Die Thurmschwalbe

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Textdaten
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Autor: Levin Schücking
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Titel: Die Thurmschwalbe
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 27–38, S. 417–420, 433–436, 450–453, 465–468, 481–485, 497–500, 513–516, 529–532, 549–552, 569–572, 589–592, 622–624
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1870
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Kurzbeschreibung:
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[417]
Die Thurmschwalbe.
Von Levin Schücking.
I.

Es war ein feuchtwarmer, außerordentlich schöner Maiabend; alle Hecken standen grün, alle Obstbäume blühten; ihre Wipfel und Aeste trugen so viele Blüthen wie ein junges Menschenleben Hoffnungen – aus den wenigsten wird etwas, und so ist’s mit den Apfelbaumblüthen ja leider auch.

Das focht aber sicherlich nicht die „Thurmschwalbe“ an, das rosige junge Mädchen, das mit einem Strickstrumpf von respectabler Länge und Weite auf einer Terrasse unter dem Laubdach prachtvoller, eben grün gewordener Kastanien auf und ab ging und dabei ein Lied trällerte. Siebenzehn Jahre mochte sie haben, die „Thurmschwalbe“; dazu hatte sie ein reizendes feines Gesicht mit einem gebogenen Näschen, schelmischen dunklen Augen, über welche sich auffallend lange Wimpern senkten, wenn sie auf ihre Arbeit niederblickte, und üppiges, glänzend schwarzes Haar, das ein wenig nachlässig am Hinterhaupt zusammengeknotet war; die Gestalt war schlank und zierlich; sie hob sich im Gehen wie tänzelnd bei jedem Schritt auf den Zehen und dabei trällerte sie ein Lied, still für sich, nur zuweilen schmetterte sie mit ihrer hohen, noch ziemlich dünnen Stimme ein paar Noten laut heraus, wie eine Lerche, die etwas aus sich herausjubeln muß.

Ihre Kleidung war sehr einfach, gar nicht so vornehm wie ihr feines Gesicht; sie trug ein kurzes Kattunkleid, wie es Mode war im Anfang unseres Jahrhunderts, so kurz, daß es die mit kreuzweiß geschlungenen Bändern um die weißen Strümpfe befestigten Lederschuhe sehen ließ, und um die Brust ein auf dem Rücken zusammengebundenes Tuch, ein Fichu, wie man’s nennt.

Warum hieß sie die Thurmschwalbe? Es war leicht erklärt ... einmal weil sie in dem mächtigen alten Thurme wohnte, mit dem hohen verschnörkelten Giebeldach, das die Ecke des alten Schlosses bildete, auf dessen Terrasse sie eben auf und ab ging. In dem obern Stockwerk mit der schönen Aussicht, – man blickte da schon über die Wipfel der Kastanien fort in schöne freundliche Berglandschaft hinein – wohnte sie mit ihrer Mutter, der Frau Wehrangel, einer rüstigen und stattlichen Dame, die einst das ganze Schloßwesen unter sich gehabt hatte, und auch jetzt noch, wenn auch unter veränderten Umständen, darüber waltete; aber davon reden wir später; hier müssen wir nur sagen, daß nur die Leute im Dorfe drüben den Namen „die Thurmschwalbe“ erfunden hatten und gebrauchten, denn Anna war sie getauft und Annette nannte die Mutter sie.

Als das junge Mädchen, am Ende der Terrasse angekommen, sich wandte, nahm sie wahr, daß eine kleine Gesellschaft, aus drei Personen bestehend, auf dem Wege zwischen den Gartenhecken daherkomme, welcher von dieser Seite zum Schlosse führte. Der Hauptweg lag drüben; von dem großen Portal auf der Vorderseite des Schlosses führte er durch eine Ulmen-Allee zum Dorfe. Hier auf der Rückseite des Schlosses, wo die Terrasse an den breiten Wassergraben stieß, konnte man nur, wenn man in einem Nachen über den Graben setzte, auf dem näheren Wege zwischen hohen Hecken in’s Dorf kommen, zunächst zu dem Garten des Pfarrhofs, der nach dieser Seite hinaus lag. Unter den drei Herankommenden war der Herr Pfarrer, ein kräftig gebauter Mann, mit breiter, stark vortretender Stirn, breitem Kinn und wie zusammengedrückten Zügen, ein Gesicht, das viel öfter mürrisch, als freundlich aussah; die beiden anderen Personen, ein alter Mann und eine junge Dame, doch nicht mehr ganz jung, wie es schien, kannte Annette nicht.

Der Pfarrer rief und winkte dem jungen Mädchen; Annette lief rasch zu der vorspringenden Treppenrampe, die in’s Wasser hinausgebaut war und von der rechts und links Stufen in den Graben hinabgingen. Links am Fuße der Stufen lag ein Kahn, zu dem eilte Annette hinab, löste ihn von der Kette und ergriff die Ruder, um den Pfarrer und seine Begleiter herüberzuholen.

Während das junge Mädchen mit den Rudern hantirte und langsam über das stille Wasser herüberkam, stand die Gesellschaft jenseits des Grabens und betrachtete mit neugierigen Blicken das Schloß.

Das war nun freilich des Betrachtens werth. Es war nicht allein stattlich und groß, es war auch schön, im Renaissancestyl gebaut, mit allerlei Bildhauerarbeit um Fenster- und Thürumrahmungen. Nur der breite Thurm rechts war weit älter und aus Hausteinen schlicht aufgeführt; er war in den untern Stockwerken außer von einer schmalen Spitzbogenthür, die unter die Kastanien führte, nur von Schießscharten durchbrochen. Oben aber, über dem Gestock mit den großen, neugebrochenen Fenstern, hatte man ihm einen mächtigen verzierten Giebel aufgesetzt, wie einem Grenadier eine Blechmütze; am Giebelgesimse war dicht nebeneinander eine ganze Reihe Schwalbennester angeklebt; es war, als hätten sich die zierlichen Vögel da in die Hut und den Schutz der Schwester Thurmschwalbe, die darunter wohnte, begeben.

Annette Wehrangel hatte unterdeß von ihrem Kahne aus [418] unter den langen Wimpern her einige beobachtende Blicke auf die harrende Gruppe geworfen. Der fremde Herr sah recht mager, schmächtig und grämlich aus; er hatte auch ein Gesicht voll Runzeln, aber sonst ganz vornehm, fein und anziehend. Die Dame neben ihm war groß, von der Größe des Mannes schien sie zu sein; sie hatte auffallend schöne Züge, einen bräunlichen Teint ohne viel Farbe und dunkles Haar, über dem sie einen einfachen Strohhut mit violettem Bande trug; über einem violetten Kleide trug sie einen bis an’s Knie reichenden Ueberwurf von leichtem schwarzem Zeuge.

Als Annette gelandet war, reichte der Pfarrer ihr die Hand und sagte mit freundlichem Kopfnicken: „Wenn man die Annette braucht, ist sie sicher auch da; darauf hab’ ich gerechnet, als ich diese Herrschaften hier den Richtweg hierher führte, und sieh, da bist Du, uns überzusetzen, kleine Schwalbe.“

Die Fremden stiegen nun in den Kahn, Beide ohne von dem jungen Mädchen Notiz zu nehmen; der Pfarrer folgte ihnen und nahm Annetten die Ruder ab; er schien vortrefflich zu verstehen, wie man damit umgeht. Annette nahm das Steuer und nach einer Minute waren sie an der Terrassentreppe gelandet.

Als sie Alle oben angekommen waren, nur Annette noch im Kahn, um die Ketten zu befestigen, begannen die Fremden französisch miteinander zu reden. Der Pfarrer rief dem jungen Mädchen hinab: „Ist der Graf daheim?“

„Ich glaube nicht,“ sagte Annette, „er ist mit dem Förster in den Wald gegangen, und wird noch nicht zurückgekehrt sein.“

„Dann,“ sagte der Pfarrer, „mußt Du uns noch einen Gefallen thun und Deine Mutter zu uns herabrufen – willst Du?“

„Gewiß, Herr Pfarrer,“ versetzte Annette und eilte unter den Kastanien dahin, der kleinen Spitzbogenthür zu, die in ihren Thurm führte.

„Also das ist Schloß Maurach und jetzt Besitzthum des Grafen Ulrich von Maurach, der, wie Sie sagen, ein so wildes Leben geführt haben soll, Herr Pfarrer?“ sagte, als Annette verschwunden, der fremde Herr in deutscher Sprache, aber mit stark französischem Accent.

„Seit drei Monaten Besitzthum des Grafen Ulrich,“ versetzte der Pfarrer, „und ich denke, daß viel Muth und Anstrengung dazu gehörte, es ihm aus den Händen zu nehmen!“

Der fremde Herr sah seufzend zu dem hohen, unter dem Reflex der durch die Kastanienwipfel scheinenden Abendsonne grünlich aufleuchtenden Steinbau auf; die junge Dame sagte: „Dafür würde der Preis Muth und Anstrengung lohnen.“

„Allerdings,“ entgegnete der Pfarrer: „das Schloß ist groß und schön, es liegt in der freundlichsten Gegend, wie Sie sehen, und die Wälder und Kohlenzechen, welche dazu gehören, geben allein schon eine Rente, wie wenig Güter hier in der Gegend sie nur im Ganzen abwerfen! Wer unsere schönen Ackerfluren und fruchtbaren Wiesen und die guten Gartenländereien rings um die Dörfer erblickt und dabei denkt, dies sei eine recht begünstigte Gegend, der ahnt noch gar nicht, wo ihr Reichthum steckt – tief, tief unter dem Boden da liegen die mächtigen, unerschöpflichen Kohlenflötze, und da bergen sich noch Millionen über Millionen, welche einst unsere Enkelkinder heben werden, wenn sie je so klug werden, wie es heute die Engländer sind, die eine große Eisen-Industrie auf ihre Kohlen gegründet haben. Sie verhütten das Eisen nicht mit Holzkohlen, wie es hier zu Lande noch geschieht, sondern mit Steinkohlen. Wenn wir das auch einmal gelernt haben – denn Erze haben wir ebenfalls genug – dann werden wir Alle hier zu Leuten, die so gut wie einen Schatz von baarem Gelde im Keller liegen haben und ihn nur heraufzuholen brauchen. Und dazu ist denn freilich heute mehr Aussicht, als es früher war, unter der alten Regierung, bei der man in keinem Dinge weiter kam, und wo es den Herrschaften in Münster lieber war, wenn sich eine neue Wallfahrt aufthat, als eine neue Nahrungsquelle für das arme Volk. Bei der jetzigen Franzosen-Regierung, man mag wider sie sagen, was man will, ist das schon anders; sie weiß die Kräfte zu wecken, sie stürmt die Trägen auf, und es geht dabei vorwärts!“

Die junge Dame hatte, während der Pfarrer so sprach, zerstreut umhergeblickt; der alte Herr aber einen offenbar sehr erstaunten Blick auf den Pfarrer gerichtet … von einem Pfarrer mußte eine solche Sprache etwas haben, was ihn überraschte; vielleicht nicht sehr angenehm; doch schwieg er. Und da kam ja auch schon Frau Wehrangel unter den Bäumen daher geschritten. Es war eine Frau, die zwischen den Vierzig und Fünfzig stand; eine recht ansehnliche und selbstbewußt auftretende Dame mit einem schönen Gesicht, recht fein weiß und roth und blondem Teint; sie mußte in ihrer Jugend sehr schön gewesen sein … ihre Tochter, die Thurmschwalbe, glich ihr gar nicht.

Annette war mit ihr herabgekommen, aber sie blieb beobachtend zurück. Sie sah, wie der Pfarrer die Fremden ihrer Mutter vorstellte, und wie sie alle Vier dann sich auf die Steinbank niedersetzten, welche an der Balustrade über dem Graben entlang lief. Da geriethen sie sehr bald in ein lebhaftes halblaut geführtes Gespräch, so bewegt, so eifrig, als ob es sich darum handele, irgend ein Complot zu schmieden – Annette sah, daß man jedenfalls ihrer dabei nicht bedürfe und an sie nicht denke, und die Thurmschwalbe benutzte den Augenblick, um auf und davon in’s Weite zu flattern.




2.

Sie schlüpfte ungesehen um die Ecke des Thurmes, am Fuße des Schloßflügels her, der sich nach der andern Seite hin erstreckte, und betrat eine schmale Laufbrücke, welche hier über den Graben in den jenseits liegenden großen Gemüsegarten führte. Der Garten war mit einer hohen Mauer ringsum umgeben; aber für das junge Mädchen war die Mauer kein Hinderniß; trotz ihres Namens hatte sie zwar keine Flügel, um hinüberzukommen, dafür aber hatte die Mauer eine starke Bresche, vor der ein Schutthaufen lag … man brauchte nur hinaufzuklettern, in den Mauerbruch zu treten, jenseits einen kleinen Sprung zu wagen und man stand in einem Baumgarten, der sich bis an’s Dorf erstreckte. Unter den Obstbäumen grasten Kühe. Annette warf im Vorübereilen mit einem lachenden Scherz dem barfußen kleinen Hüter, der an ihrem Wege saß und in den Erdlöchern nach Grillen bohrte, eine Hand voll eben abgestreifter Blätter an den Kopf und dann eilte sie weiter; bald war sie schon auf demselben Wege, den der Pfarrer mit seinen Fremden benutzt hatte, und so kam sie an das weiße Gitterthürchen, das in den Garten der Pfarrei führte.

In dem Garten hörte sie zwei Männerstimmen in lebhaftem Gespräche; eine sanfte, helle junge Stimme und eine alte belegte, die wie ein abgespieltes Instrument etwas Heiseres, Abgenutztes hatte; als Annette in einen Laubgang trat, der an der Seite des Gartens langhin und breit bis zu dem alten, aber freundlichen von Weinreben umzogenen Pfarrhause lief, sah sie im Hintergrunde an einem weißangestrichenen Tische die beiden lautredenden Männer sitzen. Der Tracht nach waren Beide Geistliche – der ältere, mit dem gelben kleinen Kopfe und einem Mardergesichte, rauchte aus einer holländischen Thonpfeife und hatte einen Bierkrug vor sich stehen – der jüngere lehnte sich mit auf der Brust verschränkten Armen in seinem Gartenstuhl hintenüber, und schien lebhaft gegen etwas, was der Andere behauptete, anzukämpfen – ein offenes Buch lag vor ihm und die Sonne, die in einzelnen Strahlen durch das Grün der Laubwand brach, lag hell auf den Blättern, auf die der junge Mann zu deuten schien; der andere blies lächelnd in denselben verklärenden Sonnenschein seine blauen Rauchwolken, die sich darin in stillem Spiel ringelten und kräuselten, und indem er mit dem Finger darauf deutete, sagte er:

„Der Sonnenschein, das Licht liegt ebenso gut auf dem blauen Dunst da wie auf Eurer Bibelstelle, Confrater, seht nur hin … aber da kommt eben unsere Thurmschwalbe herangeschwebt – just der rechte Vogel, Euch die Mucken wegzufangen; guten Abend, Schwälbchen, wie geht’s Euch? Euer Freund, der Confrater da, hat den Kopf voll Mucken; schwärmt deshalb ein wenig um ihn herum, und ich wette, ehe viel Zeit vergeht, sind sie alle bis auf die letzte fortgefangen.“

Er lachte ein wenig cynisch, ein wenig spöttisch; dann trank er und sah die beiden jungen Leute über den Rand des Glases mit boshaft lächelnden Blicken an.

Der junge Geistliche war aufgesprungen, um Annette einen Gartenstuhl zu holen; dabei war er sehr roth geworden; es lag eine gewisse linkische Schüchternheit in seinem Wesen, als er Annette den Stuhl bot, aber dies machte die schlanke Gestalt im abgetragenen schwarzen Rock, mit den edeln, beinahe weiblich feinen [419] Zügen, der hohen schmalen Stirn und den leuchtenden blauen Augen nicht weniger anziehend und gewinnend.

Annette setzte sich und fast heftig antwortete sie dabei: „Wenn ein so großer garstiger Stoßvogel wie Ihr es nicht zu Stande bringt, ihm die Mucken abzufangen, was kann ich kleine Schwalbe dann? Aber ich glaube, Ihr seid es just, der mit seinen bösen Reden ihm die Grillen in den Kopf setzt. Seit sie Euch hierher geschickt haben, um hier unsere gottlose Gemeinde durch Euer Beispiel zu erbauen, ist er ganz melancholisch geworden, der arme Caplan – nicht wahr, Caplan, der böse Pastor da wäre im Stande, Einen mit seinen verwegenen Reden um alle Frömmigkeit und allen Glauben zu bringen – das heißt, wenn der Herr Pfarrer nicht da ist, denn wenn der zugegen ist, ist er hübsch still und thut, als ob er nicht so weit zählen könne wie der heilige Simplicius, der es bis zu fünf brachte.“

„Sie thun mir Unrecht, Demoiselle Schwalbe,“ fiel der Pastor ein, „ich gehe nie darauf aus, Jemand irgend einen Glauben zu nehmen – wäre auch bei Euch Beiden sehr unnütz, den Glauben an Euch würde man Euch doch nicht erschüttern können – ist’s nicht so?“

Er sah lachend von Einem auf den Andern.

„Ganz so ist’s,“ versetzte die Thurmschwalbe unbefangen und trotzig ihre Lippen aufwerfend. „Ich werde immer dem Caplan mehr glauben als dem, was Ihr sagt. Laßt nur einmal hören, was Ihr eben behauptet habt und was der Caplan – worüber strittet Ihr?“

„Der Caplan behauptet, die Religion sei für die Guten da, und ich, sie sei um der Schlechten willen da.“

Annette sah fragend den Caplan an, als ob sie erwarte, daß er seine Behauptung vertheidige.

„Die Menschenseelen sind Blumen,“ sagte der Caplan mit einer leisen, wie etwas beklommenen Stimme. „Die schlechten aber öffnen sich nie. Es ist nicht genug warmer Trieb in ihnen, oder es ist ein Wurm in sie gekommen, der die Herzblätter zernagt. So öffnen sie nie den Kelch. Nur die Guten öffnen den Kelch und blühen und aus ihnen empor zieht der Duft. Der Duft der Menschenseele ist die Religion. Nur die guten Menschen haben sie.“

Annette sah mit sinnigem Blick den jungen Geistlichen an, der unter diesem Blick wieder leicht erröthete. Der Pastor fiel ein: „Gut, daß der Herr Pfarrer nicht da ist; er würde in des Caplans Zimmer gehen und nachschauen, ob da nicht Jean Paul’s Romane versteckt seien. Der Duft der Menschenseele ist die Religion? Wenn, was Sie sagen, Confrater, wirklich eine Stelle aus Jean Paul sein sollte; so steht’s gewiß nicht so da, sondern statt Religion steht da Liebe! Habe ich Recht?“

„Ach, der Caplan ist selbst gescheidt genug,“ rief hier die Thurmschwalbe aus; „er braucht nicht nachzuschwätzen, was in protestantischen Büchern steht.“

„Und wenn er gescheidt ist, schwätzt er gewiß nicht nach, was in katholischen steht,“ antwortete sarkastisch der Pastor und schlug dann, als ob er eine Aeußerung, die ihm entschlüpft, damit überdecken oder für eine Ironie ausgeben wolle, eine helle Lache auf. „Ich bleibe aber dabei,“ fuhr er dann fort, „die Religion ist nur der Schlechten wegen da, denn Adam im Paradiese ist weder mit den zehn Geboten, noch mit Beichten und Fasten belästigt worden. Erst als er gesündigt hatte und hinausgeworfen wurde, fing das an, und so ist mit der Sünde der Tod und das Religionswesen in die Welt gekommen. Der gute Adam! Er war so glücklich! Er hatte keinen Arzt, keinen Richter und keinen Beichtvater nöthig; er war so unverschämt gesund, so dumm, brav und so einfältig. Er aß so vergnügt seine Aepfel. Da sollte es plötzlich eine Sünde sein, einen Apfel zu essen; das unschuldigste Ding auf der Welt sollte eine Sünde sein! Natürlich kehrte sich der brave dumme Mensch, der die Falle nicht ahnte, daran nicht; und nun hatte die Schlange gewonnenes Spiel. Nun hatte Adam eine Sünde begangen, und nun stand der Weizen aller Derer in Blüthe, die davon leben, daß gesündigt wird. Ja, ja, man hatte glücklich einen Sünder gemacht und – die Kunst ist seitdem nicht untergegangen – Ihr könnt mir’s glauben, Ihr argloses junges Volk, Ihr, das nicht weiß, wo Barthel den Most holt! Die Kunst ist nicht untergegangen. Der größte Künstler in dem Fach war der edle Hildebrandt. Der hat’s verstanden, Sünder zu machen, Sünder zahlreich wie Sand am Meere, Gräuel und Abscheulichkeiten, wie sie vor ihm die Welt nicht kannte! Er war ein großer Heiliger, Papst Gregor …“

„Ihr sprecht ärgerliche Dinge aus Eurem tiefen Unglauben heraus, Pastor,“ fiel ihm hier der Caplan in’s Wort.

„Ja, Ihr seid ein recht böser Mann, Ihr verspottet Alles,“ setzte die Thurmschwalbe hinzu. „Ihr glaubt nicht an Gott und, was just ebenso schlimm ist, auch nicht an die Menschen.“

Der Pastor sah sie lächelnd an; es machte ihm offenbar Vergnügen, mit seinen bösen Reden die jungen Leute zu reizen.

„Es ist wahr,“ sagte er, „ich habe zum Glauben nicht viel Talent, ich bekenne es ja und habe mich still und demüthig gefügt, als mir das hochwürdige Consistorium deshalb meine Pfarrei und Seelsorge genommen hat, um hier mit Würde meine Rolle als demeritirter Pastor zu spielen. Ich glaube nicht an Gott, nicht an die Menschen, sagt Ihr? Ich glaube nur nicht an den Teufel; und an Euch glaube ich, Demoiselle Annette, so lange Ihr so hübsch und jung seid, und an unsern Caplan hier, so lange er so lieblich erröthet und so still selig aussieht, wenn er Eure Flügel heranschwirren hört. So lange glaube ich an Euch, länger auch nicht, denn ich glaube an den Menschen, so lange er glücklich ist, an den unglücklichen nicht mehr!“

„Das ist unrecht,“ rief Annette rasch und lebhaft in der Verlegenheit, worin des Pastors häßliche Scherze sie versetzten, aus, „erst wenn der Mensch unglücklich ist, wird er recht gut, dann erst zeigt er seine guten Eigenschaften, seine Geduld, seine Sanftmuth, seine Pflichttreue, seine Stärke, sein Gottvertrauen.“

„Gewiß,“ setzte der Caplan hinzu, „und ohne Prüfung ist kein Verdienst.“

Der Pastor blinzelte mit den Augen. „Liebe Kinder,“ sagte er sarkastisch, „wenn’s so im Katechismus steht, so will ich mich nicht dawider auflehnen. Ihr sollt Recht haben. Seht Ihr dort die Stockrose hinter Euch, Caplan? Sie läßt die Blätter hängen, denn Ihr habt sie gestern dahin gepflanzt und heute nicht begossen. Wenn Ihr sie begießt, so wird sie wachsen und eine Fülle schöner rother Blüthen tragen. Wenn Ihr sie nicht begießt, so wird sie verkommen und verdorren. Ich denk’, mit den Menschen wär’ es auch so. Die Sonne, Licht und Pflege haben, werden ordentliche Pflanzen, und die andern, die das Schicksal in dürres Erdreich stellt, verkommen. So ist es. Wen man zum Sünder macht, der wird zum Sünder, und wen das Schicksal besser pflegt als der Caplan seine Stockrose, der wird eine gute Pflanze. Das glaube ich – Ihr seht, Demoiselle Annette, ich bin nicht so schlimm, wie es aussieht, und glaube wenigstens an einen Theil der Menschen, die Glücklichen – wenn ich so arg wäre, wie es Euer Katechismus ist, dann würde ich nicht einmal so viel Gutes von den Menschen denken, denn da steht geschrieben, daß wir alle sammt und sonders Elende sein, nichts wie armselige Maden im großen Sündenschlamme der Welt, ekelhaft Gewürm, Fraß für die große Schlange, die im Staube auf dem Bauche kriecht!“

Der Pastor lachte hier höhnisch auf und führte sein Bierglas zum Munde.

„Es ist dem, was Ihr da von den Menschen sagt, nicht so,“ nahm der Caplan kopfschüttelnd das Wort. „Es mag wahr sein, daß das Unglück schlecht machen kann – aber doch nur die schwachen, kleinen und untergeordneten Naturen. Sie mögen durch Leiden verbittert werden, durch den Kampf die Schwungfähigkeit ihrer bessern Natur verlieren und sich hinabdrücken lassen in den Schmutz des Alltagdaseins, bis sie die Fähigkeit verlieren, sich aus ihm zu retten. Sie mögen eine Rechtfertigung schlechten Handelns finden im schlechten Handeln der Welt wider sie; eine Befriedigung der Rachsucht im Groll und im Beschädigen – und gewiß ist es wahr, daß Sünder und daß Verbrecher sehr oft gemacht werden. Aber gute und starke Naturen hebt und stählt der Kampf; das Leid läßt ihren Goldwerth erst recht erglänzen, wie die Reibung das Metall polirt; das Unglück erzieht und läutert die tüchtigen Menschen, es verdirbt nur die schwachen!“

„Sehr weise gesprochen,“ sagte der Pastor, „aber …“

„Nun laßt doch den Streit ruhen,“ fiel die Thurmschwalbe ein, „sagt mir lieber, wer die Fremden sind, welche der Herr Pfarrer zum Schlosse gebracht hat und die gleich in eine so angelegentliche Unterredung mit meinem Mütterchen gerathen sind.“

„Wir wissen es nicht,“ versetzte der Caplan. „Sie kamen in einem Einspänner von A. und hielten vor der Pfarrei, wo sie den Herrn Pfarrer zu sprechen verlangten.“

[420] „Wer sie sind,“ bemerkte der Pastor, „das ist nicht schwer zu errathen. Es sind Emigranten, die jetzt, wo sie heimkehren dürfen, nach Frankreich zurückreisen. Dabei wird ihnen der Zehrpfennig ausgegangen sein, und da der Herr Pfarrer Bedenken getragen haben mag, sie mit einem Zuschuß weiter zu fördern, werden sie unserm jungen Grafen die Gunst zuwenden, sich um das gute Frankreich verdient machen zu können, das ja doch nicht eher glücklich ist, als bis es alle seine edlen Ducs, Vicomtes und Marquis richtig wieder hat.“

Annette schüttelte den Kopf.

„Emigranten mögen sie sein,“ sägte sie, „aber der Herr Pfarrer hätte sie sicherlich nicht in’s Schloß geführt, falls sie den Grafen belästigen wollen. Ich denke, er hütet sich.“

„Sie haben all’ ihr Gepäck abladen und vorn im Hausflur niedersetzen lassen,“ erzählte der Caplan; „just als ob sie länger bei uns zu bleiben gedächten.“

„Nun,“ fiel der Pastor mit einem bösen Lächeln ein, „wer weiß denn, wer sie sonst sind! Die junge Dame ist sehr schön und sieht sehr ernst und selbstbewußt darein. Vielleicht kommt der Besuch dem Herrn Grafen nicht just überraschend – möglich auch, daß er sehr überraschend kommt! Möglich auch, daß eine Zeit kommt, wo solche Besuche auf dem Schlosse auch uns nicht mehr überraschend kommen. Man muß es abwarten. Vorläufig wollen wir uns den Kopf nicht darüber zerbrechen.“

Annette stand auf.

„Jetzt muß ich heim,“ sagte sie, „vielleicht wäre ich gar nicht gekommen, hätt’ ich gewußt, daß der Pastor hier im Garten säße und einmal wieder so recht im Zuge wäre, lauter böse Dinge vorzubringen – Adieu, Caplan, ich muß heim, damit die Mutter nicht merkt, daß ich fortgelaufen bin; ich komme morgen früh in Ihre Messe; und nachher schau’ ich nach, ob Sie Ihre Stockrosen auch hübsch begossen haben. Adieu, adieu ...“

Sie war schon mit rascher Wendung halb zur Laube hinaus, ehe nur noch der Caplan sich erröthend erhoben hatte.

„Weshalb begleiten Sie sie nicht zum Garten hinaus und bis an’s Gitterthürchen, Caplan?“ sagte der Pastor mit feinem Lächeln und boshaften Augenzwinkern. „Es hätte Ihnen noch einen zärtlichen Händedruck zum Abschied eingebracht.“

Der Caplan antwortete nicht; er sah ihr nach, dann ging er in der That Wasser zu holen, um seine Pflanzen zu begießen; und als er sie getränkt, stand er lange, die Gießkanne in der Hand, zwischen den Beeten, den Blick, wie in Nachdenken verloren, auf die welken Blätter heftend. Woran dachte er ... an seine Behauptung von vorhin, daß gute und starke Naturen durch den Kampf gestählt und gehoben, daß tüchtige Menschen durch das Leid geläutert werden?

War es das, so mußte es sehr lange sein Sinnen beschäftigen; er stand noch träumend da, als schon der Herr Pfarrer vom Schlosse zurückkehrend in den Garten trat. Er kam allein zurück und sah sehr ernst und nachdenklich aus, der Herr Pfarrer; der Caplan wagte nicht ihn anzureden.

[433]
3.

Nach der Vorderseite nach Süden hin blickte das Schloß in eine hügelige Landschaft voll abwechselnder Kornfluren und Wiesen, dazwischen zerstreut Gehölze von geringer Ausdehnung; nahe liegende Dörfer, aus denen spitze Thürme und Kirchendächer aufragten, bewiesen, daß das Land sehr bevölkert sei. Weiter im Süden dehnten sich blaue Berghöhen; sie lagen jenseits eines bedeutenden Flusses, der zwar nicht schiffbar war, doch reiches Leben an seinen Ufern förderte; er trug Kohlennachen und bewegte Mühlen, Drahtziehereien, Eisenhämmer. –

Von den Fenstern des ersten Stockwerks des Schlosses aus konnte man die Spitzen der Masten der Kohlennachen sehen, wenn sie den Fluß hinunterglitten; es war ein eigenthümlicher, überraschender Anblick, die Masten mit ihren flatternden Wimpeln leise durch Kornfelder und Obstbaumwipfel ziehen zu sehen – den Fluß gewahrte man ja nicht – es hatte etwas von Traum, von Zauberei!

Hinter diesen Fenstern, in einem Saale, der mit einer großen Landschaftstapete bekleidet und oben an der Decke mit reichen Stuckarabesken verziert war, ging ein hoch und schlank gebauter Mann auf und ab. Er mochte fünfunddreißig Jahre oder weniger haben – vielleicht sah er älter aus, als er war; er hatte eine tiefe Furche zwischen den dunklen starken Brauen; das lange schwarze, ganz schlichte Haar, das dicht an seinen Schläfen niederhing, gab dem blassen Gesichte mit den markirten Zügen fast etwas Leidendes, Abgespanntes, wenn die tiefliegenden Augen Ruhe ausdrückten. Wenn er wie stolz oder ungeduldig den Kopf aufwarf und das Auge sich belebte, verschwand dieser Ausdruck ganz. Die Nase war lang und scharf gezeichnet, mit weiten Oeffnungen, der Mund viel voller und weicher als es zu dem männlichen Schnitte des Gesichtes in Harmonie stand.

Der Mann trug einen grünen Jagdrock und über engen gelben Beinkleidern Stiefel mit grauen Klappen und klirrenden Sporen.

Er trat jetzt an das mittlere Fenster und schien die Abendröthe zu betrachten, die über die fernen Höhen hinzog. Ein rosiger Schein fiel von daher in den Saal, und sich wendend, ließ der Schloßherr jetzt sein Auge über die Landschaftstapete ringsumher gleiten, die unter diesem Widerschein ein eigenthümliches Leben bekam.

Es waren Scenerien aus China, die diese Bilder darstellten. Der junge Mann starrte eine Weile auf eine Gruppe gelber Mandarinen, die auf rothen Stühlchen saßen und hohe grüne Pfauenfedern in ihre Zöpflein gesteckt hatten. Dann schlug er plötzlich ein starkes Gelächter auf, das fast unheimlich durch den großen öden Saal widerklang und dessen Echo er selbst mit einem Gesichte belauschte, das ebenso rasch wieder den vollsten Ernst ausdrückte.

„Zwischen diesen Chinesen in diesem leeren alten Hause könnte man verrückt werden,“ sagte er, indem er begann, in rascher Bewegung wieder durch den Raum zu schreiten. „Ich werde mir meine Pferde in diesen Saal stellen lassen, um eine Gesellschaft zu haben, oder ein paar alter Saufbrüder aus unserm Regiment kommen lassen – etwa Staupitz oder Horwath. Sie haben ja jetzt Zeit, seitdem wir Friede haben. Dann hätte ich freilich nur ein Paar andere Thiere da. Ich ziehe die Pferde vor. Wenn nur der Krieg wieder begönne. Doch – sie haben mich ja vom Regimente fortgejagt. Wenn ich wieder Soldat sein will, muß ich schon in die Reihen der Franzosen treten – sie sind ja ohnehin meine Landsleute und Landesherren jetzt – und eher ließe ich mich in Stücke hauen! So müßte ich denn schon auf eigene Faust ein Freicorps stiften wie weiland der Menzel und der Trenck! – Diese tödtliche Einsamkeit! – Daß man auch nichts gelernt hat, als wodurch man von Anderen abhängig wird! Tanzen, Französischreden, Schach spielen, Weiber verführen, immer braucht man ein anderes Menschenkind dazu! Es soll ein lüderlicher, aber kluger und witziger Pfaffe, dem man wegen seines schlechten Lebenswandels von seiner Stelle fortgejagt hat, im Dorfe wohnen, unter der Aufsicht des Pfarrers … Das wäre am Ende mein Mann … ich könnte ihn als Hofnarren brauchen – ohnehin paßten wir zusammen, der weggejagte Pfaffe als Gesellschafter des weggejagten Rittmeisters! Heda, Joseph!“

Auf diesen Ruf, den der „weggejagte Rittmeister“ laut ausstieß, indem er sich einer den Fenstern gegenüberliegenden Flügelthür näherte, öffnete sich diese und ein Jäger trat ein.

„Bringe mir Licht dort in das Cabinet, der Tag ist nun lang genug gewesen; schließ die Blendläden, und sieh, ob Wein da ist!“ rief er diesem entgegen; „dann nimm den Armvoll Bücher vom Tische, bringe sie in die Bibliothek zurück, und bringe einen andern Armvoll daraus her!“

„Zu Befehl, Herr Graf!“ versetzte der Jäger und ging durch die offenstehende Seitenthür in das Cabinet, auf welches sein Herr gedeutet hatte.

Dieser folgte ihm, sah still zu, wie der Diener seine Befehle [434] ausführte, und setzte sich endlich in einen alten gestickten Lehnstuhl, dessen Seidenfäden sich lang und stark ausgefasert hatten. Ein großer Windhund war bei seinem Nahen heruntergesprungen. Er wartete nun mit hinten übergelehntem Kopf, bis der Jäger, der eben einen Stoß Bücher vom Tische genommen, zurückkam und einen ebenso großen Stoß von Büchern in sauberen Halbfranzbänden mit goldgepreßtem Wappen auf dem Deckel, aber von den verschiedensten Formaten, vor ihm auf den Tisch legte.

„Du kannst gehen; komm nach einer Stunde wieder zu sehen, ob ich etwas bedarf,“ sagte der Graf und nahm das erste der Bücher, um es aufzuschlagen.

„Lateinisch!“ sagte er und warf es mit einer unmuthigen Bewegung auf die Erde.

Er nahm ein zweites; es war französisch und er blätterte darin; dann sah er nach der Seitenzahl auf dem letzten Blatte.

„Vierhundertdreißig Seiten! Wie unverschämt ist es, so dicke Bücher zu schreiben! Auch der klügste Kopf hat ja doch am Ende seines Lebens und Studirens nicht mehr ermittelt und Neues entdeckt, als was, wenn’s hoch kommt, eine Seite füllt!“

Er las die letzte Seite.

„Ach,“ fuhr er dann in seinem Selbstgespräch fort, „hier haben wir, was der Mann als seine Moral, als den Inbegriff seiner Weisheit mitzutheilen hat! Man mag,“ las er, „immerhin annehmen, daß jeder Mensch seines Schicksals Schmied und sein Charakter, seine Willensrichtung das ist, was seine Verhältnisse und seine Lage schafft. Er hängt dennoch nur vom Zufall und Glück ab. Der junge Mensch ist wie eine Wetterfahne. Der scharfe Nordwind giebt ihr die Richtung zum sonnigen Süden, der Südweststurm wirft sie nach dem kalten Nordost. Ein guter echter Stein bedarf doch, um ein heller Demant zu werden, daß Demant ihn schleift! Findet aber jeder Demant solchen Stoff, der ihn schleift? Wenn das Leben uns zum Pochhammer und Glühofen wird, können wir guter blanker Stahl werden, sonst nicht. Und so ist am Ende doch nur die Erziehung durch das Leben das, was uns macht und uns dann unser Schicksal machen läßt.“

„Larifari,“ sagte der Schloßherr, das Buch zuklappend und von sich werfend. „Sollte es darauf ankommen, ob die Umstände uns zu Stahl schmieden oder nicht? Sind wir Eisenstangen, die in’s Feuer und auf den Ambos müssen, um ein nützliches Geräth zu werden? Ah bah! Wenn man die Menschen hämmert, denke ich, so werden sie spröde, bröcklich, tückisch, böse. Ich möcht’s ihm nicht rathen, auf mir viel herumzuhämmern! Ich glaube, es käme ein widerborstiger, ungefüger, häßlicher Klumpen dabei heraus, weiter nichts!“

Er zog das Buch wieder an sich und las noch einmal die letzte Seite. Lange blickte er wie in Gedanken verloren darauf; dann warf er es abermals von sich, und aufseufzend sagte er: „Und am Ende doch nicht – am Ende blieb’ ich ein guter echter Stein, wenn ich auch keinen Demant fände, mich zu schleifen, sondern nur recht harte Schläge, die auf mich loshämmerten! Ich denke, gutes Metall hält’s aus. Aber wer weiß es vorher? Es kommt Alles auf die Probe an!“

Der Jäger unterbrach ihn – er trat ein und sagte: „Frau Wehrangel bittet, den Herrn Grafen sprechen zu dürfen – sie ist draußen.“

„So führe sie herein – was braucht’s da langes Anmelden.“ …

Er stand auf und ging der Frau, die draußen wartend im Saale stand, entgegen, um sie hereinzuführen.

Frau Wehrangel begrüßte ihn mit einem sehr förmlichen Wesen. Sie machte eine tiefe Verbeugung und der Blick, den sie auf ihn warf, während er zuvorkommend seinem Diener den Stuhl, den dieser für die Dame herantrug, abnahm, hatte etwas Scheues, Sorgliches.

„Warum machen Sie Complimente mit Ihrem Hausgenossen, Madame?“ sagte der Graf dabei; „lassen Sie sich nieder, damit wir bequem plaudern können. … Sie führen mein Hauswesen mit souveräner Vollmacht, wie Sie es früher gethan – ich bedarf Ihrer in hundert Dingen – Ihrer Hülfe, Ihrer Auskunft, Ihres Raths, Ihrer Vermittlung bei den Leuten, die Alle in Ihnen die gute alte Herrschaft fortleben und in mir eine Art von fremdem Usurpator sehen – gut, daß ich den deutschen Namen Maurach habe, wie dies Schloß und dieses Gut – ich fürchte, hätte der Name nur etwas von französischem Klang, sie würden sich nicht ausreden lassen, ich sei mit den andern Franzosen, mit dem langen Dienstschwanz des edeln Großherzogs Joachim in’s Land gekommen, und habe an Maurach so viel Recht wie der an unserm gesegneten Großherzogthum Berg! Aber da die Sachen so stehen und wir aufeinander angewiesen sind, so wollen wir uns den Verkehr erleichtern; treten Sie ohne Anmeldung bei mir ein, so oft und zu welcher Stunde Sie wollen. Sie fürchten dabei vielleicht die Gegenseitigkeit? denken, ich werde mir dann herausnehmen, ebenso oft in Ihren Thurmbereich da oben mit seiner hübschen Aussicht und seine Schwalbennester dringen zu wollen? Beruhigen Sie sich darüber. Ein für alle Mal, Sie können ganz ruhig darüber sein! Ich bin überhaupt,“ unterbrach der Graf sich auflachend, „nicht solch ein Ungeheuer, wie die Leute sagen mögen! Und nun hab’ ich Ihnen eine lange Rede gehalten. Sonst ist’s meine Natur nicht, viel reden. Aber die Einsamkeit macht zum Schwätzer. Jetzt reden Sie.“

„Ich wollte Sie davon unterrichten, Herr Graf,“ sagte Frau Wehrangel, die ihr Auge wie forschend auf den jungen Mann gerichtet hatte, ohne im Geringsten bei seinem offenen Wesen und Sichaussprechen ihre förmliche Haltung zu ändern – „ich wollte Sie davon unterrichten, und um ihre Genehmigung bitten, daß ich zwei Gäste für die Nacht aufgenommen und einquartiert habe – der Herr Graf waren, als sie ankamen, noch mit dem Förster draußen, und so konnte ich nicht vorher anfragen.“ …

„Gäste?“ fiel Graf Maurach ein – „und wen?“

„Es ist ein Herr mit seiner Tochter – es sind französische Emigranten, welche eine Zuflucht in Holstein gefunden hatten, die Stadt Ploen, denk’ ich, nannten sie; es ist ihnen da ziemlich kümmerlich, scheint’s, gegangen, und nun haben sie sich aufgemacht, nach Frankreich heimzukehren, wo sie etwas von ihrem alten Erbe wieder zu erhalten hoffen.“

„Und die hat ihr Weg hierher, über Maurach geführt?“

„Es ist so – der Weg liegt nicht weit ab von ihrer Straße; außerdem hofften sie wohl Förderung ihres Zweckes hier zu finden, denn sie glauben – geben vor wenigstens, dem Herrn Grafen entfernt verwandt zu sein.“

„Verwandt, mir?“

„Der Herr nennt sich Vicomte de la Tour de Bussières.“

„Windbeuteleien! Ich habe den Namen in meinem Leben nicht gehört!“

„Die verstorbene Gemahlin des Vicomte sei eine geborene Baronin Marillac und deren Mutter eine Gräfin Maurach gewesen.“

„Ach – warum sagten Sie das nicht gleich?“ rief der Graf aus. „Marillac – das ist richtig – ich habe von Verwandten des Namens Marillac, die wir in Frankreich besitzen, gehört!“

„Auch der verstorbene Herr Graf hat den Namen wohl genannt, wie ich mich erinnere,“ sagte Frau Wehrangel.

„Nun, und wo haben Sie sie untergebracht, Frau Wehrangel?“

„In den Fremdenzimmern im rechten Flügel.“

„Gut, gut – weshalb kommen sie nicht zu mir? – erwarten sie, daß ich zu ihnen hinübergehen soll?“

„Keineswegs,“ versetzte Frau Wehrangel. „Sie waren sehr dankbar für das Nachtquartier, welches ich ihnen bot, und haben sich ermüdet darin zur Ruhe zurückgezogen. Sie hoffen, morgen den Herrn Graf erwarten zu dürfen.“

„Es wäre gescheidter gewesen; sie hätten mir diesen langweiligen Abend verplaudert und Sie hätten uns ein gutes Souper dazu hergerichtet, Frau Wehrangel,“ sagte der Schloßherr; „aber mag sein – ich will sie morgen sehen, Sie werden für ein Frühstück zu sorgen die Güte haben.“

Frau Wehrangel verbeugte und erhob sich.

„Gute Nacht, gute Nacht,“ sagte der Schloßherr sich ebenfalls erhebend, „also ein Herr und eine Dame, sagen Sie?“ fuhr er dabei fort. „Ist der Herr alt – und die Tochter – eine unverheirathete Tochter – oder nicht? Wie alt ist sie?“

„Mademoiselle de la Tour scheint etwa fünfundzwanzig Jahre zu haben,“ antwortete Frau Wehrangel. Wenn der Schloßherr erwartet hatte, etwas Näheres über das Aussehen seiner Gäste zu erfahren, so überließ ihn Frau Wehrangel ein wenig versteckt seiner Spannung. Sie knickste und ging.

„Ich könnte auch eine amüsantere Person zu meiner Wirthschafterin hier haben als die steifleinene Donna!“ sagte der Schloßherr [435] ihr nachblickend; „sie sieht ganz darnach aus, ehemals ein ganz schmackhaftes Gemüse gewesen zu sein, jetzt aber ist sie in einen häßlich dicken Teig von langweiliger Förmlichkeit eingebacken. – Also Gäste hätten wir – desto besser – Joseph, geh’ und hole mir die große Mappe mit den Pergamenten voller Wappen aus der Bibliothek – ich will in den alten Aufschwörungen und Stammbäumen nachschauen, wie wir mit den Marillacs verwandt sind … solch’ einem französischen Vicomte gegenüber darf man nicht verrathen, daß man in der Genealogie seines Hauses so unbeschlagen wie ein friesischer Milchesel ist.“




4.

