Drei Geburtsstätten und zwei Grabmäler

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Autor: F. Stolle
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Titel: Drei Geburtsstätten und zwei Grabmäler
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 32, S. 511–512
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1868
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Drei Geburtsstätten und zwei Grabmäler.

Tausende von frohen Menschen ziehen alljährlich vorüber nach den Höhen und Felsenthälern der sächsischen Schweiz, ohne die bescheidenen, aber poesieumrankten Erinnerungsstätten, die der Raum einer kleinen Stunde zwischen Berg, Wald und Weinreben, am freundlichen Elbufer umschließt, einer Beachtung für werth zu halten, da ihnen der andeutende Fingerzeig mangelt.

Wenn wir auf stattlichem Dampfer Dresden stromauf fahren, an sommergrünen Ufern, Rebenhügeln mit stolzen Schlössern und freundlichen Villen vorüber, so währt es nicht lange, je näher wir dem freundlich gelegenen wein- und baumreichen Loschwitz kommen, daß von dem Weingebirg zur Linken, in grünen Waldhintergrund gebettet, ein kleines Häuschen herabschaut, so verschwindend inmitten benachbarter Villen, daß es unser Blick leicht übersehen dürfte, falls er nicht besonders darauf aufmerksam gemacht wird. Es ist kein Wohnhaus und nur ein jedes Schmuckes entbehrendes Gartenhaus. Eine Flaggenstange erhebt sich daneben, auf welcher bei festlichen Gelegenheiten die schwarz-roth-goldenen Farben wehen.

Bescheidenes Gartenhaus dort auf der Höhe, wenn all’ die Bewohner der umliegenden prächtigen Schlösser und Villen zu Staub und Asche geworden sind, ihr Andenken längst verschollen ist, wird die dankbare Nachwelt noch deines einsamen Bewohners, bescheidenes Gartenhaus, gedenken, der vor nun bald hundert Jahren von deiner Höhe sein strahlendes Jünglings- und Dichterauge über das blühende Thal schweifen ließ und welcher die Worte seines großen dichterischen Zeitgenossen und Freundes abermals zur Wahrheit machte:

„Die Stätte, die ein guter Mensch betrat,
Ist eingeweiht; nach hundert Jahren klingt
Sein Wort und seine That dem Enkel wieder.“

Friedrich Schiller war es, der drei Jahre lang, während der Frühlings- und Sommermonate, hier wohnte und in freier Bergluft, inmitten grünender Weinranken, in holder Einsamkeit, seinem deutschen Volke einen der schönsten Kränze seines unsterblichen Dichtergeistes niederlegte.

Dieses schmucklose Gartenhaus, dermalen zu der schönen Besitzung des Kaufmanns Prölß in Dresden gehörig und dem Besucher stets offen stehend, ist noch ganz in dem Zustande erhalten, in welchem es der Dichter einst bewohnte. Da ist freilich von keinem parketirten Fußboden, wie wir ihn in den benachbarten Schlössern und Villen antreffen, ja nicht einmal von einer einfachen Diele die Rede; kalte Sandsteinplatten bilden den Fußboden. Doch konnte die kleine Stube an naßkalten Sommertagen, die im hiesigen Elbthale nicht zu den Seltenheiten gehören, durch einen kleinen Kamin erwärmt werden. In der einen Ecke gewahrt man noch im Fußboden eine durch einen Deckel verschlossene Vertiefung, welche Schiller als Papierkorb benutzte. Mit Ausnahme eines hölzernen Tisches, auf dem das unvermeidliche Fremdenbuch und ein Schilleralbum liegen, entbehrt das Gemach jedes Meubels. Von der Wand im Hintergrunde schaut die Büste Schillers herab, während die eine Seitenwand mit einer Illustration des Liedes von der Glocke und die andere mit Schiller’s Portrait in Kupferstich geschmückt ist. Unter letzterem liest man als Facsimile die Worte des Dichters:

„Wie der Quell aus verborgenen Tiefen,
So des Sängers Lied aus dem Innern schallt,
Und weckt der dunklen Gefühle Gewalt,
Die im Herzen wunderbar schliefen.“

Die Aussicht vom Schillerhause ist eine der reizendsten. In der Ferne zur Rechten die Thürme Dresdens über dem Spiegel der Elbe, deren blaues Band man stundenweit verfolgen kann. Jenseit des Flusses die große fruchtbare und von Wald durchgrünte Thalebene bis zu den in Duft verlorenen böhmischen Gebirgen. Der nächste Vordergrund bietet ein lachendes Landschafts- und Weinbergsbild, wo auch der Trockenplatz nicht fehlt, auf welchem die einstige Körner’sche Waschdeputation den Dichter in seinem Ebolirausche so prosaisch störte.

Auf der einen Seite des Schillerhauses, nach der Berggasse hinaus, auf welche aus dem benachbarten Park die Statue Schiller’s herüber blickt, liest man die Worte:

Hier schrieb

Schiller bei seinem Freunde Körner

am

Don Carlos

1785.   1786.   1787.

Errichtet      im Mai 1853.

Dieses Schillerhäuschen wäre also die erste Geburtsstätte, die Geburtsstätte eines Gedichtes, das, in goldener Form nach weltbürgerlicher, kirchlicher und politischer Freiheit ringend, fort und fort unsere Jugend in [512] edelster Begeisterung wach erhält und den ernsten Mann mit Ehrfurcht und Stolz für seinen gottgeweihten Dichter erfüllt.

Gegenüber dem Schillerhause, am jenseitigen Elbufer, liegt das Dörfchen Blasewitz. Auch hier hat die Pietät des Enkelgeschlechts dem Dichter, der oft unter den Linden des heutigen „Schillergartens“ ausruhte, ein „Gedenket Sein“ errichtet. Unter einer uralten Linde erhebt sich aus felsenartiger, epheuumgrünter Fußbekleidung eine Steinpyramide mit den Worten:

„Wanderer, hemme den Schritt, du stehst auf geheiligtem Boden,
0 Der hier gewandelt dereinst, ist ein Unsterblicher uns;
Keiner sang so mächtig als er zum Herzen des Volkes,
0 Seelenentzückend und hehr leuchtet sein Geist durch die Welt.“

Genanntes Dörfchen hat zugleich der Wallenstein’schen „Gustel von Blasewitz“ den Namen gegeben. Die heimathliche Volkssage erzählt darüber Folgendes: An einem heißen Sommertage, an welchem der Dichter stundenweit durch Berg und Thal geschweift, langt er ganz erschöpft und verdurstet bei dem genannten Dörfchen an. Heiß glüht der Sonnengott hernieder, da bietet eine kleine am Fuße eines tiefschattenden Nußbaumes angebrachte Bretterbank Ruhe und Kühlung. Schiller nimmt Platz, sich mit dem Taschentuch Luft zufächelnd. Im benachbarten Gärtchen begießt ein Mädchen, städtisch gekleidet, ihre Blumen. Der Dichter bittet um einen Trunk Wasser. Die Blumenbegießerin verschwindet, um gleich darauf mit einem Glase frischen Rahms zurückzukehren, den sie dem verschmachteten Wanderer freundlich darbietet. Mit bestem Danke empfängt der Dichter den erquickenden Labetrunk. Er fragt nach dem Namen der anmuthigen Hebe. „Ich heiße Auguste,“ ist die Antwort. Nachdem der Dichter sich ausgeruht und erquickt, nimmt er, nochmals dankend, Abschied. Zugleich steigt in seinem dankbaren Gemüthe der Gedanke auf, dieses Mädchens für die ihm gewahrte Erquickung einmal poetisch zu gedenken.

