Ein Riesenthier der Vorwelt

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Titel: Ein Riesenthier der Vorwelt
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aus: Die Gartenlaube, Heft 29, S. 392–393
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1856
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Ein Riesenthier der Vorwelt.

Die Natur scheint in frühern längst vergangenen Zeiten gewissermaßen eine Vorliebe für die Bildung riesenhafter, elephantenartiger Thiere gehabt und jedem Lande eine besondere Art dieser nichts weniger als schönen Geschöpfe zugetheilt zu haben; denn während Asien und Afrika heut zu Tage noch ihre Elephanten haben, lebten solche Geschöpfe, größer als die jetzigen, durch ihr mit Wolle und grobes Haar bekleidetes Fell dem gemäßigten und kalten Klima angepaßt, in Menge in den nördlichen Breiten Asiens, Europa’s, Amerika’s, ja Australiens. Es beweisen dies die zahlreichen Knochenüberreste, die man in allen den genannten Ländern, bis nach Sibirien, findet und die von den Gelehrten einigen vorweltlichen Thieren zugeschrieben werden, welche sie Mammuth, Mastodon u. s. w. nennen, und welche nahe Verwandte unsers wohlbekannten Elephanten waren.

Einzelne Knochen dieser Thiere und mehr oder weniger vollständige Sammlungen aller Knochen eines solchen Geschöpfes kannte man schon längst, und namentlich machte das riesige Geripp eines solchen Aufsehen, das Koch vor etwa fünfzehn Jahren in allen größern Städten Europa’s sehen ließ, und das sich jetzt in London befindet. Koch hatte die ungeheuern, lose gefundenen, Stoßzähne an seinem Exemplar, welchem er den Namen Missurium theristocaulodon gab, falsch eingesetzt, so daß dieselben wie zwei Sicheln horizontal nach rechts und links auswärts gerichtet waren. Wir erwähnen dies deshalb, weil dieser Koch’sche Irrthum durch seine Abbildung in viele andere Werke übergegangen ist. Von größter Merkwürdigkeit ist aber das Gerippe, das man im August 1845 in einer Mergelgrube bei Newburgh in Nordamerika fand und das unsere Abbildung zeigt, weil bei demselben nicht nur alle Knochen in der natürlichen Lage beisammen, sondern sogar Ueberreste der Nahrung vorhanden waren, die das Thier zu sich genommen hatte.

Die Arbeiter in der Mergelgrube stießen auf etwas Hartes. Sie gaben sich Mühe, dasselbe unverletzt zu Tage zu bringen, und bald lag ein riesiger massiver Thierschädel mit zwei langen weißen Stoßzähnen vor ihnen. Der Kopf fand sich nur fünf Fuß tief unter der Erdoberfläche. Nachdem man den Schädel und den Unterkiefer weggenommen hatte, kamen die Halswirbel zum Vorschein und ihnen folgten in natürlicher Lage die Rückenwirbel. Man fand ferner die Rippen, die Schulterblätter und die Knochen der Vorderbeine, die wie zum Gehen nach vorn ausgestreckt waren; endlich das Becken und die Knochen der Hinterbeine, die am tiefsten im Mergel lagen. Kurz, das ganze Geripp des Ungethüms aus der Vorzeit kam nach und nach zu Tage bis zu dem letzten kleinsten Knochen der Schwanzspitze. Der Fund machte großes Aufsehen, und da sich der Ort dicht an einer Straße befand, wurde er von Tausenden betrachtet und bewundert.

Aber nicht nur das vollständige Gerippe eines und desselben Mastodon wurde herausgegraben, nebst der ganzen Zahnreihe des Thieres, sondern auch die Nahrung, die es zuletzt zu sich genommen, ließ sich unzweifelhaft in einer Masse von zermalmten

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Die Gartenlaube (1856) b 393.jpg

Das Mastodon.

Zweigen, Blättern und anderm Pflanzenstoff erkennen, die unter den Rippen, in der Höhlung, welche dieselben einschließen, vom Brustbeine an bis zum Becken, ziemlich fest verbunden mit der concaven Seite der Knochenwände der Bauchhöhle, lag. Die größten Stücke der zerkaueten Zweige hatten ein Viertel bis drei Achtel Zoll im Durchmesser, und waren einen bis anderthalben Zoll lang. – Sie sahen aus „wie in einem Schraubestock zerdrückt.“ Diese grobzermalmten Zweige- und Blätterreste bildeten an der Stelle, wo sich der Magen befunden haben muß, eine Masse von gegen sechs Scheffeln; ein Streifen fein zertheilten Pflanzenstoffes, drei Fuß lang und vier Zoll im Durchmesser, lief in der Richtung des Darmes bis unterhalb des Beckens. Durch mikroskopische Untersuchung der am wenigsten veränderten Zweigreste erkannte man, daß die von röthlicher Farbe von einem fichtenartigen Baume herrührten, während die von schwarzer Farbe von verschiedenen Baumarten waren. Einer der berühmtesten Botaniker, dem Proben davon zur Untersuchung gesandt wurden, erklärte: „Die Struktur ist eine mir unbekannte, obgleich ich etwas Aehnliches in versteinerten Hölzern gesehen habe.“

Der merkwürdige Fund wurde von Dr. Warren in Boston gekauft, der die einzelnen Knochen auf seine Kosten zusammensetzen und das Gerippe in einem eigens dafür aufgeführten feuerfesten Gebäude aufstellen ließ, wo es nun seit 1850 zu sehen ist. Der Eigenthümer ließ ferner von dem Ganzen, wie von verschiedenen Theilen ganz genaue Zeichnungen machen, dieselben sorgfältig in Kupfer stechen und schenkte Abdrücke davon nebst einer äußerst gründlichen, wissenschaftlichen, ausführlichen Abhandlung über dieses vorweltliche Thier an verschiedene Anstalten in Amerika und Europa. Er ist bei seinen Untersuchungen über die wahrscheinliche Lebensweise und Nahrung dieses vorweltlichen Thieres zu dem Resultate gekommen: „Das Mastodon besaß ohne Zweifel auch einen Rüssel, dessen Zweck, wie bei dem noch jetzt lebenden Elephanten, war, Baumzweige als Nahrung zu fassen und abzubrechen und die eigenthümlich eingerichteten sehr harten Zähne waren vollkommen geeignet, solche Nahrungsstoffe genügend zu zermalmen.“

Zum Schlusse noch für unsere Leser die Bemerkung, daß der Name Mastodon, Zitzenzahn, dem Thiere wegen der Form seiner Kau-Zähne gegeben worden ist, die Ähnlichkeit mit den Zitzen eines Kuheuter haben und daß derselbe Mástodon (das o in der Mitte kurz) ausgesprochen wird.