Die Wasserleitung in Newyork

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Textdaten
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Autor: Th. Gr.
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Titel: Die Wasserleitung in Newyork
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 7, S. 106-109
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1858
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Die Wasserleitung in Newyork.

Die Menschen der Neuzeit lieben es, auf die Vergangenheit hinzuweisen, als die Erzeugerin alles Großartigen, mit welcher die jetzige Welt nicht in Concurrenz treten könne. So geschieht wenigstens immer, wenn von Bauten die Rede ist, und hier gelten hauptsächlich die Römer als ein Muster, das gar nicht übertroffen werden könne. In der That, sie haben auch Großartiges geleistet und die Ruinen ihrer Werke weisen auf eine Entfaltung von Kräften, auf einen Aufwand von Geld hin, worin neuere Völker es selten ihnen werden gleichthun können. Daß es aber doch möglich ist, das hat die Stadt Newyork durch ihre Wasserleitung bewiesen.

Es ist ein immenses Werk.

Etwa siebzig Meilen oberhalb der Stadt Newyork, mir wenige Stunden vom Hudson entfernt, da wo Westchestercounty aufhört, in einer von Anhöhen durchschnittenen Gegend, entspringen dem felsigen Boden einige mächtige Quellen, die sich nach kurzem Laufe einigen und früher als nicht unbedeutender Bach dem Hudson zuflossen, um sich nach einem kurzen Laufe mit diesem zu vereinigen. Dieser Bach fließt Sommer und Winter fast gleich stark und sein Wasserquantum ist so mächtig, daß er einen Kessel von 1000 Fuß Durchmesser und 10 Fuß Höhe in weniger als einer Stunde bis obenauf füllen würde. Auch süß ist das Wasser und fast chemisch rein, so daß es wegen seiner Weichheit zu jeglichem Zwecke verwendet werden kann. Diesen Bach, diesen kleinen Fluß hat die Stadt Newyork gefaßt und bis nach Newyork geführt, und dieser Fluß ist es, der jetzt die ganze Stadt mit einer Einwohnerzahl von 800,000 Menschen, die ganze Stadt mit all’ ihren Fabriken und Werkstätten mit Wasser versieht und – in Hülle und Fülle versieht!

Es war ein riesenhaftes Werk! Und doch war es in wenigen Jahren vollendet! Es war ein Werk, das Millionen und nochmals Millionen kostete und doch leistete Alles die einzige Stadt Newyork. Siebzig Meilen weit über Berg und Thäler, über Flüsse und Ströme, über Felsen und Moräste ward der Fluß in seinen riesenhaften Teicheln geführt, und trotz alle dem, – so fest ist der Unterbau, so gut ist das Material der Teichel, so meisterhaft ist Alles geleitet, daß nur selten, beinahe gar nicht ein Ausbruch des Wassers stattfindet oder überhaupt nur eine Reparatur nöthig ist! – Die alten römischen Wasserleitungen sind heute noch in ihren Trümmern ein Gegenstand der Bewunderung, und doch dürfte die Frage entstehen, wo Größeres geleistet wurde, in Rom oder Newyork! Jedenfalls ist die Highbridge über den Harlemfluß, [107] sind die zwei großen Wasserbehälter oder Reservoirs, von denen der eine so groß ist, daß man eine gute Viertelstunde braucht, ihn zu umgehen, – Denkmäler der Baukunst, die sich mit jedem anderen messen können. Und Hunderte von Carossen und leichten Wägelchen fahren täglich nach der (etwa 10 Meilen von dem Rathhause in Newyork entfernten) Highbridge, d. i. der hohen Brücke, über welche die ganze Wassermasse in fünf Teicheln geführt ist, und weiden sich nicht blos an der Pracht der Aussicht von diesem hohen Standpunkte aus, sondern auch an der Kühnheit des Baumeisters, der den schiffbaren Harlemfluß mit einem Bogen von einem Ufer zum andern überspannte! Und Tausende wallfahrten zum großen Reservoir zwischen der 99. und 100. Straße und noch mehr zum kleinen Reservoir an der 44. und 45. Straße und staunen über diese Ringmauern, welche so stark sind, daß sie den Druck einer solchen immensen Wassermasse aushalten!

