Die Reise zum Vogel Strauß

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Textdaten
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Autor: Ernst Meier
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Titel: Die Reise zum Vogel Strauß
Untertitel:
aus: Deutsche Volksmärchen aus Schwaben, S. 273-279
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1852
Verlag: C. P. Scheitlin
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Erscheinungsort: Stuttgart
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Quelle: Google und Scans auf Commons
Kurzbeschreibung:
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[273]
79. Die Reise zum Vogel Strauß.

Ein reicher Graf hatte einen Bedienten, der mußte ihn begleiten so oft er eine Reise machte, und weil der Bursch immer treu, flink, fleißig und freundlich war, so hatte er ihn sehr gern. Indes einmal, als er wieder auf Reisen war, begieng der Bediente ein kleines Versehen; darüber ward der Graf so zornig, daß er den Burschen nicht mehr vor Augen sehen mochte und ihn mit einem Briefe an seine Frau heimschickte. In dem Briefe aber stand: „die Gräfin solle den Bedienten sogleich einsperren und ihm den Kopf abschlagen laßen.“

Nun wußte der Bursch zwar nicht, was der Graf geschrieben, war aber doch sehr traurig, daß er so bös auf ihn geworden sei und ihn allein fortgeschickt hatte; und viel Gutes werde in dem Briefe auch wohl nicht stehen, meinte er. Und wie er nun nur noch eine Tagreise bis zum Schloß des Grafen hatte und in einem Wirthshause übernachtete, und Abends ganz niedergeschlagen dasaß, fragte ihn der Wirth, woher er komme und wohin er gehe und was ihm fehle. Da erzählte er seine ganze Geschichte und zog zugleich den Brief des Grafen hervor. Der Wirth aber war ein pfiffiger Mann und sagte: den Brief gäbe ich nicht ab, wenn ich nicht wüßte, was darin stände, und beredete den Burschen, daß er ihn endlich aufbrach und las. Da sah er nun, daß der Graf ihn wollte umbringen laßen. Sprach zu ihm der Wirth: „hat der Graf solche Gedanken gegen Dich, so wollen wir ihm einen noch ganz anderen [274] Streich spielen; jetzt laß Du mich nur machen.“ Und sogleich nahm der Wirth Papier und Feder und Tinte, und machte ganz genau die Handschrift des Grafen nach und schrieb an die Gräfin: „daß sie den Bedienten, sobald er heimkomme, mit ihrer Tochter verheirathen solle.“

Das Ding schien dem Bedienten zwar gefährlich; allein da ihm der Graf doch einmal nach dem Leben trachte, so wolle er ihm auch erst einen rechten Anlaß geben und sich, wenn es angehen möchte, mit seiner Tochter verheirathen, meinte er; und wie er so an die junge Gräfin dachte, wurde er plötzlich wieder so vergnügt, daß er am andern Morgen ganz früh aufbrach, um so bald als möglich zu ihr zu kommen.

Nachdem er den Brief abgegeben, that die Gräfin sogleich, wie ihr Mann es befohlen; denn sie wußte, er war ein strenger Herr und konnte keine Widerrede leiden, sonst hätte sie ihm gar zu gern Vorstellungen darüber gemacht, daß sie doch ihre einzige Tochter nicht einem Bedienten zur Frau geben dürfe. Die Tochter aber war ganz wohl damit zufrieden, und so wurde sie richtig mit dem Bedienten ihres Vaters verheirathet.

Als der Graf nun nach einiger Zeit zurückkam und erfuhr, was seine Frau angerichtet, da hätte er vor Aerger und Zorn sich alle Haare ausreißen mögen und würde gewiß seine Frau umgebracht oder fortgejagt haben, wenn die Schrift nicht so treu nachgeahmt gewesen wäre, daß er gestehen mußte: „die Buchstaben sind so verdammt ähnlich, daß ich selbst den Brief hätte für echt halten können.“ – Nun [275] aber warf er einen noch viel größeren Haß auf den Bedienten, der sein Schwiegersohn geworden, und suchte ihn auf eine andre Art zu Grunde zu richten. Er that um der Leute willen, als ob er mit der Heirath einverstanden sei, zumal da die Tochter sich ganz glücklich fühlte, sagte aber zu seinem Schwiegersohne: „Ich gebe nur unter der Bedingung meine Einwilligung, daß Du mir nachträglich noch eine Feder aus dem Schwanz des Vogel Strauß holst.“ O, das wollte er recht gern thun, sagte der Schwiegersohn. „Und für mich,“ sagte die Gräfin, „frag den Vogel Strauß, wo mein Trauring geblieben sei.“ Das wollte er auch wohl thun, sagte er, und nahm Abschied von seiner jungen Frau und machte sich sogleich auf den Weg. Da freute sich der Graf schon im Stillen; denn er meinte nicht anders, als der Vogel Strauß werde ihn zerreißen und auffreßen.

