Im Bivouac bei Schloß Sichrow

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Textdaten
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Autor: J. B.
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Titel: Im Bivouac bei Schloß Sichrow
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 35, S. 541–543
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1866
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Scenen und Bilder aus dem Feld- und Lagerleben Nr. 7
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Scenen und Bilder aus dem Feld- und Lagerleben.
7. Im Bivouac bei Schloß Sichrow.


So mancher der geehrten Leser wird schon ein Bivouac bei einem Manöver in Friedenszeiten erlebt und sich an dessen verschiedenen humoristischen Vorkommnissen ergötzt haben; im Kriege und zumal in dem gegenwärtigen, welchen man füglich eine Jagd nennen kann, sind dieselben noch seltener als das schöne Wetter in diesem traurigen Sommer. Dem Soldaten, der den Tag vier bis sechs Meilen in Sonnengluth oder Sturm und Regen, bald vom Staube fast des Athems beraubt, bald im tiefen Lehmboden fast stecken bleibend, marschirt ist, vergeht doch der Appetit auf Lustbarkeiten, wenn der Magen sich mit verschimmeltem Brode oder mit gar nichts begnügen soll. Ich habe wohl gehört, daß Correspondenten Lagerscenen

Die Gartenlaube (1866) b 541.jpg

Am Morgen nach dem Bivouac bei Sichrow.

in heiterem Gewande zu Markte gebracht haben – denn gelesen habe ich es nicht, weil eine Zeitung gar selten in meinen Bereich gekommen ist, – diese müssen aber eine Phantasie besitzen, von der sich behaupten läßt: „Es ragt das Riesenmaß der Leiber weit über Menschliches hinaus.“ Ja, in Sachsen kam es wohl noch vor, daß die Mannschaften, wie Macbeth’s Hexen, um den Kessel herumtanzten, in dem die braven Zittauer ihnen im Schweiße ihres Angesichts ein kräftiges Mahl bereiteten, doch in Böhmen, da fiel der Vorhang über diesen Theil der Bühne und ein anderer wurde sichtbar, auf dem verlassene Städte und Dörfer, Hunger und Tod als Hintergrund und Agirende erschienen. Da liegt hart an dem fruchtbaren, von betriebsamen Deutschen in gartenartiger Cultur erhaltenen Sachsen ein böhmisches Städtchen Krottau. In Zittau lief Alles auf die Straßen, nicht vor dummer Furcht zitternd, sondern begierig, die preußischen Truppen und Waffen kennen zu lernen. Der bewunderte den strammen Tactschritt der Bataillone, Jener äußerte unverhohlen seinen Respect vor den Lanzen der schwerberittenen Ulanen, wieder ein Anderer entwickelte seine Kenntniß der neuen gezogenen Vierpfünder vor seinen Landsleuten. Freilich war’s der Feind, welcher kam, aber ein civilisirter, der sich mit Essen, Trinken und Wohnen begnügt, nicht einer, der Kinder zum Gabelfrühstück spießt.