Indeß waren mehrere Jahre in’s Land gegangen, Schiller hatte längst die Loschwitzer Rebenhügel verlassen, als ihm die Wallenstein’sche Marketenderin Gelegenheit gab, obigen Gedanken zur That werden zu lassen. So entstand die „Gustel von Blasewitz“. Leider hat sich aber Fräulein Auguste, als sie später erfuhr, daß unter diesem Namen ihre Person gemeint, keineswegs davon erbaut gefühlt. Ja, wenn Schiller eine edlere weiblichere Gestalt zur Erinnerung mit ihrem Namen bezeichnet hätte, würde sie sich wohl angenehmer berührt gefühlt haben, aber eine Lagerdirne von ziemlich zweideutigem sittlichen Renommée konnte ihr nicht eben zu großer Genugthuung gereichen. Sie war daher stets ungehalten, wenn man glaubte, ihr mit der „Gustel von Blasewitz“ ein Compliment zu machen. Auguste heirathete später einen geachteten Beamten in Dresden, woselbst sie vor wenigen Jahren in hohem Alter verstarb. –

Aber lange, lange Jahre vorher, als noch von keinen „schönen Tagen in Aranjuez“, von keinem „Sire, geben Sie Gedankenfreiheit“ und keiner „Gustel von Blasewitz“ die Rede war, saß an schönen Frühlings- und Sommerabenden ein Knabe, der Sohn eines armen Landmannes in Blasewitz, am Elbufer und lauschte sinnend dem leisen Rauschen der Wellen. Dabei ließ er wunderholde Töne erklingen, die er einer kleinen selbstverfertigten Hirtenflöte zu entlocken verstand, oder war bemüht, Glastäfelchen, welche er sich vom Blasewitzer Glaser hatte zurechtschneiden lassen, chromatisch zusammenzustellen.[1] Nach wenigen Lustren klang der Name dieses Knaben als der Name eines gefeierten Meisters im Reiche der Tonkunst durch die gesammte musikalische Welt. Es war Johann Amadeus Naumann, geboren zu Blasewitz den 17. April 1741 und gestorben als Oberhofcapellmeister in Dresden den 23. October 1801.

Auch seiner hat sein Vaterdorf dankbar und zugleich segensreich gedacht, indem es auf der Stelle, wo des Meisters Vaterhaus gestanden, ein stattliches im gothischen Style gehaltenes Schulhaus erbaut, welches am hundertjährigen Geburtstage des Componisten eingeweiht wurde. Am hohen Giebel desselben liest man in goldner Schrift:

Dem Andenken Naumann’s
errichtet am 17. April 1841.

Das ist die zweite Geburtsstätte.

Wir fahren, fortwährend begleitet von Wein- und Waldbergen, auf der Elbe weiter gen Morgen. Kein halb Stündchen, und der freundliche Marktflecken Laubegast wird am linken Elbufer sichtbar. Da grüßt gleich bei den ersten Häusern hart am Strande ein zweites von einer Linde übergrüntes Denkmal. Es gilt einer auf dem Gebiete des deutschen Theaters wohlbekannten Persönlichkeit, denn man liest auf der Mittagseite des Monuments folgende Worte:

Dem verdienten Andenken einer Frau voll männlichen Geistes,
der berühmtesten Schauspielerin ihrer Zeit, der Urheberin des guten
Geschmackes auf der deutschen Bühne
Caroline Frjederike Neuberin,
geb. Weißenborn aus Zwickau,
welche, nachdem sie dreißig Jahre hindurch sich und Deutschland Ehre gemacht, endlich zum Lohne ihrer Arbeiten zehn Jahre lang alle Beschwerlichkeiten des Alters und der Armuth, nur von wenigen Freunden unterstützt, mit christlicher Großmuth gelassen getragen hatte, aus dem durch Bomben eingeäscherten Dresden mit schon krankem Leibe flüchtend hier in Laubegast elend starb und in Leuben armselig begraben ward, widmeten

diesen Stein einige Kenner ihrer Verdienste und Liebhaber der Kunst

in Dresden, im Jahre 1776.