Wie er nun schon ein gut Stück Wegs zurückgelegt hatte, kam er durch ein Dorf; und als die Leute ihn fragten, wo er hin wolle? und er es ihnen sagte, da baten sie ihn: „O frag doch den Vogel Strauß auch, warum denn unser Dorfbrunnen gar nicht mehr laufen will.“ Ja, das wollte er thun, sagte er und gieng weiter. – Nachdem er wieder eine weite weite Strecke gegangen war, kam er an einen breiten Fluß, über den führte keine Brücke; aber ein Mann stand da, der mußte jeden, der daher kam, hinübertragen und trug auch den Burschen sogleich hinüber und fragte ihn dann, wo er hinreise? „Zum Vogel Strauß,“ sagte er. „O so vergiß doch nicht und frag ihn, wie lange ich hier noch die Menschen hinüber tragen müße und wann ich endlich [276] erlöst sein werde?“ Nein, er wollte es nicht vergeßen und ihn schon fragen, sagte er und gieng weiter.

Nun mußte unser Wandersmann zwar noch durch vieler Herren Länder; aber endlich und endlich kam er an ein kleines Häuschen, da traf er ein altes Mütterchen und das fragte er: ob hier nicht der Vogel Strauß wohnte? Ja, der wohnte da, sagte sie; er sei aber ausgegangen und das sei nur ein Glück, denn sonst würde er ihn gewiß zerreißen; deshalb solle er nur geschwind machen, daß er wieder fortkomme. Als der junge Mann ihr nun aber sagte, was er Alles von dem Vogel Strauß wißen sollte und daß er auch eine von seinen schönen Schwungfedern dem Grafen bringen müße und deshalb nicht fortgehen dürfe, da versprach das Mütterchen, es wolle ihm beistehen und ihm durchhelfen, und versteckte ihn dann unter dem Bett.

Als der Vogel Strauß nun nach Haus kam, rief er sogleich: „Du hast Menschenfleisch hier; ich riech’s; gib’s her!“ „Nur gemach!“ sagte das Mütterchen; „es ist freilich ein Mensch hier gewesen, der wollte Allerlei von Dir wißen, was Du ihm doch nicht hättest sagen können.“ „Das wäre doch!“ sagte der Strauß. „Was wollte er denn wißen?“ „Ach,“ sagte das Mütterchen, „die Frau des Grafen läßt Dich fragen, wo ihr Brautring geblieben sei und meint, das wüßtest Du?“ „Nun, ich weiß es auch; die dumme Frau dürfte nur die Thürschwelle aufbrechen, so würde sie ihn finden; denn da ist der Ring durch einen Spalt hineingefallen. – Hat er sonst noch was wißen wollen?“ „Ja, warum der Dorfbrunnen schon so lange nicht mehr laufe; aber das [277] weißt Du gewiß nicht.“ „Nun, ich weiß es freilich,“ sagte der Strauß; „die einfältigen Bauern dürften nur den Frosch wegnehmen, der die Quelle verstopft, da würde der Brunnen schon wieder laufen.“ „Was Du nicht Alles weißt!“ sagte das Mütterchen. „Aber das hättest Du ihm doch gewiß nicht sagen können, warum der Mann beständig die Leute über’s Waßer tragen muß und wann ihn einmal Jemand ablösen wird.“ „O der Narr!“ sagte der Strauß; „er sollte nur den Ersten Besten, den er herüberträgt, in’s Waßer werfen und sagen: jetzt nimm Du meinen Platz ein! so wäre er frei. – Hat er weiter nichts gewollt?“ „O ja,“ sagte das Mütterchen; „er wollte für den Grafen etwas von Dir geschenkt haben; aber das war gar zu dumm, ich mag’s nicht einmal sagen.“ „O sag’s nur!“ rief der Strauß, „ich möchte es doch wißen.“ „Gibst Du mir’s, wenn ich es Dir sage?“ sprach das Mütterchen. „Ei warum nicht? sag’s nur schnell!“ Da sprach das Mütterchen: „er wollte eine von deinen Schwungfedern.“ Da machte der Strauß zwar ein grimmig Gesicht; weil er’s aber versprochen hatte, so riß er sich doch eine Feder aus und gab die dem Mütterchen und dachte nun nicht mehr an den Burschen, der die Nacht ganz wohlgemuth unter dem Bette zubrachte.