Am andern Tage, Vormittags, standen die Balconthüren des Saales mit den Landschaftstapeten weit offen und ließen die sonnige warme Luft hereinströmen; auf dem runden Tische inmitten des Raumes prangte schweres altes Silbergeräth; schöne alterthümliche Humpengläser mit darin geschliffenen Wappen und Sprüchen, und japanisches Porcellan; er trug das Frühstück, bei welchem der Jäger Joseph bediente, während ein alter Diener mit gepudertem Kopf und im schwarzen Anzug eines Hausofficianten den Buffettisch mit seinen Vorräthen an Silber und Karaffen und Flaschen unter seiner Obhut hatte. Am Tische saß Graf Ulrich Maurach, neben sich seine zwei Gäste, der Vicomte de la Tour rechts und links seine Tochter, die der letztere mit dem Namen Melusine de la Tour de Bussières vorgestellt hatte.

Graf Ulrich Maurach machte mit einer Unbefangenheit und einer Formlosigkeit den Wirth, die doch seinen Gästen ein gewisses gezwungenes Wesen nicht nehmen konnte. That es eben diese etwas rücksichtslose Weise des Hausherrn, sich zu geben und auszusprechen, welche den zierlich gebauten und ceremoniösen alten Herrn aus Frankreich verschüchterte, oder that es die hohe gesteifte Halsbinde, in welcher nach der Mode der Zeit sein Kopf stak – er saß steif da, sprach wenig, aß wenig und beobachtete viel mit den lebhaften braunen Augen, die ganz das Widerspiel von denen des Grafen waren; dessen Augen schauten mit ruhiger Stetigkeit, nur zuweilen aufglühend, unter starken dunklen Brauen hervor; die des Vicomte waren flachliegend, und stets bewegt schienen sie Alles wahrzunehmen, was um ihn her vorging. Man konnte annehmen, daß er am Ende des Mahles ein Inventarium jedes Stückes des Geräths, der aufgestellten Flaschen, der Speisen und nicht minder der gesprochenen Worte im Kopfe habe.

Erfüllte ihn dieser Reichthum, der ihn umgab, dies schöne Schloß mit seiner Aussicht in die herrliche sonnige Landschaft, über reich angebaute Fluren, die, so weit sein Auge ohne Brille und Fernrohr reichte, seinem glücklichen Wirthe gehörten, mit einem inneren Neide, der gestachelt war durch den Gedanken an das, was er einst daheim besessen, und vielleicht unwiederbringlich verloren?

Gewiß, man hätte ihm nicht zu sehr darüber zürnen können, denn er befand sich, wie er dem Hausherrn bereits gestanden, in der hülflosesten Lage von der Welt. Er wußte, daß von seinen ehemaligen Besitzungen in Berry die eine, die unbedeutendste und geringfügigste, noch nicht als Nationaleigenthum von den Machthabern von Frankreich veräußert sei; daß er Hoffnung habe, sie zurückerstattet zu bekommen; aber es fehlten ihm alle Geldmittel, die Ministerialbeamten in den Bureaux zu Paris, von denen eine solche Rückgewährung abhing, sich geneigt zu machen, ja, es fehlten ihm die Mittel, nur einige Wochen in Paris zu leben, wenn er sich auch in sparsamster Weise bis dahin durchgeschlagen habe.

Bei der Auseinandersetzung dieser Verhältnisse hatte vielfach seine Tochter Melusine, des Vaters ein wenig verworrenen Vortrag ergänzend und erklärend, das Wort genommen; ihr edles blasses Gesicht hatte sich dabei leicht erröthet, und während Graf Ulrich Maurach es mit bewunderndem Wohlgefallen angesehen, hatte er sich doch gesagt: „Dies schöne Geschöpf soll am Ende die Lockente sein, die mir meine gelben Vögel aus der Schatulle lockt! Wir kennen das! Ich werde mich hüten, mich umstricken zu lassen.“

Schön war sie in der That, Demoiselle Melusine de la Tour de Bussières. Sie hatte eigentlich mehr einen deutschen, als einen französischen Typus. Vielleicht that es das deutsche Blut, welches in ihren Adern rollte. Vorzüglich schön war der obere Theil ihres Gesichts, die hohe Stirn, die großen von den breiten Lidern halbbedeckten blauen Augen, die zierliche längliche Nase, das feine Oval der Wangen, an denen zwei starke Flechten hellbraunen Haares niederhingen, um, das zierliche Ohr bedeckend und hinten zusammenlaufend, sich in einen hohen Chignon zu verschlingen. Der untere Theil des Gesichtes mit den schwellenden Lippen war vielleicht ein wenig zu stark ausgebildet, um dem Ganzen seine harmonische Schönheit zu lassen. Das Kinn kündigte Energie an, und die Farbe, ein leiser gleichmäßig vertheilter olivenfarbener Ton, war es allein, was dem Gesichte im Lande blonder und rosiger Schönheiten etwas Fremdartiges gab.

Die junge Dame hatte ein außerordentlich wohltönendes Organ, so metallrein; sie mußte ohne Zweifel eine schöne starke Singstimme haben. Sie sprach meist in kurzen Sätzen, mit einer gewissen Bestimmtheit. Dabei ruhte ihr Auge fast unausgesetzt auf dem Vater; sie schien ihn mit unnachlassender Sorge im Auge zu halten; Graf Ulrich glaubte auch ein paar Mal zu bemerken, daß sie durch leises Kopfwinken ihn ermunterte oder abhielt, von den dargebotenen Speisen zu nehmen.

Der verwandtschaftliche Zusammenhang war zuerst erörtert worden. In Ulrich’s Cabinet lag noch die Mappe mit den Stammbaum-Pergamenten, den Aufschwörungsbriefen voll Wappenbildern in Gold und Silber und bunten Tincturen geöffnet auf dem Tische.

Man hatte ermittelt und klar gestellt: Graf Walram Maurach-Maurach, der letzte Besitzer der Herrschaft, der vor drei Monaten gestorben und sein Erbe seinem Lehnsvetter von der Linie Maurach-Godeneck, die bisher in Oesterreich seßhaft gewesen, hinterlassen, hatte keinen Verwandten gehabt, als eine Base, eines Oheims einzig überlebende Tochter, die jedoch wie todt oder vom Stamme abgeschnitten in dem jüngsten Pergamente durchstrichen stand. Graf Ulrich gab über ihr Ende keine weitere Auskunft; sie mußte nicht mehr unter den Lebenden sein. Sodann war ein Urgroßoheim des letzten Besitzers, der sich in Frankreich vermählt, auch dort gestorben; er hatte zwei Söhne, die ebenfalls längst todt, und eine Tochter hinterlassen, welche einen Baron Marillac in Berry geheirathet hatte, und deren Tochter war die Mutter des Vicomte de la Tour. Ulrich’s Gast, der Vicomte, der eine Gräfin Maurach-Maurach zur Mutter gehabt, war also allerdings mit dem verstorbenen Grafen Walram verwandt. Mit dem Schloßherrn Ulrich Maurach-Godeneck war er kaum mehr verwandt zu nennen, denn dessen Linie hatte sich schon vor längerer Zeit, schon im dreißigjährigen Kriege von der Hauptlinie getrennt; Ulrich hatte als Stamm- und Lehnsvetter die Herrschaft in Besitz genommen.

„Es ist gut,“ hatte der Vicomte hingeworfen, „daß der Vetter Walram auch nicht einmal eine weibliche Seitenverwandte hinterlassen hat; denn die jetzt hier eingeführte französische Gesetzgebung hat die alten Lehens- und Fidei-Commiß-Verhältnisse sämmtlich aufgehoben und beseitigt …“

„Und so wäre alsdann nicht ich Erbe geworden,“ fiel Graf Ulrich ein, „sondern“, setzte er mit einem Blicke auf den Stammbaum den Namen suchend hinzu, „diese durchstrichene Verwandte Ernestine von Maurach – vielleicht, heißt das, denn wer weiß es, solche Erbrechte sind gewöhnlich verwickelt!“

Er hatte dies völlig unbefangen hingeworfen und dabei nicht bemerkt, wie unruhig bewegt des Vicomte und wie forschend seiner Tochter Auge auf ihm lag.

„Ich hoffe,“ fuhr nach einer Weile der Vicomte fort, „Sie versagen mir eine große Gunst nicht, nämlich die, von diesen alten Stammbäumen Abschrift nehmen zu dürfen und sie als richtig und mit den beschworenen genealogischen Schemen übereinstimmend von einem Notar beglaubigen zu lassen.“

„O nein, gewiß nicht,“ versetzte Graf Ulrich. „Wenn es von Werth für Sie ist, so beginnen Sie damit, was Sie wollen. Und da dies nicht die Arbeit eines Tages ist, gewährt es mir die Aussicht, Sie länger an mein Haus als Gäste gebunden zu sehen, was mir ein sehr großes Vergnügen sein wird.“

Die junge Dame erröthete, als sie antwortete: „Wir werden diese Güte gewiß nicht mißbrauchen. Wenn Sie es erlauben, werde ich selbst schon heute beginnen, die Abschriften zu machen, die mein Vater zu besitzen wünscht; hoffentlich werde ich sie auch heute schon zu Ende bringen.“

„Das würde ich bedauern. Wir finden schon irgend Jemanden im Dorfe, der die Arbeit macht; Ihnen selber, Mademoiselle, sie zuzumuthen wäre doch sehr unritterlich von uns. Unterdeß erlauben Sie mir, während der Nachmittagsstunden Ihnen das Gut zu zeigen, und morgen, denk’ ich, fessele ich Ihren Herrn Vater, [436] indem ich ihn in das Archiv voll alter Pergamente führe; ich selbst habe mich noch nicht das Mindeste darum gekümmert; aber da der Vicomte ein Freund dieser Sachen ist, bin ich überzeugt, daß er ein Interesse daran findet; für die Geschichte unserer gemeinsamen Familie wird es alle möglichen Materialien und Aufschlüsse geben.“

„Sie beweisen mir ein außerordentlich großes Vertrauen, Herr Graf, das ich sicher nicht mißbrauchen werde,“ sagte der Vicomte.

„Ein Vertrauen?“ fiel Graf Ulrich ein. „Wie so? Haben Sie nicht am Ende ein Recht darauf, auf diesen alten Plunder, und wie könnten Sie es mißbrauchen?“

„Ich könnte es in der That nicht,“ entgegnete der Vicomte, „schon wegen der ritterlichen Weise, in welcher Sie selbst mir Ihre Familienpapiere zur Disposition stellen. Die Einsicht in dieselben muß mir jedoch um so willkommener und werthvoller sein, als mir selbst alles und jegliches Material der Art fehlt; unsere Papiere sind während der Revolution zerstört, verbrannt; ich habe mich mit meiner verstorbenen Frau und meinem Kinde mit falschen Pässen zum Lande hinausschleichen müssen; wenn ich heimgekehrt sein werde, um meine Ansprüche auf jene Besitzung im Berry zu erheben, wird es mir sogar schwer werden, auch nur meine Identität zu beweisen, falls man es dabei sehr genau nehmen wollte.“

„Sind Sie so ganz außer Beziehungen zu Verwandten und Standesgenossen gekommen, die doch in großer Anzahl zugleich mit Ihnen Frankreich verlassen haben, und deren viele mit Ihnen dieselben Wege, nach dem Norden, zogen, um dort eine Zuflucht zu finden?“

„Leider,“ versetzte der Vicomte, „wir sind damals in die Irre gestreut worden und haben einander aus den Augen verloren. Um bei diesem großen sauve qui peut die allgemeineren Interessen und die Personen im Auge halten zu können, war ich zu arm: meine Gemahlin, die Vicomtesse de la Tour de Bussières, hat als Stickerin, ich habe als Sprachlehrer leben müssen. Ach, und der Sprachlehrer gab es in den Orten, wo wir Emigranten überhaupt nur Aufnahme fanden, so viele! Ein Paar ältere Freunde sind, der eine schon vor der Rückkehr, noch in Deutschland, der andere kurz nach der Heimkehr in Berry gestorben. Die Hauptquelle unserer Nachrichten von daheim sind die Briefe eines jungen Mädchens, der Freundin meiner Tochter, die mit einer Tante eine Zeit lang in derselben Stadt mit uns das Brod der Verbannung aß. Doch hoffe ich freilich, daß mein Name mir, wenn ich nach Frankreich zurückgekehrt bin, hinreichende Sympathien und Freunde zuführen wird …“

„Es würde mich freuen,“ sagte Graf Ulrich mit ungeheuchelter Theilnahme, „wenn ich irgend etwas thun könnte, um dort Ihnen Ihre Aufgaben zu erleichtern!“

Der Vicomte verbeugte sich.

„Sie sagen,“ fuhr der Graf fort, „daß eines Ihrer Güter nicht als National-Eigenthum verkauft ist; das ist freilich ein Glück; aber es hängt dennoch viel davon ab, in welche Hände es gerathen, denn gewiß hat man weder das Haus unbewohnt, noch das Areal unbebaut gelassen, und es werden Leute da sein, die sich da während Ihrer Abwesenheit mehr oder minder festgewurzelt haben. Haben Sie Ihr Recht dargethan, so wird freilich die Regierung des Kaisers, der Maire, der Friedensrichter – wir haben diese Leute jetzt auch hier – Ihnen behülflich sein, es durchzusetzen; aber immerhin wird viel auf den Charakter der Leute ankommen, denen Sie entgegen treten müssen …“

„Leider,“ fiel der Vicomte ein, „entwickeln die Leute, denen wir entgegentreten müssen, um ihnen einen Besitz zu nehmen, gewöhnlich einen und denselben Charakter!“

„In der That,“ sagte der Graf lachend, „den Charakter der Streitlust und Hartnäckigkeit! Aber es giebt dabei doch Unterschiede. Ich kann mir zum Beispiel recht gut denken, daß Sie, Herr Vicomte, wenn man auf ein wirkliches Recht hin Ihnen einen Besitz nehmen wollte, mit weiser Gelassenheit sich in die Thatsachen fügten, während ich mir doch dabei einige Anfälle von Berserkerwuth zutraute, falls man zum Beispiel kommen wollte, mich aus diesem Schlosse zu werfen – ich glaube, ich wäre ein unliebenswürdiger Gegner und im Stande, solch einen unglücklichen Berechtigten zu erdrosseln oder zum Fenster hinauszuwerfen oder todt zu …“

Der Graf, der diese Worte lachend wie eine ziemlich unbedachte Rodomontade zu sprechen begonnen hatte, hielt plötzlich inne; er fuhr mit der Hand über das Gesicht, und als er sie wegnahm, schien es ein wenig blasser geworden – wenigstens waren die Züge jetzt sehr ernst und das Auge schaute zerstreut oder nach innen gekehrt.

[450] „Sind Sie wirklich so zorniger Natur, Herr Graf?“ fragte die junge Dame mit leiser, beinahe erschrocken lautender Stimme, ihrem Vater einen bedeutungsvollen Blick zuwerfend.

„Zornig? Nun, ich will nicht Nein sagen. Es giebt Dinge, die unser Blut in Wallung bringen, und es wäre schlimm, wenn das nicht wäre – tadelhaft wird es nur, wenn die Dinge, die diesen Einfluß auf uns üben, zu geringfügiger Natur sind. Ob das bei mir vorkommt? Vielleicht – und doch könnte Mancher bei mir auch das gerade Gegentheil finden.“

„Also statt des heißen Bluts Sanftmuth und Geduld? – ich zweifle doch daran,“ sagte lächelnd Melusine.

„Und doch könnte es der Fall sein,“ antwortete Graf Ulrich. „Im einzelnen Menschen stecken sehr viele Eigenschaften; nur hat er sie nicht gegen Alle. Dem Einen geben wir uns so, dem Andern so. Es kommt eben darauf an, wie er selbst auf uns wirkt.“

„Muß ein fester kernhafter Charakter nicht gegen Alle gleich sein?“ versetzte Melusine.

„O nein … gegen den Einen sind wir offen, gegen den Andern verschlossen. Gegen den Lustigmacher sind wir ernst und gegen den Grillenfänger laut und lustig; gegen den Weltmenschen Philosophen und gegen den Frömmler frivol. Ist das nicht eine natürliche Folge des Oppositionsgeistes in jedem Menschen?“

„Weshalb nehmen Sie an, daß ein solcher Oppositionsgeist in jedem Menschen stecke?“ fragte die junge Dame.

„Ich meine eben, er steckt in jedem starken, lebhafte Eindrücke empfangenden Menschen.“

„Diese Oppositionslust, dieser Widerspruchsdrang,“ fuhr Melusine fort, „hat doch das sehr Ueble, daß er uns am Ende zum Chamäleon macht, welches die Farben wechselt, je nachdem Blau oder Grün oder Gelb oder was sonst auf dasselbe wirkt. Man soll nicht stets den Mantel nach dem Winde hängen, ebenso wenig aber auch stets wider den Wind – es giebt just dieselbe Unstätigkeit. Weshalb sich immer in Widerstreit zu Anderen setzen? Alle Menschen haben gute Gründe, daß sie just so sind, wie sie sind. Man muß das Verständniß dafür suchen, statt ihnen zu widersprechen. Dies letztere ist viel leichter als jenes.“

„Sie halten mir da eine völlige Strafpredigt, mein Fräulein,“ sagte Graf Ulrich lachend. „Sie machen mich zu einem Chamäleon, zu einem Manne, der den Mantel wider den Wind hängt, zu einem oberflächlichen Menschen, der …“

„O bitte,“ fiel sie ein, „Sie sind furchtbar rasch in Ihren Schlüssen, Herr Graf – es liegt mir durchaus fern …“

„Wie erschrocken Sie aussehen – bah, was läge daran? Glauben Sie, ich wäre so verwundbar? Wahrhaftig, es sind mir von schönen Lippen schon ganz andere Predigten gehalten, und wenn die Ihrige viel milder lautet, so ist sie darum nicht fruchtloser. Ich will mir’s gesagt sein lassen, und Sie sollen nicht finden, daß ich ein Chamäleon bin – im Gegentheil viel zu sehr, vielleicht immer derselbe in dem Verlangen …“

Graf Ulrich, der diese Worte rasch ausgestoßen hatte, hielt plötzlich inne. „Ja so,“ sagte er. „Ich vergesse ganz, daß ich nicht die Zeit haben werde, Ihnen zu zeigen, daß Sie mir Unrecht thun, und daß ich sehr, sehr fest, beharrlich, wechsellos sein kann. Sie wollen so bald schon Ihre Reise fortsetzen und mich hier in der Einsamkeit zurücklassen … aber Herr Vicomte, so trinken Sie doch – es ist zwar nicht Ihr heimathliches Getränk, was mein Tafeldecker Ihnen vorgesetzt hat, aber ein alter feuriger Rheinwein – ich habe ihn in den Kellern des Schlosses vorgefunden als ein Fideicommißstück wie die ganze Herrschaft – zwei Stückfaß, die seit mehr als hundert Jahren, stets sorglich neu aufgefüllt, zum Familienschatz gehören!“

Der Vicomte trank, lobte das feurige dunkelgelbe Rebenblut und sagte dann: „Da Du arbeiten willst, meine Tochter, wird Dir unser gütiger Wirth gewiß die Erlaubniß geben, aufzustehen.“

„Sie haben zu befehlen,“ sagte der Graf Ulrich sich gegen die Dame verbeugend und hob die Tafel auf. „Gegen die Arbeit aber protestire ich,“ fuhr er dann fort, „ich sende zum Dorf, um einen Abschreiber suchen zu lassen.“

„Gesetzt, Sie fänden ihn, Herr Graf,“ warf Melusine sehr bestimmt ein, „so möchte er schwerlich so bald darüber instruirt werden können, was er eigentlich abschreiben soll, worauf es bei diesen Auszügen aus den Stammbäumen für uns ankommt – es wird doch besser sein, ich mache die Arbeit selbst.“

„Und werden Sie so genau wissen, worauf es dabei ankommt?“ fragte Graf Ulrich fast spöttisch.

„O, meine Tochter versteht das!“ fiel der Vicomte ein. „Sie ist sehr unterrichtet, namentlich was die Geschichte betrifft, und hat mir den Beistand eines gelehrten Amanuensis geleistet bei einer Arbeit, welche ich über die Geschichte der großen Häuser Frankreichs, die schon vor dem Ende des fünfzehnten Jahrhunderts als Inhaber großer Lehen und Herren von Lehenshöfen vorkommen, begonnen habe – die ich aber dann leider liegen lassen mußte, weil mir das Material zu sehr fehlte.“

„Ah, Sie sind eine Gelehrte!“ rief Graf Ulrich überrascht aus.

„Nichts weniger als das,“ erwiderte leicht erröthend Melusine. „Ich bin nur eine brauchbare, von meinem Vater für seine Absicht dressirte Arbeiterin gewesen.“

„Aber sehr brauchbar!“ bemerkte lächelnd und zärtlich die Hand auf ihre Schulter legend der Vicomte.

„Ich habe eine furchtbar gelehrt aussehende Bibliothek im Schlosse,“ fuhr Graf Ulrich fort; „vielleicht fänden Sie darin eine Menge des Materials, welches Ihnen bis jetzt fehlte. Soll ich sie Ihnen zeigen?“

Der Vicomte verbeugte sich.

Der Graf schritt voran, dem Ausgang des Saales zu, während Melusine zurückbleibend sagte:

„Unterdeß erlauben Sie mir, mir aus den Pergamenten meine Arbeit auszusuchen und sie mit auf mein Zimmer zu nehmen?“

„Ah,“ stieß der Graf fast zornig hervor, „Sie sind außerordentlich eifrig auf Ihre Arbeit – ich wünschte, Sie begleiteten uns; es wird Sie interessiren zu sehen, ob Ihr Herr Vater das Erwartete findet; Sie selbst werden suchen helfen!“

Melusine folgte trotz dieser Einladung nicht.

„Ich möchte so rasch wie möglich …“

„Sie sind nicht höflich mit Ihrem ‚so rasch wie möglich‘,“ unterbrach Graf Ulrich sie in demselben Tone; „weshalb diese Eile, das, was allein Sie in meinem Hause zurückhält, abzumachen? Ich wäre im Stande, Ihnen die Pergamente, deren Sie bedürfen, zu nehmen und Ihnen täglich nur Eines zu geben, damit Sie recht viele Tage …“

Der Vicomte fiel ihm in die Rede, er legte die Hand auf den Arm des Grafen, um ihn wegzuführen, und sagte, wie um seiner Tochter eine Antwort zu ersparen: „Kommen Sie, Herr Graf, Sie wissen, ce que femme veut, Dieu le veut, es hilft nicht, dawider sich auflehnen.“

„Freilich, dann nicht, wenn Sie Ihre Fräulein Tochter nach diesem ein wenig gefährlichen Grundsatze erzogen haben, Herr Vicomte,“ rief Graf Ulrich lachend und wandte sich dann zu gehen.




5.

Melusine blickte ihnen, als die Thür sich hinter ihnen geschlossen, mit leicht gerunzelter Braue nach.

„Wie höflich – und wie impertinent ist dieser Mensch!“ sagte sie bitter vor sich hin; „halb sind wir ihm seine Standesgenossen und Verwandte und halb – arme Teufel, die man behandelt, wie man Lust hat! Oder ist er gegen alle Menschen so?“

Sie ging in das offenstehende Nebenzimmer, suchte hier eine Anzahl der Pergamente aus der Mappe und nahm sie an sich, um damit auf die ihr und dem Vater angewiesenen Zimmer zu gehen.

Graf Ulrich war unterdeß offenbar ein wenig verstimmt über einen Corridor, dann eine Treppe hinauf und endlich oben bis an eine Flügelthür gegangen, die in einen Raum führen mußte, welcher gerade über dem unteren Hauptsaale lag. Wenn man nach rechts den Corridor hinabsah, der auch hier durch das Gebäude lief, so erblickte man im Hintergrunde eine Glaswand, die den Gang hier [451] abschloß und nach der andern Seite hin mit einer weißen Gardine verhängt war; es mußte dahinter die Wohnung der Frau Wehrangel liegen, denn der große Thurm schloß sich dort an das Gebäude.

Graf Ulrich öffnete die Flügelthür und führte den Vicomte, der ihm gefolgt war, in den stattlichen Raum, der nach allen Seiten hin mit einfachen eichenen Bücherrepositorien besetzt war und eine sehr respectable Bibliothek enthielt.

„Ah,“ sagte der Vicomte mit einem leichten Ausrufe der Verwunderung, „das ist ein Bestandtheil der Herrschaft Maurach, der diesem Namen die größte Ehre macht.“

„Wie man’s nimmt,“ versetzte der Graf. „Es beweist freilich, daß es einmal einen wissenschaftlich gebildeten Mann in der Familie gegeben hat, denn sonst würden die Bücher nicht hier sein. Aber die Schande ist nun für die Nachkommen um so größer, wenn sie absolut nichts wissen von Allem dem, was in diesen Büchern steht. Dies Gefühl ist in mir leider noch das vorherrschende, sollte es wenigstens sein. Kommen Sie, sehen wir uns die Titel an, um zu erforschen, an welcher Seite wir dasjenige, was innerhalb des Bereiches Ihrer Studien liegt, finden. Hier haben wir,“ fuhr er, einem der Repositorien nahetretend und die Rückentitel lesend, fort, „die Moralisten des vorigen Jahrhunderts. Da ist Bolingbroke, Shaftesbury, Lord Chesterfield …“

Der Graf sprach die englischen Namen, wie er sie geschrieben fand.

„Sie lesen nicht englisch?“ fragte mit einem kleinen überlegenen Lächeln der Vicomte.

„Ich spreche, oder wie Sie es nennen werden, radebreche französisch. Das ist aber auch Alles, was ich kann. Ich denke: wozu Sprachen lernen? es wird Einem schon schwer genug, in der einen angeborenen das, was man fühlt und denkt, und was Einem durch den Kopf geht, auszudrücken.“

„Es kommt doch weniger darauf an, sich auszudrücken, als darauf, daß man verstehe, was Andere haben ausdrücken wollen. Wir können von den anderen Völkern Vieles lernen, wenn wir gelernt haben, sie zu verstehen.“

„Denken Sie so? Ich nicht. Ich sehe in der Sprache ein Mittel, mich verständlich zu machen. Das ist mir wichtiger, als zu erfahren, was Andere wollen. Es ist ihre Sache, ihre Wünsche zu erreichen, ihre Ueberzeugungen durchzusetzen. Aber hier kommen wir an die Geschichte – an die Geschichte Frankreichs.“

„In der That,“ sagte der Vicomte, sich zu den unten stehenden Folianten und Quartanten niederbeugend, „hier finde ich lauter Werke, welche sich mit der Geschichte Frankreichs beschäftigen – ah … und da ist auch der ‚Père Anselme‘ und hier das unvergleichliche Werk, der Montfaucon, seine ‚Monuments‘, die ich so schwer vermißt habe …“

„Vortrefflich!“ rief der Graf aus; „so verlegen Sie Ihr Arbeitscabinet in diesen Saal und bleiben Sie hier bei mir, bis Sie alle diese Werke ausgeschöpft haben.“

„Und meine Tochter?“ erwiderte lächelnd der Vicomte.

„Ich denke, Ihrer Tochter bedürften Sie als Ihres Gehülfen bei solcher Arbeit …“

Der Vicomte antwortete nicht; er sah noch einige der Rückentitel an, und dann sich erhebend, sagte er: „Sie haben mir eigentlich das Herz schwer gemacht, indem Sie mir alle diese Schätze zeigten, die mir doch verschlossen bleiben müssen.“

„Weil Sie eigensinnig sind …“

„Nichts deshalb,“ fiel der Vicomte ein. „Sie wissen, was mich zwingt, die Heimath aufzusuchen. Ich bin zu arm, um nicht zunächst darauf meine Gedanken richten zu müssen – alle, alle. Ich habe Ihnen ja offen gesagt, wie es um uns steht, Herr Graf. Lassen Sie mich,“ fuhr er erröthend und wie mit einer Anstrengung über sich selbst tief aufathmend fort, „lassen Sie mich in dieser Offenheit noch einen Schritt weiter und bis an’s Ende gehen. Ich bin gekommen in der Hoffnung, von Ihnen die Mittel zu erhalten, deren ich nothwendig bedarf, um meinen Zweck zu erreichen. Es würde, um ohne Umschweife zu reden, ein Vorschuß, ein Darlehen von tausend Thalern sein; davon, daß Sie ihn mir großmüthig gewähren, hängt die Zukunft für uns ab …“

Der Vicomte athmete wieder tief auf und sah mit verwirrten Zügen und scheuen Blicken in das Auge des Grafen.

Es war unverkennbar, wie furchtbar peinlich ihm der Augenblick war, wie sehr sein Stolz, sein Ehrgeiz darunter litt. Er war mitleidswürdig.

Und doch schien er diesen Eindruck nicht auf den Grafen Ulrich zu machen. Dieser sah ihn mit funkelnden Augen an, biß sich eine Weile, worin er nicht antwortete, auf die Lippen und vergrub dabei, wie behaglich, seine beiden Hände in die Taschen seines Jagdrocks.

„Sie fühlen selber,“ fuhr, durch dies Wesen verschüchterter, der Vicomte stotternd fort, „wie schmerzlich diese Lage für mich ist, die mich zwingt, so an Ihre Sympathie zu appelliren. Wäre es nicht der Gedanke, daß Sie selbst ein Interesse haben müßten an dem möglichen Erfolge eines Mannes, der, wenn auch sehr entfernt nur, doch Beziehungen zu Ihrer Familie hat, und etwas von Ihrem Blute in seinen Adern …“

Graf Ulrich machte eine barsch abwehrende Bewegung mit der Hand, während sein Auge mit demselben Ausdrucke auf dem mitleidswürdig aussehenden Vicomte lag. Es war wie der Blick eines Naturforschers auf ein von seinem Instrument zerquältes Insect, das ihn eine neue Entdeckung machen läßt, ein Blick voll Spannung und – Befriedigung!

„Scheint Ihnen die Summe zu groß …“ fuhr der Vicomte leiser fort, und nach seinem Tuche suchend, um sich die Stirn zu trocknen.

„Ah bah, Sie armer Mann!“ rief Graf Ulrich jetzt aus, „wie hart muß Sie das Schicksal geschüttelt haben, daß Sie so erregt sind und so viel Wesens machen um eine solche Lappalie! Sagen Sie mir, hat dies harte Schicksal, die Noth und die Leiden, die Sorge und die Demüthigungen, haben sie Sie stärker, tüchtiger, nobler und besser gemacht, oder ist es umgekehrt? Aber freilich, das ist eine indiscrete Gewissensfrage,“ setzte er auflachend hinzu. „Seien Sie mir nicht böse darum …“

Des Vicomte Züge glätteten sich und mit einem wie freudigen Erröthen sagte er, ohne auf des Grafen Rede einzugehen: „Sie nennen es eine Lappalie?“

„Nun freilich … an und für sich vielleicht nicht, aber jedenfalls im Verhältniß zu der Anstrengung, die es Sie gekostet hat, mich darum zu bitten!“

„Ihre Güte wird also so groß sein, meine Bitte zu erfüllen?“

„Nein – denn leider hängt die Größe meiner Güte von ihrer Macht ab. Ich habe keine tausend Thaler. Sie sind leider nicht in meiner Casse. Ich bin ein armer Teufel, fast wie Sie, Herr Vicomte. Alles, was in meine Rentcasse fließt, ist außer dem unumgänglich nöthigen Bedarf für mich und meinen Haushalt hier an meine Gläubiger gesandt worden. Ich habe eine ganze Schaar solch bellender Hunde, denen ich jetzt das Maul stopfen muß. Denn Sie müsten wissen, daß ich, bis ich hierher kam, ein großer Lump war. Man hat mich deshalb vom Regimente fortgejagt.“

„Ach,“ sagte mit einem sehr tiefen und schmerzlichen Seufzer der Vicomte, „das ist schlimm, sehr schlimm!“

„Nicht so schlimm, wie es aussieht. Ich glaube, mein Rentmeister hat demnächst bedeutende Geldsummen aus den im verflossenen Winter gemachten Holzschlägen einzunehmen. Die Sache ist also einfach: ich gebe dem Rentmeister Befehl, diese Zuflüsse aufzustauen, bis sie auf die Höhe von zweitausend Thalern gewachsen sind. Diesen Zeitpunkt warten Sie hier ab.“

„Ich bat nur um tausend.“

„Die werden nicht reichen – tausend würden weggeworfen sein, während zweitausend Sie eher in den Stand setzen werden, Ihr Recht in Frankreich durchzusetzen und dann mir den Vorschuß zurückzuerstatten. Ich habe Ihnen gesagt, weshalb ich darauf, auf die Rückerstattung, halten muß.“

Der Vicomte sah sehr betroffen aus.

Graf Ulrich lachte.

„Entsetzt Sie der Gedanke so, daß Sie nun einige Tage, vielleicht Wochen lang mein Gast sein müssen?“

„Es ist mir in der That peinigend, Ihre Güte so sehr in Anspruch nehmen zu müssen …“

„Ach,“ sagte Graf Ulrich fast unwillig, „beruhigen Sie sich doch darüber. Sie sehen ja, wie, sehr ich hier allein bin, wie dankbar ich Ihnen und Ihrer Tochter sein muß, wenn Sie mir ein wenig Gesellschaft leisten. Es ist ja ganz klar, daß ich Ihnen damit ein Opfer zumuthe, diese monotone Einsamkeit zu theilen. Doch hoffe ich, daß ich’s darf, ohne mir zu große Gewissensbisse machen zu müssen, da Sie selbst nicht an große gesellige und andere Lebensgenüsse gewöhnt sein können während Ihres Lebens in den letzten Jahren; und so hoffe ich, Sie werden mit Schloß [452] Maurach vorlieb nehmen. Also abgemacht! Ich gehe, meinen Rentmeister zu instruiren.“

Der Graf verbeugte sich leicht und verließ den Bibliotheksaal.

„Das heißt, Du solltest Gott danken, daß man Dich armen Vagabunden hier als Gast aufnimmt!“ flüsterte der Vicomte, von diesen letzteren Worten tief verletzt, und noch eine Weile zerstreut auf derselben Stelle stehen bleibend.

In dieser Deutung und Auslegung seiner harmlos hingeworfenen Worte hätte Graf Ulrich, wenn er sie vernommen hätte, eine Antwort finden können auf seine vorhin dem Vicomte gestellte Frage, ob das Leid und die Schicksalsschläge ihn gehoben, geläutert und besser gemacht. Sie hatten ihn jedenfalls sehr mißtrauisch und verletzlich gemacht!

Auch er verließ jetzt den Saal. Er eilte, um seine Tochter aufzusuchen und ihr den Erfolg seiner Unterredung mit dem Schloßherrn mitzutheilen, auf den sie so sehr gespannt sein mußte, und um zu hören, wie sie diesen Erfolg aufnehmen würde.




6.

Der Vicomte fand seine Tochter in einem alterthümlich aussehenden Zimmer im rechten Flügel des Hauses, der, an den großen Eckthurm angesetzt, im rechten Winkel nach vorn vorsprang; zwei Fenster gingen nach dem Hofe hinaus, ein drittes nach außen in’s Freie gehende gewährte dieselbe Aussicht, wie man sie aus dem Mittelsaale mit den chinesischen Tapeten hatte. Das machte diesen für Fremde bestimmten Raum sehr freundlich; sonst aber sah er ein wenig verstaubt und verdunkelt aus; die Möbel waren sehr schwer und sehr altfränkisch und die Ueberzüge sehr verschossen; die Fenster hatten schwere Läden, aber keine Vorhänge, und ein großer leerer Kamin gab dem Ganzen etwas Unwohnliches. Die Wände waren mit Hautelisse-Tapeten, welche im letzten Jahrhundert ihres farbenreichen Daseins auch ein wenig von ihrer Frische verloren hatten, bekleidet. Sie stellten Scenen aus der heiligen Schrift dar, und über dem Kronenräuber Ahab war ein schlechter Kupferstich gehangen, der den Großherzog Murat im ganzen Glanze seiner theatralischen Ritterlichkeit darstellte – gewiß hatte nur der wohlgemeinte Wille, die loyale Gesinnung der Schloßbewohner an den Tag zu legen, den neuen Landesvater in dem Zimmer angebracht, das als Hauptfremdenzimmer so oft durchreisenden Beamten, Inspectoren oder Officieren marschirender Truppen eingeräumt wurde.

Melusine saß an einem runden Tische in der Mitte des Zimmers; sie hatte Schreibzeug vor sich, die zu excerpirenden Urkunden lagen daneben; doch saß sie, das Kinn auf den Arm gestützt, ohne zu arbeiten – die Spannung auf das Ergebniß der Unterredung, welche sie in diesem Augenblicke zwischen ihrem Vater und dem Hausherrn voraussetzen durfte, mochte ihr nicht die Ruhe lassen, sich anderen Dingen zuzuwenden.

Als der Vicomte eintrat, sah sie ihn mit fragenden Blicken und leise erblassend an, ohne ihre Stellung zu verändern und ohne ein Wort zu sprechen.

Er warf sich tief aufathmend und wie erschöpft auf den Stuhl ihr gegenüber.

„Ich habe mit ihm geredet,“ sagte er leise. „Mein Gott, wohin kann die Noth uns bringen! Zu welchen Demüthigungen!“

„Und noch dazu umsonst!“ rief Melusine erschrocken über dieses Wesen ihres Vaters aus.

„Nicht das,“ sagte er. „Nein, nein! Beruhige Dich! – Seine Antwort war eine überraschend gütige, wenn sie nicht wieder eine überraschend schlimme gewesen.“

„Wie soll ich das verstehen?“

„Er behauptet die Summe, deren wir bedürfen, nicht zu besitzen.“

„Ah! In der That?“

„Aber er will uns dennoch das Doppelte hergeben; nur sollen wir warten, bis sein Rentmeister sie beschafft.“

„Wie lange soll das währen?“

„Vielleicht Wochen!“

„O mein Gott … Wochen lang soll sich für uns diese peinigende Situation, dies drückende Bewußtsein, daß wir hier eigentlich eine treulose, abscheuliche Rolle spielen, ausdehnen?“

„Können wir etwas Anderes thun, als uns darein ergeben? Ich sagte Dir, er will uns das Doppelte dessen, was ich erbat, geben …“

„O, das ist es eben, diese großmüthige Arglosigkeit in einem sonst rückhaltslosen und abstoßenden, in Egoismus verwilderten Charakter …“

Der Vicomte krampfte schmerzlich seine Hände zusammen.

„Du hast Recht,“ sagte er. „Wie arglos giebt er uns diese Documente da; wie eifrig war er, mir sein ganzes Archiv zu öffnen! – Und wir, die wir kommen, um ihm den Krieg zu bringen, und dazu als Waffen eben dieser Documente bedürfen!“

„Wir werden uns zum strengsten Gesetz machen,“ fiel Melusine ein, „nur das zu nehmen, was wir bedürfen, um unser Gut in Berry ausgeliefert zu erhalten, um uns dort als die Eigenthümer oder Erben zu legitimiren. Wir wollen seiner Güte nur das verdanken. Und, Vater, wäre es denn ein so Großes, wenn wir unsere Gedanken ganz auf diesen nächsten Zweck beschränkten? Wenn wir unser Gut in Berry zurückerhalten haben und wenn es hinreicht, uns bequem und sorgenfrei leben zu lassen – wäre es dann nicht das Weiseste und Edelste, uns zu begnügen und über unsere Ansprüche auf diese Herrschaft Maurach zu schweigen?“

„Wie … ganz zu verzichten?“

„Hatten wir denn ursprünglich Rechte darauf? Sind die Rechte dieses Grafen Ulrich nicht ältere und deshalb vielleicht auch bessere als die unsrigen?“

„O nein, nein – das Gesetz giebt uns …“

„Ein neues, ein revolutionäres Gesetz, für das wir nicht eintreten können, ohne unsere Ueberzeugungen zu verleugnen, ohne uns selbst unritterlich zu erscheinen. Wäre dies neue Gesetz, das dem alten Lehnswesen ein Ende gemacht und uns als die eigentlichen Erben berufen hat, ein Ausdruck unserer Grundsätze, dann wäre es etwas Anderes.“

„Mein Kind,“ unterbrach sie der Vicomte, „der Grundsatz eines Edelmanns, der sein Haus aufrecht erhalten oder, wenn es gefallen ist, es wieder zu Ehren bringen will, muß vor Allem sein, sein Recht zu behaupten, unbeugsam und bis zur Härte streng für sein Recht einzutreten. Ohne rücksichtloses Festhalten daran, ohne zähes Vertheidigen kommen die Menschen und vor Allem die Familien unter die Füße und gehen zu Grunde. Sprich mir nicht davon. Ich habe ja hier auch nicht allein ein Recht zu vertheidigen, sondern auch eine Pflicht zu erfüllen, die Pflicht gegen Dich und Deine Zukunft.“

„Wenn ich Dich davon frei spräche …“

„Da es eine Pflicht gegen Dich ist, darf ich auf das, was Du darüber sagst, nicht hören!“

Melusine schwieg.

„Er hat Dir nichts darüber gesagt, wann er im Stande sein würde, Deinen Wunsch zu erfüllen, wann wir ein Ende für diese peinvolle Lage hoffen dürfen?“

„Nichts Bestimmtes – als daß es Wochen lang dauern könne.“

„Und er hat Dir freiwillig zweitausend statt tausend Thaler versprochen?“

„So ist es – weil tausend nicht reichten.“

„Aber damit zweitausend Thaler beschafft werden, haben wir doppelt so lange hier zu sein, als wenn es sich blos um tausend handelte!“

„Vermutest Du eine Absicht dabei?“ fragte der Vicomte mit einem scharfen Blick in’s Auge seiner Tochter; „die Absicht gar, Dich um so länger hier zu fesseln?“

Sie zuckte gedankenvoll die Schulter, und blickte dabei zum Fenster hinaus.

„Ich denke,“ sagte sie dann, „wir können uns darein fügen, weil wir um so länger Gelegenheit erhalten, den Charakter dieses Mannes zu ergründen. Wenn er in der That so ist, wie er scheint, so werden wir am Ende weniger Gewissensscrupel dabei zu empfinden haben, daß wir darauf ausgehen, diese schöne Herrschaft mit all’ den Menschen, die davon abhängen, aus den Händen eines wilden jungen Mannes, der sie zu Grunde richten würde, zu nehmen!“

„Das ist eine sehr richtige Bemerkung, mein Kind,“ versetzte eifrig der Vicomte, sehr bereitwillig die Sache von diesem Gesichtspunkte aus anzusehen; und je mehr Beruhigendes für sein Zartgefühl in diesem Standpunkte lag, desto geneigter war er, das Urtheil seiner Tochter über den Charakter des Grafen Ulrich zu theilen und es mit jedem Tage, den er in Maurach zubringen würde, sich selber unbewußt schärfer und härter zu machen.

Gewiß war auch Melusine ganz ebenso geneigt und bereit [453] dazu, an Graf Ulrich Maurach den Maßstab einer recht strengen und hartherzigen Beurtheilung zu legen. – Sie seufzte tief auf – dann wie sich aufraffend, schob sie die Arbeit, welche sie sich vorgenommen, näher und sagte: „So könnten wir uns denn diese Auszüge mit aller wünschenswerthen Muße anfertigen.“

„Und ich hätte Muße, einen wahren Schatz kostbarer und seltener Werke auszubeuten, die ich oben in der Bibliothek fand,“ bemerkte der Vicomte und erhob sich, um zu diesem Schatze zurückzukehren.

[465]
7.

Fräulein Melusine de la Tour de Bussières saß am andern Morgen in ihrem Zimmer schon wieder bei der Arbeit, welche sie jetzt mit so viel Muße fördern konnte, während ihr Vater sich eben wieder nach oben in die Bibliothek begeben hatte. Da öffnete sich leise die Thür und ein sehr einfach gekleidetes junges Mädchen trat herein, das aber so auffallend hübsch war, daß Melusine überrascht sie anschaute.

„Kennen Sie mich nicht?“ sagte sie. „Ich habe Sie doch im Kahn über den Graben geschifft, vorgestern Abend?!“

„Gewiß, gewiß, ich erkenne Sie, mein Kind,“ versetzte Melusine, „aber ich hatte da nicht wahrgenommen, daß Sie so merkwürdig hübsch sind.“

„Nicht? Das sieht man doch sonst bald!“ gab die Thurmschwalbe mit dem unbefangensten Ernste zur Antwort.

