Die Versteigerung der philosophischen Orden

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Autor: Lukian von Samosata
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Titel: Die Versteigerung der philosophischen Orden
Untertitel:
aus: Lucian’s Werke, übersetzt von August Friedrich Pauly, Drittes Bändchen, Seite 340–366
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum: 2. Jahrhundert
Erscheinungsdatum: 1827
Verlag: J. B. Metzler
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Erscheinungsort: Stuttgart
Übersetzer: August Friedrich Pauly
Originaltitel: Βίων πρᾶσις
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
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Kurzbeschreibung:
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[340]

Die Versteigerung der philosophischen Orden.
Jupiter. Merkur. Die Repräsentanten der philosophischen Orden: Pythagoras, Diogenes, Demokrit, Heraklit, Sokrates, Chrysipp und Pyrrho (unter dem Sclavennamen Pyrrhias) als Sclaven. Verschiedene Käufer.

1. Jupiter [zu ein Paar Bedienten]. Frisch, ihr Bursche! Aufgeräumt, die Sitze zurecht gestellt, damit Platz [341] ist für die Ankommenden! – Nun die Orden herbeigeführt, und der Reihe nach aufgestellt! Aber putzt mir sie auch vorher heraus, damit sie sich vortheilhaft ausnehmen, und recht viele Liebhaber herbeiziehen! – Du, Merkur, lade nun mittelst öffentlichen Ausrufs die Käufer ein, bei der Verkaufsverhandlung sich einzufinden. Wir bieten nämlich zum Verkaufe aus: „Philosophische Orden aller Gattung und von allerhand Regeln. Sollte es dem einen oder andern der Käufer im Augenblick nicht gelegen seyn, baare Bezahlung zu leisten, so geben wir Credit auf Jahresfrist, gegen Stellung eines Bürgen.“ – –

Merkur. Es kommen schon Viele herbei. – Wir wollen nun ungesäumt anfangen, damit die Leute nicht aufgehalten werden.

Jupiter. So schreiten wir denn zum Verkaufe!

2. Merkur. Welchen sollen wir zuerst vorführen?

Jupiter. Den Ionier da, mit den langen Haaren; der Mensch hat etwas Ehrwürdiges in seinem Wesen.

Merkur. He, Pythagoräer, komm herab, laß dich von dieser Versammlung beschauen.

Jupiter. Biete ihn aus, Merkur!

Merkur. Ein vortrefflicher Orden, der ehrwürdigste von allen! Wer hat Lust? Wer will mehr seyn, als ein Mensch? Wer will die Harmonie des All kennen lernen? Wer nach dem Tode wieder lebendig werden?

Ein Käufer. Sein Aeußeres ist eben nicht gemein. Was versteht er denn?

[342] Merkur. Arithmetik, Astronomie, Geometrie, Musik; er versteht sich auf’s Zaubern und Wunderthun, und ist ein perfekter Wahrsager.

Käufer. Ist es erlaubt, ihn selbst ein wenig zu fragen?

Merkur. So viel du willst.

3. Käufer. Was für ein Landsmann?

Pythagoras. Ein Samier.

Käufer. Wo bist du erzogen worden?

Pythagoras. In Egypten, bei den dortigen Weisen.

Käufer. Sag’ an, was wirst du mich lehren, wenn ich dich kaufe?

Pythagoras. Lehren werde ich dich nichts, nur dich wieder erinnern.

Käufer. Wie soll das zugehen?

Pythagoras. Erst werde ich dir die Seele reinigen, und allen Schmutz, der ihr anhängt, abwaschen.

Käufer. Stelle dir einmal vor, ich wäre schon ausgereinigt; gieb mir nun eine Probe deiner Wiedererinnerungs-Methode.

Pythagoras. Vorher mußt du dich lange Zeit ganz ruhig verhalten, und fünf Jahre hindurch kein Wort reden.

Käufer. Schön Dank, mein Freund: da solltest du des Crösus Sohn[1] in die Lehre nehmen. Ich brauche gern meine Zunge; eine Bildsäule mag ich nicht aus mir machen lassen. Was geschieht aber nach Ablauf der fünf Jahre des Stillschweigens?

[343] Pythagoras. Dann wirst du in die Tonkunst und Geometrie eingeübt.

Käufer. Allerliebst! Erst wird man ein Musikant, hernach ein Philosoph.

4. Pythagoras. Nach diesem mußt du zählen lernen.

Käufer. Zählen? Das kann ich ja schon.

Pythagoras. Wie zählst du denn?

Käufer. Eins, zwei, drei, vier – –

Pythagoras. Siehst du, was du für viere hältst, ist zehn[2], und ein vollkommenes Dreieck, und unser Schwur.

Käufer. Nun, bei der großen Viere! Geheimnißvollere und göttlichere Dinge sind mir mein Tage nicht zu Ohren gekommen.

Pythagoras. Hierauf sollst du über die Erde, die Luft, das Wasser und das Feuer, ihre Kräfte, Bewegung und Figur unterrichtet werden.

Käufer. Wie? das Feuer, die Luft, das Wasser hätten eine Figur?

Pythagoras. Augenscheinlich; sie haben ja Bewegung, welche bei gestalt- und formlosen Dingen nicht Statt findet. Auch wirst du lernen, daß die Gottheit eine Zahl und Harmonie ist.

Käufer. Wunder über Wunder!

