Die kosmopolitische und Wasser-Poesie des Krystallpalastes zu Sydenham bei London

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Autor: Heinrich Beta
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Titel: Die kosmopolitische und Wasser-Poesie des Krystallpalastes zu Sydenham bei London
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 31, S. 419–422
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1856
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[419]
Die kosmopolitische und Wasser-Poesie des Krystallpalastes
zu Sydenham bei London.
„Ohne Wasser ist kein Heil.“
(Sirenen im Faust.
) 

Raum und Zeit, worin unsere Heiligthümer Tausende von Meilen und Millionen von Jahren zerstreut umherliegen, haben sich, durch Dampf ohnehin schon geschwächt, sterbend zur Bildung eines „idealen Bodens“ vereinigt im Krystallpalaste zu Sydenham bei London. „Vom vorsündfluthlichen Ungeheuer bis zur neuesten Erfindung und Entdeckung, von der Mumie Egyptens bis zur Reiterstatue Friedrich’s des Großen, von den Zwerggewächsen des Nordpols bis zu den stolzen Naturgebilden des Aequators, vom erhabensten 90 Fuß hohen Gotte der Grabtempel von Thebais, dem Erhabensten, bis zum Lächerlichsten der Restauration, wo man ein Glas trübes Wasser mitten unter 11,788 Wasserstrahlen für einen Penny verkauft, ist überall nur ein Schritt.“

„Die geologische Schicht, die einst Erdoberfläche war und dann seit Tausenden von Jahrtausenden tief begraben lag, lebt hier nicht nur in einem lebendigen Adersystem von Eisen, das die Seelen vorsündfluthlicher Urwälder als Wärmeadern für die Pflanzen und als Gaslicht auferstehen läßt, sondern liegt auch in ihrer tief unterirdischen Gestaltung offen vor uns in einem Lichtmeere, das ungeschwächt durch Tausende von Fenstern (und Wänden zugleich) dringt.“

„Die geheimnißvollen Bewohner der Meerestiefe unterrichten uns in durchsichtigen Seen von ihrer Art und Weise zu leben. Landschafts- und Naturbilder beleben sich durch entsprechende Thiere und Menschen, die zusammen Reihen ethnologischer Bilder geben, wie sie die Welt noch nie sah. Mit einem Blick übersehen wir die ungeheuere Entwickelung von dem mißgestalteten Menschenräthsel der Sphinx bis zu der schönen, klaren Auflösung in der Gliedermelodie einer Venus, eines Apollo von Belvedere; mit einem Blick den Kampf der „gefrornen Musik,“ Baukunst, durch egyptische, assyrische, griechische, römische, byzantinische, gothische, maurische Bogen und Säulen nach Harmonie der Massen und melodischen Linien. Haben wir im Parke draußen, der sich in prächtigen Terrassen mit Statuen, in fabelhafter Fülle von Springbruunen, Cascaden und Wassertempeln, kleinen Seen und Gondeln, Rosenglaslauben, wissenschaftlichen Landschaftsbildern und weiten Spaziergängen vor uns dehnt und stuft, wo hier langhalsige Plesiosaurier aus dem Wasser drohen, dort Megatherien, Ichthyosaurier, Mastoda, Labyrinthoda u. s. w. in ihrer Lebensgröße und urweltlicher Umgebung sich der Gegenwart zu freuen scheinen, indem sie die vorbeisausende Eisenbahn erschrecken, mit Tausenden aller Stände und Nationen diese Herrlichkeiten und weithintragenden Aussichten genossen, können wir mit wenigen Schritten Tausende von Meilen oder Jahren zurücklegen und in Pompeji römische, in der Alhambra maurische Kultur täglich frisch zu uns nehmen, um einige Minuten später Maschinen aller und modernster Art für die Lebensfreuden aller Völker arbeiten zu sehen, oder in Modellen neuester Erfindungen ahnen, wie schön es erst unsere Kinder und Enkel haben werden. Was englischer Associationsgeist, amerikanische Kühnheit, französische Grazie und einsamer, deutscher Geschmack mit künstlerischem Sinne Neuestes und Schönstes zu produciren wissen – hier kann man es auch gleich kaufen und so unmittelbar zur Verschönerung des eigenen Herdes in’s Leben einführen, ohne danach zu fragen, ob dadurch das Geld irgendwie „aus dem Land“ gehe.“

