Ein Besuch im Python- und Schlangenhause des zoologischen Gartens im Regentspark zu London

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: unbekannt
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Ein Besuch im Python- und Schlangenhause des zoologischen Gartens im Regentspark zu London
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 12/13, S. 162–164; 176
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1856
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[162]
Ein Besuch im Python- und Schlangenhause
des zoologischen Gartens im Regentspark zu London.

Unter den Schätzen des zoologischen Gartens im Regentspark zu London – bekanntlich des reichsten in der Welt – sind die Reptilien-, Python- und Schlangenhäuser gewiß zu den interessantesten zu rechnen. Ich hatte sie oft besucht, ohne ihnen besondere Aufmerksamkeit zu schenken, da die Schlangen entweder wie todt auf ihren Bäumen oder auf den Steinen unten zusammengewickelt oder gar unter ihren rothen Decken versteckt lagen. Aber neulich kam ich endlich einmal zur rechten, interessanten d. h. ihrer Fütterungszeit, die blos alle Wochen einmal geboten wird. Freilich wollen auch dann Manche noch nichts zu sich nehmen, andere fasten sogar freiwillig mehrere Wochen lang. Noch unglaublicher klang es, als mir eine furchtbare Python-Schlange gezeigt ward, die zwei Jahre und zwei Monate keinen einzigen Bissen zu sich genommen hatte. Die meisten aber nahmen diesmal vor meinen Augen ihre gebotenen Mahlzeiten zu sich, die ökonomisch gereicht werden, so daß eine achttägige Zeit zur Wiederherstellung des Appetits hinreicht. Es war 3 Uhr Nachmittags, als ihr Tafeldecker und Speisewirth mit seinem Korbe eintrat. Die flatternden Opfer darin erregten sofort die Aufmerksamkeit aller Bewohner, die hinter großen, dicken Spiegelscheiben hervor in aller ihrer Gräßlichkeit und – Grazie Appetit verriethen. Der Schlangenspeisewirth geht durch eine Hinterthür in jede einzelne Höhle der [163] großen Schlangen auf der rechten Seite - die er als völlig gefahrlos kennt, deckt die in ihre wollenen Tücher verhüllten Bewohner auf und läßt ein Kaninchen auf die Steine fallen. Dies krabbelt und hops’t neugierig, unschuldig und gemüthlich umher, um seine neue Wohnung zu inspiciren. Offenbar zufrieden damit, setzt es sich auf die Hinterbeine und fängt an, sich das Gesicht zu waschen, denn die neue Wohnung sieht gar zu reinlich und blank aus. Die Schlange öffnet hinter ihm ihre glühenden, malitiösen Augen, hebt den Kopf etwas, legt ihn dann wieder auf die Steine und zieht sich langsam und geräuschlos über dieselben hin, wobei sich ihre Verschlingungen allmälig lösen und strecken, wie durch eine unsichtbare Gewalt von außen, etwa eben so, wie eine ungesehene Hand allmälig ein verwickeltes Stück Tau gerade zieht. Sie glotzt und glüht ein paar Secunden auf ihr ahnungsloses Opfer und hat es, schneller, als man sehen kann, mit dem grausamen Schlunde gepackt und mit der Schnelligkeit einer geschwungenen Peitsche umwickelt. Es kreischt und quiekt zwei- oder dreimal jämmerlich, bis die Knochen knacken und das Thierchen unter den Pressungen seines Mörders zu einer unförmlichen Masse zusammengedrückt ist. Die Schlange liegt wohl 10 Minuten still, wickelt sich dann und ihre Beute auf, streckt sich und ergreift sie zuerst bei den Ohren, schnappt dann mit dem kneipzangenartigen Rachen zu und windet und murmt sie langsam hinunter, was ganz so aussieht, als zöge man einen ganzen, zusammengeschrumpften Strumpf mühsam über den Fuß, oder vielmehr, als zwänge man den Fuß in den Strumpf hinein, denn die Schlange zieht eigentlich ihren elastischen, schuppigen, fleckigen Schlauch langsam über den verschlungenen Klumpen hin. Hierauf wickelt sie sich zusammen und läßt der Verdauung ihren Lauf, was während der acht Tage bis zum nächsten Mahle in der Regel ihre einzige Beschäftigung bildet.