[344] 5. Pythagoras. Außerdem wirst du erfahren, daß du, der nur Einer zu seyn scheint, eigentlich gedoppelt bist. Der Eine erscheinst du, der Andere bist du.

Käufer. Was sagst du? Ich bin ein Anderer, und nicht eben der, welcher in diesem Augenblicke mit dir spricht?

Pythagoras. Jetzt zwar bist du dieser: aber ehemals erschienst du in einem andern Leibe und unter einem anderen Namen. Seiner Zeit wirst du abermal in einen andern Körper übergehen.

Käufer. Du behauptest also, ich werde unsterblich seyn, und in vielerlei Gestalten verwandelt werden? –

6. Doch genug hievon. Sage mir, was ist deine gewöhnliche Kost?

Pythagoras. Thierische Nahrung genieße ich nicht: sonst esse ich alles, nur keine Bohnen.

Käufer. Warum denn letztere nicht? Hast du einen Abscheu davor?

Pythagoras. Das nicht: aber sie sind heilig. Die Bohne ist eine Frucht von wunderbarer Natur: für’s Erste ist sie lauter Saame; zweitens stellt sie, wenn man ihr, so lange sie noch grün ist, die Haut abzieht, das Bild der männlichen Geschlechtstheile dar; ferner werden gekochte Bohnen, wenn man sie eine gewisse Anzahl Nächte im Mondschein stehen läßt, zu Blut; und endlich, was noch das wichtigste ist, besteht zu Athen die gesetzliche Sitte, bei der Wahl der obrigkeitlichen Personen mit Bohnen zu stimmen.

Käufer. Vortrefflich! Mit welcher Weihe der Mann spricht! – Nun aber entkleide dich, ich muß dich auch nackt [345] sehen.[3] – Hilf Hercules! er hat einen goldenen Schenkel![4] Der ist offenbar mehr als ein bloßer Mensch: ich muß ihn haben: wie hoch hältst du ihn?

Merkur. Zu zehen Minen.

Käufer. Um das ist er mein.

Jupiter. Zeichne Namen und Wohnort des Käufers auf.

Merkur. Er ist, wie ich glaube, aus dem italischen Griechenland, und zwar aus der Gegend von Croton und Tarent. Aber er ist nicht allein, es sind ihrer an dreihundert, die ihn gemeinschaftlich erstanden haben.

Jupiter. Sie mögen ihn hinnehmen. – Nun einen Andern vorgeführt!

7. Merkur. Etwa den schmutzigen Kerl dort aus dem Pontus?

Jupiter. Immerhin.

Merkur. Nun herbei, du mit dem Ranzen und den nackten Schultern, gehe rings um die Anwesenden herum. – Hier ist zu kaufen ein tapferer Mann, ein vortrefflicher, edler, freier Mann! Wer ist Liebhaber?

Käufer. Was rufst du da aus? Einen freien Mann?

Merkur. Allerdings.

Käufer. Besorgst du denn nicht, von ihm des Menschenraubs angeklagt, oder vor den Areopag geladen zu werden?

Merkur. Der macht sich nichts daraus, wenn er verkauft wird: er glaubt allenthalben frei zu seyn.

[346] Käufer. Wozu wäre denn der schmutzige Kerl, der nicht einmal im Kopfe richtig zu seyn scheint, zu gebrauchen? Höchstens könnte man einen Gräber oder Wasserträger aus ihm machen.

Merkur. Nicht blos das: du kannst ihn auch als Thürhüter anstellen, und wirst finden, daß er dir so treu, als der beste Hund dient; in der That führt er auch den Namen, der Hund.

Käufer. Wo ist er her, und was ist seine Handthierung?

Merkur. Das Beste ist, du fragst ihn selbst.

Käufer. Ich fürchte sein finsteres und trutziges Wesen, und besorge, er möchte mich anbellen, oder gar beißen, wenn ich ihm zu nahe komme. Siehst du nicht, wie er seinen Knittel aufhebt, die Augenbrauen zusammenzieht, und so grimmig drohend um sich blickt?

Merkur. Fürchte nichts, er ist zahm.

8. Käufer. Nun, guter Freund, wo bist denn du zu Hause?

Diogenes. Ueberall.

Käufer. Wie habe ich das zu verstehen?

Diogenes. Du siehst in mir einen Weltbürger.

Käufer. Wer ist denn dein Vorbild?

Diogenes. Herkules.

Käufer. Dein Prügel sieht einmal seiner Keule ähnlich genug: allein warum trägst du nicht auch ein Löwenfell, wie jener?

Diogenes. Mein Löwenfell ist dieser alte Mantel da. Ich lebe, wie Hercules, im beständigen Kriege mit der Wollust, und mache es mir gleichfalls zum Geschäfte, die Welt [347] von ihren Uebeln zu reinigen, nur mit dem Unterschied, daß ich es freiwillig und nicht, wie Jener, auf eines Andern Geheiß thue.

Käufer. Ein löbliches Bestreben! Aber was verstehst du denn eigentlich, und was ist dein Handwerk?

Diogenes. Ich bin ein Befreier der Menschen, und ein Arzt ihrer Gebrechen: überhaupt aber geht meine Absicht dahin, ein Prediger der Wahrheit und Freimüthigkeit zu seyn.

