Die launische Ziege

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Textdaten
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Autor: Wilhelm Busch
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Titel: Die launische Ziege
Untertitel:
aus: Ut ôler Welt. Volksmärchen, Sagen, Volkslieder und Reime. S. 41-44
Herausgeber: Otto Nöldeke
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1910
Verlag: Lothar Joachim
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Erscheinungsort: München
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Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: ULB Düsseldorf und Scans auf Commons
Kurzbeschreibung:
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[41]
20. Die launische Ziege.

Wenn use Gretwäsche des winter abends satt un spunt, säo säen wi kinder jümmer. »no, gretwäsche, nu vertellt üsch äis ’ne geschichte.« »Och, bälger, säe se denn; latet mi doch mettäme, ji wiätet jô wol, dat eck denn jümmer säo vîel häosten mot.« Awerst wi kinder plagen se doch säo lange, bet se ter lest an täo vertellen fong. Do hat se üsch ôk äis vertellt, et wöre äis en kêrel ewäsen, de hat dräi jungens un ôk ene zîegen hat. Dô hat häi täo den ölsten jungen esegt, häi schölle de zîegen ûtn stalle krîgen un er meh int greune täihen un se da höen, bet se orntliken satt wöre. De junge is met [42] der ziegen ôk lôs etâgen, un hat se den ganzen dag ehott, un ans et bolle abend wert, segt häi: »No, zîege! nu frett noch’n bîeten.« »Nê,« segt de zîege do:

»Eck bin säo satt,
Eck mag näin blatt.«

»No, denn kumm hêr, denn willt wi nâ hûs gâen«, säe de junge un tôg mit sîner zîegen na hûs.

Ans häi nu inkam, säo fraget de vâer de zîegen: »of se denn nû ôk orntliken satt wöre.« »Nê!« säe de zîege.

»Dar satt noch’n blatt;
Härr eck datt noch ’e hatt
Säo ör eck satt.«

»I,« segt do de kêrel, »säo schall doch den jungen dütt un datt!« krigt sîne älen un prügelt den jungen orntliken dör.

Den andern dag mot de twäite junge mit der zîegen lôs un hat se ôk den ganzen dag ehott, un ans et bolle abend wêren will, säo segt häi täo sîner zîegen: »No zîege! nu frett noch en bîeten, ehr et düster werd.« »Nê!« segt de zîege do:

»Eck bin säo satt,
Eck mag näin blatt.«

»No, denn kumm hêr, denn willt wi nâ hûs gâen,« segt de junge, un tüt mit sîner zîegen na hûs. Ans häi nu inkumt, säo fraget de vâer de zîegen: »of se denn nu ôk orntliken satt wöre.« »Nê,« säe de zîege:

»Dar satt noch’n blatt,
Härr eck dat noch ’e hatt
Säo vör eck satt.«

»I,« segt do de kêrel, »säo schall doch den jungen dütt un datt!« krigt sine älen un prügelt mînen läiwen jungen orntliken dör.

Den drüdden dag möste de drüdde junge met der zîegen lôs. »Eck wicke et dî awer,« säe de kêrel, »kummst du mî mit der zîegen in, un se is nich satt, säo gift et hibe.« Do hodde de junge de zîegen den ganzen dag, un ans et bolle abend wêren wolle, säo segt häi: »No, zîege! nu frett noch en bîeten, ehr et düster werd; dat du hernah orntliken satt bist.« »Nê!« segt de zîege:

»Eck bin säo satt,
Eck mag näin blatt.«

»No, denn kumm her,« segt de junge; »denn willt wi nâ hûs gâen,« un tôg mit sîner zîegen na hûs.

Ans häi nu inkummt, säo fraget de vâer de zîegen: »of se denn nu ôk orntliken satt wöre.« »Nê!« säe de zîege:

[43]

»Dar satt noch ’n blatt,
Härr eck dat noch ’e hatt
Säo wör eck satt.«

»I,« segt dô de kêrel: »säo schall doch den jungen dütt un datt,« krigt sîne älen van der wand un prügelt mînen läiwen jungen orntliken dör.