„Sie haben Recht,“ versetzte Melusine ein wenig verwundert über diese Offenheit. „Es kam,“ setzte sie hinzu, „ich war zerstreut, besorgt um die Aufnahme, welche wir hier finden würden.“

„Und jetzt sind Sie beruhigt …“

„Sicherlich. Der Graf hat uns sehr gütig aufgenommen …“

„Und die Mutter sendet mich,“ fiel die Thurmschwalbe ein, „damit ich mich Ihnen als Gesellschafterin oder als Ihre Zofe anbiete, wenn Sie wollen. Die Mutter sagt, Sie bedürften gewiß eines weiblichen Beistandes, und unsere Mägde in der Küche sind viel zu plump, als daß sie sie Ihnen zusenden dürfte; sie verstehen gar nichts. Ich kann sehr schön coiffiren, die Mutter hat es mich gelehrt.“

„Das ist gar zu viel Güte. Wie könnte ich sie annehmen!“

„O, nehmen Sie sie immerhin an – Sie thun der Mutter einen Gefallen damit.“

„Einen Gefallen?“

„Die Mutter wünscht, daß ich mit Ihnen plaudere; vielleicht denkt sie, das bildet mich; sie sagt, ich soll ganz offen mit Ihnen reden und Ihnen Alles erzählen, was ich weiß. Sie sagt, Sie würden gewiß nach unserm Herrn Grafen fragen, und da soll ich Ihnen Alles erzählen.“ …

Melusine sah das junge Mädchen wieder überrascht an. Das Geplauder derselben schien fast anzudeuten, daß sie in der Wirthschafterin des Grafen, der Frau Wehrangel – so hatte sie sie ja wohl nennen hören, wiedergesehen hatte sie sie noch nicht – eine heimliche Bundesgenossin habe. War die Frau ihrem jungen Gebieter feind, und sandte sie ihr, um sich selbst nicht zu compromittiren, die Tochter als Vermittlerin?

„Sie sehen mich so verwundert an? Nun ja, mich wundert’s auch, denn die Mutter ist, besonders gegen Fremde, die Verschlossenheit selbst. Auch sogar gegen mich. Glauben Sie“ – Annette ging, sich einen Stuhl heranzuziehen und setzte sich darauf Melusinen gegenüber – „glauben Sie, daß ich von ihr gar nicht unsere eigenen Familienangelegenheiten herausbringen kann, zum Beispiel ob mein Vater noch lebt oder nicht? Und das gehört doch dazu. Aber unmöglich! Bald spricht sie so, bald so darüber ... das heißt eigentlich spricht sie nie darüber. Soll ich Ihnen Wäsche mit nach unten nehmen? es wird morgen gewaschen!“

„Ich danke Ihnen … Sie sind sehr freundlich, aber alle solche Arbeit habe ich bisher für mich selbst thun müssen …“

„Nun, das schadet nicht – wollen Sie nicht böse sein, wenn ich Ihnen sage, wie ich darüber denke? Sie haben es gewiß gern gethan, und was die Andern angeht, diese vornehmen und hoffährtigen Leute, diese hochgeborenen Damen, die nicht wußten, wie man einen einfachen Saum näht und eine Nestel zuhakt, so ist ihnen das ganz wohlthätig, daß sie ein wenig gedemüthigt sind und gemerkt haben, daß brave Menschen, die etwas können und leisten und auf sich selber stehen, viel mehr Grund haben, stolz zu sein, als so alberne, hülflose Geschöpfe, die zu träge und zu verwöhnt waren, etwas zu lernen.“

„Haben Sie das auch von Ihrer Mutter gehört?“ fragte Melusine, ein wenig verletzt, wie es schien.

„Nein, vom Caplan.“

„Ist das solch ein Jacobiner, ein Caplan?“

„Nein, der Caplan ist gar kein Jacobiner,“ fiel lebhaft die Thurmschwalbe ein; „er ist aber sehr, sehr klug, obwohl er noch recht jung und eigentlich,“ lachte die Thurmschwalbe plötzlich auf, „auch noch recht gründlich einfältig ist. Man kann ihn so hübsch necken. Er glaubt Alles, was man ihm sagt, und man kann ihn so rasch mit einem einzigen Worte in Verzweiflung setzen – o, es ist gar zu verführerisch!“

„Und thun Sie das oft?“

„Ach nein – früher zuweilen, aber nun, wo der böse Pastor da ist, der ein so durchtriebener abgefeimter Mensch ist, nun nicht mehr, denn nun müssen wir zusammenhalten gegen den – um ihn nicht aufkommen zu lassen mit all’ seinem schlimmen und abscheulichen Gerede; und das ist oft nicht leicht, gar nicht leicht, der [466] Caplan und ich haben oft unsre liebe Last mit dem Bösewicht …“

„Aber der Pfarrer, der uns herbrachte – Sie meinen doch den nicht?“

„Nein, nein, nicht den – das ist ein gar ernster und strenger Herr, der Herr Pfarrer – den Pastor, so nennen wir den hier, den man von seiner Pfarre abgesetzt hat, um hier bei unserm Pfarrer sich zu bessern.“

„Und der junge Caplan und Sie arbeiten zusammen an diesem Besserungswerk?“

Die Thurmschwalbe lachte.

„Nein,“ sagte sie, „wir vertheidigen uns nur zusammen gegen seine Angriffe, seine böse Zunge. Bekehren können wir den doch nicht mehr – selbst der Herr Pfarrer, glaub’ ich, hat’s aufgegeben. Aber ich störe Sie wohl mit meinem Geplauder?“

„Nicht doch, nicht doch! Was könnte mir angenehmer sein, als mir von Ihnen erzählen zu lassen.“

„Sie sich von mir?“ lachte Annette. „Ich, ich habe gar nichts zu erzählen; ich habe nichts erlebt, nichts gesehen, nichts erfahren; Aber Sie, Sie, Fräulein, was müssen Sie Alles schon erlebt und gesehen haben!“

„Manches, mein Kind – erzählt ist’s dennoch rasch. Ich war eben confirmirt, als wir flohen, emigrirten. Wir zogen nach Coblenz – von dort mußten wir weiter in’s Innere Deutschlands fliehen. Seitdem haben wir mehrere Städte bewohnt – haben uns immer weiter gen Norden begeben, nach Hamburg, nach Ploen …“

„Ploen – das habe ich kaum je nennen hören, wie weit muß das sein!“ unterbrach sie Annette.

„Es ist weit im Norden von Deutschland, und im Winter schon sehr rauh und kalt. Der Wind von der Ostsee herüber stürmte oft entsetzlich um unser schwaches, aus Fachwerk gebautes Haus.“

„Und Sie haben wohl viel gelitten da? Man spricht oft davon, wie viel die armen Emigranten auszustehen hatten!“

„Gewiß!“ sagte Melusine ernst, „sehr viel! Es waren ihrer nicht weniger als vierzigtausend, die arm und ohne Hülfsmittel über Deutschland, Holland und die Schweiz zerstreut waren. Eine edle und mit einigen Hülfsquellen versehene Frau unter ihnen hat Vielen beigestanden, sonst wären ihrer noch viel mehr untergegangen.“

„Wer ist die Frau?“

„Die Marquise von Montagu, die Schwägerin Lafayette’s, von dem Sie gehört haben werden.“

„Gewiß,“ nickte die Thurmschwalbe, „er sei ein edler freisinniger Mann, sagt der Caplan.“

„Die Marquise, die auf einem Gute bei Ploen wohnte,“ fuhr Melusine zu erzählen fort, „hatte eine ‚Oeuvre des Emigrés‘ gestiftet; ein edler deutscher Herr, ein Graf Stolberg, der durch ihre Frömmigkeit und ihren christlichen Eifer gerührt ist, hatte sich ihr angeschlossen und sie unterstützt …“

„Stolberg?“ sagte Annette wie nachsinnend, „ich glaube, der Pfarrer erzählte, er sei katholisch geworden, und der Pastor bemerkte dazu, der Herr Jesus sage bei Lucas: ‚wandert nicht von einem Hause in das andre‘.“

„Es scheint in der That ein seltsamer Heiliger, dieser Pastor,“ entgegnete Melusine mit strengem Ausdrucke. „Aber lassen wir ihn – ich wollte Ihnen von den Emigranten erzählen und der rastlosen Thätigkeit der Marquise de Montagu und ihres Hauses, der Noailles, um uns Alle über dem Wasser zu erhalten, bis die Stunde der Befreiung für Viele wenigstens, die nicht auf der fremden Erde untergegangen, schlug – bis man in Frankreich anfing, Einzelne und dann immer Mehrere von der Liste der Emigranten zu streichen oder ihnen wenigstens, wie uns, eine ‚Surveillance‘ zu gewähren, eine Erlaubniß, unter Polizeiaufsicht in Frankreich zu sein.“

„Ach, Sie sollten nicht heimkehren in das böse Land, wo so viel Blut geflossen ist. Wir leben so ruhig hier, Sie sollten bleiben. Vor einigen Jahren war auch hier Krieg. Preußen zogen durch – auf allen Straßen. Und dann kamen sie zurück, aber sie sahen gar nicht mehr gut aus. Und Franzosen kamen auch – ganz andere als die, welche jetzt im Lande sind, viel, viel häßlicher, zerrissener und wilder. Sie stahlen auch, sie stahlen Gänse von den Weiden und nahmen auch Rinder fort. Sie hatten Katzen bei sich, bei einem Trupp einen große Hahn, der vorauf lief. Denken Sie! Er war braun mit einem ganz goldenen Halse. Nein, bleiben Sie hier, die Polizei wird Ihnen ganz gewiß böse Dinge zufügen, wenn Sie in Frankreich zurück sind. Der Graf ist lange nicht so schlimm, wie die Mutter ihn macht; wenn sie mir von ihm redet – obwohl …“

„Obwohl? … plaudern Sie weiter, liebes Kind,“ sagte Melusine aufhorchend.

„Er ist doch schlimm!“ hauchte ihr im Flüsterton Annette über den Tisch zu.

„Nun? Weshalb?“

„Ja, sehen Sie – ich weiß es nicht – aber die Mutter hat es mir erzählt – mir thut er nichts, er kümmert sich nicht einmal um mich – aber die Mutter sagt, er habe schon drei Menschen umgebracht. Aber“ – Annette legte den Finger auf den Mund – „aber es darf es Niemand erfahren!“

Melusine sah sie an mit der Miene der unverhohlensten Ueberraschung – des Erschreckens; dann aber sagte sie achselzuckend:

„Ah bah – das ist thöricht, solche Dinge zu sagen; nein, es ist sündhaft, sie Jemandem nachzusagen, wenn man die Beweise nicht hat. Einen Mörder straft man und läßt ihn nicht auf freien Füßen einhergehen. Es ist nicht möglich, es ist gewiß Verleumdung. Sprechen Sie, wie sollte das wahr sein können?“

Die Thurmschwalbe warf ein wenig schmollend die Lippen auf, wie etwas von Trotz zitterte in ihren sich leicht blähenden feinen Nasenflügeln. Hatte es sie beleidigt, daß die Fremde das, was sie ihr anvertraut, Verleumdung nannte? Oder war es nicht ironisch, sondern aufrichtig gemeint, als sie antwortete:

„Wenn es Verleumdung und sündhaft ist, so etwas zu sagen, so will ich’s lieber zurücknehmen – denn Beweise habe ich freilich nicht, wie sollt’ ich auch, und die Mutter hat sie sicherlich auch nicht in ihrem Eckspind, so sorglich sie auch immer verschließt, was sie da drin hat. Sprechen wir von Anderem. Erzählen Sie mir mehr von sich, von den Emigranten – wenn Sie nun heimkommen, ziehen Sie dann in Ihre alten Häuser und Schlösser wieder ein, und kommen die Leute, die ehemals Ihre Unterthanen waren, und bringen Alles zurück, was sie Ihnen abgenommen haben? Ich hätte gar nicht das Herz hinzugehn und zu sagen: ‚da bin ich wieder und nun langt einmal Alle heraus, was mir früher gehört hat!‘“

„Die Heimgekehrten erhalten zurück, was nicht von der Regierung verkauft und veräußert ist; was veräußert ist, bleibt ihnen entfremdet, falls nicht die Ankäufer so ehrlich sind, es ihnen gegen den Ersatz der geringen Summe, die sie auf den Ankauf gewandt haben, zurückzugeben. Viele treue Seelen haben sie auch nur in der Absicht gekauft, sie den wahren Eigenthümern zurückzuerstatten. Sehr oft haben sich alte anhängliche Diener gefunden, die wenigstens die fahrende Habe, die Meubel und alles Aehnliche im Stillen auf die Seite gebracht haben, um es uns zurückzugeben, und die Briefe der meisten Heimgekehrten, welche wir gelesen haben, zeigen neben der Trauer über das, was sie von ihrer alten Existenz zerstört gefunden, auch die Freude über so viel rührende Züge der Treue …“

„Ach,“ sagte die Thurmschwalbe, „ich würde doch nie in ein so schreckliches Land, wo man so viel geköpft hat, zurückkehren. Mit Menschen umzugehen, die bei solchen Schrecklichkeiten geholfen, mitgewirkt, die selbst wohl Blut an ihren Händen haben, bei Jedem, der Ihnen begegnen wird, fragen zu müssen: ‚bist auch Du Einer von denen, welche mordeten?‘ nein, nein, das wäre ja entsetzlich, ich hielte es da nicht aus.“

„Mein liebes Kind,“ antwortete Melusine mit einem scharfen wie forschenden Blick, „Sie halten es hier sehr gut im Schlosse aus, und sagen mir doch, der Herr dieses Schlosses habe selbst drei Menschen …“

„O, ich will es auch nicht wieder sagen, niemals!“ rief die Thurmschwalbe aus.

„Aendert das die Sache?“

Annette antwortete nicht – sie glaubte wohl, mit der Erwiderung, womit sie weiteren Mittheilungen ausgewichen, genügt zu haben, wenn diese Antwort auch nicht sehr logisch war. Melusine gelang es auch nicht, so sehr sie es wünschte und so oft sie einen Versuch machte, Annette auf dieses Thema zurückzubringen. War das junge Mädchen so einfältig, oder war es so schlau? – Es stand auf, um wieder zu gehen.

„Also heute wollen Sie mir nichts auftragen, keinen Dienst von mir annehmen? Aber gewiß haben Sie morgen etwas gefunden, [467] worin ich Ihnen nützlich sein kann. Ich komme morgen wieder zu Ihnen, Fräulein; nicht wahr, ich darf ja?“

„O, gewiß wird es mich freuen.“

„Und wenn es Ihnen lästig wird, so lange deutsch zu reden, ich rede auch französisch.“

„In der That?“

„Freilich – aber sehr schlecht. Meine Mutter hat es mich gelehrt – schon früher, bevor noch Ihre Landsleute kamen und es nun alle Welt hier lernen muß. Sie reden so geläufig deutsch!“

„Das ist kein Wunder – ich bin in Deutschland aufgewachsen.“

„Finden Sie, daß der Graf gut französisch redet?“

„Sehr fließend, aber nicht correct – das müssen Sie selbst oft gehört haben!“

„O nicht doch – er redet nie mit mir; er erwidert meinen Gruß, er sieht mir, wenn ich an ihm vorübergehe, wohl nach – dann aber kümmert er sich nicht weiter um mich, und wenn er mich wieder sieht, macht er dasselbe verwunderte Gesicht, als sähe er mich zum ersten Male in seinem Leben. So ist er überhaupt – so zerstreut; neulich sah ich ihn, wie er vom Felde herkam, und als er auf den Hof trat, blieb er plötzlich stehen, erhob langsam wie verwundert das Gesicht und sah das Schloß an, als ob er es in seinem Leben nicht gesehen habe. Oft denk’ ich, er ist nicht recht gescheidt! – er will die ganze Bibliothek durchlesen, Joseph muß ihm jeden Abend einen Arm voll Bücher herunterholen – aber wissen Sie, wie er es macht? er sieht von dreien oder vieren den Titel an, dann schiebt er mit Verwünschungen den ganzen Haufen von sich und Joseph kann sie wieder fortbringen; er legt sich in den Sessel zurück und raucht und starrt die Decke an – so studirt er die ganze Bibliothek durch! Nicht wahr – dabei wird er klüger werden?“

Die Thurmschwalbe lachte laut.

„Und verkehrt der Graf nicht mit dem Herrn Pfarrer oder Ihrem Herrn Caplan?“

Annette schüttelte blos den Kopf. „Mit dem Caplan?“ sagte sie dann das Näschen rümpfend, „dem, sehen Sie, dem verböt’ ich’s nun geradezu – der würde gewiß nur recht garstige Reden und schlechte Dinge von ihm lernen! Aber wie ich wieder in’s Plaudern gerathe; und gewiß bin ich Ihnen schon längst lästig geworden! Adieu, adieu – bis morgen, nicht wahr? Adieu!“

Und damit war die Thurmschwalbe davongeflattert, ehe Melusine nur hatte antworten können, daß sie sie morgen gern wiedersehen werde.

Melusine sah ihr sinnend nach, an alles das denkend, was sie ihr in ihrem Geplauder verrathen. Die wunderlichen Zustände zunächst in der Pfarrei! Ihrem Vater und ihr war der Pfarrer ja selbst schon aufgefallen als ein sehr weltlich denkender Herr, als sie zuerst sich an ihn gewandt und ihn um Aufschlüsse gebeten über die Verhältnisse und den Charakter des Schloßherrn, und ihm anvertraut, daß sie entfernte Verwandtschaftsbeziehungen zu diesem hätten, und daß viel für ihre Zukunft davon abhänge, ob der Graf geneigt sein würde, ihnen seine Hülfe zu gewähren, um nach Frankreich heimkehren und dort ihre Ansprüche geltend machen zu können. Der Pfarrer hatte sich dabei als einen verständigen Mann bewiesen und sich gern erboten, sie zunächst zu Frau Wehrangel zu führen, die in der Zeit des vorigen Schloßherrn dessen rechte Hand und Eins und Alles gewesen, und die ihnen bei dem jetzigen auch am besten als Unterstützung dienen werde. Aber das hatte er gethan, wie jeder Andere es gethan haben würde, kühl und fremd; Salbung lag so wenig in seinem Munde, wie auf den Lippen eines Getreidehändlers oder Notars. Und nun dieser „Pastor“ erst, der von Convertiten nichts wissen wollte, und dieser Caplan, in den die Thurmschwalbe verliebt schien und nun gar die wunderbare Naivetät erst, womit das junge leichtfüßige Geschöpf das ganz offen ausplauderte. Melusine fand sich nicht darin zurecht; sie wußte nicht, wie hier in diesem Lande des gesunden Menschenverstandes der großartige Durchbruch gesunden Menschenverstandes im Nachbarlande, den man die Revolution von 1789 nennt, gewirkt und der Menschen Köpfe erhellt hatte: wie das Natürliche, das rein und ehrlich Menschliche sich so bald geltend gemacht, wo man nur ihm Luft gegeben, und wie das durch bloße Willkürgesetze und nicht durch die Vernunft zur Sitte Gemachte sofort erschüttert ist und sich dem Verfalle zuneigt, sobald das geschichtliche Wesen einen Stoß bekommt und die Willkür ohnmächtig wird.

Mehr aber noch dachte Melusine an das, was Annette ihr über den Schloßherrn erzählt hatte.

Der junge Mann hatte ihr einen ganz eigenthümlichen Eindruck gemacht. Er hatte sie abgestoßen; es schien ein Mensch zu sein, den man fürchtete; nicht blos Annette ja hatte sich so über ihn geäußert, als ob er eine leidenschaftliche und wilde Natur sei, die man zu reizen scheuen müsse, auch der Pfarrer, auch Frau Wehrangel. Was er selber über sich geredet, die rücksichtslose Art, womit er sich gab, Alles das bestätigte diese Reden. Aber der Eindruck, den Melusine von ihm empfangen, war nicht wie der von einem Menschen, den man zu fürchten habe, gewesen, sondern ihr schien sein Charakter mehr „Sturm und Drang“, wie man’s damals nannte, zu enthalten, als eigentlich Wildes und Unbezähmbares; er schien ihr eine verkehrt gerichtete Kraft, ein gährendes Wesen ohne hinreichende Einsicht, um sich selbst zu leiten und zur Klärung zu bringen. Er war wie ein Reiter auf einem launenhaften Pferde, ohne Zügel in der Hand. Es war etwas Wirres in ihm, schien ihr und das stieß sie ab. Dann auch zog sie sein Wesen an, wie etwas Verlassenes, freundlos Alleinstehendes, dem nur die rechte Leitung zu Hülfe zu kommen, die rechte Intelligenz zur Seite zu treten und ihm die rechte Bedeutung des Lebens zu zeigen brauche, um eine tüchtige und starke Natur aus einem Menschenkinde zu machen, das sich sonst innerlich aufreiben und verzehren könne, wie so manche andere Kraft, die in einer so wirren Zeit aufgelöster Verhältnisse, wie damals, kein Ziel fand.

Diesen Eindruck zerstörte nun vollständig das, was eben die Thurmschwalbe erzählt hatte: der junge Mann habe schon drei Menschenleben auf dem Gewissen. War das möglich, war das wahr? Melusine hatte sich schon erhoben, zu ihrem Vater hinaufzugehen und mit ihm darüber zu reden. Gleich darauf ließ sie diesen Vorsatz fahren und setzte sich wieder. Fürchtete sie, daß ihr Vater egoistisch darin nur etwas sehen würde, was ihm persönlich eine Beruhigung sein könne? Daß er sagen werde, desto weniger kann man uns verdenken, wenn wir wider einen solchen Mann unsere Rechte geltend machen wollen? Sie selbst hätte ja so denken können, sie that es nicht, die Mittheilung Annettens hatte sie blos tief erschrocken gemacht, unruhig; sie fühlte vor Allem nur den Drang, zu ergründen, ob die Anschuldigung wahr sei oder nicht!

Und wo es erfahren? Sollte sie Frau Wehrangel aufsuchen und ihr Vertrauen gewinnen? Würde diese gegen Fremde über ihren Herrn reden? Und wäre es edel gewesen, die Hausgenossen des Mannes, der sie und ihren Vater aufgenommen und so sehr verpflichtet, über jenen auszuhorchen? Nein, das war nicht möglich. Sie durfte, sie konnte es nicht; sie konnte nichts thun, als die Aufklärung abwarten, die ihr der Zufall, die vielleicht er selber ihr geben werde; er sprach ja so rücksichtslos und unverhohlen über Alles, sich selbst nicht ausgenommen! Und in der That sollte sie auf eine Aufklärung von ihm nicht lange zu warten haben!




8.

Melusine wendete sich eben nach langem Sinnen ihrer Arbeit wieder zu, als es klopfte, und brüsk und rasch Graf Ulrich bei ihr eintrat.

„Ich komme, Sie und Ihren Vater zu einem Spaziergange aufzufordern, schöne Cousine,“ sagte er – er gebrauchte zum ersten Male diese Verwandtschaftsbezeichnung; „Sie verzeihen, daß ich so unangemeldet bei Ihnen eindringe – ich hätte mich melden lassen sollen; um die Wahrheit zu sagen, ich denke daran erst in diesem Augenblicke, wo Sie mich so ernst und überrascht anschauen; verzeihen Sie mir’s, lassen Sie Ihre Pergamente und kommen Sie in den schönen sonnigen Morgen hinaus.“

„Sie sind sehr gütig,“ versetzte Melusine, die sich erhoben hatte und stehen blieb, ohne dem Grafen einen Sitz zu bieten, „aber ich möchte in der That meine Arbeit fördern, wie sicherlich mein Vater, der oben in seinen Folianten vergraben sein wird, auch – doch haben wir uns natürlich nach Ihren Wünschen zu richten –“

„O, meine Wünsche,“ fiel der Graf hastig und wie durch die steife und ablehnende Haltung der jungen Dame gereizt, „meine Wünsche sollen bei Ihnen nicht in’s Gewicht fallen. Ich dachte nur, Sie müßten selbst sich ein wenig hinaussehnen, von Ihren trockenen alten Scharteken, diesem ledernen Plunder da fort.“

„Darin haben Sie Recht,“ entgegnete Melusine, „ein wenig trocken ist die Beschäftigung mit diesen Blättern … es sind nur Namen zu copiren, bei keinem erhalten wir auch nur die geringste [468] Notiz über den Träger oder die Trägerin des Namens, über seinen Charakter und über seine Schicksale, und doch mag sich just eine Fülle des Interesses daran knüpfen, wenn wir sie nur kennten!“

Graf Ulrich ließ sich bequem auf den Stuhl nieder, den vorher Annette eingenommen: Er rief aus: „Ist das nicht gut, daß derartige Notizen und kleine Biographien von diesen Stammbäumen wegbleiben? Diese möchten verdammt viel von ihrem saubern und intacten Glanz verlieren, falls unter die Wappen und Namen der Herrschaften all die dummen und schlechten Streiche gesetzt würden, die sie zeitlebens verübt!“

„Ah …“ sagte die junge Dame, ihn wie überrascht anblickend, „Sie halten da Ihrem eigenen Geschlechte keine große Lobrede; waren so viele darunter, von denen es besser ist, zu schweigen, als ihre Thaten aufzuschreiben?“

„Davon weiß ich nicht das Mindeste; es ist mir nie eingefallen, mich darum zu kümmern. Und doch thu’ ich ihnen schwerlich Unrecht, wenn ich, ohne lange zu untersuchen, so denke. Ich denke eben von ihnen nicht besser, als ich von mir selber denke, und dann, mein’ ich, kann sich Niemand über mich beklagen.“

„Wäre das nicht doch möglich?“

„Glauben Sie?“ sagte lachend Graf Ulrich. „Glauben Sie, die Anzahl dummer und schlechter Streiche, die ich in meinem noch ziemlich jungen Leben bereits begangen haben könne, übersteige um ein Bedeutendes die Durchschnittsanzahl, welche man einem thörichten Menschenkinde, ohne ihm Unrecht zu thun, ohne Weiteres zurechnen darf?“

„Darüber,“ antwortete, ohne auf seinen scherzhaften Ton einzugehen, Melusine, „darüber kann ich nicht die leiseste Vermuthung haben.“

„Also die Möglichkeit geben Sie zu?“

„Weshalb nicht? Sie haben uns selbst gesagt, Herr Graf …“

„Ah, Sie denken an das, was ich Ihrem Vater erzählt, ich sei ein großer Lump gewesen! Ich habe Unrecht gehabt, so etwas zu gestehen; ich sehe, Sie denken ohnehin schlecht genug von mir!“

„Nicht doch,“ versetzte Melusine; „ich glaube nur, daß Sie die Eigenschaft vieler Menschen haben, sich im Uebermuth für schlechter auszugeben, als sie sind, und es für geistreicher zu halten, böse Eigenschaften zu besitzen als gute und sanfte.“

„Giebt es solche Menschen? Nun ja, es kommt vor,“ entgegnete der Graf „Doch mag es nicht immer Uebermuth sein, was dazu treibt, sich schlechter zu stellen, als man ist, vielleicht nur eine tiefe Unzufriedenheit mit sich selbst, die zur übertriebenen Selbstanklage führt, damit man sich im stillen dabei sagen dürfe: so schlecht bist du dennoch lange nicht!“

„Ist das bei Ihnen der Fall?“

„Ich glaube beinahe,“ rief wieder auflachend der Graf; „denn um ganz ehrlich zu sein, ich habe eine wilde und tolle Jugend durchlebt, aber doch nie schlechte Streiche begangen; nicht wahr, es ist kein schlechter Streich, wenn man sich duellirt und seinen Gegner über den Haufen schießt … es ist nur ein Unglück?“

„Hatten Sie dies Unglück?“

„Ja, ich hatte es.“

Melusine antwortete nicht.

„Nun, Sie sind nicht meiner Meinung?“

„Was kann Ihnen an meiner Meinung liegen in einer Angelegenheit, welche die Männer so ganz nach ihren eigenen Begriffen und den Gesetzen ihres besonderen Ehrgefühls beurtheilt wissen wollen?“

„Das heißt, Sie, Sie verurtheilen mich!“

„Wie könnte ich das, wenn ich nicht das Mindeste von den näheren Umständen weiß!“

„Wollen Sie davon hören?“

„O, das wäre ein Vertrauen, auf das ich nicht den mindesten Anspruch mache.“

„Das ist eine unfreundliche Antwort.“

„Nur eine bescheidene.“

„Ah, bah – mag sie sein, was sie will, sie kränkt mich! Und zur Strafe sollen Sie die ganze Geschichte anhören – mit Prolog und Epilog, denn sie hat leider Beides. Hören Sie mir zu?“

„Ohne Zweifel!“

„Ich stand bei einem österreichischen Reiterregiment bei Harrach-Kürassieren. Ich war Rittmeister. Wir standen in den Niederlanden, damals nach der Schlacht bei Neerwinden, unter Coburg. Mit den Kürassieren meiner Division lag ich im Quartier im Schlosse von Aumier-le-Trai. Wir hatten eben zusammen gespeist, getrunken dabei, waren in erregter Stimmung. So schritten wir zum Schlosse hinaus, in die Ellern-Allee vor demselben. Dort links von dieser liegt ein Teich, den unsere Leute als Schwemme benutzten. Wir sehen einen Mann der Schwadron mit zwei Pferden, von denen das Handpferd sehr unruhig ist, in derselben. Er führt eben die Thiere wieder heraus. Ich bemerke, daß er beide zu wenig in’s Wasser geführt, das Pferd des Mannes kaum bis über die Kniee vom Wasser umspült worden ist. Ich rufe ihm zu, er solle weiter, tiefer in den Teich reiten. Er gehorcht nicht; er antwortet, es sei zu gefährlich, weiter zu reiten, es befinde sich eine abschüssige Stelle dort. Gefährlich? Ich glaubte bemerkt zu haben, daß am vorigen Tage andere Leute ungefährdet weiter geritten seien; so herrsche ich ihm scheltend zu, er sei eine Memme, und befehle ihm zu gehorchen. Der Mann gehorcht; er wendet mit den Pferden – nach einigen Schritten macht das, welches er reitet, eine niederschießende Bewegung mit den Vorderfüßen; erschrocken darüber macht zu gleicher Zeit das Handpferd einen Seitensprung und reißt so den eben aus dem festen Schluß gekommenen Mann vom Rücken seines Thieres. Dieser stürzt in das Wasser, ruft, schlägt mit den Händen um sich, versinkt – wir stehen athemlos – dann, da er nicht wieder erscheint, werfe ich den Rock ab, eile in das Wasser, stürze mich zum Schwimmen in die tiefe Stelle – und eben im Begriff, den ertrinkenden Mann zu erfassen, erhalte ich einen Schlag vom Vorderfuße des einen der sich schwimmend rettenden Pferde – bewußtlos sinke ich selbst und komme erst wieder zum Bewußtsein, auf dem Rasen am Ufer des Teiches liegend, wohin einer meiner Cameraden, ein guter Schwimmer, mich gerettet hatte. Man war eben beschäftigt, den Mann aus dem Wasser zu holen – es gelang auch bald, aber der Mann war todt!“

„Todt!“ echoete mit einer eigenthümlichen Betonung, wie von innerer Beängstigung, Melusine.

[481] Graf Ulrich sah Melusine mit seinen aufglühenden Augen an, halb wie herausfordernd, halb wie scheu – er fügte keine Silbe hinzu.

Melusine wich diesem Blicke aus. Sie stützte schweigend das Kinn auf den Arm. Erst nach einer langen Pause sagte sie: „Sie wollten mir ja von einem Duell reden!“

„Dies war die Einleitung dazu. Bleiben wir erst dabei stehen. Verurtheilen Sie mich wegen dieses – Ereignisses? Hatte ich die Schuld – oder hatte sie der entsetzliche Gaul, der mich schlug, den ich habe sofort todtschießen lassen?“

„Als ob das,“ rief Melusine aus, „als ob das die Sache geändert, gebessert hätte!“

„Ich sehe, Sie sprechen unerbittlich mein Urtheil …“ sagte mit bitterm Lächeln Graf Ulrich; „vielleicht sind Sie bei der andern Sache milder. Oder habe ich Sie so entrüstet und entsetzt, daß Sie nichts mehr von mir hören wollen?“

„Beinahe,“ versetzte Melusine, ihn fest und ernst ansehend. „Aber da Sie sagen, daß der andere Fall, wo Sie einen Menschen tödteten – im Duell – mildere Beurtheilung finden könne, so fahren Sie fort; erzählen Sie ihn mir, denn in der That …“

„Was wollen Sie sagen?“

„Nichts, nichts – bitte, erzählen Sie!“

„Nun wohl denn. Das Ereigniß, von dem ich redete, wurde hin und wieder besprochen; es fand bei meinen Cameraden eine mildere Auslegung als, wie es scheint, bei Ihnen, Fräulein Cousine … es würde auch sehr bald vergessen worden sein, wenn nicht ein Oberlieutenant in der andern Schwadron unserer Division, ein sehr schlechter Soldat, der bereits einmal, wegen feigen Betragens vor dem Feinde, bestraft war, sich darüber in für meine Ehre verletzenden Redensarten ergangen und sich, von seinem innerlichen Gift gestachelt, das Ansehen gegeben hätte, als ob er über meine ‚übermütige Rohheit‘ empört sei. Er hatte sich öffentlich diese Reden zu Schulden kommen lassen; seine Ausdrücke, die mir überbracht wurden, waren zu plump gewesen – ich mußte ihn fordern. Doch kann ich Ihnen schwören, daß es mir gründlich widerstrebte, an dem in schlechtem Rufe stehenden Menschen zum Ritter zu werden. Nachdem ich ihn fordern lassen, that ich Alles, um es ihm leicht zu machen, sich dem Duell zu entziehen. Noch auf dem Kampfplatze ließ ich meinen Secundanten zu dem Secundanten meines Gegners hinübergehen, um den Zwist beizulegen; ich würde mit der einfachsten Ehrenerklärung, mit dem einfachsten Widerruf befriedigt gewesen sein. Aber mein Gegner wollte nicht. Gegen jeden andern Officier des Regiments werde er widerrufen, erklärte er, mir gegenüber nicht …“

„Und weshalb nicht Ihnen gegenüber?“ fragte Melusine.

Graf Ulrich zuckte die Achseln „Ein Vorwand,“ sagte er; „mein Gegner stand in zu schlechtem Rufe; er hatte sich zu viele Blößen gegeben, er konnte sich diesmal nicht zurückziehen. So war der Kampf unvermeidlich. Wir wechselten unsere Kugeln, die seine sengte mein Haar; die meine streckte ihn todt nieder.“

Graf Ulrich schwieg. Er sah Melusine ruhig und unbefangen an. Aber ihr entging nicht, daß er ein wenig bleicher als gewöhnlich war, und daß er die Augenlider, die meist die obere Hälfte seiner Pupillen bedeckten, ganz aufgeschlagen hatte, wie Jemand, der etwas ganz und voll in’s Auge fassen will.

Melusine sah ihn wieder an mit gerunzelten Brauen. Auch sie schwieg einen Augenblick; dann sagte sie, fast heftig erregt, wie zürnend über ein ihr persönlich zugefügtes Böses: „Ich glaube gar nicht, daß der arme Mensch deshalb dem Duell nicht auswich, weil er als muthlos bei seinen Cameraden galt, wie Sie ihm jetzt, wo er todt ist, nachsagen. Dann hätte er sich gehütet, sich so offen mißbilligend und so scharf tadelnd über Ihr Benehmen auszusprechen und sich Ihre Herausforderung zuzuziehen, die er ja doch voraussehen konnte. Nein, seine Erklärung, Ihnen gegenüber wolle er seine Worte nicht zurücknehmen, beweist, daß Sie, Ihr Benehmen, Ihr übermüthiges Wesen ihn schon vorher schwer gereizt hat, und damit haben Sie ihn verführt, sich Ihnen gegenüberzustellen … Ihr Benehmen ist also an dem Tode des Officiers schuld, wie Ihre rücksichtslose Härte schuld war an dem Tode des unglücklichen Soldaten; jener fiel in ehrlichem Duell, dieser durch den unglücklichen Zufall, daß er ein widerspenstiges Handpferd führte; und doch haben Sie, trotzdem nur Sie ganz allein die Schuld …“

Melusine unterbrach sich plötzlich, wie im Gefühle, daß sie zu heftig werde.

„Weshalb fahren Sie nicht fort?“ sagte Graf Ulrich gezwungen lächelnd. „Sie sind so hübsch auf dem Wege, mir in mein schlechtes, aber ruhiges Gewissen zu reden!“

„Sie haben gar kein ruhiges Gewissen.“

„Glauben Sie das wirklich nicht?“

„Nein. Würden Sie mir sonst diese Geschichte erzählen?“

„Ich finde keine besondere Befriedigung darin, sie zu erzählen. Vielleicht nur,“ setzte er, mit eigenthümlichem Tone die Worte hinwerfend, hinzu, „sie Ihnen zu erzählen.“

„Aus welchem Grunde mir? Ich bin weder eine übermäßig [482] nachsichtige Natur, noch können Sie annehmen, daß solch’ trübe und tragische Ereignisse mich sehr angenehm berühren.“

„Aber ich darf annehmen, daß Sie mir eine Strafpredigt dafür halten, und vielleicht berührte mich das angenehmer, als meine Erzählung Sie.“

„Wer so verstockt ist und über – lassen Sie mich geradeaus sagen, was ich denke – solch’ böses Handeln so leichtsinnig gegen Fremde spricht, dem kann eine Strafpredigt von einem jungen Mädchen nichts nützen – das Leben muß ihm seine Strafen bringen.“

„Ich betrachte Sie nicht als Fremde, mein Fräulein Cousine! Also tadeln Sie mich immerhin. Ich werde Alles, was Sie mir sagen, über mich ergehen lassen. Sie sehen ja auch, daß ich auf dem besten Wege zur Reue und Buße bin. Ich habe mich in dies einsame Schloß eingesperrt, bin Einsiedler geworden und lebe hier meinen Pflichten als Gutsherr und stillen Betrachtungen hingegeben.“

„Betrachtungen über eine solche Vergangenheit?“

„Gewiß – Betrachtungen über die Vergangenheit,“ fuhr Graf Ulrich in demselben leichtfertigen und spöttischen Tone fort. „Und auch darüber, was eigentlich bei diesem ganzen unnützen Leben herauskommt und wie die Menschen es so lange aushalten, dazusein, um sich Morgens an- und Abends wieder auszukleiden und schwer zu arbeiten, um nur diese angenehme Abwechselung regelmäßig so fortführen zu können!“

„Ich meine, Sie bringen doch größeren Wechsel hinein, Herr Graf. Ich habe erst einen sehr kleinen Bruchtheil Ihrer Lebensgeschichte vernommen und doch gesehen, daß es an aufregenden Ereignissen nicht darin fehlt!“

„Das ist allerdings wahr. Ich kann nicht klagen, daß die Ereignisse mich gerade geflohen haben, und daß die, welche mich überfielen, nicht genug aufregender Natur gewesen. Zumeist nur unangenehmer Natur – ich könnte Ihnen noch mehr davon erzählen …“

„Noch mehr?“ fragte ironisch und indem sie sich zum Schein voller Unbefangenheit zwang, Melusine. „Haben Sie noch mehr Menschenleben auf dem Gewissen, Herr Graf?“

„Noch eins, in der That,“ sagte er, den Kopf herumwerfend; „aber dabei hatte ich nicht die geringste Schuld, es war eine reine Fatalität – wenn Sie vielleicht auch anders darüber denken würden. Doch was soll ich es Ihnen erzählen!“

„In der That,“ fiel Melusine ein, „warum sollten Sie es erzählen. Es ist für solch’ einen hochgeborenen Mann nicht der Mühe werth, viel Redens und Aufhebens davon zu machen, wenn man einen Menschen auf der Seele hat!“

„Wie scharf Sie das sagen!“

„Thue ich das?“ fragte sie kühl. „Es war nicht meine Absicht.“

„O ein wenig doch. Gestehen Sie, daß ich Sie empört habe!“

„Empört? wohin sollten wir gelangen, wollten wir immer empört werden, so oft wir von Thaten hören, die wir mißbilligen müssen.“

„Also bis zur Mißbilligung habe ich es bei Ihnen gebracht – bis zur Empörung nicht. Wenn ich Ihnen nun erzählte, daß ich für jenes Duell, von dem wir redeten, auf die Festung gesetzt wurde, daß ich dort eine Schildwache bestach, mich trotz des expressen Befehls des Commandanten Nachts aus meinem Quartier zu lassen, daß dieser arme Teufel …“

„O nein, o nein, erzählen Sie mir nichts mehr von diesen Ihren abscheulichen Thaten,“ fiel hier Melusine, heftig erregt und ganz ihr kühles Wesen fallen lassend, ein.

„Ah – hab’ ich Sie nun doch empört?“

„Liegt darin eine Befriedigung für Sie?“

„Beinahe …“

„Und weshalb?“

„Wohl weil es mich reizt, Ihr ruhiges kühles Gleichmaß der Empfindung ein wenig zu stören! Offen gesagt, mir ist zu Muthe, wenn ich Sie so überlegen selbstbewußt vor mir sehe, als brächten Sie mir den Kampf, und da mir ein solcher Kampf nur eine unschätzbare Unterbrechung meiner Einsamkeit sein kann, möchte ich ihn sofort beginnen.“

„Aus dämonischer Lust am Streit? Oder im Vorgefühl des Triumphs – weil Sie nun einmal die glückliche Gabe haben, Ihre Gegner jedesmal zu tödten?“

„O nein, nein,“ rief Graf Ulrich aus, „bei Ihnen möcht’ ich doch den Kampf nicht so tragisch enden sehn, ich würde mir sogar nichts daraus machen, wenn Sie mich besiegten, und würde gern, wenn ich bezwungen wäre, demüthig um Gnade flehen.“

„Das würde Ihnen nichts helfen glauben Sie mir,“ sagte Melusine zornig.

„Wer weiß es,“ sagte er lächelnd, „am Ende eines Kampfes, wenn man ermüdet ist und den Gegner achten gelernt hat, denkt man oft anders über ihn, als am Anfang.“

„Sie haben mir eben das ruhige Gleichmaß meiner Empfindung vorgeworfen; hab’ ich das, so ist bei mir also nicht vorauszusetzen, daß ich je anders darüber denken sollte.“

„Darüber? Worüber? Ueber mich? Nun, mag es sein. Für’s Erste bin ich sehr zufrieden, daß ich Sie überhaupt gezwungen habe, an mich zu denken. Und mit diesem Erfolg ziehe ich mich erfreut zurück, um Ihrem Herrn Vater oben in der Bibliothek meinen Besuch zu machen. Ich hoffe, nach Tische werden Sie mir die Gunst, Sie und Ihren Herrn Vater in meine Wälder zu führen, nicht abschlagen, meine gnädigste Cousine!“




9.

Er ging und ließ sie in der That viel empörter zurück, als sie es ihm hatte gestehen wollen. Im ersten Augenblick war sie in ihrem Zorn sogar geneigt, ihn mit seinem ganzen übermüthigen Wesen gegen sie nicht allein einer rohen Ausbeutung des Vortheils zu zeihen, den seine Stellung ihr gegenüber ihm verlieh; nein, ihres Vaters Verdacht, daß er einen Vorwand gebraucht, um sie in seinem Hause zurückzuhalten, kehrte sogar verstärkt zu ihr zurück. Denn sie hatte nicht überhört, daß in all’ seinen herausfordernden Reden etwas wie ein übermüthiges Werben um sie gelegen!

Und wie sollte das sie nicht empört haben, und neben der Empörung nicht auch das Verlangen, den halb bewußten, halb unbewußten Drang hervorgerufen haben, diesen Uebermuth zu strafen?

Eine coquettere Natur hätte wohl bei dem Allen, halb unwillkürlich, halb überlegt, sich vorgenommen, auf die einem jungen Mädchen am nächsten liegende Rache zu sinnen. Melusine aber dachte nicht daran, sie dachte nur daran, ihm durch ruhigen Stolz zu imponiren. Und doch empfand sie daneben den lebhaften Wunsch, in dieser, wie ihr schien, so verwilderten Seele zu lesen, zu ergründen, was eigentlich da vorgehe und was auf dem Grunde derselben liege. Sie fühlte, daß etwas Zwiespältiges da sei, ein Ringen zweier Seelen, die in dieser Brust sich befehdeten – eine, die mit so viel forcirter Ruchlosigkeit sich laut machte, und eine andere, bessere, die eben dies Wesen nur so forcirt hervortreten ließ. …

Und ein weibliches Wesen, das einen solchen Zwiespalt in der Brust eines Mannes zu gewahren glaubt, kann es dem Drange widerstehen, die Muße ihres eigenen Herzens dazu zu verwenden, mit dem Fühlfaden ihrer Seele diesen Zwiespalt zu sondiren und an ihm ein wenig mit ihrer Heilkunst zu experimentiren?

So fand Melusine sehr bald nach dieser Unterredung ihren Gleichmuth wieder. Sie wünschte sich Glück dazu, daß Graf Ulrich selbst ihr so rasch nach Annettens Mittheilungen verrathen hatte, was eigentlich deren Kern sei. Sie hatte, was Graf Ulrich auf dem Gewissen habe, sich ärger gedacht, und wenn es arg genug in Wahrheit war – es lag doch in seiner Erzählung etwas, was sie beruhigte … er hatte doch in der That keine eigentlich schlechte Handlung begangen!