Das Grab selbst der Künstlerin befindet sich, da Laubegast keinen eigenen Friedhof besitzt, auf dem benachbarten Kirchdorfe Leuben. Wie erzählt wird, war die Armuth der gestorbenen Dulderin so groß, daß ihr Leichnam auf einem einfachen Schubkarren nach seiner Ruhestätte gebracht werden mußte. Dies Grab blieb lange Jahre ganz vergessen, bis es im Jahr 1852 einigen Kunstfreunden gelang, dasselbe wieder ausfindig zu machen und mit einem Denksteine zu ehren.

Und eine kleine Strecke stromaufwärts, auf dem idyllisch gelegenen Friedhof des Dörfleins Hosterwitz, ein zweites Grab. Nur wenige Frühlinge sind erst darüber gegangen, und die pietätvolle Pflege, in der es gehalten, und die kleine Bank neben dem Hügel verrathen, daß eine liebende Hand noch am Leben ist, welche die geweihte Stätte fort und fort in holdem, frischem Blumenschmuck erhält. Auf der einfachen weißen Marmorplatte lesen wir:

Julius Hammer,
geb. den 7. Juni 1810,
gest. den 23. August 1862.

 Was vergangen, kehrt nicht wieder,
 Aber ging es leuchtend nieder,
 Leuchtet’s lange noch zurück.

Es ist der Dichter des „Schau’ um Dich und schau’ in Dich“ und der Menschenfreund, welcher der Idee einer Schillerstiftung zuerst öffentlich Ausdruck verlieh, der hier auf ländlichem Friedhofe sein letztes Ruheplätzchen fand. Julius Hammer bewohnte während der Sommermonate sein kleines Tusculum, das er sich wenige Jahre zuvor, wie ein Vogel im Laubgrün, beim Dorfe Pillnitz erbaut hatte, als er vom Leben abberufen wurde. Da Pillnitz selbst ohne Gottesacker ist, nahm der Friedhof des benachbarten freundlichen Dorfes Hosterwitz die Asche des Dichters auf.

Doch hinweg aus dem Reiche des Todes und der Gräber und zur dritten Geburtsstätte. Hart an der Landstraße, am Ende des soeben genannten Dorfes, aber umgrünt von fruchtbaren Obstbäumen und mit fröhlicher Aussicht nach den Bergen und dem Strande der Elbe, steht ein einfaches Häuschen von nur einem Stockwerk.

Wenn hier vor länger denn vierzig Jahren der Landmann in heiliger Morgenstunde, wo der Thau von den Zweigen tropft und die Thränen in den Augen der Blumen stehen, vorüberging, wie oft blieb er da lauschend stehen ob der himmelvollen Töne eines Piano, die aus den offenstehenden Fenstern des Erdgeschosses erklangen. Es waren dieselben einem Engel abgelauschte Töne, welche bald darauf die ganze Welt entzückten – Carl Maria von Weber dichtete in diesem Parterrestübchen sein Lieblingskind, die Oper „Euryanthe“ und seine herrliche, in unversiechbarer Frische perlende „Aufforderung zum Tanze“.

Die dankbare Nachwelt konnte auch an diesem Häuschen nicht vorüber gehen, ohne dasselbe mit einem „Gedenket Sein“ zu kennzeichnen, und so schaut bereits seit einer Reihe von Jahren von demselben eine goldene Lyra herab mit der genugsagenden Umschrift:

Carl Maria von Weber.“

In dem Stübchen selbst erblickt man unter Glas und Rahmen eine von der Hand des Meisters geschriebene Composition und sein Portrait, nebst einem Album, in welchem zahlreiche Verehrer in gebundener Rede ihren Dank und ihre Huldigung ausgesprochen haben.

Das sind im Raume einer kleinen Stunde am Elbestrande die drei Geburtsstätten und zwei Grabmale, einfach und prunklos, aber von Poesie und Erinnerung umklungen für alle Zeiten.

F. Stolle.     

  1. In späteren Jahren ward er Meister auf der Glasharmonica und schrieb sechs Sonaten für dieselbe.