Ein Ausflug nach Belfort

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Autor: Dr. Moritz Normann
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Titel: Ein Ausflug nach Belfort
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 13, S. 221–223
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1871
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Ein Ausflug nach Belfort.


Eine Reise aus der Schweiz in’s Elsaß bedingte noch vor wenigen Tagen den Besitz einer Legitimationsurkunde. Dem Besucher eines Schauplatzes, auf welchem der Kanonendonner der letzten, für Deutschland so ruhmvollen und folgenreichen Kämpfe kaum verstummt war, durften auch gewichtige Empfehlungen aus einflußreicher Hand nicht fehlen. So führte mich denn mein Weg zunächst nach Bern, wo mich der deutsche Gesandte, Generallieutenant von Röder, sehr freundlich empfing und auf mein Beglaubigungsschreiben der Gartenlaube hin sofort mit der gewünschten Postkarte versah. Der nächste Morgen fand mich bereits auf der Fahrt nach Basel. Eine Schilderung dieser kurzen Fahrt würde unter gewöhnlichen Verhältnissen und aus rein touristischem Standpunkte nicht in den Rahmen meines Berichtes passen. Aber eben jetzt, da so Viele der internirten Franzosen zu einer größeren Freiheit ihrer Bewegungen gelangt sind, und das Land als Touristen in jeder Richtung durchkreuzen, gewinnt der Aufenthalt im Waggon für jeden ruhigen Beobachter, besonders für den deutschen, ein erhöhtes menschliches und nationales Interesse. Ist ihm doch dadurch Gelegenheit geboten, aus dem regen Meinungsaustausche zwischen Internirten und Eingeborenen ein Spiegelbild der vorherrschenden Stimmungen und Anschauungen zu empfangen und daraus für die verschleierte Zukunft seines neugeborenen Vaterlandes Folgerungen zu ziehen. Leider sind in diesem Zukunftsbilde die Farben trübe und der Horizont schwer umwölkt. Der Deutsche im Verkehr mit Schweizern findet nur in den höheren Gesellschaftskreisen laue und vereinzelte Sympathien. Bei der großen Mehrzahl und besonders bei dem Landvolke wendet sich alle Freundlichkeit, alle Herzlichkeit und Hilfsbereitschaft den Franzosen zu. Kein Wunder, daß dieser wohlthuende Empfang die internirten Nachbarn veranlaßt, ihr Inneres recht offen herauszukehren und ihre Gesinnungen unverhüllt auszusprechen. Und was dabei hervortritt, das läßt sich in wenigen Worten dahin zusammenfassen: „tiefer, glühender Haß, und fürchterliche Rache, sobald sich hierzu Möglichkeit bietet.“ Nur ein französischer Capitain hatte den moralischen Muth, dem allgemeinen Schreie nach Rache entgegenzutreten, die deutschen Siege als das Ergebniß unserer allgemeinen höheren Bildung anzuerkennen, und den kräftigen Aufschwung Frankreichs nur von seiner friedlichen Entwicklung und der durchgreifenden Reform des französischen Unterrichtswesens zu erwarten.

Wie lange wird es dauern, und wird es überhaupt dahin kommen, daß diese vereinzelte Anschauung sich in weiteren Kreisen Bahn bricht, um auf Frankreichs künftige Entschließungen und Geschicke Einfluß zu üben?!

Die Hoffnung, daß es sich zum Besseren, zur dauernden Befriedigung der beiden großen Nachbarvölker wenden könne, ist erlaubt; aber diese Hoffnung ist eben jetzt noch ein schwaches Kind, und konnte meine trüben Gedanken über das Ergebniß aller seit Wochen gesammelten Erfahrungen nicht bewältigen. So kam ich denn, durch die Begegnungen und Gespräche im Waggon noch mehr verstimmt, nach Basel und einige Stunden später mit dem Abendzuge der seit Kurzem wieder eröffneten französischen Ostbahn über die Grenze unseres im heißen Kampfe wiedererrungenen Elsasses.

