Doch nach Canossa!

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Textdaten
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Autor: a. D.
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Titel: Doch nach Canossa!
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 43, S. 711–713
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1872
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Doch nach Canossa!


Die Leser der Gartenlaube haben neulich die Spuren unserer großen Kaisergeschlechter des Mittelalters im Herzen des Vaterlandes selbst verfolgt, im freundlichen Thale der Unstrut wie auf dem bewaldeten Hügelrücken des Kyffhäusers; heute mögen sie uns über die Alpen begleiten in’s sonnige Welschland hinein, um auch dort einmal auf den historischen Spuren derselben gewaltigen Fürsten zu wandeln, ob es gleich vornehmlich wehmüthige Erinnerungen sind, die sich daran knüpfen; liegt doch auch für ein ganzes Volk so gut wie für den einzelnen Menschen ein eigener Reiz in der Betrachtung vergangener Leiden und überstandener Gefahren. Unsere Historiker und Politiker haben in der jüngsten Zeit lebhaft darüber gestritten, ob unsere Ottonen, Salier und Staufer weise oder unweise gehandelt, als sie sich so tief in die italienischen Verhältnisse einließen, als sie in immer wiederholten Römerzügen die tüchtigsten und streitbarsten Männer aus dem deutschen Adel und Volk erbitterten Kämpfen und einem aufreibenden Klima entgegenführten. Von nationaldeutschem Standpunkte aus wird man eine solche nach fernen, stets weiter hinauslockenden Zielen trachtende Politik ohne Zweifel beklagen müssen: wie manches dringendere Werk in der Heimath ward darüber versäumt, und wie bald war, was jenseits der Berge gewonnen schien, auch wieder zerronnen! Allein jenes alte Kaiserthum war nun einmal – im völligen Gegensatze gegen unser Kaiserthum von heute – eine wesentlich internationale Würde. Als der deutsche König Otto der Große sich in Rom die Krone des großen Karl vom Papste wieder aufsetzen ließ, da übernahm er zugleich die an dieser Krone haftende Pflicht, ein Schirmherr der abendländischen Christenheit überhaupt zu sein und überall mit der unverdorbenen Kraft seiner heimischen Nation Recht und Ordnung aufzurichten, zumeist, wo es dessen so sehr bedurfte, in dem tief zerrütteten Italien. Wie in modernen Tagen unsere deutschen Auswanderer nur scheinbar dem mütterlichen Boden verloren gehen, wie sie vielmehr weit über’m Ocean durch den Fleiß ihrer Hände und das Beispiel ihrer Gesittung dem deutschen Namen Ansehen und Ehre bereiten, deren Widerschein reichlich auf das Vaterland zurückstrahlt, so haben auch die Fürsten und Reisigen deutscher Nation, die im Mittelalter so oft ihre gefürchteten Waffen in das treulose Welschland getragen, eine Culturarbeit verrichtet, aller Welt zu Nutz und dem eigenen Volke zum Ruhme; es schändet sie wahrlich nicht, wenn sie selbst darüber zu Grunde gingen.

So liegen denn die Stätten der Erinnerung an deutsche Thaten und Leiden weithin zerstreut über das herrliche Land im Süden der völkerscheidenden Alpen. Schon wo sich die Pässe des Hochgebirges hinabsenken, muß man der lauernden Lombarden gedenken, die dem verhaßten Barbarossa umsonst den Weg zu versperren suchten; in der Poebene sodann, von wieviel Schlachten und Belagerungen aus der staufischen Zeit wissen nicht diese Felder, diese Städtemauern zu erzählen! Und so geht’s fort über die ewige Stadt hinweg bis in die schmale calabrische Halbinsel, wo Otto der Zweite von den Saracenen geschlagen ward, ja bis jenseits des sicilischen Sundes, wo im Dome zu Palermo die Sarkophage Heinrich’s des Sechsten und Friedrich’s des Zweiten an die höchste Macht und den tragischen Ausgang des schwäbischen Kaiserhauses gemahnen. Es war die Kirche, wie Jedermann weiß, welche diesen Ausgang verschuldet hat; ja beinahe alle Niederlagen der deutschen Waffen in Italien bedeuteten ebenso viele Siege desselben Papstthums, das unsere Kaiser erst aus der Verkommenheit emporgerissen hatten und das bald in unersättlicher Herrschsucht diese seine Retter selbst unter die eigene Botmäßigkeit zu bringen unternahm. Die entscheidendsten aber unter diesen Siegen des Papstthums wurden nicht auf dem Schlachtfelde draußen errungen, sondern auf der unblutigen, dafür jedoch oft desto thränenreicheren Wahlstatt des Geistes. Ich spreche in einem einzigen Namen den ganzen Leidensinhalt dieser weltgeschichtlichen Kämpfe aus, wenn ich den Leser bitte, sich heute mit mir auf die romantische Wanderung nach Canossa zu begeben.

