Ein Festtag in Inner-Indien

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Autor: Kurt Boeck
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Titel: Ein Festtag in Inner-Indien
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 12, S. 188–191
Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1897
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Ein Festtag in Inner-Indien.

Von Dr. K. Boeck. Mit Illustrationen nach photographischen Aufnahmen des Verfassers und einem Bild von Herm. Linde.

Hoch stand in alten Zeiten die Kultur der Hindus. Aber von stolzester Höhe sanken die Gedankenkreise dieses uns stammverwandten Volkes tiefer und tiefer. Parteileidenschaft, Zersplitterung in zahllose Kleinstaaten machten Indien zur leichten Beute fremder Eroberer. Unter dem Drucke wissensfeindlicher Priesterherrschaft, eisernen Kastenzwanges, unablässiger Ausbeutung erlahmte die Fähigkeit des Volkes, sich zur Vaterlandsliebe, zur Begeisterung aufzuschwingen – die Talente verzagten, das einst so thatkräftige Wollen versumpfte. Redlich erworbener Besitz erfreute nicht, er brachte nur Gefahr, Gleichgültigkeit, öde Genußsucht traten an die Stelle der Schaffensfreudigkeit.

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Der Badeplatz der Elefanten.

Nunmehr gipfeln die Wünsche der großen Masse der 500 Millionen Hindus in dem Ruf nach „Brot und Spielen“, der sich im alten Rom zur Zeit seines Niederganges erhob, in dem Verlangen nach möglichst mühelosem Erwerb des täglichen Nahrungsbedarfes, nach Betäubung in brausendem Festlärm.

Wie aber steigert sich diese Sorge um das tägliche Brot, wenn in Indien, wie gegenwärtig, der Monsunregen seine erweckende Schuldigkeit an der lechzenden Mutter Erde verabsäumt hat und verwelkende Reis- und Weizenkeime der Erntesichel spotten! Schleicht dann zugleich, wie eben jetzt, das gräßliche Gespenst der Pest Arm in Arm mit seiner düsteren Schwester, der Cholera, durch die ausgeglühten, verdorrten Felder – wie sinken dann die von Hungersqualen gekrümmten Hindus diesen Furchtbaren zu Füßen, in Hunderten, Tausenden und Abertausenden!

In stumpfer fatalistischer Erschlaffung harrt der Hindu seines Schicksals, es fehlt ihm Kraft und Mut, dem Aberglauben zu trotzen und die von den Behörden empfohlenen Schutzmaßregeln zu befolgen. Etwelche eilen, den herannahenden Landplagen durch Flucht zu entgehen, andere versuchen sich gewaltsam in den Besitz der mangelnden Nahrung zu setzen – weit mehr aber streben, durch außergewöhnliche Inbrunst bei den religiösen Festen die betreffenden Gottheiten zur Abwendung der Heimsuchungen zu bewegen.

Diese geräuschvollen Feste spiegeln die glanzvolle Herrlichkeit des alten Indiens auch heute noch wieder und werden solche sowohl von den Hindus alter brahminischer Religion wie von den indischen Bekennern des Islams abgehalten. Unter dem Einfluß tropischen Lichtes steigert sich dort der äußere Ausdruck religiöser Begeisterung bis zum Phantastischen. Um Zeugen eines solchen Festes zu sein, begeben wir uns in das Innere des Landes, in das „Mosussil“.

Haidarabad, „die Stadt Haidars“ (Löwen), im Herzen der riesigen, vorderindischen Halbinsel, an dem Ufer des Mussi gelegen wollen wir heute besuchen. Von den 400 000 Einwohnern dieser Stadt ist die übergroße Mehrheit mohammedanisch, wie der Fürst selbst, der, „Nisam“, dessen voller Name lautet Asaf Jah Muzassur-ul-Mumulik, Nisam-ul-Mulk, Nisam-ud-daulah Nawab Mir Mahbub Ali Khan Bahadur Feteh Jung. 10 Millionen Bewohner zählt sein Reich, der Vasallenstaat Haidarabad.

Es ist gerade für den Islam die festlichste Zeit des Jahres, der erste Monat des mohammedanischen Mondjahres.