Doch, lieber Leser, ich will Dich nicht mit der Beschreibung der Newyorker Wasserleitung ermüden; ich will Dir nicht hererzählen, wie viele Millionen Quadersteine dazu verwendet worden sind und was jeder Quaderstein kostete; die Aeußerlichkeiten dieses großartigen Baues kannst Du in jeder Reisebeschreibung von Amerika und am Ende in jedem Conversationslexicon lesen. Ich will Dich aber mit etwas Anderem bekannt machen, was Du vielleicht sonst nirgends lesen kannst, mit den Wirkungen dieser Anstalt.

Kommt man in eine deutsche Stadt, so ist es gar lustig mit anzusehen, wie überall auf allen freien Plätzen, in den Hauptstraßen und vor allen öffentlichen Gebäuden die „laufenden“ Brunnen ihr süßes Wasser aussprudeln. Ja sogar in jedem Dorfe oder Dörflein findet man laufende oder „fließende“ Brunnen, denn Deutschland mit seinen Bergen und Thälern ist gar reich an Quellen, die tief unten in der Erde ihr Wasser sammeln, bis die geheimen unterirdischen Behälter so voll sind, daß sie einen Ausweg suchen und dem hellen Tageslicht zuströmen. Man setzt auch einen Stolz darein, in solche Quellen und Brunnen, und manche Stadt und manches Dorf erhielt seinen Namen von dem „Brunn“ oder „Born“, der innerhalb seiner Markung entsprang. Und unsere Vorväter haben sie hochgehalten, diese Brunnen mit dem nie versiechenden kühlen Trunke, und haben sie verziert auf kunstvolle Art und sie mit Denkmälern der Baukunst umgeben, die jetzt noch vielfach auf öffentlichen Märkten, hochbewundert vom Kenner und Laien, zu sehen sind. Man darf nur an die Brunnen in Nürnberg denken!

Auch die Neuzeit hat viel hierfür gethan; nur sind die Verzierungen jetzt selten mehr von Stein und Marmor, sondern von fein gegossenem Eisen. Aber eine Freude ist’s immer, vor einem solchen Brunnen zu stehen, und im Sommer stärkt schon der bloße Anblick des kühlen „Nasses.“ – Wie ganz anders in Amerika und besonders in Newyork! Gehe die Straßen auf und ab und links und rechts, betrachte Dir alle öffentlichen Plätze und alle die großen Prachthäuser, – von einem Brunnen, von einem laufenden Brunnen mit „fließendem Wasser“ kannst Du nirgends etwas erblicken. Man sollte meinen, die ganze große Stadt sei dazu verurtheilt, den Tod durch Verdursten zu sterben! – Wohl liegt sie zwischen zwei mächtigen Strömen, von denen jeder so tief und breit, daß er die größten Kriegsschiffe trägt; aber die Wasser dieser Ströme sind salzig, wie das Meer, in das sie sich bei Newyork münden. Ebbe und Fluth wechseln ja täglich zwei Mal und führen ihre Salzwasser viele Meilen weit den Strom hinauf. –

Wohl findet man auch hier und da in einer Seitenstraße einen alten hölzernen Pumpbrunnen, so plump und einfach aufgerichtet, wie er im ärmsten Neste Deutschlands nicht plumper und einfacher sein kann; aber das Wasser, das Du mit vieler Mühe heraufpumpst, schmeckt hart und scharf und läßt schon nach wenigen Minuten einen tiefen Satz in dem Gefäße zurück, in welches Du dasselbe gegossen. Und wie viel solcher trauriger Pumpen gibt es? Nicht so viel in der ganzen großen Stadt mit ihren 800,000 Einwohnern, um nur für wenige Tausende genügend Wasser zu liefern! Die „Manhattan-Insel“, auf die Newyork gebaut ist, und deren ganzer Flächenraum in wenigen Jahrzehnten von Häusern bedeckt sein wird, hat keine Quellen. Nirgends sprudelt das Wasser von der Tiefe herauf; die ganze Insel ist im obern Theile ein starrer blauer Fels und im untern ein vielleicht Hunderte von Fuß tiefes Lager des feinsten Meersandes. Der Sand sowohl als der Fels fangen das Regenwasser auf und halten es, bis es sich gesammelt, in künstlichen oder natürlichen Cisternen, um wieder durch Pumpen an’s Tageslicht gefördert zu werden; aber Meersand und blauer Fels theilen ihm von ihrem „Geschmacke“ mit und erzeugen die sandig-klebrigen Bestandtheile, die sich zwar nach kurzer Zeit in den Gefäßen niederschlagen, aber doch das Wasser hart, fast ungenießbar machen. Was sollte aus Newyork werden, wenn es von diesem Wasser leben müßte? – Und nirgends auf der Insel ist ein Berg oder ein Wald, daß man hoffen könnte, mit der Zeit doch noch Quellen zu entdecken. Nichts von alle dem! Je tiefer man gräbt, um so gewisser stößt man endlich auf – Salzwasser. – War’s da nicht nothwendig, die Wasserleitung anzulegen, die jetzt die große Stadt überflüssig mit Wasser versieht und noch versehen wird, auch wenn die Stadt später drei Mal so viel Einwohner zählen wird, als sie jetzt zählt?

