muß man wirklich staunen, daß ein Häuflein von höchstens acht- bis neuntausend Mann mit nur etwa sechszehn Kanonen und ein paar Schwadronen Cavallerie einen Angriff wagen, siegreich vordringen, das Gefecht nach einem mehrstündigen Marsche gegen einen sehr tapfern Feind in sengender Sonnenhitze mit Bravour fortsetzen und endlich, als bei der großen Uebermacht des Feindes ein Sieg unmöglich schien, sich geordnet und unter fortwährenden Kämpfen zurückziehen konnte. Geführt wurden die Tapferen von dem preußischen General von Fließ und Seckendorf, und die Gotha-Coburgischen Bataillone von Oberst Fahbeck und Oberstlieutenant von Westernhagen, welcher letztere, im Kampfe tödtlich verwundet, wenige Tage darauf diesen seinen Wunden erlag.

Die preußische Infanterie stand anfangs hinter dem Jüdenhügel und durch diesen gedeckt, dann aber rückte sie vor und besetzte das buschige Wäldchen an dem Schwefelbade, in der Mitte von Merxleben und dem Jüdenhügel gelegen, ihnen entgegen standen die Hannoveraner und das Kleingewehr jener entlud sich in nächster Nähe auf einer großen Wiese und im Hölzchen. Die Hannoveraner wurden dreimal durch die Unstrut und Salza getrieben und dreimal kehrten sie zurück. Die preußischen Zündnadelgewehre lichteten die Reihen der Feinde, aber auch unter den Preußen hielt der Tod reiche Ernte. Die sechsundvierzig auf der Merxleber Höhe so vortheilhaft aufgestellten, wohlbedienten Geschütze des Feindes spieen Tod und Verderben in ihre Reihen und demontirten gleich anfänglich zwei Geschütze der Preußen. Ein glücklicher Schuß der Hannoveraner tödtete fast sämmtliche Pferde derselben, dreien hatte er die Köpfe abgerissen, ihre Hälse boten den Anblick geschlachteter Tauben, freilich in großartiger, schrecklicher Weise. Die Preußen feuerten aus ihren sechszehn Geschützen, unter denen sich leider mehrere alte, außer Cours gesetzte Festungskanonen befanden, schneller, als die Hannoveraner, wahrscheinlich eben deshalb, weil sie deren sechsundvierzig Geschützen nur sechszehn entgegenzusetzen hatten. Die Erbitterung des Kampfes erreichte an einzelnen Stellen einen hohen Grad; am hartnäckigsten wüthete er in der Nähe der Oelmühle, einem Herrn Kallenberg gehörig, bis zum Schwefelbade. Ein anderer harter Zusammenstoß war der Angriff von Cambridge-Dragonern auf ein Gothaisches Bataillon, welches, zur Ergebung aufgefordert, den Feind mit Hurrah und vernichtenden Salven empfing, so daß hier der Tod eine furchtbare Ernte hielt. Aber auch die Gothaer mußten zahlreiche Opfer abgeben. Andererseits hatten preußische Abtheilungen unter dem Artilleriefeuer und dem Einhauen der feindlichen Cavallerie, welche der preußischen durch ihre große Anzahl und vorzüglichen Pferde weit überlegen war, schwer zu leiden, besonders das brave elfte Grenadierregiment (Schlesier). Vier Officiere waren todt, neun schwer verwundet.

[444] Von Preußen überhaupt haben im Feuer gestanden das elfte Linien-Infanterie-Regiment, zwei Bataillone vom fünfundzwanzigsten, ein Ersatz-Bataillon vom einundsiebenzigsten, dazu die beiden Bataillone Coburg und Gotha, sonst nur Landwehr und zwar zwanziger, zweiunddreißiger und siebenundzwanziger, Landwehr-Husaren und Dragoner, im Ganzen sehr wenig Cavallerie, so wie die Ersatz-Escadron des zehnten Linien-Husaren-Regiments, endlich einige Batterien vom siebenten Feld-, so wie eine vom vierten Festungs-Artillerie-Regiment. Vom vierten Garde-Regiment, welches im Kampfe des 27. Juni sehr gelitten haben sollte, ist kein Mann mit im Gefechte gewesen.

Die Coburg-Gothaer, meistens blutjunge Leute, gingen mit der größten Beherztheit in’s Gefecht. Sie sangen und scherzten noch, als schon die Granaten rechts und links einschlugen. Ihr tapferer Herzog, der aber kein Commando hatte, war immer in der Nähe, scheute selbst den Kugelregen nicht und feuerte sie zum Widerstande an. Manches junge, hoffnungsvolle Blut liegt nun schwer verwundet darnieder, kehrt als Krüppel heim oder – nie mehr, unter diesen einer ihrer tapfern Führer, der schon genannte Oberstlieutenant v. Westernhagen.

Ebenso brav, beherzt und wahrhaft todesmuthig benahmen sich die Turner von Gotha, Mühlhausen und Langensalza. Unter dem heftigsten Kugelregen, in sichtbarer Lebensgefahr, begaben sie sich, die ersteren schon sehr frühzeitig, auf die Stätte des Kampfes, um die Gefallenen aufzuheben, in Sicherheit zu bringen und für den ersten Verband mithelfend zu sorgen. Man wird staunen, wenn Schreiber dieses unter den Turnern Jünglinge erblickte von nur sechszehn bis achtzehn Jahren, denen der Tod schließlich völlig gleichgültig blieb, welche mit rastlosem Eifer, unter rinnendem Schweiß und kämpfend in sengender Sonnengluth mit eigener Ohnmacht und Ermattung, von ihrem barmherzigen Thun dennoch nicht abließen. Und dieses Liebeswerk haben die meisten den ganzen Nachmittag, Abend und durch die ganze Nacht fortgesetzt. Ja, am folgenden Tage gingen sie, die Verlorenen und Schmachtenden im hohen Getreide aufzulesen, in die Lazarethe zu führen und zu tragen und Hülfe und Labungen für die armen Unglücklichen zu erflehen.

