Ein Jubilar des königlichen Spiels

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Textdaten
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Autor: Rudolf Gottschall
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Titel: Ein Jubilar des königlichen Spiels
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 31, S. 521–522
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Über Adolf Anderssen
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Ein Jubilar des königlichen Spiels.


Wer in den Gärten des Leipziger Schützenhauses um die Mitte des Juli auf- und abspazierte, ehe noch die bunten Lichter des Abends aus den Bosquets und von den Triumphthoren leuchteten, und ehe noch um den Drachenthurm und hinter der Alhambra die Alpen zu glühen begannen: der erblickte in den Colonnaden und in den Gartennischen zahlreiche Gruppen, die sich meist schweigend hin und her bewegten, hier oder dort zu dichteren Massen sich sammelten, einander zuflüsterten mit bedeutsamer Zeichensprache oder weiter hinaus in’s Freie traten, um ihrem Herzen in lauterer Rede Luft machen zu können.

Kein Zweifel, man hatte es mit einer Gemeinde zu thun, die einen besonderen Cultus pflegte; unverkennbar war es, daß hier ein Geist der Andacht herrschte, zugleich eine Spannung und Aufregung, wie man sie bei frommen Gemeinden findet, die ganz aparter Offenbarungen gewärtig sind.

Wer näher hinzutrat, der hörte denn auch geheimnißvolle Worte und glaubte in den Zauberkreis einer Kabbala gerathen zu sein oder zu Buchstabengläubigen in des Wortes verwegenster Bedeutung; denn Zahlen und Buchstaben schwirrten durch die Luft: e2 bis e4, c7 bis c5, h2 bis h3; so flüsterte es hier und dort, dazwischen tönten frommklingende Wendungen, und Schriftgelehrte hörten andächtig zu, griffen plötzlich zum Bleistift und verzeichneten auf langen Rollen eine Zeichenschrift, aus Buchstaben, Zahlen, Kreuzen und Strichen bestehend, die den Unkundigen so räthselhaft gemahnte, wie die Hieroglyphen Aegyptens und selbst der neuesten und schönsten Papyrusrolle, des vielgenannten „Papyros Ebers“.

Theilte sich aber hier und dort die dichtzusammengedrängte Menge, so fiel der Blick auf tiefsinnig herabgeneigte Gesichter, die in so undurchdringliches Brüten verloren schienen, wie die indischen Brahmanen, welche das bedeutsame Wort „Qiü“ aussprachen.

Der alte Fabeldichter Lichtwer würde bei diesem Anblicke an seine Verse erinnert haben:

Wenn sie nicht sehen, hören, fühlen,
Mein Gott, was thun sie denn? Sie spielen!

Und er hätte des Räthsels Lösung gefunden.

In der That, es war die Gemeinde des königlichen Spiels, des Schachspiels, die sich in Leipzig zusammengefunden hatte, um das fünfzigjährige Jubiläum des berühmten Meisters, des Professors Anderssen, festlich zu begehen. Und wie man in den verschollenen Zeiten des Ritterthums zu festlicher Feier Turniere veranstaltete, so geschah es auch hier; die unblutigen und geräuschlosen Turniere des Schachs nahmen eine Woche lang ihren Fortgang; es bedurfte keiner Heilkünstler und Heilkräuter für die Verwundeten, und dennoch fühlte Mancher innerlich eine unsanfte Erschütterung, wenn er aus dem Sattel gehoben wurde.

Sie waren aus allen deutschen Landen herbeigeströmt, die Meister und Freunde des Schachs, um sich an der Feier zu betheiligen; auch aus Wien war einer der besten Spieler erschienen; die Rheinlande hatten tüchtige Kämpen gesendet, ebenso die Hauptstadt des deutschen Reiches und das benachbarte Elbflorenz; ja, aus London war Zuckertort, von dem ältesten Club der Erde, dem St. Georg-Club, abgesandt worden, um dem Professor Anderssen das Ehrendiplom zu überreichen. Die beiden Brüder Paulsen, von denen besonders Louis Paulsen einer der ausgezeichnetsten Matchspieler ist, betheiligten sich an dem Meisterturniere; kurz, es war die Blüthe der Ritterschaft des edlen Schachs versammelt, um dem ältesten Meister zu huldigen.

Adolf Anderssen ist kein Schachspieler von Profession; er ist in staatsbürgerlicher Hinsicht Professor, Lehrer der Mathematik und deutschen Sprache am Friedrichs-Gymnasium zu Breslau.

Schon früh zeigte er ein hervorragendes Talent für das Schach; der Verfasser dieser Zeilen hat mit ihm bereits im Jahre 1844 in den Räumen der sogenannten „Nova an der grünen Baumbrücke“ manche Lanze gebrochen; schon damals galt Anderssen für ein Phänomen des Schachspiels. Es war die Zeit der jungen Berühmtheiten, eine zukunftsvolle Zeit. In dem einen Zimmer spielte man mit Anderssen Schach; in dem andern debattirte man über philosophische Fragen mit dem jungen Ferdinand Lassalle, der damals ebenfalls schon für einen ausgezeichneten Kopf galt und im Fangspiele der Begriffe eine seltene Gewandtheit besaß.

