Ein Klassiker der Gegenwart

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Titel: Ein Klassiker der Gegenwart
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aus: Die Gartenlaube, Heft 32, S. 532–536
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1876
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Ein Classiker der Gegenwart.


Auf den deutschen Bühnen haben sich seit dreißig Jahren wenige Dramen so eingebürgert wie „Zopf und Schwert“, „Das Urbild des Tartüffe“, „Uriel Acosta“ und „Der Königslieutenant“; auch „Werner oder Herz und Welt“ und „Ein weißes Blatt“ üben fort und fort eine seltene Anziehungskraft. Der Dichter, der es so meisterhaft verstanden, die Sympathie unseres Volkes dauernd zu gewinnen, ist zwar den Lesern der „Gartenlaube“ im Jahre 1854 schon einmal vorgeführt worden. Indeß hat sich seitdem der Kreis der Leser dieses Blattes so sehr erweitert, daß eine abermalige Vorstellung dieses Helden der alten Garde, dieses „Ritters vom Geiste“, der vom Zahn der Zeit zwar berührt, aber in seinem Wesen nicht verändert worden ist, berechtigt und willkommen erscheinen muß.

Die Bedeutung Gutzkow’s in der deutschen Literatur und für das deutsche Volk ist durch den politischen Aufschwung unserer Nation nur gestiegen. In seinen zahlreichen Schriften hat er eine Vielseitigkeit des Wissens in der schönsten und anregendsten Form niedergelegt, wie kaum ein anderer unserer neueren Schriftsteller. Ueber Natur und Geschichte, Wissenschaft und Kunst, Volksleben und Politik, Philosophie und Religion, die kirchlichen und politischen Parteifragen, die Entwickelung der einheimischen und ausländischen Literatur, die hervorragenden Persönlichkeiten und die maßgebenden Einflüsse, kurz, über Alles, was unser höheres Leben in der Gegenwart bedingt und hebt, findet sich bei Gutzkow die reichste Fülle von Aufschlüssen. Er ist einer der vorzüglichsten Rathgeber für Alle, die den Pulsschlag unserer Zeit zu vernehmen wünschen und für einen gesunden Blutumlauf im Organismus unseres Volkes zu sorgen bemüht sind.[1]

Gutzkow hat sich vorzüglich an den Altmeister Goethe angeschlossen. Er suchte für unsere Zeit das zu werden, was

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Die Gartenlaube (1876) b 533.jpg

Karl Gutzkow.
Nach einer Photographie auf Holz gezeichnet von Adolf Neumann.

Goethe für die seinige war. Wie dieser hat er es verschmäht, Modethorheiten und Manierirtheiten zu huldigen, um desto klarer in dem Gange der Zeitereignisse die Offenbarung eines höheren Gesetzes nachzuweisen. Die Wirklichkeit der Dinge und des Lebens hat er stets mit scharf prüfendem Blicke erforscht, aber darin Ideen aufzudecken gewußt, die dem Denkenden eine Welt voll geistiger Genüsse aufschließen. Der Materie gesteht er ihre volle Berechtigung zu, nur nicht die Herrschaft über den Geist. Den Kampf der Gegensätze, welcher unser wissenschaftliches, religiöses und politisches Leben durchzieht, in einer aufrichtigen Verständigung zu lösen und die sittliche Thatkraft durch Klärung des Bewußtseins zu heben, ist eine Haupttendenz, die ihn zu einem würdigen Nachfolger Goethe’s erhebt. Er suchte Lebensadern, Culturzwecke. [534] Gutzkow ist ein Meister des Stiles. Leichtigkeit, Verständlichkeit und edle Gewandung weiß er mit einem Gedankenreichthume zu verbinden, der die Lectüre seiner Schriften ebenso anziehend wie bildend macht. Vorzüglich zeichnen sich seine Dramen durch classische Form der Darstellung aus. Da, wo es ihm galt, nicht blos für ein lesendes, sondern auch für ein hörendes Publicum zu schreiben, hat er einen Rhythmus, einen Wohlklang, eine Geschmeidigkeit in der Sprache entwickelt, daß das Ohr nicht geringeren Genuß davon hat, als der Geist und das Gemüth. Daher eignen sich Gutzkow’s Dramen ganz vorzüglich zum Vorlesen im Kreise der Familie.

Was aber Gutzkow noch mehr als seine Vielseitigkeit, seine Geistesrichtung und sein Stil zu einem deutschen Classiker der Gegenwart erhebt, ist sein sittlicher Charakter; denn erst durch diesen erhalten jene Vorzüge ihren vollen Werth.