Mit ausgezeichneter Tapferkeit hat sich das Füsilier-Bataillon vom zwanzigsten Landwehr-Regiment geschlagen, meistens Berliner Kinder. Die Nationalzeitung hat bereits darüber berichtet und ich kann hier nur wiederholen, was sie mittheilt.

Bei dem unaufhaltsamen und unerschrockenen Vorgehen dieser Truppe sah sie sich plötzlich von allen Seiten von hannover’schen Cavalleriemassen eingeschlossen und war förmlich umzingelt. Augenblicklich wurde Quarré formirt, aber der hannoversche General ritt im Galopp auf den preußischen Bataillons-Commandeur zu, ihn auffordernd, die Waffen zu strecken. Ehe dieser noch eine Antwort erhielt, donnerte aus hundert kräftigen Wehrmannskehlen der Ruf zurück: „Berliner Landwehr ergiebt sich nicht, wir bleiben bei der Fahne!“ Da sprengten von allen Seiten die feindlichen Reitermassen heran, es war ein peinlicher Augenblick und man mußte glauben, das ganze Bataillon würde zusammengehauen werden. Die Wehrmänner aber standen wie die Mauern, mit eiserner Ruhe [445] ließen sie die Pferde bis auf zwanzig Schritt heran, dann krachten wohlgezielte Salven aus den Reihen des Quarrés. Unheimlich weiße Dampfwolken bedeckten einen Augenblick das Schlachtfeld, aber als der Dampf sich verzog, sah man eine blutige und zuckende Masse todter und verwundeter Menschen und Pferde rings um das Füsilier-Bataillon des zwanzigsten Regiments aufgehäuft.

Gegen Abend mußten die braven Füsiliere noch ein heftiges Kartätschenfeuer aushalten. Selbst in diesem mörderischen Gefecht, wo die Kugeln wie Schwärme Bienen umherflogen und summten, konnte der unverwüstliche Humor der Berliner nicht zum Schweigen gebracht werden. „Jungens, steht fest!“ rief der Wehrmann Elsholz und riß Witz auf Witz, so daß sich Viele des lauten Lachens nicht enthalten konnten.

Die Artillerie hat sich mit großer Ruhe benommen und vortrefflich geschossen. Dem Lieutenant Stichling vom siebenten Feld-Artillerie-Regiment wurde von einem Bombenbruchstück das halbe Gesicht zerrissen, er war auf der Stelle todt. – Hauptmann Caspari vom vierten Festungs-Artillerie-Regiment commandirte die Ausfallbatterie siebenpfündige Haubitzen und schoß vortrefflich. Seine Granaten schlugen sichtbar in die feindlichen Colonnen ein und richteten große Verheerungen an. – Lieutenant Hupfeld von demselben Regiment stand auf dem rechten Flügel isolirt, die kleine Infanterie-Bedeckung, die er hatte, war theils todt, theils verwundet, er selbst hatte eine Attaque nach der andern abgeschlagen und selbst Bombenfeuer aushalten müssen. Da kamen die Cambridge-Dragoner herangesprengt, einen letzten Versuch zu wagen, die Geschütze zu nehmen. Hupfeld empfing sie mit vier Kartätschenschüssen, welche die meisten aus den Sätteln warfen oder zurückjagten. Nur der Rittmeister William von Einem mit mehreren Dragonern setzte mitten zwischen unsere Kanonen und hieb Alles nieder, was sich ihm in den Weg stellte. Der Kanonier Rudloff, ein Veteran aus Schleswig, dessen Brust mehrere Orden schmücken, blutet bereits aus vielen Wunden, aber er hat sich vorgenommen, sein Geschütz bis zum letzten Athemzuge zu vertheidigen. Grimmig stürzt er sich mit einem Satze auf den feindlichen Officier, parirt alle seine Hiebe und stößt ihm sein scharfes Faschinenmesser bis an’s Heft durch den Leib. Lautlos sinkt der tapfere Officier aus dem Sattel, ein Märtyrer der hannoverschen Waffenehre. Die andern in die Batterie eingedrungenen Dragoner wurden gleichfalls niedergemacht. Lieutenant Hupfeld sieht mit Schmerzen, daß die Protzen seiner Kanonen zerschossen und zerbrochen sind, die Stränge durchgehauen und durchgeschnitten, die meisten seiner Pferde erschossen sind und, was das Allerschlimmste, die Munition zu Ende ist. Schon nahen wieder feindliche Colonnen heran, schon schlagen die Kugeln hannoverscher Gardejäger in die Batterie, er befiehlt mit schwerem Herzen den Rückzug. Die Artilleristen werfen sich auf die erbeuteten feindlichen Pferde, nehmen alle eigenen leichtverwundeten Pferde, die nur irgend fortkommen können, an die Hand und reiten zurück. So weit die Nationalzeitung.

Von dem Artillerie-Lieutenant von Hochwächter wird noch Folgendes erzählt. Mitten im dichtesten Kugelregen stand ein preußisches Geschütz. Die hannoverschen Shrapnells hatten die preußischen Kanoniere weggerafft, nur der Artillerie-Lieutenant von Hochwächter harrte noch aus. Das Geschütz aber mußte aus der hannoverschen Schußlinie. Etwa einhundert Schritte hinter der Kanone standen die Zugpferde. Der Lieutenant eilte auf sie zu, da schlug eine feindliche Kugel dicht beim Gespanne ein und riß die Pferde nieder. Noch weiter zurück sah Hochwächter einige ledige Handpferde stehen; in raschem Sprunge war er an der Stelle, sprengte mit ihnen zurück, spannte sie, von den feindlichen Kugeln umschwirrt, vor das Geschütz und fuhr dieses, selbst unversehrt, von der gefährlichen Stelle hinweg und in Sicherheit.

