Die Vitallienbrüder

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Textdaten
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Autor: Ernst Deecke
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Titel: Die Vitallienbrüder
Untertitel:
aus: Lübische Geschichten und Sagen, S. 161–166
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1852
Verlag: Carl Boldemann
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Erscheinungsort: Lübeck
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Quelle: Google, Commons
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[161]
84. Die Vitallienbrüder.

Anno 1389 fing Margareta, Königin zu Dänemark, den König Albrecht von Schweden, welcher ein Herzog aus Meklenburg war; und hielt ihn 7 Jahr gefangen. Die Rostocker und Wismarschen aber wollten als getreue Unterthanen ihrem Herrn zu Hülfe kommen, und ließen ausrufen: alle diejenigen, so auf die Dänen rauben und nehmen wollten, die sollten sichern Schutz und Hafen bei ihnen haben. Da that sich ein ungestüm Volk zusammen aus mancher Gegend, von Edelleuten, Bürgern, Amtsleuten und Bauern; und hießen sich Vitallienbrüder, mit Vorgeben, daß sie des Königs Volk mit Vitallien (Lebensmitteln) stärken wollten. Bald waren ihrer so viele, daß die ganze Ostsee unsicher ward; und sie plünderten die alte Stadt Wisby, und nahmen alle Schiffe, nur der [162] Wißmarschen und Rostockischen nicht. Ihre Hauptleute aber waren Claus Störtebeker, Gödke Michaelsen und Wichman Wichelt; verwegene Buben, die man nicht ergriff in 10 Jahren.

Nun fielen etliche von ihnen ein großes Stralsundisches Schiff an und wollten es mit Gewalt nehmen, wiewohl sie hörten und sahen, daß es nicht Dänen sondern Deutsche wären. Aber die von Stralsund wehrten sich, und wurden den Vitallienbrüdern über, und kriegten ihrer etliche hundert gefangen. Da nun so viele Ketten, Stöcke und Helden nicht vorhanden waren, daß man die Schelme alle schließen konnte; ihnen auch kein Glaube zu stellen war, daß sie nicht vielleicht bei nachtschlafender Zeit zu würgen anfingen: so bedachte man eine neue Weise, die man von ihnen selbst gelernt. Man nahm Tonnen, deren das Schiff viele geladen, und schlug in den einen Boden ein Loch so groß, daß ein Hals darin verschlossen werden konnte, steckte dann in jede derselben einen von der saubern Brüderschaft, so daß der Kopf draußen blieb, machte die Tonnen fest zu und stapelte sie auf einander. Man ließ sie auch so lange darin, bis sie gerichtet wurden, und hieb ihnen dann die Köpfe weg.

Der Störtebeker hatte auch einen steinernen Thurm bei Häven nicht weit vom Himmelsdorfer See gebaut; da lauerte er den Lübschen Schiffen auf und hatte bei Nacht eine Leuchte, wie die Travemünder Leuchte, und [163] wenn die Schiffe auf den Strand liefen, plünderte er sie aus; da sollen noch große Schätze vergraben liegen.

Endlich zogen die Lübschen hin und warfen den Thurm nieder, und fingen einen Theil der Seediebe, die henkten sie dort längs dem Ufer, an jedem Baum einen, auf. Auch reideten sie 20 große Orlogsschiffe aus und setzten 4 Rathsherren als Hauptleute darüber. Da verliefen sich die Seeschäumer geschwind, und kamen wider Vermuthen nach Bergen, wo sie alles wegnahmen an Silber und Gold und schönen Kleidern; und hielten ein großes Gelag in der Kirche, und aus den heiligen Gefäßen ließ sich Claus Störtebeker einen großen silbernen Schauer machen von 4 Stübchen: die trank er auf einen Zug.

