Wie die Natur Wunden heilt, die der Mensch schlug

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Autor: Bock
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Titel: Wie die Natur Wunden heilt, die der Mensch schlug
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 34, S. 534–536
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1866
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Kriegswunden und ihre Behandlung
siehe auch 2. Mikroskopisches Walten der Natur bei Heilung von Wunden mit Eiterung
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Wie die Natur Wunden heilt, die der Mensch schlug.


Im Kriege bestreben sich die Krieger einander entweder in der Nähe oder aus der Ferne todt zu machen; das Erstere bringen sie durch die sogenannten Nahwaffen (wie durch Hieb-, Stich- und Stoßwaffen), das Letztere durch Feuerwaffen fertig, welche letzteren entweder gleich eine größere Anzahl von Menschen wegräumen (wie das grobe oder schwere Geschütz) oder blos Einzelne unschädlich machen (wie das kleine Gewehr, die Handfeuerwaffen). Wer also von den Kriegern nicht sofort auf diese oder jene Weise um’s Leben kommt, sondern nur verwundet wird, kann eine Schuß-, Hieb- oder Stichwunde davontragen, abgesehen davon, daß er noch aus verschiedene Weise gequetscht, geschlagen, gestoßen, geschleift, überfahren, zertreten, gezerrt, verbrannt und überhaupt verstümmelt werden kann.

Die Hiebwunden, welche gewöhnlich nur bei Cavalerieattaquen oder bei Verfolgung der Infanterie durch die feindliche Cavalerie geschlagen werden, kommen im Kriege am wenigsten vor und sind auch am ungefährlichsten, so daß der einzelne Mann eine ziemliche Anzahl davon, zumal am Köpfe und Gesicht, ertragen kann. In der Schlacht von Balaklava erhielt z. B. ein Soldat sechsunddreißig Hieb- und Stichwunden und ein Officier bekam neben einer Schußwunde durch das Bein noch siebenzehn Hieb- und Stichwunden; aber Beide genasen. Ist der Arzt zur Hand und kann die Hiebwundflächen bald vereinigen (zusammennähen), dann heilen diese Wunden in wenigen Tagen. Solche Wunden sind an den gleichmäßig scharfen Rändern und den glatten Durchschnittsflächen mit unveränderten Geweben kenntlich; sie klaffen mehr oder weniger und können auch penetrirende (in eine der drei großen Körperhöhlen eindringende) sein. Bei der schnellen Heilung (per primam intentionem) der Schnitt- und Hiebwunden gehen Veränderungen an den Wundflächen vor, wodurch letztere gewissermaßen aufgelöst werden und in eins verschmelzen, wie etwa zwei Enden Siegellack durch Erwärmung flüssig gemacht und dann zusammengefügt werden.

Die Stichwunden sehen sehr oft nicht so gefährlich aus, wie sie sind, denn sie stellen meist nur kleine, unregelmäßige Wundöffnungen in der gesunden Haut dar, in deren Tiefe aber oft schwer oder gar nicht zu ergründende lebensgefährliche Zerstörungen edler Organe verborgen sind und sich tödtliche Blutungen entwickeln. Oberflächliche Stichwunden heilen meist schnell, zumal wenn sie mit scharfen Instrumenten gemacht wurden.

