Die wandernde Kunst-Ausstellung in England

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Autor: N. N.
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Titel: Die wandernde Kunst-Ausstellung in England
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 14, S. 188
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1855
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[188] Die wandernde Kunst-Ausstellung in England. Eine der schönsten praktischen Früchte der großen Völkerkultur-Ausstellung in London ist die für’s Volk auf die Beine gebrachte und mit Reisemittteln versehene, wandernde Ausstellung von allerlei Gegenständen, welche geeiget sind, den im englischen Volke sehr mangelhaft ausgebildeten Schönheits-, Decorations- und Formensinn für die industrielle Produktion im Gebiete der keramischen Künste[1] auszubilden. Wie Jeder lieber aus einem schönen Topfe trinkt, macht auch jede Häuslichkeit nicht nur auf ganze Töpfe, Tiegel, Tassen, Schaufeln und Schüsseln, Servietten und Arietten, Messer und Gabeln, Vasen und Flaschen, Kessel und Kannen, und wie die „gewobenen und gedrehten, gekneteten und geschmiedeten, gegossenen und gehämmerten Stückchen in die Wirthschaft“ sonst heißen, gerechten und gebildeten Anspruch, sondern sie sollen auch schön sein und mit einander harmoniren, wie die Herzen im Hause. Dadurch ist der Industrie in ganzer Breite die Mission geworden, Künstler zu werden. Selbst Schneider und Schuster müssen Künstler mit geübtem Schönheitssinn sein, wenn sie fort- und emporkommen wollen. Der Schneider muß den allmächtigen Schöpfer corrigiren und durch Kleider schöne Leute machen, wie der Fußbekleidungskünstler Schwung und Grazie auch um die plumpsten Elephantenfüße bringen muß. Die „Gebrüder Beeneke“, wie der Berliner sagt, sind sehr eitel. Ein Oesterreicher gab mal in einer Gesellschaft das Räthsel auf: „’s fangt halt mit der Buchstab a an und is a Theil des menschlichen Körpers. Nu rathen’s das.“ Als sich die ganze Gesellschaft vergebens bemüht hatte, eine anständige Lösung zu finden, rief der Oesterreicher: „a Paar Stiefeln!“ Man sieht aus diesem alten Witze, daß die Fußbekleidung auf unserer Kulturstufe förmlich als ein Theil des Menschen selbst anerkannt wird. In England werden fast jedesmal zuerst die Stiefeln eines an der Thür klopfenden Fremden gemustert. Sind diese fein und schön, wohl gar glanzlackirt, verbreitet sich sofort durch den Mund des dienstbaren Geistes ein guter Ruf von ihm durch’s Haus.

So viel beiläufig im Spaße für den Ernst und die Nothwendigkeit des Schönen in Industrie und Leben und die wandernde Ausstellung der Regierung zur Beförderung desselben. Sie hat drei Jahre an der Ausstellung in ihrer Marlborough-House-Akademie vorbereiten und sammeln lassen, wobei sich auch Professor Semper, der die Abtheilung des Formen- und Modellzeichnens dirigirt, betheiligte. Die Grundlage war eine Auswahl dekorativer Gegenstände aus der großen Ausstellung von 1851, welche zur Herstellung eines „National-Museums für ornamente Kunst“ mit 5000 von der Regierung bewilligten Pfunden angekauft wurden. Diese Sammlung aller Arten von Modellen und Mustern für schöne Industrie sind nun nummerirt, geordnet und in Katalogen näher beschrieben worden; und nun unter Leitung wissenschaftlicher Erklärer reisefertig, um von einer Stadt zur andern zu wandern und Schönheitssinn unter den industriellen Klassen anzuregen. Sie ist noch jung, aber schon sehr reich und enthält z. B. allein 400 Muster und Modelle für Metall-Keramik in Gold und Silber, Juwelerie, Damasquenerie, Niello-Arbeit, Guß, repoussé und getriebene Sachen. Das specielle Gebiet der Keramik, Töpferei, Porzellan-Industrie, Fayence u. s. w. ist bereits zu einer zusammenhängenden historischen Mustersammlung geworden, beginnend mit etruskischen und griechischen Vasen, und fortschreitend bis zu Mustern der Töpfereien von Staffordshire und Sèvres und sich ausdehnend bis China und Japan. Es befinden sich darunter die berühmte japanesische Vase und drei Sèvres-Vasen, welche die Königin früher für 4000 Pfund, also mehr als 27,000 Thaler, kaufte und jetzt der wandernden Ausstellung lieh. Wie hoch man die Sèvres-Vasen in England schätzt, zeigte sich neulich in einer großen Kunst-Auction, in der alle dergleichen dekorative Sachen für Hunderte von Pfunden, ein Paar kleine Sèvres-Vasen, Madame Rothschild aus dem Felde schlagend, für 874 Pfund, weggingen.

Die andern Gebiete der wandernden Ausstellung bestehen aus Mustern und Modellen von Holz- und Elfenbein-Sculptur und Schnitzwerk, antiken und venetianischen Glas-Gefäßen, gemaltem antiken Glas, Limoges-Emaillen, Polissy-Produkten, Münzen, Gemmen und Medaillen, Mustern antiker und orientalischer Gold- und Silberweberei, Zeichnungen davon, Photographieen von Meubles und allerlei Kunstsachen in Holz, elektrotypischen Kopieen der berühmten getriebenen Kunstwerke Benvenuto Cellini’s, von Vechte’s und dem Augsburger Schilde und was sich inzwischen sonst noch eingefunden haben wird, da die reich mit Kunstschätzen versehene Aristokratie mit der Königin als Muster, bei solchen Gelegenheiten immer gern beiträgt.

Die Ausstellung wird zuerst in die Hauptstadt der Metallkunst, nach Birmingham wandern und Ende März eröffnet werden. Nach einem Monate wandert sie weiter und sofort von Stadt zu Stadt, Anregungen für Verschönerung der Lebensverschönerungsmittel nach alten Seiten hin bis in die dunkelsten Werkstätten ausstrahlend. Da sie auf ihren Wanderungen zuweilen auch wandernden Bibliotheken begegnen und später von andern wandernden Aposteln und Missionären der Kultur und Aesthetik unterstützt werden wird, läßt sich erwarten, daß die praktischen Musen und Grazien der Industrie und der Lebensverschönerung aller Art sich bald überall auf die Strümpfe machen und statt der Militär-Regimenter Eisenbahn-Extrazüge nehmen werden. Sind sie dann eine Zeit lang in alle Welt gegangen, zu lehren alle Heiden, wird sich in jedem Städtchen und Dörfchen ein Herd und eine Häuslichkeit fest angestellt finden, wonach sich die Andern richten können. Wie jedes Dorf seinen Pastor und Schulmeister hat, wird es später auch seinen besondern Kulturtempel aufbauen und ausschmücken und jede Häuslichkeit danach fegen und feinen.

  1. Von κἐραμος (Keramos) Topf. Man versteht jetzt unter „keramischen“ alle industriellen Künste, die aus weichen oder erweichten Massen Gebrauchs- und Luxusgegenstände formen, schmieden, hämmern, gießen, dehnen, ziehen, pressen u. s. w. im Gegensatz zu den textilen Künsten, deren Grundform, wie das Wort sagt, im Weben besteht.