Castell Canossa stellt gegenwärtig eine Burgruine dar, wie wir deren in Deutschland, besonders in den Rheinlanden, so überaus viele besitzen. Früher ein mächtiger Adelssitz, erging es dieser Feste seit dem zwölften Jahrhundert ganz, wie so vielen anderen damals. Unfähig, in den unaufhörlichen wilden Fehden sich durch sich selbst zu behaupten, trat das Vasallengeschlecht Canossa, das die Burg mit anderen Schlössern am Abhange des Apennin an sich gebracht, in die Bürgerschaft der damals bedeutenderen Stadt Reggio in der Emilia ein, und diese Bürgerschaft war’s, die im Jahre 1255, um den Besitzern das Räuberhandwerk gründlich zu legen, mit Heeresmacht vor die alte Bergfeste zog und sie mittelst ihrer Steinwurfmaschinen, der Artillerie jener Tage, so zertrümmerte, wie wir sie nunmehr erblicken. Hätte die Burg keine größere Vorgeschichte, so würde sich’s höchstens um der Schönheit ihrer landschaftlichen Lage willen lohnen, sie heute zu besuchen. Aber auch so wäre es kein vergeblicher Gang; in aller Kürze will ich die äußeren Eindrücke schildern, die ich davon an einem Julisonntage dieses Jahres empfing; hernach wenden wir uns zu den ernsten historischen Erinnerungen zurück.

In Reggio, zwischen Parma und Modena, verläßt man die Eisenbahn, welche fast ohne Abweichung die alte ämilische Römerstraße vom Po zum Adriameer entlang läuft, und fährt im leichten Wagen auf guter, aber staubiger Chaussee gerade auf das Gebirge zu. Zur Seite hat man den Telegraphen, denn es ist die alte, nun fast unbenutzte modenesische Poststraße, die über den Apennin nach Massa und Carrara führt. Rechts und links der herrliche Anbau der Poebene, zwischen Weizen- und Maisfeldern in unabsehbaren Reihen rebentragende Ulmen und Maulbeerbäume. Von Zeit zu Zeit ein freundliches Dorf mit stattlich prangender Kirche, dann, sobald der Boden hügelig ansteigt, Villen auf der Höhe, lustig hell zwischen den Weingärten oder den Gruppen düsterer Cypressen hervorschimmernd. Traurig nimmt sich nur der Crostolofluß aus, durch dessen Thal man in’s Gebirge eintritt; es geht ihm wie allen italienischen Bächen im Sommer: wo im Frühjahr das Bergwasser sich mächtig und bedrohlich hervorwälzte, bezeichnen jetzt nur hier und da gelbliche Lachen zwischen wüstem Kalkgeröll, daß man diese festen grauen Brücken nicht ganz ohne Zweck über das breite Steinbett hingewölbt hat. Und außer dem munteren Element des Wassers vermißt der deutsche Wanderer auch das erquickende Grün der Wälder an diesen schroffen Felswänden; höchstens niedriges Buschwerk klettert [712] daran umher, auch das aber eintönig überstäubt und von greller Sonne beschienen. Was sich im Thale selbst an einzelnen schönen Bäumen zeigt, verdankt der menschlichen Hand seine Entstehung, es sind vorzugsweise Fruchtbäume, Wallnuß und Kastanie.