Mit einem Seufzer zog sie endlich die Arbeit, die vernachlässigt vor ihr lag, näher an sich heran. Was kümmerte denn auch sie, was Graf Ulrich Maurach begangen, fragte sie sich dabei. Was sie mit ihrem Vater abgesprochen, daß sie seinen Charakter zu ergründen suchen wollten, um zu erfahren, ob in diesem eine Rechtfertigung für sie liege, wenn sie ihm mit ihrem Rechte bewaffnet zu einem rücksichtslosen Kampfe um seinen Besitz entgegenträten … daran dachte sie nur noch mit einem gewissen inneren Widerstreben; es war das ein Gedanke, der einem völlig fremden Manne gegenüber hatte in ihr aufsteigen können – jetzt schon widerstrebte es ihr, dabei zu verweilen; es kam ein Gefühl über sie, als liege darin etwas Unedles, Hinterhältiges, Treuloses gegen den Mann, der sie und ihren Vater doch so gastfrei und hülfbereit bei sich aufgenommen und der im letzten Grunde doch nur eine innerlich leidende Natur sein mochte. Ihr ganzes Verhältniß zu ihm, jene verschwiegenen Rechtsansprüche und ihre letzten Absichten damit wurden ihr drückender, als sie gewesen. –

[483] Graf Ulrich unterdeß war nicht, wie er gesagt, in die Bibliothek hinaufgegangen, sondern nach unten und zum Schlosse hinaus. Die Hände in seine Rocktaschen vergraben, ging er sinnend in der Allee vor dem Portale auf und ab.

„Seltsames Geschöpf,“ sagte er dabei für sich hin, „in ihrer herausfordernden Ruhe und diesem muthigen Trotzbieten steckt ein Dämon, der, wenn sie lange bliebe, mich wild machen könnte. Unterdeß, und da sie nicht bleibt, ist es ein guter Zeitvertreib, zu sehen, was man diesem Dämon abgewinnt, wenn man ihn ein wenig stachelt und reizt. Schön genug ist sie dazu, um sich damit die nächsten Tage zu unterhalten. Gott gnade übrigens Dem, der sie zum Weibe bekäme! Sie würde ihn mit Vernunft und Tugend zu Tode pantoffeln. Aber,“ rief er plötzlich sich wendend aus, „wo bleibt der Reitknecht mit dem Pferde? Die Pest dem Schuft auf den Hals – ach, ich habe vergessen, daß ich ihm noch nicht befohlen habe zu satteln! Wie kann man zerstreut sein!“

Trotz dieser Reflexion blieb Graf Ulrich so zerstreut, daß er auch jetzt nicht sich den Stallungen zuwendete, um sein Pferd zu verlangen, sondern bei seinem Auf- und Abwandeln in der Allee blieb. Am Ende derselben, vom Dorfe her, sah er nach einer Weile zwei Männer herankommen. Sein scharfes Auge erkannte in dem Einen sehr bald der Tracht nach einen Geistlichen; der Andere schien ein Händler, ein reisender Kaufmann oder etwas dem Aehnliches; er trug Stiefeln und in der Hand eine Reitpeitsche; eine untersetzte, ein wenig gebückt gehende Gestalt. Graf Ulrich hatte kaum diese Bemerkungen gemacht, als der Mann seinen Begleiter verließ und links ab einen Pfad durch’s Kornfeld einschlug – seine weiße Filzkappe, wie sie damals Reisende trugen, und das hochrothe Halstuch mit im Morgenwinde flatternden Zipfeln waren bald allein noch über dem Gewoge der Halme sichtbar.

Der Geistliche kam näher, die Allee herauf. Eine magere Gestalt in abgetragenem schwarzem Rocke und mit einem verlebten und verschmitzten Gesichte, das doch nichts Abstoßendes hatte, denn die kleinen grauen Augen gewannen durch einen Ausdruck ungewöhnlicher Intelligenz.

Er zog mit großer Höflichkeit den Hut vor dem Grafen. Dieser redete ihn an.

„Sie sind wohl der Pfarrer, der …“

„Der Pastor, gräfliche Gnaden,“ sagte der Geistliche mit einer tiefen Verbeugung und den Hut in der Hand behaltend, „der Pastor Demeritus Lohoff – nicht zu verwechseln mit dem Herrn Pfarrer loci,“ fügte er lächelnd hinzu, „der Herr Pfarrer wenigstens würde es sich sehr verbitten.“

„Ich kenne den Pfarrer und verwechsele Sie nicht mit ihm,“ antwortete ein wenig barsch Graf Ulrich; „setzen Sie den Hut auf; ich gehe mit Ihnen zum Schlosse zurück. Wollten Sie zu mir?“

„Nein – nicht just das. Ich bin auf meiner Morgenwanderung begriffen, ergehe mich durch die sonnigen Fluren, lausche dem Geschmetter der Lerche, lobe wie sie des Schöpfers Güte und denke über die Schicksale seiner Geschöpfe nach, in erster Reihe über mein eigenes.“

„Sie sind ein komischer Kauz …“

„Weil ich nachdenke?“

„Nun ja, auch deshalb.“

„Mag sein – alle unnütze Arbeit hat etwas Komisches. Im Ganzen aber, glaube ich, thäten die Menschen, die mich umgeben, besser, mich weniger für einen komischen Kauz, sondern ernster zu nehmen.“

„Das, was Sie sagen?“

„Allerdings das, was ich sage. Aber,“ setzte er mit einem wunderlichen Spiel der beweglichen Gesichtsmuskeln hinzu, das es unsicher machte, ob er sich selbst bespotte oder im Ernst beklage, „ich bin der Zeit voraufgeschritten und sie verstehen mich nicht!“

Der Graf lachte.

„So kommen Sie zuweilen zu mir; mein Fehler ist, fürchte ich, just der umgekehrte, daß ich ein wenig hinter der Zeit zurückgeblieben bin. Wenigstens hat man mich wohl einen tollen Junker genannt, und ich denke, das tolle Junkerleben, als man noch lustige Fehden wider einander gekämpft, sich die Burgen über den Köpfen anzündete, in Nonnenklöster einbrach und Pfeffersäcke aufhob und ranzionirte – ich denke, es hätte mir gefallen. Das aber ist heute nicht mehr an der Tagesordnung – es ist ein veralteter Geschmack das, und so, mein lieber Pastor ohne Heerde, fänden wir vielleicht zusammen das rechte Gleichmaß. Sie mit Ihren vorgerückten Ansichten und ich mit den zurückgebliebenen fänden uns in der rechten Mitte!“

„Ihre Einladung ist sehr gütig, Herr Graf,“ antwortete der Pastor. „Und vielleicht,“ setzte er mit einem bedeutsamen Augenzwinkern hinzu, „fänden Sie bei mir noch etwas, das augenblicklich von größerer Wichtigkeit für Sie wäre als …“

„Als was?“

„Als das Geheimniß, mit dieser Zeit in Einklang zu kommen, die am Ende doch selbst nicht weiß, was sie will, und sich, bis es ihr einfällt, die Langeweile mit Raufen und Kriegführen und Menschentodtschlagen vertreibt.“

„Und dies Wichtigere wäre?“

„Ein anderes Geheimniß,“ versetzte, sich räuspernd und leiser sprechend, der Pastor, „das mir zur Kunde gekommen, ein Geheimniß von einiger Bedeutsamkeit …“

„Ah,“ lachte Graf Ulrich auf, „ein politisches, ein Staatsgeheimniß? Schwerlich würde man’s Ihnen gesagt haben. Ist’s also ein Geheimmittel? Gegen die Gicht oder gegen die Hundswuth?“

„Nicht das, nicht das … es betrifft Sie ganz persönlich …“

„Mich? Schwerlich! Ich habe niemals mit Geheimnissen zu thun gehabt.“

„Nun, wenn nicht Ihre Person, doch Ihr Recht.“

„Was soll das heißen? Mein Recht?“

„Ich denke, Sie haben mancherlei Rechte – Rechte auf Ihren Namen, Rechte auf dies Schloß und diesen Besitz …“

„Ah bah … was verstehen Sie davon?“

„Just so viel, als ich aus guter Quelle darüber erfuhr.“

„Und was erfuhren Sie? Sprechen Sie aus! Ich hasse solche mysteriöse Wendungen.“

Trotz dieser Aufforderung sprach der Pastor nicht weiter. Er räusperte sich und schwieg.

Dies machte den Grafen Ulrich ungeduldig. „Glauben Sie, mich aufziehen zu können?“ rief er aus.

„Gewiß nicht, Eure gräflichen Gnaden;“ versetzte der Pastor. „Was ich erfuhr, ist, daß Jemand ein näheres Recht an die Erbschaft des Grafen Walram Maurach besitzt als Graf Ulrich Maurach-Godeneck.“

„Pest! Das wäre! Und wer ist dieser Jemand?“

„Was ich Ihnen darüber sagen kann, ist von der größten Wichtigkeit für Sie, Herr Graf. Ich wünschte, es würde für mich ebenfalls von Wichtigkeit, daß ich es bin, der es Ihnen sagt.“

„Das verstehe ich nicht.“

Der Pastor lächelte verschmitzt. „Dann,“ sagte er, „sind Eure gräflichen Gnaden, wie Sie bemerkten, allerdings ein wenig hinter der Zeit zurückgeblieben. Sie würden sonst sich selbst sagen, daß die offene Redlichkeit, die sich einen Vortheil entgehen läßt, wo sie sich mit Zuversicht einen ausbedingen kann, heutzutage nicht mehr das Lob der Tugend findet, sondern eher Einfalt genannt wird.“

Der Graf wurde durch das hinterhaltige Wesen des Mannes im schwarzen Rocke, der jetzt so überlegen lächelte, immer gereizter.

„Ach, Schwindelei!“ rief er, von dem Pastor, der stehen geblieben war, sich abwendend, aus; „Sie wollen mir irgend eine Altweibergeschichte für eine Geldsumme aufhängen. Sie halten mich für sehr dumm!“

„Für klug, gräfliche Gnaden, für klug genug, um am rechten Orte nicht zu kargen und eine Warnung, welche Ihnen Ihren Besitz retten kann, mit einem tüchtigen Honorar zu lohnen.“

„In der That … bevor ich noch weiß, um was es sich handelt …“

„Das deutete ich Ihnen an.“

„Allerdings, Herr Pastor Demeritus; das thaten Sie. Und das Honorar? Das deuteten Sie nicht an!“

„Ich würde mir tausend Thaler ausbedingen,“ sagte leise und still lachend der Pastor Lohoff.

„Tausend Thaler! Nicht mehr?“ Der Graf lachte. „Sie sind bescheiden!“

„Das war nie mein Fehler. Bescheidenheit ist eine sehr schöne Tugend bei denen, die vollauf haben; eine Thorheit bei denen, die nichts haben. Auch bin ich, sobald ich die tausend Thaler habe, bereit, sehr bescheiden zu werden und mir nur noch Ihre dauernde Gnade und Gewogenheit auszubitten!“

Der Pastor Demeritus hatte offenbar diese Bosheit nicht unterdrücken können und wohl gedacht, Graf Ulrich bemerke sie nicht. Aber es schien, er hatte sich darin getäuscht. Der Letztere erröthete [484] leicht und blickte den Pastor mit gerunzelter Braue an. Doch schwieg er. Er mochte einen Augenblick unschlüssig sein. Aber tausend Thaler! Wenn er sie hatte, mußte er sie dem Vicomte geben – das hatte er versprochen. Er warf unwillig den Kopf zurück.

„Mein lieber Pastor Demeritus,“ rief er dabei aus, „ich würde mich den Teufel um Ihre Geheimnisse kümmern, wenn ich sie umsonst haben könnte. Viel weniger lasse ich mich um tausend Thaler beschwindeln.“

Das gelbgraue Gesicht des Pastors wurde ein wenig gelbgrauer, als es sonst war. Mit verbissenem Tone sagte er: „Ich sehe freilich, daß Sie meine Geheimnisse nicht einmal umsonst wollen, sonst würden Eure gräflichen Gnaden mir nicht durch Ihre gütige Art sich auszudrücken so gründlich die Neigung nehmen, sie Ihnen umsonst anzuvertrauen. Ich empfehle mich zu Gnaden!“

Damit zog er den Hut, machte eine sehr tiefe Verbeugung, wandte sich und ging zurück, die Allee zum Dorfe hinunter.

„Frecher Mensch!“ murmelte, ihm nachblickend, der Graf. „Der Teufel hole solch tückischen Pfaffen!“

Und doch sah Graf Ulrich ihn nicht ganz ruhig von dannen gehen. Er stand, biß sich die Unterlippe, machte einmal einen Schritt, als ob er den sich Entfernenden zurückrufen wolle; dann wandte er sich, und dem Schlosse zuschreitend, sagte er leise vor sich hin:

„Ah bah – entweder lügt der Bursche oder er lügt nicht, und es hat in der That Jemand ein Recht auf Maurach. Ist das der Fall, so kann ich’s auch ohne ihn ergründen – und dazu wollen wir Schritte thun. Ich will mit dem Vicomte einmal gründlich die alten Stammbäume durchgehen und hören, was er darüber meint; er wird es sagen können, der alte Bücherwurm, und was er nicht weiß, das weiß dieses kluge Huhn von Melusine ganz sicherlich. Zum Ueberfluß könnten wir auch diese gestrenge Hof-, Palast- und Schlüsseldame des hochseligen Herrn Walram, die Frau Wehrangel, in’s Gebet nehmen, und in der That, die alte Schachtel sieht ganz danach aus, als ob sie über irgend einem dunklen tragischen Geheimniß brüte. Bah, es wird viel auf sich haben. Jedenfalls werde ich Prätendenten mir vom Halse zu schaffen wissen!“

Während er in’s Schloß heimkehrte, war der Mann, der mit dem Pastor Demeritus zuerst die Allee heraufgekommen und dann abseits durch die Kornfelder davongegangen war, auf Fußsteigen, und bald über die Ackerfelder, bald durch Gehölze gehend in einem weiten Bogen so um das Schloß herumgekommen, daß er etwa eine Viertelstunde später in der Nähe desselben zwischen den Gartenhecken an der Rückseite plötzlich wieder auftauchte. Er mußte, um sich nicht einen Augenblick verirrt zu haben, die Gegend um das Schloß her sehr genau kennen. Eine Weile blieb er, verdeckt von einer Ecke der nächsten grünen Garteneinfriedigung, stehen und spähte über den breiten Schloßgraben hinüber, auf die Terrasse unter den Kastanien. Es war Alles still da. Der Mann stand lange, ohne sich zu rühren. Seine von der tief in die Stirn gezogenen Filzkappe beschatteten Züge nahmen einen Ausdruck von Verdrossenheit und Ermüdung an; er riß ein Reis von der Hecke, begann es zwischen den Zähnen zu kauen, dann lehnte er sich mit über der Brust verschlungenen Armen an die grüne Wand und blickte dabei zu Boden, als ob er nachsänne und darüber ganz die Terrasse drüben und was er vorher dort erspähen wollen, vergäße.

Nach einer langen Pause blickte er plötzlich wieder auf. Er hörte eine Kette klirren; vorsichtig um die Laubecke schauend sah er ein junges Mädchen, das eben von der Terrasse in den Kahn niedergestiegen war, die Kette gelöst hatte und nun begann, sich über den Graben zu rudern.

Der Fremde verließ seinen Standpunkt und ging am Graben entlang der Stelle zu, wo sie landen mußte.

Als sie an dem Landungsplatze ankam und, die Ruder niederlegend, aufstand, gewahrte sie ihn plötzlich und stieß einen kleinen Schrei der Ueberraschung aus.

Der Mann betrachtete sie mit eigenthümlich forschenden Blicken, ohne etwas zu sagen; doch war seine Miene bewegt, als ob er sprechen wolle und nicht recht den Anfang finde; es war wunderlich; die Thurmschwalbe – denn sie war das junge Mädchen – hätte sich beinahe gefürchtet vor dem Menschen, doch fiel ihr jetzt plötzlich auf, daß er eigentlich so aussehe wie der Pastor – doch viel stärker freilich, und auch sonst anders; nicht so häßlich, auch nicht so listig und spöttisch – nein, er sah doch viel besser aus! Aber was war er, was wollte er? Darüber gab er keine Auskunft, er fragte nur, ohne zu grüßen oder nur die Mütze zu berühren:

„Wer bist … wer sind Sie? Annette Wehrangel, nicht wahr, mein Kind?“

Die ersten Worte hatte er brüsk, fast unhöflich gesprochen – die letzten mit einem ganz andern Tone, mit einem hellen Aufglühen der Augen; und nun biß er sich in die Unterlippe und sah aus, als ob er gar keine Antwort verlange, sondern an etwas Andres denke.

Annette gab auch keine Antwort. Die Thurmschwalbe ließ sich nicht so fragen. Sie sah ihn nur an und kümmerte sich sehr wenig darum, ob ihre Augen ihm verriethen, daß sie sich über ihn sehr verwundern müsse, und daß seine ihr in den Weg tretende Erscheinung ihr gar nicht sehr gefalle.

„Hören Sie,“ fuhr er jetzt fort, „Sie würden mich sehr dankbar machen, wenn Sie so gut wären, mir eine Auskunft geben zu wollen …“ Es war merkwürdig, welch reines gutes Deutsch er sprach, und wenn auch sehr leise, doch jede Silbe so verständlich.

„Eine Auskunft? Welche?“ sagte die Thurmschwalbe, sich ganz wie zu jedem Strauß bereit mit dem einen Fuß auf die vordere Spitze des Kahns stellend, während sie die Hände auf den Rücken legte – es sah sehr herausfordernd und sehr hübsch aus, wie sie so keck dastand.

„Es sind Gäste in Ihrem Schlosse – ein französischer Herr und eine Dame … arme Emigranten … nicht wahr?“

„Gäste sind im Schlosse,“ versetzte Annette.

„Und Ihr Graf hat sie sehr gastfrei aufgenommen, sie sind jetzt schon den dritten Tag dort …“

„Sie kamen vorgestern,“ antwortete Annette, „und er hat sie gastfrei aufgenommen – da Sie das Alles wissen, weiß ich nicht, weshalb Sie Auskunft darüber verlangen!“

„Die junge Dame ist sehr schön … der Graf wird ihr den Hof machen!“

Die Thurmschwalbe schüttelte den Kopf. Sie schüttelte den Kopf über den Fremden, der sie so ohne Weiteres ausholen zu können glaubte; dieser nahm es offenbar für eine Verneinung.

„Nicht?“ fragte er. „Haben Sie dann vielleicht bemerkt, daß der Graf heftige und lebhafte Erörterungen mit den Fremden hatte? daß sie Streit oder Auseinandersetzungen zusammen hatten? daß er erregt oder mißgestimmt ist …“

„Nein, das habe ich nicht bemerkt!“ entgegnete immer verwunderter über dies Verhör, das ein Fremder mit ihr anstellte, das junge Mädchen.

„Wer ist des Grafen Advocat, sein Geschäftsführer – hat er nicht zu ihm gesandt? Es ist nur,“ fuhr er fort, da er Annettes Mund sich trotzig aufwerfen sah und in ihren Mienen las, daß ihre Bereitwilligkeit, ihm zu antworten, zu Ende gehen könne, „es ist nur, weil ich diese Emigranten kenne und einen Verdacht gegen ihre Absichten haben muß …“

„O,“ fiel das junge Mädchen ein, „man muß gegen Niemanden einen Verdacht haben, es sei denn, daß man einen guten Grund dazu habe!“

Annette blinzelte den Fremden bei diesen Worten so eigenthümlich klug und sprechend an, daß ihm die Bedeutung ihrer Worte nicht entgehen konnte. Darüber erröthete er, ja er wurde zornig; heftig den Fuß auf den Boden stoßend, sagte er:

„Zum Teufel, Sie thäten besser, nicht gar so altklug zu sein, sondern mir offen zu antworten. Sie wissen den Henker, was für Sie selber auf dem Spiele steht. Da, nehmen Sie diesen Brief. Besorgen Sie ihn an Ihre Mutter. Aber so, daß es Niemand sieht. Hören Sie! Niemand darf es sehen!“

Er zog einen versiegelten Brief hervor und reichte ihn ihr in den Kahn hinüber. Sie nahm ihn zögernd und besah ihn mißtrauisch. Er war an ihre Mutter adressirt, das Siegel eine Namenschiffre.

„Sagen Sie Ihrer Mutter, sie solle ihn augenblicklich lesen; es hänge Alles davon ab, daß sie ihn gleich lese. Adieu – gehen Sie gleich damit zu Ihrer Mutter. Wollen Sie? Ich danke Ihnen. Adieu.“

Annette nickte stumm, den Fremden immer erstaunter anblickend. Er wandte sich und ging, wieder ohne die Mütze abzunehmen. Er ging zwischen seine Hecken zurück. Im Schreiten wischte er sich die Stirn mit dem Tuche. Er ging gedückt und verschwand bald wieder auf seinem Schleichwege. Seltsam, dies sich Ducken und zwischen den Hecken Verschwinden, während er doch zu Annette geredet hatte wie Jemand, der sich nicht zu verstecken braucht; so herrisch und bestimmt und wie in einer Erregung, die [485] nicht daran denkt, Umschweife zu machen. Wer war der Mann? Aber das mußte die Mutter ja wissen, und wußte sie ’s nicht, so mußte es aus dem Briefe zu sehen sein.

Annette nahm die Ruder wieder auf, schiffte ihren Nachen zurück und eilte in ihren Thurm zurück, um ihrer Mutter den Brief des Fremden zu bringen.

Wenn ihre Mutter, dachte sie, während sie unter den Kastanien dahineilte, ihr es nicht sagen würde, was und wer der Mann sei und was er wolle – die Mutter war gegen sie ja oft so verschlossen und wortkarg –, dann wollte sie jedenfalls der französischen Dame erzählen, daß solch ein seltsamer Fremder da sei, der, nach seinen Reden zu schließen, ihr hierher gefolgt sei, und nach allem Anschein etwas wider sie im Schilde führe. –

[497]
10.

Graf Ulrich sah seine Gäste an der Mittagstafel wieder. Er begann mit dem Vicomte sofort von dem zu reden, was ihm seit der Unterredung mit dem Pastor Demeritus im Sinne lag.

„Sie bemerkten neulich, Herr Vicomte,“ sagte er, „ich müsse froh sein, daß eine Cousine des verstorbenen Grafen von Maurach nicht mehr unter den Lebenden sei, weil sie sonst die Erbin der Herrschaft geworden wäre. Ist dem wirklich so? Ich habe immer in meinem elterlichen Hause in Linz, wo mein Vater als kaiserlicher Kreishauptmann lebte, gehört, ich sei der Erbe, sobald der Lehnsvetter zu Maurach die Augen schließe; ich habe darauf hin lustig gelebt, mein bischen väterlich Gut verthan und meine Gläubiger darauf vertröstet. Könnte es denn wirklich möglich sein, daß eine neue Gesetzgebung mich um irgend einer alten Schachtel von Muhme willen, an welche Niemand gedacht hat, um all dies Recht brächte, mich und – meine armen Gläubiger?“

Der Vicomte nickte.

„Ich fürchte, daß dem so ist, Herr Graf,“ versetzte er. „Das Lehnswesen ist aufgehoben; die bloßen lehnsrechtlichen Erbansprüche fallen weg nach dem französischen Gesetze und zwar ohne alle Entschädigung. Anders ist es mit den Fideicommissen. Hier fallen die darauf gegründeten Erbrechte auch fort; jedoch erhält der erste Anwärter, dem vor der Aufhebung des Fideicommisses bereits ein jus quaesitum, wie die Juristen das nennen, zur Seite stand, eine Entschädigung …“

„Wie genau Sie das wissen – ich wollte, Sie wüßten auch, wo jene Muhme oder Cousine des letzten Grafen, die im Stammbaum durchstrichen ist und die, wenn sie noch lebte, mich aus meinem Recht verdrängen würde, eigentlich geblieben, wo und wie und in Folge welcher Abenteuer sie eigentlich zu Grunde gegangen ist! Dies ganz genau zu erfahren, wäre mir doch eine Beruhigung, müßte ich auch dabei zu meinem Schmerze vernehmen, daß die theure Verwandte irgendwo grausam um’s Leben gekommen, etwa aus dem Harem des Großtürken in den Bosporus versenkt, im Tower zu London wegen Hochverraths geköpft; von einer Horde Buschmänner am Cap aufgefressen, oder von Seeräubern in die Sclaverei des Deys von Algier verkauft worden sei, oder auf welche Art sonst das Leben der theuren Alten ein Ende gefunden haben mag!“

„Sie wissen in der That nichts darüber, Herr Graf?“ sagte aufhorchend der Vicomte.

„Nichts, als daß mir mein Vater gesagt, sie sei als junges Mädchen schon verschollen, mit einem Musikanten oder Schauspieler durchgegangen, und dann irgendwo in der Welt verdorben und gestorben.“

„Es wäre freilich gut, etwas Gewisses darüber zu erfahren,“ sagte bedächtig und fast mit sorglicher Miene der Vicomte.

„Und was würden Sie thun, wenn solch’ eine Verwandte nun mit Erbansprüchen vor Ihnen auftauchte?“ fragte Melusine.

„Ah … das wäre sehr arg,“ versetzte Graf Ulrich. „Ich müßte schon etwas thun, sie unschädlich zu machen! Ich müßte sie zum Beispiel heirathen!“

„Das ginge doch nur, wenn sie jung, von Ihrem Alter wäre,“ warf Melusine ein – „und wenn sie es wollte …“

„Wenn sie jung wäre?“ unterbrach Graf Ulrich sie – „nein, dann just ginge es nicht!“

„Und weshalb dann nicht?“

Graf Ulrich lachte, als er antwortete: „Das sehen Sie nicht ein? Wenn sie alt wäre, wär’s ein ehrlicher Handel: ich verkaufte mich ihr, für die Herrlichkeit Maurach mit Schloß, Acker, Wiese, Wald und den Kohlenzechen, die sie mir zubrächte. Sie hätte mich, ich ihren Reichthum! Keiner wär’ da übervortheilt. Anders wär’ es, wenn sie jung und hübsch wäre. Dann wäre aller Vortheil auf meiner Seite; und für eine solche demüthigende Lage würde ich danken. Nimmermehr!“

„Aber wenn sie selber Ihnen entgegenkäme und Ihnen diese Lösung der schwierigen Situation anböte?“

„Das ist nicht denkbar, meine verehrte Cousine … mir kommen die Frauen nicht entgegen; ich bin nicht von jener liebenswürdigen Männersorte, Gott sei Dank nicht; welcher die Frauen entgegenkommen! Die, welche ich besitzen will, muß ich mir erobern und das ist mir weitaus lieber! Sie glauben mir nicht?“

„Was? Daß die Frauen Ihnen nicht entgegenkommen?“

„Nein, nein,“ rief Ulrich lachend aus; „das glauben Sie mir von Herzen gern; nur nicht, daß ich im Stande, sie mir zu erobern!“

„Es kommt darauf an, was Sie unter ‚erobern‘ verstehen. Daß Sie ruchlos genug sind, irgend ein Mädchen mit Gewalt zu entführen …“

„O, das wäre schändlich,“ fiel Graf Ulrich mit angenommener Entrüstung ein; „nein, nein, unter ‚erobern‘ verstehe ich; ein stolzes widerspänstiges kaltes Herz unterjochen, es zwingen, sich zu ergeben …“

[498] „Wie könnt’ ich sagen, daß ich nicht glaubte, Sie vermöchten das,“ unterbrach ihn rasch Melusine, „da ich nicht das Mindeste von all’ den schönen und achtungswerthen Künsten verstehe, in deren Besitz ehrgeizige junge Helden Ihrer Art sich unüberwindlich fühlen!“

Es lag etwas Gereiztes, Heftiges in den Antworten Melusinens, was Ulrich nicht entging und ihm eine gewisse Freude zu machen schien.

„O, fordern Sie diese Künste nicht so ironisch heraus!“ rief er übermüthig. Dieser Uebermuth aber schien Melusine vollständig zu empören.

„Weshalb nicht?“ antwortete sie mit flammender Zornesröthe. „Es scheint mir nicht, daß es schaden könnte, wenn diese Künste einen Lehrer bekämen!“

„Wünschen Sie das? Reden Sie: wünschen Sie, diese Lehre geben zu können? Sie müssen wissen, daß in mir kein größeres Verlangen ist, als alle Ihre Wünsche möglichst bald erfüllt zu sehen, und deshalb …“

„Sie machen doch meine Tochter gar zu verlegen, Herr Graf,“ fiel hier der Vicomte, seine innerliche Entrüstung unter dem sanftesten und mildesten Tone bergend, ein, während er nach einem kurzen Blick in Melusinens erröthende Züge sehr ernst den Grafen ansah. „Sie machen meine Tochter doch gar zu verlegen durch solche Neckereien.“

„Ich bin tausend Meilen weit davon entfernt, mir herauszunehmen, sie necken zu wollen,“ entgegnete rasch einfallend Graf Ulrich. „Was ich sagte, war mein voller Ernst – ich möchte alle Ihre Wünsche so rasch erfüllt sehen, wie ohne Zweifel der erfüllt werden würde, von dem eben die Rede ist – gesetzt, ich ginge darauf aus, Ihre Eroberung … aber ach,“ unterbrach er plötzlich seine Rede, „ich sehe, ich gerathe durch dies Alles bei Ihnen in die tiefste Ungnade. Enden wir es, – es sei denn, Sie wollten wirklich meine Betheuerung auf die Probe stellen. Und warum wollten Sie es nicht? Geben Sie mir einen Befehl, nennen Sie einen Wunsch, den ausschweifendsten, den Sie wollen, und Sie werden sehen, daß ich ihn erfülle – das Schwierigste, das Unmöglichste …“

Melusine, die mit seinen Reden gründlich zu ärgern Graf Ulrich, wie es schien, eine eigenthümliche Gabe hatte, versetzte bitter, in höchst ironischem Tone: „Wohl denn, so lassen Sie sehen, was solche Rodomontaden werth sind – so thun Sie etwas Unmögliches …“

„Ich brauche nur zu wissen, daß Sie es wünschen. Geben Sie es an! Wir haben keine Felsen, von denen ich Blumen für Sie holen, kein Meer, aus dem ich Ihnen Perlen bringen kann, also überlass’ ich es Ihrer Phantasie …“

„Gut denn,“ rief spöttisch und boshaft Melusine aus, „so stehlen Sie Ihrem edlen Großherzog Murat seinen Säbel, mit dem er so breitspurig klirrt und rasselt, und legen ihn mir morgen als Huldigung zu Füßen; ich will Ihnen dann glauben, daß Sie Wunder thun können.“

„Pest!“ sagte Graf Ulrich lachend … „das ist freilich eine halsbrechende Aufgabe! Und gleich morgen wollen Sie ihn? Doch, Sie sollen ihn haben!“

Melusine zuckte die Schultern, der Vicomte aber fiel ein: „Ach, Ihr seid Kinder, Du sowohl, wie unser verehrter Wirth und Gönner; kehren wir zu unserem Thema zurück, zu jener verschollenen Verwandten! Hätten Sie gar keine Mittel, der Sache auf den Grund zu kommen, Herr Graf? Giebt es unter den Beamten dieser Herrschaft, unter den älteren Einwohnern des Dorfes nicht Leute, die Anhaltpunkte geben könnten, an welche sich Nachforschungen knüpfen ließen? Der verstorbene Graf Walram muß doch Menschen gehabt haben, die ihm näher standen, als andere, denen er Vertrauen schenkte; man müßte sie ausfindig machen … ich selbst bin gern erbötig, mich zu erkundigen, um Sie zu unterstützen, die Angelegenheit klar zu stellen …“

„Sie sind sehr gütig, Herr Vicomte,“ antwortete Graf Ulrich zerstreut und, wie es schien, nichts von dem auffallenden Eifer des Vicomte, über die Sache Licht zu bekommen, bemerkend. Doch fügte er nach einer Pause hinzu: „Das Nächstliegende ist, daß ich Frau Wehrangel ausforsche; ich bin überzeugt, daß, wenn irgend Jemand, Frau Wehrangel mir Aufschluß geben kann, wenn sie will.“

„Will? o, es ist ihre Pflicht, zu reden, wenn sie etwas darüber mitzutheilen hat,“ sagte der Vicomte ganz erhitzt „Die Frau muß wissen, was davon für Sie abhängt, und wenn sie es nicht weiß, so ist es doch sehr leicht, es ihr begreiflich zu machen!“

„Sie haben Recht, Herr Vicomte,“ entgegnete Graf Ulrich, „ich werde noch heute in ihren Thurm hinaufgehen und mit ihr reden. Joseph, geh’ hinüber und kündige der Frau Wehrangel meinen Besuch an!“

Der Graf bat Melusine mit einem fragenden Blick, die Tafel aufheben zu dürfen, und stand auf. Er verabschiedete sich bald darauf von seinen Gästen, ohne auf seinen Vorsatz, sie im Walde und auf seiner Herrschaft umherführen zu wollen, zurückzukommen. –

„Der Mensch ist zu, zu übermüthig und roh,“ sagte der Vicomte verdrießlich, als Graf Ulrich gegangen war, zu seiner Tochter. „Du thust Unrecht, ihm so die Stirn bieten zu wollen, Du solltest vorziehen, ihn reden zu lassen, was er mag.“

Melusine schwieg; sie sagte sich, was ihr Vater ihr bemerkt, ja selber; aber es war etwas in ihr, was stärker war als sie, sie konnte nicht schweigen ihm gegenüber; noch niemals hatten Reden, die doch nur die thörichten und vermessenen Worte eines übermüthigen jungen Mannes waren, sie so innerlich gereizt und gezwungen, ihnen den Widerpart zu halten; als ob dies nicht die unnützeste, thörichtste Anstrengung von der Welt gewesen!

„Und welch’ grenzenloser Leichtsinn es ist,“ fuhr der Vicomte fort, „sich gar nicht nach den eigentlichen Bedingungen umzusehen, unter denen er dies Erbe hier angetreten hat! Es wäre ja schrecklich, wenn gar noch jene Verwandte des alten Grafen Walram lebte, wenn sie eines Tages plötzlich auftauchte …“

„Ach, wie wäre das zu befürchten!“ sagte Melusine. „Wenn sie unter den Lebenden wäre, sie hätte sich sicherlich längst gemeldet –“

„Bist Du dessen so gewiß? Es sind seit des Grafen Tode erst Monate verflossen, nicht mehr. Ist es nicht möglich, daß, wenn sie lebt, sie an irgend einem Orte lebt, wo die Nachricht dieses Todes noch nicht bis zu ihr gedrungen ist? Es wäre auch für uns ein entsetzlicher Querstrich …“

„Weshalb, mein Vater?“ versetzte Melusine ihn groß anschauend. „Es wäre für uns auch beruhigend. Wir, die wir unser Recht als eine Sache betrachten, welche wir die Pflicht haben zu vertheidigen, müssen auch bereitwillig weichen, wenn ein Anderer ein besseres vertheidigt, und müssen vollständig damit einverstanden sein!“

„Aber wir dürfen beklagen, daß nicht unser Recht das bessere ist!“

„Mag sein! Mir würde, hoffe ich, die Klage nicht sehr tief aus dem Herzen kommen“ entgegnete Melusine.




11.

Am Nachmittage hatte Melusine ihrem Vater vorgeschlagen, zusammen einen Spaziergang durch das Dorf und die Gegend zu machen; als der Abend herabsank, kehrten Beide heim, und während der Vicomte sich in’s Haus begab, wandte sich Melusine der Terrasse unter den Kastanien hinter dem Schlosse zu, um sich da in der milden und lauen Abendluft eine Weile allein ihren Gedanken zu überlassen.

Sie setzte sich auf eine Steinbank, aber sie blieb nicht lange allein. Sie sah den Grafen Ulrich aus der Thür, welche in den Thurm führte, kommen … er kam also erst jetzt von seiner Unterredung mit Frau Wehrangel zurück. Diese Unterredung mußte für ihn keinen sehr beruhigenden Inhalt gehabt haben, denn er ging gegen seine Gewohnheit langsam, das Haupt zu Boden gesenkt, die Hände auf dem Rücken gekreuzt. Als er Melusine wahrnahm, kam er rasch auf diese zu.

„Sie haben die Frau Wehrangel gesprochen und haben Mittheilungen von dieser erhalten?“ fragte Melusine.

„In der That,“ versetzte er, sich neben der jungen Dame niederlassend.

„Sie konnte Ihnen Aufklärungen geben, die, wie es scheint, sehr ernster Natur waren?“

Graf Ulrich antwortete nicht gleich, er kaute auf seiner Unterlippe; dann fragte er plötzlich brüsk: „Sagen Sie mir, ist Ihnen ein Mann bekannt, welcher Lohoff heißt?“

„Lohoff,“ versetzte Melusine nachdenklich, „– Lohoff – der Name tönt mir allerdings bekannt …“

[499] „O gewiß,“ sagte Graf Ulrich mit einem Tone des Scherzes, der bei der ganzen Stimmung, in welcher er schien, etwas Erzwungenes hatte. „Sie müssen ihn kennen, denn er ist Ihnen hierher gefolgt … nur Ihnen!“

„Mir … ein fremder Mann?“

„Ein Ihnen nicht fremder Mann, Sie sagen es selbst ...“

„Nur der Name ist mir nicht unbekannt; ich glaube, es hat sich einmal ein solcher Mann meinem Vater vorstellen lassen … er ließ Beziehungen zu unserer Familie voraussetzen. Wenn Sie wünschen, will ich meinen Vater danach fragen; ich glaube, es waren sogar Warnungen in seinen Aeußerungen …“

„Warnungen? Wovor?“

„Ich … entsinne mich dessen in der That nicht mehr,“ gab Melusine stockend zur Antwort.

„Seltsam!“ versetzte Graf Ulrich. „Ich glaube, es giebt Menschen, die nicht ruhen, wenn sie nicht bei Anderen Unruhe und Aufregung hervorrufen, sich aufdrängen, ihrem lieben Nächsten Steine in den Weg werfen oder Händel erregen können, das Alles, ohne daß es ihnen etwas nützt!“

„Es ist das freilich eine sehr unangenehme Menschensorte,“ versetzte Melusine. „Sie sind mir vor Allem verhaßt. Ich liebe,“ fuhr sie mit einer gewissen bedeutsamen Betonung fort, „die stillen, ruhigen, friedfertigen Naturen, denn ihnen allein kann man vertrauen, und sie allein sind starke Naturen.“

„Sind Sie dessen so sicher? Ich meine, auch die unruhigen und kriegerischen Naturen könnten sehr stark sein!“

„Nein – stark ist nur, wer einfachen Willens ist. Und das ist nie der Unruhige, Streitsüchtige. Solche Menschen sind gährende, in sich unklare Geschöpfe.“

Graf Ulrich sah mit einem wie betroffenen Blick in ihr Gesicht. „Ich glaube,“ sagte er dann, „Sie sagen das mir zum Gehör!“

„Wie kommen Sie zu dem Gedanken, Herr Graf?“

„Herr Graf! Wie ceremoniös und kalt das lautet, meine Cousine! Und ich meine, der Gedanke liegt nicht fern! Ich habe nicht bemerkt, daß Sie just gegen meine Fehler blind seien, und da mich Ihr Wort von unklaren Geschöpfen stark an das erinnert, was mir einst ein guter frommer Hans von einem Cameraden, der in unserm Regimente den getreuen Eckard zu machen pflegte, vorzupredigen pflegte …“

„So glaubten Sie, ich wolle die Predigt fortsetzen? Wenn ich auch nicht fürchten müßte, meine Predigt wirke gerade so wenig wie die Ihres frommen Cameraden, so wäre ich dennoch weit entfernt davon …“

„Das thut mir leid,“ fiel Graf Ulrich ein; „denn wenn Sie sich zu einer Predigt gegen mich herabließen, meine schöne und stolze Cousine, so würde mir das sehr angenehm sein, weil ich sofort eine Nutzanwendung daran knüpfen könnte, die Sie sehr beschämen würde.“

„Die mich beschämen würde?“

„So ist es. Ich würde Ihnen antworten: Sie haben vollständig Recht, ich habe alle diese Fehler und noch weit mehr; aber wie sollte ein junger Mensch, der, sich selbst überlassen, unter Soldaten aufwuchs, anders geworden sein? Wenn er unklar ist, so kommt es daher, daß ihm das klärende Element in seinem Leben fehlte! Das aber bringen ja nur die Frauen hinein. Nun haben Sie aber selbst gesagt oder eingeräumt, daß mir die Frauen nicht entgegenkommen. Also ist es deren Schuld. Wie wäre es, wenn Sie das gut machten? Sie würden das klärende Element schon in mich hineinbringen; und so predigen Sie nicht blos, sondern helfen – bleiben Sie hier, bleiben Sie bei mir, und Sie sollen sehen, wie klar es bald in mir werden wird!“

Der Graf hatte diese Worte in demselben Tone des Scherzes gesprochen wie alles Andere, doch unverkennbar mit derselben Gezwungenheit des Scherzes, wie er alles Andere gesprochen.

Melusine war dabei tief erröthet. Sie sah ihn wie mit einem Blicke tiefer Empörung an; ihre Lippe zuckte, als sie antwortete: „Sie sind, wie Sie sagen, unter Soldaten aufgewachsen, Herr Graf, und deshalb muß man Ihnen schon etwas nachsehen; reden wir endlich im Ernst! Sie wollten die Güte haben, mir zu sagen, was Frau Wehrangel Ihnen …“

„Was Frau Wehrangel mir mitgetheilt?“ rief Graf Ulrich, leise die Farbe wechselnd. „Nein, meine verehrte Cousine, ich beabsichtigte durchaus nicht, Ihnen zu sagen, was diese gute Dame mir anvertraut hat, so merkwürdig und unerwartet es auch ist, und in eine so wunderliche Lage … aber da verrathe ich schon zu viel, denn ich habe das allerstrengste Schweigen verheißen müssen. Also bleiben wir bei unserem Thema. Sie weisen also den Vorschlag, den ich Ihnen eben machte, gründlich zurück? Nun ja, wie sollt’ ich mich darüber wundern! Hab’ ich Ihnen nicht selbst gestanden, daß ich bei Frauen keine andere Hoffnung habe, als sie zu erobern?“

„Wie macht man das, Frauen, die man beleidigt hat, zu erobern?“

„Beleidigt hat? Habe ich Sie durch meine Werbung beleidigt? Das habe ich nicht gewollt. Wenn das geschehen, so ist daran nur unser verschiedener Standpunkt schuld. Sie sehen mich von einem anderen Standpunkte aus an, als ich mich selber. – Da liegt’s. Es wird wohl immer so sein, wenn ein Mann von einer Dame einen Korb bekommt. Sie denkt: wie konnte der Mensch so kühn sein, um mich zu werben! Er denkt: wie konnte sie so unvernünftig sein, mich abzuweisen! Und so fühlen sie sich Beide beleidigt und thaten doch am besten, Beleidigung gegen Beleidigung aufgehen zu lassen. Wenn Sie sich dazu bereit erklären, will ich Ihre Frage beantworten.“

„Ich bin nicht im Entferntesten begierig genug auf Ihre Beantwortung meiner Frage, um eine solche Erklärung zu geben,“ entgegnete sie scharf.

„Dann muß ich also ohne sie und trotz der Härte, womit Sie mich mißhandeln, fortfahren,“ versetzte Graf Ulrich spöttisch. „Wie man es macht, eine Frau zu erobern? Man läßt sich durch alle Zeichen der Antipathie, die sie uns giebt, nicht abschrecken; man verzeiht ihr alle Demüthigungen, die sie über uns ausgießt; man giebt ihr Beweise tiefer Leidenschaft; man stößt ihr die Ueberzeugung ein, daß sie sich dieser Leidenschaft nie mehr werde entziehen können, und indem man ihr so den Muth des Widerstandes lähmt, vollführt man ihretwegen, nur um ihr zu gefallen, Dinge, Thorheiten, welche sie rühren!“

„Als ob Thorheiten die Frauen rührten!“ fiel Melusine achselzuckend ein.

