Die Zerstörung von Hohenkrähen (Andere Sage)

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Autor: Heinrich Schreiber
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Titel: Die Zerstörung von Hohenkrähen
Untertitel: Andere Sage
aus: Badisches Sagen-Buch I, S. 99–105
Herausgeber: August Schnezler
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1846
Verlag: Creuzbauer und Kasper
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Erscheinungsort: Karlsruhe
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Die Zerstörung von Hohenkrähen.
Andere Sage.

In der freien Reichsstadt Kaufbeuern lebte zu Anfang des 16. Jahrhunderts ein angesehener Mann, der den Namen des Erfinders der Buchdruckerkunst führte, nämlich Johannes Guttenberg. Er hatte sich im Handel ansehnlichen Reichthum erworben. Seine Tochter Margarethe, das einzige Kind einer glücklichen aber kurzen Ehe, war von der Natur nicht stiefmütterlich ausgestattet worden, und sowohl ihr liebenswürdiges Wesen, als die Reichthümer ihres Vaters, machten sie zum Gegenstande vieler Hoffnungen und angelegentlicher Bewerbungen. Sie schien dagegen ziemlich gleichgültig, hatte jedoch im Stillen schon seit geraumer Zeit ihr Herz einem jungen Edlen, Otto von Kreßling, zugewendet, dessen Vater in Kaufbeuern von den Ueberresten eines durch Krieg und andere Unglücksfälle ruinirten, einst beträchtlichen Vermögens lebte.

Die Stadt feierte den Jahrestag ihrer Gründung und es sollte dießmal mit ungewöhnlicher Pracht geschehen, unter andern auch ein großes Preisstechen dabei Statt haben. Manche Ritter fanden sich deßhalb in Kaufbeuern ein, aber es waren nur solche, die vom Stegreife lebten oder sonst daheim, auf ihren verfallenen Burgen, in schmählichem Müßigang, der sie Entbehrungen aller Art aussetzte, vom Ruhme ihrer mannhafteren Ahnen zehrten. Das Mittelalter mit seinen ritterlichen Tugenden neigte sich zum Untergange; viele der berühmtesten Geschlechter waren erloschen und wie in Frankreich König Franz I., so standen in Teutschland Kaiser Maximilian I., Franz von Sickingen, Götz von Berlichingen und noch wenige Andere als die [100] letzten Vertreter des Ritterthumes da, gleichsam als die Hüter der Grenzen zwischen einer alten und einer unter bedenklichen Anzeichen beginnenden neuen Zeit.

Unter den Edlen, welche zu dem Feste nach Kaufbeuren zogen, war auch Stephan Haußner aus dem Hegau. Ein baufälliges Schloß und einige größtentheils öde liegenden Ländereien mit verarmten Zinsleuten machten seine ganze Habe aus; an trotzigem Muthe und waghalsiger Tapferkeit mochten es ihm aber Wenige zuvorthun. Auch trieb er sich beständig im Lande umher und nahm an allen Fehden und Händeln Theil, wobei, wenn auch nicht Ehre, doch reiche Beute zu gewinnen war.

Haußner hörte in Kaufbeuern von der schönen Tochter des reichen Guttenberg sprechen und bald bot sich auch auf einem Balle, den die Stadt gab, eine bequeme Gelegenheit, sie zu sehen. Da kam ihm plötzlich der Gedanke, um sie zu freien. Er meinte, Vater und Tochter würden sich eine solche Verbindung zur hohen Ehre anrechnen, und säumte darum auch nicht, dem alten Guttenberg einen Besuch abzustatten und ihm sein Anliegen vorzutragen.

Der Alte sah ihn verwundert an und sagte dann zum Ritter: „Ich erkenne die Ehre, welche Ihr mir und meinem Hause zu erzeigen gedenkt; Ihr scheint jedoch in einem Irtthum befangen.“

„In einem Irrthum?“ fragte Haußner.