Die Boa Constrictor und die Felsen-Schlange verschlingen ihre Opfer allemal mit dem Kopfe zuerst. Außer Tauben und Kaninchen bekommen sie selten Leckerbissen im zoologischen Garten. Die flatternden Tauben wissen sie sehr geschickt mit dem Schweife zu peitschen, so daß sie, so weit ich’s sah, jedesmal mit dem ersten Schlage herunterfielen. Während die Schlangen hier von kleinem Geflügel leben, schmausen nicht weit davon in natürlicher Wiedervergeltung Störche und andere hochbeinige Sumpfvögel kleine Schlangen.

Auf der andern Seite des Schlangen-Museums werden die giftigen Arten gehalten, denen man mit größerer Vorsicht ihre Mahlzeit bereitet. Eine enge Oeffnung von oben, kaum groß genug, um ein kleines Schwein hindurchzuzwängen, dient zunächst zum Hindurchstecken einer Eisenstange mit einem Haken, womit der Wärter die Decke von einer Cobra abriß. Sofort sprang diese auf mit weitgeschwollenem Hute, stellte sich in eine S-gleiche Position und sprang dann seitwärts auf das herabgelassene junge Schwein. Sie wiederholte diese Seitensprünge wieder und immer wieder, ohne ihr Opfer zu treffen. Dann traf sie es zuweilen, aber ohne ihm Schaden zu thun, so daß das erschreckte Thierchen nur schneller und schneller auf den knirschenden und kollernden Steinen umhergetrieben ward. Endlich aber gelang es ihr, es in die Seite zu stechen. Unmittelbar darauf stellten sich Convulsionen ein, unter welchen das Thier binnen wenig Secunden starb.

Wir bemerken hier, daß der gewöhnliche Glaube, die Schlangen schössen ihr Gift aus der Zunge, falsch ist. Das Gift steckt in Drüsen an der Wurzel der Fänge auf beiden Seiten. Durch Drückung und Dehnung der mächtigen Muskeln, welche dem Kopfe eine breite und platte Gestalt geben, wird es in seine Röhren gezwängt, welche an den Seiten der Fänge hinlaufen, und herausgespritzt.

Die Cobra im zoologischen Garten mit ihrer gleißenden schwarzgelben Haut, ihren schwarzen heimtückischen Augen, ihren glatten und graziösen Windungen, erschien mir als eine treffende Personification Indiens. Als wir sie dicht vor uns in ihren Sprüngen und Drehungen beobachteten, nur durch eine fast unsichtbare Spiegelscheibe gegen ihren Biß und ihre Umarmung geschützt, überlief uns schier Todesfurcht in gräßlichster Gestalt. Nichtsdestoweniger hat man nichts zu fürchten. Die 120 Pfund schwere Python-Schlange in der nächsten Abtheilung schoß sofort nach ihrer Ankunft in ihrem Hause mit der großen Spiegelscheibenwand mit der vollsten Wuth gegen einen Zuschauer davor. Aber sie prallte so ohnmächtig von dieser unsichtbaren Wand zurück, daß sie mit geschwollenem Kopfe wie todt lag und viele Monate lang nichts verschlingen konnte. Seitdem zeigt sie, wie auch die andern Schlangen, die ähnliche Erfahrungen machten, den größten Respect vor dieser unsichtbaren Wand. Diese Cobra ist übrigens noch dieselbe, welche vor einigen Jahren ihren Wärter tödtete. In einem angetrunkenen Zustande und gegen die schärfsten Befehle nahm er die Schlange, die sich gegen ihn so harmlos gezeigt, aus ihrem Hause: steckte ihren Kopf zwischen Vorhemdchen und Weste und ließ sie Windungen um sich herummachen. Sie gleitete mit dem Kopfe heraufwärts bis an sein Gesicht und betrachtete ihn augenscheinlich mit dem besten Humor. Jetzt aber drückte er ihren Schweif, damit sie einige andere Windungen mache. Dies nahm sie übel. Sie schlug und stach ihn zwischen die Augen. Nach einigen Minuten sank er bewußtlos zusammen und starb nach drei Stunden.