Wie heiter und friedlich lag das schöne Land im Schimmer der Abendsonne vor unseren Augen! So heiter mit seiner weitgedehnten, schon von Frühlingswehen angehauchten und vom Sonnenstrahl rosig überglühten Ebene, als habe kein schwerer Sturm darüber hinweggebraust! So heiter, als seien nicht Tausende froher Existenzen hier geknickt worden, als sei alles Leben und Treiben hier friedvoll, gleich der schönen Natur. Und doch ist es anders; doch tritt dem schärfer blickenden Auge schon bei dem ersten Schritte ein Zeichen außergewöhnlicher Zustände entgegen. Kein Feld bebaut, keine Wiese gedüngt, kein fleißiger Arbeiter, kein Gespann auf weite Ferne wahrzunehmen! Und dieselbe Erscheinung in der ganzen Ausdehnung, die ich bis Belfort zu durcheilen hatte. Wie tritt uns hier das erste Wahrzeichen entgegen, daß wir in diesem altdeutschen Lande nicht als Befreier, sondern als Feinde betrachtet werden! Und mit jedem weiteren Schritte mehren sich die Zeichen, daß Mißtrauen, Haß und passiver Kampf hier noch kein Ende gefunden haben. In St. Louis traf unser Zug, in dem kein Platz unbesetzt, und reichlich die Hälfte von dem schöneren Geschlechte eingenommen war, auf die ersten Repräsentanten der Wacht am Rhein, Großherzoglich badische Militärs traten in jeden Waggon, um die Prüfung der abgeforderten Reisepässe vorzunehmen. Bedenklicher gestaltete sich die Sache in Mühlhausen, wo wir bei der Ankunft plötzlich unsere Waggons von bewaffnetem deutschen Militär mit aufgepflanzten Bajonneten umzingelt fanden. Gleichzeitig wurde allen Reisenden der militärische Befehl ertheilt, in den Waggons zu bleiben, bis die Prüfung ihrer Papiere und Bagagen erfolgt sei. Es war nahezu komisch, die ängstliche Aufregung, welche sich aller Reisegefährten bemächtigte, aus dem ruhigen Standpunkte Ihres Berichterstatters zu beobachten. Die Einen glaubten an Unruhen in Mühlhausen, die Anderen vermutheten, daß eine verdächtige Persönlichkeit oder das beabsichtigte Einschmuggeln verbotener Druckschriften aus Basel signalisirt worden sei. Letzteres dürfte auch das Wahrscheinlichste sein; glücklicherweise aber verhalf mir mein Talisman rasch zur ersehnten Freiheit. Ich wartete den Ausgang der Untersuchung nicht ab und eilte in den Gasthof, um dort leider zu erfahren, daß die Eisenbahn zwischen Mühlhausen und Belfort noch nicht in Betrieb sei, da der große Viaduct zwischen Dannemarie und Retzwiller von den Franzosen durch Sprengung mehrerer Pfeiler unfahrbar gemacht, und die Wiederherstellung erst in zwei bis drei Wochen zu erwarten sei. Einstweilen, sagte man mir, gehe die Eisenbahnfahrt nur bis Dannemarie und dort müsse man das Weiterkommen im Wagen dem Zufalle überlassen, oder den dreiundzwanzig Kilometer langen Weg nach Belfort zu Fuß zurücklegen.

Noth kennt kein Gebot! Fort mußte und wollte ich; also rasch zur Eisenbahn. Hier dürfte es am Platze sein, über den unter deutscher Verwaltung stehenden Betrieb der kurzen Strecke bis Dannemarie einige Worte zu verlieren. Denn diese Bemerkungen, die ich zum Theil eigener Erfahrung danke, dürften gerechte Beschwerden der einheimischen Bevölkerung zur Sprache bringen, und deren auch durch deutsches Interesse gebotene Abstellung anregen. So darf man mit Recht fragen, ob es billig sei, für die Strecke „Mühlhausen bis Dannemarie“ denselben Fahrpreis zu fordern, der unter französischer Herrschaft für die ganze Fahrtlinie „Mühlhausen bis Belfort“ galt; – ob es billig sei, den vollen Fahrpreis bis Dannemarie auch von Jenen einzuheben, welche die Eisenbahn nur bis zur Zwischenstation Altkirch benutzen; – endlich ob es billig sei, den Preis für Fahrbillets zweiter Classe abzufordern und die Besitzer dieser Billets in die Waggons dritter Classe zu verweisen, während die im Zuge befindlichen Waggons zweiter Classe den mitfahrenden Truppen eingeräumt werden. Es mag sich hier um provisorische Einrichtungen handeln und jede einzelne Beschwerde als geringfügig betrachtet werden. Aber Fragen dieser Art streifen sehr nahe an das angeborene Gefühl von Recht und Unrecht; sie haben überdies den Nachtheil, Vergleichungen zwischen jetzt und früher hervorzurufen; und im selben Maße, als der Elsässer für jede Verletzung seines wahren oder vermeinten Rechtes höchst empfindlich ist, in gleichem Maße ist es Aufgabe der Deutschen, diesem Rechtsgefühle Rechnung zu tragen, und dem neugewonnenen Bruder mehr und Besseres zu bieten, als die Träger der früheren Herrschaft.

