Ein Hurricane in den westindischen Gewässern

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Textdaten
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Autor: M. E. P.
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Titel: Ein Hurricane in den westindischen Gewässern
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 10, S. 153–156
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1870
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[153]
Ein Hurricane in den westindischen Gewässern.
Aus meinem Tagebuche.

Jeder meiner Leser hat zweifellos schon Gelegenheit gehabt, einen kleinen Wirbelwind zu beobachten, wie er Staub, Blätter und andere leichte Gegenstände in phantastischem Spiel nach der Mitte zieht und dieselben in die Luft führt oder in einen Haufen zusammengefegt liegen läßt. Man bemerkt an diesen harmlosen Kindern des Windes eine mehr oder minder heftige Rotation um die eigene Verticalachse, ein Hinzuströmen der umgebenden und ein Aufwärtsstreben der inneren kreisenden Luftschichten, während das ganze Phänomen mehr oder weniger fortschreitet. Zu größeren Dimensionen anwachsend, vermag eine solche wirbelnde Luftsäule schon schwerere Gegenstände wie Heuhaufen und Getreidegarben zu entführen oder Bäume zu entwurzeln und die Dachungen von Gebäuden [154] herabzuwerfen. Geht sie über Flüsse und Seen oder entsteht sie daselbst, so bilden sich leicht Wasserhosen, welche am nächsten Ufer furchtbare Verwüstungen anrichten können.

Furchtbar aber in ihrer vernichtenden Wuth sind die Cyclone, welche fast nur ganz bestimmte Gegenden heimsuchen und dort mit verschiedenen Namen wie Hurricane, Tornado, Teifun bezeichnet werden. Sie sind Wirbelwinde, zum Ungeheuern vergrößert. Bei einer Drehungsgeschwindigkeit von sechszig bis neunzig Seemeilen in der Stunde vermögen sie auch noch mehrere hundert Meilen in einem Tage fortschreiten; immer aber liegt ihre zerstörende Gewalt in der kreisenden, nicht in der fortschreitenden Bewegung, und dadurch vor Allem unterscheiden sie sich von dem aus weite Entfernungen geradeaus streichenden Sturm.

Je näher der Mitte des Wirbels, desto größer ist die Gefahr, die im Centrum ihren Höhepunkt erreicht; die hier von allen Seiten hereinbrechenden Wellen erzeugen eine so furchtbare Kreuzsee, daß jedem Menschenwerk die Vernichtung beinahe gewiß ist.

Die Cyclone entstehen, vielleicht ohne Ausnahme, innerhalb der Wendekreise und zwar hauptsächlich in den beiden Gürteln, welche zwischen je zehn und zwanzig Grad nördlicher oder südlicher Breite liegen. Von diesen zwei auf beiden Seiten des Aequators liegenden Zonen bewegen sie sich stets nach dem je nächsten Pole zu, aber so, daß sie immer wirbelnd, bis zum ungefähr dreißigsten Grade der betreffenden Breite zugleich auch in westlicher Richtung fortschreiten, dann aber sich wendend ostwärts ihren Verlauf nehmen. Ihre Bahnen sind also Curven und immer nach Westen zu convex. Die Drehung um die eigene Achse ist aus jeder einzelnen Hemisphäre stets dieselbe, für beide aber eine gerade entgegengesetzte. Auf der nördlichen Halbkugel ist die Richtung derselben stets gegen die der Zeiger einer Uhr, auf der südlichen Halbkugel stets mit den Zeigern der Uhr. Beim Anzuge eines Cyclon gilt daher zur See die Regel: Mache Front gegen den Wind, und auf der Nordhälfte der Erde ist das Centrum desselben zur rechten, auf der Südhälfte aber zur linken Hand.

