Eine kurze Erinnerung an das erste Wetterleuchten des Kriegs in Leipzig

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Titel: Eine kurze Erinnerung an das erste Wetterleuchten des Kriegs in Leipzig
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aus: Die Gartenlaube, Heft 28, S. 444, 446–447
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1866
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Die ersten Preußen in Leipzig am 17. Juni. 1866
Scenen und Bilder aus dem Feld- und Lagerleben Nr. 3
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Die Gartenlaube (1866) b 444.jpg

Die ersten Preußen in Leipzig am 17. Juni.

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Scenen und Bilder aus dem Feld- und Lagerleben.
3. Eine kurze Erinnerung an das erste Wetterleuchten des Kriegs in Leipzig.


„Die Preußen kommen!“ – Wollen wir uns gestehen, mit welchem Gefühl die Mehrzahl der Bewohner Leipzigs diese Kunde vernahm? Furcht war es nicht; wenn auch auf jedem vaterlandsliebenden Herzen der Druck der Sorge vor einem Bürgerkrieg lastete, und wenn man die Befürchtungen nicht verschwieg über die Nachtheile, welche selbst bei einem auf Böhmen und Schlesien begrenzten Kampfgebiet aus einem solchen Kriege für Capital und Arbeit erwachsen würden, – so konnte sich doch Niemand die Preußen als Feinde denken. Seit der Völkerschlacht hatte keine preußische Armee Leipzig wieder betreten, und was sie damals der Stadt war? Vor dem Gerberthor stecken noch heute die preußischen Kanonenkugeln, die gegen die Stadt gezielt waren, in den Häuserwänden, während vor dem Grimmaischen Thor dem ersten preußischen Erstürmer der Stadt von dieser selbst eine Ehrensäule errichtet ist. Und in wie engen Beziehungen steht der wichtigste Handels- und Meßplatz des deutschen Binnenlandes mit dem nächsten Nachbar; fast kein Geschäft, keine Fabrik, kein Comptoir, in welchem nicht preußische Hände thätig, in weitem Umkreis fast keine größere Ortschaft, die nicht für Leipziger Häuser arbeitet, ein ewiges In- und Miteinandergehen von Fleiß und Lohn. Und all diese treuen Arbeitsgenossen sollen im Werktagskittel uns die Hände zum Abschied reichen, um im blauen Waffenrock als unsere Feinde zurückzukehren? Man muß nichts Unmögliches vom Volksgefühl verlangen. Durchgreifend war bei allem Volke nichts herauszufühlen, als neben den Befürchtungen des Geschäftsmanns und den Besorgnissen des Patrioten die nach so langem Frieden und endlosem Parteigezänke sehr natürliche Neugierde, einmal zu sehen, wie es ist, wenn es einmal anders ist, als bisher. Greife Jeder in seine Brust, und kein Ehrlicher wird von dieser Neugierde sein Theil verleugnen.

Sobald das Resultat der Bundestags-Abstimmung vom 14. Juni bekannt war, stand die Ueberzeugung fest: „Nun kommen die Preußen.“ Der Morgen des Funfzehnten fand die Straßen, besonders der Innerstadt, voll ungewöhnlich gedrängter Bewegung. Wer Leipzig außer der Meßzeit kennt, weiß, daß für die Bevölkerungsdichtigkeit dieser Stadt ihr Straßenleben während der allgemeinen Geschäfts- und Arbeitszeit ein verhältnißmäßig geringes ist, trotz der siebzehn- bis zwanzigtausend Menschen, welche jeden Morgen von den nächstliegenden sogenannten Vorstadt-Dörfern zu allen Thoren herein die Bevölkerung der Stadt noch vermehren. Von diesen Tausenden betreten von da an nur Wenige, und diese nur in eiligem Geschäftsschritt, die Straßen. Es wird rastlos in dieser Stadt gearbeitet, sie gehört zu den fleißigsten Deutschlands, ja vielleicht der Welt. An diesem Freitagmorgen kannte man sie jedoch kaum wieder, sie hatte ihre Straßenbevölkerung erhalten und leider nur allzu zahlreich durch die theilweise Schließung oder wenigstens Arbeitseinschränkung vieler Fabriken und Geschäfte. Blieb trotzdem die öffentliche Ordnung unverletzt, so war doch die volle Schwüle vor einem Unwetter über die ganze Stadt hereingebrochen.

