Ein Mann ohne Vaterland

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Autor: F. v. W - te
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Titel: Ein Mann ohne Vaterland
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 49, S. 772-774
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1865
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[772]
Ein Mann ohne Vaterland.
Nach den Mittheilungen eines nordamerikanischen Marineofficiers.

Es ist nur die Geschichte eines einfachen Mannes, dessen Erscheinen auf dem Welttheater keine Epoche machte, die ich meinen Lesern erzählen will, denn das Unternehmen, an dem er sich betheiligte, schlug fehl und überlieferte ihn der Gnade seiner Richter, auch ist wohl kaum einer unter unseren Lesern, der je von ihm etwas gehört hat, – sind doch selbst in seiner eigenen Heimath nur Wenige, welche sich seiner erinnerten, als die Zeitungen im Herbst 1863 die Anzeige seines Todes brachten, die mit den Worten erschien: „Am 11. Mai starb am Bord der Vereinigten Staaten-Corvette Levant auf 2° 11’ südlicher Breite und 131° westlicher Länge Philipp Nolan.“

Und doch war dieser Mann, Philipp Nolan, einst dazu bestimmt gewesen, eine große Rolle zu spielen.

Es war im Jahre 1806, als Oberst Burr, Vicepräsident der Vereinigten Staaten unter Jefferson (1801–1809), des Landesverrathes angeklagt und auf die Anschuldigung hin, eine Verschwörung angezettelt zu haben, deren Zweck die Errichtung eines südlichen Kaiserreiches unter seiner Herrschaft war, verhaftet wurde. Sein Plan scheint ein wohlorganisirter gewesen zu sein, und unter den zahllosen Anhängern des kühnen Abenteurers war Philipp Nolan, Lieutenant in der Armee, einer der thätigsten und hervorragendsten. Es war im Fort Massac, wo er sich dem Unternehmen anschloß, welches, wie schon oft geschehen, zu früh in Scene gesetzt wurde, um den gewünschten Erfolg erzielen zu können. Bei der Expedition auf Neu-Orleans ward er mit seinem Chef gefangen genommen und vor das Kriegsgericht in Fort Adams gestellt. Er war nicht mehr und nicht weniger schuldig, als Andere, die sich von den lockenden Aussichten Aaron Burr’s hatten blenden lassen. Es ist aber ein altes Sprüchwort, daß man die kleinen Diebe hängt und die großen laufen läßt, und so ging es auch hier.

Burr wurde wegen mangelnder Beweise freigelassen und Nolan und Andere mußten die Sündenböcke sein. Wüthend über die ihm widerfahrene Behandlung stand er vor seinen Richtern, um sein Urtheil anzuhören, und wir würden wohl schwerlich je wieder Etwas über seine Zukunft vernommen haben, da man sämmtliche Betheiligte mit einer unbedeutenden Strafe entließ, wenn ihn nicht sein jugendlicher Uebermuth zu einer Antwort hingerissen hätte, welche ihn zu dem machte, was er seit jenem Tage wurde: „der Mann ohne Vaterland“. Auf die übliche Frage des Vorsitzenden, ob Nolan noch Etwas zu seiner Rechtfertigung zu sagen habe, ehe das Urtheil über ihn gesprochen würde, erhob er sich, schlug mit geballter Faust auf den Tisch und schrie: „Der Teufel hole die Vereinigten Staaten! Ich wollte, ich brauchte nie wieder Etwas von ihnen zu hören!“

Fast alle Officiere des Gerichtshofes hatten den Befreiungskrieg mitgemacht und für die Idee, welche er hier mit Füßen trat, ihr Leben eingesetzt. Nolan aber war ein ungezähmtes Naturkind; auf einer Plantage in Texas geboren, wo die beste Gesellschaft, die er hatte, im günstigsten Falle ein spanischer Officier oder ein Händler von Neu-Orleans war, hatte er keine andere Erziehung genossen als den Unterricht, den er einmal im Winter durch einen englischen Lehrer bekam. Im Uebrigen hatte er seine halbe Jugend mit seinem Bruder in den Prairien der Heimath mit dem Lasso in der Hand oder Büffel jagend auf dem selbstgefangenen, wilden Pferde zugebracht, so daß er wenig von den Vereinigten Staaten wußte. Später gab ihm die Union allerdings die Uniform, welche er trug, und das Schwert, mit dem er sein Vaterland zu schützen geschworen hatte – aber der Staat wollte an ihm das Vergehen eines Anderen strafen, und wenn wir seine Handlungsweise auch nicht rechtfertigen können, müssen wir doch nicht zu strenge urtheilen.