9. Käufer. Nun denn, mein Prediger, wenn ich dich kaufe, was gedenkest du denn mit mir vorzunehmen?

Diogenes. Vor allen Dingen werde ich dir die Weichlichkeit ausziehen, dich mit der Dürftigkeit zusammensperren, und in einen groben Mantel dich kleiden. Sodann wirst du arbeiten und dich anstrengen müssen, und dabei auf der Erde schlafen, Wasser trinken und mit der nächsten besten Nahrung dich sättigen. Wenn du Geld hast, wirst du es, falls du meinem Rathe folgst, in’s Meer werfen. Um Ehweib, Kinder, Vaterland, bekümmerst du dich nicht; alle Menschendinge gelten dir für Narrenspossen. Du verlässest dein väterliches Haus, und bewohnest ein Grabmal, ein verlassenes Wachthürmchen, oder auch nur eine Tonne. Du trägst einen Ranzen mit Feigbohnen und Pergamentrollen angefüllt, die auf beiden Seiten vollgeschrieben sind. In diesem Zustande wirst du dich für glücklicher erklären, als selbst der Perserkönig. Auch wenn du gepeitscht oder gefoltert werden solltest, so wird es dir nicht schmerzhaft dünken.

Käufer. Was sagst du? Peitschenhiebe nicht schmerzhaft?

[348] Ja, wenn ich das Dach einer Schildkröte, oder den Panzer eines Krebses auf mir liegen hätte.

Diogenes. Du wirst es wenigstens machen, wie es – mit einer kleinen Veränderung – bei Euripides[5] heißt:

Die Seel’ empfindet Schmerz, der Mund weiß nichts davon.

10. Das Hauptsächlichste aber, was du dir aneignen mußt, ist folgendes: Sey recht grob und unverschämt, und schimpfe Könige und gemeine Leute, Einen wie den Andern, in’s Angesicht. Das wird Aller Augen auf dich ziehen und machen, daß man dich allgemein für einen resoluten Kerl hält. Deine Sprache muß rauh, widerlich, holpricht klingen, ungefähr wie Hundegebell: eben so muß dein Gesicht in trutzige Falten gelegt, und dein Gang einem solchen Gesichte angemessen seyn: kurz Alles an dir sey thierisch und wild. Weg mit Schaam, Anstand, Bescheidenheit; und das Erröthen sey von deiner Stirne für immer verbannt. Gehe immer nur den Orten nach, wo die meisten Menschen sind: aber mitten unter diesen sey allein, vermeide alle Berührung mit Andern, gieb weder einem Bekannten noch einem Fremden Gehör, sonst wäre es um deine königliche Unabhängigkeit geschehen. Thue kecklich vor Aller Augen, was Andere auch im Verborgenen zu thun, Anstand nehmen würden. Von den verschiedenen Gattungen des Genusses sinnlicher Liebe wähle die wunderlichste. Und wenn du der Sache ein Ende machen willst, so friß einen rohen Polyp[6] oder einen Meerwurm [349] auf, und stirb. Das ist die Glückseligkeit, die ich dir zusage.

11. Käufer. Geh mir zum Henker! Scheuslichkeiten sind das, deren sich jeder Mensch schämen sollte.

Diogenes. Aber, höre doch, es ist ja so leicht, so mühelos, diese Glückseligkeit zu erreichen. Du bedarfst dazu keines Unterrichts, keines Studiums, keines gelehrten Schnickschnacks, sondern kurz und gerade ist dieser Weg zum Ruhm. Du kannst ein Mensch ohne alle Bildung, ein Gerber, ein Häringskrämer, ein Zimmermann, oder ein Geldmäkler seyn: das soll dich nicht hindern, ein Wundermann zu werden, wenn du nur Unverschämtheit, Frechheit, und die Fertigkeit, brav zu schimpfen, dir erworben haben wirst.

Käufer. Zu solchen Dingen kann ich dich nicht brauchen: aber du könntest einen Ruderknecht, oder einen tüchtigen Arbeiter im Garten abgeben, und dazu will ich dich kaufen; aber das Höchste was ich um dich gebe, sind zwei Obolen. Ist er feil darum?

Merkur. Nimm ihn hin. Wir sind froh, daß wir des lästigen Schreiers los sind: er weiß doch nichts, als den Leuten ohne Unterschied Grobheiten zu sagen.

12. Jupiter. Einen Andern herbei, den Cyrenaiker[7] dort in dem Purpurkleide und mit dem Kranze auf dem Kopf!

Merkur. Jetzt wohl aufgemerkt! Das ist ein kostbares Stück für reiche Herren! Wer hat Lust zu dem angenehmsten und glücklichsten Leben? Wer will sich Genüsse aller Art verschaffen? Wer kauft diesen Wohlleber da?

[350] Käufer. Tritt herzu, und sage, was du verstehst: ich will dich kaufen, wenn du mir zu etwas nütze bist.

Merkur. Laß ihn mit Fragen in Ruhe, mein Bester: du siehst, er ist betrunken und kann mit der Zunge nicht fortkommen: du würdest also doch keine Antwort erhalten.

Käufer. Aber welcher Vernünftige wird einen so verdorbenen und lüderlichen Sclaven kaufen wollen? Nach wie vielen Salben und Essenzen er duftet! Wie kraftlos und unstet sein Gang ist! Was ist denn sonst seine Sache, Merkur? womit giebt er sich ab?