„So sehe ich’s an“ – fuhr Jener fort – „Ihr glaubt nämlich, durch eine Heirath meine Tochter zu Euch zu erheben; aber umgekehrt: Ihr werdet dadurch zu ihr erniedrigt. Eure Kinder verlieren dadurch das Recht der Ebenbürtigkeit und können einst weder bei Turnieren erscheinen, noch in Dom- und Ritterstifte aufgenommen werden, noch auf Das Anspruch machen, was Ihr als Lehen besitzt.“

Der Ritter schien sich auf eine gute Antwort zu besinnen; Guttenberg schnitt jedoch den Faden des Gespräches rasch ab, indem er sagte: „Der Adler soll auf dem Felsen bleiben und die Lerche in der Furche des Ackers, und somit Gott befohlen!“

Haußner war über diesen kurzen Bescheid höchlich ergrimmt und sein Zorn entbrannte noch mehr, als er vernahm, [101] Guttenberg habe seine Tochter dem jungen Kreßling zugesagt, um sich alle unangenehmen Freier vom Halse zu schaffen. Er verließ Kaufbeuren auf der Stelle und ritt nach Hohenkrähen zu seinem Waffenbruder, dem Ritter Friedinger. Dieser schritt aber, in Gedanken brütend, im Saale seines Schlosses auf und ab, als Haußner eintrat. „Woher des Weges?“ fragte Friedinger.

„Vom Ritterspiel in Kaufbeuern.“

„Pfui!“ – spottete Friedinger – „Wer wird eine Fastnachtsmummerei mit so ehrenvollem Namen belegen? Wäre ich dahin gezogen, so hätt’ ich, statt meines edlen Rosses, den Esel meines Müllers zum Ritte genommen.“

„Je nun,“ – versetzte Haußner – „man muß sich eben in die Zeit schicken!“

„Ich nehme sie auch wie sie ist,“ – entgegnete der Ritter von Hohenkrähen – „darum siehst du die Bilder meiner Ahnen hier alle verkehrt an der Wand hängen, damit sie die Schmach ihrer Abkömmlinge nicht sehen.“

Haußner meinte, wackere Männer geb’ es noch genug, die dürften nur zusammenhalten.

Friedinger schüttelte den Kopf. „Geh’ vom See abwärts“ – sprach er – „längs dem Rheine hin, bis wo das Siebengebirg steht, und zähle die gebrochenen Burgen auf beiden Seiten, und du wirst Lust bekommen, ein Karthäuser zu werden, um nichts mehr als memento mori! zu sprechen. Dieser Kaiser Max hat nun vollends durch seinen ewigen Landfrieden dem edlen Ritterthume den letzten Stoß gegeben, und was noch übrig bleibt, ist um nichts besser als Weiberkrieg mit Besen und Ofengabeln!“

„Wenn du Lust hast zu einer mannhaften Fehde, so ist jetzt Gelegenheit, denn ich komme eigentlich mit der Bitte, du möchtest mir deine Burg leihen. Mein altes Uhunest hält keinen Steinwurf mehr aus!“

„Meine Burg steht dir zu Diensten,“ – antwortete der Ritter von Hohenkrähen und reichte seinem Gaste die Hand – „aber sage mir, was hast du eigentlich vor?“

Haußner berichtete nun, wie er in Kaufbeuern sich einen Korb geholt, und darum der Stadt einen Fehdebrief senden wolle.

[102] Ein Strahl wilder Freude flog über Friedingers Gesicht und zugleich schien ein großer Gedanke in seiner Seele aufzugehen. „Komm!“ – rief er – „ich schreibe den Fehdebrief in deinem Namen und du kritzelst dein Handzeichen darunter.“

Der Brief wurde unverzüglich abgeschickt und Friedinger traf alsbald Anstalten, Hohenkrähen in Vertheidigungsstand zu setzen. Durch ihre Kundschafter erhielten die Ritter jetzt Nachricht, daß einige Handelsleute aus Kaufbeuern auf der Heimkehr aus der Schweiz begriffen seyen. Haußner legte sich mit einem Haufen Reißiger in den Hinterhalt, überfiel die sorglos ihres Weges Dahinziehenden, welche von einer Fehde keine Ahnung hatten und schleppte sie gefangen auf Hohenkrähen. Unter ihnen befand sich auch Georg von Kreßling, der Vater des jungen Otto, welchen Guttenberg seiner Tochter zum Gatten bestimmt hatte. Er kam von St. Gallen, und war unterwegs zufällig mit den Kaufleuten zusammengetroffen. Diese wurden von Haußner noch ziemlich gut behandelt, nur forderte er von ihnen ein bedeutendes Lösegeld, welches die Stadt Kaufbeuern für sie bezahlen sollte; den alten von Kreßling aber ließ er in Ketten schlagen und schwur hoch und theuer, der Ritter müsse so lange sein Gefangener bleiben, bis sein Sohn ihm die schöne Margarethe als Braut abtrete.