„Mit all’ dem Wasser aber, das jetzt der Stadt zugeführt wird, konnte man doch der Brunnen eine Masse errichten?“

Vollkommen richtig; aber der Amerikaner ist praktischer; er will Alles bei der Hand haben, so auch das Wasser. – Sind Brunnen „händig“?

Sieh’ einmal nach, wie ist’s in Deutschland? Müssen da die Leute nicht an den Brunnen gehen, wenn sie Wasser wollen? Müssen nicht besondere Dienstboten gehalten werden, nur um das Wasser herbeizuschleppen? Und stehen nicht diese Dienstboten oft viertelstundenweise und noch länger am Brunnen und warten, bis wieder eine Gelte oder ein Gefäß gefüllt ist, damit dann für sie Raum ist? Stehen sie nicht viertel- und halbestundenweise, um sich köstlich miteinander zu unterhalten? Ja, hat nicht diese Brunnenunterhaltung zu einer eigenen Art Literatur geführt, der Magd- und Marktbrunnenliteratur? – Sollte man diesen Schlendrian in Amerika auch einreißen lassen? Ja, war es überhaupt nur möglich, das Ding auf dieselbe Art zu betreiben? Wo sollte man nur die Dienstboten herbekommen? – Von hundertundfünfzigtausend Familien, die in Newyork wohnen, haben es noch bei weitem nicht dreißigtausend so weit gebracht, für sich einen Dienstboten ernähren und besolden zu können; und wenn auch vielleicht viertausend Familien – die Reicheren und Vornehmeren – nicht mit einem Dienstboten zufrieden sind, sondern deren fünf und sechs halten, so müssen die anderen hundertundzwanzigtausend um so mehr sich so einrichten, daß sie auch eines einzelnen Dienstboten entbehren können. – Und dafür ist gesorgt! Durch die Wasserleitung gesorgt!

Jedes Haus in Newyork, es mag einstöckig oder zehn Stock hoch sein; es mag in der obern oder untern Stadt liegen, in der Mitte der Stadt oder am Wasser, – jedes Haus hat das Trinkwasser im Hause. In der Yard, d. h. im Hofe, ist das Crotonwasser (das durch Röhren herbeigeleitete Wasser); im Basement, d. h. in der Kellerwohnung, ist es; im Parterre, in der ersten, zweiten, dritten, vierten, fünften und sechsten Etage ist’s ebenfalls. Durch die Mitte der Straßen, bergauf und bergab, kreuz und quer und links und rechts führen große Röhren, und von den großen Röhren kleinere in jedes Haus, in jede Etage, in jedes Zimmer, wie man’s haben will. Oft sind dreißig, vierzig, ja fünfzig Wohnungen in einem Hause; das sind die Tenanthäuser, die Häuser, worin die Arbeiter wohnen, die Häuser für die, so sich mit einem Wohn- und Schlafzimmer zufriedengeben müssen, weil sie keine größeren Räumlichkeiten bezahlen können, ohne sich wehe zu thun; – aber von all’ den fünfzig Wohnungen hat jedes das Wasser im Wohnzimmer. Man braucht nur den Hahn zu drehen, so sprudelt’s fast armdick und sprudelt fort, Stunden, Tage und Wochen lang, bis man den Hahn wieder zudreht. –

