Ein Kuß von Weib und Kind

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Textdaten
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Autor: J. Hg.
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Titel: Ein Kuß von Weib und Kind
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 34, S. 536
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1866
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Blätter und Blüthen
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[536] Der Kuß von Weib und Kind. Der preußische Husarenlieutenant v. T. war von Eisenach aus mit einer Patrouille nach dem Werrathal zur Recognoscirung gesandt. v. T. war erst kurz vor Ausbruch des Krieges in preußische Dienste getreten; vorher gehörte er dem Contingent des Herzogs von Meiningen an. Seine ihm vor Jahresfrist angetraute junge Frau stammte aus Meiningen und befand sich jetzt während des Krieges bei ihrer dort lebenden Mutter, also im Heimathland. Der junge Krieger hatte längere Zeit keine Nachricht von ihr erhalten können, da der Verkehr mit dem Herzogthum Meiningen abgeschlossen war. Und doch war sein Herz voll Sehnsucht nach einer Kunde von ihr, denn er wußte, daß „ihre Zeit gekommen war“. Es war schon Abend geworden, als er mit seiner Patrouille von sechszehn Mann über Salzungen hinaus stand. Sechs Stunden davon lag Meiningen. Die vorübergleitenden Wogen der Werra brachten ihm Grüße von dort, aber keine Kunde über das süßeste Geheimniß seiner Ehe. In Meiningen standen baierische Truppen; seine Pflicht verbot ihm, die ihm anvertraute Schaar in solche Gefahr zu führen, aber sein Vaterherz drängte ihn unaufhaltsam vorwärts. Seine Jugend reizte das Abenteuerliche und bestimmte seinen Entschluß. In raschem Trabe jagte er mit der willig folgenden Schaar thalaufwärts, immer dem Strome entlang, hinein in die sinkende Nacht. Kurz vor Mitternacht stand er an den Thoren von Meiningen. Zu beiden Seiten des Weges rief es ein „Werda!“ und Hähne knackten. Als aber der Vorposten die stattliche Reiterschaar sieht, duckt er sich ängstlich in den Chausseegraben und jene reitet ungehindert in die stille Stadt hinein. Durch schweigende Straßen dringt sie vor bis an ein wohlbekanntes Haus. Dort brennt noch in dem Eckgemach ein einsames Nachtlicht. „Halt,“ ruft der Führer seiner Schaar zu, „wir sind am Ziel.“ Er steigt vom Pferde. Das flehende Entsetzen der edlen Matrone, welche ihm die Thür öffnet, wandelt sich rasch zur Freude. Es ist der Gatte der Tochter, und sie darf ihm nun, was sie so gern schon gethan hätte, verkünden, daß ihm ein Sohn geboren sei. Er nimmt das Knäblein aus der Wiege, herzt und küßt es, bis daß es laut aufschreit; dann beugt er sich über das Lager der in Seligkeit lächelnden Mutter zum ersten Mutterkuß, der sich an Tiefe nur messen kann mit dem ersten Kuß der Braut. Nur ein Moment, aber mit einer Welt voll Seligkeit, dann ruft die Pflicht, denn schon wird es wach in den Straßen. „Aufsitzen, rechts um kehrt!“ und in stiebendem Galopp fliegt die Patrouille mit ihrem kühnen Führer wieder zur Stadt hinaus und ist schon weit über die Bannmeile, als die Alarmtrommel und der entsetzte Ruf: „Die Preußen sind da!“ die ganze Stadt aus ihrer Ruhe schreckt.

Vergebens pfiffen die Kugeln hinein in die Nacht ihnen nach, diesmal war er ihnen entwischt, der kühne preußische Husarenlieutenant. Aber nach ein paar Wochen nahmen die Baiern doch Revanche für die nächtliche Ruhestörung. Gleich im Anfang des Gefechts von Wiesenthal sank der kecke Patrouillenführer von einer Kartätsche getroffen vom Pferde, aber der Kuß von Mutter und Kind hatte ihn besser gefeit, als die Amulets, welche die Altbaiern auf der Brust trugen; er war nur leicht verwundet und ist, bei liebevoller Pflege, jetzt schon wieder genesen.
J. Hg.