Die Wohlfahrtspolizei in der Natur

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Textdaten
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Autor: St.
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Titel: Die Wohlfahrtspolizei in der Natur
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 1, S. 10–12
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1858
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Die Wohlfahrtspolizei in der Natur.

Man hat mehrfach obigen Ausdruck, menschlichen Verhältnissen entnommen, auch auf die Natur angewandt. Andere haben es wieder tadeln wollen und gemeint, es sei lächerlich, solche gemachte Verhältnisse als Bilder auf die frische, freie Natur zu übertragen. Wir glauben aber gerade darin einen Ton zu hören, der sinniger Naturbetrachtung einen neuen Reiz verleiht, der uns, indem wir uns desselben Ausdruckes bedienen, nur beweist, daß in dem überaus zusammengesetzten und dennoch einfachen Reiche der Natur auch die einfachsten Mittel genügen, Wohlfahrt zu fördern.

Die Natur ist nie todt. Sie schafft auch unter dem Schneemantel, unter der Frostdecke. In den Winterknospen liegen weich eingefilzt zarte Winterblätter, um der Pflanze Nahrung zuzuführen, und eingehend genug hat man gerade in neuester Zeit das Winterleben der Bäume an Kastanien- und Aspenknospen beobachtet. Wenn nun in jetziger Jahreszeit der Maulwurf den tiefergrabenden Regenwürmern tiefer entgegengräbt, Meisen und Sperlinge emsiger als je in dem Gefurche der Baumrinden die Insecteneier ablesen, Spechte selbst es nicht verschmähen, zwischen Krähen und Elstern die Wiesen nachgehends abzusuchen, wobei ich erst jüngst einen dreisten, schönen Grünspecht beobachtete: so ist das eben je ein Zug der natürlichen Wohlfahrtspolizei, die Alles thut „aus innerem Antriebe, aus Mission“ oder, wie Andere wollen, „der bloßen, freien Station“ wegen. Wenn unsere öffentliche Wohlfahrt der Inbegriff aller der Vorkehrungen ist, welche jedem Staatsangehörigen ein ruhiges und gesichertes Leben verschaffen und alle Beeinträchtigungen des Einzelnen somit beseitigen wollen, so ist das in der Natur mindestens ebenso. Die Straßen werden auch in Ordnung gehalten; alles Aas wird beseitigt, auf daß nicht etwa Pest entstehe, wie unter den trägen Moslems des Orients, in deren Städten Aashaufen und Pest gleicherweise anwidern und das Wohnen geradezu eine Strafe wäre, wenn nicht die Wohlfahrtspolizei in der Gestalt ihrer verwilderten Hunde ihre gehorsamen Diener schickte. Jede Gegend bringt hervor, was ihren Bewohnern fruchtet, selbst Kampf und Noth, die besten Lehrmeister der Menschheit.

Die natürliche Wohlfahrtspolizei bietet selbst erst die Mittel der Gesundheitspflege in unzähligen Naturstoffen der künstlichen dar. Störenfriede oder gar nichtsnutziges Gesindel werden geflohen oder gar, wenn’s angeht, verwiesen. Ein Jedes hat seine Arbeit, seine Erholung, seine rechtmäßige Freude. Für Wittwen und Waisen ist gesorgt; Jeder kann sein Recht suchen, sich auf erlaubte Weise sichern und vertheidigen. –