Ohne diese Einrichtung, – glaubst Du, die hundertundzwanzig- bis dreißigtausend Familien, die keine Dienstboten halten können, würden auskommen, fertig werden? – Gott bewahre; rein unmöglich! – Auf der Hausfrau ruht Alles, denn der Mann ist im Geschäft. Sie hat zu waschen und zu bügeln; sie hat zu nähen und zu kochen; sie hat die Kinder anzuziehen und zu erziehen; sie hat zu scheuern und zu putzen, – wie will sie das Alles thun, und noch dazu nebenher vielleicht Mantillen sticken und Westen nähen oder sonst ein Geld einbringendes Geschäft treiben, wenn sie an den Brunnen muß, um Wasser zu holen? Wie viel Zeit würde da nur Morgens verloren, weil sie sich doch vorher correct anziehen müßte, ehe sie an den Brunnen ginge? Ja, wie oft wäre es ihr geradezu unmöglich, zugleich ihre kleinen Kinder zu [108] hüten, an den Brunnen zu gehen und zu kochen? Das Alles ist aber möglich und sogar leicht möglich dadurch, daß man das fließende Wasser im Zimmer hat.

Siehst Du nun, wie praktisch der Amerikaner ist! Die Wasserleitung hat Millionen gekostet, aber nur allein hundertunddreißigtausend weibliche Dienstboten werden durch sie erspart! Und wie hoch, glaubst Du wohl, müsse man einen Dienstboten in Newyork anschlagen? Fünf Thaler im Monat baar ist der geringste Lohn, und unter zehn Thalern kannst Du ihn nicht nähren, thut monatlich fünfzehn Thaler und – bei hundertunddreißig Tausenden jährlich mehr als 20 Millionen Thaler! – Die ganze Wasserleitung macht sich somit, wenn nicht direct, doch indirect in einem Jahre bezahlt. – Freilich, mit der Poesie der Marktbrunnengeschwätze ist’s zu Ende; aber was will der Amerikaner von Poesie? praktisch muß man sein. Poesie trägt kein Geld ein.

Noch großartiger zeigt sich die Wirkung der Wasserleitung bei allen Fabrikgeschäften und Maschinenwerkstätten, bei den Bierbrauereien, bei den Gerbereien und Schlächtereien, bei allen großen Geschäften, wo Wasser nicht entbehrt werden kann. Nimm nur eine Bierbrauerei an. Wäre nicht – z. B. bei einem Pumpbrunnen – ein eigener Mann nöthig, um das Wasser aus der Tiefe heraufzuholen? Wäre nicht wieder ein Mann nöthig, um das Wasser in die Pfanne oder den Kessel zu tragen? Und dann das Putzen und Ausschwenken der Maischbütte, der Kühle, der vielen Fässer? Und wenn der Pumpbrunnen, wie so oft und viel geschieht, nicht ausreichte, müßte man nicht einspannen und das Wasser in großen Fässern von „laufenden“ Brunnen holen? – Und jetzt? Hast Du nicht das Wasser im Keller, das Wasser am Kessel, das Wasser an der Maischbütte? Kannst Du nicht an dem nächsten besten Hahne einen Schlauch anlegen, und das Wasser auf die „Kühle“ hinauf laufen lassen, oder wohin Du sonst willst? Drei Männer zum mindesten sind in einem nur mittelgroßen Geschäft erspart und was an Zeit erspart wird, das ist noch mehr werth. Freilich – gespart wird das Wasser nicht, das wird mit einer Verschwendung angewandt, als ob das Meer auszuschöpfen wäre. In jedem Geschäft, wo man vielleicht fast täglich mit zehn Eimern voll auskäme, wenn man es fahren oder pumpen müßte, braucht man nun fünfzig und hundert! Man hat’s ja! – Und trotz dieses immensen Wasserverbrauchs, trotz dieser Verschleuderung sogar, ja und trotz der oft wahnsinnigen Hitze, die Menschen und Vieh auf den Straßen umfallen macht, als wären es Fliegen, trotz alledem gab’s noch keinen Sommer in Newyork, wo – nicht etwa Wassermangel eingetreten wäre, nein, wo man nur hätte sparen müssen! Nur wenn einer der großen dicken Teichel, eine der Hauptröhren, die über die Highbridge führen, beschädigt wird, nur dann, wenn man denken muß, die Ausbesserung könnte einige Wochen in Anspruch nehmen, und die großen Reservoirs sich entleeren, nur dann wird den Leuten angesagt, mit dem Wasser ein wenig schonender umzugehen! Das Höchste, was vorkommen kann, ist, daß größere Geschäfte veranlaßt werden, ein oder zwei Mal in der Woche auszusetzen, bis die Reparatur vorüber ist. So vortrefflich aber ist das ganze Werk, die ganze Leitung, daß in den fünf Jahren, die ich in Newyork verlebte, nur einmal dieser Befehl erging.