Schußwunden, die sind es, an welchen die meisten Verwundeten zu Grunde gehen und zwar in den neueren Kriegen in weit größerer Menge, als früher. Die Verbesserung und Vervollkommnung der Schußwaffen hat nämlich die Zerstörungsfähigkeit derselben bedeutend gesteigert und dadurch den Krieg für die Menschenleben immer verderblicher und vernichtender gemacht. Die neueren Schußwaffen „halten besser Stich und haben eine rasantere Ebene, als die alten“, sagt der Techniker; sie wirken mit größerer Gewalt und Schnelligkeit auf weitere Entfernung, treffen sicherer und manche können, indem sie weit schneller (und zwar von hinten) geladen werden, auch in sehr kurzer Zeit weit mehr Geschosse ausschicken, als die von vorn zu ladenden, abgesehen davon, daß sie auch leichter und handlicher geworden sind. Die hauptsächlichste Verbesserung der Schußwaffen besteht nun aber darin, daß nicht mehr aus einem glatten Rohre Kugeln abgeschossen werden, sondern daß aus gezogenem Laufe cylindro-konische Geschosse (fälschlich Spitzkugeln genannt) ausgetrieben werden. Das Spitzgeschoß (aus einem Cylinder, dem ein Konus aufgesetzt ist) drängt nämlich mit seiner Spitze die Luft leichter auseinander und erfährt also einen viel kleineren Luftwiderstand, als ein gleichgroßes Kugelgeschoß. In Folge der Züge an der innern Rohrwand (deren Windung oder Drehung man Drall nennt) wird nun aber dem Geschosse auch noch eine um die Achse des Rohres stattfindende Drehung aufgezwungen und durch diese Rotation des Spitzgeschosses um seine Längenachse erhält dasselbe eine mehr bohrende und damit eine mehr stetige Bewegung, wobei dasselbe nicht viel von seiner Anfangsgeschwindigkeit einbüßt, also mit einer größeren Endgeschwindigkeit am Ziele anlangen, die Flugbahn mit größerer Geschwindigkeit zurücklegen kann. Wenn daher eine Kugel und ein Spitzgeschoß von gleichem Gewicht und unter sonst gleichen Verhältnissen aus einem gezogenen Rohre abgeschossen werden, so wird das Spitzgeschoß deshalb viel verderblicher wirken und größeren Schaden anrichten, als das erstere, weil es eine stetigere Bahn, also eine größere Trefffähigkeit, eine größere Percussionskraft (somit mehr Fähigkeit zu verwunden) und eine größere Flugbahn hat, wozu auch noch kommt, daß das Spitzgeschoß, obschon von gleichem Durchmesser, wie die Kugel, ein größeres Gewicht als diese haben kann und dadurch die aufgezählten Vorzüge noch vergrößert werden. – Das Zündnadelgewehr (eine Erfindung des Herrn v. Dreyse in Sömmerda), welches von hinten geladen wird und aus einem gezogenen [535] Laufe Spitzgeschosse schießt, gestattet nicht nur ein sehr schnelles Feuern, sondern läßt sich auch in jeder Lage bequem laden, abgesehen davon, daß es durch seine große Trefffähigkeit auf weite Entfernungen und Wirkungsfähigkeit alle andern Gewehre übertrifft.

Beim Schießen können außer Schußverletzungen auch noch Verbrennungen höheren oder niederen Grades durch das Pulver vorkommen. Diese Verbrennungen sehen meistens schlechter aus, als sie in Wirklichkeit sind. Sie hinterlassen, wenn sie nicht von großen Quantitäten Pulvers herrühren oder wenn nicht gleichzeitig die Kleider Feuer fingen, bleibende Spuren, indem die in die Haut eingesprengten und niemals vollständig (durch mühsames Herausheben der einzelnen Körner mit einer Nadel) zu entfernenden Pulverkörner der Haut ein tättowirtes Ansehen geben.[1]

Bei Schußverletzungen durch Schrot (Vogeldunst), die man am häufigsten auf der Jagd zu beobachten Gelegenheit hat und die um so zahlreicher sind, je näher man dem Schusse stand (weil die Schrotkörner einer Ladung bei ihrem Austritte aus der Mündung des Gewehrs einen Kegel bilden, dessen Basis mit der Entfernung wächst), sucht man zuvörderst die Schrotkörner dadurch aufzufinden, daß man mit den Fingerspitzen sanft über die verwundete oder schmerzende Hautoberfläche hinstreicht, wobei sich nicht zu tief eingedrungene Körner als kleine harte Erhabenheiten fühlen lassen. Diese werden durch Ausschneiden entfernt, die tiefsitzenden dagegen ihrem Schicksale überlassen. Uebrigens heilen diese Schußverletzungen wie die andern.

Prell- oder Streifschüsse sind nur Quetschungen der Weichtheile, welche durch matte (auch auf dem Boden hinrollende sogen. todte Kanonenkugeln) oder durch sehr schief auffallende Geschosse veranlaßt werden. Die Wirkung dieser Schüsse kann blos auf die Haut beschränkt bleiben, sie kann aber auch alle unter der getroffenen Hautstelle liegenden Theile bis zum Knochen betreffen, welcher letztere zerbrochen und zersplittert werden kann. Bisweilen zeigt sich bei oberflächlicher Besichtigung eines Prellschusses gar nichts und erst bei genauer Untersuchung findet man die Haut an der getroffenen Stelle ein wenig blässer, welk, niedergedrückt, pergamentartig, trotzdem daß eine ganz bedeutende Verletzung in der Tiefe vorhanden sein kann. Häufiger findet sich jedoch die Haut an der getroffenen Stelle roth, blau oder violett und diese Färbung tritt entweder sofort oder bald nach dem Schusse ein; die Umgebung ist geschwollen, bald hart und prall, bald weich, teigig und knisternd. Meist tritt an der verletzten Stelle Eiterung ein und in der Regel heilen diese Wunden langsamer, als die gewöhnlichen Schußverletzungen. – Die sogen. „Luftstreifschüsse“, von denen sogar jetzt noch gefabelt wird, sind Prell- oder Streifschüsse durch grobe Geschosse, die bisweilen nur die Kleider vom Leibe reißen.