Merkur. Um es kurz zu sagen, er ist ein vortrefflicher Gesellschafter, ein tüchtiger Zechbruder, und versteht es, wie Wenige, einem verliebten Taugenichts in Gesellschaft einer Tänzerin einen lustigen Abend zu verschaffen. Zudem ist er der vollendetste Gutschmecker, der erfahrenste Koch, mit einem Worte: er hat das Wohlleben in ein sinnreiches System gebracht. Seine Bildung genoß er zu Athen: darauf trat er in die Dienste einiger Sicilianischen Fürsten, bei welchen er im größten Ansehen stand. Sein Hauptgrundsatz aber ist: Niemand zu achten, mit Allen umzugehen, und aus allen Dingen den Honig des Vergnügens zu sammeln.

Käufer. Da mußt du dich um einen Käufer umsehen, der das Geld im Ueberfluß hat: ich bin nicht der Mann, mir ein so lockeres Leben zu kaufen.

Merkur. Wie es scheint, werden wir den nicht an den Mann bringen, Jupiter.

13. Jupiter. Auf die Seite mit ihm: laß einen Andern kommen, oder vielmehr zwei auf einmal, den Lacher [351] von Abdéra, und den weinenden Ephesier: diese Beiden will ich mit einander losschlagen.

Merkur. Herbei, ihr Beide! – Nun kommen zum Verkauf: Ein Paar vortrefflicher Charaktere, die Weisesten von Allen!

Käufer. Hilf, Jupiter, welcher Contrast! Der Eine lacht ja unaufhörlich, und der Andere scheint in tiefer Trauer zu seyn; denn er weint an einem fort. Was hast du denn, sonderbarer Kerl? was lachst du so?

Demokritus. Du fragst noch? Weil mir euer ganzes Thun und Treiben, sammt euch selbst, lächerlich vorkommt.

Käufer. Wie? uns lachst du aus? Gelten denn dir alle menschlichen Dinge so viel als nichts?

Demokritus. Nicht anders. Es ist überall nichts Ernstes und Tüchtiges daran. Ein leeres eitles Spiel! Alles ist ungefährer Atomentanz im unendlichen Raume.

Käufer. Du selbst bist mir ein leerer eitler Geselle.[8] Ha! die Unverschämtheit! Wird das Gelächter kein Ende nehmen? –

14. Aber du, mein Guter, mit dir wird sich, denke ich, vernünftiger sprechen lassen: warum weinst du denn?

Heraklitus. O Fremdling, ich finde alle menschlichen Dinge so jämmerlich und beweinenswerth. Alles ist einem zerstörenden Verhängnisse unterworfen. Deßhalb bemitleide und beklage ich die Sterblichen. Wiewohl das Gegenwärtige noch erträglich ist gegen die gräßliche Zukunft, die ihnen bevorsteht: [352] ich meine den großen Weltbrand, der Alles zerstören wird. Das ist meine Klage, daß nichts Festes und Bleibendes ist, sondern Alles wie in einem chaotischen Brei durcheinandergeht; und daß Wonne und Ungemach, Verstand und Unverstand, Großes und Kleines im Grunde ebendasselbe ist. Das Unterste wird zu oberst gekehrt, und das Ganze ist nur ein bunter Wechsel von Erscheinungen im Kinderspiele der Zeit.

Käufer. Was ist denn die Zeit?

Heraklitus. Ein flatterhaftes Kind, das mit Würfeln spielt.

Käufer. Und was sind die Menschen?

Heraklitus. Sterbliche Götter.

Käufer. Und die Götter?

Heraklitus. Unsterbliche Menschen.

Käufer. Du sprichst in Räthseln, mein Bester. Deine Reden sind wahrlich so unklar, als die Sprüche des Orakelgottes.

Heraklitus. Was kümmere ich mich um euch?

Käufer. Darum wird dich auch kein vernünftiger Mensch kaufen wollen.

Heraklitus. Ihr könnt mir Alle zum Henker gehen, Jung und Alt, Käufer und Nichtkäufer.

Käufer. Der Mensch ist offenbar nicht mehr weit von der Tollheit entfernt. Ich werde Keinen von diesen Beiden nehmen.

Merkur. So bleiben also auch diese unverkauft.

Jupiter. Biete einen Andern aus!

15. Merkur. Etwa den maulfertigen Athener dort?

[353] Jupiter. Ganz recht.

Merkur. Herbei du! – Ein guter verständiger Charakter! Heda, wer kauft ihn? Wer will einen ganz heiligen Mann?

Käufer. Wer bist du denn deines Zeichens?

Sokrates. Ich bin ein Knabenliebhaber und kundig der Liebeskunst.

Käufer. Da kann ich dich in meinem Hause nicht brauchen. Mein Sohn, für den ich einen Erzieher suche, ist ein hübscher Junge.

Sokrates. Wie könntest du diesem schönen Jüngling einen bessern Begleiter geben, als eben mich? Ich bin ja nicht in den Leib verliebt, sondern finde nur die Seele schön. Sey versichert, wenn der schönste Junge mit mir unter Einer und derselben Decke geschlafen hat, so wirst du doch aus seinem eigenen Munde hören, daß ich ihm nichts zu Leide that.

Käufer. Ich möchte es doch nicht darauf ankommen lassen. Ein Knabenliebhaber seyn, und nur auf die Seele operiren? Zumal, wenn der Liebling mit ihm unter Einer Decke liegt, und ihm gänzlich zu Gebote steht?