Diese regelmäßige Uebereinstimmung hier angeführter Thatsachen zeigt, daß derartige Stürme genauen Gesetzen unterliegen, und macht es möglich, ein System der Wahrscheinlichkeit zu entwerfen rücksichtlich der Jahreszeit, der Bahn und Bewegung derselben, so daß ein erfahrener Seemann, zur rechten Zeit gewarnt, sein Schiff dem nahenden Verderben aus dem Wege führen kann. Viele Fälle sind bekannt, daß solches auch wirklich gelang; andere Fahrzeuge wieder, welche zu plötzlich überfallen wurden, liefen vor dem Sturme einher und beschrieben in ihm einen oder auch mehrere vollständige Kreise, und noch andere, leider nur zu viele derselben, gingen und gehen noch rettungslos zu Grunde, und nichts bleibt, um ihr trauriges Schicksal zu verkünden. So ging im November 1861 unweit der holländischen Küste die vielgenannte preußische Corvette „Amazone“ verloren, und ein anderes Fahrzeug der jungen Marine, der unglückliche Schooner „Frauenlob“, verschwand spurlos im September 1860 während eines Teifuns in der Nähe von Japan. In neuester Zeit erst, am achtzehnten December 1869, ging während eines Orcans die französische Dampfcorvette „Gorgone“ unweit Brest mit sämmtlicher Besatzung, hunderteinundzwanzig Mann stark, zu Grunde. Einige Seemannshüte und etwas Holzwerk war Alles, was von dem stolzen Kriegsdampfer wiedergesehen wurde.

Westindien wird am meisten von diesen Ozeanen heimgesucht, sie herrschen dort, wie auch in den chinesischen Meereu, also in der nördlichen Hemisphäre, vorwiegend in den Monaten Juli bis October; im indischen Meere aber und in der Inselwelt von Polynesien von Januar bis März. Die Bahnen, welche sie verfolgen, sind gewöhnlich die der vom Aequator kommenden, also warmen Meeresströmungen; auffällig so in Bezug auf den japanischen Strom, noch deutlicher aber hervortretend im nordatlantischen Ocean, wo der scharfbegrenzte Golfstrom seine Fluthen an den Küsten der Vereinigten Staaten entlang und dann nach Europa hinüberwälzt. Obgleich diese Wirbelstürme sich zum großen Theil in den Tropengegenden austoben, so tragen sie doch auch häufig ihre verheerende Wirkung weit über jene Zonen hinaus. Die Westindischen ziehen oft bis zu den nebeligen Bänken von Neufundland, es läßt sich wohl auch annehmen, daß sie, immer dem Golfstrom folgend, sogar quer über den atlantischen Ocean marschiren.

Selbst bis in die Polargegenden verirren sie sich. Ende September 1866 erlebten wir im Eismeere nördlich der Bering-Straße, in Sicht von Cap Lisburne, einen solchen Sturm, dessen Bahn rückwärts wahrscheinlich bis in die chinesischen Gewässer reichte und der während seiner Dauer von fünf Stunden Schiff und Bemannung der Vernichtung nahe brachte. Geht ein Cyclon über Land, so sind die angerichteten Verwüstungen oft unglaublich. Nichts kann seiner Wuth widerstehen. Häuser, ganze Städte werden zerstört, Wälder und Pflanzungen verwüstet; sogar schwere Festungsgeschütze sind fortgeschleudert und die starren Linien der Fortificationen in unförmliche Trümmerhaufen verwandelt worden, große Schiffe wurden selbst im Hafen versenkt oder von ihren Ankerplätzen gerissen und mit Hülfe der empörten See an’s Land geworfen, wo sie hoch und trocken liegen blieben als traurige Zeugen menschlicher Ohnmacht. Ich will nun einen solchen Sturm schildern, wie ich ihn selbst erlebt habe.

Am 21. December 1867 verließ unser Schooner Ricardo die Insel Guadeloupe. An Bord befanden sich sieben Mann, eine genügende Anzahl von Händen, um das meisterlich construirte Fahrzeug zu führen; eine reiche Ladung füllte nicht nur den Raum desselben, sondern lag auch theilweise an Deck aufgestapelt, so daß die Belastung eine fast übermäßige genannt werden konnte. Die ganze Leinewand war gesetzt; das Tauwerk knackte und reckte sich und die schlanken Stangen bogen sich unter der Wucht der Segel, die den prächtigen Klipper in seiner ganzen Schönheit dahinbrausen ließen. Sein zierlicher, langgestreckter Rumpf, die beinahe unverhältnißmäßig hohen Masten, welche, im angestrafften Takelwerk gehalten, die mächtige Segelfläche stützten, mußten jedes Seemanns Auge erfreuen; uns schwoll das Herz in der Brust, als unser Liebling, coquettirend mit Wind und Wellen, hinausflog in die blaue unendliche Weite, und beneidenswert dünkte sich, wer am Steuer mit sicherem Druck der Hand das stolze Gebäude beherrschte. Bald entschwand das Land in duftiger Ferne, um uns Wasser, Himmel, Sonnenschein; wer denkt wohl in solcher Zeit, wie wenig zuverlässig Wind und Wellen sind.