Diese Stellen sind aus dem Buche: „Der Krystallpalast von Sydenham, seine Kunsthallen, sein Park und seine geologische Insel. Von H. Bettziech-Beta. Mit 30 in den Text gedruckten Abbildungen.“ (Leipzig, bei J. J. Weber), abgeschrieben, weil darin der Verfasser ouverturenartig den ganzen Reichthum von Beseligung, die sich hier zusammendrängt und auf die mannigfaltigste Weise in seinem Buche kund giebt, anklingen läßt. Ich möchte wohl wissen, was sonst an dem Buche wäre. Mir selbst ist es zu schwer, den Verfasser kennen zu lernen, denn dieser bin ich selbst. Und bekanntlich ist nach Sokrates nichts schwerer, als sich selbst kennen zu lernen. Aber so viel weiß ich noch, daß ich bei mühevollster Zusammentragung und Ausarbeitung des ungeheuern Materials von Heiligthümern und Beseligungen, die sich hier unter [420] einem Dache zusammenfanden, mehr Andacht, mehr Begeisterung, mehr Beseligung gefühlt habe, als jemals in meinem Leben, mehr, wie ich wenigstens glaube, als je ein Grieche vor dem Zeus von Phidias oder der Muselmann vor dem verhangenen Grabe des Propheten, oder der Kreuzfahrer vor dem heiligen Grabe. Viele Beseligung verdankte ich freilich damals noch Illusionen und Hoffnungen, welche von den Direktoren des Krystallpalastes verkümmert, verschoben, verschachert, vermißverwaltet wurden. Der unverschämteste englische Nepotismus, der an Land und Leuten nagt, kann vielleicht mit palmerston’scher Geschicklichkeit und List endlich das Land ruiniren; aber der Krystallpalast ist zu gewaltig dazu in seiner Schönheit und in dem gesammelten Reichthume aller Heiligthümer der Menschheit. Den können sie mit aller Mißverwaltung, Verschleuderung und angestellter Dummheit von Vettern und Freunden nicht ruiniren, sie müßten ihn denn mit Pulver in die Luft sprengen. Selbst wenn er, wie es öfter hieß, untern Hammer käme (für einen Glaspalast allerdings etwas gefährlich), würde der Hammer eher brechen, als das Glück und Glas dieses kosmopolitischen Centraltempels aller menschheitlichen Heiligthümer. Ich war damals, als ich das Buch schrieb, für vieles Werdende begeistert, woraus nichts Gescheidtes geworden; aber manches damals Werdende hat auch alle Illusionen übertroffen. Niemals sind Illusionen auf eine so herrliche, das Sprüchwort Lügen strafende Weise „zu Wasser geworden,“ als die Fontainen- und Cascadenpoesie Paxton’s in und am Krystallpalaste.

Die Gartenlaube (1856) b 420.jpg

Die Wassertempel und Cascaden des Krystallpalastes zu Sydenham.

Hier sprudelt noch eine 11,788strahlige Quelle von Begeisterung vor mir, die ich in dem Buche noch nicht ahnen konnte. Nur hat sie einen Fehler. Sie ist zu schön, zu reich, zu großartig. Auch wird man dabei fast immer naß und kann sich leicht erkälten. Und der Rheumatismus gehört in keiner Confession, in keiner Kulturperiode zu den Heiligthümern der Menschheit, wiewohl ein englischer Arzt nachweist, daß wenigstens die Gicht ein Privilegium geistreicher Menschen für das Alter sei.

Zu schön ist diese Wasserpoesie. Zu schön heißt weniger schön, als schön. Das Schöne hat bestimmte Maße der Symmetrie, Melodie und Formation in sich selber. Wenn diese überschritten werden, läuft der Ueberfluß feindlich und zerstörend gegen die Schönheitslinien und zieht davon ab, und träufelt hier außerdem auf die barbarischste Weise auf einen feinen Blumenflor von Damenhüten und deren Locken, die sich in diesem dichten Regenbogen-Staubregen [421] unschön ausdehnen und um die feinen Gestalten flattern wie um tragische Schauspielerinnen in Wahnsinnsscenen. Wie graziös sind dagegen die Fontainen, Cascaden und Grotten von Versailles! Kurz, die Wasserkünste vor dem Krystallpalaste sind englisch, die in Versailles französisch.