Neun Tage währt das Erinnerungsfest an den Tod Hassans und Husseins, der Söhne Alis, des Schwiegersohnes des Propheten, die im Kampfe gegen mohammedanische Sektierer im Jahre 680 in der Schlacht von Kerbela fielen. Der neunte Festtag ist angebrochen, die prunkvolle große Prozession, in der die Fahne des Propheten durch die Straßen der Stadt geführt wird, soll das fanatische Volk bis zum rasenden Toben entzücken. Bangen Herzens schleichen die brahminischen Hindus umher – wehe ihnen, wenn sie heute ihren aufgeregten muselmännischen

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Arabische Leibwache des Nisams.

Mitbürgern begegnen! – Wir verlassen unsere Herberge, ein Bungalow oder Landhaus, abseits der Stadt in der Nähe einiger Baumwollen- und Papierfabriken gelegen. Das Auskämmen und Bearbeiten der Baumwollenflocken ist eine Aufgabe, der sich die Mohammedaner mit Vorliebe zuwenden, während sie als Händler Parfümerien, Schmuckwaren und Juwelen bevorzugen. Hier in Haidarabad war einst der Haupthandelsplatz für die Diamanten Indiens, die im nahen Golconda gar kunstvoll geschliffen wurden, als diese Naturschätze in Indien noch nicht so „vergriffen“ waren wie heutzutage.

Sabbathstille herrscht auf den Feldern, überall wird das hohe Fest gefeiert.

Wir überschreiten den Mussi auf granitner vielbogiger Brücke, die seit 1830 diesen in der Regenzeit sehr wasserreichen Zufluß des Kistna überspannt. Unten am seichten Ufer kommen und gehen die Elefanten aus dem Marstall des Nisams, sie knieen im trüben lauen Wasser nieder, um mit Sand und Asche, mit Hilfe riesiger Besen und halbierter Kokosnüsse abgescheuert zu werden, ehe ihre „zarte Haut“ zum Feste geschminkt wird. Neugierig blickt auf unserm Bilde (S. 188) der Büffel auf die Untiere, die ihn von seinem Badeplatz verdrängten.

Mit leuchtendem Rot und Gelb werden nach vollbrachtem Bade Stirn, Rüssel und Ohren der Dickhäuter in allerlei Mustern bemalt; diese sollen die \_/ und == Stirnzeichen verspotten, mit denen, wie ich es kürzlich in der „Gartenlaube“, Jahrg. 1896, S.612, schilderte, die brahminischen Hindus sich und ihre Tempelelefanten bemalen, denn geärgert müssen die andersgläubigen Mitbürger werden, wo immer es angeht. Natürlich rächen sich diese dafür in anderen Orten, wo die Moslems in der Minderzahl sind, durch heimliches Anbinden von Schweinen in den Vorhöfen der Moscheen oder ähnliche sinnreiche Aufmerksamkeiten.

Nach der Bemalung werden die Elefanten aufgezäumt. Auf den Kopf kommt eine riesige Kappe, scharlachrot mit goldener Borte, auf den Rücken eine ebensolche Decke mit reicher Goldstickerei, Dutzende von Händen sind behilflich, auf diesen Rücken dann den ungeheuren Handah zu schnallen, der aus Silber und Gold getrieben ist. Ueber dem Handah wölbt sich der scharlachfarbene, goldstrotzende Baldachin, der das Haupt des Nisams und anderer Großen des Reichs vor der sengenden Tropensonne während des Umzugs schützen soll. Schließlich werden goldene Ringe mit glänzenden Steinen um die Stoßzähne der Tiere geschoben, die Zähne selbst nötigenfalls durch Ansätze künstlich verlängert, silberne klirrende Ketten werden um Hals und Füße geschirrt, der „Mahant“ läßt sich durch den Rüssel auf den Nacken des Tieres heben und stellt seine Füße hinter die Ohren des Elefanten, um ihn auf diese Weise zu lenken.

Inzwischen sind wir vor der niedergelassenen Fallbrücke des Stadtthores angelangt; kindlich erscheinen heutzutage diese mittelalterlichen Verteidigungsmittel, diese rosafarbigen Lehmmauern mit Schießscharten, diese veralteten von Kamelen gezogenen Geschütze des Nisams.

Wir weisen unsere Erlaubniskarte zum Besuche der Stadt dem Thorwächter vor – verblüfft starren wir demselben ins Gesicht. Nicht auf die regelmäßigen Züge eines Hindu fällt unser Auge, zwischen aufgeworfenen grinsenden Lippen fletscht uns ein unverkennbarer Afrikaner seine schneeweißen Zähne entgegen, ein Mitglied der arabischen Leibwache des Nisams (vgl. nebenstehende Abbildung).