Ein kluger Neufundländer, der langjährige treue Begleiter des Capitäns – und, wie dieser versicherte, ein Hund, der jeden Cours genau kannte – tobte bellend und mit lustigen Sprüngen an Deck umher, als wenn auch er sich freute das Wogen des Meeres wieder zu fühlen.

Zwei Tage lang eilten wir nordwärts in schneller Fahrt, dann wurde die Brise flau, unbestimmt und schlief endlich ganz ein; um Mittag hatten wir vollständige Windstille, während die Sonne heiß und stechend vom heitern Himmel niederschien. Noch einmal kehrte unsre alte Brise zurück, änderte aber bald in jähem Wechsel ihre Richtung, wurde sehr frisch und erstarb wieder nach kurzer Zeit. Wir erwarteten eine Bö (Gewittersturm) und nichts weiter, denn im Süden hingen schon lange dunkle Wetterwolken und auch im Osten begannen sie sich schwarz emporzuthürmen. Ein fröstelnder Hauch traf uns warnend von dort, mehrere Wasserhosen entstanden und kamen gleich schwankenden Gespenstern der Tiefe, brausend und tobend mit Wind und Wetter heran. Wir hatten Donnern und Blitzen schwere Regenschauer und dann wieder klares Wetter; schnell, wie er gekommen, verzog sich der Gewittersturm nach Westen. Ihm folgten bald noch mehrere, und dann fegte schwül und gewaltig eine dunstige Windsbraut von Süden herauf; einige Meilen weit flogen wir vor ihr her, bis auch sie ausblieb und wir wieder todt auf dem Wasser lagen.

Solche Störungen waren in diesen Gegenden nichts Ungewöhnliches; die weit verstreuten Inseln und Riffe, die Meeresströmungen und die hierher fallenden Grenzen vorherrschender Winde geben hinreichende Veranlassung zu einem häufigen und plötzlicher Wechsel der Witterung.

Im Luftreiche zeigte sich große Verwirrung, die Winde schienen miteinander zu kämpfen und jagten sich von allen Seiten. Sausend fuhren sie durchs Takelwerk, stoßweise und in jähem Wechsel, die Segel flatterten und schlugen mit unleidlichem Getöse, Hölzer und Blöcke schwangen sich seufzend in ihren Befestigungen, Ketten klirrten und klangen; endlich herrschte wieder bange Windstille.

Fast überrascht bemerkten wir jetzt langsam und allmählich um uns eingetretene Veränderungen. Der Himmel hatte seine Durchsichtigkeit verloren und rückte uns gleichsam in geschlossener Form näher, ganz als wollte er die Sonne von unserer Welt ausschließen; von weit her sandte sie ihre Strahlen, ein todtes bleiches Licht verbreitend, wie bei einer Verfinsterung. Rings um sie zeigie sich eine seltsame Schattenbildung, zunächst der glanzlosen [155] Scheibe am dunkelsten hervortretend, nach außen hin sich abschwächend, so daß bei einem längeren Hinsehen die Täuschung entstand, als ob die Sonne durch eine tiefe, trichterförmige Oeffnung im Firmament schiene. Die Atmosphäre wurde schwül und beklemmend, der Gesichtskreis enger, aber merkwürdig scharf und bestimmt. Es lag ein Etwas in der Natur, das man mehr fühlt als sieht, etwas Banges, Unheimliches, Verderbenschwangeres. –

Am Bollwerk hat sich der Hund ausgestreckt, schwerathmend und uns mit ängstlichen Blicken ansehend; wir gießen einige Eimer Seewasser über ihn, aber anstatt sich wie gewöhnlich mit freudigen Sprüngen zu schütteln, giebt er nur ein klägliches Winseln von sich.

