Die eiserne Jungfer

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Autor: G. H.
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Titel: Die eiserne Jungfer
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aus: Die Gartenlaube, Heft 43, S. 676–680
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1862
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[676]

Der Kerker unter der Fröschthurm-Mauer zu Nürnberg, mit der eisernen Jungfer
dem Richtsthule und dem Bock oder der Fiebel

[677]

Geöffnet.   Die eiserne Jungfer.   Geschlossen.

[678]

Die eiserne Jungfer.

Mit Abbildungen.


In keiner Sache hat sich leider der menschliche Verstand fruchtbarer an Erfindungen gezeigt, als bei der Zusammensetzung und Anwendung von Maschinen, den Nebenmenschen zu martern, ihn durch quälende Eindrücke zu Geständnissen, oft den ungereimtesten, zu zwingen. Man schaudert, wenn man die Menge verschiedener peinlicher Werkzeuge betrachtet. Von allen diesen Dingen hatte das Publicum Kunde, sie gehörten zum Gerichtswesen, – nur die sogenannte eiserne Jungfer blieb in der Nacht geheimer Kerker verborgen, und Niemand als der Verurtheilte und dessen Henker wohnten dem grausamen Verfahren bei. Es war natürlich, daß sich über ein so verborgenes Ding allerlei Vermuthungen bildeten. Nach den verbreitetsten Annahmen sollte die Jungfer aus einer der Frauengestalt nachgeformten Figur bestehen, welche das Schlachtopfer umarmen mußte. Kaum war diese Umarmung geschehen, so öffnete der weibliche Unhold seine mit furchtbaren Messern bewaffneten Arme, zerschnitt den Verurtheilten, und durch plötzliches Oeffnen einer vor der Figur befindlichen Klappe sanken die zerfetzten Körpertheile in das unter dem Kerker dahinströmende Wasser, welches jede Erinnerung, jeden Beweis vernichtete. Die Execution ward durch eine Maschinerie bewirkt, welche der Verurtheilte, indem er auf die Jungfer zutrat, selbst durch den Druck einer im Fußboden befindlichen Feder in Bewegung setzte. – Abgesehen von den verschiedenen Unwahrscheinlichsten in Betreff des Wassers, der genauen Ausübung der Execution durch eine Maschine etc., bleibt es immer fraglich, wozu die Richter mit einem zum Tode Verurtheilten so viele Umstände gemacht haben, da sie doch in weit kürzerer Weise ihren Zweck erreichen konnten; außerdem aber findet sich die ganze Tödtungs- oder Peinigungs-Art in keinem deutschen Criminal-Werke, während alle anderen Torturen in den Gerichts-Ordnungen enthalten sind.

Es sind nun aber viele jener entsetzlichen Werkzeuge unbekannt geblieben, und namentlich ist die „eiserne Jungfer“ unstreitig nur mit großer Vorsicht, umgeben von dem Schleier des tiefsten Geheimnisses, angewendet worden. – Es ist übrigens merkwürdig, daß kein Land unserm Vaterlande den Ruhm streitig zu machen sucht, die gräßliche Maschine einzig und allein benutzt zu haben. Alle Andeutungen über eine „Mater dolorosa“ in Spanien, eine „Maiden“ in Schottland und dergl. sind ohne sichern Anhaltspunkt, und das in England fungirende Strafinstrument, „des Gassenkehrers Tochter“, mit welchem der berüchtigte Guy Fawkes gemartert wurde, ist ganz anderer Beschaffenheit. Unter den Alterthumsforschern Deutschlands hatte Niemand der Sache Aufmerksamkeit geschenkt. Erst im Jahre 1832 kamen Aufklärungen über den jedenfalls für die Culturgeschichte des Mittelalters interessanten Gegenstand. Ein Engländer, Tearfall, bereiste Deutschland in der Absicht, die „eiserne Jungfer“ aufzufinden. Es sieht das ganz englisch aus, und die Beharrlichkeit des Mr. Tearfall brachte ihn endlich auch zum gewünschten Ziele.[1] Er durchforschte zuerst sämmtliche Orte am Rhein, in denen eine „Jungfer“ gestanden haben sollte. Man bezeichnete Mainz und das Schloß Königstein bei Frankfurt a. M. als ehemalige Standpunkte des Werkzeuges. Tearfall fand nichts mehr vor. Er ging nach Salzburg, woselbst eine Stelle in der Folterkammer des Schlosses gezeigt wird, an welcher sehr wohl eine Maschine gleich der gesuchten stehen konnte. Tearfall fand räthselhafte Klappen, unter denselben eine Kammer, alles Dinge, die man heute noch daselbst sieht, aber kein Exemplar der Maschine. Er holte Erkundigungen aus Schwerin, Ambras, Prag und Berlin ein, bereiste verschiedene Städte, entdeckte aber nirgends den gesuchten Gegenstand. Endlich fand er, wenn auch nicht das Bild selbst, doch einigen Anhalt in Nürnberg. Im Jahre 1792 gab ein Doctor C. Siebenkees, Professor der Rechte, „Materialien zur Nürnbergischen Geschichte“ heraus. Es heißt darinnen: „A. 1533 ist die eiserne Jungfer für die Maleficanten an der Fröschthurmmauer gegen die 7 Zeilen aufgerichtet worden, so man öffentlich zu justisiciren angestanden, und das heist man: „die armen Sünder nach Fischen schicken“, denn darinnen ein eisern Bildniß, 7 Schuh hoch, welches beede Arme gegen den Maleficanten ausbreitet. Sobald der Henker den Tritt davon berührt, haut es mit breiten Handsäbeln zu Stücken, welche Stücke die Fisch in verborgenen Wassern schlucken.“ Siebenkees bezweifelt indessen die Wahrheit der Sache. Es ist aber doch so, wie er oben angeführt. Es sei hier gleich bemerkt, daß die in den Materialien erwähnte Jungfer dieselbe ist, welche heute wieder in dem unterirdischen Kerker steht; da wir sie unten näher beschreiben wollen, so sei zunächst nur ihrer Schicksale gedacht.

