Die gerettete Uhr

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: J. A. D
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Die gerettete Uhr
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 48, S. 831–832
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1870
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite

[831] Die gerettete Uhr. „Die blutige Wahlstatt von Vionville,“ erzählte der Sohn meines Freundes, „zählte auch mich zu den Schwerverwundeten. Während mir Schulter und Hüfte an der rechten Seite durch zwei Granatsplitter erheblich verletzt und beschädigt wurden, drang im nächsten Augenblicke eine Chassepotkugel in den Oberschenkel des linken Fußes, welcher nach wenigen Secunden eine zweite Kugel folgte, die das Schienbein des rechten Fußes traf. Der starke Blutverlust bewirkte eine tiefe Erschöpfung, ich fühlte, daß alle meine Kräfte schwanden und sank neben einem im Granatfeuer getödteten Pferde zu Boden. Eine bald darauf eintretende Ohnmacht raubte mir vollends die Besinnung. Erst beim Morgengrauen des folgenden Tages erwachte ich aus diesem lethargischen und sinneslosen Zustande, wobei ich gewahr wurde, daß ich mich noch auf derselben Stelle neben dem erschossenen Pferde befand.

Nachdem ich eine Zeit lang vergebens auf helfende Menschenhände gehofft hatte, versuchte ich mit Aufbietung aller Kräfte unter großen Schmerzen mich emporzurichten. Leider konnte ich es nur bis zu einer knieenden Stellung bringen, bei welcher indeß die Schmerzen sich vergrößerten und die Wunden von Neuem zu bluten anfingen. Es blieb mir unter diesen Umständen Nichts übrig, als die unter mir befindliche Blutlache noch länger als meine Lagerstatt beizubehalten, doch änderte sich meine Lage hierhei insofern, als ich die Gelegenheit benutzte, meinen Kopf auf den Hals des getödteten Pferdes zu legen. Kaum hatte ich einige Minuten in dieser Stellung zugebracht und sehnlichst einen meine Schmerzen besänftigenden Schlummer herbeigewünscht, als ich bei dem immer stärker hervortretenden Tageslichte eine aus Männern und Weibern bestehende Gruppe von Menschen bemerkte, an welche sich zunächst meine Hoffnung auf baldige Erlösung aus meiner traurigen Lage knüpfte. Nur zu bald wurde ich indeß meinen Irrthum gewahr, da mich die verschiedenen von [832] Seiten dieser in einiger Entfernung befindlichen Leute ausgeführten Manipulationen zu meinem Schrecken überzeugten, daß es hier nicht auf Hülfe der Verwundeten, vielmehr auf Plünderung abgesehen sei. Im Bivouac hatte man von der Art und Weise, wie diese Schakale und Hyänen der Schlachtfelder mit hülflosen Verwundeten verfahren, schreckliche Dinge berichtet, weshalb mich ein unbeschreibliches Gefühl der Angst vor diesen Räubern befiel, welche ihr scheußliches Gewerbe in meiner Nähe auszuführen eifrig bemüht waren. Daß auch ich den Händen dieser Rotte nicht entgehen würde, schien mir um so gewisser, als ich auf einer busch- und baumfreien Anhöhe lag und somit leichter bemerkt werden konnte. Neben der Besorgniß für mein nur noch schwaches Leben befürchtete ich insbesondere den Verlust meiner Uhr, welche ich als theures Andenken an meine verstorbene Mutter, die mir an meinem Confirmationstage ein Geschenk damit gemacht hatte, stets bei mir trug.

Wie könnte ich dieses Kleinod am sichersten verbergen, damit es nicht eine Beute der raubgierigen Plünderer werde? – Indem ich noch eifrig bemüht war, diese Frage zu beantworten, hatten die Räuber ihren Weg bereits nach meinem Lager eingeschlagen. Indeß schien es, als ob ein seitwärts liegender Gegenstand ihre Aufmerksamkeit noch fesselte, da der ganze Räuberzug einige Secunden anhielt und unverwandt nach der linken Seite der eingeschlagenen Richtung hinblickte. In diesem Augenblicke war ich so glücklich, für meine Uhr einen Versteck zu entdecken. So schnell es meine Kräfte erlaubten, griff ich in die Tasche und versenkte das theure Andenken in das Ohr des todten Pferdes, welches mir bis dahin zum Kopfkissen gedient hatte. Die bis jetzt ausgestandene Angst und die gesteigerte Aufregung, dabei die Anstrengung der schwachen Kräfte bewirkten eine nochmals eintretende Ohnmacht, noch ehe die Räuberschaar in meine unmittelbare Nähe gelangte. Als ich erwachte, war die Sonne bereits über das blutgetränkte Schlachtfeld emporgestiegen. Außer meiner Börse, deren Inhalt circa acht Thaler und einige Silbergroschen betrug, vermißte ich gleichzeitig eine bis zur Hälfte gefüllte Feldflasche mit Liqueur. Neben mir standen meine Stiefel, welche wahrscheinlich in der Meinung, es könnten in denselben Werthgegenstände verborgen sein, von den Räubern abgezogen, aber nicht mitgenommen wurden. Meine Uhr fand ich unversehrt im Ohre des Pferdes!

Erst mit dem Beginn der Mittagszeit schlug für mich die Stunde der Erlösung, da ich um diese Zeit beim Aufsuchen der Verwundeten entdeckt und von hülfebringenden Menschenhänden dem Schlachtfelde entrückt wurde.

Rhein im October 1870.
J. A. D.“