Gutzkow hat ein an bitteren Erfahrungen sehr reiches Leben hinter sich. Er gehört zu den geprüftesten, aber auch bewährtesten Schriftstellern unserer Zeit. Wer es nicht glaubt, daß auch unsere Civilisation ihre besten Kinder kreuzige, der vergegenwärtige sich Gutzkow’s Lebensgang! Er selbst hat uns die anziehendsten und lehrreichsten Mittheilungen gemacht, sowohl über die Bildung seines Talents, die ihm im elterlichen Hause und den Schulen Berlins zu Theil wurde, wie über die ununterbrochene Reihe von Kämpfen, Fatalitäten und Sorgen welche ihm seine schriftstellerische Laufbahn bereitete. Der Theil des Weltstromes, der ihn auf seinem Rücken getragen, war voller Felsblöcke und Katarakten, sodaß er bald unsanft niedergeworfen, bald bis zum Ertrinken untergetaucht wurde.

Unter seinem Zeitgenossen hat ihm geistig keiner näher gestanden als Ludwig Börne. Persönlich hat er ihn nicht gekannt, aber seine Sympathie für ihn war so innig, daß er, als Heine sich erlaubt hatte, diesen edlen Charakter, den er gar nicht zu würdigen verstand, in den Staub zu treten, zu seiner Rettung mit einer Biographie auf den Kampfplatz trat, in welcher er zugleich den Unmuth seines eigenen Herzens über die Mißgunst, mit der jeder selbstständige Charakter zu kämpfen habe, ausschüttete.

Unsere Civilisation hat die menschlichen Verhältnisse so nivellirt, daß es für die Meisten weder besonderer Begabung noch größerer Kraftanstrengung bedarf, um zu Würden und Ehren zu gelangen und, wie man sagt, sein Glück zu machen. Gutzkow und Börne haben die Behaglichkeit, mit der die meisten Glückskinder auf ihren Lebenslauf zurückblicken, öfters in das grelle Licht ihrer geistvollen Ironie gestellt. „Nichts leichter,“ sagt der Erstere, „als von achtbaren Eltern geboren werden, einen guten Schulunterricht genießen, mit guten Zeugnissen die Hochschule beziehen, mit Anmaßung sie verlassen, im schwarzen Frack die Runde bei den Staatsmännern machen, die ein Amt zu vergeben haben, es glücklich erhalten, den Eid der Treue schwören, wirklich treu sein, treu dem Fürsten, treu den Grundsätzen unserer Vorgesetzten, treu dem Geiste, in welchem der Gehalt vierteljährlich aus der Staatscasse ausgezahlt wird, fünfzig Jahre in diesem Geiste verharren, steigen bis zum wirklichen Geheimen Rath und mit Orden bedeckt, von Kindern und Enkeln umringt, ein ehrlich erworbenes kleines Vermögen hinterlassend, endlich das Zeitliche segnen. Daß unsere Civilisation die große Masse unserer Zeitgenossen dahin gebracht hat, einen solchen Lebenslauf für den weisesten und glücklichsten zu halten, sollte doch die Denkenden zu der Einsicht bringen, daß in ihr nicht alles Bildung ist, was sich so nennt.

Wenn kein Genius unter uns mehr aufkommen könnte, der, auf den behaglichen Genuß der conventionellen Würden und Ehren verzichtend, seinen eigenen Weg geht, der es wagt, die Kehrseite dieser Zustände aufzudecken und die Geister zur Selbstbesinnung aufzurütteln, was könnte dann anders eintreten, als eine Stagnation, die die Lebenswurzeln in Fäulniß versetzt! Wahrhaftig menschlich leben heißt noch mehr als guter Vater, glücklicher Gatte, treuer Staatsdiener sein. Menschlich leben heißt ein Engel sein, der vom Himmel kommt, sich in die Welt verfliegt, irrend, nicht wissend, wo er ein Thor findet, um in seine Heimath zurückzukehren. Es heißt vor Allem unglücklich sein, verkannt werden, in seinem heiligsten Glauben mißverstanden, in seinen Hoffnungen von einer schadenfrohen Wirklichkeit verspottet werden, geäfft vom Echo unserer Ohnmacht, wenn wir stolze und erhabene Wünsche mit donnernder Stimme in die Welt hinausgerufen haben, betrogen vom Nächsten und Entferntesten, verfolgt vom Feinde, und noch mehr, sogar belächelt und bemitleidet vom Freunde, der uns nicht versteht.“

Das ist der Charakter von Gutzkow’s Lebenslauf. Er hat sich nicht mit zusammengedrückten Schultern, gebogenem Rücken, gesenktem Kopfe durch alles hindurch gezwängt, was das Leben an guter Ordnung, friedlicher Sicherheit und Netto-Ertrag darbietet, sondern er hat gerade die Widersprüche unseres Daseins aufgesucht, um sie zu versöhnen, und ist dadurch oft zwischen die Räder einer Bewegung gekommen, die er zum Wohle des Ganzen hemmen wollte.