Nun betreten wir die Stadt, d. h. nicht etwa zu Fuß, das würde sich für einen Vertreter des herrschenden weißen Volkes nicht ziemen. Nur in stolzer Karosse, auf dem Rücken eines edlen Pferdes oder Elefanten oder in einer Sänfte darf sich der Europäer den gaffenden Hindus zeigen. Doch wohlgemerkt, wir besuchen die Stadt auf unsere eigene Gefahr, kein Konsul wohnt innerhalb der Stadtmauern! Werden uns von der festfröhlichen Menge die Knochen im Leibe zerbrochen, so zahlt uns niemand einen Pfennig Schmerzensgeld dafür.

Von fernher dringt das Brausen des Volkslärms aus der innern Stadt. Eine Sänfte, ein Palankin oder Palki, begegnet uns am Stadtthore (vgl. untenstehende Abbildung). An dem großen weißen Namazeichen auf der Stirn des Mannes, der darin kauert, erkennen wir einen brahminischen vornehmen Hindu, der sich aus der Stadt tragen läßt. Er zieht es vor, sich draußen im Freien, etwa an den Ufern des nahen Hussein Sagar-Teiches arglos seinen Curryreis auftischen zu lassen, als im Innern seiner verriegelten Stadtwohnung zu schmausen, vor deren Thür bereits die brüllende Menge unter wütendem Anruf Hassans, Husseins und Mustapha Reimans die Brust in wüstem Takt sich schlägt.

Wie qualvoll ist für den reisenden Europäer die Benutzung eines solchen Palkis! Unsere Gelenke sind eben nicht an das beständige Sitzen mit untergeschlagenen Beinen gewöhnt. Aber zweckmäßig sind diese Kasten doch – will ein vornehmer Hindu mit der Eisenbahn verreisen und seine Gemahlin den Blicken anderer Männer entziehen, so setzt er sich in die erste Wagenklasse, die liebe Frau kommt in einen derartigen Palankin, die Thüren werden zugeschoben; dann wird der Kasten nebst Inhalt als Gepäckstück in den Bagagewagen spediert – glückliche Reise! Wer aber Dienstboten aus der Sekte der Kahars besoldet, die keine Lasten auf Kopf und Rücken tragen dürfen, wie einfach kann er sie zum Lasttragen zwingen! Er läßt die Sachen in den Palki packen, weil dieser mittels Tragstangen auf den Schultern getragen wird und dies nicht in den Kastensatzungen der Kahars verboten ist, die trägen Diener also keine Ausrede haben!

Doch hinein in das Festgewühl des Bazars! Den Mittelpunkt der Stadt bildet der Platz, auf dem sich die vier Hauptstraßen kreuzen; eine große Moschee nach dem Vorbild der Kaaba zu Mekka steht in der Mitte. Wie Ameisenhaufen kribbelt das Volk auf den Straßen durcheinander, dicht gedrängt stehen die Massen auf den

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Palankinträger am Stadtthor.

[190] flachen Dächern der rosa, gelb oder lachsfarbig getünchten Häuser. Prächtige Teppiche hängen aus den Fenstern und von den Balkonen.

Schon naht der Zug!

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Kamelreiter.

Voraus, wie allerorten bei solchen Gelegenheiten, Pöbel, Straßenbuben. Eine Schwadron eingeborener Reiter, einzeln oder zu zweien auf ihren Kamelen hockend, sehnige, martialische Hindus, die wohl fähig wären, ihren Nisam vom englischen Joche zu befreien, wenn ihre Bewaffnung auf der Höhe der Zeit stände. Doch moderne Waffen in Indien einzuführen, ist streng verboten, ist geradezu unmöglich. Und dort oben auf den Hügeln im Rücken der Stadt stehen die Batterien, die endlosen Zeltreihen des englischen Heerlagers bei Sikandarabad! Ist auch die Stadt Haidarabad von englischen Soldaten entblößt, in demselben Augenblick, in dem der Signalwimpel an dem Mast im Burghof des englischen Residenten emporflattern und hinaufmelden würde, daß der Nisam seine Vasallenstellung vergessen und den Versuch gemacht habe, den Herrn in seinem Lande zu spielen – in demselben Augenblicke wäre er selbst mit seinem Palast, seiner Residenz mit ihren 400 000 Einwohnern in Atome zerschmettert. Mit der größten Liebenswürdigkeit wird der Nisam zu Zeiten eingeladen, sich auf dem Schießplatz die Wirkung der Granaten zu betrachten, welche in den Schanzen von Sikandarabad zu Tausenden lagern. Er begnügt sich weislich mit dem Schein von Macht, der sein öffentliches Auftreten zumal an Festtagen wie dem heutigen, umgiebt.

