Die ersten Pioniere der Weltstraßen

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Autor: unbekannt
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Titel: Die ersten Pioniere der Weltstraßen
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 18, S. 300
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
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Erscheinungsdatum: 1880
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[300] Die ersten Pioniere der Weltstraßen. Beinahe zu gleicher Zeit, als die Kunde von der erfolgten Durchschlagung des St. Gotthard-Tunnels in alle Welt ging, sanctionirte Oesterreichs Parlament den Bau der Arlbergbahn und damit die Herstellung eines Tunnels, der, was Großartigkeit der Anlage betrifft, ein würdiger Rivale zu dem jetzt der Vollendung nahenden St. Gotthard-Tunnel zu werden verspricht. Weltstraße auf Weltstraße!

Das läßt mich an einen herrlichen Morgen des letzten Spätsommers lebhaft zurückdenken, an welchem ich, vom Rigi kommend, die unvergleichliche Axenstraße am Urnersee entlang nach Altdorf fuhr. Ueberall regte es sich ameisenhaft, endlose Züge jener piemontesischen Steinarbeiter, deren Ruf als Felsenbezwinger unseren Erdtheil seit Jahrzehnten erfüllt, zogen vorüber. Dampfboote, vor Schleppkähne gespannt, und urstämmige Frachtwagen schafften den Proviant für die Minen, den unvermeidlichen Dynamit, herbei, durch schwarze Fahnen die Gefahr, welche sie in sich bargen, kennzeichnend – ein Bild des Todes, im Gegensatz zu dem lebensvollen fröhlichen Arbeitergetümmel. Auf dieser Vortrace zum St. Gotthard-Tunnel gab es hauptsächlich Tagessprengungen; bald sah ich im Verlaufe der Fahrt überall an der linksseitigen Berglehne entlang Minen aufblitzen, und der lang anhaltende grollende Donner rief in den Bergschluchten unzählige Echos wach. Die Zahl der am Wege gelegenen Wirthshäuser, Ambulancen, Cantinen und Osterien hatte sich, dem gesteigerten Bedürfniß entsprechend, unglaublich vermehrt; denn in den Mußestunden, da die Sprengungen stattfinden, suchen sich die Italiener gern die zur Ausübung ihres anstrengenden Berufs nöthige Stärkung in einem Fläschchen vino d’ Asti. Leicht fand sich Gelegenheit, mit einigen Partienführern der Steinvernichter ein Gespräch anzuknüpfen. Es waren ergraute Piemontesen, sehnige, wetterfeste Figuren, aber die Augen noch des italienischen Jugendfeuers voll.

„Sehen Sie,“ erklärte mir der Eine, übereinstimmend mit seinem Gefährten und wahrscheinlichen Geschäftstheilhaber „wir sind alt geworden in unserem wahrlich beschwerlichen Berufe, aber wir denken trotz alledem nicht an Ruhe und Genießen, obschon wir Jeder ein kleines Capital uns erspart haben. Wir fingen beim Bau des Semmering an und vollendeten dann die Karststrecke vor Triest. Den Brenner zu bewältigen, wurde unsere nächste Aufgabe, und kaum war dieser fertig, als wir die Arbeiten am Mont Cenis-Tunnel begannen. Diese Aufgabe bleibt uns als die liebste in der Erinnerung; denn sie galt der theuren Heimath. Hierauf folgten wir dem Rufe der Suez-Canal-Unternehmung – wohl nicht so schwierig, wie die europäische Felsekämpfe – aber es war wirklich keine Kleinigkeit für uns, unter Afrikas Sonne zu arbeiten. Erlagen doch bisweilen die Eingeborenen dem mörderischen Klima und der Arbeit früher, als unsere eigenen Landsleute. Dann nahmen wir Spaten und Hacke, sagten den Ufern des Nils Ade und zogen zur Donau-Regulirung nach Wien, und jetzt sehen Sie uns hier am Gotthard. Zum nächsten Frühjahr müssen wir fertig werden. Und wir tummeln uns jetzt bei der Arbeit doppelt; denn sonst könnten wir den Panama-Canal oder drüben im Vorarlberg den Arlberg-Tunnel versäumen, von denen mit Bestimmtheit verlautet, daß sie nächstes begonnen werden. Insbesondere reflectiren wir auf den Gebirgsdurchschnitt zwischen den beiden großen Weltmeeren. Herr Lesseps braucht für sein Unternehmen geschulte Arbeiter, und wir haben Vertrauen zu ihm, wie wir auch wissen, daß er seit der Probe in Aegypten solches zu uns hat. Ohne uns,“ fuhr der graubärtige Mann fort, „darf der Panama-Canal nicht fertig werden, und wir setzen unsere Ehre darein, nicht zu ruhen und zu rasten, so lange es solche Aufgaben zu bewältigen giebt.“

Ich drückte mein Erstaunen und meine Theilnahme aus, daß sich die Leute ein so fernes Arbeitsziel wie den Durchstich Centralamerikas als nächstes Object ihrer Thatkraft ausersehen hatten. „Unser Beruf ist kein gewöhnlicher,“ erhielt ich zur Antwort, „täglich, ja stündlich schauen wir dem Tod in das Angesicht; Orden und Ehrenzeichen giebt es für uns nicht; deshalb folgen wir dem Rufe, der uns in unserem bescheidenen Leben den größten Nutzen in Aussicht stellt.“

Und in der That leben diese Leute ihrer Leistung gegenüber kärglich, wie nicht leicht der Arbeiter einer anderen Nationalität, dafür danken sie ihrer Genügsamkeit Ersparnisse, wie wir sie bei unsern Arbeitern beispielsweise vergeblich suchen würden.

Die Zeit zur Wiederaufnahme der Arbeit war gekommen; die Mineurs hatten ihre Schuldigkeit gethan, und auch ich mußte an den Aufbruch denken. Ich drückte den wackeren Männern die rauhe Hand und wünschte ihnen Glück bis zum Ende ihrer dornenvollen, wohl nur von wenigen ihrer Mitmenschen nach Verdienst gewürdigten Laufbahn.

Z-r