Herbstfarben

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: C. F.
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Herbstfarben
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 18, S. 683–684
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1890
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
unkorrigiert
Dieser Text wurde noch nicht Korrektur gelesen. Allgemeine Hinweise dazu findest du bei den Erklärungen über Bearbeitungsstände.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[683]
Herbstfarben.

Es ist müßig, zu streiten, welche der Jahreszeiten am schönsten sei. Sie sind alle schön, jede hat ihre besonderen Reize. Wenn wir aber vom ästhetischen Standpunkt die Landschaftsbilder in den jahraus jahrein wechselnden Kleidern betrachten, so dürfte in vieler Hinsicht der Herbst den Preis davontragen.

Im Herbst scheidet die Pflanzenwelt von uns und ihr Abschied gestaltet sich zu einem förmlichen Feste. Die Blumen sind verblüht, dafür aber erglüht jedes Blatt in wechselvollen Tinten, und namentlich unser Laubwald erscheint in einer Farbenpracht, mit der sich selbst die der tropischen Waldungen nicht messen kann.

Ich will dem Leser ein Bild, das ihm ohne Zweifel aus eigener Anschauung bekannt ist, in Erinnerung zurückrufen.

Vor meinem Fenster erheben sich bewaldete Höhenzüge. Der mittlere ist mit gemischtem Walde bestanden. Im Sommer ist er sozusagen ein langweiliger Berg, eine eintönige grüne Masse, in der selbst ein geübtes Auge einzelne Bäume nicht zu erkennen vermag. Anders im Herbst.

Der Grundton des Bergwaldes ist jetzt braunroth geworden. Er wird durch die vollen Kronen der Rothbuche gebildet, die eigentlich erst jetzt ihren Namen verdient. Auf diesen Teppich hat der Herbst wunderbare Muster gestickt. Aus den braunrothen, wolkenartig sich übereinander aufthürmenden Massen leuchten hellere Farben hervor.

Dort ragen spitze Kuppeln, die Weißbuchen, die noch im großen und ganzen grün, aber an der Spitze der Zweige bereits gelb gefärbt sind. Hoch oben am Berge züngeln ein paar Wipfel wie gelbe Flammen empor, es sind die schlanken, bereits ganz entfärbten Birken; an anderen Stellen wieder erheben sich einige abgerundete, schwefelgelbe Kuppen, die Kronen der Ahorne und neben ihnen sticht fast brennend wie Feuergluth der purpurrothe Gipfel einer Vogelkirsche hervor. Die Eichen sind noch grün, aber erst jetzt kommt ihre zerrissene vielzackige Krone zur kraftvollen Geltung.

Dieses bunte und doch harmonische Bild wird von den dunkelgrünen Tannenwäldern zur Rechten und zur Linken und oben von dem klaren blauen Himmel eingerahmt, während unten der Wiesengrund noch in frischem Grün prangt und die Erlen am Bache nicht die geringste Verfärbung zeigen.

Der Wald liegt im Sterben, aber für uns hat er erst in diesem Augenblick Leben gewonnen, denn wir sehen jetzt nicht mehr eine eintönige grüne Laubmasse, sondern Gruppen ausgeprägter Baumgestalten.

Das Schauspiel der herbstlichen Verfärbung des Laubes tritt nicht überall in derselben Schönheit auf: es wird durch die Mischung der Arten und Formen in einem Waldbestande bedingt. In Europa sind die Rhein- und Donauufer wegen ihrer herbstlichen Pracht berühmt.

Leider ist diese Herrlichkeit nur von kurzem Bestande; bald kommen die ersten Fröste und die kalten Nordwinde; das bunte Gewand der Bäume wird von den Zweigen gerissen und die dürren Blätter tanzen im Winde und werden zu unscheinbaren braunen Haufen zusammengeweht.

Etwas länger dauert die Verfärbung des Laubes in Nordamerika am Lorenzstrome und an den kanadischen Seen. Hier ist der Reichthum der gemischten Wälder an Arten und Formen bedeutend größer und die Farben sind glühender und mannigfaltiger. Eine Stromfahrt im Herbst gleicht in jenen Gebieten einer Fahrt durch ein Feenland, und keine andere Waldlandschaft der Welt kann in dieser Hinsicht mit der nordamerikanischen sich messen.

Bei uns in der Ebene und in den Hügellandern kommt der Wald in herbstlichen Farben zur Geltung, die niederen Sträuche und Stauden verschwinden gegen die Pracht der hohen Bäume, und die Wiesen bieten nur ein mattes Bild.

Dort aber, wo es keine Bäume mehr giebt, in den arktischen Gebieten und im Hochgebirge, welches über die Baumgrenze emporragt, ist der Herbst nicht minder schön und entfaltet Reize, von denen die sommerlichen Besucher der Berge kaum eine Ahnung haben.