Tearfall fand sie nicht vor. Er untersuchte die Marterkammern des Rathhauses – umsonst. Von dem Archivare der Stadt, Dr. Mayer, erfuhr er aber, daß die Jungfer wirklich an der von Siebenkees angeführten Stelle gestanden habe. Er (Mayer) habe selbst noch einige Stücke der dazu gehörigen Maschinerie gesehen, die Figur sei aber verschwunden. Seiner Ansicht nach habe dieselbe auf einer Fallklappe gestanden, den Körper des Verurtheilten zerschnitten, und die Stücke seien dann in ein darunter hinfließendes Wasser gefallen. Indessen könne er keine genaue Beschreibung der Operation geben. Tearfall besuchte auch den Ort, wo die Jungfer gestanden haben sollte; er fand, wie immer, nichts.

Der trostlose Engländer eilte nun nach Wien; er hoffte Ruhe zu finden, die „eiserne Jungfer“ war auch für ihn ein Marterwerkzeug geworden. Ein Führer hatte ihm in Nürnberg erzählt, daß drei Tage nach dem Einrücken der Franzosen in Nürnberg die eiserne Jungfer nebst anderen Marterwerkzeugen fortgeschafft und nach Oesterreich gekommen sei. In Wien hörte er, daß allerdings auch hier ein solches Instrument gestanden habe, doch fände sich keine Spur davon. – Endlich sollte in Wien dem unermüdlichen Tearfall der Lohn werden. Er erfuhr, daß ein vollständiges Exemplar der eisernen Jungfer sich in der Sammlung des Barons von Dietrich auf dem Schlosse zu Feistritz befinde. Dahin eilte Tearfall und war so glücklich, die lang Gesuchte zu finden. Der Baron von Dietrich, allen Freunden des Alterthums bekannt, hat eine berühmte Waffensammlung. Unter vielen Raritäten besaß er auch ein Exemplar der eisernen Jungfer. Offenbar war es dasselbe, welches ehemals in Nürnberg gestanden hatte. Nach den Erzählungen des Besitzers hatte er es von einem Manne gekauft, der es aus Nürnberg, während der französischen Besetzung, mit verschiedenen andern Dingen erhalten haben wollte. Soviel über Tearfall und seine Forschungen.