Im Ganzen concentrirte sich das Hauptgefecht zwischen den sogenannten Jüdenhügel (Preußen) und Merxleben (Hannoveraner). Die Preußen griffen mit großer Energie an. Von allen Seiten ließen die Schützenzüge ihr verheerendes Feuer spielen und namentlich das Zündnadelgewehr zeigte seine entsetzliche Macht, aber auch die Hannoveraner mit ihren Geschützen, die Granaten und Kartätschen warfen, lichteten mörderisch die Reihen der Preußen, besonders waren auch das Gothaische Bataillon und der Rest des Coburgischen, welche die Geschütze deckten, dem heftigsten Granatfeuer ausgesetzt.

Der Angriff mißlang, wollten aber die Hannoveraner sein Mißlingen benutzen und einen Erfolg herbeiführen, so mußten sie selbst zum Angriff übergehen. Ihre Cavallerie sucht über die Brücken vor Merxleben vorzudringen, aber ihrem Vorgehen ist hier die Lage ebenso hinderlich, als sie der Vertheidigung günstig gewesen war, Kartätschen hageln in voller Ladung auf sie nieder, daß ganze Schwadronen in Verwirrung gerathen, Kehrt machen und mancher Reiter in den Fluß stürzt. Auch das wiederholt sich. Aber endlich dringt der Feind von den Endpunkten seiner Stellung, bei Thamsbrück und Nägelstädt, aus vor und droht, die geringe preußische Macht zu überflügeln.

Jetzt ist diese, nachdem der ungleiche Kampf bis Nachmittags drei Uhr gedauert hat, zum Rückzug genöthigt. In Eile, aber noch wohl geordnet, keineswegs in Auflösung, gewinnt sie die Hennigsleber Höhe. Zwei Quarrés bestehen hier noch glänzende Gefechte mit Cavallerie; ein stark decimirtes Bataillon des fünfundzwanzigsten Linien-Regimentes mit Zündnadelgewehren läßt von mehreren Schwadronen nur wenige Mann unverschont, ein Häuflein, das sich erst wieder um zwei Geschütze gesammelt hat, läßt die Schwadron auf zwanzig Schritte herankommen, um sie alsdann zu vernichten.

Die Verfolgung, obwohl die Hannoveraner noch zwei Compagnien Landwehr gefangen nahmen, ließ bald nach, diese Entschlossenheit in Verbindung mit dem Uebergewicht des Zündnadelgewehrs schien zurückzuschrecken und in guter Ordnung kehrte man in eine feste Stellung, auf der Höhe von Warza, zurück.

Der Kampf hatte halb zehn Uhr früh begonnen und endete erst gegen Abend. In der Zeit weniger Stunden waren nahezu Viertausend gefallen, todt oder verwundet. Das Schlachtfeld war besät mit Menschen- und Pferdeleichen und Leibern, das Blut bildete wahre Lachen, die Seufzer, das Stöhnen und die unaussprechlichen Jammerlaute und Hülferufe Schwerverwundeter zermalmten ein Herz von Stein. Es flossen selbst von Solchen Thränen, die lange schon keine Zähre mehr gekannt. Weinten doch selbst die Augen des blinden Königs Georg, rang doch selbst sein Thronerbe die Hände, als Beide noch an selbem Tage über das Schlachtfeld schritten und diese grausige Menschenschlächterei wahrnahmen. Niemals habe ich so viele bleiche, entsetzte Gesichter gesehen als an diesem Abend!

Sofort sah man hülfreiche Hände und barmherzige Herzen von Nah und Fern in unermüdlichem Eifer auf dem Schlachtfelde Verwundete erheben, verbinden und in die schleunigst eingerichteten Lazarethe unterbringen. Die erwähnten braven Turner opferten sich förmlich auf, ebenso thätig und opferfreudig waren die Bürger, die Aerzte, selbst das zarte, sonst so furchtsame Geschlecht der Frauen traf man auf den Stätten des Grauens im Feld und Lazareth, unermüdet Wunden verbindend, Labungen spendend, Seufzer und Thränen stillend. Unter einer drückenden Gewitterschwüle arbeiteten die herbeigeeilten Aerzte aus Langensalza, Gotha und Mühlhausen, von Abend die Nacht hindurch die schwersten Verwundungen in Masse zu untersuchen und zu verbinden, fortwährend Amputationen an Armen und Beinen vorzunehmen, Sterbende und Todte von Lebenden zu scheiden, im Blute förmlich zu waten und zu baden. Frauen und Jungfrauen knieten und saßen Tag und Nacht an den Strohlagern der Verwundeten, Freund und Feind Labung und Trost spendend. Zur Pflege der Leidenden in den vielen Lazarethen wurden außerdem eine Anzahl Frauen der arbeitenden Classe in Dienst genommen, beaufsichtigt und belehrt von barmherzigen Schwestern aus den westphälischen Klöstern und von Frauen des Johanniter-Ordens. In Zeit weniger Tage sahen sich die armen Verwundeten auf saubere Matratzen gebettet, in Bettstellen gehoben, mit reiner Wäsche und mit allem Nothwendigsten reichlich versehen, sattsam und rechtzeitig gespeist und getränkt. Aus Gotha, Mühlhausen, Erfurt, Nordhausen, ja selbst aus Hannover kamen ganze Wagenladungen mit Betten, Leinwand, Charpie, Wein, Fruchtsäften und Eßwaaren aller Art – eine liebe herzige, für Viele aber zu späte Hülfe.