„Kaum aber waren wir in dem Defilé, durch welches die Straße nach Böhmen führt, so zeigte sich rings eisige Oede. Die schwarz-gelben Zollhäuser waren verlassen und leer von Allem, was nicht niet- und nagelfest war, die Felder weit und breit einsam, wie der Urwald, als hätte sie nie eines Menschen Hand bestellt, die Eisenbahn und die Telegraphenleitung zerstört, und – als wir endlich Krottau erreichten, zeigten sich nur verschlossene Thore, zugemachte Fensterläden und verrammelte Ladenthüren. Im Freien wollte man doch auf den grundlosen Straßen nicht campiren, es blieb also nichts übrig, als die Verschlüsse zu öffnen, was nicht in der schonendsten Weise geschah. Die Pferde wohnten parterre, die Reiter im ersten Stock, so daß die ohnehin nicht sehr saubere Stadt ein würdiges Pendant zu den schmutzigsten polnischen Nestern bildete. Selbst die Herren Officiere von der Garde in Berlin, die sonst auf dem Corso in der Hofjäger-Allee oder in der Thiergartenstraße mit blitzenden Stulpstiefeln und silbernen Radsporen einhergaloppiren, wateten hier durch den tiefen Koth der Gasse zum – Marketender, der mit schmierigen Fingern elenden Schnaps, Korn geschimpft, für theures Geld in die elegante Feldflasche füllte. Die Rasenplätze vor Schloß Grafenstein, dem Hauptquartier des Prinzen Friedrich Karl, schmückten die Eingeweide von einigen [542] dreißig Hammeln, welche die Soldaten geschlachtet hatten. In Reichenberg, wo Menschen zu Hause geblieben waren, lief ich mit Officieren zusammen anderthalbe Stunde von Gasthaus zu Gasthaus, um etwas zu essen aufzutreiben, und wir waren froh, als wir in einer schmutzigen Winkelkneipe eine Portion Kalbsbraten erhielten. So erging es uns im Hauptquartier und Leuten, die mit Geld reichlich versehen waren, wie viel schlechter aber noch dem Soldaten, der, wenn es hoch kam, das rohe Fleisch erhielt und es dann erst selbst kochen mußte. In der Eile geschlachtet und nicht ausgeblutet, oft von alten Thieren, wurde das Fleisch nie weich und vollständig genießbar. Dazu noch die steten Alarmirungen, bald Abends, wo das Fleisch halb fertig war, bald Nachts, wenn der Soldat kaum die Augen geschlossen hatte. Das sind die Strapazen des Krieges, von denen Niemand nur eine Ahnung besitzt, der sie nicht mitgemacht hat. Danach wird der Leser wohl glauben, daß selbst die unverwüstlichste Fröhlichkeit in die Brüche ging.

Ebenso ging es weiter von Stadt zu Stadt, durch Liebenau, Turnau, Münchengräz, Sobotka, Gitschin bis Horzitz, in dessen Angesicht die gewaltige Schlacht geschlagen wurde, welche einen mit so großen Kräften begonnenen Krieg in wohl nie dagewesener kurzer Zeit mit Einem Schlage beendigte. Denn, was nachkam, war nur noch Verfolgung, und der Friede konnte füglich ebensogut in Königsgrätz, wie in Nikolsburg vor Wien stipulirt werden.

Es ging aber nicht nur dergestalt weiter, sondern es kam noch schlimmer; denn nun begann auch das Wasser zu fehlen. Theils bewegten wir uns auf einem Terrain, welches an und für sich Mangel an Wasser hatte, theils hatten die dummen Bewohner, von Priestern und Soldaten in ihrer Furcht bestärkt, alle Schöpfgeräthe entfernt und die Cisternen mit Unrath angefüllt. Da liefen die Soldaten oft eine Stunde weit nach schmutzigen Gräben und schleppten ihr Kochwasser heran – wer trank, trank mit geschlossenen Augen. Die fertige Bouillon dünkte uns aber doch ein Labsal, und ich war froh, wenn ich für Cigarren oder andere Kostbarkeiten des Augenblicks einige Schlucke aus dem Feldkessel erhielt. Die Aerzte hatten ihre Flaschen mit Opiumtinctur stets in der Hand, denn jeder Schluck Wasser verursachte Leibweh – und dennoch konnten wir ohne Trinken nicht bestehen.

Hieraus wird man erkennen, wie die materiellste Thätigkeit uns vollständig absorbirte. Marschiren, Requiriren, Kochen, Essen, Schlafen, das war der Umfang unserer friedlichen Beschäftigungen. Auf Vorposten und Feldwache in Wetter, Sturm und Graus liegen, patrouilliren, kämpfen, das waren die Mühseligkeiten auf der andern Seite des Kalenders. Sonntag existirte, wenn ich nicht irre, zum ersten Male für uns in Brünn, wo im Beisein des Königs großer Feldgottesdienst abgehalten wurde, dem auch viele Einwohner mit sichtlichen äußeren Zeichen der Andacht beiwohnten; sonst wurde Sonntags wie Wochentags marschirt und gekämpft. Sollte nun noch Jemand nach dem wichtigen Moment zur Erhaltung der menschlichen Gesundheit, nach der Reinlichkeit, fragen, so möge er wissen, daß es Truppentheile in Menge gab, welche in acht Tagen höchstens dazu gekommen waren, sich einige Male Gesicht und Hände oberflächlich zu waschen. Dagegen haben wir über Ungeziefer wohl Alle insgesammt wenig zu klagen gehabt; von der Anwesenheit jener schlimmen, langsamen Gäste habe ich niemals etwas vernommen, und die schnellen springen fort, wie sie gekommen sind.

