Die seitliche Rückgratsverkrümmung

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Textdaten
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Autor: Karl Hermann Schildbach
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Titel: Die seitliche Rückgratsverkrümmung
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aus: Die Gartenlaube
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1863
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[614]
Die seitliche Rückgratsverkrümmung.
Ein Wink für Eltern und Lehrer.
Von Dr. Schildbach in Leipzig.

Die Skoliose, wie man die Seitwärtskrümmung des Rückgrats bezeichnet, ist in der ärztlichen Literatur bis jetzt von einem ganz besonderen Unglück verfolgt worden. Es giebt wenig Capitel in der Medicin, über welche so viel schöne Worte und Ermahnungen an das Laienpublicum gerichtet worden sind, und vielleicht keines, wo das so geringen Erfolg gehabt hätte. Täglich und jeden Tag von Neuem kann man die Kinder in den Schulen Stunden lang in derselben einseitig ausgebogenen Haltung beim Schreiben verharren sehen; ja fast mit jedem Anblicke eines Kindes ist für das aufmeksame und kundige Auge das Bemerken einer einseitigen Gewohnheit verbunden. Noch heute wird in unzähligen Schulen durch lehnenlose Bänke die unsinnige Zumuthung an die Kinder gestellt, sich mehrere Stunden nach einander ohne Stütze aufrecht, und zwar „gerade“ aufrecht zu erhalten, „damit der Rücken nicht krumm wird“, und noch jetzt kann man es erleben, daß selbst Aerzte einer beginnenden Schiefheit gegenüber erklären: „es hat nichts zu sagen; es wird sich verwachsen.“

Wenn ich trotzdem mich den Predigern in der Wüste zugeselle, so geschieht es im Gehorsam gegen die innere Mahnung: Du sollst Deine Schuldigkeit thun auch ohne Aussicht auf Erfolg; – und nebenbei doch auch in der leisen Hoffnung, durch meine Worte hier und da einem Kinde seine Wohlgestalt erhalten zu helfen.

Der Rumpf mit Kopf und Armen ruht bekanntlich auf einer Säule von runden Bausteinen, den Wirbelkörpern. An jeden derselben setzt sich hinten ein knöcherner Ring an, welcher in verschiedenen Richtungen sieben knöcherne Auswüchse oder „Fortsätze“ [615] zeigt, deren hinterster, der Dornfortsatz, in der Mittellinie des Rückens sich deutlich unter der Haut markirt. Bei der Skoliose nun sind diese Nackenwirbel auf die Seite getreten, so daß die Krümmung der Wirbelsäule nicht in der von vorn nach hinten gerichteten senkrechten Halbirungsebene des Körpers verläuft, sondern in einer zum Beispiel von rechts hinten nach links vorn gerichteten. Dieser Richtung der Wirbelsäule entspricht aber nicht auch die Stellung der Wirbel; diese haben vielmehr zugleich mit der Seitwärtsbewegung eine Drehung in der Art erlitten, daß bei der beispielsweise erwähnten rechtseitigen Skoliose ihr vorderer Theil noch viel weiter nach rechts gerückt ist, als ihr hinteres Ende. Beträgt z. B. die größte Abweichung der Wirbelsäule von der Senkrechten nach rechts äußerlich, von den Dornfortsätzen gemessen, drei Linien, so wird der ursprünglich vorderste Punkt der Wirbelkörper ungefähr neun Linien weit abgewichen und viel mehr nach rechts als nach vorn gerichtet sein.

Mit den Brustwirbeln sind die Rippen ziemlich starr verbunden, müssen daher der Verschiebung und Drehung der Wirbel folgen. Dieser Umstand bedingt die Entstellung, welche die Körpergestalt durch die Skoliose mit der Zeit erleidet. Die Erhöhung auf der einen, die Einsenkung auf der andern Seite des Rückens haben ihren Ausgangspunkt in der Wirbelsäule selbst. Aber auch wenn noch keine bemerkbare Drehung des Brustkorbes vorhanden ist, wenn der Formfehler auch nur als hohe Schulter oder schiefe Hüfte erscheint: auch dann ist die Ursache in einer Skoliose, einer seitlichen Abweichung der Wirbelsäule zu suchen.