Doch nicht blos nützlich und vortheilhaft ist die Wasserleitung für Newyork; sondern – Newyork hätte ohne sie gar nicht werden können, was es geworden ist.

Im Hafen von Newyork liegen täglich im Durchschnitt zweitausend Schiffe und Schiffchen. Hunderte kommen heute an und Hunderte gehen morgen ab. Es ist ein Wald von Masten, eine Stadt von Schiffen. Wie meinst Du nun, könnten diese Schiffe, die täglich auslaufen, mit Wasser versehen werden, wenn die Wasserleitung nicht wäre? Wie viel tausend Tonnen Wasser müssen täglich gefüllt werden, und wie viel Menschen, wie viel Pferde, wie viel Fuhren wären nöthig, um diese Wasserquantitäten vom Brunnen herbeizuschleppen? Jetzt, so wie es nun ist, dreht man den Hahn in den Wasserröhren des Docks, legt den Schlauch an und in wenigen Stunden sind alle Fässer voll und ist Alles geschehen, ohne daß auch nur mehr als ein Mann nöthig gewesen wäre, der Füllung beizustehen!

Es ist ein großartig Ding, diese Wasserleitung. Für die Frauen so bequem und händig, für die Gewerbe so nützlich und zeitsparend, für die Schifffahrt so unentbehrlich! – Wie nun aber erst für den Luxus!

„Das Wasser unentbehrlich für den Luxus?“ So fragst Du verwundert; denn wenn wir, Du und ich, Luxus treiben wollen, so trinken wir kein Wasser, sonder Champagner. Aber vom Trinken ist auch gar nicht die Rede; wohl aber vom Baden.

Wie viel Städte in Deutschland gibt’s nicht, wo auch nicht eine Badeanstalt existirt; von Dörfern und kleinen Städtchen gar nicht zu reden! Und wie weit entfernt ist nicht oft der nächste Fluß, der nächste See! Hunderte, ja Tausende kennen ein „Bad“ nur vom Hörensagen, und Zehntausende kommen in ihrem Leben blos einmal dazu, ein Bad benutzen zu können. Ja sogar in größeren Städten ist das Baden ein Luxusartikel; denn es gibt vielleicht nur eine, höchstens zwei Badeanstalten und diese sind theuer, ja sogar, wenigstens für den gewöhnlichen Mann, zu theuer! – Wie ganz anders in Newyork! Nicht blos hat man da die beiden großen Ströme, den Northriver und den Eastriver und die großartigen Badeanstalten an denselben; nicht blos bestehen in der Stadt selbst Hunderte von Badehäusern, von Barbieren errichtet und gehalten; nein, der Luxus wird viel weiter getrieben, denn jedes gentile Haus, jedes Privathaus ohne Unterschied, das nicht zu einer Arbeiterwohnungscaserne eingerichtet ist, hat seine eigene Badeanstalt. – Es ist gar weit, von manchem Punkt der Stadt aus, bis an den Fluß, und die Leute in Newyork haben nicht immer Zeit, einen halben Tag zu opfern, um ein Bad zu nehmen. Und umgekehrt, es ist gar leicht, in einem Hause eine Badeanstalt einzurichten, da man ja das fließende Wasser bis in’s oberste Stockwerk hinauf hat. Man darf ja nur eine Röhre aufschrauben an die Hauptwasserröhre und sie in einen Badzuber richten, so hat man wenigsten« ein – kaltes Bad. Und wie leicht ist’s nicht im Winter, wo doch im Kochofen den ganzen Tag gefeuert wird, weil er zugleich Stubenofen ist, einen blechernen Wassercylinder am Ofen anzubringen, der eine ganze Familie tagtäglich mit warmem Wasser zum Bade versorgt! und im Sommer, – nun ist da das Crotonwasser an sich schon nicht warm genug? Vielleicht nur zu warm! – So kann Jeder, der nur halbwegs ordentlich wohnt, sich seine eigene Badeanstalt mit ganz wenigen Kosten herrichten; der Vermögliche aber, der ein eigenes Haus oder Häuschen oder auch nur die Hälfte davon für sich allein bewohnt, der braucht sich auch nicht einmal die Mühe zu geben, denn es wird in Newyork kein Familienhaus gebaut, ohne daß zugleich ein Badecabinet darinnen eingerichtet wird. Die ganz Reichen haben deren drei oder vier: für Vater, Mutter, Kinder und die Gäste. Und wie sind diese eingerichtet! –