Der König selbst, welcher seinen ausrückenden Truppen stets voranging, gewöhnlich zu Pferde und gefolgt von einer langen Reihe prächtiger Hofwagen mit Hofstaat und Ministern und unter starker Cavallerie-Begleitung, hatte am Schlachttage die Stadt verlassen und sein Domicil in der Pfarre zu Thamsbrück genommen, von wo er nach dem Kampfe über Merxleben zurückkehrte und zwar zum Klagethore herein, durch die Neustadt, um sein Quartier im Schützenhaus wiederum zu nehmen. Er verweilte noch zwei Tage am Orte, besuchte in Begleitung des Kronprinzen sämmtliche Lazarethe, meist aber am späten Abend und in der [446] Stille der Nacht; – denn er scheute sichtlich die Nähe und Begleitung der erregten Menschen. – Auch sah man ihn zwei Mal als Leidtragenden hinter den Särgen gefallener Officiere einherschreiten, welche hier ihren tödtlichen Wunden erlegen waren und ihre letzte Ruhestatt auf dem städtischen Friedhof fanden. Seine großen, blinden, meist nach oben gekehrten Augen bewegten Aller Herzen zu innigem Mitleid und man verzieh ihm Viel um dieses seines körperlichen Gebrechens willen. Der Kronprinz, an dessen Arm er ging, weinte heiße Thränen an dem Grabe eines der Gefallenen, eines jungen hoffnungsvollen Officiers, des Sohnes des Obristen Friedrich. Er umarmte und küßte den tiefgebeugten Vater und überhäufte ihn mit den beweglichsten Trostworten. „Hätte ich Macht gehabt, das Alles wäre nicht geschehen,“ setzte er noch tiefbewegt hinzu.

[457]
Das Ende und die Waffenstreckung. – Hannoversche und Spitzkugeln. – Die letzte Proclamation. – Die hannoverschen Truppen und ihr Zug. – Der Hoftroß. – Der König und die Langensalzaer Deputation. – Betragen der Truppen. – Abschied von Illeben.


Spät am Abend des 27. kehrten die Hannoveraner von ihrer Blutarbeit nach Langensalza zurück und suchten ihre alten Quartiere wieder auf oder bivouakirten in der Nähe. Mein Nachbar hatte drei Mal dieselben Leute im Quartier – drei Mal also hatte der Besitz der Stadt gewechselt. Die Leute waren wahrhaft am Verschmachten und nahmen jede Labung mit großer Dankbarkeit in Empfang. Auch der folgende Tag wurde für sie ein Rasttag und man sah sie massenhaft in den Straßen der Stadt umher stehen und gehen, aber ohne jeglichen Exceß oder Tumult.

An diesem Tage, am 28. Juni, waren neue Verhandlungen wegen einer Capitulation im Gange und dieses Mal mit Erfolg, die Generale v. Manteuffel und v. Goeben standen mit 18,000 Mann frischer Truppen und 82 Geschützen in dem nahen Mühlhausen und die Hannoveraner sahen sich von allen Seiten eingeschlossen. Bei nur einiger Nachgiebigkeit des Königs hätte man die Hannoveraner am 29. Juni mit allen kriegerischen Ehren ziehen lassen – jetzt konnte davon nicht mehr die Rede sein. Sie hatten zwar einen augenblicklichen Sieg errungen und hätten bei richtiger Führung leicht durchbrechen können, aber jetzt waren sie erschöpft, die Pferde ruinirt, die Mannschaften zum Tode ermattet. Die Bedingungen sind bekannt: König und Kronprinz zogen frei ab, die Officiere hatten ihr Ehrenwort zu geben nicht gegen Preußen zu fechten, die Mannschaften lieferten Waffen, Pferde und Munition ab und wurden nach der Heimath gesandt.

So mußte die tapfere hannoversche Armee die Waffen strecken und abliefern. Die Preußen thaten alles Mögliche, um dem Feinde diese schweren Augenblicke zu erleichtern, und die hannoverschen Officiere haben dies auch dankend anerkannt. Aber schwer wurde es doch den meisten Kriegern, besonders der Artillerie und Cavalerie mit ihren prächtigen Geschützen, Waffen und Pferden, und Mancher weinte bei der Ablieferung seines treuen Rosses bittere Zähren und verwünschte diesen Tag des Unglücks. Grimmiger noch leuchteten die Augen der Officiere, und man sah ihnen deutlich die Unzufriedenheit an. Ein großer Theil der Truppen dagegen unterwarf sich mit sichtbarer Resignation, besonders unter der Infanterie. Mit Knüttel, Stock und Quersack zogen sie zu Haufen in den Tagen des 29. und 30. Juni in ihre Heimath ab, nicht ohne Hurrahs auf ihre gastlichen Pfleger und Quartiergeber in Langensalza.

Am 28. wurde der größte Theil der Todten begraben, sowohl auf dem nahgelegenen Gottesacker zu Merxleben, als auf freiem Felde, bei der Liebfrauenkirche, auf dem Wege von der genannten Oelmühle nach der Fabrik des Herrn Eduard Weiß und endlich auch auf dem städtischen Friedhofe. Unter diesen befand sich auch die Leiche des Sohnes eines hiesigen Bürgers, Namens Rudolph Bechstedt. Auf dem Rückzuge hatte eine Kugel durch den Kopf sein junges Leben unerwartet, aber jedenfalls schmerzlos geendet. – Die Zahl der Todten läßt sich mit Bestimmtheit zur Zeit noch nicht genau feststellen, weil der unerbittliche Tod immer noch neue Opfer in den vielen Lazarethen fordert. Jeden Tag, besonders an den Morgen und Abenden, wirbeln die gedämpften Trommeln preußischer Tamboure schauerlich den Todtenmarsch und ihnen folgen ganze Gruppen von Särgen mit den Opfern des ungemessenen Ehrgeizes und hartnäckiger Verblendung. Sie werden, ob Feind oder Freund, mit militärischen Ehren begraben.

Unter den Verwundeten befanden sich eine Menge selbst hoher Officiere, und preußische Soldaten und Officiere haben wiederholt versichert, eine solche Feuertaufe hätten sie selbst bei Düppel und Alsen nicht bestanden. Bei dieser Geleigenheit ist auch allgemein die Erfahrung gemacht worden, daß die scharfgekanteten [458] drei Loth schweren hannoverschen Flintenkugeln die schmerzlichsten, nur sehr schwer heilenden Wunden, welche von ihnen ganz zerfleischt und zerrissen waren, hervorgebracht haben, während die kleinen glatten und eirunden Kugeln der Zündnadelgewehre das Fleisch scharf durchschnitten, sich leicht und schmerzlos herausdrücken ließen und den Heilungsproceß lange nicht in dem Maße störten, wie die ersteren. Vor dem Weggang erließ der König noch folgende Proclamation an sein Kriegsheer:

„Hauptquartier Langensalza, 27. Juni 1866.