Groß ist die Mannigfaltigkeit der Wege, auf welchen eine Skoliose zu Stande kommen kann.

Ich glaube indeß hier von allen feinern Unterschieden absehen und auch die von ursprünglicher Erkrankung der Wirbelknochen herrührende Skoliose ausscheiden zu dürfen, welche gewöhnlich noch von andern Erscheinungen, von Zeichen eines Allgemeinleidens begleitet ist. Dann kann ich sagen: die häufigste Ursache der Skoliose ist eine einseitige Gewohnheitshaltung oder -Thätigkeit. So kann einseitiges Tragen der Kinder auf dem Arme, ungleiche Benutzung der Beine oder Arme, hängende Haltung beim Sitzen, wie sie besonders während des Schreibens gewöhnlich eingenommen wird, u. a. m. Skoliose erzeugen. Es ruht nämlich während einer solchen seitwärts ausgebogenen Haltung die Last des Oberrumpfes mit Kopf und Armen ausschließlich auf der einen, der senkrechten Achse des Körpers zunächst gelegenen Hälfte der Wirbelkörper, während ihre andere, äußere Hälfte, nichts zu tragen hat. Diese Belastung bewirkt auf der betreffenden Seite mit der Zeit Druckschwund, eine Abflachung des Wirbelkörpers in Folge des häufig wiederkehrenden Drucks und somit eine keilförmige Verbildung desselben, nach demselben Gesetze, welches am Schienbein eine Rinne unter dem Strumpfband entstehen läßt. Damit ist die seitliche Abweichung eine dauernde geworden.

Weil einseitige Gewohnheiten viel häufiger sind, als völlig gleichmäßiger Gebrauch beider Beine oder Arme, vielleicht auch, weil von Geburt an beide Seiten nicht gleich entwickelt sind, zeigt eine genaue Beobachtung die große Mehrzahl unserer Jugend schief. Zum Glück bleibt es in den meisten Fällen bei einer geringen Ungleichheit beider Seiten, und nur bei einer kleinen Minderzahl schreitet das Uebel weiter. Auf die Frage aber, welche Verhältnisse dieser Minderzahl gemeinsam sind und die Zunahme der Verbildung bedingen, habe ich keine Antwort; wir kennen sie nicht. Wir vermögen niemals mit Gewißheit vorauszusagen, ob ein Kind, welches sich „schief hält“, eine entstellende Verwachsung davon tragen wird, wenn es sich selbst überlassen bleibt, oder nicht. Aber eine Grenze giebt es, nach deren Ueberschreitung das Uebel nicht mehr stehen bleiben kann, sondern sofern es nicht mit Geschick bekämpft wird – zunehmen muß, und nur das beschleunigte oder langsamere Zeitmaß dieser Zunahme, worüber nur ein sehr geübter Orthopäd im Voraus einige Auskunft ertheilen kann, bedingt einen Unterschied des mit vollendetem Wachsthum erreichten Grades der Verkrümmung.