Das Gericht zog sich nach Nolan’s Aeußerung, welche unendliche Entrüstung hervorrief, zurück, aber schon nach fünfzehn Minuten erschien es wieder mit dem Urtheilsspruch: daß der Lieutenant Philipp Nolan des Landesverrathes schuldig und verurtheilt sei, „nie wieder Etwas von den Vereinigten Staaten zu hören“.

Nolan lachte; allein auf den bleichen Gesichtern ringsum sah er keine Heiterkeit. Die Strafe schien mild genug – nur sein eigener Wunsch sollte erfüllt werden, und er wurde erfüllt. Vom 23. September 1807 bis zu seinem Todestage 1863 hat er nie den Namen seiner Heimath wieder gehört, und sechsundfünfzig Jahre lang war er ein Mann, der kein Vaterland hatte. Präsident Jefferson bestätigte das Urtheil, von dem Nolan eine Abschrift erhielt. Bei dem spätern Brande des Regierungsgebäudes in Washington verbrannten alle auf diesen Proceß bezüglichen Papiere, und als im Jahre 1817 Capitän Watson beim Departement in Washington über Nolan rapportirte, ward dieser ganz ignorirt, ob absichtlich oder unabsichtlich, muß dahingestellt bleiben; Thatsache aber ist, daß nach dieser Zeit kein Marinecommandeur in seinem Rapport des Gefangenen je mehr Erwähnung that. Lieutenant Mitchell vom „Nautilus“, in dessen Gewahrsam der Gefangene zunächst gegeben wurde, bekam die folgende schriftliche Instruction mit: „Durch Lieutenant Neale wird Ihnen die Person des Philipp Nolan, vormaligen Lieutenants in der Armee, übergeben werden. Er hat bei seiner Untersuchung vor dem Kriegsgericht mit einem Fluch den Wunsch an den Tag gelegt, nie wieder Etwas von den Vereinigten Staaten zu hören, und das Urtheil des Gerichts lautet auf Erfüllung seines Wunsches. Sie werden den Gefangenen an Bord Ihres Schiffes nehmen und Alles anwenden, um seine Flucht zu verhindern. Sie werden ihm diejenige Aufmerksamkeit, Pflege und Meldung zukommen lassen, wie es seine frühere Stellung mit sich bringt. Die Officiere an Bord werden sich in Betreff seiner Gesellschaft unter sich einigen; es soll ihm aber stets mit Anstand begegnet und er nie daran erinnert werden, daß er ein Gefangener ist. Unter keinen Umständen aber soll er je Etwas über sein Vaterland hören oder Etwas sehen, was ihn daran erinnern könnte, und Sie werden besondere Sorge tragen, daß jeder Officier unter Ihrem Befehl diese Anordnung, in welcher seine Bestrafung liegen soll, selbst in der ihm bei Vorkommenheiten zu gewährenden Nachsicht nie verletze. Es ist der Wille der Regierung, daß er das Vaterland, das er verleugnet hat, nie wieder sehe, und werden Sie vor Ablauf Ihrer Kreuzung die zur Aufrechthaltung dieser Bestimmung nöthigen Befehle empfangen.

gez. Der Marinesecretair.“

Vom Nautilus wird Nolan auf ein Schiff gebracht, das auf eine lange Fabrt ging, und der Commandeur desselben, Shaw, ordnete die zu befolgende Etiquette und die nöthigen Vorsichtsmaßregeln an, die von allen Hütern Nolan’s bis zu dessen Tode befolgt und als Instruction von einem Wächter dem andern eingehändigt wurden.

Capitän Shaw erlaubte ihm unbeschränkten Verkehr mit den Officieren an Bord, mit der Mannschaft aber nur in Gegenwart eines Vorgesetzten. Trotzdem wurde er schüchtern und zurückhaltend, wie alle Menschen, welche fühlen, daß sie nur geduldet werden. Da seine Gegenwart alle Gespräche über heimathliche Verhältnisse, von Krieg und Frieden, von politischen und Familienangelegenheiten – Gespräche, welche mehr als die Hälfte des Unterhaltungsstoffs auf See liefern – ausschloß, so mochte ihn keine Classe dauernd bei sich haben, und weil es doch gar zu hart gewesen wäre, ihn ganz auszuschließen, wurde ein förmliches System beobachtet. Am Montag lud der Capitän ihn zum Essen und an jedem andern Tage war er der Gast einer andern Gesellschaft, während er seine übrigen Mahlzeiten in seinem Cabinet einnahm, welches ihm da angewiesen wurde, wo die Schildwache postirt war. Auch die Mannschaft lud ihn zu ihren kleinen Belustigungen ein und es schien fast, als ob sie den „Tuchknopf“, wie sie ihn nannten, weil er keine blanken Knöpfe an der Uniform tragen durfte, aufrichtig bedauerten. Auf allen seinen Reisen durfte er nie an’s Land gehen und alle Zeitungen und Bücher, die er in die Hand bekam, wurden vorher revidirt; selbst die allerunschuldigste Annonce eines amerikanischen Hauses wurde herausgeschnitten, und so konnte es sich ereignen, daß er in Mitten der Berichte über Napoleon’s Schlachten oder Canning’s Reden ein großes Loch fand.

