Ein Marschall der Presse

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Titel: Ein Marschall der Presse
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aus: Die Gartenlaube, Heft 29, S. 467–470
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1872
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
hierzu Erklärung von Albert Schäffle in Heft 46
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Ein Marschall der Presse.


Die Gartenlaube (1872) b 467.jpg

Max Friedländer.

In der Fülle der Kraft, hinter sich reiche Errungenschaften, deren Erstrebung allein schon ein Leben lebenswerth macht, vor sich weitgesteckte Lebensziele, und mitten in Reichthum und Glück und Macht und Ruhm – Alles selbst geschaffen, selbst errungen – vom Tod ereilt zu werden: das ist ein hartes, ein tieftragisches Ende! Treten wir etwas näher an das Bild eines Lebens, das also schloß.

Max Friedländer, der vielgenannte Redacteur der „Neuen Freien Presse“, wurde am 18. Juni 1829 zu Pleß in Schlesien als Sohn eines wohlhabenden Fabrikanten geboren und legte den tüchtigen Grund zu seiner Wissenschaftlichkeit in der Schulpforta. In Breslau und Heidelberg studirte er die Rechte, promovirte in Berlin und trat in den preußischen Justizdienst. Durch eine Broschüre über den in Eisenach abgehaltenen Studententag von 1848 bewährte er zuerst seinen schriftstellerischen Beruf und dies verschaffte ihm Eingang in die Redaction der „Neuen Oderzeitung“, an welcher Temme, Dr. Julius Stein und Dr. Moritz Elsner – alle Drei Mitglieder der preußischen Nationalversammlung von 1848 – so lange wirkten, bis das Blatt zu Tode gemaßregelt war. Nach dem Eingehen des Blattes schrieb Friedländer ein 1856 erschienenes, heute noch mustergültiges Werk über den „Rechtsschutz gegen Nachdruck und Nachbildung“ – die Frucht seiner juridischen Studien und schriftstellerischen Erfahrungen. Im Sinne dieses Buches hat er sein Lebenlang gewirkt, besonders auf den deutschen Journalistentagen, zu deren Vorsitzendem er wiederholt gewählt wurde.

Durch Geburt und Familienbeziehungen stand er den österreichischen Verhältnissen sehr nahe, und so war er recht eigentlich dazu ausersehen, auf Grundlage tüchtiger preußischer Schulung sich in den österreichischen Verhältnissen zurechtzufinden und sie geistig zu durchdringen. Nachdem er zuerst durch Correspondenzen Fühlung mit der Hauptstadt Oesterreichs gewonnen hatte, kam er 1857 nach Wien; damals war die österreichische Publicistik eine Art Sprechmaschine, welche nur das reden durfte, was die hohe Polizei auf ihre Stifte und Walzen zu legen gestattete, und so führten die politischen Tagesblätter eben eine sehr bescheidene, gänzlich einflußlose Existenz. Dennoch folgte Friedländer dem Rufe an das damals erste Blatt Oesterreichs, Zang’s „Presse“. Als er nach Wien kam, traf er in dem Redactionsbureau der „Presse“ den Schriftsteller Michael [468] Etienne, der seine Berufung veranlaßt hatte. Beide Männer fanden sich rasch zusammen und begründeten einen Bund der Geister und Herzen, welcher erst durch den Tod zerrissen wurde. Sie waren grundverschiedene Naturen. Friedländer concret, realistisch, das Auge für alle Erscheinungen des praktischen Lebens offen haltend und dieselben mit lebendigem Interesse beobachtend, vielseitig ohne Oberflächlichkeit, geschäftskundig, über den großen Gesichtspunkten das kleine oft genug entscheidende Detail nicht vergessend, ein polemischer Denker, in welchem mehr der Verstand als die Phantasie arbeitete. Etienne hingegen idealistisch, voll Schwung der Anschauung und des Ausdrucks, die Weltereignisse in großen Umrissen erfassend und in ihren Ursachen und Wirkungen verknüpfend, bei den Einzelformen, in welchen sich diese Erscheinungen manifestiren, mit geringerem Interesse verweilend, eine Natur von ursprünglicher Phantasie in der Schule des Denkens und der Erfahrung geläutert. Nach ihren beiderseitigen Anlagen ergänzten sie sich Beide und fanden auch die richtige Abgrenzung ihrer Wirkungssphäre: Friedländer wurde spiritus rector der inneren Politik der „Presse“, ohne dem volkswirthschaftlichen Theile, für welchen er berufen war, entfremdet zu werden. Etienne leitete die auswärtige Politik des Blattes. So war es zuletzt bei der „Presse“, so bei der von ihnen gemeinschaftlich begründeten „Neuen freien Presse“.