Dannemarie selbst, etwa fünf Minuten vom Bahnhofe auf einer kleinen Anhöhe gelegen, ist ein freundliches Dorf, dessen deutscher Typus entschieden ausgesprochen ist und den deutschen Besucher sofort anheimeln würde, auch wenn nicht aus allen Häusern gutmüthige deutsche Gesichter hervorblickten und der Klang deutscher Sprache überall hörbar wäre. In dem einzigen Gasthause des Ortes hat das deutsche Militärcommando seinen Sitz: an den Eingangsthüren sind deutsche Proclamationen angeheftet und unsere guten Landsleute wandern da überall so wohlgemuth und sorglos herum, als wären sie die wahren Einwohner des Ortes, und alle Anderen bei ihnen zu Gaste gebeten. Und bei alledem keine ersichtliche Spur von Gehässigkeit oder Unverträglichkeit. Die Wirthsleute und die Ortsbewohner, mit welchen ich sprach, gaben vielmehr den deutschen Truppen das Zeugniß strengster Disciplin und des anspruchlosesten Benehmens. Erst später freilich erfuhr ich, daß auch hier das friedliche und freundliche Nebeneinandergehen mehr auf Schein, als auf Wahrheit beruhe, weil die Dannemarier wieder an Frankreich zurückzufallen hofften.

[222] Dannemarie zeigt keine Spur von Zerstörung oder Erschöpfung; die deutschen Truppen, welche durchzogen oder im Orte selbst garnisonirten, erhielten ihre volle Verpflegung aus den täglich eintreffenden Proviantzügen und nahmen die Ortsbewohner nur für Quartier und Feuerung in Anspruch. Dagegen war als empfindliche Folge des Kriegszustandes vollständiger Mangel an Privatfuhrwerken bemerkbar, und ich mußte mich glücklich schätzen, um den Preis von acht Thalern ein offenes, mit einem ausrangirten, ehemals königlich baierischen Dienstpferde bespanntes Wägelchen zu erhalten. Angenehm war die so fortgesetzte Fahrt eben nicht, aber sehr belehrend. Erst von hier aus konnte ich mir aus freier Rundschau einen scharfen Ueberblick der Terrainverhältnisse, des Bodenculturzustandes und der allmählich zunehmenden Kriegsspuren verschaffen.

Letztere traten bald zu Tage: Wiesen und Aecker nirgends bestellt und ganze Strecken, auf denen die reifen Kartoffeln gar nicht ausgegraben und die Kohlköpfe auf freier Erde verfault sind. Hin und wieder stehen auf den unbebauten Feldern verlassene Pflüge und Eggen, und forscht man nach dem Grunde solcher Verwahrlosung, so findet man ihn rasch in den zahlreichen, meistens bedeutenden Dörfern, welche die breite und vortreffliche Hauptstraße nach Belfort durchschneidet. Waren die ersten Dörfer von Retzwiller bis Chavannes noch theilweise bewohnt und durch Einquartierung belebt, so zeigte sich von da ab bis Belfort immer mehr die zunehmende Einsamkeit einer nur durch Karawanenzüge von eintreffenden Proviantwagen und rückkehrenden Artillerietrains belebten Wüste. Ueberall in den Dörfern waren Thüren und Fenster geschlossen, keine lebende Seele, und doch Alles unversehrt, als beschiene die goldene Sonne nur eine in tiefen Schlaf versunkene Stätte.