Sokrates. Ich schwöre dir’s bei’m Hund und bei’m Platanusbaum, daß es sich so verhält.

Käufer. Hercules, was für sonderbare Götter!

Sokrates. Wie, du meinst, der Hund wäre kein Gott? Weißt du denn nichts von dem großen Anubis in Aegypten, von dem Sirius am Himmel und dem Cerberus in der Hölle?

[354] 17. Käufer. Du hast Recht; ich habe mich geirrt. Was führst du für eine Lebensart?

Sokrates. Ich lebe in einem von mir selbst geschaffenen Freistaate nach einer ganz eigenen Verfassung und nach meinen eigenen Gesetzen.

Käufer. Ich möchte nur ein einziges dieser Gesetze hören.

Sokrates. Mein wichtigstes handelt von den Weibern, und lautet also: Keine Frau soll Eines Mannes Eigenthum seyn, sondern Jedwedem soll es freistehen, an den Rechten des Letztern Theil zu nehmen.

Käufer. Was ist das? Die Gesetze gegen den Ehebruch wären also aufgehoben?

Sokrates. Allerdings sind sie es, so wie alle dergleichen Pedantereien.

Käufer. Und welche Bestimmung trafst du denn in Beziehung auf die schönen Knaben?

Sokrates. Ein Kuß von einem derselben ist der Ehrenpreis für den Braven, der eine männliche Großthat verrichtete.

18. Käufer. Der Tausend! Was das eine Prämie ist! – Was ist denn das Wesentliche von deiner Philosophie?

Sokrates. Die Ideen, oder die Urbilder der Dinge. Denn von Allem, was du hier siehst, von Himmel, Meer, Erde und den Dingen auf der Erde, bestehen unsichtbare Urbilder ausserhalb des Alls.

Käufer. Wo wären sie also?

Sokrates. Nirgends. Denn wenn sie irgendwo wären, so wären sie nicht.

[355] Käufer. Ich verstehe nicht, was du mit diesen Urbildern da meinst.

Sokrates. Kein Wunder. Du bist blind an den Augen des Geistes. Ich hingegen sehe die Urbilder von dir und mir und allen Gegenständen: mit einem Worte, ich sehe alles doppelt.

Käufer. Du bist ein gelehrter scharfsichtiger Mensch; ich muß dich kaufen. – Wie viel forderst du für ihn?

Merkur. Zwei Talente.

Käufer. Ich nehme ihn darum. Den Betrag werde ich demnächst berichtigen.

Merkur. Wie ist dein Name?

Käufer. Dio aus Syracus.

Merkur. Nehme ihn, ich wünsche Glück. –

19. Nun komm du heran, Epicuräer! Wer hat Lust zu ihm? Er ist ein Schüler des Lachers dort und jenes Betrunkenen, die ich vorhin ausgeboten hatte; aber das hat er vor ihnen voraus, daß er noch um etwas gottloser ist. Uebrigens ist er ein angenehmer Geselle, der gerne was Gutes ißt.

Käufer. Wie hoch kommt er zu stehen?

Merkur. Zwei Minen.

Käufer. Da sind sie. Aber, daß ich’s nicht vergesse, was ißt er denn am liebsten?

Merkur. Süße Sachen, Alles, was nach Honig schmeckt, besonders aber trockene Feigen.

Käufer. Da soll Rath werden: ich will ihm karische Feigenkuchen kaufen, bis er genug hat.

20. Jupiter. Rufe einen Andern; dort den glattgeschornen, sauersichtigen Burschen aus der Stoa.

[356] Merkur. Der kommt eben recht. Gar Viele von denen, die sich bei diesem Verkauf eingestellt haben, scheinen nur auf ihn zu warten. – He! ich verkaufe nun die Tugend selbst, die vollkommensten Lebensmaximen! Wer hat Lust, Alles allein zu wissen?

Käufer. Wie ist denn das zu verstehen?

Merkur. Dieser da ist allein weise, allein schön, allein rechtschaffen, allein tapfer, er ist Herrscher, Redner, reicher Mann, Gesetzgeber, kurz er ist Alles in Allem.

Käufer. Das wäre! Ist er denn auch der einzige Koch, oder gar Gerber, Zimmermann und dergleichen?

Merkur. Das will ich meinen.

21. Käufer. So komm doch näher, du Wundermann, und sage mir, deinem Käufer, wer du bist? Verdrießt dich’s denn nicht, verkauft zu werden und ein Knecht zu seyn?

Chrysippus. Im Geringsten nicht. Dergleichen hängt nicht von uns ab, und was nicht von uns abhängt, ist gleichgültig.

Käufer. Das verstehe ich nun einmal nicht.

Chrysippus. Du weißt also auch nicht, daß von diesen Dingen die einen vorziehlich, die andern nicht vorziehlich sind?

Käufer. Das verstehe ich eben so wenig.

Chrysippus. Ich glaube es gerne: du bist an unsere Ausdrücke nicht gewöhnt, und hast keine erfassende Einbildungskraft. Wer aber unsere logische Theorie tüchtig erlernt hat, weiß nicht nur dieß, sondern weiß auch, was Symbama und Parasymbama ist, und kennt den qualitativen und quantitativen Unterschied derselben.