Die große, edle, preiswürdige Aufgabe, welche sich Gutzkow gestellt und mit charaktervollster Ausdauer durch seine Dichtungen, Kritiken, historischen Schriften und seine gesammte Wirksamkeit zu verwirklichen gestrebt hat, ist die Verbreitung wahrer Bildung, wahrer Humanität. Seinen Beruf zur Lösung dieser ebenso schwierigen wie großen Aufgabe erkennen wir aus dem Begriffe, mit dem er das Wesen der Bildung beschreibt. Sie ist ihm weder ein Wissen noch ein Können, sondern der Glanz einer höheren Weihe, die den ganzen Menschen umgiebt. „Bildung heißt, sich zu jedem Menschen so stellen, daß das Aneinanderklingen seines und unseres Wesens Wohllaut giebt.“ Bildung ist nicht möglich ohne Sinn für Poesie. Ein Volk, das seine Dichter nicht mehr achtet, weil es sie und das Wesen der Dichtkunst nicht mehr versteht, hört nothwendig auf, ein gebildetes zu sein. Seine Civilisation ist ein eitler Schein. Denn die Poesie ist es, welche die Harmonie in’s Leben bringt, welche die Gegensätze versöhnt und die Materie den Wirkungen des Geistes zugänglich macht.

Es geschieht daher weniger um Gutzkow’s, als um unsertwillen, wenn wir den Werth dieses Mannes schildern.

„Es soll der Dichter mit dem Könige gehen, denn Beide wohnen auf der Menschheit Höhen.“ An Gutzkow wird sich der erste Theil dieses Spruches nicht wie an Schiller und Goethe erfüllen, denn er hat nie die Gunst der Mächtigen gesucht und hat zu einem Hofmanne keine Anlage. Aber ein treuer Freund seines Vaterlandes, ein weiser Berather seines Volkes, ein tiefer Kenner der deutschen Geschichte, ein geniales Werkzeug des deutschen Geistes, ein ausgezeichneter Bildner deutscher Gesinnung ist er von Anfang an gewesen und wird es bis an sein Ende bleiben. Die landläufige Phrase, daß die Geistlichkeit die sicherste Stütze der Throne sei, hat sich gerade in den letzten Jahren wieder so sehr in ihrer Hohlheit gezeigt, daß der abermals bemerklich werdende Zug dieser schwarzen Vögel nach weltlicher Macht und staatlichem Einfluß die Staatslenker zur größten Wachsamkeit ermahnt. Fest stehen die Throne nur, wenn das Vertrauen und die Liebe der Völker sie trägt. Vertrauen und Liebe lassen sich aber nicht erzwingen durch kirchliche Disciplin, sondern nur erwecken durch den Geist der Wahrheit und Gerechtigkeit, der Fürsten und Völker durchdringt. Wer aber bringt diese in die Staaten? Es sind die Dichter, die, im Volke stehend, des Volkes heiligste Sehnsucht zu deuten und dem Volke ein lebendiges Bewußtsein von sich selbst zu geben wissen. Je größer der Einfluß der nationalen Dichtkunst auf des Volkes Bildung und geistiges Leben ist, desto fester stehen auch seine gesetzlichen Ordnungen; je unabhängiger von den wechselnden Strömungen der Dienst der Musen geübt wird, desto sicherer bewahrt der gemeinsame Lebensstrom sein ihm angewiesenes Bett. Nichts schützt den Geist des Volkes mehr vor den Ausschreitungen der Parteileidenschaft, als die Liebe zur Poesie, und lieben läßt sich nur die Poesie, die aus der Freiheit geboren ist und weder um die Gunst der Fürsten noch der Massen buhlt. Eine solche ist zugleich in ihrem innersten Wesen immer religiös, selbst wenn sie von kirchlichen Formen noch so wenig an sich trägt, und darum der Friedensengel, der Staat, Kirche und Gesellschaft in lebensfroher Harmonie erhält.

In seinen Dramen und Romanen hat uns Gutzkow solche Poesie in reicher, schöner Fülle gegeben.