„Unten in den Thalgründen,“ schildert Anton Kerner von Marilaun den Herbst im Hochgebirge, „welche wegen des tieferen Standes der Sonne auf weite Strecken schon im Schatten liegen, bleibt der Boden ununterbrochen weiß bereift, während oben auf den südlich sich abdachenden Bergeshöhen mit dem ersten Sonnenblick auch die nächtlichen Reife schwinden und tagüber milde Lüfte über die Gehänge wehen. Schneehühner sowie Schwärme der über Alpenpässe ziehenden, hier zu kurzer Rast weilenden Wandervögel sind geschäftig, die Beeren von dem in großer Zahl die Halden überziehenden niedern Strauchwerke abzupicken; die Falter aber, welche im Sommer um die großen Alpenblumen so geschäftig waren, sind verschwunden; hier und da erheben sich noch einzelne bleiche Skabiosen und die dunklen Aehren des spät blühenden norwegischen Ruhrkrautes, alles übrige ist schon in Frucht übergegangen und der Blüthenreigen ist abgeschlossen. Und dennoch machen die Gehänge jetzt den Eindruck sommerlicher Fluren, die mit ungezählten Blüthen geschmückt sind. Das sommergrüne Laub der niederen Stauden und Kräuter und insbesondere der verzweigten buschigen und teppichbildenden Sträucher gewinnt eben während dieser kurzen Zeit rothe, violette, gelbe Farbentöne, welche den lebhaftesten Blüthenfarben an Schmelz und Leuchtkraft nicht nachstehen. Am auffallendsten treten die sommergrünen Heidelbeergewächse und eine Art von Bärentrauben hervor. Während die Blätter der Moosbeere einen violetten Farbenton annehmen, kleiden sich die Heidelbeeren in tiefes Roth und die Alpenbärentraube in weithin sichtbaren Scharlach. Die herbstlich gefärbten Blätter dieser letzteren Pflanze zeigen überhaupt das schönste Roth, das an irgend einem Laubwerke im Herbst beobachtet wird, noch viel feuriger als jenes der nordamerikanischen Reben und des Essigbaumes, und wenn das Laub dieser Bärentraube auf einem Berggrate von den schief einfallenden Sonnenstrahlen durchleuchtet wird, so glaubt der tiefer unten stehende Beobachter Strontianflammen aus dem Boden hervorzüngeln zu sehen. Auch die Blätter zahlreicher nicht holziger Gewächse, so namentlich der alpinen Geranien und des Alpenhabichtskrautes, färben sich vor dem [684] Welken am Saume und laugs der Nerven und nehmen sich von fern wie toche, psplette und scheckige Vlütheu ans. Das Farbenspiel ut der Aspen.. t.egt-m wirb noch dadurch wrseutllch gehoben, haß es an breiten Flächett mtt duukeu '.^önen nicht fehlte Die Zahl der immergrünen Gewächse ist dort eme pechi.llchlßütäß.g große, und insbesondere erhalten mehrere ^ener Av.'ey, welche bestaydbtldend austreten, ihr grunes Land untere der lauge duueruden w.uterlichen Schneedecke bis in die Vegetatwuspertode des wachsten Jahres. Dte Bestände aus Legfvhren, dte Gestrüppe der Aspen- rosen, die Gruppen der schwarzfrüchtigen Nauschheere und die schimmernden Teppiche aus der tutnteraruueu Bärentraube bringen mit threu dunkel,. grünen Farben eine gewisse Nahe "n das bunte Gewirr."

Das reizende Schausptel der Verfärbung des ^olnmergrunen Laubes m der alpinen Negtou erstreckt sich ut der Negel nur auf 14 Tage. Dauu l^sen sich dte bunten Blätter von den Zwetgen und Zwetgfrsu ah, und bald breitet sich eine btckne, bleibende Schneelage über das^ Hochgebirge aus.. ,^Dte .Kämme" Halden und Mulden, auf welchen kttrz vorher noch feursges Noch und helles Gelb zwischen den dnnken Legföhren und Alpen. rasen aufflammte, heben sich jetzt mit blendendem ^etß vom winterlichen

Den Tropen fehlt die Pracht der Lauhverfä.^hung Der Herbst dauert dort u^t.^auot nur eme kurze Zeit. Auf die Negenzeit folgt in rascheln Uebergang der sengende Wtuter und die meisten .auswerfenden Bäume berfarben ttch ntcht, ihre Blatter fallen noch grün von den Zweigen..