Dennoch habe ich noch keinen Soldaten gesprochen, der diese Schattenseiten eines von beiden Seiten ungeahnt schnellen Vormarsches bedauert hätte. Jeder sagte sich: vielleicht bietet diese Eile die Möglichkeit, den Krieg in so vielen Wochen zu beendigen, wie er sonst Monate erfordert hätte. Und es ist so gekommen, denn der eigentliche Krieg concentrirt sich bekanntlich auf die Zeit vom 23. Juni bis zum 3. Juli – von unserem Einmarsche in Böhmen an bis zum Tage von Königsgrätz. –

Vielleicht ist es dem Leser nicht uninteressant, im Geiste einem Einzug in’s Bivouac, wie er fast täglich der Truppen wartete, beizuwohnen. Wir haben uns mühsam bergan geschleppt, die Zugthiere keuchen unter der Last ihrer schwergeladenen Wagen, welche den Truppen Brod, Reis, Kaffee, Salz und wohl auch Fleisch nachführen, sowie große Mengen Hafer für die vierbeinigen Mitglieder der Abtheilung, da thut sich plötzlich vor unsern Blicken ein hübsches Hochland auf. Rechts, unter Bäumen halb versteckt, zeigen sich einige Dörfer, überragt von einem stattlichen Schlosse. Ein Schloß, dieser Anblick genügt, um zu wissen, daß hier der Ort unserer Bestimmung ist, denn Prinz Friedrich Karl zeigt Geschmack in der Auswahl seines Wohnortes. Ich führe den Leser nach Schloß Sichrow, dem eleganten Sitze des Prinzen Rohan, wo der Prinz und sein Gefolge noch unter dem Knattern der Gewehre ihren Einzug halten. In der Ferne, am Waldsaume, verschwinden kämpfend die Oesterreicher; noch einmal setzen sie sich im Gehölz fest, einige Gewehrsalven dröhnen einem abziehenden Gewitter gleich herüber, wieder folgt das Knattern der Schützenzüge, dann wird’s stille.

Schloß Sichrow umgiebt ein herrlicher Park, im raumverschwendenden englischen Stile angelegt. Bis dicht an seine Parkgitter wimmelt das Feld von Soldaten, denn wir sind unter den Vortruppen. Da hallen die Commandos „Stillgestanden!“ „Richt’ Euch!“ durch die abendliche Ruhe, die Gewehre werden in Pyramiden zusammengestellt, im Augenblick sind sie mit Helmen, Säbeln und Patronentaschen behängt, und auf das Commando „Rührt Euch!“ beginnt ein Jeder seinen Geschäften nachzugehen. Hier wird das nachgetriebene Vieh geschlachtet, um eine Stunde später im Feldkessel zu brodeln. Dort ziehen lange Züge Soldaten zum Schloßbrunnen, dem einzigen der Umgegend, und bei den Wagen, welche hinter der Front in Reihen aufgefahren sind, eröffnen die Fouriere, vor ihren Kaffee-, Reis- und Salzsäcken sitzend, die wichtige Vertheilung der Rationen. Das giebt ein Gefeilsche, wie auf dem Markte! Der Eine hat vergessen, sich Kaffee geben zu lassen, und der Fourier will es nicht glauben, der Andere will seine Fleischration ob zu vielen Knochengehaltes nicht nehmen und wird belehrt, wie sehr er Gott dafür im Hinblick auf andere Truppentheile zu danken habe, und derlei Scenen mehr. Auf der andern Seite ist die Cavalerie aufmarschirt; auf das Commando „Kehrt!“ wendet sich der eine Zug, so daß immer zwei Reihen von Pferden sich mit den Köpfen gegenüberstehen. „Abgesessen!“ und die Reiter stehen daneben; die Säbelscheiden werden mit dem Säbel in die Erde gestoßen, die Helme oder Czakos und die Patronentaschen daran gehängt, dahinter von Zeit zu Zeit kleine Pfähle in dem Boden befestigt und Schnüre an ihnen entlang gezogen, an welche die Pferde angebunden werden.