Neben den Schlangenhäusern in dieser Abtheilung machen sich noch einige seltsame häusliche Einrichtungen ausländischer Frösche und Eidechsenarten bemerklich. Ich weiß nicht mehr, wie sie alle zoologisch heißen und erinnere mich blos des Eindrucks, den mehrere der letzteren auf mich machten. Wie alte verdrehte und verdorrte Wurzelknollen von Bäumen kauerten einige in den unnatürlichsten Verrenkungen, ohne daß sie Stunden lang nur die geringste Bewegung machten. Allen Zurufen, Winken, Drohungen setzen sie ein festgefrornes Starren entgegen. Ich dachte, die Natur sei in diesen Gebilden noch nicht von den Reminiscenzen an organische Wurzelgebilde der Vegetation, der Pflanzen losgekommen und diese Eidechsen möchten just an der Vorstellung leiden, daß sie nichts seien, als ein Stück Baumwurzel. Auch als man ihnen Insekten vor die Nase warf, mußten sie sich erst langsam ihres höheren Ranges besinnen. Diese Besinnung kam langsam, aber dann auch mit einem Blitze. Als sie erst wußten, daß ihnen das Futter nicht aus der Erde und aus der Luft zuwachse, wie den Pflanzen, schossen sie mit komischen eifrigen Sprüngen hinter den fliegenden Käfern her und sperrten dazu das Maul so weit auf, als wollten sie ein Rhinozeros verschlingen.

Hinter diesem Hause giebt es ein besonderes Schlangenhaut-Museum, eine Sammlung aller abgelegten Hautkleidungsstücke der Schlangen, die in noch vollständigem Zusammenhange, wie sie den Körper, den Kopf, die Augenballen ihrer ehemaligen Träger bedeckten, der Reihe nach von den Wänden herabhängen.

Das Python-Haus auf der andern Seite des Museums enthält blos zwei Schlangen, aber die Riesen und größten Scheusale des ganzen Geschlechts Die Abenteuer der einen – Python reticulatus – sind interessant. In Taschenformat und als kleiner Wurm wurde sie mit einem Zwillingsbruder von amerikanischen Matrosen aus Ceylon nach Brasilien gebracht, und beide mehrere Jahre hindurch in Amerika für Geld gezeigt. In Callao kaufte sie ein englischer Kapitain für eine hohe Summe und bot sie der zoologischen Gesellschaft im Regentspark für 600 Pfund Sterling an. Von ihrem hohen Werthe überzeugt, hatte er sie für die Seereise mit dreißig Pfund versichert. Die zoologische Gesellschaft wies dies Anerbieten zurück, bis der Kapitain so weit in seinem Urtheile herabgedrückt worden war, daß er sich endlich dazu verstand, sie für vierzig Pfund zu lassen. Die eine dieser Zwillinge ist seitdem gestorben, die andere aber hält sich tapfer und zeigt, wenn sie sich herabläßt, Bewegungen zu machen, eben so gewaltige Länge und Kraft, als Gelenkigkeit und Grazie. Die andere Bewohnerin dieses Museums ist eine scheußlich-gefleckte Boa Constrictor, der wir bereits früher einen Besuch in ihrer Heimath abstatteten. Die beneidenswerthe Kunst der Schlangen, Jahre lang zu fasten, wird von ihrem Talente, zu fressen, noch übertroffen. Wir hörten von einer Schlange, die ihre eigene wollene Bettdecke verschlang und daran starb. Eine Python-Schlange, welche Jahre lang mit einem Stammesgenossen freundschaftlich gelebt hatte, fand der Wärter eines Morgens allein mit einer Cigarre im Rachen, denn so sah der noch hervorragende Schwanz ihrer Freundin aus. Sie hatte dieselbe bis auf diesen Theil hinuntergewürgt Da die Verschlungene eben so groß war als die Verschlingende, hatte sie nicht Platz. Das größte Wunder war, daß nach einiger Zeit die hervorragende „Cigarre“ immer größer ward und nach sechs Stunden die ganze Schlange wieder lebendig zum Vorschein kam, nur mit der Bißwunde, womit sie zuerst ergriffen worden war.