Wunderbar einfach sind alle dem entsprechende Einrichtungen in der Natur vorhanden. Und wer könnte es leugnen, daß diese kleine und doch so große Wohlfahrtspolizei von wohlthätigem Einflusse auf die Menschen sei! – So hilft die Thierwelt Verkehr und Straße bessernd und reinigend erhalten, wie die Polizei der öffentlichen Wohlfahrt es kaum vermag. Im Großen sind es die Raubvögel, die Aasgeier Afrika’s und Asiens vor Allem, die grauen Geier Amerika’s, die Alligatoren und Fische der Flüsse, selbst der Meere. Ihnen reihen sich an Hyänen, Wölfe, Hunde und selbst bis zu den gefräßigen Krebsen und unsauberen Aaskäfern herab will keins zurückbleiben. Wie oft erzählen uns Lichtenstein und Humboldt in ihren Reisen, wie die Geier schon gierig, obwohl geduldig zusehen, wenn ein tigerartiges Raubthier seine Beute verzehrt, um ja keinen Rest faulen zu lassen. Allerdings zunächst nur für sich sorgend, folgen sie ihrem Hunger; aber uns wächst mittelbar der Vortheil [12] Arbeit, vielleicht stillschweigend auf die Unterstützung rechnend, die denn auch gewöhnlich bald eintrifft. Ich habe aber auch selbst gesehen, wie der einzelne Käfer nach flüchtiger Umschau wieder abflog und erst später mit vier andern Käfern zurückkehrte. Ich hatte es nämlich den Thieren nicht so leicht gemacht und meine Maus auf einen harten, unlängst mit Brack aufgeschütteten, wenn auch ziemlich einsamen Weg gelegt. Da sah ich denn, wie nach langen Untersuchungen des Bodens und einem fast vergeblichen Angriffe drei der Käfer heraufstiegen und darauf eine neue Arbeit begannen. Alle krochen wieder unter das Thier zurück und fuhrwerkten nun mit unsäglicher Geduld, gleich jenem nordamerikanischen Pillenkäfer, ihre Beute neben den Weg, in das weiche, wohlige Ackerland. Im nächsten Jahre aber will ich versuchen, was ein französischer Beobachter schon versucht hat und was, da der Todtengräber in ganz Deutschland, selbst noch an Gebirgslehnen zu Hause ist, auch von jedem Anderen probirt werden kann. Wenn das wahr ist, was jener Beobachter erzählt, so zeugt es allerdings von einem gewissen Urtheilsvermögen dieses so niederen Thieres.

Er hatte nämlich eine Maus so auf ein Stäbchenkreuz gebunden, daß, wenn auch die Käfer die Maus unterwühlt hätten, diese doch nicht nachsinken konnte, weil die Querstäbchen mit ihren langen, hervorragenden Enden es verhinderten. Die Käfer gruben und gruben, aber keine Maus rutschte nach, um das gescharrte Loch zu füllen. In ihrer alten Praxis enttäuscht, stiegen die Thiere zum Tageslichte herauf, schienen gleichsam zu berathen und fingen darauf, vom rechten Geiste durchweht, an, auch die Stäbchen mit zu unterminiren. In wenig Zeit war der kleine Leichnam versenkt und mit einer Erdendecke befahren worden, so daß die Weibchen ihre Eier absetzen konnten. –

Ein anderes wichtiges Feld der Wohlfahrtspolizei versehen die Mücken und Fliegen. Das ist die Brunnenpolizei, die Röhrmeisterei der Welt. In allen Pfützen, Tümpeln, Gossen, Schleußen, Sümpfen, aber auch Flüssen sind kleine Thierchen in Menge. Die Maden von unzähligen Fliegen und Mücken, aber noch unzähligere Infusionsthierchen sind’s, die sich von allen den im Wasser faulenden organischen Stoffen ernähren und somit das Wasser und die umgebenden Lüfte reinigen, daß jenes zum Trinken tauglich ist, und diese zum Athmen geeignet sind. Und allerdings müssen die Milliarden von Infusionsthierchen, die, wie z. B. das Pantoffelthierchen, oft ganze Ueberzüge in den Gewässern bilden, Einfluß haben; ihnen aber zunächst die vielborstigen, seltsam geschwänzten Mückenlarven. Ueber allem Schelten auf die uns so oft belästigenden Mückenschwärme können wir den wohlthätigen Einfluß der Mückenlarve nicht vergessen. Und wenn diese kleinen Peiniger in der Columbatz’schen Mücke, in den lappländischen Arten und in den Moskitos des heißen Amerika’s die lästigsten Blutsauger haben, so bietet uns ja Mutter Natur aus ihrem Schatze auch Gegenmittel, sowohl in stark riechenden Blättern und Tabaksrauch, als auch wirksamer in den Mückennetzen der Anwohner des Amazonenstromes oder, wie Pöppig erzählt, da er in der Hütte des Tenienten zu Cochiquinas am Marannon weilte, durch den glühenden Dampf von glimmenden Stücken eines Termitenbaues.