Wenn uns der Anblick der herbstlich geschntucklen Wilder und Berg. laudschasten mit Entzücken und Verminderung erfüllt, so ruft der gleich. zeikg anbetende Laubfall wehmüthige Stimmungen ln unserer Seele

"(..m Herbsttag gießt über uns das Verständnis, des Scherbens aus, sagt l.^f^üßler. aber er fugt gleich hinzu ^ "das Scherben tst eine er^ sch^terndeStar^tng für das sttlltche Gemüts ' Das Bild des Vergehens, welche^ uns der Herbst .darbietet, tst Ocholt darum utcht trostlos, well nur m thm den .u^ospenbtlder, den Vater des kommenden Lenzes erblicken. So singt auch Homert ".^thiger Tydeussohu, was fragst Du nach ntelnem Geschlechte? Folgen sich doch, wie die Platter am Baum, die Menschengeschlechter : Webende streut auf die ^rde der Wind und andere neue ^ .Bildet der knospende Wald im wiedergeborenen Fruhltug. . Ebensp wachst ein Menschengeschlecht unb das andere schwindet."

Unter allen Eindrücken, die der Wechsel der Jahreszeiten hervorruft, ist der des Herbstes, des Laubfalles, der Laubverfärbung, sicher der nach , htn^igste, und heul Wanderer durch Bert^ und Tlsar bietet gerade her Herbst dte schönsten .^al.ur^enüfle ^ Das wtflen diele und schieben ihre Nene kug über die herße Sommerzett htnaus.

Wenige. welche dann die Pracht des Herbstes genießen, willen sich jedoch von den inneren Vorgängen in den Pflanzen, welche sie verursachen, Nechenschast abzulegen. Und doch ist die Kenntuiß der Ursachen derVer^ färbung des Laubes dazu angethau, dem wechselvollen Bilde. das vor unseren Attgen sich entfaltet, etnen besonderen Netz zu verleihen.

^..er Haushalt einer Pflanze ist nach werfen wirthschafkicheu Negelu eingerichtet. Unnöthige Ausgaben werden in ihut bermteden. Weutt darum an die Pflanzen beim Abschluß der Vegetationsperiode die Noth^ wendigkeit herantritt, ihr Laub abzuwerfen, so sucht sie alles Brauchbare aus den Blattern zu retten. Es tritt alsdann von den Blättern eine Mafsenauswanderung der brauchbaren Stoffe dach den Zweigen nnd Wurzeln ein, wo sie bis zum Wiedererwachen der Pflanze aufbewahrt werden. Außer den t.^iw eißst offen , den Kohlehydraten wandert auch der grüne Farbstoff. das Chlorophyll, aus und an seiner Stelle blechen nur kerne gelbe Körnchen in den Blattzellen zurück. Diese bewirken alsdann die Gelbfärbung des Herbstlaubes.

In vielen Fällen aber muß diese Massenauswanderung der brauch^ baren Stalle vor den Sonnenstrahlen geschützt werden. ,Ptete Pflanzen bilden zu diesem Zwecke einen Farbstoff, der von den Forschern Anthokaan (Blumenblatt genannt wird. Das Anthokuan ist blau, aber durch Säuren wird es roch und bei geringen Beimengungen von Säuren violett. Während der Auswanderung der Stalle im Herbst wird nun in den Blättern gewisser Pflanzen das Anthokyan als schützende Decke ausgebreitet uud schimmert te nach der Zusammensetzung der Blattsäfte in blauer, rother nnd violeker Farbe; dazu gesellen sich dte übriggebliebenen gelben Körnchen^ die Nuckstaude des ausgewanderten Chlorophylls, die, wenn sie m größeren .Mengen vorhanden sind, mit dem Anchvkyan Orangefarbe geben.

Fällt schließlich ein welkes Blatt zu Boden , fs sind in ihm teine werthvollen Stolle mehr vorhanden, die Pflanze hat nur ein todtes Ge. rüst abgeworfen.

Das Erglühen des Herbstwaldes ist somit kein Zeichen des Todes. kampses. Der Dichter mag darin den Tod erblicken, der Forscher weist vielmehr eine kaftvolle Aenßerung des Lebens nach. Dies erhöht unsere Freude an dem Anblick der herbstlichen Natur; in dem schönen Farben. glanz sehen wir nicht den Tod, sondern das sanfte Einschlnlnmern" Diese Farbettpracht ist nicht das letzte Aufflammen einer verlöschenden Lampe, sondern das Abendroth im Pstanzenleben, aus welches bald der strahlende Morgen und der helle Tag, der Frühling und der Sommer folgen müssen. Das Authokyan sinden wir, wenn die Knospen im ersten Frühjahr springen, wieder. Die jungen Blättchen sind vielfach zuerst roth oder violett ge- färbt, auch sie sind mit einer schützenden Decke gegen die zersetzende Krast des Sonnenlichtes versehen. Erst wenn sie erstarken, entledigett sie sich derselben und prangen in frischem Grün. E. F.