Den andern dag denket de kêrel: »du schost doch äis sülbenst mit der zîegen losgâen, dat dat arme bäist doch äis orntliken satt werd.« Des êrendages tüt häi lôs un hot de zîegen bet et abend werd, dô segt häi: »No, zîege, nû frett noch´n bîeten, dat du orntlicken satt wärst.« »Ne,« segt de zîege.

»Eck bin säo satt,
Eck mag näin blatt.«

»No, denn kumm här,« segt de kêrel, »denn will wî na hûs gâen,« un trecket mit sîner zîegen na hûs.

Ans häi nu inkam un sîne zîege anbund, do säe häi: »Nich wahr, zîege,« sägt häi, »vandâge bist du doch äis orntliken satt ewôren?« »Nê,« säe de zîege do ôk wêer:

»Dar satt noch ’n blatt,
Härr eck dat noch ’e hatt
Säo wör eck satt.«

»Verdammte zîege,« säe do de kêrel; »eben haste di den balg säo dicke fräten, dat du näin blatt mehr möchtest; un nû segste, du bist nich satt? Ja, teuf man, eck will dî betâlen!« Do läip de kêrel hen un hâole sîne schêren un snêt der zîegen up äiner halwe alle hâre van’n balge, un ok dat äine ohr snêt he ör af, un ans he dat e dâen harre, do nam häi sîne älen un klappe mîne läiwen zîegen ût’n hûse herût.

De zîege, de nû ganz verschändet was un sick säo vär näinen minschen säien lâten möchte, läip int holt un kamm an’en vosslock un dachte, da wolle se sick inne verstäken. Do räip de voss:

»Halb geschôren, halb ungeschôren!
Wer herein kommt
Dem rutsch ich,
Dem stutz ich
Den stuppstêrt
Vôrm ase weg!«

Dô wôrd de zîege bange, dat se ören stuppstêrt ôk noch missen schölle, un fong en lopen an un läip jümmer täo in de wîe welt henin, un wenn se noch nich up ehört hat, säo lopt se vandage noch.


Die launische Ziege.
(hochdeutsch).

Es ist mal ein Schneider gewesen, der schaffte sich eine Ziege an. Er [44] hatte drei Jungens, denen befahl er, einem nach dem andern, sie zu hüthen, draußen an der Hecke, bis sie satt sei. Das thaten sie denn auch mit allem Fleiß, und jedesmal, ehe sie aufhörten mit Hüthen, fragten sie ausdrücklich, ob sie genug hätte, und jedesmal gab die Ziege zur Antwort, sie wäre so satt, daß sie kein Blatt mehr möchte; kamen sie aber nach Hause mit ihr und der Vater fragte nach, dann sagte sie immer das Gegenteil. Auf die Bengels ist kein Verlaß, dachte der Schneider, ich muß selbst mit ihr los. Als er nun meinte, sie hätte sich dick gefressen, fragte er doch noch der Sicherheit wegen: »Na Ziege, bist du nu satt?«

Eck bin säo satt,
eck mag näin blatt,

versicherte die Ziege. Als er aber mit ihr nach Hause kam und nochmals die nämliche Frage stellte, fing das launische Vieh an zu meckern und schrie.

Ne!!
Dar satt noch’n blatt,
härr eck dat noch ehatt,
säo wör eck satt.

Das war dem Meister denn doch zu bunt. Er wurde kraus, nahm seine große Schere, schor die Ziege auf einer Seite rattenkahl, schnitt ihr ein Ohr ab und prügelte sie mit seiner Elle bis in den Wald hinaus. Hier wollte sie sich verstecken in einer Höhle, aber im Hintergrund saß der Fuchs und rief ihr drohend entgegen:

Halbgeschoren, halbungeschoren,
wer herein kommt,
dem rutsch ich, dem stutz ich
den stuppsteert (Stumpfschwanz) vor’m ase weg.

Da kriegte sie’s mit der Angst, daß sie den Schwanz auch noch missen sollte, und fing zu laufen an, immerzu in die weite Welt hinein, und wenn sie nicht aufgehört hat mit Laufen, dann läuft sie noch heute.