In neuerer Zeit hat in Nürnberg der verdienstvolle Herr Dr. Geuder, der eine sehr interessante Sammlung von mittelalterlichen und neueren Rechtsalterthümern in einem Gemache der Burg zusammengestellt hat, auch das Exemplar der eisernen Jungfrau wieder für Nürnberg gewonnen und dasselbe an dem schon Tearfall bezeichneten und von ihm durchsuchten Orte aufstellen lassen. Ob die Figur dieselbe, wie die früher im Besitze des Barons von Dietrich gewesene sei, konnte Schreiber dieses nicht ermitteln, doch wurde ihm gesagt, daß die Figur in Oesterreich gekauft worden sei. Kommen wir nun zur Besichtigung des Ortes und der Figur selbst, woran sich dann einige Ansichten reihen mögen. Die Straße in Nürnberg, die „sieben Zeilen“ genannt, wird von der alten Stadtmauer begrenzt. Dicht neben dem jetzt neuerbauten Thore, Max-Thor genannt, findet sich ein mit starkem Gitterwerk verschlossener Eingang, welcher in die Tiefe hinab und auf einer dreißig Stufen zählenden Steintreppe in das Innere der casemattirten Bastions-Mauer führt. Die Führerin hat dem Besucher schon vorher Lichter angezündet und geleitet ihn in einen rechts unter der Mauer entlang führenden schmalen Gang, welcher in verschiedene Kammern getheilt ist, die ihr Licht durch runde, in der Wölbung befindliche Löcher erhalten. Jede dieser Kammern beherbergt eines der größeren Folterwerkzeuge, z. B. die schlimme Lisel, einen Panzer, einen Stachelstuhl, eine Streckleiter, eine Wiege etc. Die oben befindlichen Löcher der Wölbungen rühren augenscheinlich von früher dort über dem Gange angebrachten Gemächern her, welche sich wohl im Innern des nun abgebrochenen Fröschthurmes befanden. Sie dienten zum Hinunterlassen des Gefangenen, auch wurden wohl durch jene Oeffnungen die Resultate des peinlichen Verfahrens den oben sitzenden Richtern zugerufen. Am Ende dieses ersten Ganges befindet sich nun, genau im rechten Winkel zusammenstoßend, ein zweiter schmälerer Gang, der theilweis in den Fels gehauen erscheint. Man empfindet [679] Grabesschauer, indem man ihn betritt. Keine Spur von Tageslicht dringt in das entsetzliche Gewölbe, ein Moderduft haucht dem Vorschreitenden entgegen; der Gang wendet sich links, man gewahrt die Spuren von vier eisernen Thüren und einen etwas breiteren Raum, vermuthlich den Aufenthaltsort einer Wache; dann wieder rechts sich wendend, steht der Besucher in einer finstern Höhle, deren Wände von dein herabsickernden, fauligen Wasser blitzen. Das Licht der Führerin fällt auf einen schauerlichen Gegenstand: wir stehen vor der „eisernen Jungfer“.

Die entsetzliche Maschine befindet sich genau auf derselben Stelle, auf welcher sie ehedem ihre furchtbaren Dienste leistete. Die Figur ist sieben Nürnbergische Fuß hoch und hat die Tracht einer Nürnberger Bürgerfrau des 16. Jahrhunderts, im Mantel mit der Haube auf dem Kopfe, wie die nebenstehende Abbildung zeigt. Mit dicken Eisenplatten bedeckt, aus Schienen und Stangen zusammengesetzt, von der feuchten Luft triefend und mit Rost bezogen, macht sie einen grauenerregenderen Eindruck, als die Bilder gewisser indischer Götzen, denen Menschenopfer dargebracht werden. Die Vordertheile bilden zwei mit eisernen Handhaben versehene Klappen, welche durch Charnierbänder mit der Hinterseite verbunden sind.