Unser wettergrauer Capitain, der nun schon über dreißig Jahre diese Gewässer befährt, schaut mit besorgten Blicken umher, er prüft Wind und Wellen und beobachtet das Barometer. „Das braut ein Höllenwetter!“ stößt er hervor, als er in die Kajüte hinabtaucht; aber da er wieder an Deck tritt, hellt sich seine düstere Miene auf; der Alte kennt keine Furcht. In schneller Folge hallen seine Befehle und deren eintönige Wiederholung hin und zurück, eine nach der andern rauschen die letzten Segelflächen nieder und werden sorgfältig gerollt und verbunden. Die kleinen Sturmsegel vom besten, schwersten Stoff werden gesetzt und alles Bewegliche an Deck nochmals gesichert. Hastig und schweigend arbeiten die Leute, ganz gegen die Gewohnheit der Matrosen ist kein ermunterndes Wort, kein rauher Scherz zu hören.

Das Barometer, dieser getreue Warner des Seemanns, ist stetem Sinken begriffen; die Wellen fangen an sich unregelmäßig überstürzen und umlaufen immer verwirrter das taumelnde Fahrzeug. Es ist Alles so seltsam um uns, jeder Ton, jedes Geräusch klingt so ganz anders als sonst, verhallt so kurz und dumpf, als würde es von der Luft erdrückt. Ein unbehagliches Gefühl bemächtigt sich unser, Gesicht und Hände fangen an unerträglich zu brennen.

Der Abend bricht herein. Die Sonne sinkt in dichte Nebelschleier und läßt sie erglühen, als wenn die Welt in Feuer stünde. Vom Mast aus zeigt sich nichts als eine weite wogende Wasserwüste mit fahlem Lichte übergossen, darüber spannt sich ein Bleigewölbe und rings umdrängt uns der flammende Horizont; – noch immer herrscht große drohende Stille.

Es wird dunkler. Langsam verschwinden die düsteren Farben und jetzt, dort im Süden, zieht es heran, mehr und mehr tritt es hervor, ein schwarzes Wolkengeschiebe, still, tückisch herankriechend wie das Verderben. In ihm zuckt und flimmert ferner Wetterschein, unheimliche Streifen schiebt es voraus, verzerrte Dunstgebilde, die sich wie gespenstische Arme nach dem Zenith hinaufrecken. Ein beängstigender Geruch verbreitet sich und dicke schwüle Finsterniß senkt sich herab; uns wird so enge, so bange, als müßten wir ersticken. Auf den Mastspitzen wiegen sich St. Elmsfeuer und bleiche Strahlenkronen schmücken alle oberen Hölzer, die ganze Takelage schimmert mit lebendem Licht und zeigt sich auf dem dunklen Grunde der Nacht. Wesenlose Flämmchen hüpfen und flattern auf und nieder, jetzt hier, jetzt dort; allüberall webt und schwebt geheimnißvoller Schein.

Einzelne Vögel huschen mit hastigem Flügelschlage an uns vorüber, wir hören sie im Tauwerk, am Verdeck; suchen sie Zuflucht beim Menschen?

In der Kajüte ist der Dunst wahrhaft erstickend; der Hund liegt keuchend unter eine Schlafstätte gezwängt. – Immer noch Windstille. Weit umher leuchtet das Meer in wunderbarer Pracht, zuweilen trifft eine rollende Welle mit dumpfem Schlage gegen die Seite und sprühend sendet sie funkelnde Tropfen über das Verdeck. Das hohle Brausen der See, das Knarren und Stöhnen des Schiffes klingt dumpf und schauerlich; es ist uns, als vernähmen wir seine Klagelaute und Stimmen vom Maste herab, aus dem Wasser herauf. Die Minuten werden uns zu Stunden in banger Erwartung. – Endlich, endlich Bewegung! Wir athmeten auf wie von schwerem Druck befreit. Ein leiser Lufthauch zog durch die Nacht, erstarb nach einiger Zeit und kam wieder als eine leichte erfrischende Brise. Auch sie blieb aus und sprang bald von Neuem auf; der schwache Hauch wurde zum mächtigen Sturm, über uns, um uns begann es zu tönen, erschütterndes Pfeifen und Sausen ließ sich im Tauwerk hören, die Wanten vibrirten; stärker und stärker wurde der Wind; stoßweise aussetzend, wiederkehrend und schnell und schneller zum Sturm anschwellend, fernes Getöse wurde vernehmbar – und dann plötzlich kam es über uns wie der Untergang der Welt. Brüllend und heulend traf es uns mit entsetzlicher Gewalt, die ganze Natur erhob sich in wilder Empörung. Zerpeitscht und in Gischt davongewirbelt wurde die See in ihren Tiefen aufgewühlt und erstickte, blendete uns; das Schiff lag todt in das Wasser gedrückt; betäubt und hülflos klammerten wir uns fest.