Man denke sich 11,788 Wasserstrahlen mit 100 bis 230 Fuß hohen, donnernden, sprudelnden Riesen darunter, im großen, 1200 Fuß in der Peripherie umfassenden Bassin von 1000 kleineren, lustigen, zischenden Zwergen umgeben, alle zugleich in leidenschaftlicher, fieberhaftester Arbeit, um dem Drucke von 320 dampfender Pferdekraft zu entkommen und vor Angst hoch in den blauen Himmel billionentropfig emporzufliehen und den siebenfarbigen Bogen des Friedens tausendfältig in Spielarten vom hellen Himmel unter die Blumen der Natur und des schönen Geschlechts mit herunter zu bringen. Dazwischen große und kleine Wassertempel mit goldenen und blauen Dächern mit Göttern und Göttinnen auf deren Zinnen (Merkur ängstlich auf einem Beine, als hätte er die entsetzlichste Angst vor nassen Füßen), Reihen von steinernen Vasen, von Göttern, Göttinnen und göttlichen Jungen auf dem Kopfe getragen, und aus verschiedenen Etagen, aus allen Poren und Spitzen, Dächern, Traufen und Rändern rauschend, klatschend, plätschernd, platschend, mit den Sonnenstrahlen und den regenbogigen Farbentinten dazwischen, lustigen Winden, Damen und Kindern, Blumen und Bäumen umher sich auf die tollste, übermüthigste Weise neckend. Die verschiedenen Luftzüge zwischen den tollen Wasser- und Farbengeistern haben den meisten Spaß dabei: bald von Rechts, bald von Links, bald von Vorn, bald von Hinten attakiren sie die Menschen umher mit Wellen feinsten, dichtesten Staubregens. Die Blumen der Natur nicken lächelnd darunter, als wollten sie sagen: O, das ist schön bei dieser Hitze! Und die Blumen der Kunst auf den Damenhüten senken sich traurig und fallen nicht selten mit dem Hute und dessen aufgelöster Kartoffelstärke in eine formlose, todte Masse zusammen, so kreischend die Besitzerinnen auch fliehen, so geschickt sie auch ihre kleinen, langgefranzten Sonnenschirme zum Protestiren pariren.

Es hilft nichts: jede Flucht führt aus dem Regen in die Traufe. Tausend Sonnenschirme sind hier noch nicht ein einziger Regenschirm, wenn Wind und ein zu naher Standpunkt sich einmal zu dem Compagniegeschäft der Scylla und Charybdis gegen die umfranzten, umflorten, drei- und vierfach umfalbelten Damenflore vereinigt haben.

[422] Um eine topographische Vorstellung von dem Riesenwerke des Wasserdichters Paxton zu geben, bemerken wir, daß der Penge-Hügel, der den Krystallpalast dem Lande hoch auf seinem Rücken emporhält, sich südlich in natürlichen und künstlichen Terrassen mit Parks, Gärten, statuenbewachten Wegen und Stegen, Seen und Inseln abdacht. Die erste Hauptterrasse oben unmittelbar am Krystallpalaste hin ist eine ungeheuere, geebnete, kiesige Fläche mit Steinballustraden, Blumenvasen und einer Armee kolossaler Statuen nach unten abgegrenzt. Die Seite unmittelbar am Gebäude bildet eine unabsehbare Reihe von Nischen, aus denen kleine Cascaden plätschern. Die erste Terrasse nach unten, zu welcher drei je über 100 Fuß breite Granittreppen führen, umfaßt auf 13 Morgen Landes den italienischen Garten mit drei Hauptbasins und der Hauptfontaine, deren 1200 Fuß langer Umfang von einem Zaun sich kreuzender Wasserstrahlen eingeschlossen wird. Aus der Mitte schießt der 8 Zoll dicke Hauptstrahl 320 Fuß hoch. Um diesen herum kämpfen kleinere Fontainen durcheinander zu einem ununterbrochen steigenden und fallenden Gewoge von wolkigem Wasserstaub. Den beiden Seitentransepten des in Sonnenglut blauenden und ätherisch leuchtenden Palastes gegenüber auf derselben Terrasse, senden die beiden andern großen Fontainen zwischen schlankeren, kleineren Nymphen von Strahlen 8 Zoll dicke, lebendige Wassersäulen 100 Fuß hoch empor.

Die Hauptfontaine in der Mitte hat vor dem weiten Horizonte nach unten einen näheren Hintergrund in riesigen Rosengartenlauben von Glas und Eisen, über dessen graziöse Linien üppige Schlingpflanzen ihre grünen und blühenden Arme klammern, und zwei Gruppen von Wassertempeln, deren eine durch unsere Abbildung in ihren Umrissen anschaulich wird. Aber das Leben und Lärmen darin, das tolle Rauschen und Sprudeln und Plätschern, die Hauche und Spiele von Farbentinten, die Luft und Sonne und das duftige, beperlte, im schwersten Diamantenschmucke sich biegende Grünen und Blühen drum herum, die schönen Damen und die lustigen Kinder dazwischen, welche unter dem dichtesten Staubregen am liebsten hinlaufen und selbst noch lachen, wenn sie mit ihren kostbaren, reinen Kleidern und den kleinen runden Patschhändchen in den durchrieselten Sand hinfallen, daß die Kleidchen über sie hinwegstürzen und die kleinen, frischen, unschuldigen Waden frisch gen Himmel leuchten (und oft in aller Unschuld noch mehr) – das kann man nicht mit in Holz schneiden und durch Druckerschwärze nöthigen: „verweile doch, du bist so schön!“ Es reicht auch nicht hin, daß man es sehen muß, um’s zu glauben. Wie weit reicht denn das Auge? Mit der stärksten Bewaffnung kann es nicht um Ecken, durch Bäume und Wände, durch Berge und Granitblöcke sehen.