Anderssen’s Weltruhm als Schachspieler datirt von dem großen Londoner Turniere im Jahre 1851, auf welchem er nicht nur namhafte Spieler, wie Kinseritzky und Spun, besiegte, sondern auch den berühmtesten englischen Schachmeister Staunton aus dem Sattel hob. Bei dem zweiten englischen Turniere im Jahre 1862 gewann er wiederum den ersten Preis. Dagegen war er im Wettkampfe mit dem Amerikaner Morphy in Paris 1858 unterlegen und hatte gerade dadurch wesentlich dazu beigetragen, dem Rufe des nordamerikanischen Weltwunders eine glänzende Folie zu geben. Ohne jene thörichte Eitelkeit, welche einmal gewonnenen Ruhm ängstlich zu bewahren sucht, ist Anderssen, im Vertrauen auf seine Kraft, die durch einzelne Unfälle nicht geschädigt werden kann, stets von Neuem bei zahlreichen Wettkämpfen erschienen, sowie er immer bereit ist, mit Großen und Geringen zu spielen; jede falsche Vornehmheit ist ihm fremd, und zahlreich sind die Preise, die er bei kleineren Turnieren davon getragen hat. Vor dem Pariser Wettkampf war Anderssen etwas aus der Uebung; sagt er doch selbst: „Die Schachmeisterschaft läßt sich nicht gleich einem Kleinode im Glasschränkchen aufbewahren, um sie zur Nothzeit bei der Hand zu haben, sondern sie kann nur durch stete gediegene Uebung conservirt werden.“

Doch selbst in jenen Partieen mit Morphy haben die feinsten Kenner des Schachspiels bei Anderssen die Ueberlegenheit genialen Spiels, eines ungewöhnlichen Tief- und Scharfblickes anerkannt, während der Amerikaner dagegen Sieger blieb durch die nie wankende Festigkeit seiner Ueberlegungen, die seltenste Ruhe in den schwierigsten Situationen, welche nie ein offenbares Versehen macht. Von solchen Versehen, ja selbst von Fingerfehlern ist Anderssen’s Spiel nicht ganz frei gewesen, namentlich in Paris, wo die Fremdartigkeit der Umgebungen den Sinn des deutschen Gastes zerstreuen mußte. Für das praktische Spiel waren die Vorzüge Morphy’s entscheidender und warfen das ausschlaggebende Gewicht in die Wagschale von Gewinn und Verlust; für die Fortschritte des Schachspiels selbst waren auch Anderssen’s Verlustpartieen lehrreicher, wie dies erst neuerdings in einem schmeichelhaften Schreiben der große Theoretiker, Heydebrandt von der Lasa, der deutsche Gesandte in Kopenhagen, ausdrücklich, anerkannt hat.

Mancher Leser und manche Leserin wird vielleicht verwundert fragen, wie man von einem Spiel so viel Wesens machen kann, zu welchem ein einfaches Brett und eine Schachtel voll Figuren die einzigen Requisiten sind. Ja, der geheimnißvolle Türke in der Schachmaschine, der übt eine besondere Anziehungskraft aus. Freilich nur das Geheimniß der Maschinerie, das Spiel selbst erscheint dabei als gleichgültig. Die Schachmaschine ließ erst den Congreß vorübergehen, ehe sie im Leipziger Schützenhaus ihren Einzug hielt; sie betheiligte sich nicht an den Schachturnieren; die Chronik ihrer Siege wäre sonst in bedenklicher Weise durchlöchert worden.

Gewiß, es sind einfache Mittel, deren sich das Schach zur Erreichung seiner Ziele bedient; aber wie einfach sind die vier Saiten einer Violine, wie einfach ist die Claviatur eines Pianoforte und welche Welt von Tönen und Empfindungen weiß [522] die Hand des Meisters ihr zu entlocken! Wie wenige Buchstaben hat das Alphabet und welche Welt von Wörtern und Gedanken entsteht aus ihren Zusammensetzungen!

So ist es auch mit dem Schachspiel! Die Figur wird zum Zeichen herabgesetzt für die Combinationen des menschlichen Scharfsinns, der auf diesem Brette immer neue Triumphe feiert; ja, dies schlichte Holzbrett verwandelt sich in einen Zauberspiegel, der mit magischer Kraft die Bilder der geistigen Physiognomien und Eigenschaften zurückstrahlt. Da sehen wir im Spiele sich abspiegeln den dumpfen, beschränkten Sinn, der am Hergebrachten hängt und augenblicklich festen Boden verliert, wenn der Gang des Spieles eine ungewöhnliche Wendung nimmt; da sehen wir die Aengstlichkeit, welche nichts zu opfern wagt, um zu gewinnen, sondern krampfhaft ihren Schatz zu wahren sucht, gerade in solcher Weise aber ihn verliert; da sehen wir den sicheren Ueberblick und die unerschütterliche Ruhe, die alle Folgen stets erwägt; dort wieder den kühnen Angriffsmuth, der rücksichtslos vorgeht und durch Ueberraschungen zu wirken sucht; endlich die geniale Combination des Meisters, die gänzlich Unvorhergesehenes mit plötzlicher Inspiration durchführt und deren Schwung von der Schwierigkeit der Verwicklungen beflügelt wird, wie der Schwung eines echten Dichtertalentes von den Schwierigkeiten des Metrums und der geforderten Reimfolge der Strophen.