Als das Begebniß in Kaufbeuren ruchbar geworden war, entstand große Unruhe in den Gemüthern. Die Stadt konnte nicht so viele Leute aufbringen, um einen Kriegszug gegen Hohenkrähen vorzunehmen, und nach langer Berathung entschloß man sich endlich, eine Gesandtschaft an den Kaiser abzuordnen, der sich damals gerade in Nürnberg aufhielt.

Otto von Kreßling erbot sich, mit den ausgewählten Rathsmitgliedern dahin zu gehen. Kunz von der Rosen war sein Oheim und hatte dem Kaiser schon so glänzende Beweise seines Muthes und seiner unerschütterlichen Treue gegeben, daß Max nicht leicht eine seiner Bitten zurückwies, denn er verlangte niemals etwas Unbilliges oder Unrechtes.

Der Kaiser war höchlich entrüstet, als ihm Kunz von der frevelhaften That Haußners und Friedingers Bericht erstattete. Auf der Stelle versprach er den Abgeordneten Genugthuung und ertheilte sogleich seinem Feldobersten, dem berühmten Georg [103] von Frondsberg Befehl, gegen Hohenkrähen aufzubrechen und die Friedensstörer auf’s derbste zu züchtigen.

Frondsberg galt mit Recht für einen trefflichen Kriegsmann; aber die vortheilhafte Lage der Burg Hohenkrähen drohte eine Belagerung sehr schwierig und langwierig zu machen. Zudem war die Veste hinreichend mit Mannschaft und Geschütz versehen und man durfte gewiß seyn, daß die beiden Ritter das Aeußerste wagen würden, weil dabei Alles auf dem Spiele stand. Frondsberg sah zur Bezwingung der Burg kein anderes Mittel vor sich, als den Hunger und er schloß sie darum auf das Engste ein. Die Belagerung dauerte bereits einige Wochen, als Friedinger eines Tages, wie er gewöhnlich that, einen der Thürme bestieg, um zu erspähen, ob die Belagerer ihre Stellung noch nicht verändert hätten. Da ward er einen jungen Ritter gewahr, der ziemlich nahe zur Burg heransprengte, als ob er etwas auskundschaften wolle. Friedinger riß der Wache neben ihm die Büchse aus der Hand, legte an und drückte los, aber das zu stark geladene Gewehr zersprang und zerschmetterte ihm den Arm. Der Schmerz, den er umsonst zu meistern suchte, so wie der große Blutverlust zogen ihm eine Ohnmacht zu, und er wurde durch einige Soldaten, welche die Wache herbeirief, auf sein Gemach getragen. Der Wundarzt erklärte, der Ritter könne nur durch Abnahme des Arms gerettet werden, aber Friedinger warf ihm einen furchtbaren Blick mit den Worten zu: „Geh’, Pfuscher, und übe deine Kunst an den Memmen, die das Leben als ein Almosen haben, und es darum in seiner zerlumptesten Gestalt noch immer als eine köstliche Gabe in Ehre halten!“

Hierauf ließ er Haußner vor sein Lager rufen und sagte zu ihm:

„Ich bin ein Stamm, welcher zu Boden fällt, nicht weil seine Wurzeln abgefault sind, sondern durch die eiserne Hand des Schicksals; denn länger vermag sich die Burg doch nicht zu halten, da unsre Lebensmittel doch nur noch auf vierzehn Tage reichen. Nimm deine Leute und auch alle die meinigen, denen es darum zu thun ist, ihre Haut in Sicherheit zu bringen, und ziehe diese Nacht durch den unterirdischen Gang ab, der euch über die Linie der Belagerer hinausbringt.“

[104] „Wie!“ – rief Haußner – „Ich sollte dich verlassen, dich, meinen Waffenbruder? Und wenn ich auch meine Schmach in den Mantel der Nacht verhüllte, der helle Tag würde sie doch bald bescheinen!“

„Willst du denn als Landfriedensbrecher ein schmähliches Ende durch den Strick nehmen?“

„Ein ehrenvolles Grab!“

„Und was wird dein Loos seyn?“ fragte Haußner.

