Die ersten Emigranten und ihre Schicksale

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Autor: Eduard Schulte
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Titel: Die ersten Emigranten und ihre Schicksale
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aus: Die Gartenlaube, Heft 18, S. 684–687
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1890
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Die ersten Emigranten und ihre Schicksale.

Von Eduard Schulte.

Am 10. Iuli "1'.'00 erhielt der Kvmmandant von Valeneiennes, Graf Eßterhazy, ein in französischen Diensten stehender .Ofsizier aus einem bekannten ungarischen Hause und mit der französischen Königsfamilie persönlich befreundet, spät abends die Auflagerung, sich auf dem Pvstamt einzustndem Als er dieser W^ispna, nachkam, traf er den eben aus Pari.s angelangten jüngsten Bruder des Kvntgs, den Grafen van Artvis, an, und Briefe l.'on der Hand Ludwigs ^1. und Marie Antainettens wieselt ihn an, Sorge zu tragen, daß der Graf, seine Söhne und seine Begleiter ungefährdet bie.Landesgrenze erreichen buntem Wenige Tage vorher, um 1.4.. Iuli, hatte die Erstürmung der Pariser Bastille die Neihe der Gewalkhätigkeiten der Nevolutionszeit er,- öffnet, unb der König hatte feinem Bruder, der als Führer des hochmütigen Hofabels in der Hauptstadt besonders verhaßt war, zn deflen eigener Sicherung den Befehl gegeben, das Land so lange zu verlassen, bis der Unwille gegen ihn sich gelegt habe. Am folgenden Tage kamen auch die Söhne des Grafen von Artvis, der Herzog van Angoul^me und der Herzog von Berry, in .^alenrtennes an. Mit ihnen und den Begleitern berieth sich der Graf, wohin er sich wenden solle, und er beschloß, sich zunächst nach Brümsel zu begeben. Eßterhazy versah die Neisenden mit einer berittenen Schutzwache und begleitete den Grafen von Artvis bis zur Grenze. Dieser sagte gleichmüthig: "In drei Monaten .spmmen wir wteder.'^

I,n Rüssel stetste sich Artois der Negentin der damals .österreichischen Niederlande, des heutigen Belgiens, vvr, der mit dem Herzoge von Sachsen-Teschen vermählten Erzherzogin Marie Ehristine. Diese befragte ihren Bruder, heu Kaiser Ioseph l1., wie sie sich gegen die Fremden zu verhalten habe. Der Kaiser fürchtete Unznträglichkeken von dem Aufenthalte des Grafen und verlangte, daß er Brüflel verlufle. Der Graf reiste darauf in langsamen Tagereisen südwärts bnrch die Schweiz, und nachdem erflch vergewissert hatte da^ feinSchwiegervater, der König von

Sardinien, ihn ausnehmen werde, ließ er sich in Turin nieder. Seine Gemahlin, seine beiden Söhne und einige Herren und Damen des hohen französischen Adels nahmen dort ebenfalls ihren Ausenthalt. Nach ihnen kamen viele andere Franzosen. Man führte drohende Neben gegen die Machthaber in Paris. Ehviseul, der französische Gesandte in Turin, bemerke mit Unruhe, daß die Franzosen sich gegenseitig aufregten und in Drohungen überboten. Ebenso wie der sardinische Hof sing er an, ihre Gegenwart als unbequem zu empsinden. Er meldete nach Paris, daß der Graf von Artois viele Berathungen mit feinem Haushofmeister habe, denn das Geld sei knapp; der Hoshalt des Grafen bestand aus zweiundachtzig Personen.

Mit dieser Wanderung des Grafen von Artois beginnt die französische Emigration, und des Grafen Beurtheilung der politischen Lage, sein Verhalten und seine Schicksale schon bis zu diesem Augenblicke sind für die Emigranten unter dem Hosabel gleichsam vorbildlich. Er und seine Freunde und Genossen meinten, man habe die Schreier in Paris und Versailles nicht rechtzeitig zur Nuhe verwiesen; es sei nothwendig, daß man das bald nachhole, damit der Aufenthalt in der Fremde sich nicht auf halbe Jahre erstrecke. Er und die Seinigen wurden zugleich lästige Gastfreuude, denn sie waren unruhig, anspruchsvoll und nur für eine kurze Neise mit Gelb versehen, und ihre Haltung zu den Vorgängen in Frankreich mußte den Fürsten und Staatsmännern, in deren Ländern sie sich niederließen und die mit den Behörden des mächzigen Nachbarlandes keine Weiterungen haben wollten, unbehaglich und bedenklich sein.