Einige Pythons in Indien werden gegen 40 Fuß lang und [164] verschlingen wilde Schweine, ohne sie erst zu tranchiren. Die Ular-Serva auf den Sundainseln tödtet gern Menschen durch Umarmungen, ohne sie zu fressen. In Whidah, Königreich Dahomey mit dem scheußlichen König, der mit seiner Weiberarmee sein Volk dadurch besteuert, daß er es als Sklaven verkauft, giebt es mehr als 60 Fuß lange Pythons, die Schafe und Ziegen ganz verschlingen. An der Goldküste Afrika´s hat man schon ganze erwachsene Männer (natürlich in allen Knochen zermalmt und zerdrückt) aus Schlangen herausgeschnitten. Bei Calcutta wurde einmal ein Matrose aus den Umarmungen einer Schlange befreit, die 62 Fuß maß. Dergleichen Abenteuer mit Schlangen ließen sich aus Reiseberichten über heiße, wilde, menschenarme Gegenden in’s Unendliche vermehren. Die Schlangen sind gewissermaßen die geschwungenen Ruthen, womit die Natur den Menschen und seine Civilisation von Gegenden zurückschreckt, die ihm schädlich und tödtlich sind. Wenigstens verschwinden allmälig die gefährlichen und giftigen Arten derselben da, wo Menschen sich anbauen und bilden, hauptsächlich freilich, weil der Mensch zunächst alles Mögliche thut, sie zu vertilgen. Früher beherrschten sie, à 100 bis 150 Fuß lang, ganze Landestheile und vergifteten (durch ihre bloße Ausdünstung schon, wodurch jede Schlange zunächst vor sich warnt) und fraßen Alles Leben umher. Plinius erzählt von einer solchen Schlange, welche einen großen Theil der Armee des Regulus beim Uebergange über den Fluß Bragada in Afrika um- und verschlungen habe, endlich erlegt und nach Rom gebracht worden sei. – Ihre Haut, die er selbst gesehen, habe eine Länge von 120 Fuß gehabt.

Um noch ein Wort über diese grausame Schöpfungslaune der Natur zu sagen, zeichnen sich die Schlangen durch innere und äußere Construktion vor allen andern Naturgebilden aus. Der ungeheure weite Rachen mit dem kleinen Kopfe und Halse ist die größte Merkwürdigkeit. Sie sind das Nadelöhr, durch welches ein Kameel gefädelt wird. Die Kinnladen öffnen und schließen sich nicht, wie bei andern Thieren, durch aneinander gebundene Knochen, sondern durch ungemein elastische Muskeln, die sich wie Gummi ausdehnen. Aehnlich sind die Hals- und Körpermuskeln, durch welche Körper gezwängt werden, die bis sechsmal dicker, als die Schlange selbst. Einige Schlangen haben krumme, hohle Zähne, andere blos Fänge. Zähne und Fänge sind beweglich und können gelegt und aufgerichtet werden. Die Augen sind ungemein klein und durchweg boshaft und giftig im Ausdruck. Löcher zum Hören sind vorhanden, aber kein Organ des Riechens bemerkbar. Die langen, gegabelten Zungen, bei Vipern oft ein Drittel so lang, als der ganze Körper, mit ihrem ewigen scheußlichen Spiel, sind auch eigenthümlich genug. Sie sind Aale, aber haben keine Schwimmhäute, Eidechsen mit ihrem Panzer, aber ohne Füße, Würmer mit ihrem Gekrieche und Gewinde, haben aber Lungen; und ohne Füße, Schwimmhäute, ohne alle Seitenwaffen doch in ihrem bloßen Körper die mächtigste Waffe, denen selbst der König der Wüste, der Löwe, unter dem donnerndsten Gebrüll erliegen muß.

[176] Schlangen. (Nachtrag zu dem Artikel in Nr. 12.) Die Schlangen sind eine der größten Plagen der Naturforscher, weil sie sich nicht classificiren lassen und mit der größten Verschiedenheit die familiärste Gleichartigkeit verbinden. Linné theilte sie nach Lage, Zahl und Gestalt der Schuppen ein, aber diese machen nicht ihre innere Verschiedenheit aus. Andere machten andere Klassen, ohne damit Ordnung und Klarheit in diese scheußlichen Gewinde zu bringen. Wir halten uns an die natürlichste Art, sie zu unterscheiden: sind sie giftig oder nicht? groß oder klein? Was für ein Unterschied zwischen der 40 Fuß langen Liboga von Surinam und den Millionen Schlangen am Senegal und Kap der guten Hoffnung, die, nicht länger als 3 Zoll, große sandige Ebenen überdecken? Die Schlangen haben wie die Fische keine Grenze in ihrem Wachsthum. Ihre cartilaginösen Knochen sind in jedem Alter noch der Ausdehnung fähig. Man hat auf Java Schlangen von 50 Fuß Länge gefunden, die sonst blos höchstens 20 Fuß lang vorkamen. Auf Java giebt es eine Art, die einen ganzen Buffaloochsen zermalmt und ganz verschlingt.