Die gewöhnlichen Schußwunden (durch Flinten) stellen sich in sehr großer Mannigfaltigkeit dar, z. B. als rinnenförmige Halbcanäle, als röhrenartige Canäle (von der verschiedensten Länge, Weite und Richtung) mit blos einer Oeffnung, wo dann das Geschoß, oft mit Partikeln von Kleidungsstücken, gewöhnlich am Boden des Blindcanals sitzt; als Canäle mit mehreren Oeffnungen, mit einer Eintritts- und einer oder (in Folge der Theilung des Geschosses) mehreren Austrittsöffnungen. Bisweilen hält es schwer die Eintrittsöffnung genau zu ergründen; gewöhnlich ist sie mehr oder weniger rund und der Größe des Geschosses entsprechend, während die Austrittsöffnung in der Regel eine stark ovale, längliche oder gar spaltartige Form hat. Auch zeigt sich der Rand der Eintrittsöffnung, durch die man ein Stück in das Innere des Schußcanals sehen kann, etwas nach innen gestülpt, mit Blut unterlaufen, bisweilen geschwärzt und wund, was beim Rande der Austrittsöffnung nicht der Fall ist. Die letztere Oeffnung heilt in der Regel viel früher als die Eintrittsöffnung und außerdem bleibt die Narbe dieser stets vertieft, während die der Austrittsöffnung etwas erhaben ist oder im Niveau der übrigen Haut liegt. Der Verlauf und die Richtung des Schußcanals ist oft gar nicht zu bestimmen und manchmal höchst merkwürdig, die wichtigsten Organe umkreisend.

Schußwunden durch grobes Geschütz (Kanonen- und Bombengeschosse, Kartätschen etc.) kommen deshalb bei Lebenden selten vor, weil die genannten Geschosse gewöhnlich den Tod bringen. Bombensplitter, die fast niemals Schußcanäle erzeugen, sind dagegen häufig in Wunden zu finden.


Die Erscheinungen, welche bei Verwundungen zu Tage treten, werden, ebenso wie die Gefährlichkeit derselben, natürlich nach der Art, der Größe, dem Sitze der Wunden u. s. f. sehr verschieden sein müssen, ja sogar die Empfindungen, welche sie dem Verwundeten machen, sind die mannigfaltigsten. So kommt es gar nicht selten vor, daß der kämpfende Soldat in seiner Aufregung eine Verletzung anfangs gar nicht fühlt und erst von seinen Cameraden darauf aufmerksam gemacht wird. Eine einfache Schußverletzung empfinden die Meisten nur als einen wie mit dem Stocke ausgeführten Schlag oder Stoß; wurde ein größerer Empfindungsnerv getroffen, dann ist der Schmerz ein brennender, stechender oder zuckender, der sich blitzähnlich über den ganzen Verbreitungsbezirk des getroffenen Nerven erstreckt. Ein soeben und in stärkerer Weise Verwundeter sieht gewöhnlich leichenfahl und blaß aus (auch wenn er nicht viel Blut verlor), seine Stirn ist mit Schweiß bedeckt, seine Augen sind weit geöffnet und starr, sein Blick in die Ferne gerichtet, der Puls klein und aussetzend, die Haut kalt und zusammengezogen (Gänsehaut). Aus diesem ohnmachtähnlichen Zustande erholt sich der Eine früher, der Andere später, je nachdem ihm Hülfe geschafft wird.