Inwendig befinden sich verschiedene Dolchspitzen. Betrachtet man den Untertheil der Figur, so bemerkt man, daß dieselbe auf einer hölzernen, mittelst Schieber zu öffnenden Klappe steht. Nachdem die Klappe geöffnet ist, sieht man in eine viereckige Röhre hinab und gewahrt durch ein hinuntergelassenes Licht am Ende derselben Wasser. Es hat auf den ersten Blick den Anschein, als sei die Maschine lediglich zur Tödtung bestimmt gewesen. Bei genauerer Betrachtung läßt sich jedoch Manches dagegen einwenden. Die Spitzen scheinen von einer anderen Arbeit, als der Eisenüberzug der Figur; aber warum sollten sie auch nur zum Tödten gedient haben? und war, wie schon oben bemerkt, der Verurtheilte so vieler Umstände werth? wenn aber die Tödtung vollstreckt war, so hielten die Spitzen den Körper in der Figur fest, und das Hinabfallen desselben in das unterirdische Wasser war unmöglich, das Wasser selbst aber unnütz. Es hätte ferner nur des Zuschlagens der mit Spitzen versehenen Vorderklappen bedurft, um dem in der Figur befindlichen Maleficanten den Garaus zu machen. Man gewahrt aber gegenüber von der „Jungfer“ ein in die Wand gemauertes Instrument, genau wie unsere Wagenwinden gestaltet. Das hintere Ende hängt in einem Charniere, und so konnte die Winde horizontal gegen die Figur gerichtet werden. Befand sich der Verurtheilte nun in der Maschine, so ward das Kurbelrad gedreht, und das vordere, mit einem breiten, halbmondförmigen Eisen versehene Ende preßte gegen die zusammengelegten Vorderklappen und übte einen furchtbar quälenden Druck auf den in der Maschine Eingeschlossenen. Sollte er getödtet werden, so war die Presse überflüssig, denn das Zuschlagen der Klappen mußte sofort tödten. Es scheint indessen, daß die Spitzen wohl später angebracht worden sind, vielleicht um das Grauenhafte des Eindrucks zu erhöhen, vielleicht sind sie auch kleiner und an anderen Stellen befindlich gewesen, um nur Schmerzen, nicht aber den Tod herbeizuführen. Jedenfalls war dieser Grad der Tortur ein sehr schwerer, und es begreift sich leicht, welche Marter der Eingeschlossene ausstehen mußte, wenn immer dichter und dichter die Klappen sich gegen ihn preßten; und gewiß hat es häufig genug keiner Dolchspitzen bedurft, um einen Getödteten in der Maschine zu finden.

Uebrigens erzählt schon Tearfall, daß die zu Feistritz befindliche „Jungfer“ mannigfacher Reparaturen bedurft hätte; es ist möglich, daß die Spitzen vergrößert und vermehrt wurden, wenn anders das Nürnberger Exemplar das früher zu Feistritz befindlich gewesene ist. Das unter der Figur sichtbare Wasser konnte ich nicht genauer untersuchen. Es soll nach den eingezogenen Erkundigungen sich in einen Canal verlaufen, der seinen unterirdischen Ausfluß in dem Garten der höchst angesehenen Familie Plattner haben soll, ein Garten, welcher vor der Stadtmauer liegt. Es entsteht immer wieder die Frage, wozu ein geheimes Verfahren des Wassers bedurft hätte. Richter, die mit so empörender Verachtung aller Menschenrechte verfuhren, bedurften wahrlich keines unterirdischen Canales, um ihre Opfer zu beseitigen; es ist jedoch möglich, daß die während der Tortur Gestorbenen in die Cloake gesenkt wurden, um jede Verantwortung der Richter überflüssig zu machen, denn eigenthümlicher Weise lautete ein Paragraph der Gerichtsordnung bei peinlichem Verfahren: „Dem zu Marternden solle Nichts zum Schaden an seinem Leibe und Leben geschehen.“!! Auf der Oberfläche der über dem Wasser befindlichen Klappe sieht man deutliche Spuren von Rinnen, welche muthmaßlich Federn bargen, deren Kraft die Maschine schneller öffnete. Ob die Klappen, mittelst der Charnierbänder sich in einer Kreislinie gegen den Körper des Gemarterten bewegend, die Anwendung der Stacheln überhaupt möglich machten, bleibt zu untersuchen und sehr fraglich.

Aus dem bisher Gesagten geht hervor, daß die eiserne Jungfer eben kein Tödtungs-, sondern nur ein Peinigungswerkzeug war, daß aber ihre Anwendung mit großer Heimlichkeit betrieben wurde und daß schließlich das zu Nürnberg befindliche Exemplar eine der größten Seltenheiten ist, welche aus vergangenen Jahrhunderten zu uns herübergekommen sind. Das erste Auftauchen eines solchen Strafverfahrens laßt sich natürlich schwer nachweisen. Folterungen durch Einpressen des Körpers sind häufiger, z. B. das sogenannte neue Mecklenburger oder Strelitzer Instrument, eine Lade, in welche der Verurtheilte hineingepreßt wurde; wahrscheinlich ist es dasselbe, welches in England, durch den Herzog von Exeter eingeführt, nach ihm „des Herzogs von Exeter Tochter“ genannt wurde. Die Außenseite dieses Instrumentes war muthmaßlich mit dem Bilde einer Frau bemalt und dürfte demnach Aehnlichkeit mit der „eisernen Jungfer“ gehabt haben. Letztere war übrigens schon vor der Publicirung der Halsgerichtsordnung Kaiser Karl’s V. in Thätigkeit und scheint nur ferner bestätigt worden zu sein. Die Stadt Wittenberg besaß erweislich schon 1509 nicht eine, sondern zwei „eiserne Jungfern“. Nach den Rechnungen der Stadtkämmerei wurden die Maschinen in jenem Jahre bereits reparirt, waren also schon längere Zeit in Gebrauch. Die Rechnungsbeläge sagen:

A 1509 iiij gl. vor zweyen Jungfrawen in das gefenchnis weyter zu machen und vor iiij gelenckenn zu machen.
1 gl. vor zcwey gelencke zu eyner Jungfrawen in das gefenchnis gemacht und di Kette alzo hiemit gebessert.