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Vortrag einer indischen Sängerin.

Dort naht er, der Nisam, schneeweiß gekleidet, Diamanten im Turban, in höchsteigner Person, auf dem Rücken eines außergewöhnlich riesigen Elefanten. Vor ihm her läuft sein Stolz, seine ägyptische Leibwache. Wie Söhne der Hölle gebärden sich diese Araber an dem heutigen Tage! Gräßlich, markdurchdringend tönt ihr schrilles Pfeifen, das wüste, wilde, unregelmäßige Stoßen und Trommeln auf ihren kupfernen Kesselpauken, das kreischende, fauchende Anrufen Alis und seiner Söhne aus den rauhen Kehlen dieser opiumtollen Gesellen. Mit dem plumpen Kolben ihrer vorsündflutlichen, zwei Metern langen Gewehre stoßen und hauen sie in die Massen des Volkes, den unaufhaltsam vorwärts schreitenden plumpen Tieren den Weg zu bahnen. Elefant folgt auf Elefant, nicht weniger als 300 stehen ja in den weiten Höfen des Nisams mit angepflockten Füßen, dieses Festtages gewärtig.

Und jetzt schwankt der Mittelpunkt all des Festjubels daher, die grünseidene Fahne des Propheten. Wo sie sich zeigt, steigt das Toben zum Wahnsinn da krachen die Schüsse aus den uralten Steinschloßflinten, welche die Araber unablässig aus ihren schneckenförmigen Pulverhörnern aufs neue laden, da sausen Raketen und Schwärmer in das blendende Tageslicht. Nichts vernimmt man von dem lauten Singsang der öffentlichen Tänzerinnen, die in dichter Schar den Fahnenelefanten umgaukeln, eine Verspottung der brahminischen Tempelbajaderen, der Deva-Dafis.

Unmöglich ist es, einzelne Laute aus dem wild brandenden Meer von Tönen zu verstehen, dessen Grundaccorde die von all diesen Tausenden unaufhörlich hervorgestöhnten, geschrieenen, geblökten oder erschöpft hingezischten Namen der gefeierten Märtyrer sind. Weherufe der Gequetschten, Zertretenen, mit Stentorstimmen gebrüllte Befehle, denen die entfesselten Horden den Gehorsam versagen, blöde Fisteltöne wahnsinniger Fakire – dazu das Geklirr der Waffen, das Rasseln des Elefantenschmuckes, das Geklimper der Ringe um Beine und Arme, in Nasen und Ohren der Tänzerinnen, die mißtönende Musik – fürwahr, es ist ein Getöse, ganz dazu angethan, die durch reichlichen Opiumgenuß genugsam erhitzten Gemüter der Stadtbewohner zum Rasen zu bringen. Blindlings rennen sie durch die Gassen, im Festgewand, mit Flitterkram und Goldpapier geputzt, in der einen Hand einen Säbel, in der andern einen Knüttel, schreiend und gestikulierend. Klüglich hält sich alles daheim, was anderen Glaubens ist als diese fanatischen Scharen.

Bis tief in die Nacht währt das blendende geräuschvolle Treiben, das die Armen ihr Elend, die Kranken ihre Schmerzen vergessen läßt, denn selbst aus den Hospitälern klingt beim Vorbeiziehen der Prozession der heisere Anruf Hassans und Husseins, ja [191] sogar aus dem Luftloch eines vermauerten Turmes erklingt der Ruf, wimmernd und ersterbend, in dem ein kürzlich eingefangener Verschwörer gegen das Leben des Nisams lebendig begraben wurde.

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Straßenbettler.