„Gerade sie!“ rief Graf Ulrich aus; „nur müssen sie recht großartig, recht gründlich thöricht sein …“

„Sie irren, Herr Graf, und ich meine, ich habe Ihnen eben noch den Beweis davon gegeben, daß ich wenigstens zu solchen Frauen nicht gehöre!“

„Sie mir? Wodurch? inwiefern?“

„Sie müssen doch sehen, daß die Thorheit, welche Sie eben begingen und die an Gründlichkeit doch nichts zu wünschen übrig ließ, mich völlig ungerührt gelassen hat.“

„Welche Thorheit – ach, die, daß ich Ihnen meine Hand anbot! Das hat Sie freilich sehr ungerührt gelassen; dies Zeugniß kann ich Ihnen nicht vorenthalten; aber ich kann nicht einsehen, daß das etwas beweist. Es war eben keine Thorheit – es war vielleicht das Allervernünftigste, was ich in meinem Leben gethan habe –“

„Schwerlich,“ sagte Melusine kalt; „aber,“ fuhr sie, sich erhebend, fort, „da Sie, wie ich sehe, nicht so vernünftig werden wollen, von etwas Anderem zu reden, so muß ich mich wohl zurückziehen, um Sie ungestört dem Gedanken über ein Thema zu überlassen, das Sie so fesselt.“

„Sie wollen mich verlassen ohne die geringste Hoffnung, daß mir von alle der aufregenden Arbeit, welche mir jetzt bevorsteht, etwas erlassen werde, keine von diesen zwölf Herculesarbeiten, zu denen ich mich jetzt entschließen muß … Sagen Sie mir wenigstens, daß es mit zwölfen genug sein soll, also jetzt noch elf, da ich um Ihretwillen eine große Thorheit, nach Ihrer Auffassung, soeben schon begangen habe!“

Melusine entzog sich diesem halb in scherzhaftem, halb in bitterem Tone vorgebrachten Geplauder, indem sie kühl lächelnd sagte: „O, es war mit der einen Thorheit schon übergenug!“ und ging davon.

Ulrich blieb auf der Bank sitzen und schaute ihr nach. Dann fuhr er mit der Hand über seine Stirn und stampfte mit dem Fuße auf den Boden.

„Der Teufel hole sie alle, diese Weiber! Ist’s nicht genug, daß mir diese Frau da oben im Thurm ihre verrückte Geschichte gesagt hat, die mich in eine verzweifelte Lage bringen – muß dieses hochmüthige Geschöpf da mich auch noch innerlich um und um kehren! Wie zornig sie mich abwies! Mich, den Grafen von [500] Maurach, das bettelarme Geschöpf! Und wenn sie nun gar noch erführe, wenn ich ihr sagte, was ich seit einer Stunde weiß: daß ich im Grunde just so bettelarm bin, wie sie auch … nichts, als ein wegen seiner Schulden und thörichten Streiche vom Regimente weggejagter Rittmeister! … Verdammte Entdeckung! Die Sache konnte gar nicht querer kommen! Aber mag sie! Soll ich darum verzichten? Nun und nimmermehr. Ich habe renommirt wie ein Thor vor ihr, und eher stürbe ich, als daß das Ende von diesem Allen wäre, daß sie mich verachtete! Ich fühle, daß ich in Raserei verfallen könnte, wenn dies schöne stolze hochmüthige Geschöpf, das mich mit jedem ihrer Worte herausfordert, über mich triumphirte!“

Er sprang auf und ging langsam sinnend in’s Schloß, in sein Zimmer; hier öffnete er eine Cassette, an der er sich mit Papieren, die er hineinlegte, zu schaffen machte. Dann schritt er eine Zeitlang in dem Raume auf und ab und befahl endlich Joseph, das Abendessen seinen Gästen auf deren Zimmer zu serviren, da er den Abend allein bleiben wolle. Als Joseph diese Botschaft drüben in dem Fremdenzimmer ausgerichtet und sich wieder entfernt hatte, bemerkte der Vicomte:

„Nach dem, was Du mir von den Reden unseres Wirthes mittheiltest, ist dies ein wenig auffallend. Es müssen sehr wichtige Aufschlüsse sein, die der Graf erhalten hat, wenn er vorzieht, allein zu bleiben, um darüber nachdenken zu können! Er habe das allerstrengste Schweigen verheißen müssen, sagte er Dir?“

„So ist es, mein Vater.“

„Ich möcht’ um die Welt gern wissen, was er von der alten Dame erfahren hat. Und was diese Frage nach einem Herrn Lohoff, von der Du mir sagtest, zu bedeuten hat! Ich erinnere mich des Menschen sehr wohl. Es war in Hamburg, im Hause des Spielpächters von Dobberan, dessen Kindern ich Unterricht gab. Dieser Lohoff war während der Saison einer seiner Croupiers – was er den Winter über in Hamburg trieb, weiß ich nicht. Er näherte sich mir mit großer Zuvorkommenheit und verstrickte mich in ein langes Gespräch, wobei mir auffiel, daß er sich sehr für den großen Adel unter den Emigranten zu interessiren schien und dann sehr viel nach unseren früheren Verhältnissen und nach unseren Verbindungen zu fragen begann. Es stieg mir endlich gar der Verdacht auf, daß er mich sondiren wolle, ob ich unsere Anrechte auf diese Herrschaft Maurach kenne und später im rechten Augenblick – der Graf Walram lebte ja damals noch – geltend zu machen gedenke.“

„Sprachst Du nicht damals davon, daß er Dich habe vor etwas warnen wollen?“ fragte Melusine.

„Warnen? Nun ja, ich denke so, vor deutschen Processen nämlich. Jedenfalls schien er eine versteckte Absicht zu haben. Dieser Argwohn machte, daß ich von da an den Berührungen mit ihm auswich – ich habe dann nicht mehr an ihn gedacht. Und jetzt beginnt der Graf von ihm zu reden! Weißt Du, welche Sorge mir kommt? Daß dieser Mensch aufgetaucht ist, um den Grafen wider uns einzunehmen; daß er uns ihm denuncirt, als Leute, die sich bei ihm unter heuchlerischer Maske eingeschlichen, um ihn zu verdrängen und zu verderben …“

„Das wäre entsetzlich!“ flüsterte Melusine. „Ich ertrüge es gar nicht, so vor ihm dazustehn. Mein Gott, welche Demüthigung!“

„Du hast Recht, es wäre eine furchtbare Situation für uns! Würde er uns glauben, daß wir ja zunächst nur gekommen um der Mittel willen, nach Frankreich heimzukehren und dort zu dem Unsrigen zu kommen?“

„Gewiß nicht, gewiß nicht!“ rief Melusine verzweifelt aus. „Was würde dieser böse Mensch nicht von uns glauben! Vater, ich bitte Dich, laß uns lieber abreisen, lieber weiter fliehen, als uns dem auszusetzen! O, der Aufenthalt wird mir unerträglich hier …“

„Ich bitte Dich, mein Kind, wie könnten wir einen so übereilten Entschluß fassen, bevor wir wissen, daß unsere Behauptung gegründet ist, bevor irgend etwas Weiteres uns andeutet …“

„Mein Gott, mein Gott,“ fiel Melusine ein, „sollen wir denn das abwarten, sollen wir uns solchen Andeutungen aussetzen? Daß der Graf allein sein will, wie er eben uns hat melden lassen, ist das nicht schon Andeutung genug? Und dann … dann …“

„Du sprichst nicht weiter – was willst Du sagen?“

Melusine brachte es nicht über die Lippen. Es war ihr der Gedanke durch den Kopf geschossen, daß Ulrich’s Werbung von vorhin, in der sie einen für sie beleidigenden Uebermuth gesehen, einen mindestens sehr tactlosen Scherz, eine ernstere Bedeutung gehabt habe … daß Graf Ulrich bereits erfahren, welches Recht sich an Melusinens Hand knüpfe, daß er sich dies und diese Hand sofort zu sichern gesucht – sie ward nun doppelt empört darüber, ihr ganzes Herz kehrte sich um bei diesem Gedanken … aber sie fühlte sich nicht im Stande, selbst mit ihrem Vater darüber zu reden … ihr Vater hätte sie ja ohnehin gar nicht verstanden; wie konnte sie ihm begreiflich machen, was in ihr lag, was sie in dem roh übermüthigen Betragen gerade dieses Mannes, dem sie von allen auf Erden just am meisten hätte imponiren und Achtung abzwingen mögen, so unsäglich kränkte?

So schwieg sie. Es war ja auch für den Abend zum Abreisen zu spät, und morgen konnte sie von Neuem davon beginnen und den Vicomte dafür zu gewinnen suchen. Dieser aber begann davon zu reden, daß ihre Sorge im Grunde doch sehr kindisch sei, daß, wenn dieser fremde Mensch, nach dem Graf Ulrich Melusine gefragt, auch etwas Genaueres über ihr Anrecht auf die Herrschaft Maurach wissen sollte, was doch sehr unwahrscheinlich war, er gar kein erdenkliches Interesse daran haben konnte, den Grafen darin einzuweisen … und damit beruhigte der Vicomte sich endlich so glücklich, daß auch Melusine zuletzt einen Theil dieser Sorge schwinden fühlte.

[513]
12.

Graf Ulrich war in dem Zimmer, in welchem wir ihn verließen, geblieben, bis die volle Nacht eingetreten. Dann war er gestiefelt und gespornt in den Hof hinabgegangen, nachdem er seinem Bedienten kurz und lakonisch gesagt, daß er einen Spazierritt im Mondscheine machen wolle; Joseph habe nicht auf ihn zu warten, falls er sich schlafen legen wolle. Im Hofe wandte er sich dem Stalle zu und ließ sein bestes Pferd satteln, ein Thier von ausgezeichneter Zucht und Schönheit. Auch dem Reitknecht befahl er, nicht auf seine Rückkehr zu warten, er solle nur sorgen, daß Hof- und Stallthor geöffnet bleiben; für seinen Rappen werde er, wenn er heimkomme, schon selbst sorgen.

Die beiden Diener, an solche Extravaganzen ihres Herrn gewöhnt, wenn er auch freilich bis jetzt noch nicht im Nachtdunkel – von Mondschein war in diesem Augenblicke wenig zu gewahren – seine Spazierritte gemacht, ließen ihn ziehen und hatten beide, als die Schloßuhr zehn schlug, schon ihre Schlafkammer aufgesucht.

Als diese Stunde von der großen Schloßuhr in einzelnen leise versummenden Tönen durch die stille Nacht gellte, war der Mond übrigens längst aufgegangen. Er stand jetzt voll und klar am Himmel und goß sein bläuliches mildes Licht über die schönen Kastanienwipfel auf der Terrasse hinter dem Schlosse, und mit dunkeln Schattenabsätzen zeichnete er die architektonischen Linien des Gebäudes ab, das so lautlos als ein sorgsamer Hüter geheimnißvollen schweigenden Lebens in seinem Innern dastand. Auch über zwei lebende sich bewegende Gestalten goß er sein Licht, zwei Männer, die, fern von einander, in verschiedenster Weise und verschiedenster Richtung ihren Zielen sich näherten. Der eine ging leise und geduckt; er kam aus dem ummauerten Garten, durch den wir früher die Thurmschwalbe schreiten sahen; er ging jetzt über die Planken der Laufbrücke, welche an dieser Seite über den Graben führte; aber leisen behutsamen Schrittes, wie um das Aechzen der Bretter unter seinen Füßen zu vermeiden. Dann wandte er sich links, schlich im Schatten an der Schloßwand entlang, bis er an die Ecke des großen Thurmes gelangte, und um diese sich wendend verschwand er selbst dem Auge des Mondes unter dem dichten Schatten der Kastanien.

Der andere Mann – weit davon – war hoch zu Roß; er ritt in gestrecktem Trab, über eine unchaussirte Straße, die über ein weites Blachfeld führte; rechts dehnten sich, so weit der nächtliche Horizont sich erstreckte, bleichgraue Kornfelder aus, gleich einem See, über dem sich Dächer und Baumwipfel mit ihren verschwommenen Umrissen fern und zerstreut wie einzelne Inseln hoben. Links erhob ein Höhenzug seine niedrigen Berglehnen, fast schwarz, mit dunkeln Waldkämmen darüber. Das Pferd, das ihn trug, schoß dahin, als ob es von Stahlfedern in seinen Gelenken und Fesseln fortgeschnellt würde, so regelmäßig und weit ausgreifend und schnell; und dabei warf es zuweilen wie in freudiger Erregung über sein eigenes kraftgeschwelltes Bewegen und flugartiges Dahinschießen den Kopf auf und schnob in die frische Nachtluft hinein eine Wolke von Dampf.

Der Reiter, der es nicht anders als mit weichem Schenkeldruck zu befeuern hatte, erreichte jetzt das Ende des Blachfeldes und sah sich nun auf einer sich westwärts abdachenden Höhe; eine weite Thallandschaft lag vor ihm, in die es sanft, unmerklich fast, hinabging. Die Siedelungen, die wie dunkle Schiffe über der Fluth der Kornfelder lagen, waren wenige; aber ganz fern noch, inmitten der Landschaft, erhoben sich Häuser und hohe Bäume, oder waren es Thürme? … es war nicht zu unterscheiden, man sah nur dunkle wirre Linien in nebelhaftem Duft; auch dauerte es noch lange, noch bedurfte es einer langen unausgesetzten Anstrengung des edeln Thieres, bis sich erkennen ließ, wie auf einzelnen Dächern, auf Giebeln und Essen, auf schwarzen rundbäuchigen Kappen von Thürmen der falbe Glanz des Mondes lag.

Und dann noch eine Weile, eine Zeit, die sich nur noch nach Minuten berechnete, und ein Pflaster war erreicht, und häufiger und häufiger tauchten rechts und links kleine Häuser aus rohem Ziegelbau auf, hart an der Straße, mit Höfen, auf denen Hunde anschlugen, mit kleinen Fenstern, hinter denen hie und da noch Licht schimmerte; dann kamen Hecken mit dunkeln Bohlenthüren in der Mitte, Mauern, überragt von kleinen Gartenhäusern – und endlich that sich dicht vor dem Reiter ein hohes, offenes Stadtthor auf.

Er zog die Zügel an, das Pferd ging Schritt, es schlug mit dem Hufe auf die Planken einer Brücke. unter dem Thor ging eine Schildwache auf und nieder. Sie rief dem Fremden ein „Qui vive?“ entgegen; dieser wollte anhalten und Auskunft über sich geben – die Schildwache aber schien es für überflüssig zu halten, ihn anzuhören, sie winkte verdrossen mit der Hand und der Fremde ritt weiter.

Die Straßen der Stadt schien er zu kennen; er wandte sich rechts, ritt durch einige stille und schmale Gassen, dann wieder [514] durch ein Thor und gelangte so in eine breite Baumallee, die durch eine Art Park oder Gartenanlage – rechts und links zogen sich mehrere Baumgänge, nur schmaler als der mittlere, hin – auf ein kleines Schloßgebäude zuführte. Es war ein Bauwerk im Rococo-Stil, das selbst das vergrößernde Mondlicht nicht zu etwas Imposanterem als einem mäßigen Lust- oder Jagdschloß machte. Zwei Schildwachen schritten vor demselben auf und ab – Leute in einer eigenthümlichen Uniform; die Amaranthfarbe ließ die Nacht nicht erkennen, nur das viele Troddelwerk an Tschako- und Nestelschnüren war wahrzunehmen.

Der Reiter stieg ab und schritt, sein Pferd hinter sich, auf das offene Gitterthor zu, das in den kleinen Schloßhof führte. Eine der Schildwachen hielt ihn an. Er gab eine Auskunft. Der Mann ließ ihn weiter gehen. Auf den Schloßhof fiel heller Lichtschimmer der Portallaternen; der Reiter band sein Pferd an das Hofgitter, es der Hut der Schildwachen überlassend, und schritt auf das Portal zu, um den Ring im Löwenmaul des Klopfers zu heben und bescheiden wieder niederfallen zu lassen. Eine Weile mußte er harren; dann öffnete sich das Portal, ein Thürsteher, der sich einen eben eilig übergeworfenen Rock zuknöpfte, empfing ihn mit einem verdrießlich entgegengeworfenen Rufe, einer hastigen Frage in französischer Sprache.

Noch einmal gab der Fremde eine Auskunft; der Portier öffnete darauf das Portal vor ihm, ließ ihn in die Eingangshalle treten und führte ihn in ein links liegendes Parterrezimmer, in welchem eine Lampe brannte.

„Setzen Sie sich, Monsieur, und warten Sie einige Augenblicke; ich werde den Adjutanten Seiner Hoheit benachrichtigen,“ sagte der Pförtner.

Der Mann ging, nachdem er erst zwei Wachslichter auf dem Kaminsims vor einem hohen Spiegel entzündet. Der Fremde setzte sich auf den nächsten Stuhl und lehnte sich ermüdet aufathmend zurück.

Er mochte etwa zehn Minuten gehabt haben, sich so von seinem scharfen und weiten Nachtritt auszuruhen, als der Pförtner wieder erschien, die Thür vor einem kleinen schwarzen rasch auftretenden jungen Manne zu öffnen, der mit einer höflichen Verbeugung sich dem Fremden näherte und in französischer Sprache sagte:

„Was steht so spät zu Ihren Diensten, mein Herr? Sie sind der Graf Mora … Morrau …“

„Graf Maurach ist mein Name,“ versetzte der nächtliche Reiter sich erhebend und die Verbeugung erwidernd, „ich bin seit einigen Monaten Besitzer der Herrschaft Maurach im Departement der Ruhr und Seiner Hoheit Unterthan.“

Der Adjutant verbeugte sich abermals und indem er auf den Stuhl deutete, sagte er:

„Haben Sie die Güte, Platz zu nehmen und mir zu sagen, was Sie im Dienste Seiner Hoheit herführt. Sie haben ohne Zweifel eine wichtige Mittheilung im Dienste des Großherzogs zu machen …“

„In der That; und worum es sich handelt, ist dies: ich habe von meinem Vorsitzer auf der Herrschaft Maurach neben dem ganzen Gutsinventar ein Pferd von ausgezeichneter Schönheit und Tüchtigkeit geerbt. Es ist von englischem Blut, acht Jahre alt und von einer ganz seltenen Leistungsfähigkeit. Es ist namentlich ein Traber, wie es wenige giebt. Vor einigen Wochen hat eine das Land wegen der Remonteverhältnisse und zur Untersuchung des Pferdebestandes durchziehende Commission, bei welcher sich der Stallmeister Seiner Hoheit befand, das Thier gesehen; der Stallmeister hat es für den persönlichen Dienst des Großherzogs zu erwerben gewünscht und den Preis von hundertzwanzig Napoleond’or dafür geboten. Das edle Thier war mir nicht feil, aber …“

„Mein Herr,“ fiel ihm hier der Adjutant mit ziemlich verdrießlicher Miene in’s Wort, „für Roßkammgeschäfte – entschuldigen Sie den Ausdruck – wählen Sie eine ziemlich späte Stunde, und außerdem muß ich Ihnen bemerken, daß diese nicht in meine Dienstbranche gehören, sondern in die des Stallmeisters Seiner Hoheit.“

„Ich weiß, ich weiß,“ entgegnete rasch Graf Ulrich, „doch bitte ich Sie, mich bis zu Ende anzuhören. Es handelt sich nicht um ‚Roßkammgeschäfte‘; ich sagte Ihnen, daß mein Pferd mir nicht um Geld feil ist; in der That ist es für Jemand, der ein Pferd zu schätzen weiß, der ein Reiter ist, wie unser gnädigster Großherzog, mit Geld auch nicht zu bezahlen. Doch habe ich mir sagen müssen, daß Niemand in der Welt würdiger sei, es zu besitzen, als eben der beste Reiter in der Welt; und deshalb komme ich, es Seiner Hoheit als einen Ehrfurchtsbeweis seines getreuesten Unterthanen anzubieten. Das Pferd steht im Hofe, Sie hören seinen Hufschlag, mein Herr, und ich bitte Sie, es in den Marstall führen zu lassen.“

Der Adjutant, der diese Worte mit einer sich aufhellenden Miene angehört hatte, wollte einfallen, als Graf Ulrich fortfuhr:

„Nur Eines möchte ich mir dagegen ausbitten; ich besitze eine kleine Waffensammlung, und ich würde mich sehr glücklich schätzen, wenn ich für dieselbe, zugleich als ein Andenken an meinen gnädigen Souverain und einen Huldbeweis Seiner Hoheit, den Säbel zum Gegengeschenk erhalten könnte, den der Großherzog heut im Dienst getragen hat.“

„Ah, ohne Zweifel, ohne Zweifel,“ fiel lächelnd der Adjutant ein, „wird Seine Hoheit Ihnen diesen Huldbeweis gern gewähren … ich würde Ihnen nur den Vorschlag machen, Herr Graf, morgen sich zur Audienz melden zu lassen; die Stunde ist zwischen Zwölf und Eins … der Großherzog wird erfreut sein, Sie zu sehen, Ihnen seinen Dank auszusprechen und Ihnen persönlich das Andenken zu überreichen, welches Sie als Gegengabe für Ihr so kostbares Geschenk wünschen …“

„Ich sehe ein, Monsieur,“ erwiderte Graf Ulrich, „daß dies das ordnungsmäßige Verfahren wäre. Doch gebieten mir ganz ungewöhnliche Umstände, Interessen der schwerwiegendsten Art, welche morgen meine Anwesenheit daheim fordern, noch in dieser Stunde um die Gewährung meines Wunsches zu bitten. Wäre das nicht der Fall, so wäre ich sicherlich nicht in dieser Stunde der Nacht gekommen! Es ist sehr möglich, daß ich schon morgen gezwungen bin, meine Herrschaft, mein Haus zu verlassen; ich durfte darum nicht zögern, meinen Entschluß auszuführen, wenn ich das treue Thier, an dem mein Herz hängt, in den Händen sehen wollte, in denen es mir eine Befriedigung des Herzens ist, es zu sehen, und das Andenken zu erringen, an dem mir so viel gelegen …“

Der Adjutant sah einen Augenblick schwankend und unschlüssig den seltsamen Mann an, der mit einer solchen Bestimmtheit sprach und so dringend die Willfahrung in einen für ihn so nachtheiligen Handel verlangte.

„Darf ich das Pferd sehen?“ sagte er zögernd und setzte mit einem forschenden Blick in des Grafen Ulrich Züge hinzu: „Sie werden Bekannte hier am Hofe haben … Sie kennen …“

„Ah, Sie sind mißtrauisch,“ unterbrach ihn lächelnd Graf Ulrich; „ich verdenke es Ihnen nicht, da es in der That eine etwas ungewöhnliche Stunde ist, in welcher ich in dies Fürstenschloß einbreche; ich bin Graf Ulrich Maurach, wie ich Ihnen zeigen kann, ohne daß wir die Bekannten in ihrem Schlummer zu stören brauchten welche ich etwa hier am Hofe haben könnte.“

Graf Ulrich zog seine Brieftasche hervor und nahm mehrere mit seiner Adresse versehene Briefe heraus; der Adjutant lehnte ab, einen Blick darauf zu werfen, mit einer Verbeugung sagte er:

„O nein, o nein, ich müßte sehr kurzsichtig sein, wenn ich einem Herrn von so viel Distinction gegenüber an seinen Worten oder gar an seiner Identität zweifelte! – Sie wollten mich das Pferd sehen lassen!“

Graf Ulrich ging voraus zum Zimmer hinaus; draußen kam der Portier, der sich jetzt wieder sorglich in seine Livree geknöpft hatte, ihnen das Portal zu öffnen; beide schritten auf den Hof; obwohl das Mondlicht im Schwinden begriffen war, gaben die Portallaternen Helligkeit genug, die Schönheit des Thieres zu erkennen, welches ungeduldig mit den Nüstern schnob, als es seinen Herrn wahrnahm, und mit heftigem Kopfaufwerfen an den Zügeln, die es festhielten zerrte.

„Bitte,“ sagte der Adjutant, „treten Sie auf einen Augenblick wieder ein; ich will mit dem Kammerdiener Seiner Hoheit sprechen, auf daß dieser ihn von Ihrem Anliegen unterrichte; der Großherzog hat sich in seine Gemächer zurückgezogen, aber er wird noch nicht im Schlafe liegen … also gedulden Sie sich einen Augenblick, Herr Graf.“

Der Adjutant hatte Graf Ulrich an die Thür des Empfangzimmers zurückgeführt; dann, während der letztere hier wieder eintrat, wandte er sich einer teppichbelegten Treppe im Hintergrund zu und verschwand lautlosen Schrittes darauf. Ulrich hörte für eine Weile in seinem Wartezimmer nur noch den Hufschlag und [515] das Schnauben seines Pferdes im Hofe und das schwere Schreiten der Schildwachen draußen vor dem Gitterthor des Hofes.

Nach fünf Minuten kam der Adjutant zurück. Er trug einen Säbel in goldblanker Messingscheide mit goldener Troddel daran in der Hand, und ihn Ulrich mit einer Verbeugung überreichend, sagte er: „Herr Graf, ich habe die Ehre, Ihnen diese Waffe zu überreichen; Seine Hoheit ertheilt Ihnen bereitwillig dies Zeichen seiner Gewogenheit und vollen Gnade; den Dank für die Huldigung, welche Sie ihm dargebracht, wünscht er Ihnen recht bald persönlich aussprechen zu können.“

Diese kleine Rede war die officielle Redaction derjenigen, welche Joachim Murat soeben in Wirklichkeit gehalten, als der Kammerdiener in sein Schlafzimmer getreten und ihn mit dem Auftrage, den er vom Adjutanten empfangen, am Einschlafen gehindert hatte. Seine Hoheit hatte sich auf die andere Seite geworfen und geantwortet:

„Ah … das Pferd wird das sein, von dem mir St. Avignon gesprochen hat! Man will es mir schenken? Sehr gut! Aber dieser heilige Nicolaus, der seine Geschenke in der Nacht bringt, ist ein Narr. Man sollte ihm eine Narrenpritsche geben. Aber da er, wie Du sagst, einen Säbel will, gebt ihm einen. Geh’, Giles, ich will schlafen.“ –

Graf Ulrich erhielt diese Worte in jener anderen Form übermittelt; es war ziemlich gleichgültig in welcher, er hörte auch wenig darauf, als er hastig und erfreut den Säbel an sich nahm und die Kuppel sich umschnallte. Dann nahm er seinen Hut und machte eine Verbeugung, um sich zu verabschieden. Der Adjutant begleitete ihn bis an das Schloßportal, ließ noch einige höfliche Worte fallen, daß er sehr bald die Bekanntschaft des Herrn Grafen erneuern zu dürfen hoffe, daß der Herr Graf sich sicherlich sehr bald nach dem Befinden seines schönen Pferdes zu erkundigen kommen werde, und was dessen mehr war … Graf Ulrich war schon draußen, rasch davonschreitend, den Säbel Joachim Murat’s an der Seite.

Der Portier aber lief hinter ihm über den Hof, um in den nahen Marstall den eben erhaltenen Befehl des Adjutanten zu bringen, daß man den Rappen Graf Ulrich’s abzuholen und für das schöne Thier, das so unerwarteter Weise die Zahl der Leibrosse Seiner Hoheit vermehren sollte, zu sorgen komme.

Graf Ulrich vertiefte sich unterdessen in die Schatten der Allee vor dem Schlosse, schritt dann in die Stadt hinein, und nachdem er einige Gassen durchwandert, stand er vor dem Einfahrtsthor eines an einem freien Platze liegenden Gebäudes still; über dem Thor war ein großes Schild angebracht; bei Tageslicht war darauf der kaiserliche Doppelaar zu erkennen, der trotz des Umschwungs der Zeiten noch unangetastet diese Stelle wie eine fremde Exterritorialität hütete. Das Gebäude war der noch unter fürstlich Thurn- und Taxis’scher Verwaltung stehende ehemalige Reichspoststall. Graf Ulrich klopfte mit dem Knopf seiner Reitpeitsche daran. Das Thor that sich vor ihm auf, um ihn einzulassen; nach einer Viertelstunde öffnete es sich wieder, diesmal mit weiten Flügeln, und zwei Reiter ritten daraus hervor, ein Postillon in der gelben Jacke und hohen Courierstiefeln und hinter ihm Graf Ulrich. Ein solcher Ritt mit Courierpferden oder Postkleppern war in jenen Tagen für den, welcher keine eigene Chaise, vor die er Postpferde legen lassen konnte, besaß, immer noch die beliebteste Art, sein Fortkommen zu bewerkstelligen.




13.

Es war am andern Morgen. Graf Ulrich hatte sein Schloß wieder erreicht, als die Sonne schon ziemlich hoch am Himmel stand; Schloß Maurach aber hatte noch in tiefer Stille dagelegen, von einem duftigen feuchten Morgennebel umschleiert, jenem eigenthümlich beruhigenden und beschwichtigenden Zustand der Atmosphäre, der ganz danach angethan war, das tiefe Schlafbedürfniß zu steigern, welches der ermüdete junge Mann in allen Gliedern fühlte; nicht blos in den schwer gewordenen Lidern, auch in den Schultern und Knieen und Füßen, in denen überall ein schweres Gefühl von Mattigkeit beinahe schmerzhaft wurde. Er hatte vor dem Thore seinen Postknecht abgelohnt und mit seinen Gäulen heimgeschickt, dann war er unbemerkt und unaufgehalten durch den Schloßhof und das offen gelassene Portal in seine Wohnung geschritten, hatte sich entkleidet, den Säbel Murat’s, die Trophäe seines Gewaltritts in der verflossenen Nacht, auf den Stuhl vor seinem Bette geworfen und sich zur Ruhe gelegt, um bald in einen tiefen Schlaf zu sinken.

Wie lange er in den Armen dieses erquickenden Schlummers gelegen, wußte er durchaus nicht, als er daraus geweckt wurde. Er hörte Stimmen und die raschen fest auftretenden Schritte mehrerer Männer im Hofe; sie näherten sich und verhallten dann; sie mußten in das Gebäude eingetreten sein. Jetzt glaubte er auffallend hastiges Hin- und Hergehen auch im Innern des Schlosses zu vernehmen; er wartete einen Augenblick, ob nicht Joseph eintreten um ihm zu melden, daß etwas sein Aufstehen und seine Anwesenheit erfordere. Aber Joseph kam nicht; Graf Ulrich’s Lider schlossen sich wieder: er entschlummerte noch einmal, unbekümmert um das Geräusch, das wieder erstorben war.

Als er wieder erwachte, hörte er abermals Stimmen auf dem Hofe. Er unterschied die Stimme seines Reitknechts, der ausrief:

„Aber ich kann darauf schwören, daß es nicht später als halb neun Uhr, höchstens halb neun Uhr war!“

Eine andere, Ulrich nicht bekannte Stimme antwortete in scheltendem und ungläubigem Tone etwas. Dann entfernten sie sich.

„Zankt man sich dort um die Stunde, wann ich gestern fortgeritten bin?“ fragte sich Graf Ulrich, sich ausstreckend. „Vielleicht glauben sie gar, ich sei nicht heimgekommen, weil das Pferd fehlt. Ich werde aufstehen müssen, um sie zu beruhigen!“

Trotz dieses Vorsatzes blieb Graf Ulrich ruhig liegen. Er schien nach der Anstrengung der Nacht die Ruhe, das bequeme Sichstrecken gar zu bequem zu finden. Er stützte den Kopf auf den Arm und begann in ein tiefes Sinnen zu gerathen.

„Es wird eine hübsche Ueberraschung für sie sein,“ flüsterte er für sich hin. „Welche Miene sie machen wird! Welche reizende komische Miene! Mit aufgeworfener Lippe! Mit trotzig zusammengezogenen Brauen und mit Blicken, die doch zu so viel Trotz gar nicht stimmen werden! Nicht im mindesten!“

Er lachte fröhlich auf … Die Vorstellung Melusinens, wie sie aus seiner Hand den Säbel Murat’s, den sie verlangt, entgegennehmen werde; der Kampf ihres inneren Ueberwundenseins und ihres sich sträubenden Trotzes, der sich dabei in ihren Mienen spiegeln müsse, ließ sein Herz hoch aufschlagen. Von dieser Vorstellung war er so voll, daß er nur mit Mühe seine Gedanken davon losreißen konnte; auch kehrten sie fortwährend zu dieser Scene zurück – er kostete im Voraus das ganze Glück dieses Augenblicks, trotzdem, daß er doch so viel Wichtigeres zu überdenken, sich über eine so unendlich bedeutungsvollere Angelegenheit klar zu werden hatte, noch in dieser Stunde eine Lösung dafür suchen mußte! Hatte er nicht Frau Wehrangel versprochen, an diesem Morgen zurückzukehren und mit ihr weiter über die Angelegenheit zu verhandeln, in welcher sie ihm gestern Aufschlüsse gegeben hatte? Hatte er nicht in dieser Sache einen höchst entscheidenden, für seine ganze Zukunft entscheidenden Entschluß zu fassen? Hatte er nicht gründlich und gewissenhaft zu überlegen, mit welchen Gründen er jene Frau bewegen sollte, von einem Vorhaben zurückzukommen, das sie gefaßt, das sie ihm ausgesprochen und das ihm seine Ehre gebot, in ihr bis auf’s Aeußerste zu bekämpfen? Es war sonderbar – alles das lag auf ihm, und er, er dachte doch nur mit halben Sinnen daran, und mit mehr als der andern Hälfte – an den Säbel Murat’s!

In diesem Nachdenken und seinem trägen sich im Bette Strecken wurde er plötzlich und sehr unerwartet durch mehrere Personen unterbrochen, welche rasch in sein vorderes, sein Wohn- und Arbeitszimmer traten, beinahe hereinstürmten.

Da die Verbindungsthür zwischen seinem Schlafzimmer und diesem vorderen Zimmer ein wenig geöffnet stand, erkannte er sie leicht; die geschlossenen Fensterladen in seinem Schlafzimmer ließen dagegen ihn hinter seinen Bettvorhängen den Eintretenden ganz unsichtbar bleiben.

Es waren Melusine, der Vicomte, ein Herr in mittleren Jahren, der Graf Ulrich bald nach seiner Ankunft in Maurach einen Besuch gemacht hatte, um sich ihm als den Patrimonialrichter der Herrschaft vorzustellen; ein anderer, wie ein Schreiber aussehender Mensch und hinter ihnen der Pastor Demeritus, Herr Lohoff … Joseph hielt sich scheu an der in den Saal führenden Eingangsthür.

Eine merkwürdige Hast und Unruhe lag in den Bewegungen aller dieser Menschen, das Gepräge der Aufregung und Spannung [516] auf ihren Mienen – Melusinens Züge waren ganz ungewöhnlich bleich; der Vicomte trug sein Taschentuch in der Hand, womit er sich ein Mal über das andere über die Stirn fuhr – er ließ sich, während die Uebrigen zu dem Schreibtische des Grafen Ulrich vortraten, auf einen Stuhl neben der Eingangsthür niederfallen.

Der Richter setzte sich in den Stuhl Ulrich’s und winkte seinem Schreiber.

„Setzen Sie sich und schreiben Sie, Herr Actuar!“ sagte er dabei. „Die übrigen Zeugen sollen im Saale bleiben, bis ich sie vorrufen lasse,“ fügte er, zu Joseph gewendet, hinzu. „Auch der Reitknecht soll sich nicht entfernen – Mademoiselle de la Tour, die Protokoll-Aufnahme, zu der ich schreiten muß, wird lange Zeit in Anspruch nehmen und Ihre Gegenwart ist dabei nicht erforderlich; wenn Sie also wünschen, sich zurückziehen zu dürfen …“

„Ich wünsche bleiben zu dürfen, Herr Richter,“ versetzte Melusine mit bewegter Stimme; „ich habe Ihnen nachher eine Erklärung abzugeben, wenigstens meinem Vater bei einer solchen beizustehen.“

„Wie Sie wünschen, Mademoiselle; nehmen Sie Platz unterdeß. Herr Actuar, schreiben Sie Datum und Eingang der Verhandlung.“

Der Actuar war eben beschäftigt, auf einem gebrochenen Bogen, der oben an der Spitze die gedruckten Worte „Großherzogthum Berg, Departement der Ruhr, Canton W.“ zeigte, die gewöhnliche Eingangsformel protokollarischer Aufnahmen niederzuschreiben, als sämmtliche Anwesende, wie auf’s Aeußerste betroffen, auf und in die Höhe fuhren und ein erschrockenes Ah! von allen Lippen tönte.

Der Gegenstand dieser Ueberraschung war Niemand anders als Graf Ulrich Maurach selbst, der im höchsten Grade erstaunt über den Vorgang in seinem Wohnzimmer, dessen Zeuge er war, sich erhoben und sich rasch in seine Kleider geworfen hatte und jetzt, noch beschäftigt, seinen grünen Jagd- und Morgenrock über die Schultern zu ziehen, auf der Schwelle des Schlafgemachs erschien.

Bei der ungeheuren Ueberraschung, welche sein Erscheinen hervorrief, mußte sich eine ähnliche und nicht minder große in seinen Zügen spiegeln. Er stand wenigstens einen Augenblick verstummt da, blickte auf die tiefer erbleichende Melusine, dann in das Gesicht des mit offenem Munde ihn anglotzenden Richters und rief endlich aus: „Meine Herrschaften, der Besuch, mit dem Sie mich so früh beehren, würde mir erfreulicher sein, wäre er weniger räthselhaft! Was führt Sie her, was ist geschehen, was bedeutet dies Alles?“

„Ah … und das erriethen, das wüßten Sie nicht?“ rief der Richter aus.

„In der That nicht, was Sie veranlaßte, hier eine Verhandlung in meinem Zimmer vorzunehmen … ohne nur die Güte zu haben, sich vorher bei mir erkundigen zu lassen, inwiefern mir dies genehm ist oder nicht! Feder, Tinte und Papier wird sich auch unten in der Schreibstube meines Rentmeisters finden …“

„Wir haben nicht mit Ihrem Rentmeister zu thun, sondern mit Ihnen, Herr Graf,“ versetzte der Richter, der jetzt ganz den Aplomb wiedergefunden hatte, den er für die Bethätigung seiner obrigkeitlichen Würde selbst seinem Gerichtsherrn gegenüber geboten erachtete – denn noch war Graf Ulrich sein Gerichtsherr, die Regierung Murat’s hatte bis heute erst die Administration des Landes neugebildet, die Jurisdictionsverhältnisse waren bestehen geblieben.

„Wenn das ist,“ fiel Graf Ulrich ein, „dann muß ich bitten, daß Sie Ihre Verhandlung mit mir mit einer Erklärung beginnen und zwar mit einer unumwundenen, was Sie herführte!“

„Uns führt her,“ versetzte der Richter, „das, was in der verflossenen Nacht auf Schloß Maurach geschehen ist; die Pflicht der Obrigkeit, die Absicht, den Verbrecher zu entdecken, der eine solche blutige Schandthat beging …“

Graf Ulrich sah auf, als habe er nicht recht begriffen. Er sah von Einem zum Andern. Der Richter, der diesen Blick mit zusammengezogenen Brauen beobachtete, hätte ihn abgespiegelt oder in irgend einer Weise festgehalten auf seinem noch weißen Protokollbogen fixiren mögen. … Melusine unterdeß begegnete diesem Blicke mit zornigem Aufflammen der Augen; sie rief, Ulrich einen Schritt näher tretend, aus: „Man hält Sie für den Mörder, Graf Ulrich!“

„Mörder? Mich? Wessen? Wessen Mörder?“

„Der armen Frau, der Frau Wehrangel, Herr Graf,“ sagte mit schwerer Betonung der Richter.

„Was … die Frau ist ermordet … die Frau Wehrangel ermordet? Und ich … ich soll das gethan haben?“

Der Ausruf Ulrich’s hatte etwas von so unverstellter und offenbarer Ueberraschung und ungeheucheltem Erschrecken, daß Niemand im ersten Augenblick die Anklage zu wiederholen wagte. … Der Richter, ihn groß ansehend, versetzte nur: „Die Frau Wehrangel ist diesen Morgen in ihrem Zimmer in ihren Nachtkleidern ermordet gefunden. Es sind ihr drei Wunden mit einem Dolchmesser beigebracht, eine letale in den Hals, eine zweite in den Oberarm und eine dritte ebenfalls tödtliche in die Brust …“

Graf Ulrich sah, während der Richter dies sagte, ihn noch mit demselben Blicke der Bestürzung an; dann aber drückte sich auf seinen Mienen ein auffallender Zorn aus und mit flammenden Blicken rief er aus: „Und weil dies Schreckliche geschehen, in meinem Hause geschehen, kommen Sie, um nun ohne Weiteres hier in meinem Zimmer wider mich als den Mörder zu instrumentiren?“

[529] Unter dem Einfluß der Art und Weise, wie Graf Ulrich Maurach die ganze Sache aufnahm, schien der Richter ein wenig irre geworden; er zögerte zu antworten; aber Melusine, die mit einem Gesicht, auf dem sich die heftigste Bewegung spiegelte, ihre Augen auf seine Züge geheftet hatte, fiel ein: „Es spricht Alles, Alles dafür, daß Sie und nur Sie der Mörder sind, Graf Ulrich! Und nicht allein der armen Frau, sondern vielleicht auch der Tochter … wo ist die Tochter der Frau Wehrangel … das Mädchen ist verschwunden – spurlos verschwunden … wo ist sie?“

„Immer besser,“ rief Graf Ulrich aus … „sie ist verschwunden – und also kann Niemand anders als ich sie entführt haben! Oder ebenfalls ermordet!“

„Der Verdacht liegt auf Ihnen, Herr Graf,“ versetzte kalt Melusine.

Graf Ulrich sah auf Melusine mit einem Blicke verzehrender Wuth. Es schien ihn ein furchtbarer Zorn zu erfassen, daß man ihm so ruhig und kalt diese Worte in’s Gesicht zu schleudern wagte. War es vielleicht der Zorn, daß just diese Lippen es waren, die den Verdacht wider ihn aussprachen? Er richtete wenigstens von nun an seine Antworten nur noch an Melusine.

„Und welches sind die Gründe dieses Verdachts, meine gnädige Cousine?“ sagte er mit bleicher, bebender Lippe.

„Wo waren Sie während dieser Nacht?“ entgegnete sie rasch und heftig.

Er fixirte sie einen Augenblick, dann sagte er: „Sie sahen mich selbst eben aus meinem Schlafzimmer treten.“

„Allerdings zu unserer Ueberraschung,“ fiel hier der Richter ein, „denn da Ihr Pferd im Stalle fehlte, mußte angenommen werden, Sie hätten sich nach der That auf demselben geflüchtet. Der Reitknecht sagte zwar aus, Sie hätten sich mit demselben gestern Abend zwischen acht und neun Uhr entfernt, jedoch da der Mord nach allen Inzichten um diese Stunde noch nicht vollzogen sein kann, so erschien es wahrscheinlich, daß Sie den Reitknecht bestochen hatten; diese Aussage zu machen. Sie behaupten jetzt also, die Nacht in Ihrem Schlafzimmer zugebracht zu haben?“

Melusine schien voll Spannung auf seine Antwort an seinen Lippen zu hängen. Aber er antwortete nicht, er schlug nur die Arme über der Brust zusammen und rief herausfordernd: „Ich wünsche die weiteren Gründe des Verdachts zu hören. Ich war also nicht in meinem Schlafzimmer während der Nacht – ist das Alles?“

„Sie waren nicht in Ihrem Schlafzimmer,“ entgegnete der Richter, „nein, denn Ihr Diener Joseph sagt aus, daß er es zwischen zwölf und ein Uhr betreten, und daß er Sie nicht gefunden hat.“

„Und der zweite Grund,“ fiel hier Melusine ein, „ist der, daß Sie der einzige Mensch sind, der ein Interesse bei dem Morde hatte, aus dessen Verhältniß zu der Ermordeten er erklärlich ist.“

„Das ist richtig,“ sagte Graf Ulrich mit höhnischem Tone; „Sie haben darin vollkommen Recht, meine gnädige Cousine. Ich habe am gestrigen Tage; wie Sie wissen; eine Unterredung mit Frau Wehrangel gehabt …“

„Frau Wehrangel hat Ihnen gesagt, daß sie die einzige, rechtmäßige Erbin der Herrschaft Maurach sei,“ fiel Melusine ein.