Von der unbedingten und ausschließlichen Berechtigung der Königsmacht und der Adelsprivilegien, wie sie sich bis dahin entwickelt hatten, fest überzeugt, genußsüchtig, leichtlebig, oberflächlich, unbelehrbar, selbstbewußt und mißtrauisch, war der Graf von Artvis das überhaupt und der vornehmste Vertreter jener Emigranten, die für Frankreich, für die königliche Sache und für sich selbst [685] ^um Verhängest würben. Er hauptsächlich hat die Lehre aus-, gebildet, daß man nicht Frankreich bekämpfe, wenn .man die.Ne.- Gerungen bekämpfe, welche n11^echtmäßigerwrife dort beständen"

Dem .Satze, daß die Ellligratiou ein Fehler gewesen fei, b^ man gewiß den anderen entgegenstellen, daß es geratener war, aus,. zuwandern, als sich guillotinieren zu lassen. Aber wer abwanderte, betrat einen mtßuchen Weg, wenn er die fremden Mächte zn einem Kriege gegen Frankreich ausstachelte und gegen die vater. lundischeu Heere stritt. Selbst ein Bürgerkrieg, von dem für seine und des Königs Vorrechte eintretenden Adel allein ausgrsochten, konnte der Sache, für welche dieser Adel eintrat, nicht so unheil. baren Schaben bringen wie die Verbindung mit dem Auslande" Freilich ist es leichter, ans der Kenntni^^^ Ereignisse nachträglich in kühler Erwägung eine salche Lehre zu ziehen, als es für den Grafen Artois und seitte Gesin. nung^genossen war, die,- ^ fer Lehre nicht entgegen- ^handeln ; die über-, komtnene Stellung und .Lebensanschauung trieb sieeinmalaufdiesen Weg.

Der Graf von Artois bekrachtete sich, da seitt äkerer Bruder, der Gras vv)'t Provenee, erst im Iuni 1^01 Frattkreich

verließ, zunächst als den geboren en Lei ter der fran- ^^chen Politik im Aus- ltmoe, und sein Beirath war der starrsinnige und verblendete Ealonne, der frühere Finanzminister. Von Turin aus, auf Neflen durch Italien uud Denrschland^ durch Zu, sammenkünste mit den Monarchen von Oester,- reich und Prenßett, ttnd

sek.dem Iuli 1'..0.1 von Koblenz aus suchte er einen ^eldzug verbünde- ter Herrscher gegen das neue Frankreich zustattde zu bringen, damit dort, mit Ludwig ..^1. oder auch ohne ihn und selbst gegen ihn, das alte Kb^ nigthum und die altett Adelsvorrechte wieder. hergebt würdenDaß Fraulich an Oesterreich uud Preußen den Krieg erklärte - es geschah im April .1^02 --^ war nicht zum geringsten Theile die Schuld des Grafen Artois. l^t^.üuschungen und Demütigungen, die ihtn die fremden H.b.fe. bereiteten, die Geldverlegenheiten, die ihn fast beständig drückten, die Mahnungen .Ludwigs .....^1. und die Bitten der Königin, sich ruhig zu verhalten und die ihnen drohenden Gesahren nicht zu vermehren, machten ihn nicht besonnener und vorsich.tjger. Kein Emigrant hat so verderblich aus das Schicksal des Königspaares uud auf den Gang der Dinge .in Frankreich eingewirk wie der Graf von Artois, und als er im Jahre 1814 aus England nach Frankreich zurückkehrte, war er unter den Bourbonen derjenige, auf den am meisten der Vorwurf paßte, daß fie^ "nichts gelernt nnd nichts vergessen" hätten.Weniger unbesonnen als der Graf von Artois war dessen älterer Bruder, der Graf von Provence, der ebenfalls ttach Koblenz kam und nun, im ^ Wett.n^m mit Artois . mch auf das Vorrecht des Aekeren gestutzt, in die Parteileitung mit eingrsss. Obwohl er in jenen Jahren alle Einbildungen der Emigranten teilte, lernte er in entbehrungs- und erfahrungsreicher Verbannung die Menschen und Dinge richtiger schätzen, so daß er, im Jahre 1814 auf den französischen Thron als .Ludwig ..^^Ul. berusen, wenigstens den übertriebensten Ansschreitungen seiner ehemaligen Genossen entgegellzntreten wnßte und überhaupt mehr Herrscher. gaben entfaltete als seine Bruder.