Das Gerücht und der Telegraph arbeiteten an diesem Tage wahrhaft in’s Große. Das erste Gerücht ließ die Preußen in Dahlen einrücken, das zweite ihre Heerzüge vom Nicolai-Kirchthurm aus von Eilenburg heranziehen sehen, das dritte die Brücken bei Riesa und Meißen gesprengt, das vierte die Preußen in Zittau und Bautzen eingedrungen sein, das fünfte meldete das Herannahen der Baiern und prophezeite bereits ein Zusammentreffen derselben mit den Preußen bei Leipzig, das sechste beruhigte mit der Besetzung des Altenburger Bahnhofs durch die Preußen von Zeitz her, das siebente sagte sogar die Einquartierung der Preußen für die kommende Nacht an. Tag und Nacht war indeß vergangen, aber die Preußen waren nicht gekommen.

Der Sechszehnte, ein ohnedies durch den großen Wochenmarkt stark belebter Tag, führte aus dem dumpfen Gefühl heraus in die bittere Wirklichkeit – durch die erste Verkehrshemmung. Die Leipzig-Dresdner Eisenbahn war nur bis Riesa offen; die alten gelben Postkutschen kamen wieder aus den Remisen, um die alte Landstraße zu befahren. Von den Gerüchten des vorigen Tags bestätigten sich einige, andere kamen hinzu. Den härtesten Schlag versetzte jedoch dem großen Verkehr die Erklärung der Postbehörde, daß sie für Werthsendungen keine Garantie mehr leisten könne. Wer bedenkt, daß, außer dem ungeheuren Waarentransport, täglich in Leipzig über fünfzehnhundert Geldsendungen ankommen und noch weit mehr abgehen, der erkennt, daß diese plötzliche Unsicherheit des wichtigsten Verkehrsmittels ein Stoß war, der fast in jedem Haus verspürt wurde. Dazu die telegraphische Botschaft von dem Bundesbeschluß in Frankfurt a. M., durch welchen Oesterreich und Baiern Sachsen ihre Bundeshülfe zusicherten, und das Gerücht, daß die Preußen bis Wurzen vorgerückt seien. Das Gerücht ließ Preußen schon in Grimma gesehen sein, aber in Leipzig hatten auch diesen Tag die Neugierigen vergeblich an allen Thoren gestanden.

Als am Siebzehnten die Leute in der Dresdner Vorstadt und dem daranstoßenden Dorfe Reudnitz (nebenbei bemerkt das größte Dorf Sachsens und eins der größten Deutschlands, denn es zählt über achttausend Einwohner) in den Sonntagmorgen hinaussahen, hatten die Meisten das lange erwartete Ereigniß verschlafen: die ersten Preußen waren in aller Frühe dagewesen, eine Dragoner-Patrouille, die auf der Dresdner Chaussee dahergesprengt kam, Erkundigungen einzog, ob und welches Militär in der Stadt liege, und in sausendem Galopp verschwand, wie sie gekommen war.

Die Kunde von diesem Morgenbesuch lief rasch durch die Stadt; es war nun ausgemacht, daß heute die Preußen kommen mußten. Auf allen Straßen hastige Bewegung, Fragende und Berichtende; an allen Straßenecken größere Gruppen vor den Proclamationen und Extrablättern der Zeitungen und der fliegende Zeitungshandel in vollem Flor; der Hauptzug der Volksbewegung drängte natürlich die Dresdner Straße und Chaussee entlang. Aber der Vormittag, der Mittag ging vorüber, und ebenso der Nachmittag, und der Abend kam, vergeblich hatten die gemüthlichen Familiengesellschaften, Mann und Weib, Kinder an der Hand, Kinder auf dem Arm, Kinder im Korbwagen, inmitten des freien, leichter beweglichen Volks des nach und nach, man möchte sagen, ersehnten Einzugs geharrt und wandten sich endlich unmuthig zur Heimkehr: – da führte die unbezähmbare Neugierde die Ueberraschung herbei, die nicht von selbst hatte kommen wollen.