Hat man sich im Dörfchen Pecorile, dessen Bewohner fast sämmtlich droben in der Kirche die Messe hören, in der einsamen Schenke mit Brod, Ziegenkäse und herbem Wein ein wenig gestärkt, so beginnt die heiße Fußwanderung abseiten der Straße. Bald öffnet sich hinter der Bergecke der Einblick in’s öde Thal des gänzlich verdunsteten Campolabaches, den Hintergrund schließt ein isolirter Felskegel ab, auf dessen Haupte man schon von fern die Ruinen der trotzigen Feste erkennt. Erst nach einstündiger Wanderung hat man den Fuß erreicht, zwanzig Minuten später auf Dreiviertel der Höhe eine Capelle, San Paolo geweiht, zwischen dürftigen Feldern, dann geht man auf ebenem Pfade rings um den Berg herum zwischen wildem Gebüsch, aus dem der kahle, zum Theil überhangende Kalkfels noch ein paar hundert Fuß kühn in die Luft ragt. An der südlichen Rückwand – es ist die Seite, welche der Künstler[WS 1] Friedrich Preller, der talentvolle Sohn des großen Landschafters, zu unserem Bilde gewählt hat – an dieser Rückwand führt im Zickzack der steinige Fußsteig bis zu dem alten Bogenthore links hinauf, das wahrscheinlich der innersten der drei Mauern angehörte, von denen die Ueberlieferung meldet. Daneben liegt ein uralter kreisrunder Schloßbrunnen, der noch heute aus seinem tiefen Felsenschachte die Labung eines kühlenden Trunkes zu schöpfen erlaubt. Man ersieht aus unserer Zeichnung, daß nach Süden, das heißt im Bilde nach vorn zu, der Schloßberg nicht gar so isolirt dasteht, wie nach allen übrigen Seiten; hier schließt sich ihm vielmehr ein schmaler Erdrücken an, der, auf beiden Flanken von jähen, nackten Felsschründen begrenzt, die Verbindung mit dem Hauptkörper des Gebirges vermittelt; wo dieser Erdrücken an den Burgfelsen anstößt, verdeckt er mit seiner Wölbung ein paar ländliche, baumumgebene Hütten, welche das sogenannte Dorf Canossa bilden. Sonst aber ist die Lage des Burgberges nach allen Richtungen hin frei und kühn; ernst und stolz zeichnet sich sein Profil in die Luft; dieser kecke Umriß der Form wie die Natur des Gesteins erinnern am meisten an die schroffen Kalkkegelberge unserer Rauhen Alp, an Hohenzollern, Achalm, Hohenstaufen.

Die Ruinen sind an sich unbedeutend: altes Gemäuer, an Festigkeit und verwitterter Farbe kaum vom natürlichen Felsen zu unterscheiden, Thurmwände mit kleinen Fensterscharten, schutterfüllte Keller, Alles jedoch in’s Freundliche übersetzt durch eine reiche Vegetation. Eine bunte Blumenwelt, namentlich Thymian von energischem Duft, hat sich am Boden angesiedelt, üppiger Epheu, wie am Heidelberger Schlosse, überkleidet weich und dicht die Pfosten und Mauern; sogar ein wilder Feigenbaum erhebt sich inmitten eines verwüsteten Gelasses, wie ein lebendiger Deckpfeiler steht er da, ausgreifend nach dem verschwundenen Gewölbe. Ueber Alles prächtig aber ist die weite Aussicht.

Nach Norden dehnt sich hinter den abfallenden Rändern des Gebirges unermeßlich die herrliche Tiefebene aus, in bläulichen Duft gehüllt, aus dem doch der Silberstreif des Po wie die Kuppeln und Thürme der geräumigen Stadt Parma deutlich hervorschimmern. Nach Süden die Hochwelt des innern Apennin, Ketten über Ketten, alle so scharf umrandet, wie es nur in dieser klaren Luft möglich ist; über bewachsenen Lehnen, aus tiefschattigen Steilgründen ragen die nackten Gipfel schroff und feierlich empor; von dem leichtgeballten Sommergewölk sticht noch deutlich hier und da ein blitzender Schneefleck ab, den selbst die Julisonne bisher nicht ganz hinwegzuthauen vermocht hat. So der Horizont, während die nähere Umgebung allenthalben die regelloseste Verwirrung eines meist öden, von steinigen Schluchten durchkreuzten Mittelgebirges zeigt; nur ein einziges breites Thal, das der Leser links im Mittel- und Hintergrunde unserer Zeichnung erblickt, führt in großem, stetigem Zuge in die Ebene hinaus, es ist das Thal der nun auch traurig versiechten Enza, in dessen Grunde ein paar graugelbe Steinhaufen die Stätte ansehnlicher Marktflecken und Dörfer bezeichnen.