Der dritte Letter der Emigration, und zwar der miktä. rischen, ist der Prinz von Eonde. der .unter den hervor,. ragenden Emigranten am meisten Kriegsersahrung hatte. Er war mit seinem Sohne, dem Herzog von Bourbou. und mit seinem Enkel, dem Herzog von Enghien, auch erst in Turiu und hielt sich dann meist in Worms aus

Die Versuche diefer Prinzen, von Turin aus eine Erhebung königlich gesinnter Blutern und der dem Könige treu gebliebettett Regimenter zu bewirken, hatten ge- ringen Erfolg. Dagegen blieben ihreAussorderun- gen, daß waffenfähige Adlige zu ihnen stoßen nnd Soldaten zu ihnen desertieren möchten, uicht wirkungslos, und auf eine erste Entigratiott derer, die sich im . Ans. lande in Sicherheit zu bringen suchten, folgte eitte zweite, die man die " ehrenhalber " oder znr Verteidigung von Throu und Altar uuter- uommeue nannte. Außer detn Hofadel und adligen ttnd bürgerlichen Solda- ten gehörten zu ihr anch viele Geistliche, welche die sie zu Staatsdienern erklärende Verfassung nicht beschwören wollten, uud Mönche und Non. tten, die man aus ihren Klöstern vertrieben hatte ; der Umlauf der Assigna- ten, jenes Papiergeldes, das Zwangskurs haben sollte und dessen Werth

beständig sank, und die willkürliche Festsetzttug der Getreidepreise ver. anlaßten zahlreiche Ge. schäftsleute, Länder ans- zusuchen, wo Handel und Wandel besser geschützt Auflösung der össent. lichen Ordnung, die Machtlosigkeit der ordentlichen Gerichte, die Möglichkeit, genteine Rachsucht und Habsucht dadurch zu be- sriedigeu, daß man aus aristokratische oder sreiheitsfeindliche Ge-- sinnung denunzierte, um dann den Denunzierten verhaftet zu sehen und von der Einziehung und dem Verkauf der Güter desselben selber Nutzen zu habeu, vergrößerte von Woche ztt Woche die Zahl der Auswanderer"

Hatten die ersten Emigranten gemeint, daß der Aufent. halt in der Fremde eine Art Vergnügungsreise von einigen Monaten sein werde , so . nahm man nun die Sache erttster und richtete sich aus eine längere Abwefenheit ein. Belief fich die Zahl der Emigranten, die im Sommer 1^00 attswan. derten, auf Hunderte, so zählte man im folgenden Jahre schon Taufende; man rechnet, daß im Herbst 1^00 täglich dnrch- schnittlich '^5 Reifewagen mit Emigranten Paris verließest. Im November 1^01 wurde die Zahl der Emigranten amtlich auf mehr als 200000 geschätzt. [686] –o 686 n– Dem Zuge der Emigranten hätte das Königspaar, wenn es auf dem Wege zur Ostgrenze keine treuen Truppen mehr vorfand, mit seinen Kindern sich gern angeschlossen, aber bekanntlich wurde es, nachdem es Paris heimlich und unbehelligt verlassen hatte, am 21. Juni 1791 in Saint-Menehould erkannt, in Varennes angehalten und nach Paris zurückgeführt. Einige Monate früher waren zwei Tanten des Königs, Töchter Ludwigs XV., noch glücklich über die Grenze gekommen, freilich erst, nachdem sie unterwegs vielfach belästigt und zwölf Tage gefangen gehalten worden waren.