Ihr, Mein tapferes Kriegsheer, habt mit einer in der Geschichte beispiellosen Begeisterung und mit einer noch nie dagewesenen Willigkeit Euch auf Meinen Ruf und freiwillig in den südlichen Provinzen Meines Königreichs, ja, selbst als Ich bereits, von Meinem theuren Sohne, dem Kronprinzen, begleitet, an der Spitze von Euch nach dem südlichen Deutschland zog, noch auf dem Marsche um Eure Fahnen versammelt, um die heiligsten Rechte Meiner Krone und die Selbstständigkeit und Unabhängigkeit unseres theuren Vaterlandes zu bewahren; und heute habt Ihr, in Meiner und Meines theuren Sohnes und Thronfolgers Gegenwart mit dem Heldenmuthe Eurer Väter kämpfend, unter dem gnädigen Beistand des Allmächtigen für unsere gemeinsame geheiligte Sache, an dem Schlachttage zu Langensalza, einen glänzenden Sieg erfochten.

Die Namen der todesmuthig gefallenen Opfer werden in unserer Geschichte mit unauslöschlichen Zügen prangen, und unser göttlicher Heiland wird ihnen dort oben den himmlischen Lohn verleihen. Erheben wir vereinigt die Hände zu dem dreieinigen Gott, ihn für unsern Sieg zu loben und zu preisen, und empfanget, Ihr treuen Krieger alle, den nie erlöschenden Dank Eures Königs, der mit seinem ganzen Hause und Euch den Herrn, um Jesu Christi willen, anflehet, unserer Sache, welche die seinige, weil sie die Sache der Gerechtigkeit, seinen Segen zu verleihen.
Georg V. Rex.

Das blutige Drama war somit ausgespielt. Daß der König es über sich gewinnen konnte, seiner nutzlosen Verschwendung von Menschenleben auch dieses Schriftstück hinzuzufügen, setzt dem Ganzen die Krone auf. Es ist ein wahrhaft anwidernder Gedanke, daß eine gewisse Art von frömmelnder Religiosität und orthodoxer Hochkirchlichkeit selbst in solchen Momenten noch den unangenehm berührenden Muth besitzen kann ihre salbungsreichen Worte abzusingen und ohne Bedenken das Einverständniß Gottes und des Heilandes mit Thaten und Unternehmungen irdischer Selbstsucht und erbarmungsloser Ueberhebung vorauszusetzen, die vernünftige Einsicht, Humanität und unbefangenes Menschengefühl mit einer Regung des Schauders immer und unbedingt verdammen werden. Gott und der Heiland haben nichts mit dieser verwerflichen und nutzlosen Menschenschlächterei zu thun, und es ist geradezu eine Blasphemie den Segen des Himmels auf eine Blutthat – das furchtbare Resultat einer fürstlichen Laune – herabflehen zu wollen.

Der so überaus tapfern und schlagfertigen preußischen Armee gegenüber, die sich auch hier wieder mit seltener Aufopferung geschlagen, ist es Schuldigkeit des Geschichtsschreibers auch der Leistungen des Feindes nicht zu vergessen.

Allerdings waren die hannover’schen Truppen noch nicht feldtüchtig, als sie aus ihren Garnisonen vertrieben wurden. Die rasche Energie, womit Preußen in diesem Kriege überall vorgegangen ist, hatte die Fäden der hannover’schen Politik durchschnitten, ehe sie noch fertig gesponnen waren. War doch der Krieg wie ein Blitz aus heiterm Himmel über Hannover hereingebrochen! Aber die Militärbehörden arbeiteten mit Energie. Die Beurlaubten, schleunigst einberufen, schlichen sich zu Hunderten mitten durch die Feinde hindurch zu ihren Regimentern. Und während der dreitägigen Rast, die ihnen in Göttingen vergönnt gewesen, hatten sich die Truppen rasch geordnet und. mit fast übermenschlicher Anstrengung in dieser unglaublich kurzen Zeit das Möglichste geleistet, um ihre Ausrüstung zu vervollständigen und mit Ehren ihren Kriegszug antreten zu können. Das Officier-Corps wurde neu organisirt und durch viele, kaum dem Knabenalter entwachsene Cadetten ergänzt, denen keine Zeit übrig blieb, ihre Cadettenuniform abzulegen. Viele der noch in letzter Stunde beigezogenen Reservisten konnten erst während des Marsches eingekleidet werden, während andere in ihrer bürgerlichen Tracht, anfangs sogar unbewaffnet, dem Heere nachzogen. Zahlreiche Pferde wurden herbeigeschafft, um, wenn auch nur mit Leinengeschirr, vor den langen Zug der Munitions-, Proviant- und Bagagewagen gespannt zu werden. Wurden doch mehrere Geschütze sogar von den kostbaren Pferden des königlichen Marstalls gezogen und hatte man doch sogar einen vollständigen Pontontrain mitgenommen, zu dessen Transport sechsundzwanzig Wagen erforderlich waren! Er ist, ohne auch nur einmal benutzt worden zu sein, in die Hände der Preußen gefallen.