[357] Käufer. Ich bitte dich bei deiner Weisheit, erkläre mir, was das heißen soll, Symbama, Parasymbama. Ich weiß gar nicht, wie mir wird bei dem Klingklang dieser Worte.

Chrysippus. Ich will es dir gerne erklären. Siehst du, wenn einer einen lahmen Fuß hat, und mit diesem lahmen Fuße an einen Stein stößt und sich beschädigt, so ist seine Lahmheit das Symbama, und der Schaden, den er davon trägt, ist das Parasymbama.

Käufer. Das heißt Scharfsinn! Was weißt du noch mehr?

22. Chrysippus. Ich verstehe Redeschlingen zu machen, in welchen ich die, welche sich mit mir einlassen, so zu fangen, und ihnen den Mund zu verschließen weiß, als ob ich ihnen einen Maulkorb angelegt hätte. Der Name dieses wirksamen Mittels ist der gepriesene Syllogismus.

Käufer. Hercules, was muß das für ein gewaltsames Ding seyn?

Chrysippus. Gieb einmal Acht. Hast du ein Kind?

Käufer. Ja. Warum fragst du?

Chrysippus. Gesetzt, dein Kind befände sich am Ufer eines Flusses, und ein Crocodil stürzte herzu und ergriffe es, verspräche dir aber, dein Kind unter der Bedingung zurückzugeben, daß du errathest, ob es wirklich gesonnen sey, dasselbe zurückzugeben, oder nicht: was würdest du sagen?

Käufer. Eine schwere Frage! Ich weiß wirklich nicht, was ich sagen sollte, um mein Kind wieder zu bekommen. Ich müßte dich um’s Himmels willen bitten, für mich zu antworten, ehe mir die Bestie den Jungen auffräße.

[358] Chrysippus. Geduld: du wirst noch viel wunderbarere Dinge lernen.

Käufer. Und welche denn?

Chrysippus. Den Schnitter, den Herrschenden, vor allen aber die Electra und den Verhüllten.

Käufer. Was sind das für Dinge: der Verhüllte, die Electra?

Chrysippus. Je nun die Electra ist eben jene berühmte Tochter des Agamemnon, die eben dasselbe zu gleicher Zeit wußte und nicht wußte. Denn als ihr Bruder Orestes vor ihr stand, ohne daß sie ihn kannte, wußte sie zwar, daß Orestes ihr Bruder sey, aber daß der, den sie sah, Orestes sey, wußte sie nicht. – Nun sollst du aber auch den wunderwürdigen Syllogismus: der Verhüllte, kennen lernen. Sag’ einmal, kennst du deinen Vater?

Käufer. Hoffentlich.

Chrysippus. Wie aber, wenn ich einen verhüllten Mann vor dich hinführte, und dich fragte: kennst du diesen? Was würdest du sagen?

Käufer. Versteht sich, daß ich ihn nicht kenne.

Chrysippus. Siehst du nun, du kennst deinen eigenen Vater nicht: der Verhüllte war’s.

Käufer. Ja – so! Aber ich brauche ja nur das Tuch wegzuziehen, so weiß ich gleich, woran ich bin. –

23. Was ist denn aber eigentlich das letzte Ziel deiner Weisheit? oder was wirst du thun, wenn du den Gipfel der Tugend erreicht hast?

Chrysippus. Dann werde ich mich um die ersten Naturgüter [359] bemühen,[9] um Reichthum, Gesundheit und dergleichen. Aber ehe man es so weit bringt, ist noch Vieles zu thun. Man muß seine Augen an klein geschriebenen Büchern abstumpfen, muß eine Menge Regeln und Erklärungen zusammen tragen, und den Kopf mit sprachwidrigen Redensarten und wunderlichen Formeln und Ausdrücken anfüllen; und was endlich der Hauptpunkt ist, man kann kein Philosoph werden, wenn man nicht nach einander drei tüchtige Portionen Nießwurztrank zu sich genommen hat.

Käufer. Das ist Alles recht löblich; du hast einen mannhaften Entschluß gefaßt. Aber deinem Aussehen nach zu schließen, hast du etwas von einem Harpax, einem Zinsenmäkler an dir; wie will sich das zu einem Manne schicken, der bereits seine Nießwurz getrunken hat, und in der Tugend schon perfekt seyn soll?

Chrysippus. Im Gegentheile, sein Geld auf Zinsen zu leihen, schickt sich sonst für keinen Andern, als eben für den Philosophen. Denn da Schlüsse zusammen zu rechnen nur allein diesem zukommt, das Berechnen der Interessen aber gleichfalls in dieses Gebiet gehört, so folgt, daß wie jenes, so auch dieses lediglich Sache des Weisen ist. Auch wird er nicht blos, wie die gewöhnlichen Leute thun, einfache und einmalige, sondern Zinsen aus Zinsen nehmen. Du weißt ja, daß es zweierlei Zinsen giebt, erste und zweite, die gleichsam die Kinder der ersten sind. Siehst du, nun [360] geht es nach dem Syllogismus: „wenn der Weise die ersten Zinsen nimmt, so nimmt er auch die zweiten. Nun nimmt er die ersten, also nimmt er auch die zweiten.“

24. Käufer. So wird sich’s wohl auch mit der Bezahlung verhalten, welche du von den jungen Leuten für den Unterricht in der Philosophie bekommst. Es wird natürlich nur dem Weisen zustehen, sich für die Tugend bezahlen zu lassen?