Als Capitän Shaw heimcommandirt wurde, lief er Capstadt an und signalisirte nach mehrtägigem Warten die ansegelnde „Warren“. Seither hatte Nolan seine Gefangenschaft nur als [773] Posse angesehen und affectirte großes Vergnügen an der Seereise; nicht wenig erstaunte er aber, als er den Befehl erhielt, sich fertig zu machen, das Schiff zu verlassen, um seine zweite Reise, diesmal nach dem Mittelmeer, mit Capitän Philipps zu machen. Dieser Officier erzählt, daß, nachdem Nolan wieder aus seiner Cajüte trat, er geglaubt habe, einen andern Menschen vor sich zu sehen, der Unglückliche hatte sich überzeugt, daß es für ihn keine Heimkehr gab, selbst nicht um in’s Gefängniß zu gehen. Dies war die erste von den zwanzig nachfolgenden Umladungen, die er zu bestehen hatte, um seinen Wunsch in Erfüllung gehen zu sehen, und schrecklicher war sein Loos in der That, als das derjenigen Rebellen, welche seither gegen ihr Vaterland in Waffen standen, da sie doch in andern Ländern leben und an den Interessen der Heimath Theil nehmen können, wenn sie von dem Generalpardon ausgeschlossen werden.

Sein musterhaftes Benehmen während seiner Reisen hat zur Genüge dargethan, daß er seine Thorheit bereute und sich wie ein Mann in sein Schicksal ergab. Er hat nie absichtlich die Schwierigkeiten der peinlichen Lage derer vermehrt, welche ihn zu bewachen hatten; Zufälligkeiten ließen sich indessen nicht vermeiden, aber nie hat er sie hervorgerufen. Von den mannigfachen Vorkommenheiten, die ihn schmerzlich an die verscherzte Heimath erinnerten, wollen wir, um zu beweisen, wie sehr er seinen Verlust empfand, unsern Lesern nur drei Fälle vorführen.

Es war während Nolan’s Gefangenschaft auf dem „Brandywine“, als einer der Officiere von einem Cameraden in Alexandria eine ganze Kiste voll Bücher lieh, was in damaliger Zeit als ein wahrer Glücksfund angesehen wurde. Auch Nolan ward eingeladen sich dem Kreise anzuschließen, der sich an dem schönen Augustnachmittage auf dem hintern Deck unter dem Zelt gebildet hatte. Man wollte vorlesen, um die Zeit angenehmer zuzubringen, und auch an ihn kam die Reihe des Vortrags. Man hatte Scott’s kürzlich erschienenes „Lied des letzten Minstrels“ gewählt und Alle waren entzückt davon. Mit Pathos begann Nolan den sechsten Gesang, ohne zu ahnen, was ihn treffen würde:

Wem schleicht so träg’ und bang’ das Blut?
Der niemals rief in hoher Gluth:
Sei mir gegrüßt, mein Vaterland!

Alle sahen einander betroffen an und Nolan erblaßte, mußte aber hoffen, daß nichts mehr erfolgen würde, und las weiter:

Wem klopfte nie der Busen hoch,
Wenn er zurück zur Heimath zog
Vom fernen fremden Strand?
Siebt’n Einen? Merk’ ihn wohl, den Wicht.

Er hatte nicht die Geistesgegenwart umzublättern, er schluchzte, purpurn glühte seine Wange, doch er las stotternd weiter:

Des Minstrels Lied erfreut ihn nicht.
So hoch sein Rang, sein Name steigt,
Bleibt auch kein Wunsch ihm unerreicht,
Trotz Rang und Titel, Prunk und Pracht,
Elender Wicht, Du wirst verlacht –

Dies war zu viel für ihn; wie ein angeschossenes Wild sprang er auf. Die Thränen stürzten aus seinen Augen, mit einem Ruck schleuderte er das Buch in die See und eilte in seine Cajüte.