Vornehmlich aber war es der endlose Hoftroß, der sich wie ein Bleigewicht an den Marsch der Truppen hängte, obgleich es darauf ankam, mit Siebenmeilenstiefeln das feindliche Land zu durcheilen. Da paradirten, wie bereits alle Zeitungen erzählten, die königlichen Galawagen, mit zahlreichem Hofstaat besetzt, wobei auch der Hofprediger nicht fehlte, welcher tägliche Betstunden hielt und wie bereits erzählt, dem König das Abendmahl reichte. Ihnen folgte eine vielgeschäftige Dienerschaft mit vollständiger Kanzlei. Nicht minder war für die königliche Küche und für den königlichen Keller gesorgt. Auch die Silberkammer wurde nachgeführt, damit dem königlichen Herrn auf seiner Flucht nichts abgehe. Er selbst, der König Georg, fuhr gewöhnlich in einem verschlossenen Wagen, ihm zur Seite der einundzwanzigjährige Kronprinz in Husarenuniform. Zuweilen aber saß er auch zu Pferde, das von seinen Adjutanten kaum bemerkbar, geleitet wurde. Wer es nicht wußte, dachte nicht daran, daß der König des Augenlichtes beraubt sei. Ernst, aber leutselig, neigte er sich dem Volke zu, das ihn ehrerbietig grüßte. Viele wollen gesehen haben, daß die Adjutanten, die ihm stets zur Seite ritten, durch eine feine Schnur, die an seinen Armen befestigt war, bald rechts, bald links ein Zeichen gaben, wann und wohin er grüßen sollte. Als am Morgen nach der Schlacht mehrere Deputationen der Langensalzaer Bürgerschaft (auch von Seiten der Freimaurerloge) um wiederholte Audienzen nachsuchten, um den König zu beschwören, dem Blutvergießen Einhalt zu thun, nahm er sie bereitwillig an und horchte ihren Vorstellungen mit emporgerichtetem Haupte und mit nachdenklicher Miene. Ohne jedoch einen definitiven Bescheid zu ertheilen, berief er sich auf Gott und auf sein gutes Recht, und entließ die Bittsteller mit dem heftigen Worte: „Für alles Unglück, welches über Deutschland und auch über Ihre Stadt hereingebrochen ist, mögen Sie diejenigen verantwortlich machen, die es heraufbeschworen.“

Bald ward die übermäßige Ausrüstung den Truppen lästig. Tag und Nacht unter freiem Himmel campirend, in glühender Hitze zu forcirten Märschen gezwungen, so daß sie an manchem Tage (z. B. von Nörten bis Heiligenstadt) sechszehn Wegstunden zurücklegten, häufig ohne Wasser und Proviant, oder doch nur mit kalter Küche versorgt, die sie in den Ortschaften, welche sie durcheilten, mühsam erpressen mußten, um nur den Hunger zu stillen, konnten sich die kräftigen Leute, trotz aller heldenmüthigen Ausdauer, womit sie dem Rufe ihres Kriegsherrn folgten, oft kaum noch fortschleppen. Nun hatte man zwar schon vor dem Abzuge aus Göttingen, weil es an hinreichenden Zugkräften fehlte, einen nicht unerheblichen Vorrath werthvoller Munition in die Leine geworfen; je weiter sich aber der schwerfällige Zug bewegte, um so lästiger ward das wuchtige Gepäck, so daß viele Officiere den Befehl gaben, Alles, was nicht unumgänglich nöthig sei, stracks von sich zu werfen. Gesagt, gethan. Ueberflüssige Montirungsstücke, die zum Theil noch nicht getragen waren, flogen links und rechts und wurden von den Bewohnern der Umgegend als willkommene Beute gesammelt. In Langensalza füllte man, bevor noch die Schlacht daselbst gewüthet hatte, mehrere Wagen mit solch weggeworfenen und zurückgelassenen Utensilien aller Art.

Fürwahr, wenn man bedenkt, welche Vorräthe an kostbaren! Kriegsmaterial von den in Hannover einrückenden Preußen mit Beschlag belegt, und welche Vorräthe durch die spätere Capitulation (am 28. Juni) erbeutet worden sind – man hat in Langensalza eintausendvierhundert Pferde gebraucht, um sie auf endlosen Wagenzügen fortzuschaffen – so erstaunt man, ohne die Schatze in Anschlag zu bringen, die geradezu verschleudert und in den Koth getreten, oder von den zahllos herumschwärmenden Marodeurs in Sicherheit gebracht worden sind, über den Reichthum des hannoverschen Landes und über die fast verschwenderische Ausstattung seiner Armee, und kann sich eines wehmüthigen Gefühls nicht erwehren, daß dieses in der That herrliche Kriegsheer seine Rolle auf eine so klägliche Weise vorläufig ausgespielt hat.

Und welche Leute waren das! Trotz aller Strapazen und Entbehrungen so rüstig und so kräftig, daß man seine Freude an [459] ihnen sah! Wenn sich freilich der unheimliche Zug im glühenden Sonnenbrand durch die Fluren wälzte, oder wenn die vom langen Marsche, von Hunger und Durst erschöpften Soldaten todesmatt zu Boden sanken, sobald zur kurzen Rast commandirt wurde; wenn Viele es nicht verbergen konnten, daß sie einer faulen, verzweiflungsvollen Sache dienten, und es mit bittern Worten, wohl gar mit unverhohlener Scham, geradezu aussprachen, daß in diesem Kampfe keine Lorbeeren zu ernten seien, gleichviel ob man siege oder unterliege: dann flog wohl ein dunkler Schatten über das seltsame Bild, und der hin und her gehetzte Kriegszug, welcher das friedliche Thüringen urplötzlich in ein geräuschvolles Heerlager verwandelte, schien zu einem phantastischen Leichenzug zu werden, der in manches Auge eine Thräne lockte, zumal in jener mondhellen Mitternachtsstunde, als die Hannoveraner durch Langensalza gen Eisenach zogen und die Garde-Husaren, während die Regiments-Musik schwieg, den feierlichen Choral anstimmten: „Eine feste Burg ist unser Gott, eine gute Wehr und Waffe.“