Der edelste Patriotismus redet in Gutzkow’s Werken, ein Patriotismus, der nur das Gesammtwohl des Vaterlandes im Auge hat und keinerlei Partei-Egoismus huldigt. Auch seine prosaischen Schriften wirken in diesem Geiste, vor Allem sein großer classischer Roman „Die Ritter vom Geiste“. Patriotischer [535] kann diese so beliebte Dichtungsform nicht verwendet werden, als es hier geschehen, um dem durch die Mißerfolge von 1848 und 1849 so tief gesunkenen Selbstvertrauen des deutschen Volkes neuen Aufschwung zu geben. Gutzkow rollt in dem „Nebeneinander“ dieses Romans ein Bild vor dem deutschen Volke auf, welches, wo es mit Ernst betrachtet wird, in dem stillen Kreise der Familien die Hoffnung auf endliches Gelingen der nationalen Wünsche und Bestrebungen nicht untergehen lassen kann.

Daß zur dauernden Herstellung der Freiheit, wie sie unser deutsches Volk zur Erfüllung seiner politischen und culturgeschichtlichen Mission bedarf, auch die Befreiung seines religiösen Denkens und Lebens von aller Menschenknechtschaft, einheimischer wie ausländischer, unentbehrlich ist, ist eine Grundüberzeugung, die seit Lessing kein deutscher Dichter gewaltiger und eindringlicher verkündigt hat als Gutzkow. Obschon er dem amtlichen Kirchendienste entsagen mußte, weil es ihm unmöglich war, das Licht seines Genius unter den Scheffel kirchlicher Satzungen zu stellen, ist ihm doch die religiöse Bildung des deutschen Volkes nie gleichgültig gewesen. Er hat unablässig mit gekämpft, aber auch mit geduldet, um den deutschen Geist von einer Bevormundung zu befreien, die ihm schon so viel Verderben gebracht hat. Die Vielseitigkeit seiner Bildung, die reiche Lebenserfahrung, die tiefe Menschenkenntniß und die mannigfachen Drangsalirungen, mit welchen ihn die orthodox-pietistische Reactionspartei bedacht hat, haben dichterische Schöpfungen in ihm zur Reife gebracht, welche in unserer Literatur einzig dastehen.

In den „Denksprüchen vom Baum der Erkenntniß“ hat Gutzkow seinen religiösen Standpunkt klargelegt. Es ist in Betreff des Streites zwischen Wissenschaft und Glauben der Standpunkt aufrichtigster Versöhnung. Zwischen wahrem Glauben und wahrer Wissenschaft kennt Gutzkow keinen principiellen Widerspruch. Die Naturwissenschaft kann die Religion nicht zerstören, da die Natur selbst göttlich ist. Es bedarf nur des Eindringens in ihr Heiligthum. Die Ursache des Kampfes zwischen Wissenschaft und Glauben liegt vorzüglich in dem Hochmuth der „Gläubigen“. Deshalb giebt Gutzkow die goldene Regel: „Suche dich auszuzeichnen und hervorzutreten mit allen Regungen und Schwingungen deiner Seele, nicht nur mit denen, die dich gen Himmel tragen sollen!“

Es giebt in der gesammten Literatur kein Drama, welches so geistvoll, so erheiternd und zugleich mit solcher durchschlagenden Schärfe dem Publicum die sittliche Verwerflichkeit und politische Gefährlichkeit des politisirenden Pietismus vor die Augen stellte, wie das im Sommer 1844 geschriebene Lustspiel: „Das Urbild des Tartüffe“. Die Zustände, welche damals in Deutschland und Oesterreich sich unter dem Einfluß des Pietismus und Jesuitismus zur Reife entwickelten, der Druck, den sie auf Wissenschaft, Kunst und das gesammte Volksleben übten, riefen den Dichter auf den Kampfplatz, und obschon mannigfach chicanirt, hat er doch gewaltige Triumphe damit errungen. Wem sollten auch nicht die Augen aufgehen über den unsittlichen Charakter einer auf Schleichwegen die Herrschaft in Staat und Kirche suchenden Frömmigkeit, wenn er den Präsidenten La Roquette, die so meisterhaft durchgeführte Titelrolle, seinen solchen Einflüssen so leicht zugänglichen König Ludwig den Vierzehnten von allen Seiten bearbeiten sieht, bis er hoffen kann, die Freiheit der Dichtkunst vernichten zu dürfen? Am Schluß des Stückes sagt König Ludwig der Vierzehnte: „La Roquette, das also sind die Frommen, die Frankreich und mich beherrschen wollten? Sie, das Urbild des Tartüffe, suchen Sie nie wieder die Nähe eines Fürsten auf, der für immer vom Ruder des Staates den Heuchler verbannt“, und wenn der Vorhang fällt, ruft der entlarvte, gestürzte, aber nicht gebesserte Heuchler aus: „Verjagen kann man uns wie die Wölfe, aber wie die Füchse kommen wir wieder. … Ich trete in den Orden der Jesuiten.“ Welcher Deutsche sollte sich angesichts solchen Intriguenspiels des Pietismus nicht zu dem Entschlusse erheben, demselben mit allen gesetzlichen und moralischen Mitteln entgegenzuwirken?