Der Umfang dieses riesigen Wasserdrama’s geht über alle Fassungskraft des physischen Sehens hinaus. Unten laufen die entlassenen Wassermassen nach kurzem Dienste in Katarrhakten nach der geologischen Insel zusammen, und umspülen dort die schuppigen Rücken von Ungeheuern, die vor Millionen Jahren lebten, während dieselbe 320fache Pferdekraft aus dem 570 Fuß tiefen artesischen Brunnen oben innerhalb des Gebäudes aus der riesigen Krystallfontaine auf die üppigen Blätter und Blüthen der Victoria regia und lustige Fischchen und in dem Heiligthume der üppigsten, höchsten maurischen Kultur von Granada, dem Löwenhofe der Alhambra, aus ein Dutzend Löwenrachen und im pompejanischen Hause aus der Schale einer Nymphe in den Mosaikteich des Atriums herabsprudelt. Wer könnte den Umfang, die Ausdehnung und die ununterbrochen in tausend Formen und Farben spielende, alle dreißig Morgen des Krystallpalast Gebietes durchadernde und belebende Wasserpoesie, die Heiligthümer aller Zeiten und Zonen verjüngend und erheiternd beleuchtenden irdischen Regenbogenspiele jemals wirklich mit dem physischen Auge sehen? Das geht schon deshalb nicht, weil die volle Pferdekraft dieses Ungeheuers von Wasserkunst es nur bei seltenen, feierlichen Gelegenheiten, wo man sieben Schillinge statt eines bezahlen muß, eine halbe Stunde lang aushält. Nach dieser halben Stunde des aufregendsten, erhabensten und heitersten Schauspiels und der furchtbarsten Anstrengung des Dampfwerks sterben die 11,788 Wasserstrahlen plötzlich dahin und die 100 bis 320 Fuß hohen Riesen, die eben den Himmel stürmen und die Sonne ausspritzen zu wollen schienen, stürzen zusammen, wie von einer Kugel durch’s Herz geschossen! Die Götter, Göttinnen, Nymphen, Engel und Karyatiden aller Art unter den Wasserschalen, aus den Dächern der Wassertempel und an den Säulen umher sahen plötzlich aus, als wären sie aus dem Bade gesprungen und sähen sich zitternd und bebbernd vor Kälte vergebens nach einem Handtuche zum Abtrocknen und anständiger Kleidung um. Und dazwischen stehen die frostigen eisernen Röhren, Bogen und Mündungen so kahl wie Rumpfe abgehauener Bäume und Krautköpfe. Sie, die eben noch tausendfältigsten Uebermuth sprudelten, müssen nun 231/2 Stunden warten, bis sie wieder auf ein halb Stündchen sich lustig machen können. Und die Wassertempel und ein paar tausend andere Mündungen trauern gar von einem Besuch der Königin bis zum andern, Wochen lang, ehe sie einmal wieder eine halbe Stunde aufjubeln dürfen. Das kommt von dem Zuviel auf einmal. Drei- bis fünftausend Wasserstrahlen in schönen Massen und Proportionen auf längere Dauer und mit weniger Absicht, den Leuten die Hüte zu verderben und sie mit Rheumatismus zu bedrohen, waren mehr als die alle Jubeljahre einmal losrasende Wuth von 11,788 Wasserflammen auflodernden Strohfeuers.

Aber den Krystallpalast kann nichts verderben. Ich glaube sogar, daß ihm mein Buch keinen merklichen Schaden gethan. Er ist, was das heilige Grab den Jahrhunderten der Kreuzzüge. Er wird es sein, nicht ein heiliges Grab, sondern das sich vereinigende, heilige, heiligende, erheiternde, alle Klassen und Völker zu sich einladende Mekka, Jerusalem, Zeus-Haupt, Rom und Athen des ganzen, kulturgläubigen, neuen und zukünftigen Menschengeschlechts.