Besonders festlich gestalten sich diese Umzüge, wenn während des Muharremfestes die kleineren Fürsten und Häuptlinge des Reiches mit ihrer bewaffneten Macht nach Haidarabad kommen, um dem Nisam zu huldigen. Dann wird an dem Tage Langar, der sonst den Armen geweiht ist, eine Heerschau abgehalten; dann wogt durch die Straßen der Löwenstadt ein so eigenartiger, farbenprächtiger und wilder Zug, wie er nur im Herzen des Orients zustande kommen kann. Noch einmal flackert dann der alte Glanz indischer Macht auf und die Heerscharen und ihre Abzeichen rufen die Erinnerung an glorreichere Zeiten zurück, da die Vorfahren des Nisams nicht müßig als englische Vasallen in ihren Palästen umherirrten, sondern durch kühne Waffenthaten die Nachbarn erschreckten und den Ruhm ihres Namens mehrten.

Unser Hauptbild (S.184 und 185) giebt uns einen Einblick in jene gewaltige Heerschau, die fünf bis sechs Stunden dauert. Der Zug gelangt gerade vor den auf der linken Seite des Bildes sichtbaren Palast des Kriegsministers. Im Vordergrunde erscheint eine Schar arabischer Krieger mit alten Waffen, dazwischen einige Lanzenreiter. Hinter dieser Truppe reitet ein Vasall des Nisams auf einem prächtigen buntbemalten Elefanten, begleitet von Fußsoldaten und Reitern. Im Hintergrunde zieht sich der Zug durch einen Thorbogen, durch den der nächste Elefant sichtbar ist. An diesem Tage sind die Soldaten wie Tiger bemalt und die meisten mit Lanzen und Schilden bewaffnet; nicht im Marschschritt, sondern springend und schreiend ziehen sie vorbei; die gelbe Farbe, das Abzeichen der Königswürde, ist am häufigsten vertreten. Tausende prächtiger Rosse, zahlreiche Kamele und Hunderte von Elefanten erhöhen den Eindruck dieser eigenartigen Heerschau. Unter schrillen Tönen der Kapellen und gellendem Geschrei der Soldaten wälzt und drängt sich der Zug nach dem königlichen Palast, wo der Nisam auf einem Balkon, von seinen Würdenträgern umgeben, die Huldigung der Getreuen entgegennimmt.

Ist der Jubel des Muharremfestes auf den Straßen der Stadt verstummt, dann haben vielfach die Sängerinnen im Innern der Häuser noch in später Nacht vollauf zu thun.

Den auf dem Ruhebett hingestreckten Favoritinnen, die das Haus nicht verlassen dürfen, tragen sie unter Begleitung von Trommel und Fiedel die Legenden vor, welche sich auf das heutige Fest, auf Ali und seine Söhne, auf die blutige Religionsschlacht in der Ebene von Kerbela beziehen. Dieselben Lippen, welche sonst jauchzend die Freuden der Liebe, des Lebensgenusses preisen, stimmen heute gellend mit ein in die Anrufung der Helden des Festtages, Hassans und Husseins. (Abbildung S. 190.)

Am andern Morgen aber nimmt die Stadt wieder ihr alltägliches Gesicht an; der brahminische Hindu öffnet ruhig wieder seine Geschäftsräume, und die nackten, langhaarigen mit Kuhdüngerasche bestäubten Gestalten der brahminischen Bettelmönche oder Jogis wagen wieder, ebenso dreist wie die moslemitischen Fakire, von einem Bazarhändler zum andern zu pilgern, um stillschweigend die Bettlerschalen auszustrecken in die von mildthätigen Händen bald Früchte, bald Brot oder sonstige Speisen gelegt werden. Ohne ein Wort des Dankes geht der Jogi seines Weges, in seinem religiösen Dünkel glaubt er vielmehr den Spender sich zu Dank verpflichtet zu haben, weil er ihm Gelegenheit gegeben, einem Jogi, einem nur in geistlicher Beschaulichkeit seine Tage verbringenden Frommen, eine Wohlthat zu erweisen. Thatsächlich sind dieselben die ärgsten Müßiggänger.

Ueberwiegt aber in einem Ort, wie in den Brahminenparadiesen in Südindien oder an der Malabarküste, die andere der beiden großen Religionen Indiens, die brahminische, dann thun ihre Anhänger das Aeußerste, um den hier geschilderten Festtrubel der Mohammedaner noch zu überbieten und die zum Vorteil der herrschenden Nation der Engländer bestehende religiöse Eifersucht immer mehr zu verschärfen.