Es war allerdings eine Gunst des Schicksals für Friedländer, daß das absolutistische System in Oesterreich so rasch zusammenbrach. Die österreichische Presse erhob sich mit dem Wiedererwachen des constitutionellen Lebens zu ungeahnter Bedeutung. Es war der Geist der Actualität, des unmittelbaren Eingreifens in die Tagesereignisse durch rasche, schneidende, polemisch gewürzte, rücksichtslose, zum Theil persönlichen Angriffen nicht fremde Kritik, welcher der politischen Presse diesen Erfolg errang. Und Friedländer, auf welchen die schonungslose, fast verhärtende Schule August Zang’s nicht ohne tiefe Einwirkung geblieben, war der Vater dieses Geistes der österreichischen Publicistik.

Der erste Fall, in welchem die „Presse“ einen großen politischen Einfluß übte, war 1860 der berühmte Proceß „Richter“, welcher den späteren österreichischen Minister Dr. Berger auf die Höhe seines Ruhmes führte, obwohl der Zweck desselben, die militärischen und diplomatischen Mißerfolge einer talentlosen Kaste von professionellen Regierern den Schultern der Bourgeoisie aufzuladen, nicht erreicht wurde. Dann kam, als constitutionelle Zwischenepoche, die Zeit des verstärkten Reichsrathes, dessen Frucht bekanntlich leider das Octoberdiplom war.

Wie mächtig aber in der kurzen Zeit seit dem österreichisch-italienischen Kriege der Einfluß der politischen Zeitungen im Allgemeinen und der „Presse“ insbesondere gewachsen war, lehrt folgende Thatsache. Es war am Tage vor der Publication des October-Diploms, als der damalige leitende Minister, Graf Rechberg, Dr. Friedländer zu sich bitten ließ, um ihm das October-Diplom und dessen bevorstehende Kundmachung zur Kenntniß zu bringen und ihn zu einer günstigen Besprechung desselben in der „Presse“ zu vermögen. Friedländer machte dem Staatsmanne gegenüber kein Hehl aus seiner ungünstigen Meinung über diese jüngste Schöpfung österreichischer Staatskunst, welche das Reich desorganisire. Der Publicist rieth dem Staatsmanne dringend, all seinen Einfluß aufzubieten, um zu verhindern, daß dieses Diplom das Licht der Welt erblicke. „Unmöglich,“ antwortete Graf Rechberg, „der Kaiser reist morgen nach Warschau zur Begegnung mit dem Kaiser von Rußland, da muß dem Reiche eine Verfassung gegeben sein.“ So war die österreichische Verfassung zu einer Frage der auswärtigen Politik geworden.

Friedländer bekämpfte das October-Diplom, und was er dem Minister angerathen, blieb auch fortan sein Ziel. Der Zug der öffentlichen Meinung bewegte sich unter dem Einflusse der „Presse“ so mächtig, daß Graf Rechberg selbst den ehemaligen deutschen Reichs- und österreichischen Gesammtstaatsminister Anton Ritter v. Schmerling, den Vertreter der einheitlichen, durch eine Gesammtverfassung zusammenzuhaltenden Monarchie, sich beigesellte. Die Februarverfassung entstand. So mächtig war nun bereits der politische Einfluß der „Presse“, daß kein Minister ihrer Unterstützung entrathen zu können glaubte. Auch Schmerling ließ Dr. Friedländer zu einer Besprechung einladen, in welcher er die Februarverfassung zu dessen Kenntniß brachte. Als Friedländer, statt des aus den Landtagsdelegirten bestehenden Reichsrathes, einen direct gewählten Reichstag forderte, glaubte ihn der neue Verfassungsminister mit der Bemerkung abzufertigen: „Euch Allen stecken noch die achtundvierziger Ideen im Kopfe.“ Nichtsdestoweniger widmete Friedländer, als die Februarverfassung erschien, der mit letzterer inaugurirten Politik seine publicistische Unterstützung. Denn die Februarverfassung bekundete einen so ungeheuren Fortschritt gegenüber dem Absolutismus des verflossenen Decenniums, daß sie als der denkbar günstigste Ausdruck der augenblicklichen Entwicklungsphase den vollsten Anspruch auf wohlwollende Kritik hatte. In allen Fragen des Liberalismus kämpfte Friedländer für die liberalere Richtung; so in der Frage des Preßgesetzes, bei dessen Berathung Schmerling das seitdem berühmt gewordene Wort „Wir können warten“ in dem Sinne sprach, daß nicht die Regierung ein Interesse an dem raschen Zustandekommen habe.