Ja, wer die großen Mittel und großen Zwecke des Krieges für einen Vergleich zwischen der Strategie der Schlachtfelder und der Schachfelder nicht mitbeachtet, sondern nur die Bedeutung der geistigen Thätigkeit, nur allein des combinirenden Scharfsinnes, auf beiden Gebieten des Kampfes, in Anschlag bringt: der muß zugeben, daß sich hier die Wage zu Gunsten des Schachspielers neigt. Ein tapferer General wirkt freilich auch noch durch die moralische Macht und steht mitten im Schlachtenfeuer; aber mit seinen Divisionen und Brigaden, mit seinen kühnsten Märschen und Flankenangriffen kann er nicht entfernt jenen Reichthum an scharfsinnigen Varianten erschöpfen, welcher sich dem genialen Feldherrnblicke des Schachspielers erschließt, wenn er seine so verschiedenartig wirkenden Kräfte in’s Feuer führt.

Es ist eine Freude, dem Spiele Anderssen’s zuzusehen: nichts von Aengstlichkeit, von vibrirender Unruhe; aber auch nichts von jener krampfhaften Anstrengung, mit welcher manche Spieler ihr Gesicht, mit Ausnahme der Augen, in ihren Händen vergraben und den Kopf auf ihre beiden Arme stützen; man sieht nur eine seine geistige Arbeit auf seinen Zügen spielen. Seine Einleitungen sind alle correct und sicher, folgen der Ueberlieferung, den jüngsten Resultaten der Forschung, halten sich aber von Improvisationen frei. In der Mitte des Spieles, wo ein reicher Schatz leichter oder schwerer zu erhaschender Möglichkeiten sich dem Spieler zu erschließen scheint, ist Anderssen’s Spiel am genialsten; wohl aber kann es hier vorkommen, daß eine überraschende und glänzende Variante, nicht bis in alle ihre Folgen durchgedacht, daß ein vielwagender Angriffszug den Meister mehr verlockt als eine ruhigere Entwickelung und daß er so, einem hervorragenden Schachspieler gegenüber, in den Nachtheil kommt. Die Schlußspiele dagegen weiß er mit unüberwindlicher Correctheit durchzuführen und oft selbst ein früheres Versehen durch die überlegene Feinheit, mit der er diese Filigranarbeit des Spieles ausführt, wieder gut zu machen.

Ein Meisterturnier, ein Hauptturnier und mehrere Nebenturniere waren zur Jubelfeier veranstaltet, sodaß Spieler von verschiedener Stärke ihr Glück versuchen und die gleich starken um den Preis kämpfen konnten. Bei dem großen Festessen im Trianonsaal des Schützenhauses wurde Anderssen ein Ehrengeschenk übergeben, bestehend in einer Ehrensäule, auf welcher oben der beschwingte Genius des Schachspiels steht, in der einen Hand den Kranz, in der andern ein Schachbret haltend, während auf dem Postament die Widmung und die Chronik der Siege eingeschrieben sind, welche der Meister davongetragen hat. Das Festessen hatte indeß noch ein glänzenderes Resultat, als sonst mit solchen epikuräischen und rhetorischen Freuden verbunden zu sein pflegt; es wurde in lebhaften Berathungen und Debatten die Gründung eines deutschen Schachbundes beschlossen, mit wechselndem Vorort und ein- oder zweijährigen Zusammenkünften. Bis jetzt bestehen gesonderte Schachbunde, ein westdeutscher, ein süddeutscher, ein mitteldeutscher: die Vereinigung aller zu einer großen Gemeinschaft, die unter dem Zeichen des Jubilars Anderssen sich vollzog, ist im Kleinen ein erfreulicher Triumph deutscher Einigkeit.

So feierten die deutschen Schachspieler in dem Meister zugleich das Spiel selbst, das dem Ernst so nahe liegt, sich aber von ihm durch seine ganz selbstgenügsam-geistige Arbeit und jene höhere Zwecklosigkeit unterscheidet, welche ja auch den Werken der schönen Kunst eigen ist.

Bei der Festtafel, welche durch manche sinnige ernste und heitere Reden gehoben wurde, und bei welcher Dr. Max Lange, mit Heydebrandt von der Lasa der größte deutsche Theoretiker des Schachs, eine hervorragende Rolle spielte, während Anderssen selbst mit gewohnter Bescheidenheit die Huldigungen der Schachgenossen entgegennahm, leitete der Unterzeichnete als Vorsitzender die Ueberreichung der Ehrensäule zur Feier des Jubilars mit einigen Versen ein, die bereits durch Leipziger Blätter bekannt geworden sind.

Rudolf Gottschall.