Canossa kommt gleich, wo es zuerst genannt wird, mit der deutschen Geschichte in Berührung. Hier barg im Jahre 951 Atto, ein Lehnsmann des Bischofs von Reggio, die schöne Adelheid, Wittwe König Lothar’s von Italien, vor den begehrlichen Nachstellungen der Machthaber Berengar und Adalbert. Und eben die Hand Adelheid’s war es, durch welche Otto der Große die lombardische Krone empfing; es war der erste Schritt auf der weitführenden Bahn der italienischen Politik, den das mühsam geeinigte Deutschland that. Es ist ungewiß, ob jener Atto selbst Erbauer des Castells von Canossa gewesen; seine Nachkommen aber, die als Markgrafen von Tuscien zu immer höherer Bedeutung in Oberitalien emporstiegen, schmückten und pflegten gerade diese Burg mit Vorliebe. Ein ganzes Kloster ward in ihren Mauern gestiftet und mancherlei kirchlicher Schatz, nach der Sitte der Zeit, darin aufgehäuft. So überkam es die Erbin des Hauses, Mathilde, den Zeitgenossen bekannt als die „große Gräfin“, der Nachwelt als die treue Freundin Papst Gregor’s des Siebenten, des Gründers der päpstlichen Weltherrschaft. So ausgedehnt auch das Gebiet Mathilde’s war – es reichte von Corsica und Elba bis zu den Po-Mündungen[WS 2] quer über die Halbinsel –, in der Emilia scheint sie doch vorzugsweise gern geweilt zu haben; manche Stiftung, wie der einfach edle Dom zu Modena, erinnert dort noch heute an sie. Sie war eine gute Landesmutter; aber der Richtung des Zeitalters und dem frommen Zuge ihres Herzens gehorsam, gab sie sich mit all’ ihrem Dichten und Trachten begeistert der Förderung der hierarchischen Zwecke des kühnen Greises hin, der in reiner Absicht, aber mit leidenschaftlichem Eifer die Welt vom höchsten kaiserlichen Gebieter bis zum letzten Priester hinab unter das Gebot des römischen Bisthums zu beugen suchte, in dem schon er den göttlichen Willen auf Erden verkörpert sah.

Die tragische Scene nun, die sich vom 25. bis 27. Januar 1077 auf der Burg von Canossa zwischen Gregor und König Heinrich dem Vierten abgespielt, ist zu bekannt, als daß wir unseren Lesern noch einmal den unerhörten Vorgang in seinen Einzelnheiten schildern dürften. Nur wenige Worte über seine sittliche und politische Tragweite wird man uns gestatten. Als durch Italien die Kunde erscholl, daß der gebannte und abgesetzte deutsche Herrscher dennoch trotz aller Nachstellungen und des rauhen Winterwetters über die Alpen herbeikomme, meinte Niemand anders, als er käme zum letzten entscheidenden Kampfe. Eben deshalb öffnete Mathilde ihrem geistlichen Freunde die Zuflucht ihrer festesten Burg: in Canossa glaubten sie den ersten Ansturm der feindlichen Macht getrost überdauern zu können. Aber Heinrich kam als ein Büßender und Flehender; an jenem Thore, das noch heute zum schmerzlichen Andenken aufrecht steht, im beschneiten Hofraume unter freiem Winterhimmel stand der höchste Fürst der Christenheit drei Tage lang im härenen Hemde und betheuerte unter Thränen und Seufzen die Reue über seine Sünden und Vergehen. Eine äußere Demüthigung, wie sie irdische Macht und Herrlichkeit niemals so herb erlebt hat; und dennoch blieb in dem Kampfe, in dem man gerade begriffen war, der scheinbar so schmählich Unterliegende Sieger eben dadurch, daß er seine Würde für den Augenblick wegwarf. Denn Gregor hatte keinen Frieden gewollt und ward nun dennoch dazu gezwungen; darin zeigte sich die weltliche Schwäche seiner geistlichen Herrschaft: gegen die Buße hatte er keine Macht, dem reuigen Sünder mußte der Beichtiger vergeben.

So haben sie sich versöhnt; Mathilde, die Verwandte des Königs, vermittelte selbst den Frieden, der freilich nicht lange gehalten ward, denn kein Theil hatte ihn anders als aus Zwang geschlossen. In dem Kampfe zwischen Gregor und Heinrich blieben die Tage von Canossa eine flüchtige Episode, in’s Andenken der Menschen aber grub sich ihr Bild unvertilgbar ein. Man hatte sie einmal kennen gelernt, die Hierarchie in ihrer schrankenlosen Anmaßung; alle Jahrhunderte haben seitdem ihre Arbeit daran gesetzt, die Wiederkehr solcher Schauspiele zu verhüten, und der Staatsmann an der Spitze unseres neuen deutschen Reiches, das, auf anderen Grundlagen ruhend als das alte der Ottonen und Heinriche, ein nationales sein und bleiben will, aber eben darum auch ein völlig selbständiges und unabhängiges, konnte zur Bekräftigung dieses Willens kein besseres Schlagwort wählen, als indem er ausrief: „Nach Canossa gehen wir nicht!“

a. D.




[713]
Die Gartenlaube (1872) b 713.jpg

Schloß Canossa.
Nach einem Carton von Fr. Preller jr. in Dresden.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Künster
  2. Vorlage: Mündurgen