Zwei Jahre später folgte das Trauerspiel „Uriel Acosta“. Es wurde 1846 bei einem Frühlingsaufenthalte in Paris gedichtet. An einem Beispiele aus der Synagoge zeigt es den christlichen Völkern, daß nur unter dem Sonnenscheine der freien Wissenschaft und am frischen Quell persönlicher Ueberzeugung wahre Sittlichkeit und echte Menschenbildung gedeihe, während jedes hierarchische System sowohl das Glück der Einzelnen wie der Familien und Gemeinden zerstöre. Das Stück wurde schnell verbreitet und bald in die meisten Sprachen Europas übersetzt. Es erwies sich als ein Witterungsbarometer für die öffentlichen Zustände. Nahm die kirchliche Reaction zu, so mußten die Bühnen ihm verschlossen werden; trat ein Systemwechsel ein, so durfte man „Uriel Acosta“ wieder aufführen. Das österreichische Concordat hatte ihm lange das Wiener Burgtheater verschlossen, während die Theater in den Provinzen sich es nicht nehmen ließen. Es ist ein Zugstück von der ergreifendsten Wirkung. Es hat Scenen, die kein Herz ungerührt oder unerschüttert lassen. Wenn man auch dem Helden des Stückes einen andern Ausgang wünschen möchte als den durch Selbstmord, so ist doch der Eindruck, welchen diese Darstellung orthodoxer Gewissenstyrannei hinterläßt, so überwältigend, daß es wohl begreiflich ist, warum christliche Hierarchen das Stück für gefährlich erklären.

Aber Gutzkow hat es bei solchen Gemüthserschütterungen, wie sie die Bühne hervorzubringen vermag, nicht bewenden lassen, um dem Geiste der Wahrheit und der Freiheit Bahn zu brechen. Durch die detaillirten Lebensschilderungen, welche er in seinen größeren Romanen mit ebenso großer Treue wie Kunst dem deutschen Publicum zu stillerer Betrachtung vorlegte, suchte er zu einem immer ernsteren Nachdenken nicht blos über die politischen und socialen, sondern auch über die religiösen Aufgaben unseres Volkes anzuregen, und nicht blos negativ und oppositionell gegen das kirchlich-politische Reactionssystem zu wirken, sondern vielmehr zu einer positiven Erneuerung des religiösen und kirchlichen Lebens aufzurufen. Wenn auch Romane nie ausreichen werden, diese große Aufgabe zu lösen, so kann es doch keine preiswürdigere Verwendung dieser so viel nur zum werthlosesten Zeitvertreibe mißbrauchten Dichtungsform geben, als wenn solche ideale Zwecke mit ihr verbunden werden. Der Kunst wird überhaupt kein Eintrag gethan wenn sie idealen Zwecken dient; die Dichtkunst aber sinkt ohne sie zur Unnatur herab.

Schon in den „Rittern vom Geist“ hat Gutzkow auf die Nothwendigkeit der Vereinfachung und Verinnerlichung der Religion hingewiesen. Noch ausführlicher und eindringlicher hat er dieses gethan in dem „Zauberer von Rom“, der im Jahre 1858 jenem mit außerordentlichem Beifalle aufgenommenen Romane nachfolgte. Sicher würde der uns nun seit einigen Jahren in fortwährender Aufregung erhaltende sogenannte Culturkampf zum Siege der wahren Cultur ausschlagen, wenn die große Idee von einer brüderlichen Vereinigung der Protestanten und Katholiken innerhalb des deutschen Reiches in den Gemüthern Raum gewänne und wenn die christlichen Priester zu der Einsicht kämen, daß ohne innere Religiosität und aufrichtige Ueberzeugung von der christlichen Wahrheit eine segensreiche Wirksamkeit für die Kirche unmöglich ist.