Nach der Größen-Verschiedenheit bietet sich besonders der Grad ihrer Schädlichkeit als unterscheidendes Merkmal. Es giebt giftige und ganz unschuldige Schlangen. Das Schlangengift ist eins der merkwürdigsten und fürchterlichsten Präparate der Natur. Es tödtet oft auf der Stelle und verwandelt den ganzen vergifteten Körper binnen wenig Minuten in eine geschwollene, zersetzte, faul-gährende Masse. Das Gift sitzt in zwei großen Fangzähnen, die von der obern Kinnlade über die untere herabhängen. Schlangen ohne diese Fangzähne gelten durchweg für nicht giftig. In unserm Klima kennen wir blos die Viper als giftig, in Ost- und Westindien und den Tropen beschränken sich die giftigen auf die Klapperschlange, die Peitschenschlange und das Scheusal von Grausamkeit, die Cobra de Cabelo. Sie sind überall selten und selbst die Viper unsrer Gegenden kann als Rarität gezeigt werden. Man findet sie zuweilen zwischen trockenem, kalkigen Boden, von 1 bis 3 Fuß lang, schmutzig gelb mit schwarzen, rhomboidischen Flecken auf dem Rücken, die an der Seite dreieckig sind und auf dem Bauche in continuirliche Schwärze zusammenlaufen.

Die Klapperschlange kommt in keinem Theile der alten Welt vor und beschränkt sich auf die einsamen Theile Amerika’s Die gewöhnliche Größe ist 4–5 Fuß mit einer Dicke etwa eines menschlichen Beines. Der Kopf ist groß, der Hals dünn, mit einer großen Schuppe über jedem Auge, das außerdem durch bewegliche Lider geschützt wird. Die Schuppen sind ungeheuer hart, orangefarbig mit allen möglichen Spielarten bis zum Schwarz. Das merkwürdigste Charakteristikum dieser Schlangen ist die Klapper im Schwanze von dünnen, harten, hohlen Knospen, die in leicht beweglichen Gelenken an einander gefügt sind und bei der leisesten Bewegung klappern und rasseln. Thier und Menschen fliehen im größten Schrecken vor dieser Musik, nur nicht einige Geierarten, welche davon angezogen, diese Musikanten geschickt zu packen und mit Appetit zu verzehren wissen. Im Uebrigen aber musicirt sie nur in der größten Einsamkeit. Jedes andere Geschöpf kennt instinktmäßig den schnellen, schrecklichen Tod von ihrem Bisse, obwohl sie, wenn nicht gereizt, mit der grazösesten Geschwindigkeit vor allen Thieren vorbeieilt, die nicht zu ihrer Beute gehören. Gereizt richtet sie sich blitzschnell auf, zieht den Kopf zurück und hackt ihre Zähne in den Feind. Der Biß schmerzt sofort ärger, als ein Bienenstich und wird mit jedem Augenblicke fürchterlicher, wobei alle Glieder schwellen. Selbst der Kopf dehnt sich entsetzlich aus, sobald das Gift ihn erreicht hat. Unter den entsetzlichsten Qualen, bald heftigem, bald stillstehendem Pulse, stirbt der Mensch in 5 bis 6 Stunden, während welcher zugleich alle Säfte zersetzt und in faule Gährung übergehen.

Vor einigen Jahren baute eine ausgewanderte Familie in Canada ihre Hütte an einen felsigen Abhang. Des Nachts wurde sie von einer ganzen Heerde Klapperschlangen, die unter dem Herde der Hütte lagerten, überfallen und größtentheils einem schrecklichen Tode geweiht. Kinder wurden in den Armen ihrer Mütter gebissen. Die Phantasie darf sich diese Schreckensscene kaum ausmalen, aus der nur zwei Menschen entkamen, welche sich durch’s Dach oben geflüchtet.

Die Fangzähne der Klapperschlangen behalten, ausgezogen, ihre tödtliche Kraft Jahre lang. Ein vom Biß derselben getödteter Mann hinterließ seine Stiefeln, durch welche er gebissen war, einem Erben, der ebenfalls starb. Der zweite Erbe der Stiefeln starb ebenfalls. Man untersuchte letztere und fand den Fangzahn einer Klapperschlange in dem dicken Hackenleder derselben.