In dem Augenblick trat ein Knecht ein mit der Nachricht, es sey ein Herold vor dem Thore mit einer Aufforderung. Friedinger bat Haußner hinauszugehen, um den Antrag zu vernehmen. Derselbe kehrte bald zurück und rief mit ingrimmigem Lachen: „Freien Abzug bietet Frondsberg dir und deinen Leuten unter der Bedingung an, daß du – mich ihm auslieferst!“

„Hab’ ich nicht einen prophetischen Geist?“ sagte Friedinger. „Geh’ und antworte dem Herold, ich würde morgen früh einen Ritter in’s Lager schicken zur gütlichen Unterhandlung. Dann aber thue du diese Nacht, wie ich dir gerathen, oder die Raben singen dir das Requiem!“

In der That sah Haußner keinen andern Ausweg mehr vor sich, als die Flucht. Er verließ die Burg eine Stunde vor Tagesanbruch, und ihm folgten nicht nur seine Leute, sondern auch die meisten Knechte und Leute Friedingers, so daß dieser bloß noch mit einem alten treuen Ritter und sieben Knechten allein auf Hohenkrähen zurückblieb. Der unterirdische Gang, durch welchen sich Haußner flüchtete, führte in einen abgelegenen Thalgrund. Dort schieden, wie verabredet, all’ seine Begleiter von ihm, denn sie fürchteten, als Friedensbrecher festgenommen und hingerichtet zu werden. Haußner war lange unentschlossen, wohin er sich nun wenden solle. Aber während er langsam und in tiefem Nachsinnen durch das Thal ritt, sah er plötzlich einen jungen Ritter nebst einigen Reißingen auf sich zusprengen. Es war Otto von Kreßling, den Frondsberg um Herbeischaffung von Lebensmitteln ausgesandt hatte. Augenblicklich erkannten sich Beide; Haußner sprang vom Pferde und suchte Zuflucht in einer Kapelle, die am Wege stand.

Otto eilte ihm mit gezogenem Schwerte nach, und, nicht achtend der geweiheten Stätte, stieß er ihn am Altare nieder.

[105] Unterdessen war der Morgen angebrochen und im ersten Frühschimmer ritt ein gewisser Bridinger in’s Lager, und wurde nach kurzem Verweilen vor den Feldobersten geführt.

„Wie lautet Euer Auftrag?“ fragte Frondsberg.

„Er ist kurz;“ – antwortete der Ritter: „Freier Abzug für Friedingers Leute und ihm ein ehrenvolles Grab unter den Ruinen seiner Burg.“

„Ist Friedinger denn todt?“

„Dann könnt’ ich ja nicht in seinem Namen kommen,“ – entgegnete Bridinger. „Aber der Knochenmann hat ihm die dürre Hand schon entgegengestreckt und der Ritter hält sie gefaßt und will sie nicht mehr lassen.“

„Ihr sprecht in Räthseln!“

„Der Ritter ist tödtlich verwundet; ein herzhafter Schnitt des Arztes könnte ihn zwar noch retten, aber er ist fest entschlossen zu sterben, weil er, wie er sagt, seine Zeit überlebt hat, und die Trümmer seines Stammsitzes sollen sein Grabmal seyn.“

Frondsberg wurde nachdenkend. „Ich habe diesen Friedinger von jeher geachtet,“ – sprach er nach langem Schweigen – „so trotzig er sich auch stets den Gesetzen entgegen stemmte. Er wollte die Ehre der Vergangenheit festhalten mitten in der Schmach der Gegenwart, und er war der Einzige unter den Raubrittern, dem es nicht um die Beute, sondern blos um die Lust des Kampfes dabei zu thun war. Eure Bedingungen seyen gewährt! Ihr, Bridinger, zieht mit Friedingers Leuten ab und liefert uns die niedergeworfenen Gefangenen aus. Den Leichnam des Ritters werde ich ehrenvoll bestatten lassen, aber das Schloß muß zerstört werden!“

Friedinger lebte nur noch wenige Stunden. Als Frondsberg in die Burg eingezogen war und an dessen Lager trat, fand er bereits eine starre Leiche. Sie ward in der Schloßkapelle begraben und die Veste gleich darauf niedergerissen.

Dr. Heinrich Schreiber.