Im Jahre 1864 entschlossen sich Friedländer und Etienne, selbst ein großes Blatt zu gründen. Ihnen schloß sich der geschäftskundige Chef der Administration der „Presse“, Werthner, an. Die „Neue freie Presse“ entstand. Am 1. September erschien ihre erste Nummer. Und an dieser seiner eigensten Schöpfung bewährte sich das ganz außerordentliche Organisirungstalent und die Universalität der Begabung Friedländer’s. Dieser war unermüdlich, alle Rubriken des Blattes sorgfältig und den Bedürfnissen des Publicums entsprechend einzurichten. Nichts war so unbedeutend, daß es seiner Aufmerksamkeit entging; von dem Zahne an dem Maschinenrade bis zum Feuilleton und dem Leitartikel hinauf erfuhr Alles seine gestaltende Thätigkeit. Charakteristisch für seine Auffassung der Aufgabe einer großen Zeitung ist die Bemerkung, welche er einmal zu Kuranda, dem geistvollen Publicisten und Herausgeber der „Ostdeutschen Post“ machte, welches Blatt sich trotz seines Einflusses auf die intelligentesten Kreise und seiner literarisch und politisch ausgezeichneten Führung nicht in dem gesteigerten Concurrenzkampfe behaupten konnte. „Ihr Blatt ist an den schlechten Spiritusberichten zu Grunde gegangen,“ so lautete das geflügelte Wort. Natürlich ist dasselbe nicht buchstäblich zu nehmen. Seine Sorgfalt ging so weit, daß er sogar dem Courszettel für die „Neue freie Presse“ eine besondere, rationelle, dem Bedürfnisse seines Lesepublicums angepaßte Eintheilung gab.

Die Gründung der „Neuen freien Presse“ fiel in die Zeit der untergehenden Herrlichkeit Schmerling’s. Das Blatt stellte sich sofort auf die Seite der Opposition und trug dadurch wesentlich zum Sturz des Staatsministers bei. Aber der Sieg der Verfassungspartei war doch ihre Niederlage. Schmerling ging, Belcredi kam. Die Verfassung wurde sistirt. Oesterreich führte den unheilvollen deutschen Krieg. In dieser Epoche bewährte sich das neue Blatt glänzend. Der Krieg gab demselben Gelegenheit, eine außerordentliche Rührigkeit in den Mittheilungen vom Kriegsschauplatze zu bethätigen. Die „Neue freie Presse“ war es, welche die ersten telegraphischen Nachrichten über den Fortgang der Schlacht von Sadowa brachte, Nachrichten, welche von ihrem Specialcorrespondenten auf einem vergessenen Eisenbahntelegraphenapparate in Pardubitz von Stunde zu Stunde nach Wien telegraphirt und in vielen Tausenden von Extrablättern verbreitet wurden. Weder der Kaiser noch der Kriegsminister hatten Berichte; auch sie waren an die Telegramme der „Neuen freien Presse“ gewiesen. Ihre Mittheilungen vom Kriegsschauplatze hatten dem Blatte einen außerordentlich erweiterten Leserkreis und eine in Oesterreich unerhörte Macht gewonnen. Der Kampf, den sie dabei führte, endete mit der siegreichen Anfechtung der Decemberverfassung.