Am andern Morgen, sobald der Vogel Strauß ausgegangen war, rief das Mütterchen den Burschen und fragte ihn, ob er auch alles wohl gehört und verstanden habe, was der Strauß ihr gesagt? Ja, er hatte es gut gehört und sich gemerkt. Dann gab sie ihm die Feder und er bedankte sich viel viel Mal und trat vergnügt seine Rückreise an.

[278] Als er nun an das Waßer kam und der Mann ihn hinüber trug, fragte der, was der Vogel Strauß gesagt habe. „Bring mich nur erst hinüber!“ sprach der Bursch; und als er am andern Ufer stand, sagte er: „den Nächsten, den Du tragen mußt, den wirf in’s Waßer und sprich: jetzt nimm Du meinen Platz ein! dann bist Du erlöst.“ „Das hätte ich eher wißen sollen,“ brummte er vor sich hin. Der Bursch aber gieng tapfer weiter und kam dann auch bald in das Dorf und sagte den Bauern, sie sollten nur den Frosch aus dem Brunnen nehmen, und als sie das thaten, lief der Brunnen wieder ganz prächtig. Da schenkten sie dem Reisenden dreihundert Gulden als Belohnung für seine Mühe.

Nach vielen vielen Wochen kam er endlich wieder in das Schloß, daß der Graf sich nicht genug verwundern konnte. Dann sagte er der Schwiegermutter: ihr Trauring liege unter der Thürschwelle, und als sie die aufbrechen ließ, lag er richtig da. Dem Grafen aber sagte er: „der Vogel Strauß läßt Dich freundlich grüßen und schickt Dir da eine goldene Feder; wenn Du selbst aber einmal zu ihm kommen möchtest, so solltest Du so viele Schätze haben, als Du nur mitnehmen könntest.“ Da dachte der Graf, die Einladung müße er annehmen, denn die goldne Feder war gar zu schön und er hätte gern deren noch mehre gehabt, ließ sich deshalb von seinem Schwiegersohne den Weg genau beschreiben und trat sogleich die Reise zum Vogel Strauß an.

Nun kam er auch glücklich bis an ein Waßer, über das keine Brücke führte; aber alsbald trat ein Mann hervor und fragte, ob er ihn hinüber tragen solle. Ja, er möchte [279] es doch thun, sagte der Graf, denn er wolle zum Vogel Strauß. Da nahm ihn der Andere auf den Rücken und trug ihn bis in die Mitte und – plumps! warf er ihn in’s Waßer und sagte: „jetzt nimm Du meinen Platz ein!“ und machte, daß er fortkam. Der Graf krabbelte sich zwar bald wieder heraus, konnte aber nicht weiter und mußte nun da bleiben und die Leute durch’s Waßer tragen, und wenn ihn keiner abgelöst hat, so muß er’s noch heute thun. Sein Bedienter lebte indes seelenvergnügt mit der jungen Gräfin und bekam alsbald die ganze Grafschaft, und wenn ihn Niemand daraus vertrieben hat und er nicht etwa gestorben ist, so lebt er noch darin.

Anmerkung des Herausgebers

[317] 79. Die Reise zum Vogel Strauß. Mündlich aus Bühl. Verwandt ist Nr. 73, die drei Federn des Drachen. – Der Vogel Strauß steht hier statt des Greifen oder Drachen. – In Wolf’s deutschen Hausmärchen entspricht: der Jüngling im Feuer und die drei goldenen Federn S. 312. Im Norwegischen bei Asbjörnsen und Moe I. Nr. 5, der reiche Peter Krämer. Hier findet sich dieselbe Einleitung wie in der schwäbischen Erzählung und stimmt zu der Sage vom Kaiser Heinrich III, der in der Mühle zu Hirschau (Hirsau) geboren sein soll.