Die Blutung aus der Wunde fällt zunächst auf; sie ist natürlich nach Art, Weite und Menge der verletzten Blutgefäße und nach der Art der Verwundung äußerst verschieden. Ein sehr großer Theil der auf dem Schlachtfelde als todt liegen Bleibenden ist an Verblutung gestorben. Aber auch kürzere oder längere Zeit nach der Verwundung können noch Blutungen und zwar tödtlicher Art zu Stande kommen. Dagegen schlägt die Natur nicht selten Mittel und Wege ein, um Blutungen bei Verletzungen zu verhüten und zu heilen. So werden Pulsadern von Kugeln zur Seite geschoben und nicht verletzt; eine Blutgefäßwunde kann sich verlegen, das zerstörte Gefäß kann sich in sich zurück- und zusammenziehen oder zusammenfallen; es kann sich in demselben ein Pfropf (ein Gerinnsel aus Blutfaserstoff) bilden und das Gefäßrohr verstopfen; es kann das ausgeflossene Blut, indem es fest wird (gerinnt), eine Art Deckel über der Oeffnung der Ader, aus welcher das Blut strömt, bilden und diese Oeffnung verschließen. Die Heilung von Blutungen durch die Natur kann in Etwas unterstützt werden: – abgesehen natürlich von chirurgischer Hülfe (durch Compression und Unterbindung des blutenden Gefäßes) bei Blutungen aus größeren und zugänglichen Adern, – durch Anwendung der Kälte (Ueberschläge von kaltem Wasser, Schnee, Eis), durch große Ruhe und horizontale Lage des ganzen Körpers, besonders aber des blutenden Theiles, durch kühles Verhalten hinsichtlich des Zimmers, des Bettes und der Kleidung, durch milde, reizlose Kost. Die innere Anwendung der Arnica in homöopathischer Form steht mit dem Blutversprechen auf gleicher Stufe; Beides spricht dem Menschenverstande Hohn.

Was geschieht nun von Seiten der Natur an einer Wunde? Die ersten vierundzwanzig bis achtundvierzig Stunden bleibt ihr Aussehen unverändert und so wie zur Zeit unmittelbar nach der Verletzung. Erst nach Verlauf dieser Zeit tritt eine (die sogenannte reactive) Entzündung ein, welcher (zwischen dem fünften und zwölften Tage) eine Eiterung und später die Vernarbung folgt, in dem Falle nämlich, daß nicht, wie bei vereinigten Hiebwundflächen, ein schnelleres Zusammenheilen derselben (per primam intentionem) stattfindet. Der (erste) fünf bis sieben Tage umfassende Zeitraum, vom Momente der Verletzung bis zum Beginne der Eiterung, welche niemals früher als achtundvierzig Stunden und nicht später als neun Tage nach der Verletzung eintritt, ist die schlechteste Zeit für den Verwundeten. Es stellt sich nämlich am zweiten Tage Schmerz in dem verletzten Theile ein, der Puls, die Körperwärme, der Durst, sowie die Erregbarkeit und Empfindlichkeit steigern sich fort und fort, kurz der Verletzte ist vom Wundfieber befallen. – Im darauf folgenden, etwa vom vierten bis vierzehnten Tage, meist bis zum neunten Tage nach der Verletzung [536] dauernden (zweiten) Zeitraume (der Wundreinigung) werden durch die beginnende Eiterung die die Wunde (besonders den Schußcanal) verunreinigenden Körper entfernt, und diese können ebensowohl von außen eingedrungene sein (wie Erde, Sand, Geschosse, Kleidungsstücke etc.), wie auch zerstörte oder abgestoßene Körperbestandtheile. – Nach der Wundreinigung schießen auf der Wundfläche unter dem fortwährend abfließenden Eiter schöne, lebhaft rothe, sogenannte Fleischwärzchen (Granulationen) empor und die Heilung (per secundam intentionem s. suppurationem) und Vernarbung beginnt. Dieser Zeitraum der Wundheilung ist natürlich von ganz unbestimmter Dauer und kann viele Jahre in Anspruch nehmen. – Das Zurückbleiben der fremden Körper hat den größten Einfluß auf die Verlangsamung der Heilung, und gar nicht selten bleiben dieselben (eingekapselt oder sich allmählich von ihrer Stelle entfernend) für’s ganze Leben beim Verwundeten.– Die Aufgabe des Chirurgen ist es, die angegebene Heilung einer Wunde durch die Natur, so viel es die Wissenschaft vermag, zu unterstützen. Er stillt die vorhandene Blutung, entfernt etwaige fremde Körper, vereinigt die Wundflächen, giebt dem Verwundeten und besonders dem verletzten Theile die gehörige Lage, mäßigt die Entzündung und das Wundfieber, sucht die Eiterung in gutem Zustande und in Grenzen zu halten, hält durch äußerstes Reinhalten der Wunde die Jauchebildung und den Brand von derselben ab, hebt die Kräfte des Verwundeten durch richtige Diät und beschleunigt die Vernarbung.