„Zwei Monate lang,“ erzählt einer seiner alten Gefährten, „sahen wir ihn nicht unter uns.“

Nicht lange darauf, noch während des Kriegs mit England, ward das Schiff, auf dem er sich gerade befand, von einer feindlichen Fregatte attakirt. Eine Vollkugel schlug in eine der Luken des Amerikaners ein und tödtete den Officier nebst mehreren Mann – da erschien mitten in der Verwirrung Nolan wie der deus ex machina, übernahm das Commando, ließ die Verwundeten forttragen, lud mit eigener Hand die Kanone, richtete sie und ließ Feuer geben. Und so stand er als Befehlshaber des Geschützes, heiter und guter Dinge, kühlen Muths, feuerte die Leute an und schoß zweimal so oft als irgend ein Anderer, bis der stolze Engländer die Flagge strich und dessen Commandeur seinen Säbel übergab. Dann hieß es aber: „wo ist Nolan? Der Capitän will ihn sehen.“ Nolan kam. „Herr,“ redete ihn der Befehlshaber an, „Sie sind heute der Bravsten Einer auf diesem Schiff gewesen und ich werde über Sie berichten. Meinen Dank bezeuge ich Ihnen hiermit,“ setzte er hinzu, indem er ihm seinen eigenen Säbel einhändigte, „wer Ihnen mehr schuldet, wird es selber zahlen.“ (Er durfte nicht sagen: das Vaterland.)

Dies war der schönste Tag in dem Leben des Heimathlosen und bei allen festlichen Gelegenheiten hat er diese wohlverdiente Decoration getragen. Der Commandeur bat um Nolan’s Pardon beim Kriegsminister – aber nie hat er eine Antwort darauf erhalten. Man hatte angefangen die ganze Sache in Washington zu ignoriren, und Nolan’s Verhältnisse blieben dieselben, weil keine Ordres von dort kamen.

Außer seinen Büchern und der gelegentlichen Unterhaltung mit den Officieren hatte er Nichts, um seine Zeit hinzubringen. Aber er nützte diese, so gut er konnte, und in seiner Hinterlassenschaft fanden sich unzählige Zeichnungen und Sammlungen von naturgeschichtlichem Werth. Er kannte die Sprachen fast aller Länder, die er besucht hatte, und leistete dadurch vielfache Dienste als Dolmetscher. Bei einer solchen Gelegenheit war es, wo ihm schier das Herz brechen wollte. Sein Schiff hatte an der Nordwestküste Afrikas ein Sclavenschiff gekapert, und der Officier war in großer Verlegenheit, wie er den aufgeregten Schwarzen auseinander setzen sollte, daß er sie wieder an’s Land bringen werde.

Niemand sprach ein Wort Portugiesisch, welches einige der Neger an der Küste von Fernando Po gelernt hatten; da trat Nolan in’s Mittel, theilte denselben mit, was mit ihnen geschehen sollte, und man hoffte den Aufruhr zu unterdrücken. Statt dessen vermehrte derselbe sich aber auf bedenkliche Weise und Nolan verdolmetschte, daß die Schwarzen in ihre Heimath zurückgebracht zu werden verlangten. Ihm selbst standen die Schweißtropfen auf der Stirn; umringt von fast vierhundert Negern, von denen der eine ihn, von seinem Weib, der andere von seinem Kind und der dritte und vierte von Haus und Eltern erzählte, versagte ihm selbst die Stimme und nur mit großer Anstrengung wurde er endlich durch die Bewilligung ihrer Forderungen Herr der Situation. Wie nun aber die entzückte Masse sich auf ihn wälzte, ihn küßte und herzte und in ihren Freudenausbrüchen fast erdrückte, schwand ihm die Kraft, so daß er in’s Boot zurückgetragen werden mußte. Dort kam er bald wieder zu sich; als er aber im Hinterdeck neben dem jungen Lieutenant saß, da brach sein Schmerz mit ganzer Gewalt hervor und er mußte seinem gepreßten Herzen einmal Luft machen.