Bei Bessoncourt trifft man auf die ersten Spuren der deutschen Belagerungsarbeiten, und rückwärts der schmalen Trancheen ragt das erste Kreuz, unter dem unsere gefallenen Brüder ruhen. Hier, etwa sechs Kilometer von Belfort, werden auch die ersten durch französische Kugeln halb oder ganz zerstörten Häuser sichtbar; auch die Felder zeigen allerwärts die durch Projectile aufgerissenen Furchen und Vertiefungen. Und nun mehren sich fortwährend die Anzeichen eines heftigen Geschützkampfes, bis im Dorfe Perouze, drei Kilometer von Belfort, der vollste Ernst des Krieges an uns herantritt. Nahezu die Hälfte des Dorfes ist ein Schutthaufen; doch hat der kaum verkündete Frieden schon einige der flüchtigen Bewohner hierher zurückgeführt, und bei der bescheidenen Bauweise, welche sich in französischen Dörfern überhaupt, und so auch in diesem ganz französischen Dorfe kennzeichnet, dürfte Perouze bald als schönerer Phönix aus der Asche wieder erstanden sein. Wir eilen weiter, an einigen fleischlosen Pferdegerippen vorüber, – wir sehen links und rechts die Berge, oder richtiger gesagt die Hügel immer näher zusammentreten, und endlich entrollt sich vor unseren Augen das imponirende Panorama von Belfort. Inmitten dieses so großartigen als malerischen Landschaftsbildes ragt ein steiler Fels, der in jeder Richtung, am meisten aber auf der abgewendeten Seite, schroff abfällt. Auf ihm thront die stolze Citadelle, und weithin flattert triumphirend die schwarz-weiß-rothe Fahne des norddeutschen Bundes. Rechts der Citadelle und ihres isolirten Felspiedestals erhebt sich eine langgedehnte Anhöhe mit schmalem Grate, auf welchem das vorgeschobene Fort La Justice mit seiner weit sichtbaren Caserne ruht. Dies Fort hat durch die Beschießung allerdings gelitten, kann aber nach militärischem Urtheile rasch wiederhergestellt werden, und steht für das Auge des Laien fast unversehrt da.

Dasselbe gilt von dem zweiten, auf derselben Seite, aber auf einem rückwärts gelegenen Hügel erbauten Fort „La Miotte“ in minderem Maße jedoch von den beiden Forts „Les Barres“ und „de la Ferme“, die mit beiden früher erwähnten Forts und dem kleinen Außenwerke „L’Esperance“ die befestigte Stadt Belfort im Halbkreise umringen.

Wendet sich das Auge auf die Gegend links der Citadelle, so gewahrt man auf zwei aneinanderstoßenden Anhöhen desselben Gebirgszuges die beiden Forts „de la haute Perche“ und „de la basse Perche“, deren ersteres etwas höher liegt. Hier war es, wo ein Sturm der deutschen Truppen vor einigen Wochen mit Verlust von einigen Hunderten Todter und Gefangener zurückgeschlagen wurde. Aber das deutsche Artilleriefeuer, das sich mit äußerster Heftigkeit auf diesen Punkt concentrirte, wirkte so entscheidend, daß die Franzosen die unhaltbare Stellung räumten. Die Deutschen, welche sich nun durch Handstreich des abgegebenen Punktes bemächtigten, fanden ihn nur mit etwa dreißig Mann besetzt, und verwandelten ihn sofort in einen neuen Angriffspunkt, dessen Wirkung um so entscheidender sein mußte, als die Entfernung der Haute Perche von der Citadelle kaum dreitausend Schritte betrug.