Auch die andern Romane, der Erziehungsroman „Die Söhne Pestalozzi’s“ und die culturgeschichtlichen Romane „Hohenschwangau“ und „Fritz Ellrodt“ haben durch die historische Grundlage, auf der sie ruhen, einen reichen Bildungsstoff für den Geist.

Durch die „Schiller-Stiftung“, welche vorzüglich Gutzkow in’s Leben gerufen, hat er sich ein bleibendes Verdienst um alle deutschen Schriftsteller erworben, die würdig sind, in ihren alten Tagen in ein nationales Prytaneum aufgenommen zu werden. Auch Gutzkow zählt zu ihren Pensionären. Die mäßige Unterstützung, welche diese Stiftung darreicht, würde ihn jedoch den drückenden Sorgen nicht überheben, wenn nicht das literarische Eigenthumsgesetz des Reichstages und die hochherzige rückwirkende Deutung, die demselben einige Bühnenvorstände gegeben haben, mitwirkten, daß seine verdienstvollen Arbeiten ihm auch fort und fort ihre Früchte tragen.

„Dem Verdienste seine Kronen!“ Möge dieser Wunsch Schiller’s auch an dem Schöpfer der Schiller-Stiftung in vollem Maße in Erfüllung gehen!


[536] „Mit den dramatischen Charaden begannen wir unsere langen Winterabende zu tödten,“ fuhr George Sand in ihrer Erzählung fort. „Dann kamen die Pantomimen, die Chopin bei uns einführte. Er improvisirte am Piano, während unsere jungen Leute auf der Bühne seine Inspirationen in Mimik umsetzten und komische Ballete dazu tanzten. Jetzt agiren unsere Marionetten, die mein Sohn zeichnet, malt und spielen läßt, während ich und meine Tochter für die Costüms sorgen.“

Maurice Sand ist ein talentvoller Maler, der sich auch als Schriftsteller einen guten Namen gemacht hat. Er schrieb mehrere Romane, einige naturwissenschaftliche Werke und ein sehr dankenswerthes Buch über die Commedia dell’ arte, das er selbst reizend illustrirte. Sein Atelier befindet sich im Schlosse neben demjenigen seines Schwagers Clesinger, der ein geschätzter Bildhauer ist.

„Mein Maurice,“ sagte mir George Sand, „gleicht ganz seiner Mutter. Er hat ein heftiges und empfindliches Herz, das immer in Flammen stehen muß, wenn es nicht zu Grunde gehen soll. Er theilt auch meine Theaterliebhaberei. In Paris besaß ich noch vor Kurzem ein Absteigequartier, wo ich oft wochenlang blieb. Jeden Abend besuchten wir irgend eine Schaustellung, doch zog ich immer die naivsten Stücke, die Pantomimen, die Feerien dem gediegensten Drama vor. Nicht selten besuchte ich die Folies-Bergère.“

Ich machte ein erstauntes Gesicht bei Nennung dieser zweideutigen Singspielhalle; sie bemerkte es, aber fuhr unbekümmert fort:

„In einer Loge wohl versteckt und hinter einem Vorhange, der mich den Blicken der Zuschauer ganz entzog, unterhielt ich mich köstlich an jenen Tänzen und Spielen, wo volksthümliche Komik herrscht und Maulschellen und Fußtritte für den Knalleffect sorgen. Gott hat mir eben die Wohlthat kindlicher Freude gelassen: ich bewundere, lache, wundere mich und lebe das Leben Anderer mit, wie die Kinder es zu thun pflegen. Das Wort Langeweile existirt nicht für mich.“

Uebrigens mangelte der berühmten Frau, trotz dieser ausgesprochenen Vorliebe, jedes intensivere Talent für das Theater, obschon sie eine große Anzahl von Stücken geschrieben und mit zwei oder drei davon nachhaltige Erfolge errungen hat. Ihr Talent war für die Novelle so viel, für das Drama so wenig wie möglich geeignet. Getreu ihrem Vorbilde Rousseau, diesem Apostel des Gefühls, glänzte sie durch ihr beschreibendes Kunstvermögen, aber das Theater verlangt Handlung und Charakter und weiß mit der bloßen Inscenesetzung von Gefühlen blutwenig auszurichten. Dazu kommt noch, daß die Mehrzahl ihrer Schauspiele dramatisirte oder besser gesagt: dialogisirte Romane oder Novellen sind und ihren Ursprung nur zu sehr verrathen.