Anfangs legten die Behörden der Auswanderung keine Hindernisse in den Weg, verlangten auch keine Pässe, und es galt dann nur, dem rohen und unberufenen Eingreifen des Pöbels zu entkommen, der hier und da die Reisenden als Aristokraten festhielt. Im November 1791 aber wurde auf die Ansammlung bewaffneter Landesangehüriger an den Grenzen Todesstrafe gesetzt, und seit dem März 1792 durfte niemand das Land verlassen, ohne mit einem Passe versehen zu sein. Meinte die Behörde, Grnnd zum Mißtrauen zu haben, so verweigerte sie den Paß.

Wie die Dinge einmal standen, wurde nun die Ausstellung der Pässe von höheren und niederen Beamten zu Erpressungen benutzt. Man knüpfte die Bewilligung eines Paffes an Geldzahlungen, und es kam vor, daß ein Paß 10000 Franken kostete.

Es wurde Sitte, in allerlei Verkleidungen über die Grenze zu gehen, wie denn der Graf von Provence als Diener seines Begleiters gekleidet entkam. Frau von Staöl, die sich in jenen Jahren in der Schweiz aufhielt, rettete eine Anzahl von ihren bedrohten Freundinnen in Paris, die ihres vornehmen Namens wegen auf keine Paffe rechnen durften, auf folgende Weise: sie suchte in der Schweiz eine Frau, deren Signalement hcm einer bestimmten Freundin ungefähr glich, und bestimmte sie durch Geschenke, mit einem schweizer Passe nach Paris zu reisen. Dort lieferte die Schweizerin den Paß au die betreffende Freundin ab, und diese konnte nun, indem sie den Paß als den ihrigen vorwies, als angebliche Schweizerin ungefährdet Paris und Frankreich verlassen. War sie in der Schweiz in Sicherheit, so wandte sich die Schweizerin in Paris an den dortigen Vertreter ihrer Heimath und ließ sich, weil sie den ersten Paß verloren habe, einen zweiten ausstellen, mit dem sie dann nach der Schweiz !

zurückkehrte. Auswanderungslustige Damen, welche allein standen oder, um die Entdeckung zu erschweren, vhue die männlichen Mitglieder ihrer eigenen Familie oder getrennt von ihnen reisen wollten, verfielen auf folgendes Auskunstsmittel: sie wandten sich an Ausländer, namentlich an Schweizer, und gewannen sie gegen Entgelt dafür, daß sie sich mit ihnen in bürgerlicher Eheschließung zum Schein verheirateten. Ein solches junges Paarsnchte dann um eineu Reisepaß nach, und die Behördeu verweigerten diesen einem Ausländer und seiner Frau nicht, nachdem sie sich durch Einsicht in das die Eheschließung bekundende Aktenstück überzeugt hatten, daß das nachsuchende Paar wirklich verheirathet, die französische Frau also nunmehr die Bürgerin eines anderen Staates war. Der Mann brachte hierauf mit Hilfe des Paffes seine angebliche Frau über die Grenze und kehrte nach Paris zurück, um sich mit einer anderen Frau, die sich seiner Beihilfe bedienen wollte, wieder trauen zu lassen und dasselbe Spiel zu wiederholen. Ein Schweizer, der diese Art von Paßbeschaffung geschäftsmäßig und mit beträchtlichen Einnahmen betrieb, wurde erst abgefaßt, als er sich auf einem der Pariser Standesämter zu seiner achtzehnten Eheschließung anmeldete.

Weitere Gesetzesbestimmungen gegen die Emigranten blieben nicht aus. Im Lktvber 1792 wurde die Rückkehr nach Frankreich bei Todesstrafe Verboten, und selbst Kiuder, welche über zehn Jahre alt waren, sollten wie erwachsene Emigranten abgeurtheilt werden. Die Güter der Emigranten wurden eingezogen. Ihre im Lande gebliebenen Frauen, Kinder und sonstigen Verwandten sollten getödtet werden, und weun dieses Gesetz auch nicht überall zur Ausführung kam, so sind ihm doch Huuderte zum Opfer gefallen.