Friedländer’s höchstes Verdienst wohl ist, daß er die Beschickung des außerordentlichen Reichsraths, zu welcher namhafte Führer der Verfassungspartei schon bereit waren, durch Aufregung der öffentlichen Meinung zu verhüten wußte und so den Sturz Belcredi’s erzwang. Auch das Bürgerministerium legte das größte Gewicht auf die Unterstützung Friedländer’s, welcher dieselbe nicht blos in der „Neuen Freien Presse“ gewährte. Denn auch das Rundschreiben des Ministers des Innern, Dr. Giskra, an die Statthalter, in welchem er denselben die Linien ihrer administrativen Thätigkeit vorzeichnete, und welches den entschiedensten Beifall der öffentlichen Meinung fand, stammte aus Friedländer’s Feder. Die parlamentarische Verfassungspartei hatte zum ersten Male von der Regierung Besitz ergriffen, und deshalb sah es Friedländer für seine patriotische Pflicht an, das Ministerium der Verfassungspartei in der Gunst der öffentlichen Meinung zu [469] fördern. Aber diese selbstauferlegte Pflicht hinderte ihn nicht, unabhängige Kritik an den dieselbe nur allzu oft herausfordernden Maßregeln zu üben.

Als den Honigmonden des Verfassungslebens bald die Zeit der Verworrenheit folgte, wo Jeder ein Ausgleichsrecept feilbot, wo Graf Beust, den Hofwünschen und seinen eigenen unklaren Neigungen nachgebend, die Verfassungspartei durch Ausspielung der radicalen Elemente wider sie – in allerdings virtuoser Weise – zersetzte, bewahrte Friedländer den Principien der Partei unerschütterliche Treue. Wenn er damals in das Ausgleichsfahrwasser hinübergelenkt hätte, so war die Verfassungspartei an’s Messer geliefert. Aber sein zur Macht gewordenes Blatt bewährte sich als einen Fels, an dem sich die verworrenen Ausgleichswogen brachen, besonders als mit dem glänzenden Erfolge der deutschen Waffen und der Wiederaufrichtung des deutschen Reiches auch in Oesterreich das gehobene deutsche Nationalbewußtsein eine plötzliche und vollständige Wandlung in der allgemeinen Volksstimmung hervorbrachte.

Friedländer und Etienne waren Eines Sinnes in der Bethätigung deutscher Sympathie; das deutsche Stammesbewußtsein, das Bedürfniß nach einer Kräftigung des Deutschthums gegenüber slavischem Ansturme, die richtige Würdigung entarteter französischer Zustände, die geschichtliche Ueberlieferung Oesterreichs, dessen unbedingtes Friedensbedürfniß, die Aussicht auf eine Verbindung Oesterreichs und Deutschlands, welche die habsburgische Monarchie als deutsche Macht erhalten und den Frieden Europas für die Zukunft sichern würde, das waren die Beweggründe, welche die beiden Chefredacteure der „Neuen Freien Presse“ bestimmten, ihrem Blatte die viel angefochtene und verdächtigte deutsche Haltung zu geben.

Die Epoche Hohenwart-Schäffle war die Glanzzeit der Friedländer’schen Thätigkeit. Der damalige schmachvolle Versuch, die Deutschen aus ihrer leitenden Stellung in Oesterreich zu verdrängen und die Slaven an deren Stelle zu setzen, erregte den deutschen Mann im Innersten seiner Seele. Seine reiche Gedankenwelt schien in einer früher nicht erreichten Fülle ihre Grenzen zu erweitern und immer neue Argumente aus den Maßregeln der Gegner zu gewinnen. Die Gedanken strömten ihm in wahrer Unerschöpflichkeit zu. Seine Arbeitskraft war in’s Riesenhafte gesteigert. Diese fast fieberhafte Thätigkeit entsprach ebenso sehr einem inneren Bedürfnisse als der Sorgfalt eines umsichtigen Redacteurs, das Blatt nicht zu gefährden und der Partei nicht im entscheidenden Augenblicke ein einflußreiches Organ zu entziehen. Die Regierung versuchte auf mannigfache Art die gefährliche Opposition dieses Blattes zu brechen. Friedländer wies jeden Versuch einer Einwirkung ab. Gleich nach seinem Amtsantritte hatte auch Graf Hohenwart ihn zu einer Unterredung eingeladen, um ihm seine Absichten darzulegen.