„Weil ich mein Lebtag herzlich wenig von der Dramenmache begriffen habe,“ gestand sie mir, „so verband ich mich bei der Theatralisirung meiner Schriften nicht ungern mit einem Mitarbeiter. Paul Maurice z. B. hat einige Stücke mit mir unterzeichnet. Weniger bekannt dürfte sein, daß Alexander Dumas Fils mir bei meinem erfolgreichsten Stück, dem ‚Marquis de Villemar‘, geholfen hat. Ohne seine Mitarbeiterschaft wäre mir der Wurf wohl schwerlich gelungen. Energie im Führen der Handlung und Schlagfertigkeit im Dialag, die sich in diesem Stücke finden, sind nicht meine Tugenden.“

Welche übergewaltige Anziehungskraft muß das Theater auf den modernen Schriftsteller ausüben, wenn sogar ein solches Talent, das sich über seine Grenzen keiner Täuschung hingiebt und auf anderem Gebiete die größten literarischen Erfolge der Neuzeit errungen hat, sich doch immer und immer wieder der verlockenden Bretterwelt zuwendet! George Sand machte mir das Geständniß, daß sie zur Zeit außer an angefangenen Romanen an zwei großen Dramen arbeite. Dies Alles ist unvollendet geblieben, weil ihr der Tod die Feder aus der Hand nahm.

Als wir unter solchen Gesprächen durch den Park gingen und den Küchengarten streiften, zeigte sie mir einem kleinen mit Tannen bewachsenen Hügel, deren Aeste bis über die Gartenmauer hinausreichen und ein Familiengrab beschatten. Es ist der Gemeindekirchhof, und die Eltern und zwei Enkelinnen der Dichterin ruhen dort.

„Dort drüben werde auch ich einmal schlafen,“ sagte sie mir. „Vielleicht bald; vielleicht läßt mich der Himmel noch ein wenig den Meinigen, denen ich nützlich sein kann. Auch möchte ich vorher noch so Vieles vollenden. Nicht daß ich so thöricht wäre, mich vor dem Tode zu fürchten, aber ich bin trotz meines hohen Alters frisch und rüstig genug, um noch ein Weilchen bei meiner Familie, meinen Dorfgenossen, meinen Blumen und meinen Vögeln zu bleiben.“

Arme George Sand!

Ja, die arbeitsame Frau, die erst im Tode ausruhen sollte, und doch Zeit und Stimmung fand, mit Blumen und Vögeln wie ein Kind zu spielen, schied ungern von dieser Welt, wo sie so viel Liebes zurückließ. Schon die Vögel! Durch ihre Mutter Enkelin eines Vogelhändlers, bestand ein geheimer Zauber zwischen ihr und der gefiederten Welt. Wie Goethe’s Lili oder die Heldin in ihrem „Teverino“, besaß sie die magische Kraft, die kleinen Sänger anzulocken und zu sich zu rufen; dann kamen sie von allen Seiten herbei und setzten sich vertraulich auf ihren Kopf, ihre Schultern oder ihre ausgestreckte Hand. Sie selbst hat es in der „Geschichte meines Lebens“ erzählt; man lese dort nur über Jonquille und Agathe, ihre angebeteten Hänflinge! –

Der Abend vereinigte die bleibenden und vorübergehenden Bewohner des Schlosses von Nohant, wie gewöhnlich, beim Diner. Eine Viertelstunde genügte der Poetin zur Toilette, welche einfach und dunkel, aber immer sorgfältig war. Dann begab sich die Gesellschaft in den Salon, der so echt bürgerlich aussieht. Einige Portraits großer Zeitgenossen zieren die Wände. Stühle, Tischchen und Fauleuils überall; ein Flügel und ein Pianino, worüber eine Pendüle aus der Rococo-Zeit; gegenüber das Kamin mit riesenhaftem Schirm davor und Lampen und Vasen auf dem Bord. Das sah Alles so gemüthlich, so heimlich aus. Nun gruppirte sich die Gesellschaft um den großen Tisch; George Sand und ihre Tochter und Schwiegertochter strickten, stickten und nähten, und während die Unterhaltung sich bald mit größerer, bald mit geringerer Lebhaftigkeit über alle möglichen Gegenstände verbreitete, nahmen die Damen des Hauses lebhaften Antheil an dem Salongeplauder. Sogar George Sand ergriff mehrmals das Wort, obwohl sie mehr zum Sprechen aufmunterte, als selber sprach. Ihre Einwürfe waren meist kurz, fast epigrammatisch klar und scharf und trafen immer den Kern der Sache; oft schlug sie auch eine helle Lache auf, wenn die Herren zu eifrig, zu heftig wurden. Ja, als – natürlich wegen der leidigen Politik – ihr Sohn und ein junger Pariser Journalist in Hitze geriethen und die Stimmen in aufregender Weise erhoben, da setzte sie sich unvermerkt an das Clavier und brachte mit dem kräftig angeschlagenen Tannhäuser-Marsch die streitenden Parteien zum Schweigen. O, süßer Zauber der Musik!