Faßt man den Gesammteindruck des geschilderten Landschaftsbildes zusammen, so bleibt für den Naturkundigen kein Zweifel, daß die Anhöhen, die auf beiden Seiten so nahe aneinander herantreten, vor Zeiten zusammenhingen, – durch eine geologische Revolution zerrissen wurden und in diesem Cataclysmus den einsamen Felsblock worauf Belfort ruht, als Wahrzeichen, aber auch zugleich als Hüter des Thales zurückließen. Und als Hüter des Thales, das an diesem Punkte Trouée de Belfort (d. h. Durchbruch von Belfort) heißt, haben ihn die Franzosen wohl erkannt. Denn jedes Auge, so unerfahren es sei, muß bei dem Anblicke der Gegend sofort einsehen, daß die Festung auf dem mittleren Felsen, verbunden mit den starken Außenforts, das ganze Thal des südwestlichen Oberelsasses abschließt, und dem Besitzer dieses Punktes nicht allein die Mittel zur Vertheidigung des rückwärts gelegenen Gebietes, sondern auch den gewaltigsten Stützpunkt zum Angriffe auf den vorwärts liegenden Oberelsaß bietet. Kein anderer Punkt im Oberelsaß, – möge man auch bei Altkirch oder Mühlhausen die ausgedehntesten, kostspieligsten Befestigungen anlegen, kann für uns Deutsche den Schlußpunkt von Belfort ersetzen, und jeder spätere Krieg zwischen Frankreich und Deutschland wird zeigen, wie schwer der französische Besitz Belforts in die Wagschale fallen werde.

Nun zurück zu meinem Wagen, der mich durch die waffenlosen Wälle hindurch in die Stadt Belfort, und nach längerem vergeblichen Suchen vor das einzige unversehrt gebliebene Gasthaus Du Tonneau d’or führte. Dies Mekka der Pilger, in welchem übrigens weder Nachtlager noch Unterkunft für Wagen und Pferd zu erlangen war, liegt am Hauptplatze und gewährt den vollsten Ueberblick auf die Kathedrale, das Stadthaus und den rückwärts abfallenden Theil des Festungsfelsens. An der Außenseite der Festung waren keine ernstlichen Beschädigungen, wohl aber die Eindrücke vieler ohne Durchschlag angeprallter Kugeln wahrzunehmen. Anders soll es sich nach militärischen Erzählungen (denn der Eintritt in die Citadelle wurde keinem Civilisten gestattet) im Innern der Citadelle verhalten. Durch die einfallenden Projectile soll Alles darin so verwüstet und zerstört sein, daß vierhundert Militärs zum Wegräumen des Schuttes verwendet werden. Die zurückgebliebenen Verwundeten der französischen Besatzung sagten mir freilich, die Vertheidigung hätte sich noch bedeutend verlängern können. Sie gestanden jedoch, daß die Munitionsvorräthe schon knapp wurden, und die Preußen ihrerseits versicherten mich, daß bei kräftiger Fortsetzung des Bombardements wenige Tage hingereicht hätten, die Citadelle in einen Trümmerhaufen zu verwandeln. Letztere Meinung dürfte die Wahrscheinlichkeit für sich haben, wenn man beim Durchwandern der Stadt unter dem Gefühle des stets erneuten und wachsenden Schauders die Scenen der Zerstörung überblickt. Gewiß hat Straßburg durch Bombardement, Feuersbrünste und Krankheiten furchtbar gelitten; aber es sind ganze Plätze und Häuserreihen dieser Stadt unversehrt geblieben. Anders erging es in Belfort, das von allen Seiten cernirt und beschossen war. Wohin der Blick sich auch wendet, trifft er auf eingebrochene Dächer, auf weitklaffende Oeffnungen in den Mauern, auf überhängende Fenstergerüste, kurz auf jede Form, in der sich die zerstörende Kraft der Projectile kundgiebt.

Nach Aussage der Franzosen hatten besonders die Geschosse der gezogenen Vierundzwanzigpfünder eine grauenhafte Wirkung. Manches Haus, zum Beispiel das Rathhaus, scheint bei Betrachtung der Vorderfront unversehrt; aber beim Umgehen zeigt sich die ganze Rückseite als eingestürzt. Die Caserne, der Bahnhof, das Artilleriegebäude sind vernichtet. Im Arbeiterviertel haben Kugeln und Brand gleich schauderhaft gewüthet. Ich habe die Stadt in allen Richtungen aufmerksam durchwandert und glaube kaum, daß mehr als fünfzig Häuser der ganzen oder theilweisen Zerstörung entgangen sind. Und doch sind alle die Schrecken der Beschießung nichts im Vergleiche zu den Opfern, welche die beiden Krankheiten Typhus und Pocken während der viermonatlichen Einschließung hinweggerafft haben. Aus kompetenter Quelle wurde mir der