Diejenigen Eltern werden immer am sichersten gehn, welche, sobald sie die ersten Spuren einer schiefen Haltung an einem ihrer Kinder entdecken, sofort Maßregeln dagegen ergreifen. Wenn ihnen aber diese ersten Anfänge nicht entgehen sollen, so müssen sie zuweilen ihre Kinder untersuchen, indem sie eines nach dem andern mit entblößtem Oberkörper, so daß auch die Hüften noch sichtbar sind, vor sich hinstellen und, besonders von hinten, besehen. Das Kind soll dabei in militärischer Haltung, mit geschlossenen Fersen, gestreckten Knieen und beiderseits gleichmäßig herabhängenden Armen dastehen, ohne jedoch die Schultern zurückzunehmen, vielmehr ohne allen Zwang. Man beobachtet nun vergleichsweise die Höhe der Schultern, die Seitencontouren des Oberkörpers und hauptsächlich den Lauf der Wirbelsäule. Da diese nicht überall sichtbar hervortritt, so hat man sie zwischen zwei Fingern zu verfolgen. Findet man an ihr eine seitliche Abweichung, die meist auch durch ungleiche Höhe der Schultern und ungleiches Herumtreten der Hüften angedeutet ist, so mache man den weiteren Versuch, daß man das Kind sich bei gestreckt gehaltenen Knieen und immer senkrecht schlaff herabhängenden Armen so weit vorbeugen läßt, bis die Handgelenke in der Höhe der Kniee sich befinden. Hierbei kommt eine geringe Skoliose zum Verschwinden; eine stärker entwickelte macht sich auch hier noch durch die seitliche Abweichung der Wirbelsäule und ungleiche Höhe der Rückenwölbungen bemerkbar. Dieser höhere Grad der Skoliose ist auf jeden Fall einem mit der Orthopädie vertrauten Arzte zur Behandlung zu übergeben, wenn ein günstiger Erfolg erlangt werden soll, der geringere Grad kann im elterlichen Hause behandelt werden, wird es aber selten mit Erfolg. Wenn ich trotzdem im Folgenden einige Regeln für die häusliche Behandlung der entstehenden Skoliose gebe, so ist das nur ein Nothbehelf, weil noch sehr wenige Aerzte eine genügende Kenntniß der Orthopädie und besonders der gymnastisch-orthopädischen Heilmittel besitzen und daher für viele Eltern gar nicht die Möglichkeit vorliegt, sich an richtiger Quelle Rath zu holen. Solchen gilt mein Rath, wie ich ihn hier geben will, der ihnen aber nur dann etwas nützen wird, wenn sie selbst der Sache eine gründliche und ausdauernde Sorgfalt widmen.

Die gewöhnlichen Skoliosen – denn seltenere Formen kann ich hier nicht berücksichtigen – sind zweierlei Art: entweder zeigt sich in der Höhe der Schulterblätter eine Krümmung nach rechts, oder unterhalb der Schulterblätter eine solche nach links. Erstere beschränkt sich auf wenige Wirbel, ist zuweilen gleich anfangs von einer Gegenkrümmung in der Weichengegend nach links und in der Regel von einem Tieferstehen der linken Schulter begleitet; die zweite Form dagegen besteht aus einem weitgedehnten flachen Bogen nach links, ohne Gegenkrümmung, und zeigt zugleich einen tieferen Stand der rechten Schulter.

Gegen die erstgenannte Form, die rechtseitige Skoliose, hat sich mir folgende Uebung bewährt, die wie alle Freiübungen im geschlossenen straffen Stehen vorzunehmen ist. Der Patient (um ihn der Kürze wegen so zu nennen) streckt den linken Arm, die Hohlhand nach vorn gerichtet, senkrecht neben dem Kopfe in die Höhe, aber ohne den Oberkörper nach rechts zu neigen und die linke Schulter zu heben, legt den rechten Unterarm quer über den Rücken und beugt nun den Oberkörper abwechselnd nach vorn und hinten. Ueber einer solchen Vor- und Rückbeugung sind 8–10 Secunden zuzubringen. Beim Rückbeugen ist ein-, beim Vorbeugen auszuathmen. Der linke Arm hat dabei keine selbstständige Bewegung zu machen, ist vielmehr in seiner Stellung zum Oberkörper, dessen Verlängerung er in dieser Haltung bildet, unverrückt, wie angelöthet, zu erhalten. Wenn er bei der Vorbeugung selbstständig abwärts geht, so ist das ein Fehler. Auch ist alle Beugung des Arms im Ellbogengelenk, so wie das Einknicken der Kniee bei der Vorbeugung, zu vermeiden. Der Kopf darf sich nicht nach links neigen, dem Arme entgegen, sondern muß seine aufgerichtete Haltung behaupten.

