Die Stufenjahre des menschlichen Lebens

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Autor: Carl Ernst Bock
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Titel: Die Stufenjahre des menschlichen Lebens
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aus: Die Gartenlaube, Heft 14, S. 162–163
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Die Stufenjahre des menschlichen Lebens.

Allen organischen oder lebenden Körpern, zu denen man die Pflanzen, Thiere und Menschen rechnet, ist von Natur eine gewisse Dauer ihres Daseins, eine Lebensdauer gegeben. Während dieser Zeit unterliegt die Materie dieser Organismen fortwährend dem sogenannten Stoffwechsel (s. Gartenlaube Jahrg. I. Nr. 39. S. 423) und gleichzeitig durchläuft jeder Organismus[1] eine festgesetzte Reihe von bestimmten Veränderungen, die man Entwickelungsstufen, Lebensabschnitte, Lebensalter, Lebensepochen, Lebensphasen oder Bildungsperioden benannt hat. An jedem Organismus läßt sich nämlich deutlich wahrnehmen, wie er entsteht, wächst, zu einer bestimmten Stufe der Vollkommenheit (Reife) gelangt, auf dieser einige Zeit verweilt, sodann allmälig wieder an Vollkommenheit abnimmt und endlich zu Grunde geht (stirbt), nachdem er in der Zeit der Reife seinem eigenen Organismus ähnliche Organismen erzeugt (sich fortgepflanzt) hat. Denn eine Urzeugung (generatio aequevoca), d. h. eine Erschaffung von Organismen ohne durch mütterliche Organismen, blos durch Verbindung chemischer Substanzen mit einander, wie bei der Bildung unorganischer (lebloser) Körper, existirt nicht. Ohne Saamen entsteht keine Pflanze, ohne Ei kein Thier.

Im menschlichen Leben, welches gegen 70 bis 80 Jahre währt, zeigen sich nun zuvörderst drei Hauptabschnitte, nämlich der der Entwickelung, der Reife und der Abnahme. Ein jeder dieser Abschnitte läßt aber wieder mehrere Zeiträume mit besondern Erscheinungen erkennen. Jedoch lassen sich diese Lebensepochen nicht nach bestimmten Jahren eintheilen, da die einzelnen Epochen, wie auch schon aus der allmäligen Ausbildung des Körpers hervorgeht, nicht schroff von einander gesondert sind, sondern nur ganz allmälige Uebergänge aus einer Epoche in die andere bilden; da ferner der Gang der körperlichen und geistigen Entwickelung sich bei dem Menschen weder streng an die Zahl der durchlebten Jahre bindet, noch auch bei allen Menschen auf der Erde gleich bleibt, sondern sich nach Klima, Lebensweise, Erziehung, Geschlecht, Temperament, Constitution, Abstammung, überstandenen Krankheiten u. s. w. etwas ändert. – Der Mensch, nachdem er vor seiner Geburt das Frucht-, Ei- oder Fötalleben (von 9 Monaten oder 40 Wochen oder 280 Tagen Dauer) durchlebt hat, tritt mit dem Erblicken des Lichtes der Welt in das selbstständige Leben ein und zwar zunächst in den

I. Zeitraum der Unreife, welcher von der Geburt an bis zum Eintritt der Reife (bei uns zu Lande etwa bis zum 20. Lebensjahre beim weiblichen, bis zum 24. Jahre beim männlichen Geschlechte) dauert und die Kindheit und Jugend in sich schließt. Es charakterisirt sich dieser Zeitraum hauptsächlich durch das fortwährende Wachsthum des Körpers und das Entfalten seiner Form. Er läßt sich in die folgenden Epochen trennen.

1. Alter des Neugebornen, jüngstes Säuglingsalter, umfaßt die ersten 6 bis 8 Lebenstage und zeichnet sich durch die am kindlichen Körper noch vorhandenen Spuren des früher bestandenen engern Zusammenhanges mit dem mütterlichen Organismus aus. Das Geschäft des Neugeborenen ist nur: zu athmen, zu schlafen, Milch zu trinken und Urin sowie Stuhl zu entleeren. Er bedarf hierzu: warme reine Luft, passende Milch, gleichmäßige Wärme, warme Bäder und mechanischen Schutz.

2. Das (spätere) Säuglingsalter begreift die ersten 9 bis 12 Monate des Lebens in sich und reicht bis zum Entwöhnen des Kindes von der Mutterbrust. In dieser Lebensepoche erwachen allmälig die Sinne zur Thätigkeit und erst durch diese zieht dann nach und nach der Verstand in das Gehirn ein. Schon jetzt muß aber die Erziehung (durch Gewöhnung) beginnen. Uebrigens geht das Wachsthum des Körpers ziemlich schnell vor sich und es [163] beginnt im 7., 8. oder 9. Lebensmonate der Ausbruch der sogenannten Milchzähne.