Die feinere (mikroskopische) Arbeit des Naturheilungsprocesses bei Verwundungen soll in einem nächsten Aufsatze beleuchtet werden. Schließlich wollen wir nur nochmals erwähnen, daß jede Wunde, zumal bei Soldaten in den Spitälern, mit der allergrößten Reinlichkeit zu behandeln ist. Schon das Verbinden mit Charpie aus alter Leinwand, die nicht vorher gewaschen und gereinigt wurde, oder mit Charpie, die von unreinen, mit Geschwüren oder eiternden Stellen behafteten Händen gezupft wurde, kann eine ungefährliche Wunde gefährlich machen. Die Charpie ist überhaupt ein sehr gefährlicher Infectionsträger, und deshalb sollte dieselbe stets vor ihrem Gebrauche gereinigt, ja desinficirt werden. Noch besser ist es aber, wenn anstatt der Charpie die rohe amerikanische Baumwolle angewendet wird, welche sowohl an Gleichförmigkeit beim Bedecken, als beim Aufnehmen der Wundwässer und beim Aufsaugen des Eiters der Charpie weit vorzuziehen ist. Auch wenn man feines französisches Seidenpapier mit Leinöl, essigsaurem Blei, Bleiglätte, gelbem Wachs und Terpentin (nach Gautier), oder (nach Lauer) mit Leinöl, borsaurem Manganoxyd und gelbem Wachse tränkt, so hat man ein gutes Verbandmaterial, welches jedenfalls besser und billiger als Charpie ist und selbst der Baumwolle nicht viel nachsteht. Auch sehr dünne (ein Drittel Millimeter dicke) Platten von Kautschuk (Paragummi), die aber stets sorgsam (durch tagelanges Einlegen in Wasser) gereinigt werden müssen, wirken sehr wohlthätig als Verbandmittel auf die Wunde (nach Neudörfer) und sind der Charpie vorzuziehen, zumal da sie auch noch ganz unverwüstlich sind.

Die Badeschwämme, welche gewöhnlich zur Reinigung von Wunden benutzt werden, tragen gar nicht selten die Schuld an Verschlechterung der Wunde, ja sogar am Tode des Verwundeten. In ihnen erzeugen und verbergen sich nämlich äußerst leicht und gern schlechte, ansteckende, in Fäulniß begriffene und sehr schwer daraus zu entfernende Stoffe, welche die Wunde brandig zu machen im Stande sind. Selbst wenn jeder Verwundete seinen eigenen Schwamm hätte, der fortwährend im Wasser läge, so könnte sich doch Schädliches in demselben bilden. Deshalb verbanne man den Schwamm ganz und gar und reinige die Wunde entweder mit einem ganz reinen, weichen, alten Leinwandläppchen, das nach dem Gebrauche wegzuwerfen ist, oder, und das dürfte wohl das Beste sein, durch Wasser, welches mittels einer kleinen Gießkanne aufgegossen wird. Kurz, die Gesetze der Reinlichkeit, sowie der Ventilation müssen bei Behandlung Verwundeter mit scrupulösester Strenge gehandhabt werden; reine Luft ist neben reizloser nahrhafter Kost für den Verwundeten unentbehrlich. – Diese wenigen Andeutungen für die Behandlung und Heilung von Wunden sind für Laien bestimmt, die sich bei Mangel an Chirurgen an den Hülfsleistungen, die man allen Verwundeten als Mensch schuldig ist, betheiligen.
Bock.




  1. Neuerlich ist ein Schieß- und Spreng-Pulver von Herrn Neumeyer in Taucha bei Leipzig erfunden worden, welches alle sonstigen Eigenschaften eines guten Pulvers besitzt und nicht wie dieses explodirt, also bei der Aufbewahrung und dem Transporte jede Gefahr ausschließt. Gründliche Versuche mit diesem Pulver haben ergeben: daß dasselbe bei Zutritt von Luft verbrennt, aber nicht explodirt, daß es durch Druck oder Stoß nicht zur Entzündung gebracht werden kann, daß es im verschlossenen Raume mit höherer Wirkung als das gewöhnliche Pulver explodirt, daß es weniger Rückstand und auch weniger Pulverrauch, als das gewöhnliche Pulver hinterläßt, daß es billiger als gewöhnliches Pulver ist.