Hatte es der Cavalerist beim Marsche leichter, als die Infanterie, so hat er’s jetzt schlimmer, denn erst kommt das Pferd daran, dann der Mann; das Cavalerie-Regiment zählt bekanntlich nach Pferden, nicht nach Menschen. Zwei und zwei reiten sie ihre Pferde zur Tränke – leider existirt nur ein Brunnen und er ist ganz von Infanterie umlagert. Endlich, nach langen Debatten wird Platz gemacht, aber kaum hat ein Zug seine Pferde getränkt, so versagt der arge Brunnen, weil Pferde andere Portionen consumiren, als Menschen. Frühestens erst in einer Stunde kann der erschöpfte Brunnen wieder zu Kräften gekommen sein, darum gilt’s nun, irgendwo einen Teich oder etwas Geringeres ausfindig machen. Der Infanterie ist wieder geholfen, sie hat bei einem Försterhause eine sparsam sprudelnde Quelle entdeckt. Zurückgekehrt, öffnet der Cavalerist seine Futterbeutel, schüttet dem Pferde seine Ration vor, und nun erst kann er an sich denken. Der Abend ist schon lange hereingebrochen, die zurückgebliebenen Cameraden haben Holz geholt und mächtige Wachtfeuer flammen zum Sternenhimmel auf. Sie sind nicht planlos zerstreut, sondern ziehen sich auf Erdaufschüttungen in langen Reihen zwischen den Gewehr- oder Pallaschlinien hin, umgeben von den blechernen, brodelnden Feldkesseln oder einigen in der Eile aufgetriebenen Töpfen, welche, künstlich gestützt, nicht selten das Gleichgewicht verlieren und einen Theil des Inhalts den Unterirdischen spenden. Für die Officiere kochen ihre Burschen, oder sie haben zufällig in ihrer Compagnie einen Koch, der ihnen ihr Stück Fleisch zubereitet. Häufig haben auch acht bis neun Officiere zusammen eine Feldmenage, welche in mehreren Etagen Teller, Messer und Gabeln, zinnerne Becher, Kaffeemühle und einige andere Utensilien enthält, wodurch dann das Mahl ein zusagenderes Aeußere erhält. Geht’s gut, so flechten die Soldaten den Officieren Hütten aus Laub oder Stroh, vor denen sich auch wohl, ist ein Dorf in der Nähe, ein Tisch und einige Holzschemel aufgestellt finden.

Um neun Uhr, auch wohl später, ertönt der Zapfenstreich, welchem, wenn ein Musikcorps zur Stelle ist, noch einige Stücke folgen, und ist abgekocht, dann legt sich ein Jeder zur Ruh. Stroh ist selten da, wenn das Bivouac nicht gerade auf einem Getreidefelde aufgeschlagen worden ist. Der Soldat wickelt sich in seinen Mantel, der Tornister ist sein Kopfkissen und der dunkelblaue [543] Nachthimmel sein Himmelbett, wenn’s nicht regnet, so daß der Mann fröstelnd erwacht und sich als Insel wiederfindet, wie es uns fast vierzehn Tage ununterbrochen erging. Der Officier wickelt sich in seine wollene Decke, sonst ist sein Comfort derselbe.

Drüben in der Ferne, durch einen dunklen Raum von uns getrennt, in dem nur hin und wieder das kleine Feuer einer einsamen Feldwache wie ein Irrlicht aufflammt, ziehen sich im Halbkreise andere Feuer weithin, es sind die Wachtfeuer der Oesterreicher, an denen just dasselbe getrieben wird, was bei uns. Von Zeit zu Zeit verschwindet ein Feuer, um dann wieder aufzutauchen, ein Zeichen, daß die Mannschaften bei demselben zuweilen zwischen uns und ihrem Feuer stehen.