Nach der egyptischen und Manilla-Giftschlange ist die Hutschlange (Cobra de Cabelo) die fürchterlichste. Sie ist 6–8 Fuß lang, größer und kleiner in ihren sechs verschiedenen Arten, hat einen katzenartigen Kopf (von hinten gesehen) und Augen, die von Weitem wie mit einer Brille bedeckt, aussehen. Die Haut ist weiß, nur durch Schuppen farbig. Ihr Biß tödtet nach etwa einer Stunde, während welcher die Säfte noch ärger zersetzt werden, als nach dem Biß der Klapperschlange.

Um noch ein Wort über die Zauberkraft der Schlangen zu sagen, mit welcher sie Thiere in ihren Rachen locken sollen, beruht dieselbe nach Dr. Hancock wesentlich auf dem lähmenden Schrecken, den sie einflößen. Thiere und Menschen fühlen bei dem Anblick eines so scheußlichen Gewindes, gegen welches keine Kraft und Geschicklichkeit etwas ausrichtet (Laokoon ist der tragischste Ausdruck dieses wehrlosen Entsetzens) sofort ihre Hülflosigkeit gegenüber dem entsetzlichsten Tode. Das lähmt alle Körper- und Willenskraft, das hindert Wehr und Flucht. Das ist die Zauberkraft der Schlangen. Ein Negersclave in den Sümpfen von Pomeroon ward beim Anblick einer Schlange, ohne daß sie ihn attackirte, ohnmächtig und für todt weg getragen. (es war eine Camoudi (textboa scytale), wie man fand, die am Orinocco bis 70 Fuß lang werden soll.

Die Zauberkraft von Menschen über Schlangen ist durch mannigfache Anekdoten bekannt und beruht besonders auf dem Klange gewisser Töne, wie denn auch die meisten Schlangen eine merkwürdige Passion für Musik haben, und nicht selten thatsächlich auf die graciöseste Weise auf ihren Schweif gestellt mit dem ganzen Oberkörper danach tanzen.

Die nicht giftigen Schlangen, von denen die gemeine schwarze Schlange bis 4 Fuß lang, die 10–11 Zoll lange Blindschleiche und einige andere in verschiedenen Theilen Europas bekannt sind, ließen sich im zoologischen Garten nicht mit Vortheil studiren, da verhältnißmäßig nur sehr wenige vorhanden sind. Man hält sich hauptsächlich an die Wunder von Größe, die die Python-Schlange, die Boa Constrictor und einige durch Färbung ausgezeichnete Sorten, deren Namen ich mir nicht gemerkt habe. Ich erwähne nur noch die Depona von Mexico wegen ihres unverhältnißmäßig dicken Kopfes und ihren ungeheuren Kinnladen. Die Hauptsache, welche ich mitnahm, war der Gesammteindruck der sich schwer beschreiben läßt. Die Schlangen, Gefüge in Linien ohne Glieder und Waffen, ohne Klauen, Krallen, Füße, Arme, scheinbar ganz, hülflos, und der erste ungeschickteste Versuch der Natur in Thierbildung, sind gleichwohl die allervollkommensten Thiere in der größten Einfachheit. Kein Geschöpf ist so elastisch, so gelenk und geschickt, so stark und so entsetzlich, keins so unerklärlich anziehend und abschreckend zugleich. Kaum ist die Natur fähig, etwas Entsetzlicheres zu bilden, als lebendige Wesen, die aus einer Linie bestehen, lebende Junge gebären (wenigstens mehrere Arten) und ohne Werkzeuge und Waffen die ausgebildetsten Thiere in ihrer höchsten Kraft zerbrechen. Die Umarmung, sonst überall das Zeichen der größten Liebe, ist ihre Kraft und Unüberwindlichkeit des tödtlichsten Hasses. Ihr Wesen ist tödtliches Umschlingen und kannibalisches Verschlingen des Getödteten. Sie sind Ueberbleibsel aus einer vormenschlichen Periode der Erde, und als solches das Menschenfeindlichste, was lebt, wie merkwürdiger Weise der Elephant, nach Ritter das nützlichste aller Thiere für den Menschen, ebenfalls Ueberbleibsel einer vorweltlichen Periode der Erdentwickelung ist.