Kaum hatten jedoch die wackern Truppen ein sicheres Quartier erreicht, so lebten sie bald wieder auf. Flugs säuberten sie sich von dem Staube, der sie mit einer schmutzigen Kruste überzogen hatte. Die Officiere lechzten gewöhnlich nach einem kalten Bade. Auch die sonstige Mannschaft verschmähte eine solche Erquickung nicht. Wir sahen, wie sich, in Ermangelung einer Badewanne, die anstelligen Köpfe zu helfen wußten. Kaum war der Abend hereingebrochen, als Einer nach dem Andern sich entkleidete und mit sichtlichem Wohlbehagen unter die Röhre eines Pumpbrunnens trat, um sich, während der Camerad als Badediener fungirte, von einem lustigen Sturzbade überströmen zu lassen. Und mit welch gottgesegnetem Appetite vertilgten sie die Mahlzeit, zumal die warme, die ihnen geboten ward; wie ward ihrem müden Haupte der harte Stein, der Tornister oder Sattel zum weichen Polster, auf dem sie alsbald entschliefen, wenn die müden Füße rasten durften! Galt es jedoch dem Dienste, so mußten alle leiblichen Bedürfnisse zurücktreten. Am 26. Juni, also Tags vor der Schlacht, traf die vierte Brigade der hannoverschen Armee unter General von Bothmer in Gräfentonna, einem gothaischen Marktflecken bei Langensalza, ein. Es war gegen Mittag, als die Mannschaft, die Tag und Nacht keine Ruhe gehabt, endlich ein Mal unter einem menschlichen Obdache sich zu pflegen hoffte. Aber siehe, da sie sich zu Tische setzen wollte und mit lüsternen Augen die dampfenden Schüsseln sah, – hatten doch Viele seit ihrem Abzuge aus der Heimath keine warme Mahlzeit genossen und die Kleider nicht vom Leibe gebracht! – da ertönte das Alarm-Signal und rief sie alsbald wieder unter die Waffen. Der Feind sollte im Anzuge sein. Mit bewundernswerther Resignation sprangen sie von den gedeckten Tafeln empor und eilten zu ihren Fahnen. Alle Ausgänge des Ortes wurden mit gezogenen Gußstahl-Kanonen bepflanzt, die Hannover jüngst erst aus den preußischen Werkstätten bezogen hatte, die Straßen verbarrikadirt, Bäume niedergeschlagen, Mauern und Häuser mit Schießscharten durchbrochen, und das alte Schloß des Grafen von Gleichen, das seit Jahr und Tag zu einem Zuchthaus umgewandelt war, castellartig besetzt, und dies Alles mit einer so rapiden Energie, als ob die Leute soeben aus ihren Garnisonen zu einem Manöver ausgerückt seien. So standen und lagen sie bis gegen Abend auf ihren Posten, den Feind erwartend. Als dieser aber nicht kam, ließ der Commandeur die Regimentsmusik aufspielen, und die Bewohner des Ortes, denen es zu Muthe war, als ob diese Töne den entsetzlichen Alp, der auf ihrer Brust gelegen, plötzlich verscheuche, trugen von allen Seiten Erfrischungen herbei. Da veränderte sich die tragische Scene wie mit einem Zauberschlage zu Wallenstein’s Lager: „Heisa, Juchheisa! Dudeldumdei!“ Die Soldaten sangen und tanzten auf den offenen Plätzen, bald sich gegenseitig umschlingend, bald die friedlichen Bewohner umfassend, die mit vollen Gläsern in ihrer Mitte verkehrten; Andere trieben Spiel und allerlei Kurzweil. Endlich wagten sich auch die Frauen und Mädchen des Ortes hinzu, das bunte, lustige Treiben zu sehen. Und sie durften es getrost. Keine unanständige Bewegung, kein rohes Wort, kein frecher Blick scheuchte sie von hinnen. Da krochen allmählich auch die Furchtsamsten aus ihren Verstecken hervor befreundeten sich mit den vermeintlichen Kannibalen und tranken mit ihren politischen Widersachern auf das Wohl des deutschen Vaterlandes.

„Wahrheit gegen Freund und Feind!“ Die öffentlichen Blätter, auf lawinenartig sich fortwälzende Gerüchte gestützt, haben den Hannoveranern viel Uebles nachgeredet. Es mag sein, daß sie bei der unsichern Hast ihres Zuges, und bei dem empfindlichen Mangel ausreichenden Proviantes und unentbehrlicher Transportmittel, da und dort bei ihren Requisitionen mit militärischer Rücksichtslosigkeit verfuhren und manchem Ort und mancher Flur empfindliche Nachtheile zugefügt haben. Das ist jedoch allüberall die unvermeidliche Begleitung des Krieges, der nun einmal nicht mit lackirten Saffianschuhen, sondern mit ehernem Fuße durch die Länder schreitet. Wir sind absichtlich vielen harten Klagen nachgegangen, welche den Hannoveranern wie krächzende Unglücksraben vorausflogen. Und wenn man sie bis zu ihren Quellen verfolgte, so wurde entweder aus dem Berge eine Maus, oder es bestätigte sich das alte Sprüchwort: „Wie es in den Wald hineinschallt, so schallt es wieder heraus“. Wo man vor den hannoverschen Truppen die Thüren verschloß, da schlugen sie freilich diese Thüren ein; wo man nicht willig gab, was sie nun einmal nicht entbehren konnten, da haben sie es ohne langen Proceß genommen; wo sich Menschen und Thiere vor dem anrückenden „Feinde“ geflüchtet hatten, da mußten sie sich selbst zu helfen suchen, wie es eben gehen wollte. Aber das Privateigenthum haben sie überall mit der strengsten Gewissenhaftigkeit respectirt, so daß sie eines Theils lachten, andern Theils aber auch böse wurden, wenn sie mit Blechlöffeln sich begnügen mußten, weil man in übertriebener Angst die silbernen versteckt hatte, auch die Saatfelder haben sie möglichst geschont, und ihre Bedürfnisse entweder baar, oder doch mit Anweisungen bezahlt.