Selbst die Absenkung von Geld, ja nur von Briefen an Emigranten hat wiederholt die Hinrichtung der Absender zur Folge gehabt. Schuldner durften ihren Verpflichtungen gegen Emigranten bei Todesstrafe nicht nachkommen. Im März 1793 wurde umgekehrt der Tod denjenigen Emigranten angedroht, welche nicht zurückkehrten, und seit dem Oktober 1794 sollte die Thatsache der Emigration die Ehe ohne weiteres aufheben.

Die Länder, wvhin sich der Strom der Auswanderer ergoß, wären besonders die Nachbarländer, die Schweiz, Italien, England, Belgien, die Niederlande und Deutschland; Bern und Turin, Rom und Venedig, London und Brüssel, Koblenz und Mainz, später auch Hamburg beherbergten in den ersten Jahren die zahlreichsten Emigrantenkolonien. Aber auch die übrigen europäischen Länder wurden aufgesucht, ferner die Vereinigten Staaten von Nordamerika, Kanada, Persien, Indien und sogar Siam. Die reichsten Familien traf man in London und Brüssel, die Militärs in Koblenz, Mainz und Wornis, die ärmeren Leute, die ihr srüheres Gewerbe oder Handwerk nun in der Fremde betrieben, meist in der Schweiz, weil die Lebensmittel damals dort am billigsten waren. Die Geistlichen, Mönche und Nonnen gingen in der Regel nach den überwiegend katholischen Ländern, wie denn Italien etwa 2000, Spanien etwa 3000 Personen geistlichen Standes aufnahm.

Nur wenige Emigranten hatten noch rechtzeitig Gelegenheit gesunden, ihr Vermögen zu Gelde zu machen und ganz oder zu einem erheblichen Theile mit in das Ausland zu nehmen. Die ’ meisten Waren auf die Gastlichkeit und Mildthätigkeit ihrer besser versehenen Schicksalsgefährten und der Fremden, dann auch auf den eigenen Erwerb angewiesen. Viele, die anfangs in Ueber flnß oder doch ohne Entbehrung gelebt hatten, geriethen früher oder später in große Bedrängniß, weil die eigenen Mittel nicht vorhielten, Gastlichkeit und Mildthätigkeit erlahmten oder sich erschöpften und die eigene Erwerbsthätigkeit nicht lohnend war. Die nach Italien und Spanien geflüchteten Weltund Klostcrgeistlichen, zunächst auf die Unterstützung durch ihre geistlichen Bruder und Schwestern angewiesen, litten, da ihrer gar zu viele kamen, mit wenigen Ausnahmen Mangel. Einer Minderheit von bevorzugten Emigranten gelang es, in fremden Hof-, Staatsund Kriegsdienste!: ein Unterkommen zu finden, wie z. B. der Herzog von Richelieu russischer Offizier und Verwaltungsbeamter wurde; er zeichnete sich im Kriege gegen die Türken aus und erwarb sich Verdienste um das Aufblühen von Odessa. Am österreichischen Hofe und in der österreichischen Armee fanden Emigranten namentlich lothringischer Abkunft Ausnahme, weil das aus Lothringen stammende Herrscherhaus sie begünstigte.

Die glänzendste, an Hoffnungen und Einbildungen reichste Zeit verlebte die Emigration während der ersten Monate ihres Aufenthalts in Koblenz. Der Kursürst und Erzbischos von Trier, ein sächsischer Prinz und Oheim der königlichen Brüder von Frankreich, gewährte dort als Landesherr seinen beiden Neffen, den Grafen von Provence und Artois, eine königliche Gastfreundschaft und ränmte ihnen das Schloß Schönbornlust bei Koblenz als Wohnung ein. Die beiden Grafen theilten ihre Zeit zwischen dem, was sie Regierungsgeschäfte nannten, und zwischen Vergnügungen aller Art. Die Anwesenheit der Gräfin von Provence verhinderte den Grafen nicht, ihrer Ehrendame, der ehrgeizigen, trotz ihrer achtuuddreißig Jahre noch immer schönen Frau von ^ Balbi zu huldigen; sie, nicht die Gräfin, war der Mittelpunkt ^ seines Hofes. Wenn sie abends von ihrem Dienst bei der Gräfin in ihre in demselben Schlosse gelegene Wohnnng zurückkehrte, fand sie dort den Grafen und eine auserlesene Gesellschaft von Herren und Damen schon vor; mit der diesen Kreisen damals eigenen Unbefangenheit erneuerte sie dauu, ein munteres Gespräch führend, vor aller Angen ihre Toilette vom Kopf bis zu Fuß.