„Um die Preußen zu sehen“, fuhren am Nachmittage nicht wenige Sonntags-Vergnügliche nach Wurzen. Dort fanden sie Bahnhof, Brücke und Stadt von den Preußen besetzt, sie selbst aber sollten zugleich einen Vorschmack kriegsmäßiger Behandlung empfinden. Alle, deren Reisezweck nur das Vergnügen war, wurden kurzweg von Wurzen zurückgewiesen, nur diejenigen, welche Geschäftsbesorgungen hatten oder vorgaben, bis zur Erledigung derselben von Soldaten begleitet und dann auf den Heimweg escortirt. Eine solche Escorte stillte auch den Leipzigern ihr Verlangen.

Es war zwischen acht und neun Uhr, als herankommendes und staubaufwirbelndes Reitertraben und Räderrasseln die Menschen auf der Chaussee durch Sellerhausen, Reudnitz und in der [447] Dresdner Straße Leipzigs in ihrem Gange festbannte, an dies Fenster trieb und alle Geschirre zur Seite scheuchte. Ein preußischer Dragoner mit hochgehaltener Pistole sprengte daher, hinter ihm jagte ein einspänniges Geschirr mit escortirten Sonntagsreisenden, zu beiden Seiten Dragoner mit gezogenem Säbel, ein Vierter hinterher, so ging’s wie Wetter in die Stadt hinein. Hinter diesen noch ein Reitertrüppchen, von denen immer je ein Mann an einzelnen Straßenecken mit der Pistole in der Faust Posto faßte. Das ging Alles blitzartig. Auch Contraste fehlten nicht. Einer der Reiter sprengt in wiegendem Galopp an einer Frauengruppe vorüber und grüßt sie mit der Hand am Helm auf’s Eleganteste, während vor meinen Augen ein anderer einem Vorübergehenden die Pistole vor die Brust hält und eine barsche Frage an ihn richtet. Der Mensch kam mir leichenblaß entgegen. Ich hatte von Weitem den Dragoner die Pistole erst laden sehen und konnte, zu ihm herangekommen, die Bemerkung nicht unterdrücken, daß er in dem friedlichen Leipzig keine Ursache finden werde, von seiner Waffe Gebrauch zu machen. „In Leipzig vielleicht nicht,“ erwiderte der Reiter, aber da im Dorfe vorher (es war Reudnitz) seien sie von halbwüchsigen Buben und trunkenen Männern beschimpft und sogar mit Steinen geworfen worden. Uebrigens sei die geladene Waffe Kriegsbrauch. – Im Moment galoppirten die ersten Reiter von der Stadt her zurück, die Einzelposten schlossen sich an, rascher, energischer Hufschlag, als ob in jedem Roß eine Soldatenseele stecke, und fort und vorüber ist das blitzende Kriegsbild. Es war wirklich wie ein Wetterleuchten.

Jetzt erst quollen aus der Innerstadt die Volksströme zum Grimmaischen Thore und nach Reudnitz hinaus, denn nun war’s sicher, daß die Preußen einziehen mußten. Fast bis Mitternacht wallten die Harrenden auf und ab und einzelne Familienglieder belagerten, wie Pikets der Neugierde, die Fenster. Es blieb ruhig.

Am kommenden Morgen, am 18., ging über Deutschland zum einundfünfzigsten Male die Sonne von Waterloo auf. Wer gedachte heute dieses weltgeschichtlichen Tags? Vor der Sorge des Augenblicks erblassen alle Sterne am Himmel unserer Vergangenheit. – Auf den Straßen dasselbe ruhe- und ziellose Treiben, Gerüchte, welche von blutigen Kämpfen der Sachsen, vom Brennen Löbaus, vom Nahen der Baiern erzählen, Gerüchte von Dresden und Oschatz und Meißen, welche Tage hierher brauchen, wo man durch die Telegraphendrähte und von fünf Bahnhöfen früher die Nachrichten aus den fernsten Theilen Europas in wenigen Stunden, aus allen Theilen Deutschlands in wenigen Minuten zu empfangen gewohnt war! Dieses plötzliche Abgesperrtsein von der Außenwelt machte den Zustand mehr und mehr zu einem unheimlichen, der die Sehnsucht nach einer Entscheidung, wie immer auch, erweckte. Dazu kam immer noch die Ungewißheit: wer wird Leipzig besetzen? Werden’s die Baiern noch sein? Werden ihnen die Preußen zuvorkommen? So verging auch der Achtzehnte und täuschte alle Erwartungen.