Bezeichnend für die damals schon weitangelegten Pläne der Föderalisten ist es, daß Graf Hohenwart die centralistische Saite in Friedländer berührte und ihn durch die Aussicht auf eine gewisse auch Ungarn umfassende Staatseinheit gewinnen zu können glaubte. Friedländer erwiderte trocken, die Verfassungspartei habe zwar den Vertrag mit Ungarn nicht gern geschlossen, aber sie sei gewohnt, Verträge zu halten. Selbst Schäffle fühlte – allerdings in einer späteren Epoche – das Bedürfniß, sich Friedländer zu nähern. Er ließ durch einen gemeinsamen Bekannten untergeordneter Art – denn Schäffle stand als Minister social sehr vereinsamt da – Friedländer bitten, ihn in seinem Ministerhôtel zu besuchen. Der Eingeladene antwortete mit einer kurz angebundenen Ablehnung. Darauf ließ Schäffle anfragen, ob Friedländer ihn in der Redaction empfangen würde. Abermaliges „Nein“ mit dem Zusatze, falls Schäffle vorsprechen sollte, würde Friedländer sich verleugnen lassen. Endlich bat Schäffle, ihm, nicht dem Minister, sondern dem Professor, eine Unterredung in Friedländer’s Privatwohnung zu gestatten. Friedländer sagte zu, und in zwei Sommernächten, zwischen zehneinhalb und zwölf Uhr, schlich der Minister nach dem in Döbling gelegenen Landhause des Publicisten. Mit welchem Erfolge, ist bekannt. Die unerschütterliche Haltung der „Neuen Freien Presse“ belebte die tief herabgestimmte Verfassungspartei, deren Muth in allen Kreisen, um mit einem der bedeutendsten österreichischen Dichter zu sprechen, im Grunde doch nur „geschminkte Furcht“ war.

Die aufreibende, ein in Friedländer ungeahnt schlummerndes Herzleiden nur allzu sehr fördernde Thätigkeit hatte Erfolg. Als ob die Vorsehung ihm nur so lange seine volle Kraft gewahrt hätte, als der slavisch-feudale Gegner zu bekämpfen war, brach dieselbe nach dem Siege der Verfassungspartei zusammen. Er wurde leidend, war des Tages wiederholt von Krampfanfällen heimgesucht, brachte die Nächte zum Theile schlaflos zu und hatte wiederholt Ohnmachtsanfälle. Die zu Rathe gezogenen Aerzte, darunter Capacitäten ersten Ranges, wie Skoda, erkannten das Leiden nicht und diagnosticirten auf eine Affection des Frontalnervs; allerdings nicht völlig unbesorgt über den Zustand Friedländer’s, empfahlen sie demselben Luftveränderung. Friedländer, der trotz des Leidens sich seiner gewohnten journalistischen Thätigkeit hingegeben hatte, ging nach Nizza, fühlte sich dort in kurzer Zeit sehr erleichtert und kehrte, anscheinend wohl, über Paris nach Wien zurück; nur eine starke Heiserkeit war zurückgeblieben. Die jetzt consultirten Aerzte, Schrötter und Bamberger, sahen nun tiefer; sie erkannten, daß Friedländer an einem Herzfehler leide, und insbesondere der Letztere – der Nachfolger Oppolzers auf dem Universitätsstuhle – erklärte das Leben Friedländer’s als unmittelbar bedroht. Diese Diagnose war nur zu richtig. In der Nacht vom 20. auf den 21. April war Friedländer nach kurzem Todeskampfe eine Leiche. Er starb an Erweiterung der großen Körperpulsader.