Ein solcher Aufruhr der Elemente läßt sich nur schwer in allen Einzelheiten schildern, die Sinne werden verwirrt und reichen nicht hin die furchtbare Wirklichkeit zu zergliedern. Ein kurze Pause folgte und dann brach das Wetter mit verdoppelter Wuth über uns herein; in Fetzen gingen die schweren Sturmsegel; mächtige Sturzseen kamen an Bord, das einzige Boot wurde zertrümmert davongeführt; das Fahrzeug schlingerte und stampfte in wilden Sprüngen. Wieder brauste schäumend ein ungeheurer Wasserschwall heran und begrub das kleine Schiff, es arbeitete und stöhnte wie ein gequältes Wesen, ein Ruck, ein Krachen, haltlos schnappten die schwingenden Masten rückwärts – und über Bord ging Alles in zerschmetterndem Sturze. Da lag der Schooner, todt, unlenkbar und halb unter Wasser, quer in den empörten Elementen, ein unbehülfliches Wrack. Die schweren Masten, noch im Tauwerk hängend, kamen mit dröhnenden Stößen gegen den Rumpf und verdoppelten die Gefahr unserer Lage, während von der Wetterseite See auf See hereinbrach, alle an Deck befindlichen Gegenstände lockernd, zerschlagend, hinwegwaschend. Der Schooner mußte freigemacht werden oder zu Grunde gehen. Immer wilder, immer gewaltiger raste der Sturm, erbarmungslos zerstörend, was ihm widerstand; Welle auf Welle donnerte gegen die Schanzverkleidung, das Holzwerk krachte und splitterte unter der Wucht der Schläge, endlich gab es nach und wie eine Lawine stürzte es herab, Wassermassen, Holzstücke, schwere Fässer – sie trafen auf das gegenüber und tiefer liegende Bollwerk, zertrümmerten es und nahmen Alles, Alles mit sich hinaus in die hungrige Tiefe.

Unser alter Capitain war schwer verletzt und wir schafften den Todtgeglaubten nach der Kajüte; auch hier herrschte Verwüstung und trieb uns wieder an Deck. Das Fahrzeug war von den Masttrümmern und von der schwere Deckladung befreit, es hatte sich aufgerichtet und kämpfte wacker gegen die frei darüber brechenden Wellen. Grelle Streiflichter erhellten momentan die Scene; ein neuer Schrecke erwartete uns, wir standen erstarrt, betäubt – das Verdeck war leer, die drei Männer, welche am Vordertheil gearbeitet hatten, waren verschwunden. Wir sahen nichts, wir hörten nichts von den Unglücklichen, sie waren verloren, rettungslos verloren, vergangen im Meere wie die ungewisse Welle, grablos und doch begraben für immer.

Nach einiger Zeit bemerkten wir eine Abnahme des Sturmes, auch fing er an unregelmäßig zu blasen; es wurde heller, Blitze zuckten und einzelne Regentropfen klatschten nieder. Eine furchtbare See bedrohte uns. Die Wellen kämpften in chaotischen Massen miteinander, sich überwälzend stürzte sie schäumend und brausend zusammen und wieder emporschießend in flüssigen Pyramiden schleuderten sie das Schiff umher, daß kein Mast, kein Tauwerk hätte widerstehen können. Ein fahler Dämmerschein verbreitete sich und verschwand in jähem Wechsel, schwarze Dunstmassen wirbelten und jagten entlang wie Geisterschaaren, plötzliche Windstöße brausten vorüber, gerade auf uns herabstürzend, bald da, bald dort kommend, waren sie auch schon vorbei. Die Elektricität umspielte uns wie höllisches Feuerwerk, knatternd und springend in Funken und Strahlenbündeln auf- und niederfahrend, und der Regen prasselte in Strömen herab, stetig, unerbittlich, als wollte er das Meer ertränken.