Fällt nun auch die romantische Zuthat der Umarmung des Verbrechers, so wie mancher zur Ausschmückung erfundene Gegenstand weg, so bleibt die ganze Procedur der eisernen Jungfrau dennoch eine höchst merkwürdige und die Phantasie in schauerlicher Weise erregende. Besonders trägt dazu die Verborgenheit bei, welche die Schreie der unglücklichen Opfer an den Wänden der Kerker verhallen ließ. In der That scheinen die durch Anwendung der eisernen Jungfer erpreßten Geständnisse immer wichtiger Art gewesen zu sein, es bezeugen dies Vorsichtsmaßregeln, welche man bei der Wahl des Ortes traf, an welchem die Maschine aufgestellt wurde. Recht anschaulich wird dies bei Betrachtung der Localitäten zu Nürnberg. Sie lassen überhaupt einen tiefen Blick in das Getriebe mittelalterlichen Justiz-Verfahrens thun. Gleich hinter der Eingangsmauer mündet ein erst in neuerer Zeit zugemauerter Gang, welcher mit dem zu den Marterkammern führenden in unmittelbarer Verbindung steht. Der Ausgangs- oder Eingangspunkt zu diesem Gange soll im sogenannten Bannerhause gewesen sein, welches nicht weit von der Stadtmauer entfernt liegt und bekanntlich im Mittelalter ein wichtiger Ort für die Angelegenheiten der Stadt war. Die vollständige Verschließung des Ganges ließ keine Besichtigung desselben zu. Tearfall hat ihn jedoch noch offen gefunden und beschrieben. Er fand in der Mitte des Ganges einen halbkreisförmigen Raum, in welchem noch ein steinerner Tisch und eben solche Sitze befindlich waren; drei Stufen führten zu diesem Richterstuhle. Die dem Gerichte Ueberlieferten wurden wahrscheinlich durch den in der Bastionsmauer befindlichen Eingang in den Thurm, und später vor die Richter gebracht; durch den vom Bannerhause auslaufenden Gang brachte man aber jedenfalls die im Geheimen Verhafteten, deren Loos es dann später vielleicht war, in die furchtbare Maschine der „eisernen Jungfer“ zur qualvollen Erpressung von Geständnissen gesteckt zu werden. Die Bewunderer des Mittelalters müssen natürlich Schwurgerichte sehr prosaisch finden; mögen sie die Kerker unter den Stadtmauern Nürnbergs besuchen, die entsetzlichen Strafinstrumente betrachten – wahrlich nirgends fühlt man lebhafter die Wohlthaten des Fortschrittes und der lichtvollen Rechtspflege als in dem Bereiche jener Kerker, deren Wände selbst ungeheuren, geschlossenen Mundöffnungen zu gleichen scheinen, denen das Entsetzen die Lippe schloß.

Kein Besucher Nürnbergs versäume die Besichtigung dieser Räume. Es ist noch Vielen unbekannt, daß die „eiserne Jungfer“ sich hier befindet; selbst die neueren Reisehandbücher enthalten noch [680] keine Notiz darüber, erwähnen auch der Kerker nicht; um so mehr wollen wir hier darauf aufmerksam gemacht haben. Die Besichtigung wird sehr bereitwillig durch die von Herrn Dr. Geuder dazu bestellte Führerin gestattet, und es sei ihm der Dank aller für die Geschichte einer so wichtigen Stadt wie Nürnberg sich Interessirenden ausgesprochen, daß er es vermochte, ein selten gewordenes Ueberbleibsel der Nachwelt zu erhalten und es seinem ursprünglichen Standorte wiederzugeben.

G. H.



  1. Tearfall übergab die Resultate seiner Forschungen der Society of Antiquaries zu London. Sie finden sich in dem Bericht der von der Gesellschaft herausgegebenen Archaeologia or micellanous tracts related to Antiquity, Vol. 27 London 1838. 4°. unter dem Titel: The kiss of the virgin (der Jungfernkuß).