In ihm hat Oesterreich einen wahren Patrioten verloren, der, obwohl auf preußischer Scholle geboren, doch durch und durch Oesterreicher war und sich wie vielleicht Wenige in das Detail der inneren österreichischen Politik eingelebt hatte. Es ist eine häufig zu beobachtende Erscheinung, daß die begabten, gründlich gebildeten Norddeutschen nach kurzem Aufenthalte in diesem Reiche mit Leib und Seele Oesterreicher werden, während die unwissenden Einwanderer sich stets hochmüthig absprechend gegen ihr Adoptivvaterland zeigen. Auf jene wirkt gewinnend und begeisternd das frisch-gesunde, oft kindlich naive, aber äußerst lernbegierige, für Großes und Edles leicht zu begeisternde Volksthum, das edlem Thone gleicht, welchen die in strenger preußischer Schule erzogenen, an den kategorischen Imperativ gewöhnten und darum zum Leiten befähigten Norddeutschen zu den vollendetsten Schöpfungen zu gestalten vermögen. Und Friedländer folgte dem Zuge der gebildeten Preußen: er wurde ein leidenschaftlicher Oesterreicher, nachsichtig gegen alle Schwächen seiner neuen, streng gegen die Fehler seiner alten Landsleute. Der Verfassungspartei ist in ihm ihr bedeutendster publicistischer Kämpfer entrissen worden, der sie oft wie mit athletischen Armen über den Abgrund, in den sie zu versinken drohte, emporgehalten und dem sie in ihrer von ihm in vertraulichem Kreise oft genug gegeißelten Schwäche durch Gründung eines allerdings dahinsiechenden Parteiblattes mit Undank lohnte. Seine publicistischen Freunde und Gesinnungsgenossen entbehren den Führer, dem sie gerne folgten, weil sie seine Ueberlegenheit willig anerkannten.

Und seine Familie … ja, da zerschnitt der Tod ein Band, das mit der Stärke der innigsten Liebe Herzen verknüpfte. Friedländer war seit etwa zehn Jahren mit der früheren Schauspielerin Regine Delia verheirathet, welcher Ehe vier Kinder entsprossen. Sein Familienleben war ein außerordentlich glückliches, ein geradezu leuchtendes Muster deutscher Innigkeit. Anscheinend kalt, gleichgültig gegen die Menschen, wortkarg, formlos im Umgange mit denselben, sein Gemüthsleben tief in sich verschließend, öffnete sich sein Herz, wenn er nach vollbrachter Arbeit die Wohnräume seiner Familie betrat. Da belebten Strahlen herzinnigsten Glückes, ein Wiederschein seiner Seelenempfindung, sein Antlitz, seine Kälte und Gleichgültigkeit wich dem lebendigsten Interesse, der vollen, fast leidenschaftlichen Hingebung an seine Theuren, die Wortkargheit war verschwunden die Formlosigkeit machte den zartesten Aufmerksamkeiten Platz, mit welchen er seine geliebte Frau überschüttete. Die Abende waren häufig der Geselligkeit gewidmet; das Ehepaar Friedländer empfing die beste Gesellschaft in seinen mit feinstem Geschmacke ausgestatteten Salons, welcher Verkehr gleichzeitig mit ein Element des politischen Einflusses war, den Friedländer übte. Nun herrscht Trauer und Vereinsamung in diesen prächtigen Räumen. Die Glücksgüter sind seiner Frau geblieben; dafür sorgt sein letzter Wille, der mehr als durch die Nachlaßbestimmungen durch den rührenden Ton der Rede von der Liebe des Verstorbenen zu ihr Zeugniß giebt: „Mein letzter Gedanke, [470] mein letztes Wort, mein letzter Athemzug wirst Du sein, Regine, nur Du, trotz unserer vier geliebten Kinder, denen Du es sagen mußt, welchen Vater sie verloren haben.“ So schließt sein letzter Wille.

Friedländer war der geborene Pfleger aufkeimender Talente. Nie vielleicht hat ein Mann so endlose Geduld mit den persönlichen Schwächen, den Launen und Aufwallungen Derer bewiesen, welche er aus dem Dunkel hervorgezogen hatte. Hatte er eine bildsame journalistische Kraft gefunden, so war ihm kein Opfer zu groß, sie für immer an sein Blatt zu fesseln, kein materielles und am wenigsten ein persönliches. Wollte doch Einer von seinen Mitarbeitern sich losreißen, so wußte er ihn durch rührende Bitten zu halten. Kein edel angelegter Charakter vermochte „Nein“ zu sagen, wenn Friedländer, der sonst in seinen Ausdrücken so prägnant, fast hart war, in unbeschreiblich weichem Tone, mit herzbewegender Geberde sagte: „Bleiben Sie bei uns! Es ist Ihnen ja doch nirgends wohler als bei uns!“

Das ist das bleibende Denkmal Friedländer’s, daß er nicht blos selbst wirkte, sondern daß er einen Kreis von Männern heranzog, welche unter Etienne’s bewährter Leitung das Blatt so fortzuführen wissen werden, als ob er selbst noch unter den Lebenden weilte.