Anders geht es im Schlosse her. Vor demselben und auf seinen Höfen stehen die seltsamen Wagen des zahlreichen Trosses, welcher zum Ober-Commando der Armee gehört; die etwa dreihundert Pferde sind in Ställen oder Remisen untergebracht, aus denen die eleganten Carossen des Prinzen Rohan haben weichen müssen, um im Freien zu campiren. Sämmtliche Herde der Wirthschaftsbeamten sind von der Dienerschaft des Ober-Commandos, der Stabswache, von Reitknechten etc. in Beschlag genommen; wer dort nicht mehr ankommen kann, kocht ebenfalls im Freien. In der herrschaftlichen Küche brodelt und duftet es gar köstlich, der reiche Weinkeller des Schlosses sendet seine Spenden gezwungen an’s Tageslicht. Vor dem Balcone nach der Gartenseite stehen in langer Reihe eine Anzahl Sessel, auf denen der Prinz und seine Officiere sitzen; andere Herren stehen daneben oder wandeln im Gespräch umher. Der Prinz raucht, wie immer, seine Cigarre aus einer langen, dünnen Cigarrenspitze, er sieht, wie gewöhnlich, ernst aus und spricht kurz und selten. Kein Theil des Gesichtes bewegt sich dabei, als die Lippen: die Augen scheinen unbewegt und doch entgeht ihnen Nichts; die rechte Hand steckt in der Tasche des blauen Attila’s, die linke hält das Cigarrenrohr, den Kopf bekleidet die rothe, blaugerandete Husarenmütze, das Kinn umwölkt ein leichter, im Frieden unmilitärischer Bart. Dort, der hohe, braunbärtige General ist der General-Quartiermeister v. Stülpnagel, jener gemüthlich Dreinschauende der kluge Chef des Generalstabes, v. Voigts-Rheetz, hier der riesige Ulanenmajor ist der Commandant des Hauptquartiers v. Schack. Herr v. Radowitz, Neffe des Grafen Bismarck, Landwehrhusaren-Officier und sonst Attaché der Gesandtschaft in Paris, zeichnet sich durch seine elegante Erscheinung aus; er wird als Diplomat zu Parlamentär-Aufträgen verwandt. So stehen oder sitzen die Herren in Gruppen bei einander. In einiger Entfernung ist im Halbkreise aufgestellt das Musikcorps eines im Bivouak vor uns liegenden Regiments postirt, und läßt bald sanfte, bald feurige Weisen ertönen. Da sprengt plötzlich ein Ordonnanzofficier in den Garten; im Nu ist er vom Pferde herunter und nähert sich in streng militärischer Haltung, sein Pferd am Zügel nach sich führend, dem Prinzen. Dieser steht auf und geht dem Officier einige Schritte entgegen. Alle Gruppen ringsum sind versteinert, die Musik schweigt, kein Laut wird gehört, Jeder ist begierig auf die Botschaft. Der Prinz sagt jetzt etwas seinem Nachbar, dieser giebt es weiter und nun ist wieder Bewegung in dem bunten Kreise. Man tritt enger zusammen, man spricht lebhafter, bis es zum Nachtmahl geht, nachdem die Kerzen im Schlosse sich entflammt haben. Weithin in die Nacht leuchtet jetzt die stattliche Fronte des Gebäudes hinaus; endlich erlöschen auch hier die Lichter und der Schlaf beginnt seine Herrschaft auch hierher auszudehnen.

Doch nicht lange sollen wir uns seiner freuen. Plötzlich tönt das Horn des Signalisten durch den grauenden Morgen. Halb schlaftrunken noch richtet sich hier ein Kopf, dort ein Arm aus dem Getreide empor, das unsere Lagerstätte und Hütte war, bis wir uns Alle aus den Halmen herauswinden und in den dämmernden Tag hinaussehen. Was ist das für ein Grollen, welches uns an’s Ohr schlägt? Wahrhaftig es sind Gewehrschüsse, nein, ganze Gewehrsalven. Da muß ganz nahe ein nächtlicher Kampf wüthen! Rasch ist jetzt aller Schlaf aus den Augen, eilig sind wir auf den Füßen, der Boden zittert uns ordentlich unter ihnen. Wir brechen auf, und bald berühren wir den Ort, in dem kein Haus ganz geblieben ist, dessen Straße Verhaue begrenzen und durchschneiden, wo weit und breit Waffen und Tornister ausgestreut sind, wo frische Grabhügel dem Wanderer ein „Stehe still!“ zuwinken und von wo aus auch wir bald mitten in das Schlachtgetümmel einrücken.
J. B.