3. Das eigentliche Kindesalter oder das Alter der Milchzähne fängt mit dem Ende des ersten Lebensjahres an und endet mit dem eintretenden Zahnwechsel um das 7. Jahr. Die Ausbildung des Körpers und Geistes schreitet in dieser Periode im Verhältniß zu den übrigen Lebensaltern sehr bedeutend vor; der Körper wächst besonders in die Länge, wogegen die Fülle und Rundung der Glieder, eine Folge der starken Fettablagerung im Säuglingsalter, sich immer mehr und mehr verliert. Gegen das Ende des 2. Jahres ist der Ausbruch der 40 Milchzähne in der Regel beendet. – Dieses Lebensalter läßt sich, zumal hinsichtlich der Erziehung, recht wohl in zwei Zeiträume, in das erste und zweite Kindesalter, trennen. Das erste Kindesalter umfaßt das 2., 3. und bei etwas zurückgebliebener Entwickelung des Körpers vielleicht auch noch das 4. Lebensjahr in sich. Das Kind lernt stehen, gehen, kauen, sprechen und entwickelt einen großen Nachahmungstrieb, der von den Eltern neben der Gewöhnung mit zur Erziehung benutzt werden muß. – Das zweite Kindesalter begreift das 4., 5. und 6. Lebensjahr in sich und könnte vielleicht auch das Kindergartenalter genannt werden, weil jetzt die Hauserziehung kaum noch ausreicht oder gewöhnlich zu einseitig wird, während das spielende Kind unter andern Kindern sich vielseitiger entwickelt. Im Kindergarten (Spielschule, Vorschule) soll das Kind in moralischer, geistiger und körperlicher Beziehung für die Schule vorbereitet werden.

4. Das Jugend- (Knaben- und Mädchen-) oder Schulalter umfaßt die Schuljahre und reicht sonach in unserm Clima etwa vom 7. bis zum 14. (beim Mädchen) oder 16. Jahre (beim Knaben). Es beginnt mit dem Zahnwechsel und endet mit dem Eintritt der Mannbarkeit (Pubertät), der aber nach Geschlecht, Clima, Nation, Erziehung u. s. w. sehr verschieden ist.

5. Das Jünglings- und Jungfrauenalter reicht von der beginnenden Entwickelung der Pubertät bis zur Beendigung des Wachsthums, in unserm Lande beim männlichen Geschlechte etwa vom 16. bis 20., beim weiblichen vom 14. bis 20. Jahre. Es ist diese Periode das Alter des Reifens, so daß die wirkliche Reife noch nicht während derselben, sondern erst an ihrem Ende erreicht wird.

II. Der Zeitraum der Reife (das Mannesalter, Mittelalter, das gereifte, männliche oder stehende Alter) giebt sich durch die vollständige Ausbildung des Organismus kund und nimmt seinen Anfang mit der Beendigung des Wachsthums und der Pubertätsentwickelung. Es reicht diese Lebensepoche vom 20. oder 24. Lebensjahre bis etwa zum 40. oder 45. bei der Frau, bis zum 50. oder 55. beim Manne; der Körper steht jetzt auf der Höhe seiner Ausbildung gleichsam eine Zeit lang still. – Man könnte diesen Zeitraum in ein erstes und zweites Mannesalter trennen.

1. Das erste Mannes- oder Frauenalter, vom 20. oder 24. Jahre bis gegen das 40. oder 45. Jahr zeichnet sich durch Schlankheit, Behendigkeit und Kräftigkeit, Geistesfrische und Willensfestigkeit aus.

2. Im zweiten Mannes- oder Frauenalter verliert der Körper an Schlankheit und gewinnt durch größere Fettablagerung an Umfang und Rundung (Embonpoint), womit sich gewöhnlich die Liebe zur Ruhe und Bequemlichkeit verbindet.

III. Im Zeitraum der Abnahme oder des Welkens schreitet der Organismus allmälig, bei Einigen rascher bei Andern langsamer, wieder an Vollkommenheit abwärts und nähert sich so dem Tode. Wegen des sehr allmäligen Ueberganges von der Kraft des Mannes zur Gebrechlichkeit des Greises läßt sich der Anfang dieser Lebensperiode nicht fest bestimmen, auch fällt derselbe bei verschiedenen Menschen, vorzüglich nach ihrer früheren Lebensweise, auf verschiedene Jahre. Gewöhnlich nimmt man an, daß der Eintritt dieses Zeitraumes bei Männern zwischen das 50. und 60., bei Frauen zwischen das 40. und 50. Lebensjahr falle. Man trennt jedoch diese Periode in ein früheres und ein höheres Greisenalter.

1. Das erste oder frühere Greisenalter beginnt in der Mitte der 40er (bei der Frau) oder 50er Jahre (beim Manne) und dauert bis gegen das 70. Jahr. Es giebt sich durch Grauwerden der Haare, Abnahme der Kräfte, Runzelung der Haut und Ausfallen der Zähne, sowie durch allmälig zunehmende Schwäche der Sinnes- und Geistesthätigkeiten zu erkennen.

2. Im höheren Greisenalter, welches hinter dem 70. Lebensjahre liegt, sinkt der Mensch zu einer fast nur vegetativen Existenz und in geistiger Beziehung zur Kindheit herab.

Jedes der angeführten Lebensalter hat seine bestimmten Eigenthümlichkeiten und diese beziehen sich ebensowohl auf den Bau wie auf die Thätigkeit der verschiedenen Organe, ferner auch auf die Art der Erkrankung und die nöthige diätetische Behandlungsweise. Wollen wir nun über diese Eigenthümlichkeiten später ausführlicher sprechen, so mußte eine kurze Uebersicht der verschiedenen Lebensepochen vorausgeschickt werden und dies sei hiermit geschehen.
B. 


  1. Organismen pflegt man diejenigen Naturerzeugnisse (wie Pflanzen, Thiere und Menschen) zu nennen, in welchen eine größere oder geringere Anzahl von Organen zu einem abgegränzten Ganzen) (Einzelwesen, Individuum) verbunden sind. Als Organe betrachtet man aber die aus sehr complicirt zusammengesetzten chemischen (organischen) Stoffe und aus Zellen gebildeten (organisirten) Theile, von denen ein jeder einen bestimmten, und zwar einem anderen Zwecke als der andere dient, alle aber in ihrer Thätigkeit von einander abhängend, zur Existenz des Ganzen vorhanden sind.