[223] französische Menschenverlust auf sieben Procent der Civilbevölkerung berechnet. Noch jetzt fordern diese furchtbaren Krankheiten zahlreiche Opfer und die Keime dieser Seuche werden noch lange fortwuchern. Denn trotz aller Maßregeln, welche die königlich preußische Regierungsbehörde unter Leitung des Präfecten Freiherrn v. d. Heydt so einsichtsvoll als thätig in Vollzug setzt, bestehen noch viele Räume, aus denen sich die verderblichste Miasmen entwickeln. So ist der große place du manége in seiner ganzen Ausdehnung mit einer dicken Schicht halbverfaulten Strohes bedeckt. Auf diesem Platze ist ein fortwährendes Kommen und Gehen der Fuhrwerke, welche die Militärverwaltung für ihre verschiedene Dienstzweige benöthigt. Es wird dadurch täglich eine neue Schicht von Unreinigkeiten zugeführt, und die Ausdünstungen wirken so penetrant, daß sie den abgehärtetsten Geruchsorganen lästig fallen. Auch an anderen Punkten der Stadt sind die Schutthaufen, welche am Beginne unserer Occupation vielfach die freie Circulation hemmten, nicht hinweggeräumt, und mögen, da die französischen Landstädte keineswegs durch übertriebene Reinlichkeit glänzen, manchen verborgenen Ansteckungsherd umhüllen.

Auf unsere Truppen haben die Krankheiten, welche die Stadtbevölkerung decimiren, noch keinen Rückschlag geübt. Trotz der unbeschreiblichen Anstrengungen, welche den Belagerern durch die in schwierigsten Verhältnissen auszuführenden Erdarbeiten, durch die ungünstige Witterung und durch wiederholte blutige Kämpfe zugemuthet wurden, haben unsere Truppen dasselbe heitere, ruhige und stramme Aussehen, als kämen sie von einer harmlosen Parade. Nur die Landwehr verrieth an einzelnen Individuen Spuren der Ermüdung, und der heiße Wunsch nach Rückkehr in die Heimath macht sich in den Reihen dieser ehrenwerthen Krieger, welche sich in allen Ereignissen des Feldzuges so glänzend bewährt haben, unverhohlen geltend.

Freilich bietet der Aufenthalt in einer arg verwüsteten Festungsstadt, inmitten einer fanatischen Bevölkerung, welche die Gewißheit hat, auch fortan bei Frankreich zu verbleiben, den Besatzungstruppen keine Annehmlichkeit. Ich selbst hatte mehr als Eine Gelegenheit, den Haß der Stadtbewohner und der zurückgebliebenen französischen Soldaten wahrzunehmen. Im Vorübergehen hörte ich zu wiederholten Malen die Worte: „Encore un Prussien! allez, nous prendrons notre révanche!“

Haß und Revanche, das sind die Stichworte des jetzigen Frankreichs, und der Gedanke, daß uns bald ein erneuter Waffengang mit den gedemüthigten Nachbarn bevorstehe, war mein einziger Begleiter, als ich zu vorgeschrittener Nachtzeit die racheglühende Stätte der Zerstörung verließ.

Ein wundervolle, wolkenlose Mondnacht goß ihren friedlichen Schimmer auf die verödeten Gefilde: alle Anklänge des Krieges waren verstummt. Aber in den Gemüthern gar Weniger wohnt der Friede, und mir wurde es schwer um’s Herz, als mehrere mit Hausgeräthe schwer bepackte Wagen der flüchtig gewordenen Landbewohner fast lautlos an mir vorüberrollten, um die verlassene Heimath wieder aufzusuchen. Wie mancher mag da eine eingestürzte, feuergeschwärzte Stätte gefunden und händeringend über das unverhoffte Elend gejammert haben! In dem Bestreben, solch Elend zu lindern, sollten sich Frankreich und Deutschland begegnen. Nur in diesem wechselseitigen Streben liegt der Keim zur Annäherung und Versöhnung, und in dem Vertrauen, daß die Zeit auch die edleren Seiten unserer hartgeprüften Nachbarn wieder zur Geltung bringen werde, liegt unsere einzige Hoffnung, daß der Friede fortdauern und uns die wiedergewonnenen deutschen Landeskinder als wahre Brüder entgegenführen werde.

Dr. Moritz Normann in Basel.