Um jener Reinigung willen und deshalb, weil viele Vögel und Fische von Mückenlarven leben, können uns ihre Mengen nicht schrecken, selbst wenn wir wissen, daß das allein nur stechende Weibchen vier bis fünf Mal im Jahre etwa Eier am liebsten in stehende Gewässer legt, und der einst so gefürchtete Heerwurm, eine zusammengeballte Masse klebriger Mückenlarven, die meist in Laubwäldern auftreten, schon bis 20 Fuß lang aufgefunden worden ist. Wird des Mückengesindels aber ja in einem Jahre zu viel, so stehen wiederum ihre Vertilger, die Raubfliegen, in größerer Menge auf, und nehmen die Sorge auf sich, jener Reihen zu lichten. Eben so wichtig wird für die Wohlfahrt die Gattung der Raupenfliege. Es gibt weit über 300 Arten der Tachinen oder Raupenfliegen, welche mit den Schlupfwespen um die Wette den Vertilgungskrieg gegen die Heere der Raupen führen; diese Raupenfliegen stechen aber, was bezeichnend ist, nur kranke Insecten und faulende Pflanzen an, um so in vorbereiteter Auflösung den Jungen eine löslichere Nahrung zu bieten. Die Leichenfliegen, Dungfliegen und Käsefliegen haben, ebenso ihren ziemlich enggezogenen Arbeitskreis in der Aufräumung gährender und faulender Stoffe erhalten und die Rattenschwanzmaden, die ich 1855 namentlich häufig in den größeren Cloaken fand, scheinen gerade in diesen ihren liebsten Sprengel gefunden zu haben. Aus jenen hellgrauen, langgeschwänzten Maden entstehen nämlich die „zähen Schlammfliegen“, welche einer wilden Biene in ihren Umrissen nicht unähnlich sind. Der schlagendste Beweis, wie sehr Mücken- und Fliegenlarven reinigen, ist zu finden, wenn man zwei Gläser mit Wasser füllt. Nur in einem seien Larven. In dem Glase ohne Larven wird das Wasser bald stinkend und völlig untauglich werden, indeß das andere verwendbar bleibt, nachdem man’s einfach geseihet hat.

Merkwürdig ist überhaupt, wie sehr das Gesetz des Gleichgewichts in der Natur Geltung behält. Wollen uns je einmal zu viel Kohlraupen das Gemüse und zu viel Aderweißlinge das Obst theuern – husch, da schwärmt’s plötzlich voller Sperlinge, Ammern, Meisen etc. in den Gärten. Da wird Leben; hohe niedere Jagt begingt; die Landstreicher werden erstochen. Alles speist Raupen; dem Proletariervogel, jenem Spatze, vergißt man’s, daß er auch der Kirschendieb war, und der Neuntödter hat so viele Gedecke, als er nur immer will. Ein eben ätzendes Sperlingspaar soll in einer Woche bis 1000 Stück Raupen verfüttern. Da wird schon etwas fertig!

Dazu tritt die schon oben einmal flüchtig erwähnte Schlupfwespe; dieser langgestreckte Strolch mit seinen sechzig Arten fliegt satzweise über den Rasen, stößt auf die Raupe am Blatte, stöbert hinter Rinden und wandert unverdrossen Hügel auf Hügel ab. Blitzschnell bohrt die Jägerin ihre Beute an, legt die Eier in sie hinein und das Opfer muß bald sterben. Selbst Gallwespen in ihren Kunzen werden nicht verschont. Oft trägt sich ein froher Sammler Puppen ein, die er im Herbste sorgfältig von den Mauerplatten löste; sehnsüchtig schaut man nun, wenn der goldne Falter sich auf jungen Schwingen zum Lichte heben wird. O, der Täuschung! Statt seiner schlüpfen wohl zwanzig oder dreißig kleine schwärzliche Wespen aus, und die Täuschung kann um so größer werden, als vielleicht nicht die Raupe, sondern erst die Puppe mit seinem Stachel angestochen wurde. Wird aber die Raupe auf dem Beete angegriffen, so hat sie, ihren Untergang fühlend und doch unvermögend, gegen die Brut in ihren eigenen Eingeweiden zu wüthen, nichts weiter zu thun, als eilig nach einer stillen Mauer oder in das Blätterdickicht der gemeinen Gartengoldruthen zu flüchten, und sich dort krampfhaft auf der Rückseite eines Blattes zu strecken. Darauf brechen nach wenigen Tagen aus ihrem Leibe die jungen Schlupfwespen, und legen sich im Uebermuthe des Jugendtraums, in eine schwefelgelbe Puppenhülle gewickelt, auf dem Leibe ihrer todten Amme nieder. Dann fällt mir allemal ein, was der Dichter einst in einer ähnlichen Beziehung sagte; ich denke des tiefsinnigen Wortes: „Und neues Leben sproßt aus den Ruinen.“

St.