Nicht lange und der Orkan brach von neuem los, aber nun aus einer der früheren fast entgegengesetzten Richtung kommend; das Holzwerk erbebte unter seiner gewaltigen Wucht, doch erdrückte er die wilde See und riß sie mit sich fort.

Das Schlimmste war geschehen; wir mußten geduldig ausharren, machtlos in diesem Toben der Elemente konnten wir nichts zu unserer Rettung thun. Wer aber bis zuletzt für sein Leben kämpfen will, wer sich nicht gläubig den Geschicken unterwerfen kann, für den ist es grausam sich passiv verhalten zu müssen.

Der Sturm war vorübergezogen. Trübe und düster graute der Morgen, die ganze Natur erschien verstört und trauernd, kein Sonnenstrahl erquickte uns und schwere Wolkenschichten brüteten über der brausenden See. Himmel und Wasser dehnten sich um [156] uns in trostloser Oede und Einsamkeit, kein lebendes Wesen zeigte sich; wir waren in der weiten Leere ganz allein. Unser schöner Schooner war ein vollständiges Wrack geworden, schwerfällig wie ein todtes Wesen rollte er im Wasser und dann und wann leckte in der Mitte eine gierige Welle über ihn hin. Wir gingen daran Nothmasten aufzurichten und alle die nothwendigsten Arbeiten zu vollenden, um den Schooner wenigstens wieder in unsere Gewalt zu bekommen. Es begann unterdessen wieder zu blasen mit allen den Anzeichen eines langwierigen, wenn auch nicht heftigen Sturmes. Unsre Arbeit wurde rasch gefördert und am Abend hatten wir das Mögliche gethan. Das Fahrzeug hielt sich wacker, und da uns keine Gefahr mehr drohte und wir vollständig aufgebraucht waren, begaben sich die Leute zur Ruhe.

Am Steuer lehnend wachte ich in trüber Sturmnacht; der treue Hund des Capitains hatte sich schmeichelnd zu mir gesellt und war mein einziger Gefährte. Ringsumher lagerte Finsterniß, nicht einmal ein Stern glänzte vom Himmel herab; vor mir im engen Gehäuse schwankte der Compaß bei mattem Lampenschein, träumend blickte ich in die kleine Flamme. Wie ganz anders mochte es jetzt in der Heimath sein; in behaglichen festlich geschmückten Räumen standen glückliche Eltern, tummelten sich fröhliche Kinder um den grünen, strahlenden Baum, überall Lust und Freude, – es war ja Weihnachtsabend. – Und wer gedachte wohl meiner todten Cameraden? Wo auf weiter Erde schlug für sein fernes Kind ein treues Mutterherz? Vielleicht wurde eben jetzt der Name des Theuren genannt und jubelnde Schwestern und Brüder gedachten seiner, was er bringen würde von fremden schönen Ländern, wie er erzählen würde vom tiefen Meer, vom grausigen Sturm; – und der, den sie liebten, sollte niemals wiederkehren. Das Meer giebt seine Todten nicht heraus.

Das schöne Schiff, dieses stolze Gebäude des Menschen und die Wiege so vieler Hoffnungen und Wünsche, gestern noch leicht dahinsegelnd, liegt heute als hülfloses Wrack in Wind und Wellen. Der kühne Seemann, Sehnsucht im Herzen und mit frischer Zuversicht nach der Heimath eilend, findet die ewige Ruhe in dem unersättlichen Grabe des Meeres; nicht Hügel noch Stein bezeichnen die Stätte, keine fromme Rede macht sein Scheiden zum Ereigniß, – aber das Brausen des Sturmes, der Donner der Brandung, die majestätischen Wogen des Oceans singen ihm ein Sterbelied, so schaurig, so erhaben, daß Menschenwitz verstummt.
M. E. P.