Die silberne Glocke

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Autor: Karl Reinecke-Altenau
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Titel: Die silberne Glocke
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Quelle: Allgemeiner Harz-Berg-Kalender für das Jahr 1950
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Die silberne Glocke
Von Karl Reinecke-Altenau


Allgemeiner Harz-Berg-Kalender 1920 S.35 Steinbrücke im Harz.png

     Jede Bergbachquelle hat ihr eigenes Gesicht und ihre eigene Musik, und jede trägt das Herz der Mutter in sich, deren Schoß sie gebar.

     Die einen quillen hervor wie stille Freude und fangen daseinsfroh alle Himmelsbläue über sich in ihre Klarheit hinein, Gotteswunder zu Gotteswunder fügend. Oder sie liegen wie moosumkränzte Träume in Fichtendämmerung verkuschelt. Andere sind drängendes Gebrodel, das nicht viel Zeit zum Besinnen läßt und keine Muße findet zum beseligten Auskosten der Stunde des Zur-Welt-Gekommense. Die dritten dann sind voll stürmender, ungebärdiger Wildheit. Sie kennen kein Verweilen und kollern davon, als sei alle Sonne nachzuholen, die sie versäumten, da sie noch Rinnsal waren unter Fels und Erde. Manche sind schon große Kinder, wenn sie ans Licht treten und zum ersten Male die Sonne grüßen. Sie sind mündig und wissen, was sie wollen. Andere wiederum tappen wie zage Wegsucher in die Welt. Sie machen Fragende Augen und müssen sich vom Schicksal an die Hand nehmen lassen. In ihrer Stimme ist noch Kindheit. Sie üben noch an den Liedern, die sie unten im Tal singen wollen und fangen mit der Tonleiter an: tink, tunk, tink, tonk. – Von diesen ganz Kleinen weiß ich einen, der ist wie eine silberne Glocke in die Stille eines Bergwaldes gehängt.

     Durch den Urberg wächst eine Bruchbarre. Nach dem Stamm zu wird sie zu brauner Öde. An den Hängen aber leckt sie mit breiten Zungen in eine Waldwildnis hinab, in der zwischen zerrauften Wetterkämpen Tod und Leben durcheinanderpoltern. Das Bruch schluckt Wolken voll Regen und Nebel in sich hinein. Torfmoos und Seggen verfilzen sich über ihm und halten den nassen Segen fest, daß nicht mehr von ihm verdampfe, als weise Haushälterischkeit für gut befindet zu Nutz von Wald und Wild und Menschen. Die Bruchbarre hat einen Schaß zu hüten, dessen Wert manchem Ödlandkulturpropheten noch nicht aufging. Das Bruch geizt nicht mit seinem Schatz. Doch nicht alle Tage teilt es mit vollen Schalen aus. Was es spendet, ist nach dem Vorrat bemessen, den ein ungemalter Pegelstrich anzeigt. Zu Zeiten schickt es kullernde Rinnsale ins Tal, daß der ganze Hang ein schwatzendes Plörren und Plurren ist. Manchmal platschen Gießbäche daraus hervor, die den Wald mit Brausen füllen. Wenn aber Sommersonne über den oberharzischen Wald brennt, ist nur sparsames Geben Tropfen um Tropfen. Unter Torfmoder und Wurzeln geht ein stilles Wandern an. Porenfeine Äderchen sind die Wanderstraßen, darauf unter Tage das Tropfenvolk seine Sickerfahrt tut. Keins hat sondere Eile. Keins weiß, wohin die Reise geht. Zu einem Bachbett vielleicht. Vielleicht in ein schwarzes Sumpfloch, in dem nachts das Rotwild suhlt. [32]      Zuweilen läßt eine Zufälligkeit einen Blick tun in die heimliche Wanderstraße der Wassertropfen. Ein Hirsch flüchtete über das Bruch. In einer vertrockneten Torfrunse, die im Frühjahr die Schmelzwässer ins Tal leitet, traten seine Hinterläufe ein tiefes braunes Loch. Und sieh: feuchte Glitzer blänkerten rings aus der Lochwand, und jedes war wie eine erstaunte Frage: Ob ich hier richtig bin? – Aber keins verweilte am Ausguck. Zickzackig wackelten sie an der braunen Wand hernieder. Ehe freilich die ersten an den Boden gelangten, waren sie aufgesogen. Ungezählte andere aber aus ungezählten Stollen folgten, und bald teufte sich der Hirschtritt wie ein feuchter Schacht in die Runje hinab.

     Unter dem oberen Rand des Loches ragt aus Moorfasern und Torferde eine knorkelige Heidelbeerwurzel in die Höhlung. Sie hat sich just einem Wasserräderchen in den Weg gelegt. Die reisenden Tropfen finden, daß es lustig sein müsse, nach der Wanderung im Dunkeln eine Luftreise zu machen und seiltanzen wippend an der Heidelbeerwurzel hin. So fröhlich ist das, daß jedes mit einem klingenden Jauchzer sich von der Wurzelspitze in den Lochtopf hinabplumpsen läßt, auf dessem Grund sich ein winziger Quellteich gebildet hat. Eine Hand hoch ist der Hirschtritt gefüllt. Höher kann der Spiegel des Teiches nicht steigen, denn bergabwärts ist schon wieder das Röhrenwerk gelegt, in dem die stille Unrast weitersickert. So bleibt eine Höhlung über dem Wasser. Sie wird zum Resonanzboden und rundet jeden kleinen Tropfenplatsch zu einem silbernen Glockenton ab: tonk – tink – tunk – puck – pück — purr. Ein Bachkind läutet sich in die Welt. –

     Über dem Urberg träumt die Nacht. Alles Laute schläft. Zur Ruhe sind Wind, Bekassine und Nachfalterblaffen. Nur die Silberglocke tunkt. Es ist, als ob aus Bruch und Fichtenheimlichkeit alle Stille der Nacht sich sammelt, in unsichtbarem Strom zusammenströmt und klingend in raumlose Dunkelheit tropft. Durch den Giebelschlitz meines Zeltes singt der Quell im Bruch das Nachtlied der Wildnis über mein Heckenlager hin:

Tunk – tonk – tink,
     Trinke, Seele, trink
Tonk – tink – tunk
     Stiller Stunde Silbertrunk.
Punk – pück — purr,
     In der Stille nur
P–luck, p–lück
     Wohnt das Glück.