Der Graf von Artois, dessen Gemahlin in Turin geblieben war, hatte die Frau voll Polastrou zur Freundin, lind die beiden Höse, deren jeder unter den Emigranten seine Anhänger hatte, intriguierten gegen einander. Man stritt sich bereits um die Aemter und Ehrenstellen, sogar um die Ministerien, die man sich nach dem siegreichen Einzüge in Paris zutheilen lassen wollte.

Der Prinz von Conde hatte, obwohl sein Enkel schon neben ihm die Waffen trng, an seinem Hoslager in Worms und später im Felde auch noch eine Freundin, eine Prinzessin von Monaco, Gesellschaften und Feste, Konzerte und Bälle, Liebeshändel, Kartenspiel und Duelle füllten die Zeit der Emigranten aus, und der Uebermuth der jungen Edelleute stellte die Geduld der Einwohner nicht selten auf eine harte Probe.

Durch Besuche und Gesandtschastcu bei den mächtigsten Hösen erreichten die Grasen, daß ihnen in den ersten Jahren für ihren Hofhalt, für ihre Diplomatie und für ihr Heer ansehnliche, wenn auch nicht zureichende Mittel zuflössen. Die Kaiserin Katharina II.

von Rußland gab im ganzen vier Millionen Franken; andere [687] ^-^ 08^ ^-^

Fürsten zahlten ebenfalls entweder einmalige Beiträge oder Jahr., gelber; reiche Franzosen gaben ihr Vermögen her, wie Ealtmne das seinige, das nach Millionen zählte" Außerdem wurde bei Fürsten, Bankiers und Privatleuten geborgt. Im Jahre 1^02 verausgabten die Prinzen 25.^00000 Franken, wovon der Hof.- halt und die Diplomatie 1.^00000, das Heer 10 Millionen be. anfpruchte; der Nest wurde durch die Kosten des Uebermikelns und Wechfelns von Geldanweisungen und barem Gelde verschlungen. Die größere Hülste dieser Summe war geliehen. Selbst sie Herstellung von falschen Afsignaten, welche die Prinzen als.^neu erlaubten Ak der Nochwehr gegen die Einziehung der Güter in Frankreich ansahen und eifrig betreiben ließen, half ihnen nicht .auf. Im November 1^02 wurde der Graf von Artois, der spätere König Karl zu Maestricht in Schttldhast genommen" Die Schulden wurden erst nach der Nückkehr der Bottrbonen aus den Thron und auch dann nicht vollständig bezahlt.

Das Emigrantenheer, das sich in der Stärke von 20000 Mann um die Grafen und um den Prinzen von Eonde^ am Nhein sammelte, erwies sich als wenig brauchbar. Es gab zu wenig kriegsersahrene Führer, zu wenig gemeine Soldaten, zu viele .Ofsiziere und endlich zu viele .Ossiziersaspiranten, die, ohne Ossizier., stellen erhalten zlt können, doch den Anspruch auf solche erhoben ttnd sich nur murrend und krittelnd darein fügten, vorläusig Ge,, meine zu fein. Die jungen Edefleute prahlten und paradierten und freuten sich der Lorbeeren, die sie im Felde erringen würden; dabei wurden sie so uubvtmäßig, daß binnen acht Monaten zwei- hundert von ihnen durch sörmliche lsttre,... cke, ^anst, Verhasts- briefe, .wie man sie früher für die Bastille ausstellte, auf Ehren,- breitstein gefangen gesetzt wurden. Die Truppen wurden bei Beginn des Feldzuges im Sommer 1^02 in drei Heereskörper getheilt, welche sich, geführt vom Prinzen von Eonde, dem Herzog von Bottrbvn und den beiden Prinzen, den in Frankreich ein- rückenden österreichischen und preußischen Heerett anschlossen" Der Feldzug war nicht sehr rühmlich für diese deutschen und französi- schen Verbündeten, auch nicht für die von ihnen bekämpfte Armee Frankreichs, obwohl diese Siegerin blieb. Von den Emigranten kamen nur wellige ins Gefecht; wer von ihnen den französischen. seit dem September .l'^02 republikanischen Truppen in die Hände siel, wurde erschoffen.