„Das hat sie mir gesagt,“ versetzte mit demselben Trotz Ulrich und, mit einem Seitenblick sich zu dem Beamten wendend, [530] fügte er hinzu: „Ueberlassen Sie so nun das ganze Verhör meiner gnädigen Cousine hier, und Sie werden sehen, wie sie mir ein vollständiges Geständniß abgewinnt. Fragen Sie weiter, meine gnädige Cousine. Sie haben, da wir auf diesen Punkt kommen, ja ohnehin wohl ein wenig das Recht, hier das erste und entscheidende Wort zu führen. Denn wenn Frau Wehrangel todt, ihre Tochter verschwunden ist, dann sind Sie, denk’ ich, hier auf Schloß Maurach jetzt wohl so etwas wie die Herrin, Gebieterin und Dame Châtelaine et haute Justiciére. Und wenn das auch nicht wäre, es thut nichts, ich erkenne Ihre richterliche Autorität über mich vollkommen an und unterwerfe mich Ihrem Urtheilsspruch. Sie werden mich also köpfen oder guillotiniren lassen, meine Gnädigste?“

Melusinens Augen leuchteten zornig auf, als sie auf diese mit größter Bitterkeit hervorgestoßenen Worte mit einer ganz ungemäßigten Heftigkeit antwortete: „Wenn Sie sich nicht besser zu verteidigen vermögen, als Sie es bis jetzt gethan, Herr Graf, so könnte das allerdings Ihr Schicksal sein. Es wäre besser, Sie gäben eine Auskunft, wo Sie die Nacht waren ...“

„Meine gnädige Cousine,“ versetzte Graf Ulrich, „ich werde Ihnen darüber keine Auskunft geben. Niemals. Ich werde mich zehnmal lieber guillotiniren lassen, als Ihnen diese Auskunft zu geben!“

„Also Sie gestehen ein, in der Nacht abwesend gewesen zu sein; Sie gestehen ein, von der Ermordeten erfahren zu haben, daß sie, Frau Wehrangel selbst, die verschollene nächste Verwandte des letzten Grafen von Maurach, daß sie Ernestine Maurach war; daß Sie also an dieselbe dies Ihr Schloß und den ganzen Nachlaß des Grafen Walram herauszugeben gehabt hätten; Sie gestehen auch ferner Ihre früheren offenen Erklärungen, daß Sie niemals gutwillig einem anderen Prätendenten auf Ihren Besitz weichen, daß Sie ihn eher erwürgen würden …“

„Welches Letztere in dieser Nacht geschehen ist!“ unterbrach Graf Ulrich sie ruhig.

„In der That, diese Bekenntnisse lassen an Offenheit nichts zu wünschen übrig,“ fiel hier der Richter ein. „Der Pfarrer Lohoff hier, der mit den Verhältnissen der ermordeten Frau Wehrangel genau bekannt war, und den sein naheliegendes Interesse an der Sache bei der ersten Nachricht von dem Vorgefallenen hierherzog, hat in der Wohnung der Frau Wehrangel uns aufgefordert, nach deren Papieren zu forschen – nach Papieren, welche deren Geburtsrechte und die Verheirathung der Ermordeten constatiren müßten. Wir haben solche Papiere nicht gefunden. Wenn Sie, Herr Graf, die That begangen haben, so mußte Ihnen dabei zunächst daran liegen, sich dieser Papiere zu bemächtigen. Sind dieselben in Ihrem Besitze? … Wir würden eine Nachforschung hier in Ihrem Zimmer danach anstellen müssen –“

„Dann,“ sagte Graf Ulrich ruhig, „würden Sie sie hier in diesem Zimmer finden. Um Ihnen die Mühe der Nachforschung zu ersparen, will ich sie Ihnen geben!“

Graf Ulrich zog einen Schlüssel hervor und trat an seine auf dem Spiegeltisch zwischen den Fenstern stehende Cassette, die er öffnete. Er zog zwei zusammengefaltete Papiere daraus hervor, die er vor den Richter auf den Tisch warf.

Der Beamte nahm sie und entfaltete sie; es waren Urkunden mit Stempeln und Siegeln.

„Das hier ist ein Taufzeugniß für Ernestine Adelgunde Felicitas, eheliche Tochter des hochgeborenen Grafen Wenzel Eginhard von Maurach-Maurach und der Freiin Therese Hildegarde von Westerheim aus dem Hause Lorfeld … und dies hier …“

„Es ist von mir selber ausgestellt,“ unterbrach hier den Richter, der die zweite Urkunde zu lesen begann, der Pastor Lohoff, sich erregt vordrängend; „es ist die Bescheinigung der von mir als Cooperator zu Alsterstätten vollzogenen Trauung der Comtesse Ernestine Adelgunde Felicitas von Maurach mit meinem Bruder Ignaz Wilhelm Lohoff, dazumal Procuraturgehülfen und nebenbei Musiklehrer zu Maurach … es muß noch ein drittes Document da sein,“ fuhr der Pastor fort, „der Taufschein der aus dieser Ehe geborenen Annette Lohoff …“

„Das, wie Sie sehen, habe ich nicht,“ sagte Graf Ulrich lakonisch.

„Die beiden vorliegenden genügen,“ bemerkte der Richter.

„Allerdings,“ entgegnete Graf Ulrich, „sie genügen, um mich vollends zu vernichten! Ich war in der Nacht abwesend. Ich bin auch – meine gnädigste Cousine hier bezeugt es – ein Mann, von dem man sich der That versehen kann. Ich hatte das dringendste Interesse, diese Ernestine Maurach und ihre Tochter aus der Welt zu schaffen, um im Besitze des Erbes des Grafen Walram Maurach zu bleiben. Diese Urkunden hier, die Beweise, daß ich nicht der rechtmäßige Besitzer bin, werden in meinen Händen gefunden. Herr Pastor Demeritus wird auch wohl bereits die Erklärung abgegeben haben, daß er am gestrigen Morgen zu mir kam, um mich zu warnen, um mir zu sagen, daß ich in meinem Besitze bedroht sei; daß er mir den Anstoß, den Wink gegeben, nicht zu zögern, wenn ich handeln wollte. In der Nacht darauf ist der Mord erfolgt. Es würde sehr thöricht von mir sein, wenn ich noch leugnen wollte! Die ganze Reihe der Indicien greift in der schönsten Weise ineinander; es liegt Alles klar vor Augen, mit einer Klarheit, die für einen guten Juristen, wie wir in dem Herrn Richter zu verehren haben, vollständig ärgerlich sein muß, da sie ihm nichts übrig läßt, zu entdecken, zu combiniren, aufzuhellen und durch eigenen Inquisitorscharfsinn an’s Licht des Tages und der Wahrheit zu bringen.“

„Sie irren, Herr Graf,“ versetzte der Richter kühl, „wenn Sie voraussetzen, es sei mein Wunsch, mich durch inquisitorischen Scharfsinn in dieser Angelegenheit bemerklich zu machen. Es ist das meines Amtes nicht. Meines Amtes ist nur, die ersten Erhebungen zu machen. In der Wohnung der Ermordeten ist das geschehen. Ich werde jetzt ein Protokoll über den Befund der Sachen und das hier soeben Stattgefundene aufnehmen, sodann einen Verhaftsbefehl wider Sie ausfertigen lassen. Damit hören meine Functionen auf, das Uebrige geht die Herren vom großherzoglichen Hofgerichte an, die mit dem Gerichtsarzt wohl im Laufe des Tages hier eintreffen und das Weitere anordnen werden. Ich, was mich angeht, habe Ihnen nur noch eine Frage vorzulegen, das ist die nach der verschwundenen Tochter der Frau Wehrangel. Was haben Sie über sie für Aufklärungen zu geben?“

„Keine, Herr Richter.“

„Sie weigern sich, nachdem Sie den Mord der Mutter eingestanden über die Tochter ...“

„Ich warte ab, bis man mir eine solche Reihe niederschmetternder Beweise, wie für meine Schuld am Tode der Mutter, auch dafür giebt, daß ich die Tochter getödtet habe oder irgendwo in einem Verließe dieses Schlosses geborgen halte. Dann, wenn man mir diese Beweise giebt, werde ich reden.“

„Bleiben Sie bei dieser Antwort, auch wenn ich Ihnen sage, daß man nach dem armen Mädchen eifrig und unablässig suchen wird, bis man es gefunden hat – todt oder lebendig – und daß ein Wort von Ihnen viel Mühe ersparen könnte, wenn Sie mit derselben Offenheit …“

„Ich bleibe bei der Antwort,“ unterbrach ihn Graf Ulrich, sich ungestüm abwendend, „machen wir ein Ende, schreiben Sie Ihr Protokoll, Ihren Verhaftsbefehl, und unterdeß erlauben Sie mir, mir mein Frühstück in meinem Schlafzimmer serviren zu lassen, wo ich Toilette machen werde, um würdiger Ihre erwarteten Gerichtsherren empfangen zu können.“

Der Graf winkte gebieterisch Joseph, der ihm in sein Schlafzimmer folgte. Der Richter trat mit ihm auf die Schwelle, um sich zu überzeugen, daß das Gemach keinen andern Ausgang hatte. Als er sich wieder gewendet und zurückbegeben, schloß Graf Ulrich hinter ihm das Zimmer. Und nun, wie mit einem Male, hatte ihn alle seine trotzige Kraft verlassen. Er brach wie unter einer plötzlich auf ihn fallenden Wucht zusammen. Er setzte sich auf das Ende seines Bettes. Seine Züge waren todtenbleich geworden. Und während seine Hände krampfhaft neben seinen Knieen das Holz seiner Bettstatt umfaßten, während sein Auge sich stier auf die gegenüberliegende Wand richtete, sagte er mit bebender Lippe leise für sich hin: „Ein Gottesgericht, ein Gottesgericht! Aber mögen sie mich zehn Mal guillotiniren, ehe ich ihr, ihr gestehe, wo ich war, was ich gethan in dieser Nacht!“



14.

Es war in der frühen Morgenstunde gewesen, als die in der Gesindestube auf Schloß Maurach um das Frühstück versammelte Dienerschaft durch die Nachricht aufgeschreckt worden war, daß sich in der verflossenen Nacht ein so entsetzliches Ereigniß zugetragen, daß ein Mord begangen worden, ein Mord an der Frau Wehrangel, [531] und vielleicht auch an ihrer Tochter, der armen, Allen an’s Herz gewachsenen Thurmschwalbe, an diesen beiden hülflosen, in ihren Thurmzimmern da oben von den anderen Schloßbewohnern so entfernten und so schutzlosen Frauen. Eine Stallmagd, die Morgens den Thurm zuerst zu betreten und der Frau Wehrangel frisch gemolkene Milch zu ihrem Frühstück zu bringen pflegte, war schreckensbleich und schreiend mit dieser Nachricht in die Gesindestube gestürzt gekommen, es war dann Alles aufgesprungen und auf dem kürzesten Wege draußen über die Terrasse in den Thurm gerannt, um hinaufzusteigen, die Männer voran, die Mägde angsterfüllt mehr und mehr zurückbleibend, je höher sie auf den steilen Stiegen hinaufkamen. Sie hatten gefunden, was, vor Schrecken und Entsetzen halb besinnungslos, die Stallmagd stotternd und ohne Zusammenhang berichtet: die in das Wohnzimmer der Frau Wehrangel führende Thür halb offen, die Frau selbst in diesem Zimmer, in ihren Nachtkleidern, auf dem Boden, auf einem Teppich vor dem Tische liegend, ermordet mit drei Wunden, aus denen das Blut das weiße Nachtkleid überströmt hatte. Es herrschte Unordnung im Zimmer, die Möbel standen verschoben, aber weitere Spuren von Kampf und Gewaltthätigkeit waren nicht sichtbar; auf dem Tische war die Lampe eben im Verqualmen begriffen gewesen. Von der Thurmschwalbe war keine Spur zu entdecken. Bei näherer Nachforschung hatte sich ergeben, daß ein Eckspind erbrochen offen stand und daß der Hut und der Mantel der Thurmschwalbe fehlten.

Während die Mägde nach diesen Kleidungsstücken sich umgesehen, hatte der Gärtner ausgerufen: „Zum Herrn, zum Herrn! Lauf’ doch Einer zum Herrn hinüber!“

„Der Herr,“ war Joseph hier mit bestürzter Miene eingefallen, „der Herr war diese Nacht nicht in seinem Bette.“

„Nicht in seinem Bette?“ hatten die Anderen, sich bei dieser merkwürdigen Versicherung um Joseph drängend, ausgerufen.

„Nein, ich habe zwischen zwölf und ein Uhr nach ihm sehen wollen; er war nicht da!“

„Er ist fort,“ sagte hier ebenso bestürzt der Reitknecht; „er ist mit dem schwarzen Gaul davongeritten; als ich in der Frühe in den Stall kam, war der Stall noch leer.“

Die Leute sahen sich mit großen Augen an; in Aller Gehirn war nur noch Ein Gedanke! Der Gärtner sprach zuerst wieder und sagte:

„Nun, dann laufe Einer nur rasch in’s Dorf zum Richter; das ist das Nöthigste. Und bis der kommt, laßt Alles hier ganz so, wie es liegt und steht; rührt nichts an, Leute; verrückt nicht das Mindeste – lauft zum Richter, sage ich!“

Der Gärtnerbursche und der Stalljunge waren zum Richter im Dorfe gelaufen; unterwegs in der Allee hatten sie den Pastor Demeritus gefunden – ihm war das Messelesen untersagt, so konnte er die Morgenstunden zum Spazierengehen verwenden – er ging mit dem aufgeschlagenen Breviere in der Hand; als die beiden Boten ihm zuriefen, was geschehen, erblaßte er und starrte sie stumm an.

„Nicht möglich!“ sagte er dann, schwer aufathmend, „nicht möglich … wer sollte das gethan haben?“

„Der Herr ist diese Nacht nicht in seinem Bette gewesen und ist mit seinem Rappen auf und davon!“ rief der Stalljunge aus.

In des Pastors verkniffene Züge kehrte die Farbe zurück.

„Ah!“ sagte er, wie unter einer Last aufathmend. „Der Herr! Ja, ja, ja … der Herr!“

„Wir holen den Richter!“ fuhr der Gärtnergehülfe fort.

„Ja, thut das, thut das!“ rief der Pastor in zitternder Erregung aus … Lauft nur, lauft, ich folge Euch; ich kann dem Richter über die Sache Licht geben!“

Er war den Jungen gefolgt; er war mit dem Richter dann zum Schlosse geeilt; er hatte auf dem Wege dahin dem Beamten Licht geben können, ein merkwürdiges Licht und genug jedenfalls, um den Richter im Voraus nicht im Zweifel zu lassen, von wem dies schreckliche Verbrechen ausgegangen und was das Motiv desselben gewesen.

So war der Beamte zum Schlosse gekommen und hatte in dem Zimmer der Ermordeten den unterdeß durch die Aufregung der Leute herbeigezogenen Vicomte de la Tour und seine Tochter gefunden und ausgefragt, untersucht und inquirirt und aus des Vicomte und Melusinens Munde Bestätigung dessen, was der Pastor Demeritus ihm enthüllt, erhalten, insofern sie es eben bestätigen konnten, bis weder er noch diese letzteren irgend einen Anstand nehmen durften, offen ihre Ueberzeugung auszusprechen, wer der Mörder sein müsse! Und dann hatte sich der Friedensrichter, um seine Erhebungen schriftlich abzufassen und zu einem regelrechten ersten Verhöre der Anwesenden zu schreiten, in das Wohn- und Schlafzimmer des Grafen Ulrich Maurach begeben – keineswegs gefaßt darauf, dort so plötzlich durch die Erscheinung des Grafen gestört zu werden, den Alle für flüchtig und längst weit entfernt hielten.

Während der Richter sich jetzt mit der Fassung seines Protokolls beschäftigte, war der Vicomte, sich auf den Arm seiner Tochter stützend, in sein Zimmer zurückgekehrt. Der durch seine Schicksale, durch alle die Erlebnisse seiner wechselvollen Vergangenheit mürbe gemachte Mann war in einer Gemüthsbeschaffenheit, daß ihm das Gehen, ja das Aufrechtsitzen schwer wurde. Er sank in einen Armsessel zusammen und begann laut zu jammern und sich anzuklagen. Er, er war ja der gewesen, der die nächste Veranlassung zu der entsetzlichen That geworden. Er hatte durch seine Reden den Grafen Ulrich aufgehetzt; er hatte ihm gezeigt, was für ihn auf dem Spiele stehe, wenn jene Verwandte Ernestine noch lebe; er hatte ihn veranlaßt, mit der Frau Wehrangel darüber zu reden, und nun hatte diese Frau, mit der Graf Ulrich sonst vielleicht noch jahrelang in friedlichster Eintracht zusammengelebt, diesem gestanden, bewiesen, daß sie, Niemand anders als sie, die verschollene Verwandte sei, welcher das Erbe des letzten Maurach gehöre; hatte sie bisher darüber zu schweigen Gründe gehabt, so hätte sie wahrscheinlich auch noch jahrelang darüber geschwiegen … wenn nicht er, er, der Vicomte, diese unselige Unruhe über die Sache an den Tag gelegt und den Graf Ulrich angetrieben …

Melusine unterbrach hier mit einer ganz leidenschaftlichen Heftigkeit ihren Vater. Sie war, ohne, wie es schien, auf ihn zu hören, in dem Zimmer auf- und niedergeschritten, hastig mit gespannten, bald bleich, bald roth werdenden Zügen, mit allen Zeichen einer gar nicht zu bemeisternden Erregung. Jetzt rief sie aus: „Ich bitte Dich, schweig, Vater, schweig und halt inne mit diesen thörichten Anklagen gegen Dich, gegen uns. Der Graf ist gar nicht durch uns zu seinen Nachforschungen gedrängt worden, das hat er uns ja selbst gesagt, sondern er hat von anderer Seite her Warnungen erhalten, durch jenen Herrn Lohoff, der, wie wir jetzt erfahren haben, der Mann der Ermordeten und der Bruder des Pastors, der dies Licht in die Sache brachte, ist … und, Vater, ich bitte Dich –“ Melusine blieb, als sie dies hinzufügte, plötzlich vor ihrem Vater stehen wie beschwörend die Hände erhoben, fast drohend, und so fuhr sie fort: „Und, Vater, ich bitte Dich, läßt denn auch Du Dich so von dem Anscheine täuschen; hast denn auch Du den einfältigen Glauben, Graf Ulrich habe diese Frau Wehrangel ermordet?“

Der Vicomte fuhr bei dieser überraschenden Anrede aus seiner ruhenden Stellung empor. Er riß weit die Augen auf, und seine Tochter anstarrend, sagte er: „Anschein? Einfältiger Glaube? Aber ich meine, Du selbst zeigtest Dich doch sehr überzeugt von dem, was Du jetzt einen einfältigen Glauben nennst! Die Umstände zeugen mit mehr augenscheinlicher Klarheit wider diesen Mann, als irgend nöthig ist; und wenn er anfangs auch mit bewundernswerther Schauspielerkunst den Ueberraschten, Nichtswissenden spielte, so legte er ja selbst bald darauf ein unumwundenes Geständniß ab.“

Melusine wandte ihrem Vater den Rücken und schritt, wie zu zornig, um nur antworten zu mögen, dem Fenster zu.

„Graf Ulrich mag sein, was er will,“ versetzte sie dann die Worte unwillig hervorstoßend, „ein Schauspieler ist er nicht!“

„Aber ich bitte Dich, sein eigenes offenes Geständniß …“

„Sein Geständniß! Als ob der offenbarste Hohn zu verkennen gewesen wäre, der durch das Geständniß hindurchklang – die schneidendste Ironie!“

Der Vicomte sah einige Augenblicke wie hülflos und aus allen Geleisen geworfen auf seine Tochter, die fortfuhr, ihm den Rücken zuzuwenden, und jetzt ihre Stirn gegen die Fensterscheibe neigte. Endlich hub er wieder an: „Aber Melusine, ich begreife Dich nicht; die arme Frau da oben ist doch ermordet; wir haben doch selbst den schrecklichen Anblick gehabt; wir haben sie in ihrem Blute schwimmen sehen – wer anders sollte es gethan haben als er? Wir, die Einzigen die auch ein Interesse bei dem Leben oder Tode dieser Frau hatten, wir haben es nicht gethan; wir ahnten nicht einmal, daß sie …“

[532] „Nein, wir haben es nicht gethan,“ fiel, sich wendend, jetzt heftig Melusine ein; „aber noch weniger hat es der Graf gethan, der gar kein eigentliches Interesse bei ihrem Tode hatte. Denn ich bin vollständig überzeugt, daß er längst die eigentliche Lage der Dinge begriffen hatte, daß er sehr gut wußte, wie nach dem Erbrechte der Ermordeten nicht sein. sondern unser Erbrecht folgte … er müßte sehr einfältig und kurzsichtig sein, wenn er, nachdem wir seine Gedanken so wiederholt darauf gelenkt, nicht darüber nachgedacht hätte und zu dieser sehr naheliegenden Entdeckung gekommen wäre …“

„Er hat das durch nichts verrathen!“ rief der Vicomte aus.

„O doch, doch – er hat es mir verraten. Er hat Worte zu mir gesprochen, deren Bedeutung ich erst jetzt ganz verstehe. Er hat mir einen Heirathsantrag gemacht.“

„Dir einen Heiratsantrag?“

„Ja, gestern!“

„In der That? Den Du zurückwiesest natürlich …“

„Natürlich!“

„Aber dann liegt ja sein Plan ganz offen da – er hat die erste Erbin ermorden, die zweite heiraten wollen …“

„Nein, nein!“ rief Melusine zornig aus, „das Erste ist nicht wahr, nur das Zweite. Diese Frau Wehrangel hatte ihm Aufklärungen über ihr Recht gegeben, aber zugleich auch die Bürgschaft, daß sie ihr Recht nie werde wider ihn geltend machen, wie sie es bisher nicht wider ihn geltend gemacht hatte und sich unter einem ganz fremden Namen hier barg … mir aber hat er in seinem tollen Uebermuthe alsdann seine Hand geboten, um so auch der zweiten Prätendentin sicher zu sein und sie unschädlich zu machen …“

Melusine sprach diese Worte mit unsäglicher Bitterkeit.

„Aber dann,“ sagte der Vicomte, „begreife ich weder diesen Mord, noch das Geständniß des Grafen Maurach; dann begreife ich weder, wo er die Nacht war, noch wie die Papiere der Ermordeten in seinem Besitz gefunden werden konnten.“

„Wenn die Frau Wehrangel so sehr in Zwist und Hader mit dem Manne lebte, mit dem sie getraut war, daß sie sich von ihm geschieden hatte, daß sie unter einem angenommenen Namen fern von ihm hier wohnte – so liegt es nahe genug, zu denken, daß dieser Mann sie ermordet hat. Ein Fremder, der nach uns sich erkundigt hat, ist hier gestern aufgetaucht. Wer war es anders als dieser Mann? Hat nicht der Graf seinen Namen genannt, gestern noch, und nach ihm gefragt? …“

„Aber Du sahst doch, daß der alte Geistliche, der Pastor Demeritus, nicht im Entferntesten daran dachte, daß dieser Mann, sein Bruder, der Mörder sein könne, daß er vollaus von der Schuld des Grafen überzeugt war.“

„Ich sollte gesehen haben, was dieser Mann dachte, was sich hinter diesen verschmitzten Zügen für Vorsätze und Absichten bargen? Ich denke, es wäre sehr schwer, das zu sehen! Gerade weil er seinen Bruder für den Schuldigen hält, mag er desto eifriger darauf aus sein, den Grafen für den Schuldigen gelten zu machen. Und kurz und mit einem Worte, Vater: Graf Ulrich ist völlig unschuldig an der That, völlig, und er, er bekennt sich dazu, nur um uns, um mich zu höhnen, um uns seine Verachtung zu zeigen …“

„Melusine!“ rief hier der Vicomte, „aber das ist ja eine wahnsinnige Idee – das ist ja ganz absurd, ganz toll … der Graf sollte einen Mord eingestehen; er sollte mit der furchtbaren Schwere des Verdachts, der ihn belastet, sein Spiel treiben, indem er geradezu bekennt – er sollte sich verhaften lassen, er sollte der Gefahr, verurtheilt zu werden, hingerichtet zu werden, trotzen, und das Alles nur, um uns zu höhnen, aus wildem Uebermuth, in der Leidenschaft der Verachtung?“

„Eben in dieser Leidenschaft, in der Leidenschaft der Verachtung,“ entgegnete Melusine, „das ist der rechte Ausdruck! Und die Leidenschaft ist eben zu Allem fähig, und es ist nichts als Tücke, als Trotz, als Rachsucht gegen uns, was ihn so handeln läßt!“

Der Vicomte sah seine Tochter einen Augenblick ganz verwirrt und verloren an. Plötzlich sagte er mit einer ganz eigenen Betonung seiner Stimme:

„Ma foi, wenn es Rachsucht ist, so hat sie, scheint es, zum richtigen Mittel gegriffen!“

„Was willst Du sagen?“

„Daß Du in der That durch die Reden des Grafen merkwürdig aus dem Geleise geschleudert bist, mein Kind!“

„Nun ja, das bin ich!“ erwiderte Melusine bestimmt und rund heraus. „Dieser Mensch besitzt die Kunst, mich aus allen Geleisen zu schleudern. Er versteht es, mir die ganze Seele um und um zu wenden. Erst durch seinen Uebermuth. Ich bitte Dich, Vater, was gab ihm das Recht zu diesem Uebermuth uns gegenüber – zu diesem Wesen, das fortwährend sagte: ‚ich achte Dich nicht genug, nur etwas zu unterdrücken, was mir durch den Kopf fährt, etwas zu verschweigen, was mich Dir im übelsten Lichte zeigt?‘ Was gab ihm[WS 1] den Muth, mir seine schlechten und tollen Jugendstreiche zu gestehen, und endlich gar um meine Hand zu werben, als sei ich ein verlassenes Geschöpf, ein charakterloses, subalternes Wesen, so ein Stück Vagabundin wohl gar, das Gott danken müsse, wenn ein so hoher, erlauchter Herr sich zu mir herablasse? Aber derselbe Hochmuth, der mich so grenzenlos verletzt hat, hat ihm jetzt sein Benehmen eingegeben. Er sagt uns: ‚Ihr seid elende Menschen. Ihr seid unter falscher Vorspiegelung hierher gekommen, um mein Vertrauen zu mißbrauchen. Ihr kommt als Schlangen, die sich an meiner Brust nähren wollten. Ihr mit Eurem Recht wolltet mich verdrängen, verderben. Und jetzt frohlockt Ihr, daß Ihr mich als einen Mörder ausschreien könnt. So werde ich rasch beseitigt, wird Euch aller Kampf mit mir erspart, wird mein Mund stumm; meine Hand, die ich wider Euch erheben könnte, sehr bald kraftlos gemacht. Ihr wißt recht gut, daß ich nicht der Mörder bin. Aber Ihr wollt, daß ich es sei! Wohl denn, gut, ich bin es. Ich bin der Mörder, ja, ja, hundert Mal ja! Ich bin zu stolz, gegen Euch nur ein Wort darüber zu verlieren. Ich bin zu stolz, mit Euch zu streiten, gegen Euch mich zu rechtfertigen! Und wenn ich nicht zu stolz wäre, nicht zu groß, nicht zu adeligen Sinnes, um mit Euch darüber zu streiten, was könnte es mir helfen, mich zu rechtfertigen, Leuten gegenüber, die mich in ihrer erbärmlichen und gemeinen Habsucht nun einmal schuldig sehen wollen?‘“

[549] Der Vicomte war durch diese heftig hervorgesprudelte Rede Melusinens wie vollständig geschlagen. Er hatte nur ein langgedehntes „Ah!“ auszurufen, und mit offenen Lippen, mit gehobenen Händen starrte er sie an. Endlich schöpfte er tief Athem und rief:

„Aber mein Gott, wenn das Alles wahr wäre … wir haben doch das beste Gewissen dem gegenüber; und wenn er in seiner Leidenschaft des Verachtens für gut findet sich gar nicht zu vertheidigen – dann kann es uns ja gleich sein … es ist seine Sache, was er über sich heraufbeschwört!“

„Uns gleich sein?“ fiel Melusine ruhiger und ihre Heftigkeit bemeisternd ein, „uns gleich sein? Nein. Es ist mir in der That nicht gleich – es kann mir nicht gleich sein! Denn unser Gewissen ist nicht ganz so rein, wie Du sagst – unser Auftreten hier muß ihm zweideutig erscheinen, es ist zweideutig … wir haben das selbst ja immer gefühlt, wir litten ja längst unter dem Druck dieses Gefühls und unter der bittern Noth, die uns dazu zwang. Und dann … ich weiß nicht, es mag so weise, so ruhig stolze Menschen geben, die, wenn sie ein gutes Gewissen haben, verachtungsvoll auf die Verachtung hinabschauen und von ihr nicht berührt werden …“

„Spernere sperni!“ sagte der Vicomte, „es ist freilich eine schwere Kunst!“

„Und ich, ich fühle viel zu wenig von dieser stolzen Erhabenheit des Selbstbewußtseins in mir. Ich fühle mich geradezu in Verzweiflung gestürzt bei dem Gedanken, von ihm verachtet zu werden. Es dreht sich mir das Herz in der Brust um in zorniger Empörung über ihn. Er soll, er soll uns nun einmal nicht so zu behandeln wagen, wie er es vom ersten Augenblick an begonnen hat, und wie er jetzt dem Allen die Krone aufsetzt. Er soll es nicht, und er soll sich vertheidigen, er soll sich Mühe geben, und alle seine Kraft anstrengen, uns zu beweisen, daß er schuldlos ist, oder ... oder ich werde wahnsinnig über Alles dieses!“

Sie hatte sich wieder in ihre ganze Heftigkeit hineingeredet, sie stampfte sogar auf den Boden mit ihrem kleinen Fuße, sie war wieder leidenschaftlich, wie ihr Vater sie nie gesehen.

„Beruhige Dich, ich bitte Dich, Kind,“ sagte dieser, sie mit einem eigenthümlichen Ausdruck des Gesichts beobachtend. „Es ist ja möglich, daß Graf Ulrich – vorausgesetzt, er ist wirklich schuldlos – in seinem Stolze nur allen den Menschen gegenüber, die ihn eben umgaben, so trotzig war und sich nicht herablassen wollte, Erklärungen zu geben. Vielleicht schwindet dieser falsche Stolz, sobald man vernünftig zu ihm redet, unter vier Augen zu ihm redet. Ich bin bereit, dies zu thun, wenn Du es wünschest und es zu Deiner Beruhigung dienen kann. Ich habe das Recht dazu, eine solche Unterredung mit ihm zu verlangen. Wir sind, da die Frau Wehrangel todt, ihre Tochter verschwunden ist, ja die eigentlichen Herren hier … der Richter ist unser Patrimonialrichter, denk’ ich – und so …“

Melusine hatte die innere Ueberzeugung, daß ihres Vaters Vermuthung weitab vom Richtigen lag. In ihr war etwas, das ihr nicht den geringsten Zweifel ließ, Ulrich’s Hochmuth gelte nur ihr, sein Betragen wende seine Spitze nur wider sie, sonst wider Niemand. Aber sie verschwieg das, doch erregt rief sie aus:

„Du hast Recht – für’s Erste sind wir die Herren hier, aber nicht Du, laß mich dies Herrenrecht ausüben – ich will mit ihm reden, ohne irgend eines andern Menschen Gegenwart; ich selbst will es, ich will sehen, ob ich ihn bewege, ob ich diesen Uebermuth breche!“

Und damit eilte sie hastig davon, zum Gemache hinaus und in die Zimmer hinüber, wo der Richter jetzt eben beschäftigt war, die Aussagen des Pastor Demeritus, wie er sie sich von ihm wiederholen ließ, seinem Schreiber zu Protokoll zu dictiren. Melusine unterbrach ihn.

„Sie sahen aus den Aussagen des Pastors, daß die Frau Wehrangel die Erbin von Maurach war,“ sagte sie ihm; „sie ist ermordet, und ihre Tochter ist verschwunden. Wer ist jetzt Herr in diesem Hause? Die Herrschaft geht nach der Aufhebung aller Lehn- und Fideicommiß-Verbände auf die nächsten Verwandten des verstorbenen Grafen Walram über. Diese Verwandten sind wir, mein Vater und ich, Herr Richter …“

Der Richter sah sie sehr überrascht an.

„Wenn Sie wünschen, wird mein Vater Ihnen die nöthigen Documente darüber vorlegen und jeden Einwurf, den Sie dawider erheben könnten, beseitigen. Unterdeß, da mein Vater mir dazu mündlich Vollmacht gegeben hat, verlange ich, als die Gerichtsherrin zu Maurach, mit dem Gefangenen allein zu reden – haben Sie einen Grund, sich dem zu widersetzen?“

„Sie gehen rasch zu Werke, Mademoiselle,“ versetzte der Richter, ein wenig aus der Fassung gebracht durch diese plötzliche Eröffnung. „Für’s Erste ist der Herr Graf Ulrich, wenn auch ein Verhaftsbefehl wider ihn erlassen werden muß, doch noch im [550] Besitz dieser Herrschaft, und wenn auch das nicht der Fall wäre, so könnte doch die Justiz Sie noch nicht autorisiren, so ohne weiteres zu einer Besitzergreifung und Ausübung der Patrimonialgerichtsbarkeitsrechte zu schreiten, die …“

„Nun, so schreite ich ohne Autorisation der Justiz dazu, mein Herr Richter,“ rief das aufgeregte junge Mädchen aus und schritt an dem Richter und seinem Schreiber und den sie mit allen Zeichen der Ueberraschung anstarrenden übrigen Anwesenden vorüber auf Ulrich’s Zimmer zu, öffnete die Thür, trat ein und schloß sie wieder hinter sich zu.

Der Richter wagte nicht, oder fand keine Gründe, dies tête-à-tête zu stören; er blickte ihr nur so verdutzt wie die Anderen nach; blos der Pastor Demeritus rief aus:

„Aber ich bitte Sie, Herr Richter, schicken Sie doch dies französische Frauenzimmer zum Henker! Die Herrin von Maurach ist Niemand Anderes als meine Nichte, die Thurmschwalbe! Und sie wird ihr Recht schon zu wahren kommen!“




15.

Graf Ulrich Maurach saß in seinem Schlafzimmer; er saß, wie wir ihn verlassen haben, auf seinem Bette, starr zu Boden blickend. Joseph war vorher dagewesen; er hatte ihm sein Frühstück gebracht, das unangerührt auf einem Nebentische stand; er hatte die Blendläden vor den Fenstern aufgeworfen, so daß jetzt das helle Tageslicht eindrang. Dies Licht fiel auf die Züge des Grafen und zeigte sie bleich. Der Reflex der grünen Bettvorhänge machte sie doppelt bleich, sie sahen aus wie zu Stein erstarrt. Als Melusine so rasch und plötzlich eintrat, erhob er den Kopf; die Versteinerung wich, die Brauen zogen sich zornig zusammen, sein Auge flammte auf, dabei zuckte und gewitterte es um seine sich öffnenden Lippen. Aber die Lippen schlossen sich wieder, und als sie nun so plötzlich wie drohend vor ihn trat, sagte er nur: „Sie?! Was wollen Sie bei – einem Mörder?“

„Mit ihm reden,“ antwortete sie; „noch einmal mit ihm reden, offen, geradeaus, vom Herzen weg!“

„So haben Sie noch nicht Geständnisse genug von mir? Fehlt noch etwas dran? Ach ja! Wohl noch, wohin ich die Leiche der von mir gemordeten Thurmschwalbe geschafft?“

Melusine fixirte ihn eine Weile, ohne zu antworten. Mit hochwogender Brust stand sie vor ihm; dann, als ob plötzlich ihr Muth wieder zusammenbreche, die Hoffnung, mit diesem starren Menschen je fertig zu werden, ihr schwinde, wandte sie sich ab und ließ sich auf einen ihm gegenüberstehenden Stuhl an der Wand sinken.

„Das möchte ich in der That von Ihnen hören,“ sagte sie bleich, die Lippen beißend. „Sie haben also auch das junge Mädchen ermordet? Sie … wirklich … Sie?“

„Wenn es eine Befriedigung für Sie sein kann, dies zu glauben – weshalb nicht?“

„Und bei dieser Weise, sich auszusprechen, wollen Sie bleiben? Sie wollen wirklich sich durch diesen höhnischen Trotz verderben, Sie wollen uns empören dadurch, Sie wollen nichts, gar nichts thun, den Verdacht zurückzuweisen, der auf Ihnen lastet …“

„Nein!“ sagte Graf Ulrich scharf „Entweder bin ich unschuldig, dann bin ich zu stotz, mich zu vertheidigen; oder ich bin schuldig, dann bin ich zu stolz, zu leugnen. Was wollen Sie noch?“

„Ich will aber, daß Sie sich vertheidigen! Hören Sie, ich will es!“ rief Melusine, wieder heftig werdend, aus. „Ich will Ihnen Alles verzeihen, was Sie im Uebermuth Verletzendes, Beleidigendes gesagt haben, was Sie gethan, um mich zu kränken; alle die Geringschätzung, die ich von Ihnen erfahren, will ich vergessen. Aber ich will nicht, daß Sie mir in’s Gesicht sagen: es liegt mir nicht das Mindeste daran, was Du von mir denkst, ich fühle eine Erniedrigung in jedem Worte, das ich sprechen könnte, um in Deinen Augen gerechtfertigt zu sein. Kurz, ich will, daß Sie reden, Graf Ulrich, hören Sie, ich will es!“

„Und wenn ich es nicht thue?“

„Nun dann, dann,“ rief Melusine außer sich vor Zorn auffahrend, „dann werde ich als Zeugin wider Sie auftreten, ich werde Allem die gehässigste Deutung geben …“

„Thun Sie das nicht ohnehin?“

„Ich werde,“ fuhr sie fort, „erzählen, wie Sie gedroht haben, einen etwaigen Prätendenten, der zwischen Sie und ihren Besitz träte, tödten zu wollen. Haben Sie das nicht ausgesprochen? Ja, und ich werde Alles thun ...“

„Um mich hinrichten, hängen, guillotiniren, rädern zu lassen!“ rief Ulrich sarkastisch dazwischen.

„Ja, ja, dreimal ja, ich werde es; ich werde es, wenn Sie mir nicht offen Rechenschaft geben, was Sie in der verflossenen Nacht gethan, wo Sie gewesen, wie Ihre Abwesenheit in den Stunden, wo der unselige Mord geschah, zu erklären ist!“

„Ich werde Ihnen das nicht erklären, und wenn ich auch zehntausend Tode darum sterben müßte. Und wenn ich auch gefoltert würde bis auf’s Blut, ich würde es Ihnen nicht sagen. Eher würde ich die Zunge mir abbeißen, als einen Laut darüber Ihnen zu verrathen!“

„Nun dann, bei Gott, ist’s nicht meine Schuld, wenn Sie verderben, denn Ihr Blut kommt über Sie selbst!“

„Ihre Schuld? Wer spricht von Ihrer Schuld? Sie halten mich für einen Mörder wie alle Anderen es thun. Was für eine Schuld fiele dabei auf Sie? Nein, nein, Sie können jetzt mit sehr ruhigem Gewissen Schloß Maurach, das mir nicht mehr gehört, in Besitz nehmen und …“

„Sie wußten also sehr wohl, daß wir, daß mein Vater und ich die nächsten Erben seien? …“ fuhr Melusine ihm in’s Wort.

„Ich wußte es. Frau Wehrangel hat es gestern mir gesagt; als sie mir mittheilte, daß sie die Anverwandte Walram’s von Maurach sei, die man für todt gehalten … Sie hat mir gesagt, daß nach ihrem Rechte das Ihrige komme …“

„Und dann, noch in derselben Stunde, boten Sie mir Ihre Hand an!“ rief Melusine mit dem Tone bitterer Verachtung aus.

„Ich that es. Sie sehen, wir haben uns einander in einer Weise beleidigt, daß kein Friede mehr zwischen uns möglich ist! Haben Sie mir sonst noch etwas offen und geradeheraus zu sagen?“

„Nein! Nichts mehr!“ antwortete Melusine, außer sich vor Empörung und Zorn.

Sie stand auf und ging.

Mit einem bösen Zucken um die festgeschlossenen Lippen sah Graf Ulrich ihr nach.

„Wahrhaftig,“ sagte er dann, auffahrend und mit dem Fuße auf den Boden stampfend, „ich habe dies nicht um dies Geschöpf verdient! Und das, das ist’s, was mich bei dieser entsetzlichen Geschichte um den Verstand bringt, was mich toll macht, was mich in Versuchung bringt, mich todt zu schießen!“




16.

Es war seltsam, nicht blos die Thurmschwalbe war spurlos verschwunden, auch der junge Caplan war es. Er war nicht zum Morgengottesdienst in die Kirche gekommen; als der Pfarrer aus diesem heimkehrte, fand er des jungen Mannes Zimmer leer. Niemand im Hause wußte, wo er war; Niemand hatte eine Ahnung, wann und wie er so unbemerkt fortgegangen sein könne, wenn er nicht etwa in der Nacht oder frühesten Frühe durch sein offenstehendes Fenster gesprungen. Der Pastor Lohoff, der eben aus dem Schlosse zurückkam, half mit einem ganz auffallenden Eifer und wie erschrocken über diesen Zwischenfall ihn suchen; er durchstöberte auch sein Zimmer, und endlich, da keine Spur zu entdecken war, wollte der Pfarrer zum Schlosse eilen, um dem dort beschäftigten Richter diese Thatsache mitzutheilen, aber der Pastor Lohoff stemmte sich aus allen Kräften dawider.

„Mein Gott, sehen Sie denn Nicht ein,“ rief er aus, „daß daraus nichts Anderes folgen wird, als daß man sagt, Ihr Caplan sei mit dem Mädchen durchgegangen? Mischen Sie doch nicht zwei Sachen durcheinander, die nicht zusammengehören! Denken Sie an das Aergerniß, welches daraus für die Kirche …“

„Ich habe Sie sonst nicht so ängstlich gefunden, Aergerniß auf die Kirche zu bringen!“ sagte der Pfarrer bitter. „Ich glaube, daß es meine Pflicht ist, sogleich die Anzeige zu machen, nach dem, was diese Nacht drüben im Schlosse geschehen! Ohnehin wird es bald genug dem Richter zugetragen werden, und es würde zu dem Aergerniß, welches Sie befürchten, nur noch ein zweites kommen, wenn wir die Sache verheimlichen wollten!“

„Nun dann,“ versetzte der Pastor Demeritus erregt, „dann will ich Ihnen den Weg ersparen und selbst gehen.“

[551] Und ohne des Pfarrers Genehmigung abzuwarten, griff er nach seinem Hute und eilte davon, dem Schlosse wieder zu.

Als er außerhalb des Dorfes und in der Schloßallee war, blieb er stehen, schaute sich um, als ob er sich vergewissern wolle, daß er nicht mehr beobachtet werde, und dann schlug er rasch einen durch das hohe Kornfeld zu seiner Rechten führenden Fußsteig ein, denselben, den gestern der Fremde, welchen wir jetzt als seinen Bruder kennen, eingeschlagen hatte. Er eilte auf diesem Pfade dahin, gelangte auf einen breiteren Ackerweg, der sich südwärts weiter zog, und folgte ihm eine starke Viertelstunde lang.

Am Ende dieser Viertelstunde sah er sich am Ufer des Flusses, den wir als südwärts vom Schloß Maurach dahinführend erwähnt haben. Es war eine Ueberfahrt da; das Haus des Fährmanns stand rechts, ein großes Fährschiff und Nachen lagen am Strande. Pastor Lohoff aber ging nicht so weit. Er bog um das Haus herum und befand sich bald in dem schattigen Gehölz, das sich hier abwärts den Fluß entlang zog. Ein wenig betretener Fußpfad lief durch üppiges Unterholz und unter vereinzelt stehenden Eichen hin; anfangs sah man rechts wie links den Horizont durch die Bäume schimmern, nach und nach wurde das Gehölz breiter und mächtiger, die Wipfel verdichteten sich und den Schreitenden umfing überall dichter Schatten. Endlich wurde ein dunkles Bauwerk hinter dem vorwuchernden und den Pfad bedeckenden Zweigwerk sichtbar. Es war ein ganz kleiner, aus rohem Ziegelbau ausgeführter Jagdpavillon, nur mit einer Thür und einem Fenster versehen; vor dem Fenster war einer der Läden niedergefallen und lag unten am Fuß der Mauer im hohen Riedgrase; der Verfall starrte aus allen Fugen des kleinen Bauwerks, das sich irgend ein früherer Graf von Maurach für sein Jagdvergnügen hierher gebaut haben mochte. Aber verlassen war darum der Ort nicht; die Thür stand halb offen und der Pastor hörte, als er mit leisem Schritte sich dieser Thür genähert hatte, daraus die Stimme eines Redenden, die Stimme dessen, den er hier zu suchen gekommen war; er blickte, sich auf den Zehen erhebend, durch die Thür, welche über ein paar alter moosiger Steinstufen hineinführte, und sah im Innern des kleinen achteckig gebauten Raumes eine Gruppe, bei deren Anblick ein eigenthümlicher Ausdruck in seine ganz unmerklich sich verfärbenden Züge trat.

Es befand sich im Hintergrunde des Raumes ein Kamin. Vor denselben, da er seit Jahren wohl nicht mehr benutzt worden, war ein altes hölzernes Gartenkanapee geschoben; auf diesem, den Kopf auf der Seitenlehne ruhen lassend, lag Annette Wehrangel; der junge Geistliche aber kniete vor ihr auf dem Boden, hielt in seinen beiden ihre rechte Hand und sprach eifrig auf sie ein.

„Nein, nein; nein,“ rief sie heftig dawider aus … „ich kann, ich kann, ich werde es nicht; nie, niemals! Und wenn Du, auch Du mich verläßt, Heinrich, dann – o sag’ es mir, sag’ es mir gleich, – dann mach’ ich diesem unglückseligen Leben ein Ende, dann stürze ich mich in dieser Stunde noch in den Fluß da drüben – dann folg’ ich heut’ noch meiner armen, armen Mutter!“

Eine Fluth von Thränen strömte über ihre Wangen.