„Junger Mann,“ sagte er zu seinem Begleiter, mit dem er in spätern Jahren noch mehrere Reisen machte, „daraus mögen Sie erkennen, was es heißt, ohne Familie, ohne Haus und ohne Heimath zu sein. Und sollten Sie je sich so weit vergessen, Etwas zu thun oder zu sagen, was zwischen Ihnen und diesen Schätzen eine Scheidewand aufrichtet, bitten Sie Gctt, er möge in seiner Gnade Sie zu sich nehmen. Fesseln Sie sich an Ihre Familie, vergessen Sie das eigene Selbst, aber thun Sie Alles für diese. Sprechen Sie von ihr, schreiben Sie und denken Sie an dieselbe; je weiter Sie reisen, desto wärmer halten Sie fest daran, wie jene armen Sclaven dort. Und an dem Vaterland, an der Heimath, an der alten Flagge da – Junge, denke an nichts, als ihnen zu dienen, und wenn dieser Dienst Dich durch die Hölle jagte! Laß keinen Abend vorübergehen, an dem Du nicht Gott bittest, die Flagge zu segnen, und was Dir auch begegnet, wer Dir auch schmeichelt, sieh keine andere an! Hinter all jenen Männern, mit denen Du verkehrst, steht Dein Vaterland und dem gehörst Du an, wie Deiner eigenen Mutter. Schande und Schmach auf den, der seine Mutter verläßt! O Gott,“ flüsterte er für sich. „wenn ein Mensch zu mir so in meiner Jugend gesprochen hätte!“

Oft ist es auch später noch versucht worden, dem armen Heimathlosen Erlösung zu verschaffen, aber Niemand glaubte in Washington an die Existenz eines solchen Mannes. Es ist nicht der erste Fall, daß ein Departement sich den Anschein giebt, als ob es nichts wisse. Für die Commandeure des Marinegeschwaders war die ganze Sache eine höchst delicate, und wir müssen gestehen, daß es ein Beweis von dem ehrenhaften esprit de corps der Seeofficiere ist, das Geheimniß bis zu Nolan’s Tode nicht in die Oeffentlichkeit dringen zu lassen, denn selbst dem Bereich der allmächtigen Presse der großen Union ist es fern gehalten worden. Es ist mit Nolan’s Fall so wie in vielen andern Dingen, wo man in einem Amte zum Selbsthandeln gezwungen wird: „Hast Du Erfolg, so wird man Dich unterstützen; mißlingt Dein Versuch, wird man Dich verleugnen.“ Die Ordre, Nolan in der Welt herumzuführen, war da – die Contreordre fehlte – der Beamte muß sich an das Gesetz halten, und so gern Mancher den unglücklichen Nolan – denn das war er im vollsten Sinn des Worts – hätte entkommen lassen, er durfte es nicht thun, wenn er nicht seine eigene [774] Stellung gefährden wollte, und Cassation ist kein angenehmes Wort für einen Officier.

Auf seinem Sterbebette – er war nahezu achtzig Jahre alt geworden – flehte er um die Gnade, Etwas von Amerika hören zu dürfen, ehe es mit ihm zu Ende ging, und zum ersten Male seit dem langen Zeitraume von sechsundfünfzig Jahren gab ihm einer der ihm befreundeten Officiere ein getreues Bild seines Heimathlandes, was es geworden war, wie es gedieh, welche Bedeutung es für die Gegenwart gewonnen. Mit dem Lächeln seliger Befriedigung hörte er zu und sah, wie sich ein mächtiges Gebäude vor seinen Blicken entfaltete. Nur Eines konnte der Freund nicht über sich gewinnen: von dem Bruderkriege durfte Nolan nichts wissen. Als er sich schwächer fühlte, mußte derselbe das neben ihm liegende Gebetbuch öffnen und die angezeichnete Stelle lesen. Sie lautete: „Für uns selbst und im Namen unseres ganzen Landes danken wir Dir, o Gott, daß Du uns, trotz unserer mannigfachen Vergehen, Deine Gnade erhalten hast. Segne und erhalte Deinen getreuen Diener, den Präsidenten der Vereinigten Staaten und Alle, die ein öffentliches Amt bekleiden.“ Dann schlief er ruhig ein, mit sich selbst und aller Welt in Frieden.

In seiner Bibel lag ein Zettel, auf dem er die Bitte niedergeschrieben hatte: „Begrabt mich im Meer, es ist meine Heimath geworden und ich habe sie lieben gelernt; hat die Regierung, welche mich so hart gestraft hat, so viel Achtung vor mir bewahrt, daß sie mir in Fort Adams einen Gedenkstein setzen will, so sage sie auf demselben:

In Memoriam
Philipp Nolan,
Lieutenant in der Vereinigten Staaten Armee,
Friede sei mit Dir!“

F. v. W–te.