Aber auch der Arbeiter, der Arme entbehrt nicht des Bades. Die Barbierbadeanstalten sind ja so wohlfeil, daß sie fast Jeder benutzen kann; und wem diese noch zu theuer sind, der gehe in eine der Armengesellschaftsbadeanstalten, wo er für drei Cents denselben Comfort hat, als der Reiche in Deutschland für seinen halben Gulden. – Man hat’s ja, das Wasser!

Doch einen Hauptnutzen der Newyorker Wasserleitung hätten wir fast vergessen: wir meinen den Feuersbrunstlöschungsnutzen. Und wie groß ist dieser Nutzen!

Es gibt keine Stadt in der ganzen Welt, wo es so oft brennt, als in Newyork. Kein Tag vergeht, wo nicht zwei oder drei Mal Feuerallarm wäre! Viele, sehr viele Tage aber gibt’s, wo zehn oder zwölf Mal das Feuerzeichen gegeben wird; und um den ersten Mai herum geschieht’s oft dreißig Male und noch mehr. Und so sehr haben die Menschen dorten sich hieran gewöhnt, daß keine Seele nur daran denkt, vom Bett aufzustehen, wenn es nicht gerade im Nebenhause brennt. Ja, Viele sind so kaltblütig geworden, daß sie vorerst an die Wand fühlen, ob diese schon heiß ist, und erst, wenn dieses der Fall, bequemen sie sich dazu, sich anzukleiden.

Woher diese oftmaligen Feuersbrünste kommen, ist schwer, vielleicht aber auch nicht schwer zu sagen. Eine Ursache mag darin bestehen, daß gar viele Häuser noch von Holz, oder wenn auch äußerlich von Backstein, doch im Innern wie von Schwefelhölzern zusammengeflickt erscheinen. Wo’s da einmal Feuer gefangen hat, da brennt’s gleich lichterloh! Eine zweite Ursache mag im Leichtsinn liegen, wie mit dem Feuer umgegangen wird. Man geht allüberall mit dem brennenden Lichte hinein und denkt an keine Laterne. Man feuert das Jahr hindurch und keinem Menschen fällt es ein, auch nur einmal nach dem Schornsteinfeger zu senden. Man häuft brennbare, sich selbst entzündende Stoffe übereinander und von Vorsichtsmaßregeln ist keine Rede. Eine dritte und Haupt- [109] aber mag darin liegen, daß die Leute dem Feuer an die Hand gehen. „Anzünden,“ „Brandstiften“ nennt man’s im prosaischen Leben. Woher käme es denn sonst, daß es um den ersten Mai, den großen Movingstag, d. h. den Tag, wo allgemeiner Wohnungsumzug stattfindet, den Tag, an den man allein einen Miether zwingen kann, ein Haus zu verlassen, – woher käme es, daß um diese Zeit keine Stunde vergeht, wo nicht die Glocken ein oder zwei Male Allarm schlagen? Die Leute finden es bequemer, ihre alten Möbels verbrennen zu lassen, als sie in’s neue Quartier zu schleppen; die Feuerversicherungsgesellschaften mögen den „Stoff“ zu neuen Möbeln liefern. Bei Kaufleuten, die halb banquerott, aber gut versichert sind, brennt's auch nicht selten, und noch öfter bei Fabrikanten, deren Fabrikate keinen Abgang finden wollen. Doch – mögen die Feuersbrünste kommen, woher sie wollen; Thatsache ist, daß sie da sind.

