Die drei Federn des Drachen

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Textdaten
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Autor: Ernst Meier
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Titel: Die drei Federn des Drachen
Untertitel:
aus: Deutsche Volksmärchen aus Schwaben, S. 253-256
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1852
Verlag: C. P. Scheitlin
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Erscheinungsort: Stuttgart
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Originaltitel:
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Originalherkunft:
Quelle: Google und Scans auf Commons
Kurzbeschreibung:
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[253]
73. Die drei Federn des Drachen.

Da sollte einmal ein Mann hingerichtet werden und bat den König um Gnade. „Ja, sagte der König, wenn Du auf den Glasberg gehen und den Drachen fragen willst, weshalb meine Tochter beständig krank sei, und wo der Schlüßel zu meiner Schatzkammer sich befinde, so soll Dir das Leben geschenkt sein.“ Dazu war der Mann denn gern bereit und machte sich sogleich auf den Weg.

Nach einiger Zeit kam er an ein tiefes Waßer und sah auch zugleich einen Mann in einem Schiffe daselbst, den bat er, daß er ihn doch hinüberfahren möchte. „Wohin geht die Reise?“ fragte der Schiffer. „Nach dem Glasberge!“ sagte der Mann. „So fraget doch einmal, versetzte der Schiffer, den Drachen auf dem Glasberge, weshalb ich immerwährend hier fahren muß?“ Ja, das wollte er wohl thun, sagte der Mann, und ließ sich überfahren und setzte seine Reise dann fort, bis er endlich auf den Glasberg kam. Ganz oben stand ein Haus; er gieng hinein und fand daselbst eine alte Frau, die fragte ihn, was er wolle, und warnte ihn vor dem Drachen, der ihn tödten werde, wenn [254] er ihn hier antreffe. Da erzählte der Mann ihr Alles, was er den Drachen fragen sollte und sagte dann: „es ist einerlei, ob ich hier oben oder dort unten mein Leben verliere; laßt mich nur hier bleiben und wenigstens einen Versuch wagen!“

Da fühlte die alte Frau Mitleid mit ihm und sagte: „ich will sehen, daß ich Euch durchhelfe; gebt nur Achtung auf Alles, was der Drache in dieser Nacht sprechen wird!“ Darauf versteckte sie den fremden Mann hinter ihrem Bette. –

Als nun Abends der Drache nach Haus kam, rief er sogleich: „ich rieche Menschenblut!“ „Ach, wer weiß, was Du riechst, sagte die Frau; es sind wohl gestern einige Tropfen auf den Boden gefallen.“ Da war er zufrieden und legte sich bald in sein Bett und schlief ein. Die alte Frau aber mußte immer an seiner Seite schlafen, und wie er nun eben fest schnarchte, da zog sie ihm eine Feder aus, daß der Drache aufwachte und ganz unwillig rief: „Was zupfest Du mich denn so?“ „Ach, nimm’s nicht übel, sprach die Frau, ich hab es bloß im Traume gethan.“ „Na, was träumte Dir denn?“ fragte der Drache. „Ach, es ist ein dummer Traum, sagte die Frau; ich träumte, weshalb die Tochter des Königs wohl immer krank sei.“ „Es ist wahr, sprach der Drache, sie ist schon lange krank; allein wenn sie ihren ersten Geliebten heirathen wollte, so würde sie bald gesund werden.“

Als der Drache nach einer Weile wieder eingeschlafen war, zog die Frau ihm die zweite Feder aus, daß er ganz bös wurde und aufsprang und sagte: „was willst Du denn, [255] daß Du mich so zupfest?“ – „Ach verzeihe, rief die Frau, ich wollte nichts, ich hab’ es bloß im Traume gethan.“ – „Na, was träumte Dir denn schon wieder?“ fragte der Drache. „Ach, sagte die Frau, es träumte mir, wo wohl der Schlüßel zur Schatzkammer des Königs geblieben sei.“ – „Es ist wahr, sprach der Drache, der König kann den Schlüßel nicht finden; denn er ist in seinem Sopha eingenäht und eingepolstert. Nun laß mich aber in Ruhe.“ – Nach einer Weile aber, wie der Drache abermals eingeschlafen war, riß sie ihm die dritte Feder aus. Da wurde er aber so wild, daß er die Frau packte und sie zum Bett hinaus werfen wollte. Als sie ihm aber sagte, daß sie es nur im Traum gethan habe, da gab er sich zufrieden und fragte: „was hat Dir denn jetzt schon wieder geträumt?“ – „Ach, sagte die alte Frau, ich weiß gar nicht, was ich diese Nacht für dumme und seltsame Träume habe! denke Dir nur, ich träumte eben, auf dem und dem Waßer müße ein Schiffer beständig hin und her fahren und wiße gar nicht, wie er von seiner Arbeit erlöst werden könne.“ – „Es ist wahr, sprach der Drache, auf dem Waßer fährt der alte Schiffer schon viele hundert Jahre lang; aber der Narr sollte nur einmal einen andern, den er übergefahren, in seinem Schiffe laßen und selbst aussteigen und sagen: „jetzt fahr du!“ so wäre er abgelöst. Wenn Du mich jetzt aber noch einmal im Schlafe störst, so werf ich Dich zum Bett hinaus.“ Nein, das wollte sie auch ganz gewiß nicht, sagte die Alte, und ließ ihn nun auch schlafen bis zum hellen Morgen; da flog er fort, wie gewöhnlich.

[256] Jetzt zog sie den fremden Mann, den sie hinter ihrem Bett versteckt hatte, hervor und fragte ihn, ob er Alles gehört habe? Ja, er hatte Alles genau gehört und bedankte sich vielmals bei der alten Frau, und als er Abschied nahm, schenkte sie ihm noch die drei Federn, die sie dem Drachen ausgezogen; die würden ihm Glück bringen, sagte sie.

Als der Mann nun auf seiner Rückreise an das Waßer kam, fragte der Schiffer, was der Drache gesagt habe. „Fahr mich nur erst hinüber! dann will ich Dir Alles erzählen,“ sprach der andre. Und als er nun ausgestiegen war, sagte er zu dem Schiffer: „wenn ihr das nächstemal wieder einen überfahrt, so müßt ihr selbst vor ihm aussteigen und sagen: jetzt fahr du! so werdet ihr erlöst sein.“ Da bedankte sich der Schiffer und wünschte ihm Glück auf den Weg. – Es dauerte auch nicht lange, so kam er bei dem Könige an und berichtete, was der Drache gesagt hatte. Darauf wurde die Prinzessin sogleich mit ihrem ersten Geliebten verheirathet und war von Stund an ganz gesund. Sodann ließ der König sein Sopha auftrennen, und fand richtig darin den Schlüßel zu seiner Schatzkammer und war darüber so vergnügt, daß er den Mann, der ihm wieder dazu verholfen hatte, reichlich beschenkte. Dieser wurde aber auch außerdem durch die drei Drachenfedern ein so reicher Mann, daß er sein Geld gar nicht aufzehren konnte.

Anmerkung des Herausgebers

[316] 73. Die drei Federn des Drachen. Mündlich aus Bühl. Verwandt ist Nr. 79, die Reise zum Vogel Strauß, und bei Grimm Nr. 29, der Teufel mit den drei goldenen Haaren. In Wolf’s deutschen Märchen und Sagen Nr. 28, des Teufels drei Federn; in Wolf’s Hausmärchen: die fünf Fragen S. 184.