Ist bei der rechtseitigen Skoliose zugleich eine Gegenkrümmung der Lendenwirbel nach links vorhanden, so erleidet die Ausgangsstellung für diese Uebung eine Veränderung; der Oberkörper ist nämlich, sobald die Arme ihre Haltung eingenommen haben, ein klein wenig nach links zu neigen. In dieser Haltung soll der Körper bei der Vor- und Rückbeugung nicht nur, sondern auch bei dem Uebergange von der einen in die andere, also unausgesetzt, verbleiben.

Dieses „Rumpf vor- und zurückbungen in Linksstreckhalte“ welches täglich 2–3 Mal, jedesmal 10–30 Mal zu wiederholen ist, sieht sehr einfach aus, ist aber in richtiger Ausführung nicht leicht, muß daher stets beaufsichtigt werden. Gut ist es, wenn der Patient seine Uebung vor dem Spiegel macht, um schiefen Stand der Schultern und des Kopfes oder gekrümmte Haltung des linken Armes zu vermeiden.

[616] Eben wegen der Schwierigkeit dieser Uebung empfehle ich sie nicht für die zweite Form der Skoliose, die linkseitige, obgleich sie, natürlich mit Hochstreckung des rechten statt des linken Armes, hier ebenfalls ganz nützlich wirken würde. Es giebt aber eine leichter zu erlernende Uebung, welche bei der oben beschriebenen Abweichung der Wirbelsäule nach links, die ja nicht blos durch den Gegensatz der Richtung, sondern auch durch die Form wesentlich von der rechtseitigen verschieden ist, ebenfalls zum Ziele führt, nämlich das in Schreber’s Zimmergymnastik unter Figur 8 abgebildete „einseitige Tiefathmen“. Der rechte Arm wird so weit über den aufrecht gehaltenen, nicht nach rechts geneigten Kopf gelegt, daß die Hand das linke Ohr berühren kann, und die linke Hand, Daumen hinten, Finger vorn, möglichst hoch, der Achselhöhle nahe in die linke Seite eingestemmt. In dieser Haltung erfolgt 10–30 Mal langsames, tiefes, bis an die Grenze der Möglichkeit ausgedehntes Athemholen; während jedes Athemzuges wird der Druck der linken Hand verstärkt. Auch diese Uebung bedarf täglich mehrmaliger Wiederholung.

So wirksam aber diese Uebungen beim ersten Anfang der Skoliosen sind, so werden sie doch die Formveränderung nicht beseitigen, höchstens nur ihre Zunahme aufhalten, sobald die Ursache des Uebels fortbesteht. Diese aufzuspüren und, wenn sie noch besteht, abzustellen, ist erste Vorbedingung für Heilung jedes, so auch des hier in Frage stehenden Gebrechens.

Ein sehr wichtiges Unterstützungsmittel der Cur ist ein fleißiges Selbstrichten des Patienten. Er stelle sich des Morgens und des Abends mit entblößtem Oberkörper vor den Spiegel und bringe den Rumpf in eine ganz gerade, gleichmäßige Haltung, gehe so in möglichst wenig gezwungener Weise durch das Zimmer und controlire dann seine Haltung wieder vor dem Spiegel. (Leichter erfolgt die Annahme der richtigen Haltung durch fremde Nachhülfe, welche aber schriftlich nicht gut zu lehren ist und daher hier nicht empfohlen werden soll.)

Gleichfalls Unterstützungsmittel, nicht aber Heilmittel, wie Viele annehmen, und besonders dann nützlich, wenn dabei der Körper kräftig zurückgenommen und recht tief geathmet wird, ist der Streckhang: die Hände sind nach oben gestreckt und halten eine wagrechte Stange oder Sprosse so umfaßt, daß der ganze gestreckte Körper von den Händen getragen wird.

Alle diese Vorschriften sind, ich wiederhole es, nur für den Nothfall und den ersten Anfang der Seitwärtsverkrümmung gegeben. Wer es kann, wird auch im Anfange freiwillig dasselbe thun, was er später wahrscheinlich thun muß: sein Kind für einige Zeit – zum Einlernen der nöthigen Uebungen – oder für die ganze Dauer der Behandlung einem fachkundigen Arzt anvertrauen.