Wie nun, wenn die Crotonwasserleitung nicht da wäre? – Erinnerst Du Dich noch, lieber Leser, des großen Brandes in Newyork von 1835? Oder erinnerst Du Dich des großen Brandes von Hamburg? Alle Jahre hätte man von Newyork ein gleiches Unglück zu berichten, wenn die Wasserleitung nicht wäre! Denn außerordentlich groß ist das Brennmaterial, das in den großen Waarenhäusern angehäuft ist; so leicht sind die Häuser gebaut und so strohhalmmäßig die Zwischenwände in den Wohnungen, daß, wenn einmal zwei Häuser brennten, ein einziges Viertel unrettbar verloren wäre, besonders da es selten windstill ist in dem seeumgürteten Newyork. Aber, laß es nur getrost brennen; beim ersten Allarm stürzen die Feuermannschaften herbei, die einen mit den Spritzen, die andern mit den Leitern und Schläuchen. In zwei Minuten sind die Crotonwasserröhren geöffnet und die Schläuche angeschraubt. In zehn Minuten arbeiten schon sechs Feuerspritzen und ein halbes Hundert verwegener Feuermänner steht oben auf dem brennenden Hause und läßt die Schläuche mitten in’s Feuer hineinspielen. Laß es nur brennen, laß es nur knistern und krachen, das Feuer wird nicht Meister; es kann nicht Meister werden, denn eine Wassermasse wird über das brennende Haus ausgegossen, daß Du glaubst, das Weltmeer entleere sich. Es ist kein Löschen, es ist ein „Unterwassersetzen.“ – In einigen Stunden ist Alles vorüber; in den Straßen, die zum Brandplatz führen, steht das Wasser oft einen Fuß hoch; so stark war die Wasserverschwendung. Die nächsten Häuser sind oft von oben bis unten wie in Wasser getaucht; aber – der Brand ist meist gelöscht, ehe noch ein zweites Haus Feuer fangen konnte.

Weißt Du nun, warum man trotz allen Feuerlärms so ruhig schläft in Newyork?

Weißt Du nun, warum, wenn eben eine Auction im ersten Stock ist und es im vierten brennt, die Auction ruhig ihren Gang fortgeht, als ob nichts Ungewöhnliches passirte?

Solcher Art sind die Wirkungen der großen Newyorker Wasserleitung. Und wenn die hohen Herren daselbst etwas weniger praktisch und sparsam wären, so könnten sie mit dem Nützlichen auch das Schöne verbinden. – Oder böte nicht diese unendliche Wasserkraft, die nicht einmal eines künstlichen Druckes bedarf, um in die höchsten Häuser hinaufgeleitet zu werden, sondern deren natürlicher Druck durch die Höhe der Reservoirs über der Stadt all’ diese Wunder bewirkt, böte nicht diese Kraft die Mittel zu den herrlichsten Fontainen und Springbrunnen? Könnte nicht jeder öffentliche Platz, jeder Park mit solch’ einem Wasserwerke geziert werden? Aber solche Spielwerke mögen wohl schön sein und das Auge bezaubern, doch – „sie tragen nichts ein,“ denkt der Newyorker. Deswegen haben die Reichen in ihren Palästen in der fünften Avenue zwar hier und da einen kleinen Springbrunnen, aber so dünn und schwach, daß man meint, es sei ein Kindlein, das erst wachsen müsse. Und die Stadt, die jährlich zehn Millionen, wenn nicht verschwendet, doch ausgibt, hat eine Fontaine vor Cityhall und diese läßt ihre Wasser blos dann und wann, bei festlichen Gelegenheiten, springen.

„Sparen muß man,“ sagt der Newyorker.

Etwas Unangenehmes hat das Newyorker Trinkwasser. Im Winter ist’s gar kalt und im Sommer zu warm. So kalt ist’s im Winter, daß man Vorsichtsmaßregeln ergreifen muß, damit die Röhren in den Häusern nicht einfrieren; am besten ist’s, man läßt das Wasser immer ein klein wenig laufen, wenn auch nur so dick wie ein Strohhalm, dann gefriert’s nie. So warm aber ist’s im Sommer, daß vom „Purtrinken“ des Wassers keine Rede ist. Es würde Dir übel machen. Eis muß darunter und, damit das Eis nicht schade, ein klein wenig Brandy, d. i. Franzbranntwein. Für den Deutschen thut’s statt Brandy auch Wein.

Th. Gr.