Chrysippus. Ganz richtig. Denn ich nehme die Belohnung nicht um meinetwillen an, sondern dem zu Gefallen, der mir sie giebt. Der Eine ist der ausgießende, der Andere der auffassende. Meinen Schüler übe ich, das erstere, mich selbst, das letztere zu seyn.

Käufer. Du wolltest vermuthlich umgekehrt sagen, der Schüler sey der auffassende, und du – der allein reiche – der ausgießende?

Chrysippus. Du Schalk! wart ich werde dir einen Syllogismus auf den Hals schicken, dem du nicht ausweichen sollst.

Käufer. Und was wird mir der anhaben können?

Chrysippus. Er wird dich in Verlegenheit setzen, zum Schweigen bringen, und machen, daß es dir drehend wird im Kopfe. Ja, vernehme das Aergste: ich darf nur wollen, so bist du im Augenblicke in einen Stein verwandelt.

25. Käufer. Ho ho! in einen Stein! Du siehst mir doch nicht aus wie ein zweiter Perseus,[10] mein Theuerster.

[361] Chrysippus. Höre nur: ein Stein ist ein Körper, nicht wahr?

Käufer. Allerdings.

Chrysippus. Ein belebtes Wesen ist auch ein Körper?

Käufer. Unstreitig.

Chrysippus. Und bist du ein belebtes Wesen?

Käufer. Ich sollt’ es meinen.

Chrysippus. Also bist du ein Stein, weil du ein Körper bist.

Käufer. Ums Himmelswillen, nein! Löse den Zauber, und mache mich wieder zum Menschen.

Chrysippus. Das soll gleich geschehen seyn. Sage mir also, ist jeder Körper ein belebtes Wesen?

Käufer. O nein.

Chrysippus. Ist ein Stein ein belebtes Wesen?

Käufer. Auch nicht.

Chrysippus. Aber du bist ein Körper?

Käufer. Ja.

Chrysippus. Und ein belebtes Wesen, wiewohl du ein Körper bist?

Käufer. Ja wohl.

Chrysippus. Also bist du kein Stein, weil du ein belebtes Wesen bist.

Käufer. Das hast du gut gemacht; denn es war mir schon, als wollten mir, wie einst der Niobe, die Glieder erkalten, und sich allmählig versteinern. Nun gut, ich kaufe dich. Was muß ich um ihn geben, Merkur?

Merkur. Zwölf Minen.

Käufer. Hier sind sie.

[362] Merkur. Hast du ihn für dich allein gekauft?

Käufer. O nein, sondern wir Alle, die du hier siehst, haben ihn zusammen.

Merkur. Eine hübsche Anzahl stämmiger Bursche: für die ist der Schnitter[11] eben recht.

26. Jupiter. Halte dich nicht lange auf: rufe einen Andern.

Merkur. Holla! mein schöner Peripatetiker,[12] an dich kommt die Reihe. – Gebt Acht! Das ist ein reicher, und [363] dabei grundgescheiter Mann. Den müßt ihr kaufen; er weiß Alles, ohne Ausnahme Alles.

Käufer. Was ist sein Character.

Merkur. Er ist ein Mann von geregelten Wesen, billigdenkend, weiß sich in’s Leben zu schicken, und, was das Außerordentlichste, er ist doppelt.

Käufer. Wie so?

Merkur. Ein Anderer erscheint er von außen, ein Anderer ist er von innen. Wenn du ihn also kaufen willst, so vergiß nicht, daß dieser der esoterische, jener der exoterische heißt.

Käufer. Was ist das Hauptsächlichste seiner Ansicht?

Merkur. Daß es dreierlei Güter gebe: solche, die in der Seele, wieder solche, die im Körper, und Güter, die außer diesen beiden ihren Sitz hätten.

Käufer. Das ist nun doch Menschenverstand! Was soll er kosten?

Merkur. Zwanzig Minen.

Käufer. Viel Geld!

Merkur. Gewiß nicht, mein Bester. Er ist selbst nicht ohne Vermögen, wie ich mit Grund vermuthe. Du darfst dich in der That nicht lange besinnen, ihn zu kaufen. Zudem kannst du gar viele hübsche Sachen bei ihm lernen, zum Beispiel: wie lange eine Mücke lebt, wie tief der Sonnenschein in’s Meer eindringt, und was die Austern für eine Seele haben.

Käufer. Herkules, was das subtile Untersuchungen sind!

[364] Merkur. Was würdest du erst sagen, wenn du noch viel merkwürdigere Beweise seines Scharfsinnes hören würdest, was er zum Beispiel über den Saamen und über die Zeugung zu sagen weiß, und wie die Kinder in Mutterleibe formirt werden, und daß der Mensch ein lachendes, der Esel aber ein Thier sey, das nicht lachen, noch auch Häuser bauen und schiffen könne.

Käufer. Das heiße ich einmal eine tiefe, fruchtbare Wissenschaft! Sey’s also, ich kaufe ihn um zwanzig.

27. Merkur. Gut. – Ist noch Einer übrig? Ja, der Zweifler dort. Herbei Pyrrhias,[13] laß dich ausbieten! Tummle dich doch! der Markt fängt an sich zu verlaufen. – He, ist Keiner mehr da der uns diesen vollends abnimmt?

Käufer. Ich vielleicht. Was weißt du denn?

Pyrrhias. Nichts.

