Die Zeitgenossen des „alten Herrn“

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Textdaten
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Autor: unbekannt
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Titel: Die Zeitgenossen des „alten Herrn“
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 4, S. 46
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originaltitel:
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Herzog Karl August von Sachsen-Weimar-Eisenach
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[46] Die Zeitgenossen des „alten Herrn.“ Es giebt einen Vorwurf, den man den an Jahren vorgerückten Menschen macht, daß sie ihre Jugendzeit schöner, freundlicher, besser finden, als die Gegenwart. Wir wollen es dahin gestellt sein lassen, wie weit dieser Vorwurf ein gerechter ist. Die Lebensskizze des alten Herrn können wir ohne den Gedanken an diesen Vorwurf nicht aus der Hand legen. Wir genießen jetzt die Früchte der Geistesfreiheit, die er, den Cyclus der größten Männer um sich versammelnd, anstrebte.

Aus dem klang- und sagenreichen Thüringen erheben sich die Wiegen der geistigen Freiheit. Was Karl August in Weimar schuf, haben wir gesehen. Werfen wir einen Blick in die weitern Gauen von Thüringen. Das Weimar nächste Erfurt war bewohnt und regiert von dem Krummstabe und ein altes Sprüchwort war daselbst: „unter dem Krummstab ist gut wohnen.“ Es war damals ein wahres Wort! Dahlberg, der Gönner und Freund des edlen Wessenberg, regierte als Coadjutor von Mainz. Wenn er auch nicht die Heroen des Geistes um sich versammeln konnte, so war nicht weniger ein Kreis der freisinnigsten und denkendsten Männer um ihn. Er gab wöchentlich Gesellschaften, wo jeder gebildete Mann Zutritt hatte, gleichviel welcher Konfession er angehörte, und nur wissenschaftliche Erörterungen waren der Gegenstand der Unterhaltungen. Zu seiner Tafel wurden Alle gezogen, die seinem edeln freisinnigen Leben und Streben gleichgesinnt schienen. So war sein, dem katholischen Bischofe, innigster Freund der Senior des evangelischen Ministerii, Engelhardt. Aus einzelnen Zügen des Lebens ist der Charakter des Menschen zu erkennen. Engelhard war an der Tafel bei Dahlberg. In vielleicht heiterer Weinlaune bemerkt Dahlberg: „Ihr Evangelischen seid doch arme Leute. Ihr habt nur drei Sakramente, da haben wir es doch besser, wir haben sieben.“ „Wohl wahr,“ sagte Engelhardt ernst, „aber mit Vielem hält man Haus, mit Wenigem kömmt man auch aus.“ Da war von keinem konfessionellen Kampfe die Rede, das Licht der Vernunft durchleuchtete den Regenten, es durchleuchtete die Professoren der damaligen Universität, und dieser Geist der ächten edlen Freiheit verzweigte sich in unendlichen Aesten durch die Schulen zum Volk. Ein Schüler jener Zeit war Gneisenau, der Schlachtenheld, dessen Vater bekanntlich Bauinspektor in Erfurt war und Neidhard hieß. Gneisenau’s mathematischer Kopf war wohl eine der Hauptzahlen in dem Kampfe gegen den Riesen des neunzehnten Jahrhunderts. Auch das war ein Mann, der stets bereit war, die töpferne Schüssel auf seine Tafel zu setzen. Noch erinnere ich mich, wie er als Feldmarschall nach Erfurt kommend, sich alle offizielle Ehrenbezeugungen verbat, bei einem alten Professor der Universität einkehrte, dessen Schwester ihm als Braut gestorben, alle die mit ihm zu Dahlberg’s Zeit studirt, um sich versammelte, und diese fröhliche Zeit durch gaudeamus igitur etc. zurückrief und Alle mit brüderlichem Du, mochten sie nun in bescheidenen Kreisen oder in höhern Lebenssphären sich bewegen, begrüßte. Es waren wackere Namen dabei, als Trommsdorff, der Mitgründer der neuern Chemie, Weingärtner der Mathematiker, auch der meines Vaters, den ich verschweige, der mit Röhr, Bretschneider, Paulus und Ammon, die Dunkelmänner, die überall wieder auftauchten, mit den Waffen der Wahrheit und des Lichtes bekämpfte. Das waren die Zustände Erfurts zur Zeit des alten Herrn. Einen andern sächsischen Thron schmückte in Gotha Ernst II., bekannt durch seine Einfachheit und Gerechtigkeit, und sein Nachfolger Herzog August, ein Fürst, ausgeschmückt mit seltenen Geistesgaben. Wenn ihn auch der Vorwurf trifft, daß er nicht so weise mit den Mitteln, die ihm sein Vorgänger hinterlassen, umging und seine Hofhaltung nicht zu der billigsten gehörte, so verband er aber mit dieser Neigung zum Luxus, die Liebe zu Kunst und Wissenschaft, vervollständigte die für ein so kleines Land wie Gotha sehr reichen Sammlungen aller Art und unterstützte Alles, was den geistigen Fortschritt begünstigte. Zu seinen Lieblingen und Vertrauten gehörte Friedrich Jacobs, im Kreise der Gelehrten als Herausgeber der griechischen Anthologie, aber noch mehr im Volke bekannt, als der Anbahner einer edlern Geistesrichtung der Jugendschriften! Häufig las er seine Manuskripte dem Herzoge vor, darunter einst seine Bruchstücke über die Forderungen der Zeit, die in einer Weise geschrieben waren, daß sie jetzt schwerlich gedruckt werden dürften. „Lieber Jacobs,“ erwiederte der Herzog, „das ist nicht für mich und noch viel weniger für meinen Vetter in Weimar geschrieben.“ „Das weiß ich,“ erklärte Jacobs, „aber es kann eine Zeit kommen, wo es gut ist, wenn es nicht braucht gedruckt zu werden.“

In Coburg regierte Ernst Friedrich mit seinem Minister Moritz August von Thümmel, dem Dichter, dem Verfasser der Reisen, der mit eisernem Fleiße außer seinen Lieblingsarbeiten Alles leitete, untersuchte, entschied, was sich seinem Ministerberufe entgegenstellte.

So war es zur Zeit den alten Herrn in Thüringen, die meisten Herrscher des zerstückelten Landes vereinigten sich zum Fortschritt der Geistesbildung, des Lichtes und der Wahrheit.