Die deutsche Sprache

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Titel: Die deutsche Sprache
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aus: Die Gartenlaube, Heft 45, S. 720
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1860
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[720] Die deutsche Sprache. Jetzt, wo in allen deutschen Gauen sich ein Ringen und Streben nach deutscher Einigkeit und deutschem Nationalgefühl kund gibt, wird es an der Zeit sein, ein Wort über das Unwesen zu wiederholen, welches noch immer und gegenwärtig noch mehr denn je in der deutschen Sprache durch Hineinschieben von fremden Namen und Wörtern herrscht. Unsere liebe Muttersprache wird nachgerade für den weniger Gebildeten unverständlich. Die deutschen Zeitungen wimmeln von sogen. Fremdwörtern; fast jeder 16jährige Gymnasiast befleißigt sich, so viel als möglich das eben erlernte Englisch, Französisch, Latein etc. in den Ausdruck seiner Gedanken hinein zu flicken, zumeist in ohrenzerreißender, schauderhafter Aussprache. – In Gesellschaften, im Theater, ja selbst in dem engern Familienkreise der heutigen „gebildeten“ Welt, muß man nach jedem dritten deutschen Worte ein Fremdwort hören. Es ist ein wahrer Jammer, wenn man dieses Kauderwelsch allmählich gezwungen wird für die deutsche Bildungssprache zu halten, da doch eben die deutsche Sprache fast die wortreichste ist.

Schreiber dieses ist ein Schleswiger. Wir hier oben im nördlichsten Deutschland kämpfen nun schon seit zehn Jahren um das heiligste der Menschenrechte, das man uns rauben will, nämlich: die Sprache frei und ungehindert sprechen und auf unsere Nachkommen übertragen zu dürfen, die uns mit der Muttermilch eingegeben, deutsch; aber um so mehr fühlen und empfinden wir, daß das, was wir erkämpfen, einem tieferen fremden Joche unterliegt, als unser Vaterland selbst. Und dieses Joch ist ein freiwilliges, aber um so gefährlicheres. Unser Vater Arndt sang als Jüngling: „So weit die deutsche Zunge klingt, und Gott im Himmel Lieder singt“, so weit reicht das deutsche Vaterland; aber unsere gegenwärtigen sprachlichen Verhältnisse lassen es uns befürchten, daß eine Zeit kommen wird, wo eine deutsche Sprache nicht existirt und das deutsche Volk sich in einer Sprache ausdrückt, d:e ein Geliehenes aus allen erdenklichen Sprachen der Welt vorstellt.

In der „Gartenlaube“ bin ich am wenigsten diesem Unwesen begegnet, hörte Gerstäcker für die „freie Rede“ sprechen, hoffe daher, daß diese Zeilen dort Aufnahme finden werden, wo dem deutschen Vaterlande so manches schöne Wort gesungen und so manches echt deutsche Bild dem Leser vorgeführt wird. Meine Absicht ist aber nicht, das Bestehende zu tadeln, sondern vielmehr auch einen Vorschlag zur Besserung zu machen, damit, wenn möglich, dem genannten Unwesen entgegengearbeitet und es möglich gemacht wird, daß wir einmal noch eine rein deutsche Zeitung, ein nur mit deutschen Worten geschriebenes Buch lesen können.

Zunächst fordere ich deutsche Schriftsteller und Mitarbeiter an öffentlichen Zeitschriften auf, ein nationales Deutschland auch in diesem wichtigen, bisher so sehr vernachlässigten Felde, durch Entwickelung der Idee einer rein deutschen Schrift, mit kräftiger Feder zu fördern; – wenn nicht auf diese Weise ein Eingang und eine Aufmunterung zur Reinigung der deutschen Schriften von allem Unkraut der fremden Wörter bei dem deutschen Volke erweckt wird, so greift das Unwesen noch mehr um sich.

Dann fordere ich die Lehrer, namentlich der höheren Bi[l]dungsanstalten[WS 1] auf, der ihnen anvertrauten Jugend ein reines Deutsch, frei von allem entbehrlichen Fremden, vorzutragen, sie darauf aufmerksam zu machen, daß die deutsche Sprache aufhört eine deutsche, ein deutsches Eigenthum zu sein, sobald sie untermischt ist mit Wörtern fremder Sprachen, und ihr vorzustellen, wie auch auf diese Weise unser deutsches Vaterland gegen Fremdherrschaft zu vertheidigen ist!

Endlich fordere ich alle Gebildete auf, durch gutes Beispiel wieder eine rein deutsche Sprache im Volke gangbar zu machen und in ihrer Unterhaltung alles Fremde zu verbannen.

Ein solcher kräftiger deutscher Geist für die Wiederbelebung der deutschen Sprache würde, deß bin ich gewiß, bald Gemeingut werden.

a + b.


Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Bi[l]dungeanstalten