Waren sie doch reichlich mit Geld versehen. Sobald die Officiere ihr Quartier betraten, entledigten sie sich gewöhnlich zuerst ihrer schweren Börsen und der langen Rollen, die mit neugeprägten Thalerstücken gefüllt waren. Und mit denselben geizten sie nicht. Wenn der Wirth keine Bezahlung annahm, so gaben sie reiche Trinkgelder in’s Haus. Selbst die Kinder, die sie zu ihren Quartieren führten, entließen sie selten ohne eine Gabe. Hier und da haben sie sogar, um sich irgendwie dankbar zu erweisen, die Armencassen bedacht und mit milden Händen Spenden ausgetheilt.

Mit einer überaus wohlthuenden Artigkeit und Bescheidenheit, welche nicht blos die Officiere, sondern die ganze Mannschaft charakterisirte, und mit einer Freundlichkeit, die für jede Belästigung tausend Mal um Entschuldigung bat und jeden Dienst mit einem warmen Händedruck vergalt, ging die strengste Mannszucht Hand in Hand. So weit unsere Erfahrungen reichen, nirgends ein Exceß, nirgends eine Klage. Als bei einem Barrikadenbau ein ermatteter Soldat aus einem Hause Breter holte, reichte ihm der Hausherr freiwillig ein Butterbrod und ein Glas Bier. Während er die willkommene Gabe verzehrte trat ein Officier zur Thür herein und fragte alsbald den Soldaten mit aufgeregter Stimme: „Was haben Sie hier zu thun?“ – „Ich habe Breter geholt,“ war die stotternde Antwort. Der Officier aber, der das Butterbrod in der Hand des Soldaten sah, zürnte ihm entgegen: „Wissen Sie nicht, daß Sie nicht das Geringste fordern dürfen?“ und führte ihn, selbst in diesem kritischen Momente, zur Strafe ab, ohne daß sich der Schuldlose auch nur mit einer Sylbe verantwortete. Der Hausherr klärte jedoch alsbald das Mißverständniß auf, daß es sich nicht um „Butter“, sondern um „Breter“ handle und daß dem Soldaten die leibliche Erquickung freiwillig gereicht worden sei. Natürlich ging er straffrei aus.

Solche kleine Züge kennzeichnen die Disciplin eines wohlgeschulten Heeres und sind für die hannoversche Armee um so ehrenvoller, je desolater sie aus ihrer Heimath ausgerückt war und je leichter ihre bisherigen Kreuz- und Querzüge die Bande der Zucht und Ordnung lockern konnten. Darum hatte man sich auch bald mit den vermeintlichen Feinden versöhnt. In Mühlhausen, in Langensalza und später in Gotha, sowie in vielen umliegenden Ortschaften, sind sie auf das Freundlichste bewirthet worden. Sie haben es dankbar anerkannt und selbst in öffentlichen Erlassen gerühmt.

In Illeben, einem Dorfe bei Langensalza, verbrachte ein Theil der ersten Brigade unter General von Knesebeck die traurigen Tage, in welchen die Capitulation abgeschlossen wurde. Als sie abziehen wollten, sagte der General zu den Ortsbewohnern, die sich noch einmal um ihre liebgewordenen Gäste versammelt hatten: „Habt tausend Dank für die gute Aufnahme, die wir in Euerm Dorfe gefunden. Eure Freundlichkeit hat uns den schmerzlichsten Tag unseres Lebens versüßt.“ Da wurden die Bauern so ergriffen, daß sie kaum der Thränen sich erwehren konnten, und drückten den [460] Soldaten, die ohne Waffen und Tornister, selbst ohne Mantel und Käppi zum Abmarsch bereit standen, noch einmal die Hände. Endlich erhob der Schultheiß seine Stimme: „Nein, ihr guten Leute, ihr sollt nicht mit dem Stocke in der Hand nach Gotha gehen.“ Und zu den Nachbarn gewendet: „Wer will anspannen und freiwillig die Hannoveraner fahren?“ Und alle Bauern, die über Wagen und Pferde zu gebieten hatten, eilten spornstreichs nach Hause und bald darauf fuhren die Hannoveraner auf mehr als vierzig Wagen wie im Triumphe der Eisenbahn zu.

Als die ersten hannoverschen Husaren nach der siegreichen Schlacht bei Langensalza, mit Staub und Blut bedeckt, in ein benachbartes Dorf sprengten, rief einer derselben den entsetzten Ortsbewohnern, die erschrocken aus einander stoben, mit bewegter Stimme zu: „Bleibt doch, ihr lieben Leute! Wir haben heute eine traurige Pflicht erfüllt. Nehmt es uns nicht übel, wenn wir eure Felder zerstampft, eure Söhne getödtet oder verstümmelt haben. Wir thaten es mit schweren Herzen und rühmen uns des Sieges nicht, denn es war Bruderblut, das hüben und drüben floß. Möge es büßen, wer dieses Blutbad angerichtet hat!“[2]




  1. Obige Schilderung kömmt aus der Feder eines Langensalzers, der als Augenzeuge die furchtbaren Tage mit durchgelebt hat. Unseren Lesern wollen wir außerdem noch mittheilen, daß der Specialartist der Gartenlaube die in den nächsten Nummern erscheinenden Illustrationen auf dem Schlachtfeld selbst aufgenommen und wir also für die Richtigkeit derselben einstehen können. Gleichzeitig verweisen wir auf das heute erscheinende Beiblatt der Gartenlaube, die Deutschen Blätter (Nr. 29), welches gleichsam als Prolog zu obiger Schlachtschilderung die dem Kampfe vorausgegangenen Ereignisse und Verhandlungen in Gotha in lebendiger Weise vorführt.
    D. Red.
  2. Der Verfasser dieser Skizze beabsichtigt eine ausführliche Darstellung der Schlacht bei Langensalza demnächst zu veröffentlichen, welche unter dem Titel: „Die Hannoveraner in Thüringen und die Schlacht bei Langensalza“ bei J. W. Klinghammer in Langensalza erscheinen wird.
    D. Red.