Die Emigranten litten durch Mangel an Nahrung uud Kleidung, durch Negengüsse und Nachtwachen, durch Anstrengungen und Krankheitelt dermaßen, daß ihr Heer ,^ als es, von den Ne.. publikattern verfolgt, nach ungeheuren Verlusten wieder nach Deutschland kam, dem nicht unähnlich sah, welches zwanzig Jahre später aus Nußland zttrtickkehrte. Volt den deutschen Städtern und Bauern gehaßt und bedroht, tödteten manche Emigranten sich selbst. Die Truppenkörper lösten sich gegen Ende des Jahres 1^2 auf" Einige Regimenter gingen in holländische Dienste. Eonde^ behielt noch einige Tausende um sich, die erst in österreichische, dann in russische und endlich in englische Dienste traten und deren letzte Neste auf Malta und in Portugal für England^ stritten. Nur ein kleiner Bruchtheil dieser militärischen Emigmtion sah die Heimath wieder.

Das siegreiche Vordringen der republikanischen Heere vertrieb die Emigranten, welche sich in den deutschen Nheinlanden und in Belgien niedergelassen hatten, weiter in das mittlere und nördliche Deutschland und nach England, und die Mittellosen und Mittel,, losgewordenen unter ihnen, deren Zahl sich im Laufe der Jahre vermehrt hatte, schlugen sich durch, wie es eben ging. Viele sahen sich gezwungen, ihre letzten Habseligkeitett von Werth, wie goldene und silberne Geräthe, Iuwelen und Spitzen, zu veräußern. Sie mußten noch spoh sein, wenn die staatlichen und städtischen Be,- hörden. die es mit den Machthabern in Frankreich nicht verderben wollten, oder die der Fremden überdrüssige einheimische Bevölkerung sie nicht von Ort zu Ort trieben. Wie schwer diese Versolgungen, Entbehrungen und Demüthigungen von den am meisten davon betroffenen Familien des hohen Adels empspnden wurden, wird erst ganz verständlich, wenn man sich der Stellung erinnert, welche diese Familien im alten Frankreich einnahmen. Der hohe Adel hake trotz des Erstarkens der ihn mehr und mehr einengenden französischen Königsmacht immer noch Vorrechte, die ihm wenigstens

l in Aeußerlichkeiten eitle fürstliche Stellung gaben. Ein französischer Herzog dünkte sich einem deutschen Herzoge, etwa dem von Braun, schweig, ein französischer Marguis einem deutschen Markgrafen, etwa dem von Baden, mindestens ebenbürtig, wenn nicht über,. legen. Daß auf manchen französischen Adelsgütern die Bauern nachts die Froschteiche peitschen mußten, damit die Frösche den Schlaf der Herrschast nicht störten, ist keine Fabel. Die hohe französische Gesellschaft galt auf dem Festlande als die erste und tonangebende , und in der Verfeinerung der Lebensgenüsse war sie vielleicht die anspruchsvollste und verwöhnteste. Kein Wunder, daß diese Gesellschaft den Gegensatz von Einst und Jetzt bitter schmerzlich empsatld l