Wer die Stellen über die Tonkunst in der unter Chopin’s Einfluß geschriebenen „Consuelo“ kennt, weiß wohl, welch’ tiefes Verständniß George Sand in musikalischen Dingen besaß. So wenig Sympathie sie als echte Französin im ihren letzten sechs Lebensjahren für Deutschland und alles Deutsche empfand – wie sie denn auch in ihrem hyperpatriotischen Tagebuch aus der Kriegszeit von 1870/71 das Ihrige zur Verbreitung der Pendulenfabel beigetragen hat – so war sie doch immer so geschmackvoll, das neutrale Gebiet der Kunst von nationalen Voreingenommenheiten rein zu halten. Neben Chopin, mit dem sie einst innige Herzensbande verknüpft, waren es namentlich die Meister der deutschen Musik, für welche sie leidenschaftlich schwärmte. Am liebsten phantasirte sie über Mozart, Beethoven, Schumann, Mendelssohn, gönnte aber auch den Zukunftsmusikern das Wort.

„Ich liebe die unmittelbare Musik,“ sagt sie, „jene, die plötzlich wie ein uferloser Strom mit unbezwinglicher Naturgewalt aus der Seele quillt, die ganz Gefühl, Phantasie, Conception ist, die wilde Musik, wenn ich sie so nennen darf, weil sie keine Convention kennt und doch Harmonie und Wohllaut

  1. Ihrem Inhalte nach lassen sich Gutzkow’s Schriften in folgende Etappen eintheilen:
    1) Autobiographisches: „Aus der Knabenzeit“, „Die schöneren Stunden“, „Lebensbilder“, „Rückblicke auf mein Leben“.
    2) Zeitgeschichtliches: „Öffentliche Charaktere“, „Säcularbilder“, „Zur Geschichte unserer Zeit“ etc.
    3) Literaturgeschichtliches: „Goethe im Wendepunkte zweier Jahrhunderte“, „Börne’s Leben“, eine große Anzahl maßgebender Kritiken, „Vermischte Schriften“, „Die kleine Narrenwelt“.
    4) Satirisches zur Geißelung geistiger Verirrungen und pathologischer Zustände unserer Zeit: „Maha Guru“, „Blasedow und seine Söhne“, „Die literarischen Elfen“ etc.
    5) Novellistisches: „Das Johannisfeuer“, „Der Wärwolf“, „Eine Phantasieliebe“, „Seraphine“, „Die Wellenbraut“, „Die Selbsttaufe“ und Alles, was im zweiten, dritten und vierten Bande der neuen Ausgabe der „Gesammelten Schriften“ steht.
    6) Reiseeindrücke: „Paris und Frankreich in den Jahren 1834 bis 1874“, „Aus Deutschland, der Schweiz, Holland und Italien 1832 bis 1873“.
    7) Größere Romane: „Die Ritter vom Geiste“, „Der Zauberer von Rom“, „Die Söhne Pestalozzi’s“, „Hohenschwangau“, „Fritz Ellrodt“.
    8) Zwanzig Dramen, darunter sieben Tragödien: „Uriel Acosta“, „Patkul“, „Philipp und Perez“, „.Pugatschew“, „Richard Savage“, „Wullenweber“, „Lisli“; sieben Lustspiele: „Das Urbild des Tartüffe“, „Zopf und Schwert“, „Der Königslieutenant“, „Fremdes Glück“, „Lenz und Söhne“, „Die Schule der Reichen“, „Lorbeer und Myrthe“; fünf Schauspiele: „Ella Rose“, „Ein weißes Blatt“, „Werner oder Herz und Welt“, „Ottfried“, „Der dreizehnte November“; ein tragikomisches Schauspiel: „Nero“.
    9) Dramaturgisches: „Ueber Theaterschulen“, und eine reiche Anzahl gelegentlicher Erörterungen über die Bühne.
    10) Philosophisches: „Philosophie der That und des Ereignisses“, „Denksprüche vom Baume der Erkenntniß“.
    11) Lyrisches, meist Ergüsse augenblicklicher Stimmungen.
    12) Epigrammatisches, noch bis in die neueste Zeit fortgehend in der „Deutschen Dichterhalle“.