Der junge Geistliche wollte antworten, aber das Wort erstarb auf seiner Lippe. Mit einem Ausruf des Erschreckens wandte er sich – der Pastor war auf die Schwelle getreten. Beide fuhren in die Höhe, Annette, als sie den Eintretenden erkannt, legte ihren Kopf wieder auf die Lehne, schloß die Augen und bedeckte ihr Gesicht mit den Händen. Der junge Geistliche trat heftig vor den Pastor.

„Was wollen Sie?“ sagte er drohend.

„Sicherlich nichts Uebles,“ entgegnete der Pastor und setzte sich, tief Athem schöpfend, auf die Bank zu den Füßen Annettens. „Sicherlich nichts Uebles. Ich suchte Euch und finde Euch hier, wo ich Euch suchte. Da … wenn man nicht gefunden sein will, muß man nicht solche Zettel auf dem Boden seines Zimmers umherfahren lassen!“

Der Pastor zog aus der Westentasche ein kleines zerknülltes Stück Papier hervor, auf dem mit Bleistift die Worte gekritzelt waren: „O komm’, komm’ gleich in das Waldhaus. A.“

Der junge Geistliche warf einen Blick darauf und nahm den Zettel an sich.

„Ich habe nicht darauf geachtet,“ sagte er mit seinen todtenbleichen gespannten Zügen den Pastor ansehend, „der Knabe des Fährmanns hat ihn mir in der Frühe gebracht, und nun Sie ihn gefunden haben und uns hierher gefolgt sind, so reden Sie, erzählen Sie, was Sie wissen … ist denn all’ das, was Annette mir sagt, ist all’ dieses Wahrheit, diese ganze entsetzliche Geschichte von Verbrechen und Mord und …“

„Gewiß ist es Wahrheit … aber ich komme nicht, um zu erzählen, ich komme, um zu hören,“ versetzte hastig der Pastor; „sprechen Sie, lassen Sie Annette sprechen; sie muß es wissen, wie Alles gekommen, wie es geschehen ist … sie allein kann es sagen –“

„Sie kann es, sie hat es mir gesagt, und nun,“ rief der junge Geistliche dagegen, „helfen Sie mir, sie überreden, daß sie sich aufmacht von hier, wo sie doch nicht bleiben kann, daß sie, was sie erlebt, kund thue, daß die Gerichte erfahren –“

„Sacht, sacht,“ fiel hier der Pastor rasch ein, „was gehen Sie die Gerichte an? Haben Sie solche Eile, vor das Gericht zu kommen, damit man möglichst bald erfahre, in wessen Schutz die Thurmschwalbe sich geflüchtet hat?“

„Das mag man erfahren,“ sagte der Geistliche, „ich kümmere mich nicht darum, ich werde mich nicht im Mindesten darum kümmern, welche Glossen man darüber macht, und ich werde darum nicht einen Augenblick aufhören, Annetten den Schutz zu gewähren, in den sie sich zu flüchten für gut gefunden hat. Merken Sie sich das, oder …“

Der junge Geistliche sagte dies dunkelroth werdend und mit zornig flammenden Blicken auf den Pastor.

„Ach, es ist die Zeit, Händel mit mir zu suchen!“ rief dieser. „Reden sollen Sie, erzählen, sprechen, das Mädchen da soll sprechen, und dann wollen wir sehen, was zu beschließen ist. Annette, raffen Sie sich auf, ermannen Sie sich, sagen Sie mir Alles, auch das Kleinste, das Geringfügigste, was Sie gehört, gesehen haben in dieser furchtbaren Nacht, die Sie erleben mußten; wie ist Alles gekommen? ich muß, ich muß es wissen …“

Der Pastor sprudelte das mit einer zornigen Heftigkeit hervor, die mit seiner gewöhnlichen spöttischen Ruhe in großem Contrast stand; der junge Geistliche aber trat zwischen ihn und das schluchzende junge Mädchen.

„Quälen Sie Annette nicht,“ rief er aus, „wie kann das arme Mädchen noch einmal Alles erzählen; Sie sehen ja, in welchem Zustande sie ist …“

„Nun, dann erzählen Sie, sagen Sie mir, was Sie von ihr vernommen haben. Ich habe ein Recht, Alles zu erfahren, das heiligste Recht; ich bin, mögen Sie es wissen, wenn Sie es von ihr nicht erfahren haben, der Oheim dieses Mädchens, ich habe ihre ermordete Mutter getraut, ich selbst, mit meinem leiblichen Bruder!“

Annette schlug ihre Augen auf und warf einen erschrockenen Blick auf den alten Geistlichen.

„Das wußt’ ich nicht,“ sagte sie mit bebender Lippe. „Der entsetzliche Mensch, der sich meinen Vater nannte, sagte das nicht!“

„Und doch ist es so,“ fuhr der Pastor fort, „also sagen Sie Alles! Gut, daß Sie wenigstens Ihren Vater kennen, und nun Sie wissen, daß er mein Bruder ist, wissen Sie auch, daß nun ich Ihr Beschützer, Ihr Vormund bin; ich, ich allein habe das Recht, Ihnen beizustehen Ihnen zu rathen, Ihre Schritte zu lenken. Wir haben ein, nur ein Interesse jetzt, das, Ihren Vater zu retten, wenn er der Mörder ist. Er muß gerettet werden, wir müssen ihn schützen vor jedem Verdacht, er muß mindestens vollauf Zeit gewinnen, sich in Sicherheit zu bringen; aber so reden Sie doch, ist er der Mörder, oder ist es der Graf Ulrich, dessen sich das Gericht bemächtigt hat …“

„Der Graf Ulrich?“ riefen hier der junge Geistliche und Annette zu gleicher Zeit aus, – „und dessen hat sich das Gericht bemächtigt?“

„Nun ja,“ entgegnete der Pastor, „und er ist es nicht? Nein, er ist es nicht,“ fuhr er, die Hände zusammenkrampfend, fort, „ich seh’s, ich seh’s an Ihren Mienen, er ist es nicht; vergebens habe ich mir selbst vorlügen wollen, daß er’s doch sein könne … o mein armer Bruder, was hast Du gethan!“

Der sonst so kalte, höhnische, auf alle Creaturen der Welt mit so eisiger Gleichgültigkeit herabblickende Mann zeigte plötzlich eine Erschütterung, einen Schmerz, welcher bewies, daß er wenigstens durch Eine starke Faser mit einem lebenden Wesen auf Erden zusammengehangen – mit seinem Bruder!

„Annette, Annette, Du siehst,“ rief der Caplan dazwischen in seiner Erregung, das fremde ‚Sie‘ vergessend, „Du siehst, wie [552] nothwendig es ist, daß Du mit mir kommen, daß wir zurückkehren müssen, daß Du gestehen mußt, was Du erlebt und wessen Zeuge Du geworden! Du kannst, Du darfst nicht einen Verdacht auf einem Unschuldigen ruhen lassen –“

Der Pastor aber sprang jetzt auf, er stieß den jungen Geistlichen bei Seite, und sich zwischen ihn und Annette werfend, rief er aus:

„Sind Sie toll? – Keinen Schritt geht sie von hier, keinen Schritt – und auch Sie gehen keinen, auch Sie nicht, oder …“

Der junge Geistliche trat, betroffen von diesem plötzlichen Ausbruch des älteren Mannes, aus dem die Aufregung ein ganz anderes Wesen geschaffen zu haben schien, zurück; dann aber sagte er, ruhig den Arm des Pastors ergreifend und diesen mit seiner zehnfach überlegenen Kraft umspannend:

„Sie sind außer sich, Pastor! Ich achte Ihren Schmerz, aber nur so lange Sie nicht den Wahnsinn haben, uns hier Befehle geben zu wollen!“

„Sie wird nicht gehen, um ihren Vater als Mörder anzuklagen, und auch Sie, Sie werden es nicht,“ schrie der Pastor dagegen, „oder ich mache Sie unglücklich für ewig! Trotzen Sie mir nicht, oder ich mache Sie zu dem, was ich selbst bin, zu einem verachteten ausgestoßenen Menschen, zu einem schlechten, sittenlosen Pfaffen, zu dem verachtetsten Geschöpf auf dem Erdenrund! Sie mögen ein Heiliger sein in Ihrem Herzen, jeder Tropfen Blutes in Ihren Adern mag so goldrein, jeder Gedanke Ihres Gehirns mag so edel und groß sein wie die Gedanken des Erlösers, jeder Pulsschlag in Ihrer Brust so warm für die Menschheit glühen wie das Herz Christi – was wird es Ihnen helfen, wenn ich wider Sie auftrete und sage: ‚Sie haben dies Weib hier geliebt! Sie haben gesündigt, Sie haben den Befehl eines Pfaffen, der vor tausend Jahren lebte und die Menschennatur zu verkrüppeln unternahm, übertreten!‘ Jedermanns Hand wird wider Sie sein, man wird Sie ausstoßen aus dem Kreise derer, die sich ehrliche Leute nennen und die, welche gläubige Christen heißen, werden Ihnen ihre Thore schließen, bis Sie, vertrieben und vogelfrei, elend verhungern. Gottlob, diese elende erbärmliche Welt ist so eingerichtet, daß auch unser Eins einmal einen Vortheil davon hat! Sehen Sie nun, daß ich Ihnen befehlen, daß ich Sie zwingen kann, daß ich Ihr Schicksal in meiner Hand habe wie das einer Fliege, die ich zerdrücken kann? Und wenn Sie, Sie selbst sich nicht beugen wollten unter das, was ich Ihnen befehle, Sie müßten es um dieses Mädchens willen! Oder soll die Welt ihr nachsagen, sie sei die Geliebte eines Pfaffen gewesen?“

Der junge Geistliche fiel wie gebrochen auf einen an der Wand stehenden Schemel.

„Sie sind ein böser, schlechter Mensch!“ sagte er mit bleicher zitternder Lippe.

„Böse? Nun ja! Ich vertheidige meinen Bruder. Das ist böse und schlecht, freilich! Wenn ich den Gerichten beistände, ihn zu fangen, ihn zu überführen, wenn mein Zeugniß ihm an den Galgen hülfe, dann wäre ich ein redlicher, gesetzmäßiger Staatsbürger! Aber ich kümmere mich nun einmal den Henker darum, ob man mich so nennt! Ich steh’ diesem elenden Hunde von Mörder bei, der mein Bruder ist, den die Welt und die Menschen zu dem gemacht haben, was er ist, wie sie mich dazu gemacht haben. Mir haben sie die Platte geschoren und mir gesagt: ‚Nun sei ein Heiliger, hab’ kein Blut mehr in Deinen Adern, kein Herz mehr in Deiner Brust, bleibe allein und einsam Dein Lebenlang, und vertreibe Dir den öden Tag damit, der Menschen Dummheit durch Aberglauben zu mehren; finde Dein Glück im Apostolat des Blödsinns!‘ Und ihn, ihn, den Mörder, hat die Welt gehetzt und umhergeworfen, sein Weib hat ihn verlassen, sie hat ihn verleugnet und von sich gewiesen; sie hat sich in den Schutz der Macht und des Reichthums wider ihn, den Darbenden, geflüchtet; und als die Stunde gekommen, wo ihr selber Macht und Reichthum in den Schooß gefallen, da hat sie in ihrer Tücke wider ihn sich und ihr Kind dem Allen entzogen, es von sich gewiesen und es lieber einem wüsten Gesellen, einem fremden Abenteurer in die Hände fallen lassen, als an sich zu nehmen, was ihr gehörte – nur um nicht mit meinem Bruder zu theilen, nur um ihn nicht das Glück erfassen zu sehen, nach dem er schon die Hand ausstreckte, nur um in ihrer Rachsucht wider ihn zu schwelgen, in ihrer unversöhnlichen tückischen Rachsucht, wie nur ein Weib sie hegen kann! Und wenn er nun im Kampfe mit ihr von dem bittern Gefühl dessen, was er durch sie gelitten, von der Leidenschaft übermannt, dies Weib erschlagen, erwürgt, erstochen hat – ist etwas daran, was mich von meinem Bruder reißen kann? Ein Verbrechen ist’s, eine Dummheit, eine schändliche That meinethalb – aber hebt es die Natur auf? Nein, nein, zehn mal nein – mag er einen Mord begangen haben, er bleibt mein Bruder und er bleibt Dein Vater, Mädchen, und eher erdrossele ich Dich, ehe ich zugebe, daß Du die Hand hebst zum Zeugniß wider ihn!“

[569] Annette hatte, während der Pastor dies mit stürmischer Leidenschaftlichkeit hervorgestoßen, sich erhoben und ihn starr angeblickt.

„Mein Vater!“ rief sie jetzt aus. „Mein Vater! Und als er mich mit sich schleppte, bis an den Fluß, und ich dort mich weigerte, ihm weiter zu folgen, und ich Hülfeschreie ausstieß und er mich aus Angst vor den Fährleuten freiließ, da hat er mich bedroht, mich tödten zu wollen, wie er meine Mutter getödtet habe, wenn ich ihn verrathe … mein Vater will mich tödten, und dieser Mensch da will Dich unglücklich machen, weil ich mich in Deinen Schutz geflüchtet habe, Heinrich … o mein Gott, wenn doch nur ein Blitz käme und unserem unglückseligen Leben ein Ende machte!“

„Verzweifle nicht, Annette, frevle nicht,“ sagte jetzt stark und gefaßt der junge Geistliche, indem er auf sie zutrat und ihre Hand ergriff „Ermanne Dich, die Reden dieses Mannes sollen uns nicht hindern, unsere Pflicht zu thun – steh’ auf und komm! Mag er uns verleumden, mag er aufbieten wider uns, was er kann – unglücklich sind wir einmal doch, und das Einzige, was wir uns retten können, ist das Bewußtsein, muthig das Rechte gethan zu haben. Mögen die Menschen mir nachsagen, ich hätte Dich geliebt, mögen sie mich ausstoßen und mich ächten – vielleicht bleibt ein stiller Fleck, ein entlegener Winkel auf Erden uns frei, wo wir uns bergen können vor jeder Verfolgung …“

„Heuchler,“ fuhr jetzt außer sich der Pastor dazwischen, „er spricht von einem entlegenen Winkel, von Fliehen und Verbergen – und weiß doch, daß er die Hand der Erbin von Maurach fest in der seinen hält, daß er sie an sich gekettet hat für immer durch das unzerreißbare Band der Sünde – Heuchler, der Du bist, geh’ und wage auch dem zu trotzen, daß ich’s in die Welt hinausschreie, wie Du still das Mädchen umgarnt, schon seit Wochen, Monaten umstrickt hast, weil Du von mir erfahren, sie sei die rechte Erbin von Maurach!“

Der junge Geistliche ließ die Hand Annettens fahren. Er stand bleich, wie gelähmt, wie vollständig besiegt von dieser letzten Waffe des Gegners! Aber Annette, die sich jetzt ganz erhoben hatte, erfaßte, den Pastor groß und wie verwundert ansehend, seinen Arm.

„Woran erinnert mich dieser Mensch!“ rief sie aus. „Ich bin die Herrin, die Erbin von Maurach! Ist das nicht genug, um alle die Schande abzukaufen, womit er droht? Nicht genug, um über jeden Abgrund, der zwischen mir und Dir liegen kann, eine silberne Brücke zu schlagen? Komm, schaff’ uns freie Bahn vor diesem Manne – schütze mich vor ihm, ich werde Dich vor der Welt schützen!“

Sie ging festen Schrittes. Der junge Geistliche blieb einen Augenblick stehen, wie um zu sehen, ob der Pastor versuchen werde, sich ihnen zu widersetzen. Dieser wagte es nicht, und Jener eilte Annetten nach, während der Pastor mit einem Fluche auf die Bank, die Annette verlassen hatte, zurücksank.




17.

Die höheren Gerichtsbeamten, welche der Richter von Maurach erwartete, um ihnen die weitere Aufgabe der Untersuchung zu überlassen, waren bis jetzt nicht angekommen; er hatte sich zum Grafen in dessen Schlafzimmer begeben und ihn aufgefordert, das gerichtliche Protokoll zu unterschreiben. Der Graf hatte sich dessen entschieden geweigert. Ein kurzer Wortstreit war darüber entstanden. Gereizt hatte dann der Richter angeordnet, daß sein Gefangener in einem andern sicherern Gemache bewacht werden solle; er könne, hatte der Beamte fallen lassen, aus dem Fenster des im ersten Stocke liegenden Schlafzimmers entspringen. Der Graf hatte ihm nichts als ein verächtliches Achselzucken erwidert; der Richter hatte mit Melusine zu sprechen verlangt; da sie sich als Herrin und Gebieterin betrug, war es auch ihre Sache, ein Haftlocal anzuweisen und für die Bewachung sorgen zu lassen. Sie kam – sie begab sich, ehe sie dem Beamten antwortete, noch einmal in Graf Ulrich’s Zimmer. Er saß am Fenster jetzt; das Haupt auf den Arm gestützt, blickte er in’s Freie hinaus, ruhig und gedankenvoll, wie es schien.

„Mißdeuten Sie nicht,“ sagte sie eintretend und sorglich die Thür hinter sich zuziehend, „mißdeuten Sie nicht, daß ich noch einmal zu Ihnen zu reden komme.“

Er sah, das Gesicht zu ihr emporhebend, sie fragend und ohne zu antworten an.

„Ich will eben nicht vergessen,“ fuhr sie fort, „daß mein Vater und ich Ihnen Dank schulden. Sie haben uns gastlich bei sich aufgenommen. Sie haben uns mit großem und warmem Eifer die Mittel zugesagt, welche mein Vater von Ihnen verlangte, um seine Absicht in Frankreich erreichen zu können. Sie haben uns aufgenommen – freilich ein wenig, wie man eben arme Verwandte aufnimmt,“ fügte sie mit erwachender Bitterkeit hinzu, „aber das hat uns nichtsdestoweniger Ihnen gegenüber eine große Verpflichtung auferlegt. Ich komme noch einmal zu Ihnen, um diese Verpflichtung abzutragen.“

[570] Graf Ulrich nickte flüchtig lächelnd mit dem Kopfe.

„Ich kann es mir denken,“ sagte er, „daß diese Verpflichtung Sie schwer drückt und daß Sie sich ihrer so rasch wie möglich entledigen möchten! “

„Vielleicht!“ antwortete Melusine kalt. „Aber lassen Sie mich zu Ende reden. Wenn Sie die Schuld, zu der Sie sich bekennen, auf sich geladen haben, so glaube ich, daß Ihre edlere Natur bald genug in Ihnen erwachen und die Strafe über Sie bringen wird, welche immer in dem Bewußtsein unserer Handlungen liegt. Sie haben zu viel auf Ihrer Seele ruhen, als daß die Last nicht übergenug wäre, um auch ein härteres und verwilderteres Gemüth, als, wie ich überzeugt bin, das Ihrige ist, zu Boden zu drücken. Es ist nicht nöthig, daß die äußere Gerechtigkeit das verletzte Gesetz an Ihnen räche, sie würde es ohnehin vielleicht zu strenge, zu unmenschlich –“

„Soll Ihr Dank darin bestehen, daß Sie mir gütigst die Todesstrafe schenken und mich nur für ewig zu irgend einer Zwangsarbeit verdammen lassen wollen – Sie, als die souveräne Gerichtsherrin von Maurach?“ unterbrach Ulrich sie mit höhnischer Bitterkeit, die nichts durch die vollkommene Ruhe, womit er sprach, an ihrer Schärfe verlor.

„Nein,“ sagte sie, „diese Macht habe ich nicht. Aber die Macht, die ich habe, werde ich für Sie aufwenden, um Sie zu retten; ich werde Sie in der nächsten Nacht entfliehen lassen.“

„Entfliehen? In der That, der Gedanke ist gut und edel. Sie dürsten nicht nach meinem Blute, es reicht für Sie hin, wenn ich fort – beseitigt bin, und niemals zurückkehren kann!“

„Was wollen Sie mit diesen Worten andeuten?“

„Daß ich die Absicht Ihres Dankes durchschaue!“

„Und was ist die Absicht – ich bitte, mir das offener zu sagen,“ versetzte sie kalt und stolz.

„Das – bedarf es nicht. Sie verstehen mich!“

„Ich will Sie nicht verstehen, wenn Sie mir eine berechnete Schlechtigkeit zutrauen. – Wollen Sie mein Anerbieten annehmen?“

„Würden Sie es annehmen in meiner Lage?“

„Kenn’ ich Ihre Lage?“

„Ob Sie meine Lage kennen? Ich meine doch. Sie ist, scheint mir, leicht zu begreifen. Ich bin ein Mörder, bin geständig, und ‚Jedermanns Hand ist wider mich!‘“

Melusine schwieg eine Weile.

„Vielleicht wäre das letztere nicht so der Fall,“ sagte sie dann, mit einem plötzlichen Ausbruch zornigen Aufwallens, „wenn nicht eben Sie selbst Jedermanns Hand wider sich aufbrächten!“

„Und was könnte ich thun, sie zu entwaffnen? Zum Beispiel die Ihre? Wenn ich mich von Ihnen bereden ließe, zu entfliehen, genügte das vielleicht?“

„Um Sie dazu zu bereden, kam ich nicht.“

„Was kann ich sonst thun?“

„Sie …“ Melusine bedurfte offenbar einer Anstrengung über sich selbst, den innern Zorn in sich zu beschwichtigen, bevor sie fortfuhr: „Sie könnten sich herablassen, zu reden – Aufschlüsse zu geben, anzugeben, wie es geschah, daß Sie die That begingen, von der Sie so lakonisch und so starrsinnig einräumten, daß Sie sie begangen …“

„Da Sie so sicher wissen, daß ich sie beging, was kommt es für Sie darauf an, zu hören, wie ich sie beging?“

„Freilich,“ erwiderte sie zornig die Lippen beißend. „Was verschlägt es Ihnen, wie ich über Ihre That denke, ob ich sie in ihrem schlimmsten oder in einem besseren Lichte, wo sie entschuldbarer wird, sehe …“

Ulrich lachte bitter auf.

„Sie verlangen wohl meine Demüthigung bis hinab zu Entschuldigungen, zu Lügen, welche mich weniger schuldig scheinen lassen sollen und welche Sie dann den Triumph hätten, zu meiner Beschämung aufdecken zu können …“

„Nein, nein,“ rief Melusine vollständig in Leidenschaft gerathend über diese Bitterkeit, die für das, was sie in ihrem innersten Herzen trug, so furchtbar verwundend und verletzend war, „nein, nein – o mein Gott,“ rief sie und dabei erhoben sich ihre Hände, ihre Augen flammten, ihr Fuß stampfte auf den Boden, „ist es denn gar nicht möglich, Ihren starren, bösen Sinn zu brechen? – Ich, ich sollte Lügen von Ihnen verlangen, und jede Fiber in mir ist ja nur darüber empört, daß Sie lügen, daß Sie die Wahrheit nicht sprechen, daß Sie mit diesem abscheulichen Hohn auf jede Anstrengung antworten, die ich mache, Ihnen ein Wort der Wahrheit zu entreißen!“

Sie sank, in heftige Thränen, in Thränen des Zorns und der Verzweiflung ausbrechend, auf einen Stuhl nieder.

Graf Ulrich sah sie von diesem Ausbruch der Leidenschaft höchst betroffen an. Dann sagte er, völlig ruhig bleibend:

„Sag’ ich denn nicht die Wahrheit? Räume ich nicht jede ein, welche Die, welche mich für schuldig halten, und darunter Sie vor Allen, von mir hören wollen?“

„Nein, nein, Sie lügen, was Sie einräumen, und ich will nun einmal, daß Sie es gestehen – daß Alles, Alles ganz anders liegt, als man glaubt, ich will, daß Sie mir es erklären, daß Sie mir wenigstens sagen, wo Sie die Nacht hindurch waren …“

„Sie halten mich also nicht für den Mörder?“ rief Ulrich auffahrend aus.

„Nun, mein Gott, deutlicher kann ich es Ihnen doch nicht sagen, daß ich bereit bin, es nicht zu thun, wenn Sie nur den Mund öffnen und mir die Wahrheit sagen wollen!“

„Eben verlangten Sie noch von mir, daß ich lügen solle?“

„Lüge oder Wahrheit, ich verlange nur von Ihnen, daß Sie sprechen und aufhören, mir so verachtungsvoll zu zeigen, wie grenzenlos gleichgültig es Ihnen ist, ob ich Sie für den Mörder halte oder nicht.“

Graf Ulrich stand auf. Er ging, die Hände auf dem Rücken, einige Male auf und ab – er schien erschüttert in seinem hochmüthigen Trotz und auch nicht mehr besorgt, dies vor Melusine zu verrathen, er schien mit sich zu kämpfen, und doch nicht über sich gewinnen zu können, zu reden!

„Ich weiß,“ sagte er endlich, „die Umstände sind gegen mich, alle insgesammt. Die arme Dame im Thurme drüben ist ermordet. Es geschah in dieser Nacht. Wo war ich in dieser Nacht – ich kann darüber nicht Rechenschaft geben. Die Ermordete stand zwischen mir und diesem Besitze, den ich widerrechtlich vorschnell an mich gerissen habe. Wer anders soll sie ermordet haben, als ich? Wenn ich sage: ich habe sie nicht ermordet; ich habe am gestrigen Tage friedlich mit ihr verhandelt; sie hat mir gestanden, daß sie Ernestine Maurach sei; daß sie als junges Mädchen von einem Menschen, der ihr Unterricht in der Musik gegeben, sich entführen lassen; daß sie eine Zeitlang sein wechselvolles Abenteurerleben getheilt; daß sie jedoch bald seinen harten, herzlosen Charakter erkannt und die Ueberzeugung fassen müssen, er habe ihr Liebe geheuchelt und ihr Herz auf das Schnödeste betrogen, und ihren Besitz nur gesucht um ihrer Erbansprüche willen; daß sie den rohesten Mißhandlungen von ihm ausgesetzt gewesen, und daß sie, endlich zum Aeußersten gebracht, geschworen, sich an ihm dadurch zu rächen, daß sie ihn niemals seine Absicht, sich Maurachs zu bemächtigen, erreichen lasse – wenn ich das Alles erzähle, wird irgend eine Menschenseele einen so schlecht erfundenen Roman glauben? Wird man glauben, daß ich dieser Frau, die hier unter einem falschen Namen bei ihrem Verwandten, dem Grafen Walram, Schutz gegen die Verfolgung ihres Mannes gesucht, zugeredet, umsonst zugeredet, einen solchen thörichten Plan der Rache aufzugeben, mit ihren Ansprüchen hervorzutreten, Maurach, wie sie es schon ihres Kindes willen müsse, an sich zu nehmen und ihren Mann mit einer Theilung abzukaufen, die er sich ja werde gefallen lassen? Wird irgend Jemand mir so viel Uneigennützigkeit zutrauen? Sind nicht, um mich völlig zu zerschmettern, jene Documente in meiner Cassette gefunden, welche der Ermordeten und ihres Mannes Rechte beurkunden, von denen für sie Alles abhing?“

Er schritt ein paar Mal heftig im Zimmer auf und ab, dann wieder vor Melusine stehen bleibend, fuhr er fort:

„Wird man mir glauben können, wenn ich sage: diese Documente hat mir gestern die Ermordete vertrauensvoll übergeben, daß ich sie hüte und ihr aufbewahre – erschrocken, wie sie war, durch das Auftauchen dieses Mannes und bangend vor einer Gewaltthätigkeit, die er begehen könne, um sie ihr zu entwinden, sie zur Herausgabe zu zwingen? Nein, nein, Niemand wird und kann an dies Alles glauben und deshalb war ich ein verrückter Thor, daß ich so grenzenlos empört war, daß … daß … nun, daß Sie wenigstens nicht klüger waren, nicht besser als die Anderen, die verdammten und verurtheilten, ohne zu fragen und zu untersuchen! Sie – weshalb sollten Sie klüger sein? Und hatte ich es um Sie verdient? Nun ja, vielleicht – mehr als Sie denken! Aber Sie konnten es nicht [571] wissen. Ich habe einmal Unglück. Ich habe ja mehr Menschenleben auf der Seele! Und da ich dies Bewußtsein so leicht zu tragen schien – wie sollten Sie nicht denken, daß ich’s auch leicht genommen, wo es galt, durch eine rasche That ein Menschenleben mehr auszulöschen und zu verderben, das mir nun einmal im Wege zu stehen schien? Ich bin ja ein wüster Gesell, ein ruchloser, verluderter Mensch! Vielleicht liegt das weniger in meiner innersten Natur, als in den Umständen, die mich dazu gemacht haben, aber ich bin es, ich scheine es Ihnen nun einmal! Und kurz und gut, es ist dumm von mir – sehr dumm, diese Bitterkeit, diese Wuth, daß Sie mich so nahmen, wie ich mich eben gab. Und nun, mein’ ich, haben wir genug davon geredet. Sie wollen mich entfliehen lassen? Ohne Hintergedanken? Nun ja, ich will’s glauben. Und ich danke Ihnen. Annehmen werde ich Ihr Erbieten nicht. Haben Sie geglaubt, ich würde es?“

„In der That, nein; ich konnte mir denken, daß, wenn auch schuldig sogar, Sie dennoch viel zu stolz sein würden, um von mir einen solchen Dienst anzunehmen.“

„Das sagen Sie sehr bitter. Und Sie haben Recht. Ich werde von Ihnen einen solchen Dienst nicht annehmen!“

„Dann können wir freilich diese Unterredung enden,“ sagte Melusine, sich zum Grafen wendend. Und doch schien es, als ob ein Etwas sie zurückhielte, als ob sie sich von der Hoffnung nicht losreißen könne, daß endlich ein versöhnendes Wort fallen würde, welches die Brücke bilden könnte, über der diese beiden trotzigen, hochmüthigen Herzen, die sich mit solcher Leidenschaft suchten, ohne es sich selbst gestehen zu wollen, sich finden könnten!

Das Wort fiel nicht, von Ulrich’s Lippen wenigstens fiel es nicht, und wie sehr Melusine auch in ihrem Herzen empfand, daß es im Grunde doch an ihr sei, ihm ein Unrecht abzubitten, das sie ihm angethan, indem sie ihren Glauben an seine Schuld einstimmig mit allen Uebrigen ausgesprochen – sie konnte es dennoch nicht über sich gewinen, noch mit einem Schritte nur weiter zu gehen! Und hatte sie nicht schon das Aeußerste gethan, hatte sie es nicht geradezu ausgesprochen, daß sie an seine Schuld nicht glaube? Warum griff er diese Worte nicht auf, warum hielt er sich nicht daran, warum zeigte er sich nicht versöhnt dadurch, warum ließ er sich nicht herab, auch nur noch eine Frage an sie darüber zu stellen? O, er war von einem gar nicht zu brechenden Starrsinn, und halb in Empörung, halb in Verzweiflung darüber verließ sie ihn.




18.

Sie war so erregt, daß sie draußen an dem Richter vorübereilte, ohne daran zu denken, ihm den Bescheid zu geben, den er von ihr erwartete; als sie in den Saal trat, erregte der Hufschlag eines galoppirenden Pferdes im Hofe ihre Aufmerksamkeit. Sie warf einen Blick durch’s Fenster und sah einen französischen Officier da unten sein Pferd anhalten und hörte ihn gleich darauf nach Jemand rufen, der es ihm abnehmen könne. Der Reitknecht kam aus den Ställen heran, der Officier stieg aus dem Sattel und verschwand dann unter dem Schloßportal.

Melusine ging hinaus, dem Ankommenden entgegen, und erwartete ihn oben an der Treppe; sie sah den Officier emporsteigen; er trug einen mit einem Wehrgehenk umschlungenen Säbel in der Hand.

„Der Herr Graf von Maurach?“ fragte der Officier in französischer Sprache.

„Er ist schwerlich sichtbar,“ versetzte Melusine in derselben Sprache, „können Sie mir mittheilen, was Sie ihm zu sagen wünschen?“

„Ich weiß nicht,“ antwortete der Franzose zögernd, „ich komme von Seiten Seiner Hoheit und bin dessen dienstthuender Adjutant; ich habe dem Herrn Grafen diesen Säbel zu überbringen, sowie eine Botschaft auszurichten.“

„Sie haben ihm diesen Säbel zu überbringen?“ rief das junge Mädchen in höchster Ueberraschung aus.

„So ist es!“

„Aber ich bitte Sie, reden Sie, wie kommt es, daß der Großherzog …“

„Dem Herrn Grafen diesen Säbel sendet?“ entgegnete der Franzose, der an Melusinens Sprache sah, daß er eine Landsmännin vor sich habe, und deshalb annehmen mochte, daß er einer solchen Dame gegenüber mit seiner amtlichen Mittheilung weniger geheim zu thun brauche. „Nun, ma foi, sehen Sie, der Herr Graf hat uns in der verflossenen Nacht ein wenig brüsk und stürmisch überfallen und dem Großherzog einen Säbel entführt, auf den seine Hoheit einen sehr großen Werth legte, weil er ihn in der Schlacht bei den Pyramiden und an dem glorreichen Tage bei Ramanieh getragen hat. Das hat sich heute Morgen bei näherem Nachsehen erst herausgestellt. Der Großherzog ist sehr zornig über den Mißgriff geworden und hat mich abgeschickt, den Grafen um die Rückgabe der Waffe zu ersuchen im Austausch gegen diesen Säbel hier, der eine viel kostbarere Arbeit, ein Geschenk der …“

Melusine war so betroffen von dieser unerwarteten Mittheilung des Franzosen, daß sie die Lehne des Treppengeländers ergriff und krampfhaft erfaßte, wie um sich daran aufrecht zu erhalten.

„Was … was sagen Sie da?“ rief sie, ihn unterbrechend, aus. „Der Graf hat in der verflossenen Nacht …“

„Zu einer ein wenig ungewöhnlichen Stunde freilich,“ fiel der Officier ein, „es mochte nicht weit von Mitternacht sein, als er im Jägerhofe, der Residenz Seiner Hoheit, auftauchte –“

„Um diesen Säbel von ihm zu erhalten?“

„Nein, nein, Sie verstehen mich nicht, der Herr Graf hat in der verflossenen Nacht einen Säbel des Großherzogs erhalten, welchen Seine Hoheit …“

Melusine, der sich die Gedanken durcheinander wirrten, die nichts mehr fassen konnte, als daß Graf Ulrich die Nacht hindurch nur deshalb entfernt gewesen, um die Aufforderung, die sie so thöricht an ihn gerichtet, zu erfüllen; daß er trotz der für ihn so schwerwiegenden und bedeutungsvollen Eröffnung, welche ihm gestern die ermordete Frau gemacht, an nichts Anderes gedacht hatte, als ihr, Melusine, den Beweis zu geben wie ernst es ihm darum zu thun sein, ihre Wünsche zu erfüllen – Melusine, die nur dies erfaßte, griff nach der Waffe, welche der französische Officier trug, indem sie ausrief:

„O geben Sie mir, geben Sie mir diese Waffe, ich will sie dem Grafen bringen, er wird sogleich mit Ihnen reden …“

Damit eilte sie davon; der Officier folgte ihr, über diese Heftigkeit der jungen Dame verwundert, nach, er erstieg die letzten Stufen der Treppe und trat in den Salon ein, um dort das Weitere abzuwarten. –

Sie war unterdeß zu Ulrich zurückgeeilt; sie fand ihn in seinem vorderen Zimmer, bei dem Richter, eben im Begriff, diesem klar zu machen, daß er sich mit seinem Ehrenworte, nicht fliehen zu wollen, begnügen könne, was der Beamte sehr kühl abwies; Melusine ergriff stürmisch des Grafen Arm und den Säbel, den sie in der Hand trug, erhebend, hoch aufathmend, rief sie aus:

„Hier – da ist Ihr Geheimniß! Es ist verrathen! – Dort vor der Thür steht der Zeuge, der Sie beschämt. Sie waren während der ganzen Nacht nicht hier, sondern fern, meilenweit fern – erklären Sie dem Richter, wo Sie waren – sagen Sie es ohne Aufenthalt, damit er gehe, den wahren Schuldigen zu suchen.“

Graf Ulrich war erblaßt; er begriff diese Dazwischenkunft Melusinens nicht, aber er sah, daß sein Geheimniß ihr, der es am letzten auf Erden verrathen sein sollte, verrathen war – mit einem unbeschreiblichen Blicke von Bestürzung sagte er: „Was ist geschehen? Was soll die Waffe da? Wie kommt sie in Ihre Hände? Soll ich damit etwa den Mord ausgeführt haben? Ich kenne sie nicht!“

„Sie kennen sie nicht, nein, aber Sie kennen eine andere, die in Ihrem Besitz sein muß, die Sie in der verflossenen Nacht in Düsseldorf waren sich zu holen – Sie haben sie, Sie können sie zeigen als den besten Beweis, wie unschuldig Sie sind an dem Verbrechen – oder wollen Sie noch leugnen …“

„Ich will nichts leugnen. Ich war in der verflossenen Nacht in Düsseldorf – und ich habe Niemanden gemordet! Genügt Ihnen das?“

Melusine drückte ihre beiden Hände auf ihr hochklopfendes Herz. Sie konnte nicht reden. Sie sah ihn stumm an. Es lag ein Flehen in ihrem Blick, wie ein Flehen um ein wenig Güte und Nachgiebigkeit und um das endliche Aufgeben all’ dieses Trotzes. Aber Ulrich stand vor ihr mit denselben, mit unveränderten Zügen. Die Farbe kehrte nicht in sie zurück. Die tiefen Falten seiner Stirn glätteten sich nicht. Tiefaufathmend wandte sie sich endlich zu dem Richter.

[572] „Sie haben es gehört,“ sagte sie; „der Graf ist unschuldig – o bitte, gehen Sie zu dem besten Zeugen dafür, den Sie draußen finden werden – sprechen sie mit ihm, lassen Sie sich Alles sagen, was er Ihnen über die Anwesenheit des Grafen in Düsseldorf, während hier das Verbrechen verübt wurde, sagen kann – überzeugen Sie sich, wie verblendet Alle waren – gehen Sie, gehen Sie!“

Der Richter, der sehr erstaunt bei dem Allen aufgehorcht hatte, ging, und auch sein Schreiber, und was noch das Zimmer füllte, folgte ihm neugierig hinaus.

„Graf Ulrich,“ sagte Melusine jetzt, als sie allein sich gegenüberstanden, „habe ich wirklich eine so große Schuld gegen Sie begangen, daß Sie noch immer starr und hart mir gegenüberstehen?“

„Ich bin nicht starr und hart,“ antwortete er. „Wenn ich es wäre, würde ich die Schuld, welche Sie gegen mich begangen haben, nicht so tief empfinden.“

„Wohl denn, so sprechen Sie aus, wie groß meine Schuld ist – ich will mich demüthigen und einräumen, daß es an mir sei, sie zu sühnen.“

„Was bedarf es der Worte? Sie wissen Alles!“

„Wohl! Ich will glauben, daß ich Alles weiß! Aber wissen Sie Alles?“ rief sie aus.

Er sah sie fragend an.

„Wissen Sie, was Alles mich geschmerzt und empört hat in diesen Tagen? Was mein Herz bluten machte, wenn Ihr Uebermuth mir zeigte, daß Sie glaubten, mit mir spielen zu können? Wissen Sie, weshalb mir das Alles sich so tief in die Seele einbohrte? Nein, Sie wissen nicht, wie wehe Sie mir gethan haben – und ich kann es Ihnen auch nicht sagen!“

Graf Ulrich sah eine Weile stumm vor sich nieder; dann flammte plötzlich sein Auge auf und er rief: „Auch nicht, wenn ich rede und Ihnen sage, was mein Wesen bestimmte, was in meinem Herzen und Gemüth war, wenn ich redete und handelte, wie ich es that? Haben Sie denn nie daran gedacht, Melusine, daß es vielleicht nur die innere Unruhe, die Unzufriedenheit mit sich selbst und die zornige Seelenstimmung eines wilden und auf seine Unabhängigkeit trotzigen Menschen sei, der sich zum ersten Male in seinem Leben unterjocht fühlte, die Empörung darüber, so gefesselt zu sein, der Drang, mich mit meinen Worten, meinem Betragen gegen Sie an mir selber zu rächen?“

„Nein, das habe ich nicht gedacht,“ versetzte sie leise. „Sie ließen mich das in der That nicht ahnen!“

„Sie mögen Recht haben,“ entgegnete er lächelnd. „Ich zeigte Ihnen wenig von den Rücksichten, den Beflissenheiten, der Ergebenheit, woraus Sie es hätten schließen können, welchen Eindruck Sie mir gemacht! Sie müssen mir das verzeihen. Ich verstehe schlecht, einem Mädchen Neigung zu verstehen zu geben. Mit Worten kann ich’s nicht, mit Worten um eine Hand zu werben, bin ich ungeschickt. Ich kann’s nur – durch eine Dummheit allenfalls wie den Ritt dieser Nacht – und was ich mir dadurch erkaufe, ist – diese Beschämung!“

Melusine sah ihn beinahe flehentlich an.

„Beschämung! Noch immer diese Worte. Ist es Ihnen so entsetzlich drückend und demüthigend, daß ich weiß, wie, was Sie mir sagten, die ernsthafte Meinung Ihres Herzens war?“

„Ja,“ versetzte Ulrich; „so lange ich nicht vergessen kann, daß Sie, Sie gerade so wie alle die thörichten Menschen hier, nicht einen Augenblick anstanden, mich für einen Verbrecher zu halten ...“

„So lange Sie das nicht vergessen können – Wenn ich Ihnen aber wiederhole, daß Sie gründlich irren, Graf Ulrich, daß ich nicht an Ihre Schuld glaubte, nicht einen Augenblick daran glaubte, daß ich Ihnen nichts schuld gegeben als den furchtbaren Hochmuth, womit Sie mir zeigten, daß mein Glauben oder Nichtglauben, mein Urtheilen und Meinen Sie so gleichgültig lassen wie die Meinung eines Kindes über Sie – o mein Gott, sehen Sie denn nicht, daß wir uns Beide nur vorwerfen, uns nicht verstanden zu haben, und daß aller Groll zwischen uns schwinden könnte, jetzt, wo wir uns offnen Herzens einander gestanden, daß Jeder geglaubt, um den Andern Besseres verdient zu haben als seinen Hochmuth und Trotz?“

[589] Ulrich reichte ihr bewegt die Hand. „Ja, ja, Sie haben Recht,“ sagte er. „Und ich, ich bin der Schuldigere. Ich habe nur geerntet, was ich gesäet. Schließen wir ohne Rückhalt Frieden.“

„Ja, Frieden!“ rief sie im bewegtesten Tone aus, indem sie warm seine Hand ergriff. „Zeigen wir uns die Achtung, die wir vor einander hegen, mit offener Herzlichkeit!“

Er küßte sanft ihre Hand, während sie fortfuhr: „Und nun bieten wir Alles auf, um den wahren Schuldigen zu entdecken; es ist nicht genug, daß man sagt, Sie seien es nicht; man muß auch sagen können, wer es sei!“

„Ich denke,“ fiel Graf Ulrich ein, „wer es ist, kann uns nicht dunkel sein, und der, welcher es dem Richter am besten sagen könnte, ist nicht weit. Sie haben gehört, wie der Pastor sich den Bruder des Mannes der Wehrangel nannte, und da er mir gestern Morgen anbot, seines Bruders Geheimniß – denn was konnte er anders meinen? – zu verkaufen …“

Graf Ulrich wurde hier unterbrochen. Der Richter trat heran, ihm folgte der französische Officier. Dieser hatte aus dem ziemlich mangelhaften und schwerfälligen Französischsprechen des Beamten verstanden, daß Graf Ulrich eines Verbrechens beschuldigt sei, daß das Schloß Maurach der Schauplatz einer Mordthat geworden; der Gedanke, daß er ein Geschenk seines Souveräns an einen Mann, auf dem ein solcher Verdacht gelastet oder noch laste, übergeben – er wälschte einige Worte hervor, die Graf Ulrich nicht verstand, und dabei bemächtigte er sich der Waffe wieder, die Melusine auf den Tisch geworfen, während er fortfuhr, von dem andern Säbel, dem glorreichen Säbel der Pyramiden und des Sieges von Ramanieh, zu sprechen.

Graf Ulrich wandte sich, sobald er ihn begriffen, zu seinem Schlafzimmer zurück, um dies berühmte Waffenstück herbeizuholen und dem Adjutanten zu übergeben.