In Hamburg, das wegen seiner Entlegenheit von den Kriegs,- schauplätzen eine mit Vorliebe aufgesuchte Zufluchtsstätte bot, sah man eine Gräfin von Neuilly einen Laden mit Modewaren, fertiger Wäsche und Parfünterien einrichten. Ein Marguis von Nomans und eine Gräfin von Asfeld legten gemeinsam eine Weinhandlung alt. Ein Herr von Milon übernahm die Küche in einem großen Gasthofe. Einige vertriebene Geistliche verlausten gedruckte Lieder und sangen sie auf den Straßen, auf die Mild, thätigkeit der Zlthörer bauend" "Zwei Edelleute, Nitter des Ludwigs, kreuzes, verlnietheten sich als Hasenarbeiter. Eine Frau von Testen, aus dem Hause Noailles, war noch bemittelt genug, um nicht weit von Hamburg eine große Milchwirthschaft einzurichten , ein ^ Erwerbszweig, worin dann noch eine größere Zahl von ärmeren l Schicksalsgefährten und -Gefährtinnen beschäftigt wurde. In Erlangen war ein Herr von Vieur.ville Kommifsionär, ein Herr voll Mailly Buchdrucker, und ein Herr von Eoigneur. lernte l die Schuhmacherei. In Bamberg hielt eine Marguise von . Gllillattme ein Kafleehaus, und die Schönheit ihrer Tochter lockte ^ zahlreiche Gäste an. In London sah man als bezahlte Komödianten i Herren auftreten, die ihren Stammbaum bis zu den Kreuzzügen ^ zurückführten. Eine Margnise von Ehabannes hielt dort eine ^ Kleinkinderschule, und eine Gräfin von Boisgekn gab Klavier- ^ stunden. Anderswo war eine Gräfin von Ptrigord Lehrerin, eine Marguise von Viviett Näherin, eine Frau von Lamartiniere s Stopferin, eine Marauise von Iumilhar Wäscherin und eine Herzogitt von Guiche Krankenwärteritt. Fertigkeiten und Ve, ^ schäftigungen, die als .Liebhaberei in glücklicheren Tagen die Muße- ^ stunden ausgefüllt. hatten, wttrden jetzt, zur Meisterschast ausgebildet, zu eitler Erwerbsquelle. Die Damen fertigten und vertauften ^ Stickereien, Putzwaren, .Papparbeiten, Malereien und Haararbeiten. ^ In einigen Städten erleichterten Vereinigungen der Ortsangehörigen den Verkauf dieser Handarbeiten, wie z. B. in London, wo über,^ hanpt für die Emigranten viel geschah, ein großer Bazar dafür eingerichtet und mit erheblichem Gewinn verwaltet wurde. Hoch- adlige Herren waren Fechtlehrer, Tanzlehrer, Köche, Ligueur- fabrikanten, Buchhalter oder Haustrer" Nicht immer waren die Beschäftigungen, denen die Emigranten sich hingaben, "eingestehbar". Es gab einige Leute unter ihnen, die sich von Paris aus dafür gewinnen ließen, ihre Schicksalsgefährten zu beobachten und über sie zu berichten, also Spionendienste zu thun. Andere fertigten, dem Vorgange der Prinzen folgend, Assignaten, und von den Damen in London, Brüssel, Nom und Koblenz waren einige ^Verkäuferinnen von Küssens. Gingen manche Emigranten zu Grunde, blieben Skreit und Mißmuth unter ihnen nicht aus, so tonnte man doch noch häusiger beobachten, daß sie sich durch freundliches Zusammenhalten und Frohmuth ebenso sehr aus- zeichneten wie durch Genügsamkeit und Findigkeit. Die alt- französische Lebenslust bewährte sich und behauptete ihr Neckst; das eigene Leid suchte man hinwegzttscherzen und hinwegzuspotten, man klagte nicht, und die Leidenden suchte man zu erheitertl"

Die Iakobiner in Parts empfanden es als eine Genugthuung, wenn sie den früheren Gntsultterthanen adliger Familien davon Nachricht geben konnten, daß die einst so anspruchsvolle Herrschaft zu gewöhnlichen und erniedrigenden Dienstleistungen gezwungen sei. Von vielen einst angesehenen Emigranten kannte man freilich den richtigen Namen nicht, und ihre Spur ging verlorell; manche verheimlichten ihren Namen selbst vor ihren Laudslenten und führten einen angenommenen; zuweilen erfuhr man erst nach ihrem Tode, wer sie gewesen waren.