Käufer. Wie soll ich das verstehen?

Pyrrhias. Ich zweifle überhaupt, ob Etwas ist.

Käufer. Sind denn wir nicht Etwas?

Pyrrhias. Ich weiß es nicht.

Käufer. Weißt du denn nicht einmal, daß du selbst bist?

Pyrrhias. Das weiß ich noch viel weniger.

Käufer. Was der Mann Zweifel hat! Was willst du denn mit der Wage in der Hand?

Pyrrhias. Ich wäge auf derselben die Gründe für und wider gegen einander ab: und wann ich sehe, daß sie [365] sich ganz genau das Gleichgewicht halten, dann befinde ich mich über die Wahrheit im Zweifelsfalle.

Käufer. Von sonstigen Dingen aber, was verstehst du am ordentlichsten zu verrichten?

Pyrrhias. Ich kann Alles, nur keinen Entlaufenen fangen.

Käufer. Warum nur gerade das nicht?

Pyrrhias. Weil ich nichts erfasse.[14]

Käufer. Ich glaube es wohl; du kommst mir ziemlich langsam und unbeholfen vor. Aber auf was läuft denn am Ende deine Weisheit hinaus?

Pyrrhias. Auf das Nichts wissen, Nichts sehen, und Nichts hören.

Käufer. Also giebst du dich auch sogar für taub und blind aus?

Pyrrhias. Ja, und oben drein bin ich ohne Urtheilskraft, ohne Empfindung, kurz nicht besser als jeder Wurm.

Käufer. Dich muß ich haben. Was soll er gelten?

Merkur. Eine attische Mine.

Käufer. Hier! Nun, Patron, was sagst du dazu, habe ich dich gekauft oder nicht?

Pyrrhias. Das ist nicht gewiß.

Käufer. Gewiß genug: ich habe dich ja gekauft und bezahlt.

Pyrrhias. Ich bin darüber noch zweifelhaft, und werde es näher erwägen.

[366] Käufer. Inzwischen hast du mir zu folgen: du bist mein Sclave, verstehst du?

Pyrrhias. Wer weiß, ob du die Wahrheit sagst?

Käufer. Zeugen genug – der Ausrufer, mein Geld, und alle Anwesenden.

Pyrrhias. Ist denn Jemand da?

Käufer. Bursche, wenn du nicht glauben willst, daß ich dein Herr bin, so sollst du im Mühlgewölbe den Glauben häßlich in die Hände bekommen.

Pyrrhias. Ich bin darüber noch zweifelhaft.

Käufer. Ich habe dir meine Meinung gesagt, und damit genug.

Merkur. Hörst du, mache keine Umstände und folge deinem neuen Herrn! – Ihr Alle seyd übrigens auf morgen wieder eingeladen: da gedenken wir Ungelehrte, Handwerker, und überhaupt gemeine Leute zum Verkauf zu bringen.



  1. d. h. einen Taubstummen.
  2. Denn 4 + 3 + 2 + 1 ist = 10. Das vollkommene (d. h. gleichseitige) Dreieck wird aus diesen Zahlen so gebildet:
  3. Wie das auf dem Sclavenmarkte Sitte war.
  4. Vergl. Todtengespr. XX, 3.
  5. Hippolyt. 622: „Die Zunge sprach den Schwur, er bindet nicht den Geist.“
  6. Wie Diogenes selbst gethan haben soll.
  7. Aristipp.
  8. Das Wortspiel ἀπειρίη (unendlicher Raum) und ἄπειρος (unwissend) mußte aufgeopfert werden.
  9. Die Leseart ist noch ungewiß. Einstweilen wird angenommen: περὶ τὰ πρῶτα τὰ κατὰ φύσιν τότε γενήσομαι.
  10. S. Meergöttergespr. XIV.
  11. „Ein Philosoph sagt zu einem Bauer, der im Begriff ist, sein Korn zu schneiden: ich will dir beweisen, daß du dein Korn nicht schneiden wirst, und was noch mehr, daß es gar nicht möglich ist, daß du es jemals schneidest. – Den Beweis möcht’ ich wohl hören, sagt der Bauer. – So merke auf, spricht der Philosoph: du wirst dein Korn entweder schneiden, oder nicht schneiden, nicht wahr? – Bauer. Eins von beiden, ja! – Philosoph. Im ersten Falle (wenn du schneiden wirst) wirst du also nicht entweder schneiden oder nicht schneiden, sondern du wirst schneiden. – Bauer. Versteht sich. – Philosoph. Im andern Falle (wenn du nicht schneiden wirst) wirst du ebenfalls nicht entweder schneiden oder nicht schneiden, sondern du wirst nicht schneiden. – Bauer. Das ist klar. – Philosoph. Also ist nicht wahr, daß du entweder schneiden, oder nicht schneiden wirst, sondern du kannst gar nicht schneiden. – Der Bauer antwortete nichts, aber er machte es wie Alexander der Große; er gieng auf sein Feld und schnitt sein Korn rein ab: und damit hatte er nun allerdings den Knoten des Philosophen zerschnitten, aber nicht aufgelöst.“ Wieland zum Gastmahl oder den neuen Lapithen, Anm. 15.
  12. Aristoteles.
  13. Sclavenname statt Pyrrho.
  14. Erfassen (καταλαμβάνειν) sagten die Skeptiker von der Erkenntniß einer vollkommenen Gewißheit.