Als den Lübschen das verkundschaftet wurde, fuhren sie in Hast nach Bergen. Da fielen die Seeschäumer bald auf ihre Schiffe; ein Theil entwich nach Friesland, nahm da vier feste Schlösser ein und that den Flanderschen großen Schaden; ein Theil lief in die hispanische See und that auch manchem Kaufmann weh; ein Theil an 400, segelten nach Reußland in die Newa, da thaten sie allzu großen Raub. Endlich wollten sie, weil sie die Lübschen fürchteten, einen andern Weg zurückziehn, verbiesterten aber im Meer und kamen zu undeutschen Leuten, die sie nicht verstehn konnten; und schlugen derer viele todt und nahmen ihnen ihre Speise und ihr Vieh, [164] womit sie sich nährten. Danach segelten sie fort, und kamen unter das heilige Land zu den Bergen in Caspien, wo sie unmäßig viel Volks sahen; und meinten, es wären die rothen Juden. Der schlugen sie eine Menge todt, aber sie durften nicht ans Ufer gehn, denn es waren derselben zu viele. Nicht fern auch von dieser Gegend fanden sie Volk, das um und um mit Haaren bewachsen war. So lange segelten sie fort um die Welt, bis sie einen deutschen Mann fanden, welcher vordem weggeführt war; der wies ihnen die Wege nach der Sonne. So kam die Hälfte wieder zu Lande nach Jahreszeit; die andern waren verkommen in Streit und in Hunger.

Da nun die Schiffahrt auf der Ostersee eine Zeitlang friedsam gewesen, haben die Lübschen ihre Friedeschiffe wieder nach Haus laufen lassen. Alsbald hat Herzog Barnim von Wolgast die losen Leute zu sich genommen, und ist mit einigen stattlichen Schiffen in die See gelaufen, unter Vorgeben, als wäre seine Meinung, nur etwas spazieren zu fahren. Aber er ist in den Öresund gelaufen, und hat die Kaufmannsschiffe beraubt und etliche gar hinweggenommen. Wie er nun die herrliche Beute geholt, wollte er damit nach Hause; aber da begegneten ihm der Lübschen Schiffe, die nach Bergen fuhren; die gingen mit vollen Segeln auf ihn los, fanden jedoch nur schlechten Widerstand. Beinah alle seine Schiffe wurden genommen; die Leute verwundet, erschlagen und ins Meer [165] gestürzt. Eins derselben, worauf 80 Mann, mehrentheils vom Adel, jagten die Lübschen nach Dänemark auf den Strand; die ließ die Königin gefangen nehmen und ihnen die Köpfe herunterschlagen. Der Fürst entwischte zwar und kam mit großer Noth anheim; doch hat er Seefahren gelernt.

Endlich 1402 rüsteten die Hamburger eine große Armada wider die Vitallienbrüder aus, welche die See sollte rein halten. Darunter war ein Schiff, die bunte Kuh genannt; das traf in der spanischen See eine Menge Freibeuter an, wo es sich tapfer herumschlug, bis es ihnen über ward. Da bekamen die Hamburger den Gödke Michaelsen mit 80 seiner Gesellen, und großes Gut an Gold, Silber, Kupfer und Seidengewand. Störtebeker aber hatte sich verlaufen und kam auf die Elbe; da legte ein Fischer bei ihm an, der sein alter Gesell gewesen war, und bat um Feuer, daß er sich Essen kochen möchte. In der Nacht aber, da sie meinten, er koche, goß er ihnen mit Blei das Steuer fest, und machte sich auf nach Hamburg und sagte es den Herren des Raths.

Alsobald liefen drei Friedeschiffe aus, und fielen morgens früh auf die Seediebe, erschlugen ihrer 40 und nahmen an 70 gefangen, darunter den Hauptmann Claus Störtebeker und Wichman Wichelt. Und da auch die bunte Kuh zurückkam, wurden die losen Buben mit Bewilligung der andern Städte um eine Spanne [166] kürzer gemacht, und ihre Köpfe seewärts auf Pfähle gesteckt.

Die Hamburger befanden aber den einen Mast auf Störtebekers Schiff von lauterem Gold, den andern von Silber, den dritten von Kupfer. Damit haben sie ihre Kirchen decken lassen. Störtebekers silbernen Schauer endlich hat das Fischeramt, dazu der Gesell gehörte, der ihn verrathen, zum Gedächtniß erhalten.

Bemerkungen

[393] (Zum Theil noch mündlich.)