Und die Preußen kamen, aber wiederum ganz anders, als man sich ihren Einzug nun einmal ausgemalt hatte.

In der Morgendämmerung des Neunzehnten weckte mich Männergesang und langandauerndes Räderrasseln auf der Dresdener Chaussee aus dem Schlafe. Ich eilte zum Fenster – und ein fröhliches „Gutmorgen!“ scholl mir aus einem Dutzend Kehlen entgegen. Die gemüthlichste Leiterwagenpartie zog daher: je acht bis zehn Landwehrmänner auf einem Wagen, so hielt singend und grüßend die erste Compagnie des schlesischen Garde-Grenadier-Landwehr-Regiments ihren Einzug in die schlafende Stadt.

Vor dreiundfünfzig Jahren waren es auch Landwehrmänner, die Helden von Königsberg, welche dieselbe Straße zogen, um als die ersten Stürmenden unter dem Kugelregen der Franzosen in das von ihnen befreite Leipzig einzudringen. An dem Denkmal, das dieser Landwehr und ihrem Führer an der Stätte ihres Kampfs und ihrer Ehre gesetzt und vor drei Jahren geweiht wurde, als die Veteranen der Befreiungskriege das fünfzigjährige Jubiläum des Völkersiegs bei Leipzig in der Begeisterung der Herzens-Einheit und Einmüthigkeit der ganzen deutschen Nation feierten, zog an diesem Morgen die schlesische Landwehr vorüber. Konnten sie sich als Feinde in dieser Stadt fühlen? Vor drei Jahren standen noch zwölf der greisen Königsberger Landwehrmänner, der letzte Rest der Heldenschaar vom Jahre Dreizehn, vor diesem ihrem Ehrendenkmal, die Thränen höchster Seelenerhebung in den Furchen der Wangen. Konnte dieselbe Stadt heute Feinde erkennen in Landwehrmännern, denen dasselbe Kreuz, wie jenen, das Haupt schmückt?

Auch der stattliche Einzug, wie die Menge ihn erwartet hatte, in Reih und Glied und unter dem Trommelwirbel, fand für sie noch selbigen Tages Statt. Um elf Uhr marschirte das zweite Bataillon des vierten Garderegiments, eintausend Mann stark, von Torgau und Eilenburg her, wiederum durch die Dresdener Straße in der Stadt ein. Die seit dem Abzug der Sachsen verödeten Garnisonräume der Pleißenburg füllten sich nun wieder, die friedlichen Männer der städtischen Communalgarde wurden von allen, außer ihrem alten Rathhaus-Posten, abgelöst, und am Abend lustwandelten in den Promenaden und Straßen die blauen Preußen so gemüthlich, wie wenige Tage vorher noch die grünen Landeskinder.

Das ist das äußere Bild. Aber es giebt auch ein inneres, und zwar das von den Tausenden von Fäden, durch die der heutige Geschäftsbetrieb eine solche Stadt wie Leipzig mit der ganzen Welt verknüpft und verbunden hat und die durch das Sperren aller heutigen Verkehrswege plötzlich zerrissen werden. Man muß die Großartigkeit dieser Verknüpfung kennen. Der Jäger am Hudson und der Pelzhändler an der chinesischen Mauer spüren den Schlag einer plötzlichen Stockung in den Lebensadern Leipzigs so gut, wie die Arbeiter im Erzgebirg oder um Naumburg und Weißenfels. Es ist ein millionenräderiges Triebwerk, das unter den Hufschlag des Kriegsrosses gekommen, – und solch ein Bild dieser Zeit gehört auch mit auf die Wage, wo das Schicksal der Völker gewogen wird.