„Nehmen Sie beide Waffen zurück,“ sagte er stolz, „ich bedarf ihrer nicht mehr; und Sie,“ wandte er sich gleich darauf ernst lächelnd an Melusine, „auch Sie werden kein Verlangen mehr nach dem Säbel Murat’s haben!“

„Nein,“ fiel Melusine ein, „obwohl es die beste Waffe ist, die ich sah, denn sie hat statt zum Kampf zu dienen, uns Frieden gebracht.“

„Und mich,“ fuhr Graf Ulrich fort; „mich hat sie – doch nein, nicht sie, sondern nur Ihr Verlangen nach ihr, Melusine, hat mich vom schrecklichsten Verdacht gerettet – wie soll ich Ihnen das danken?“

Sie blickte ihm bewegt in’s Auge. „Noch Dank,“ sagte sie, „Dank für eine übermüthige Laune, deren Folge war, daß ich jetzt so tief in Ihr Herz blicke?“

Der Officier hatte sich unterdeß schon mit seinen beiden Beutestücken auf- und davongemacht.




19.

Es war ein eigenthümliches und bedeutungsvolles Schweigen, in welchem nach ihren letzten Reden Ulrich und Melusine einander gegenüberstanden. Wie nach einem Sturm, wenn er dahingerauscht und vorüber ist, das Meer noch lange in hohen Wogen rollt, wogte es in Beiden fort, und Keiner fand das Wort oder suchte es nur, um dieser Bewegung einen Ausdruck zu geben. Sie hatten Frieden geschlossen. Aber es war, als ob das Gefühl der tiefen Wunden, die sie sich in dem Kampfe geschlagen, sie nicht denken lassen könne, daß es für sie noch ein anderes Schicksal geben könne jenseits des friedlichen Auseinandergehens und Scheidens, das ihnen jetzt nur noch übrig bliebe.

Eine gleichsam erlösende Wendung für Beide brachte in diesem Augenblick der freudige Tumult, der plötzlich in das Schloß hereinbrach; die Ausrufe des Staunens und des Jubels, die draußen laut wurden; der Lärm vieler Menschen, die sich die Treppe herauf und durch den Mittelsaal näherten – bis Ulrich, rasch über die Schwelle dieses Saales tretend, zu Melusine sich zurückwendend, ausrief: „Die Thurmschwalbe – Annette – dem Himmel sei Dank, da ist sie – unverletzt und heil!“

Er eilte erschüttert auf das junge Mädchen zu. Melusine flog ihr entgegen, um sie mit strömenden Thränen der Freude zu umarmen.

Annette hatte sich in ihrer energischen Erregung vor Kurzem noch so entschlossen und stark gefühlt – jetzt, da sie das Haus, wo ihre todte Mutter lag, wieder betreten, jetzt, da Alles, was sie stürmisch umdrängte, ihr den furchtbaren Eindruck des erlebten Entsetzlichen so heftig wach rief, fühlte sie ihre Kraft wieder schwinden – sie hing wie geknickt am Arme des jungen Geistlichen, den sie krampfhaft preßte, der sich, als sie unter Menschen gekommen, ihr wieder entziehen wollte und den sie festgehalten, als wolle sie ihn für ewig umklammern.

[590] „Ich sterbe, wenn Du von mir läßt!“ hatte sie leise ausgerufen.

Sie schien einer Ohnmacht nahe. Man brachte sie in Ulrich’s Zimmer und ließ sie dort sich auf einem Ruhepolster niederlegen und flößte ihr Wein ein – und dann umgaben sie Ulrich, Melusine, der Vicomte, der herbeigeeilt war, und Heinrich – der Richter hielt sich im Hintergrund, um ihr die ersten Mittheilungen nicht dadurch zu erschweren, daß sie dieselben sogleich amtlich zur Kunde genommen sähe.

Was sich aus diesen Mittheilungen ergab, die Annette, als sie sich gefaßt und gesammelt, machte – meist zu Melusine, welche vor ihr kniete und ihre Hand in der ihrigen hielt, gewendet – das war eine dunkle Geschichte von Leid, Leidenschaft und Verbrechen. Es war spät Abends am vorigen Tage, vielmehr schon Nacht gewesen – innerlich erregt und beunruhigt, wie von einer nagenden Sorge erfüllt, habe ihre Mutter nicht den Entschluß fassen können, sich zur Ruhe zu legen – endlich sei sie in ihr Schlafzimmer gegangen; nach einer kurzen Zeit habe Annette, die, ihr Haar für die Nacht ordnend, bei der Lampe gesessen, sich erheben wollen, um der Mutter zu folgen, als sich plötzlich so unhörbar wie rasch die ihr gegenüber befindliche Thür geöffnet habe – erschrocken, mit einem Ausruf der Angst sei sie emporgefahren; ihr gegenüber habe derselbe Mann, der Fremde, gestanden, der sich am gestrigen Tage schon einmal ihr genähert, um ihr einen Brief an ihre Mutter zu übergeben. Heftig, mit unterdrückter Stimme jedoch, habe der Fremde ihre Mutter zu sprechen verlangt. Wie es ihm gelungen, die unten von der Terrasse aus in den Schloßthurm führende Thür, die sie wie allabendlich gestern selbst verschlossen, zu öffnen und so in ihre Wohnung einzudringen, sei ihr ganz räthselhaft, auch seine genaue Kenntniß der Räumlichkeiten, da er über dunkle Treppen und Corridore ohne Licht und Führer den Weg heraufgefunden und sich nun nach seinen ersten Worten dem Schlafzimmer ihrer Mutter zugewendet.

Die Mutter sei, von Annettens Ruf herbeigelockt, auf der Schwelle erschienen, habe sich in ihrem Schrecken an der Thüreinfassung halten müssen, dann aber habe sie sich rasch, wie mit Hülfe auflodernden Zornes, gefaßt, sei vorgetreten – und aus dem heftigen, sich bald zu Drohungen von Seiten des Fremden, zu zornigen Vorwürfen von Seiten ihrer Mutter steigernden Zwiegespräch Beider hatte Annette trotz des Zustandes von namenloser Angst, worein dies Alles sie versetzt, das ganze Verhältniß dieses Mannes zu ihrer Mutter, das ihr so lange ein Geheimniß geblieben, erkannt und erfahren – dieser Mann war ihr Vater; er hatte trotzig darauf gepocht, daß er es sei; er hatte vielfach seine heilige Pflicht, für die Rechte seines Kindes auftreten, sie durchfechten und siegen lassen zu müssen, angerufen und betheuert; er hatte die Herzenshärte, die böse Rachsucht, den tückischen Groll ihrer Mutter, die lieber ihr Kind der Armuth und Dunkelheit überlasse, als ihre böse Leidenschaft nicht befriedige, verwünscht und verflucht. Die Mutter hatte mit Vorwürfen aus früheren Tagen geantwortet, welche Tage der bittersten Demüthigungen, der unerhörtesten Treulosigkeiten und schmählichsten Rohheiten des Mannes wider sie gewesen zu sein schienen. Und so hatte Annettens Mutter in unbeugsamem Zorne, mit tiefer Empörung und unerschütterlichen Willens dem sich nach und nach zu einer Art Raserei erhitzenden Manne gegenübergestanden und endlich ihm gedroht, sie werde durch Hülferufe Menschen herbeiziehen, wenn er nicht gehe und sie lasse.

Annettens Vater hatte hierauf, wie durch diese Drohung eingeschüchtert, sich gemäßigt und an sich gehalten. Er hatte in ruhigerer Weise ihr vorgestellt, daß, wenn jemals, sie jetzt ihr Recht geltend machen müsse, jetzt, wo der Vicomte de la Tour, der nach ihr die nächsten Ansprüche habe, nach Maurach gekommen, sicherlich in der Absicht, diese seine Ansprüche geltend zu machen, und daß es von offenbarem Wahnsinn zeuge, diesen Augenblick vorübergehen zu lassen; daß es später unendlich schwieriger sein werde, gegen die Franzosen aufzukommen, wenn diese den Besitz einmal errungen und erstritten; daß er deshalb diesen Emigranten, die er sogleich im Auge behalten, hierher gefolgt sei; und als auch diese Gründe und Auseinandersetzungen Annettens Mutter nicht erweicht, als sie hart und unbeugsam auf seiner Entfernung für immer bestanden, hatte er in fortgesetzter Mäßigung endlich nur noch von ihr verlangt, daß sie ihre Schriften herausgebe, an welchen er ein ebenso großes Recht habe wie sie, hatte selbst nach diesen Schriften gesucht, einen Eckschrank aufgesprengt und während alles dessen noch auf Annette eingestürmt, von der er verlangte, daß sie sich ankleide, um ihm folgen zu können, daß sie in ihm den Vater sehe und gehorche, daß er sie erdrosseln werde, wenn sie nicht allsogleich folge – in ihrem Todesschreck und ihrer Sinne kaum mächtig, hatte sie ihm gehorcht; da habe die Mutter im höchsten Zorn sich dazwischen geworfen und ihn von ihrem Kinde zurückschleudern wollen – nun aber sei das Entsetzliche geschehen, in neu aufflammender Wuth habe der Rasende eine Waffe gezückt – Annette konnte nicht weiter reden, als sie bis zu diesem Punkte ihrer Erzählung gekommen – sie bedeckte schaudernd ihr Gesicht mit den Händen und ein Strom von Thränen machte sich durch ihre Finger Bahn.

Daß sie in vollständiger kraft- und willenloser Gebrochenheit dann dem entsetzlichen Manne gefolgt, gab sie endlich mit abgebrochenen Worten zu erkennen – daß er ihre Handknöchel umspannend sie fortgezogen, daß ihr draußen im Wandern, Eilen, während er unaufhörlich gesprochen, als ob er in einem Rausche, im Wahnsinne rede, die Besinnung, der Muth, ihm zu widerstehen, die Willenskraft zurückgekehrt, und daß sie in der Nähe der Fähre, über die er sich retten wollte, durch ihre Drohung, die Fährleute zu Hülfe zu rufen, ihre Freiheit wieder errungen; daß er fluchend verschwunden, in Dunkel und Nacht. – –

Es war damit Alles klar und offen gelegt, über jedes Thatsächliche war Licht gegeben, wenn auch die Vorgeschichte der beiden unglücklichen Menschen, die Entwicklung ihres Verhältnisses, das zu so tragischem Ende gekommen, und die inneren Momente des Conflicts ihrer Naturen, der nun durch ein so blutiges Verbrechen gelöst war, in den Einzelheiten unaufgehellt blieb. Der Einzige, der hier ergänzen konnte, war der Pastor Lohoff. Es war offenbar, daß er einen Theil des Vertrauens seines Bruders besaß, obwohl doch nicht völlige Offenheit zwischen Beiden bestanden haben mochte; schwerlich hatte der Pastor mit Wissen seines Bruders dem Grafen Maurach sein Geheimniß zu verkaufen sich erboten, mochte dies, wie wahrscheinlich, ja gewiß, auch um das sein, daß der Vicomte und seine Tochter Erbansprüche auf Maurach besäßen und geltend zu machen gekommen. Doch mochte auch sein, daß beide Brüder diesen Schritt des Einen unter sich abgekartet. Es konnte dem Manne der Wehrangel vortheilhaft scheinen, daß Graf Ulrich, wider seine Gäste aufgereizt, sie aus dem Schlosse weise und ihnen die Schritte, welche sie zu thun beabsichtigen könnten, erschwere, die Hülfsmittel, welche er ihnen gewährte, wieder entziehe.

Aber der Pastor war nicht da – man wußte nicht, wo er war, und sowohl Annette wie der junge Geistliche fühlten ein Widerstreben, den Unglücklichen der Verborgenheit zu entziehen, in welcher er sich hielt.

Zunächst war Aller Beflissenheit Annetten zugewendet, um ihr Trost und Fassung zu geben, während der Richter einen Augenblick wahrnahm, um Ulrich verworrene Entschuldigungen zu machen und seine Trostlosigkeit an den Tag zu legen, von so gründlichem Irrthum verführt, so vermessen wider ihn aufgetreten zu sein. Es war für Annette wohlthätig, daß sie die Betheuerungen, welche der Beamte hinzufügte, nicht vernahm, was man Alles aufbieten werde, um des Schuldigen habhaft zu werden; es wäre für sie, die nur mit Schrecken daran denken konnte, ihren Vater in den Händen der menschlichen Gerechtigkeit zu sehen, und die Gott anflehte, daß er ihn seine Strafe nur in seinem eigenen Bewußtsein finden lasse, eine unnütze Pein gewesen – der Flüchtige hatte viel zu viel Vorsprung gewonnen, als daß es wahrscheinlich war, daß der in jenen Tagen noch ziemlich lahme Arm der Strafjustiz ihn erreichte. Jede Grenze gewährte ja damals noch einen zeitweiligen Schutz, jeder Heerkörper, in den man sich aufnehmen ließ, jede Fremde, in die man flüchtete, eine Art Asyl.




20.

Es waren etwa drei oder vier Tage vergangen. Ueber der unglücklichen Gräfin Ernestine Maurach oder Frau Wehrangel, wie sie sich genannt, hatte sich die Gruft ihrer Familie in der Dorfkirche geschlossen. Melusine hatte Annette in ihren besonderen Schutz genommen; sie war zärtlich besorgt und aufmerksam für sie, wie nur eine Schwester es hätte sein können. Sie umgab sie während der Stunden des Tages, sie theilte mit dem armen, die Nächte fürchtenden Mädchen ihr Lager.

So hatte Annette endlich sich selbst wiedergefunden, und war auch noch der tiefe Ernst der Trauer auf ihrer bleichen Miene, so [591] hatte, was ihre Seele an ihrem natürlichen Elemente, der harmlosen und stets frisch quellenden Heiterkeit, verloren, sich in ihr durch eine eigenthümlich muthvolle Entschlossenheit ersetzt. Eine Weile hatte sie einsilbig und wie still sinnend ihre Umgebung beobachtet, die jetzt in seltsamer Gespanntheit und Befangenheit zusammen verkehrte. Durch die Erlebnisse, die Alle so nah berührten, auch innerlich nahe zusammengeführt, fühlte sie sich in einen engen Kreis der Interessen gebunden und dann durch ihre gegenseitigen Verhältnisse wieder in eigenthümlichster Weise sich einander gegenübergestellt. Wie furchtbar aber dies auf Allen lastete, es war doch Keinem möglich, schien es, das Eis zu brechen, um sich mit voller Offenheit entgegenzutreten. Melusine sprach wiederholt mit ihrem Vater davon, daß sie nun ohne Verzug weiter wandern müßten, daß ihnen nichts übrig bleibe, als Abschied zu nehmen und einzig ihre Hoffnungen auf die französischen Aussichten zu stellen. Und wenn ihr Vater dann resignirt antwortete: „Wohl denn, so laß uns ziehen; ohne Hülfsmittel, wie wir gekommen,“ dann schien doch wieder Melusine der Muth zu fehlen; sie bat inständig den Vater, von ihrer Abreise noch nicht zu reden; sie seien Annetten, über welche doch zum Unglücke nur ihre Ankunft allein die schreckliche Katastrophe gebracht, allen Trost, alle Stütze schuldig; welche sie ihr bieten könnten, und noch bedürfe Annette ihrer. Graf Ulrich war schweigsam; er schrieb Briefe, er verkehrte mit seinem Rentmeister; gegen Melusine hatte er eine gewisse stille Aufmerksamkeit; so zurückhaltend er in Worten gegen sie war, lag doch etwas von fortwährender Aufmerksamkeit gegen sie in seinem Wesen – man hätte mehr von dem Betragen eines Bruders, als eines Liebenden darin finden können – von einem solchen verrieth sein ganzes Wesen nichts.

Eines Nachmittags, als er, Papiere in der Hand, von seinem Rentmeister zurückkam, sah er den jungen Geistlichen neben Annette auf einer Bank unter den Kastanien der Terrasse sitzen. Der junge Geistliche sah mit gerunzelter Stirn sehr düster drein; doch sah Ulrich, als er näher kam, Thränen an seiner Wimper hängen. Die Thurmschwalbe blickte ruhig Ulrich entgegen.

„Ich will es so!“ sagte die Thurmschwalbe ruhig. „Ihr habt Alle keinen Willen hier, und darum soll der meinige gelten. Du weigerst Dich, ihm zu gehorchen, Heinrich – und Du sollst sehen, daß ich Stärkere als Du unter meinen Willen zwinge – zum Beispiel den Grafen Ulrich hier, der, das wirst Du einräumen, stärker ist als Du.“

„Und wozu wollen Sie mich zwingen, Annette?“ fragte mit flüchtigem Lächeln Graf Ulrich, an den sie ihre letzten Worte gerichtet hatte.

„Daß Sie ehrlich seien, Graf Ulrich!“

„Mein Gott,“ fiel der Graf hastig ein, indem er tief erröthete, „glauben Sie denn, ich bedürfte dazu, von Ihnen gezwungen zu werden? Wenn ich zögerte, mich Ihnen gegenüber auszusprechen so geschah das ganz allein aus Scheu, den Gegenstand zu berühren; ich dachte, es sei nicht tactvoll, schon jetzt Sie mit geschäftlichen Dingen heimzusuchen, und was die Hauptsache angehe, so würden Sie stillschweigend voraussetzen, daß ich – ehrlich sei! Ich habe mir eben die letzten Abrechnungen des Rentmeisters geholt – da nehmen Sie sie – Sie können den ganzen Betrag der Einkünfte von Maurach daraus ersehen, den ich von meinem Eintreffen hier bis jetzt bezogen habe und Ihnen zurückerstatten muß …“

Annette sah ihn verwundert an, während er so sprach, dann, wie sich sofort in seinen Gedankengang findend, sagte sie: „Es ist wohl eine hübsche Summe, die Sie mir schuldig sind?“

„Immerhin ein paar tausend Thaler, wozu noch der Preis des Pferdes kommt, das ich nicht befugt war zu verschenken …“

„Und das,“ sagte Annette lächelnd, „ich Ihnen sehr, sehr hoch ansetzen werde! Ach,“ fuhr sie dann in verändertem Tone fort, „wie thöricht ist das! Sie sind so stolz und glauben, unter Ihren Willen müßte sich Alles beugen – die arme Thurmschwalbe müßte in demüthiger Bewunderung Ihrer Delicatesse sich von Ihnen baar auszahlen lassen, was Sie doch im besten Glauben an sich genommen und wofür Sie auch die Sorge und Last der Verwaltung dieser Herrschaft gehabt haben! Sie irren, Herr Graf, unsereins hat auch ein Recht, stolz zu sein und das zurückzuweisen, was ihm nicht zukommt, was er nicht will! Sie haben eine ganz andere Pflicht der Ehrlichkeit, und von der wollt’ ich reden.“

„Und welche wäre das, Sie stolze Dame?“

„Mit Fräulein Melusine zu reden.“

„Worüber?“

„O, Sie verstehen mich. Oder nicht? Muß ich Ihnen sagen, daß ich recht wohl durchschaue, was in Ihrem Herzen vorgeht, nachdem ich Melusine zu Geständnissen bewogen, die mir genug Fingerzeige gaben, um klar zu sehen? Sie sollen reden zu ihr, wie es Ihnen um’s Herz ist – das verlangt die Ehrlichkeit von Ihnen …“

Graf Ulrich hatte sich, ein wenig entfernt von ihr, auf die Bank niedergelassen. Er sah vor sich nieder, bis er nach einer Weile, noch immer zu Boden blickend, sagte:

„Ich glaube kaum, Fräulein Annette, daß Sie, so wie Sie sagen, Alles durchschauen, Alles wissen, was sich zwischen uns ereignet hat, zwischen Fräulein Melusine und mir! Was Sie aber vielleicht wissen, ist, daß ich ihr meine Hand angeboten habe und daß sie dieselbe ausschlug und ziemlich schnöde obendrein; und ich glaube, das genügt, um Ihnen zu zeigen, daß ich nicht mehr darauf zurückkommen kann.“

„In der That – genügt das?“ rief eifrig Annette aus, „genügt das, um Ihnen das hochmüthige Bewußtsein zu geben, wie männlich und vorwurfsfrei Sie ihr gegenüber dastehen; genügt das, um Ihnen Ihr Betragen zu dictiren, welches eine ganz häßlich egoistische Ausbeutung des Vortheils ist, den diese Thatsache Ihnen gegeben hat? Wissen Sie, welchen Eindruck Sie mir machen mit Ihrem abscheulichen zugeknöpften Wesen gegen Melusine? Als ob auf der Stirn geschrieben stünde: ich bin der Beleidigte, der Edle, Verkannte, der großmüthige Verzeiher; an ihr ist’s, sich zu demüthigen, und Vergebung flehend mir entgegenzukommen …“

Graf Maurach schüttelte den Kopf.

„Wenn mein Betragen diese Auslegung zuläßt –“ sagte er; aber Annette unterbrach ihn:

„Ja, ja, diese Auslegung ist die einzige, die man ihm geben kann,“ rief sie aus, „und so ist’s sehr wenig großherzig und sehr stark egoistisch, sehr männlich …“

„Dann,“ fiel er ein „bleibt mir nichts übrig, als zu gehn!“

„Gehn? Aber um’s Himmelswillen wohin wollten Sie gehn?“ fragte Annette verwundert.

„Wohin mein Schicksal mich führt – in die Welt – in Kriegsdienste, wo immer ich eine Stelle finde!“

„Ah bah,“ rief sie aus, „welche Gedanken!“

„Ich meine, sie liegen sehr nahe,“ versetzte Graf Ulrich. „Und sie enthalten zugleich die beste Antwort auf Ihre Forderung, daß ich mit Fräulein Melusine reden soll, wie Sie sich ausdrücken.“

Annette schwieg eine Weile. Dann sagte sie, den Arm plötzlich auf die Schulter des neben ihr sitzenden jungen Geistlichen legend:

„Heinrich, ich thue Dir Abbitte. Ich habe diesen Grafen Ulrich für stärker als Dich gehalten – ich sehe, er ist just vom selben Stoffe wie Du!“

Heinrich sah sie schmerzlich lächelnd an, ohne zu antworten. Graf Ulrich fragte:

„Woraus schließen Sie das?“

„Er sagt,“ versetzte Annette, „er würde es mit seinem Gewissen vereinigen können, voreilig geleistete Gelübde, die er auf sich nahm, ohne zu wissen, was er that, zu brechen, wenn ich nicht die Erbin und Herrin von Maurach wäre. Nun aber, und da er ein blutarmer Mensch sei, litte es seine Ehre, sein Gewissen nicht, seinem Herzen zu gehorchen! Und Sie, Sie sagen mit demselben Egoismus, nun, da Sie ein blutarmer Mensch seien, litte es Ihr Gewissen nicht, Ihrem Herzen zu gehorchen. Seid Ihr nicht Alle trübselige, schwache, thörichte, verächtliche Sclaven Eures Hochmuths? Der blutarmen Melusine haben Sie Ihre Hand geboten. Jetzt, da Sie blutarm sind, verbietet es Ihnen Ihr Gewissen, oder wie Sie es nennen, Melusine Ihre Hand zu bieten – o, es ist empörend, wenn es nicht so kindisch thöricht wäre! Ist es nicht, als ob in Euch Männern ein einziger Drang, Euch zu bewundern, ein jedes andere Gefühl in Euch erstickender Durst nach Großthun vor Euch selber wäre? Und wenn Ihr ihn nicht befriedigen könnt durch ein wirklich edles Thun, durch eine edle, wirklich gebotene Aufopferung, so schiebt Ihr Eure Ehre vor, diese jämmerliche Marionette, an welcher hundert Fäden hängen, die Ihr bald so, bald so zieht. Sie fordert, wie’s Euch gefällt, bald dies, bald das Opfer von Euch; das Opfer aber, das Ihr auf ihrem Altare [592] darbringt, ist nichts als Weihrauch für Euren Hochmuth! Und nun hört, was ich beschlossen habe, was ich will, was ich durchsetzen werde, da ich ja doch der einzige Vernünftige unter Euch Allen bin, obwohl genug geschehen ist, um mich um mein bischen Verstand zu bringen! Ich reise mit dem da – er ist ja viel zu schüchtern und muthlos, um so etwas selber durchzusetzen, nach Rom zum Papst, und laß ihm den dummen schwarzen Rock ausziehen, den er angezogen hat, als er noch gar nicht wußte, was er that; ich werde mit dem alten Manne in Rom schon reden, ich werde ihm Geld, viel Geld für irgend eine Brüderschaft, ein Kloster, eine Stiftung, an der sein Herz hängt, geben, und er wird ja doch Vernunft annehmen …“

„Dazu müßt’ ich doch meine Einwilligung geben,“ sagte Heinrich die Lippen fest zusammenpressend.

„Unterdeß,“ fuhr Annette, ohne auf diesen Einspruch zu achten, eifrig fort, „bleiben Sie, Graf, hier in Maurach und bleiben für immer hier, denn ich bedarf eines Beistandes und Freundes, der mir meine Herrschaft, all’ mein reiches Gut ehrlich verwaltet. Ich bedarf dessen, ich wüßte nicht einen Tag lang fertig zu werden ohne einen solchen Beistand, und ich will deshalb nicht, daß Sie je von hier gehen – ich will es nicht, hören Sie, Graf, – und soll ich die Erbin von Allem sein, um meinen Willen nicht zu haben? Aber ich will noch mehr; ich will, daß mein Reichsverweser und Statthalter ein solider verheiratheter Mann sei, den eine verständige Frau im Zügel hält; glauben Sie, ich würde einem so wilden, ruchlosen Menschen, wie Sie sind, Graf, vertrauen, wenn Sie nicht Melusine neben sich hätten? Nimmermehr, und nun gehen Sie, bieten Sie ihr Ihre Hand an, und nehmen Sie mir wenigstens die Sorge dafür ab …“

Graf Ulrich schüttelte traurig den Kopf, Heinrich aber sagte leise:

„Du bist ein Kind mit diesen Plänen, Annette …“

„Und habt Ihr bessere?“ unterbrach sie ihn aufwallend, „sprich, habt Ihr bessere? Nein, Ihr habt sie nicht, aber ich habe einen besseren im Rückhalte, wenn Ihr Euch widersetzt, um Euch Alle zu strafen …“

„Und der wäre?“ fragte Graf Ulrich.

„Der ist,“ sagte sie heftig, „und ich schwöre Euch, daß es mein heiliger Ernst ist – der ist, unsrem Pfarrer unter der Bedingung, daß er Heinrich die Lösung von seinen Gelübden verschafft, ganz Maurach mit Allem, was dazu gehört, zu einer Stiftung, einem Hospital, einem Waisenhause zu übergeben. Macht Euch darauf gefaßt, daß dies geschieht, und dann, dann habt Ihr Alle nichts, sammt und sonders, und die arme Thurmschwalbe ist dann so arm, nein, viel ärmer als zuvor. Jetzt überlegt’s, ob es Euch praktisch erscheint, bei Euren Ehrenscrupeln zu verharren!“

[622] Annette stand auf und ging anscheinend entrüstet fort. Die beiden zurückbleibenden Männer sahen sich ein wenig betroffen an.

„Sollte es ihr Ernst sein?“ fragte Graf Ulrich.

„Daran zweifle ich keinen Augenblick,“ versetzte Heinrich; „sie hat mir längst damit gedroht!“

„Und was denken Sie darüber?“

„Daß es meine Pflicht ist, sie mit allen erdenklichen Mitteln davon abzuhalten.“

„Und unter diesen Mitteln würde das beste sein,“ antwortete Ulrich mit einem Seufzer, „ihr ihren Willen zu thun.“

„Sie mögen das,“ versetzte Heinrich, „ich kann es nicht! – Ihr Plan einer Reise mit mir, um meine Lösung von meinen Gelübden zu erwirken, ist eine thörichte Idee; es ist kindisch, zu glauben, daß sich ihre Hoffnung erfüllen könnte, es ist nach den Gesetzen der Kirche unmöglich.“

„Darin werden Sie Recht haben. Die Kirche schmiedet mit unlöslichen Banden, Gatten, die sich verabscheuen, Priester, die sich im tiefsten Innern wider ihre Lehre empören, sie fesselt sie Alle auf gleiche Weise, und wenn die Noth, die Eisen bricht, zur gewaltsamen That der Selbstbefreiung zwingt, so stempelt sie es zum Verbrechen. Sie läßt dabei nur die gehässigsten Motive gelten. Für die edlere Seite der Menschennatur blind, sieht sie nur die Sünde und in der Seelentiefe reinster Gemüther, die sich von ihr wenden, nur den empörten Satan.“

„So ist es, leider!“ entgegnete der Geistliche. „Es ist da keine Hoffnung für mich, auch wenn ich die ganze Entwicklung meines innern Seelenlebens, welche sich in mir vollzogen hat, den innern Kampf mit den immer stürmischer und gewaltiger über mich Herr werdenden Zweifeln das jahrelange Dürsten und Ringen nach Wahrheit ihnen schilderte; sie würden mich verurtheilen, weil ich am Ende des Kampfes zu ihnen sagen muß: ich finde die Wahrheit nicht bei Euch. Ich bin ja bereits auch verdammt. Ich habe [623] Annetten in ihrem Unglück und Schmerz nicht verlassen; sie selbst litt es nicht, und ich, hätte ich es gekonnt? Mein Pfarrer hat mir darauf hin erklärt, er habe über meinen Fall an unsere gemeinsamen Vorgesetzten berichtet; ich werde in den nächsten Tagen eine Vorladung vor das geistliche Gericht erhalten, und eine schimpfliche Ausstoßung, die mir aber alle Pflichten meines Gebundenseins läßt, wird im gelindesten Falle meine Strafe sein!“

Graf Ulrich wußte nicht, was antworten auf diesen Ausbruch einer Klage, die nur zu begründet schien. Er sann lange fruchtlos, ob es denn gar kein Heil und keinen Ausweg in dieser erschütternden Lage des jungen Mannes gebe, bis seine Aufmerksamkeit durch das Erscheinen Joseph’s abgezogen ward. Joseph kam über die Terrasse daher, um ihm ein großes Schreiben mit einem Dienstsiegel darauf zu überbringen.

Graf Ulrich riß es hastig auf; als er es gelesen, flog ein Ausdruck der Befriedigung und Freude über seine Züge. Er stand auf und schüttelte stumm Heinrich die Hand – er war offenbar plötzlich von ganz anderen Gedanken eingenommen, als von der Angelegenheit des armen jungen Mannes. Er ging in’s Schloß und begab sich in die Wohnung Melusinens. Der Vicomte war nicht da; nachdem die ersten Erschütterungen an der Seele des alten Herrn vorübergezogen, hatte sich dieser wieder mit Eifer auf seine Studien in der Bibliothek geworfen, um so emsiger, als die Stunden, worin er diese Schätze ausbeuten konnte, nun für ihn gezählt waren.

Statt des Vicomte aber war Annette bei Melusine.

Ulrich reichte dieser das Schreiben, welches er erhalten hatte.

„Ich komme, Ihnen eine gute Nachricht mitzutheilen,“ sagte er bewegt und Melusine anblickend, als ob er gespannt durchschauen wolle, welcher Art das Gefühl sei, womit das junge Mädchen seine Versicherung, daß er eine gute Nachricht bringe, aufnehme … „ich habe mich,“ fuhr er fort, „an meine Verwandten in Oesterreich gewendet, um mir den Wiedereintritt in’s Heer zu ermöglichen – das ist nicht geglückt; ich muß die Jahre, die ich diente, und meine Rittmeistercharge vergessen, aber es steht mir frei, von Neuem wieder zu beginnen; man sendet mir ein vom Inhaber des Regiments De Lacy-Infanterie ausgestelltes Fahnenjunker-Patent; falls mir das genügt, habe ich nur meinen Namen hineinzuschreiben und meinen eigenen Anstrengungen ist es dann überlassen, recht bald in dem nächsten Kriege, der nicht lange auf sich warten lassen wird, den ja der corsische Brigant schon jetzt droht, das und mehr zu werden, als ich war …“

„Und Sie werden Ihren Namen in dies Papier einzeichnen, Graf Ulrich?“ fragte Melusine tonlos.

„Gewiß werde ich es. Hab’ ich doch nun eine Stellung, wenn auch nur eine sehr bescheidene, wieder – eine Heimath, das Regiment – eine Zukunft, das Schlachtfeld – eine Stelle, wo ich mein Haupt niederlegen kann, das Strohbündel am Beiwachtfeuer – Alles, was ein Soldat bedarf!“

Graf Ulrich rief das aus, ganz in seiner alten übermüthigen Weise, aber durch diesen Uebermuth zitterte etwas im Tone seiner Stimme, das Melusine jetzt heraushörte – hatte es früher, wenn seine übermüthigen Reden sie aufbrachten, nicht darin gelegen, oder hatte sie es nicht herauszuhören verstanden?

„Wenn Sie es so auffassen,“ erwiderte sie zu Boden blickend, „als eine freudige Wendung Ihres Schicksals, dann, dann wünsche ich Ihnen theilnehmend Glück.“

„Sie sagen das, als ob Sie es anders auffaßten,“ entgegnete Ulrich zögernd. „Was könnte ich vom Augenblick Besseres erwarten, welche freudigere Wendung meines Schicksals verlangen? Sagen Sie es mir, Melusine, wenn Sie es wissen. Gäb’ es eine andre Hoffnung für mich, als dies zu erreichen?“

„Sie mögen Recht haben!“ versetzte sie kurz, kalt und fast hart.

„Und so muß ich scheiden,“ fuhr Ulrich nach einer Pause mit verdüsterter Miene fort, „scheiden mit der Sorge um Ihr Loos und um das unserer Freundin Annette. Ich muß Ihnen überlassen, ihr mit treuem Rathe beizustehen, sie abzuhalten von einem sehr, sehr unbesonnenen Anschlag, den ihr eigensinniger kleiner Kopf ausgegrübelt hat, und ...“

„Mein eigensinniger kleiner Kopf!“ fiel hier Annette, die verwundert von dem Einen zum Andern geblickt hatte, ein, „es ist zum Erstaunen, Ihr Beide steht wie die starren Bildsäulen des Eigensinns und des Hochmuths da, und redet von meinem eigensinnigen Kopf! Dankt Gott, daß er da ist mit seinem thörichten Eigensinn, Euch und Eure harten Herzen, die sich nun einmal durchaus nicht überwunden geben wollen, zu bekehren! Wahrhaftig, es ist gut! Was den unbesonnenen Anschlag angeht, den ich mir ausgegrübelt haben soll, Graf Ulrich, so ist es nicht nöthig, daß Sie sich irgend noch eine Sorge darum machen. Ich habe längst einen bessern –“

„Und welchen haben Sie, Annette?“ fragte Graf Ulrich, „und was wollen Sie mit dem Papier da machen?“ setzte er hastig hinzu, den Arm nach dem Patente ausstreckend, als er wahrnahm, daß Annette dieses mit einem raschen Griff vom Tische, wohin er es gelegt, an sich nahm. „Sie werden es nicht etwa zerreißen wollen ...“

„Nein, gewiß nicht!“ sagte sie, breitete es vor sich aus und mit dem linken erhobenen Arme sich wider Ulrich schützend, mit der Rechten eine Feder von Melusinens Schreibgeräth ergreifend, schrieb sie mit fester großer Schrift langsam den Namen Heinrich’s hinein. „So!“ sagte sie dann. „Nun ist Alles gut! Maurach braucht nun kein Spital zu werden. Es wäre schade drum gewesen. Heinrich braucht nur ein rechtschaffener wackerer Soldat zu werden, und das ist gewiß kein Schade. Es ist Alles gut sodann. Niemand wird ihm, wenn er in sein Regiment tritt, ansehen, daß der Rock, den er einige Jahre lang trug, schwarz und überflüssig lang war. Und wenn er heimkehrt mit einer hübschen Narbe über der Stirn, einem hübschen Kreuz auf der Brust, und hübschen Epauletten auf der Schulter, dann wird Niemand was dawider haben, daß ein tapferer Mann ein treues deutsches Mädchen zu dem Bürgermeister führt, damit der ein christlich rechtschaffenes Ehepaar daraus mache. Hab’ ich Recht oder hab’ ich’s nicht? Wozu sollen die Freiheit und das neue Gesetz den Menschen dienen, wenn Niemand den Muth hat, sie zu gebrauchen? Ich sage das neue Gesetz – mir hat es Maurach gegeben, und nun will ich ihm dankbar sein, und ihm Proselyten machen – zuerst Heinrich!“

Melusine hatte ihr mit stummem Staunen zugehört.

„Annette,“ rief sie jetzt aus, „und Sie glauben, zu dem Allen werde Heinrich bereit sein? Thörichtes Kind –“

„Ich bin kein Kind,“ fiel Annette ihr in die Rede, „und die Thorheit ist auf Eurer Seite; ob Heinrich bereit sei, meinen Willen zu thun, macht mir weit weniger Sorge, als Euch zu zwingen, ihn zu thun – und doch werde ich nicht eher Euch Frieden geben!“

„Aber das ist ja entsetzlich ruchlos, verbrecherisch, so etwas auch nur zu denken,“ rief Melusine noch immer im äußersten Erstaunen aus, „das ist ja ebenso unerhört als unmöglich!“

„Weshalb verbrecherisch?“ fiel Graf Ulrich ein, „es läuft nur schnurstracks wider gewisse Vorstellungen an, von denen Sie ausgehen, Melusine; aber es folgt mit logischer Folgerichtigkeit aus den Vorstellungen, welche Fräulein Annette sich macht, und dazu scheint zu gehören, daß ihre und Heinrich’s Liebe etwas Höheres und Heiligeres sind, als alte verrottete Gesetze, die eine Theologie geschrieben hat, welche für die Menschen von heute nicht mehr paßt. Ich bewundere diese muthige Thurmschwalbe mit ihrem frischen Muthe. Millionen Menschen denken wie sie. Von allen Dächern hört man seit einem halben Jahrhundert dieselbe Theorie predigen; die Revolution hat sie über die Welt verbreitet, die große Lehre der Befreiung für den Einzelnen, daß das rein menschliche Gefühl starker und wahrhafter Naturen höher gelte, als das inhumane Gesetz einer veralteten Weltordnung. Und doch, wie Wenige wagen es, diesem Gesetz zu trotzen! Wie Wenige wagen, ihr inneres Recht wider das äußere geltend zu machen! Es ist unerhört, sagen Sie. Freilich – leider! Und darum bewundere ich unserer Freundin frischen Muth – sie hat nicht darüber nachgegrübelt, sie hat sich um die Theorie der Sache gewiß sehr wenig gekümmert, sie hat nur die beneidenswerthe gedankenlose Entschlossenheit, einem starken Gefühl sofort auch die starke That folgen zu lassen!“

„Aber,“ rief Melusine aus, „wenn auch Alles richtig wäre, was Sie sagen, und was ich weit entfernt bin, Ihnen einzuräumen – denken Sie an die Folgen eines solche Schrittes! Die Welt wird …“

„Die Welt wird weder Heinrich noch Annetten etwas anhaben können,“ unterbrach sie Graf Ulrich. „Die Besitzerin von Maurach, wenn sie einen tapfern Officier, der aus dem Felde heimkehrt, heirathet, wird just so viele Gesichter, die ihr unterwürfig lächeln, so viele Rücken, die sich vor ihr bücken, finden, als wenn sie einen beliebigen benachbarten Junker heirathete. Die Welt! Sie muß [624] freilich lästern, wie sie essen und trinken muß; wenn sie aber alle die, welche sie verlästert, meiden wollte, müßte sich Jeder wie ein Einsiedler in eine Zelle sperren. So wird man auch unsere Thurmschwalbe und Heinrich lästern; sie hat, um darüber sich hinwegzusetzen, ihre Flügel, und Heinrich das Bewußtsein, daß größere Männer als er, von den Reformatoren, von Luther, Calvin und Zwingli bis auf Schneider, Feßler, Chabot und wie sie alle heißen, diese Hunderte freier Denker, Gelübde brachen, die sie in Unfreiheit und Ignoranz geleistet hatten!“

Annette hatte ihm sehr aufmerksam zugehört.

„Das ist eine sehr schöne Schutzrede, die Sie da für mich halten,“ sagte sie jetzt leise und still die Hände faltend. „Aber seltsam, nun ich sie angehört, bin ich plötzlich ängstlich geworden, und mir ist, als müßt’ ich’s erst zehn Mal überlegen und erwägen … ach, ich bin gar nicht so muthig, wie Sie glauben – Muth war’s nicht, nein, nein, vielmehr Angst und Noth, was mich so blind treibt, nun, da ich alles Andere in der Welt verloren, Heinrich festzuhalten, damit ich nicht, wenn auch er von mir gerissen würde, sterben müßte!“

In den Augen der Thurmschwalbe lag, während sie diese letzten Worte aussprach, eine volle Bestätigung der Angst und Noth – sie blickten ihr, wie plötzlich wieder erwacht, unverkennbar aus allen Zügen.

„Seien Sie nicht thöricht, Annette,“ rief Graf Ulrich aus, „und weichen Sie nicht zurück vor dem, was Sie gethan. Ich fühle, daß es das Beste ist, das einzig Mögliche, wie Ihnen und Heinrich zu helfen, und deshalb gebe ich Ihnen ja mit Freuden auch mein Eigenthum hin …“

„Zurückweichen?!“ sagte Annette. „Nein, nein, nein, ich will, ich kann es nicht,“ fügte sie tief aufathmend hinzu, „auch wenn ich wüßte, daß wir untergehen würden dadurch für immer – ich könnte es nicht!“

„Rufen wir Heinrich herbei,“ sagte Graf Ulrich sich erhebend.

„Ja, holen Sie ihn,“ fiel Annette ein, und dann ihre ganze Sicherheit wiedergewinnend, rief sie aus: „Aber vorher will ich noch einmal Ihr Lob gewinnen, daß ich ein starkes Gefühl und eine starke That zusammenzubringen weiß. Geben Sie mir Ihre Hand, Graf Ulrich – Sie sind die starke That, und kämen ohne mich doch nicht zum Handeln; und Sie, Melusine, auch Ihre Hand will ich – Sie sind das starke Gefühl, und ohne mich käm’ es doch nie über Ihre Lippen, Ihr Gefühl; ich seh’ es ja! Also muß ich schon für Sie handeln, Graf Ulrich, und für Sie reden, Melusine!“ Sie hatte dabei Beider Hände in einander gelegt, und heiter, fast schelmisch lächelnd wieder zu ihnen aufschauend, sagte sie plötzlich rasch: „Doch nein, zu reden brauch’ ich nicht; ich seh’, daß Eure Blicke das übernommen haben, und was sie sagen, bedarf keines Dolmetsch! Ihr bleibt bei mir, nicht wahr?“

„Wir bleiben, kleine herrische Gräfin von Maurach,“ antwortete Graf Ulrich, „Melusine ist nicht weniger gehorsam als ich – sagen Sie ein Wort, Melusine, daß Sie ’s sind! O, sagen Sie es!“

„Ist es nicht zu thöricht,“ versetzte Melusine tief erröthend, „bei Leuten die – Gelübde so leicht nehmen?“

„Und könnten Sie mich zwingen wollen, unserer Freundin ganzen Plan, ihr einziges Heilmittel zu nichte zu machen, indem ich das Papier dort wieder an mich nehme und selbst als Soldat in die Welt ziehe, ein enterbter, verzweiflungsvoller Mensch?“

„Nein, nein,“ sagte Melusine rasch, „wie dürft’ ich das! Es wäre ja auch eine Gewissenssache – Sie haben als Soldat in der Welt schon Unheil genug angerichtet, Sie sollen von nun an Niemand mehr tödten, als höchstens eine arme Frau, wenn sie sähe, daß Sie sie nicht mehr liebten!“

Annette sah, froh und triumphirend, daß sie durchgesetzt hatte, was ihr „eigensinniger kleiner Kopf“ gewollt, und sie war im nächsten Augenblick verschwunden, um Heinrich aufzusuchen. Daß sie mit ihrem Willen auch bei ihm durchgedrungen, bewies am besten, daß einige Tage nachher die Einwohner des Dorfes von einem abermaligen Verschwinden des jungen Geistlichen zu erzählen hatten, bis diese merkwürdige Thatsache, welche nie eine genügende Aufklärung für sie erhielt, nach Jahren in ihrem Gedächtnisse aufgefrischt wurde – als sich in Folge von Reden des Pastor Lohoff ein Gerücht verbreitete, ein im Schlosse Maurach aufgetauchter österreichischer Hauptmann, der bei Hohenlinden verwundet worden und der einen Arm in einer schwarzen Binde trug, sei Niemand anders als der Verschwundene. Dies Gerücht gewann, obwohl die Dienerschaft von Haus Maurach es leugnete und der Hauptmann einen andern Namen trug, doch täglich an Stärke, bis eines Tages der Name des Hauptmanns und der Annettens an dem schwarzen Brett vor der Mairie, an welches die Heirathsankündigungen angeschlagen wurden, zu lesen stand, worauf es, statt frisch aufzuleben, in bewunderungswürdiger Schnelligkeit gänzlich erstarb. Es war eben Niemand in der Gemeinde, der der von Allen geliebten, gegen Alle freundlichen und immer hülfbereiten „Gräfin Thurmschwalbe“ hätte etwas Uebles nachsagen mögen, wenn dafür kein besserer Gewährsmann da war, als der Pastor Demeritus Lohoff.



Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: ibm