Ein Talisman oder Schutzgeist des sächsischen Fürstenhauses

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Textdaten
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Autor: Johann Georg Theodor Grässe
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Titel: Ein Talisman oder Schutzgeist des sächsischen Fürstenhauses
Untertitel:
aus: Der Sagenschatz des Königreichs Sachsen, Band 1. S. 32-38
Herausgeber:
Auflage: Zweite verbesserte und vermehrte Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Schönfeld
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Erscheinungsort: Dresden
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Quelle: Google-USA* und Commons
Kurzbeschreibung:
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[32]
26) Ein Talisman oder Schutzgeist des sächsischen Fürstenhauses.
S. K. v. Weber, Aus vier Jahrhunderten. Lpzg. 1858. Bd. II. S. 335 etc.

Im K. S. Hauptstaatsarchiv zu Dresden befindet sich die Schrift eines gewissen Elias Geißler vom J. 1725, in welcher Folgendes über einen die Churfürstliche Familie betreffenden Talisman erzählt wird.

Churfürst Ernestus, als er mit seinem Bruder Albertus noch gemeinschaftlich regierte, schlief einst, nahe am Ofen sitzend, im Kloster Zelle bei Nossen; da träumte ihm, es komme eine seiner Vorfahrinnen und spräche zu ihm: da hast Du es wieder, was so lange Deiner Familie entwendet gewesen, so lange es ferner dabei bleibet, wird es wohl stehen, habe Acht. Da sie nun von fern ein zusammengewickeltes Tuch ihm zuwarf, traf sie den dazwischen stehenden Ofen und es fiel in’s Feuer, sie aber verschwand. Ernestus erwachte und sahe, daß wirklich der Ofen entzwei und ein dergleichen Tuch im Feuer lag, griff hinein und errettete es aus den [33] Flammen. Da er solches in Verwirrung entwickelte, fand er inliegend das Mazzaloth (eig. hebräisch Meschaloth, d. i. Zauberspruch).

Churfürst Johann Friedrich verfiel in Krieg mit Karl V., dessen Bruder Ferdinand bestach Johann Friedrichs Kammerdiener, welcher überging, Alles verrieth und Ferdinando das verlangte Mazzaloth mitbrachte. Johann Friedrich verlor die Schlacht gegen den Kaiser und wurde bei Mühlberg gefangen. Churfürst Mauritius erledigte den gefangenen Churfürsten der Gefangenschaft in Inspruck, Karolus V. retirirte sich und unter den Sachen, welche in höchster Eile vergessen wurden, fand sich im kaiserlichen Gemach ein Kästlein mit allerhand Kostbarkeiten und Antiquitäten, dabei das verlorene Mazzaloth lag. Mauritius, solches sehend, nahm es zu sich und sagte weiter nichts als (die Verse aus Ovid. Art. Amat. L. II. v. 1 u. 2.)

Dicite Io Paean et Io, bis dicite, Paean
Decidit in casses praeda petita mea.

Kurz vor der Schlacht bei Sievershausen entwendete es Schönburg von Glauchau, ein Hofjunker Mauritii, und wollte damit zu dem Markgrafen zu Brandenburg übergehen. Mauritius gewann die Schlacht, starb aber an dem empfangenen Schuß und im Treffen bekam man Schönburgen wieder sammt dem Mazzaloth. Franz von Reibisch, ein Bruder Bartholomäi (Sebastian) von Reibisch, der vor Mauritium in Ungarn sich von den Türken massacriren ließ, führte den von Schönburg in das haußen vor Sievershausen stehende kleine Kirchlein und massacrirte denselben, damit das Mazzaloth, zugleich zur verdienten Strafe und Versöhnung, unter Vergießung des noch warmen Blutes, bei heißen Sonnenstrahlen im Abdämpfen wieder Schechinach würde. Als Gustavus Adolphus, König von Schweden, nach Sachsen kam, gerieth es in dessen Hände, auf wes Art wird das Churfürstliche Haus wohl wissen. Gustav Adolph blieb bei Lützen; drei Stunden nach erlangter Schlacht hatten Holcke, Bannier, Wrangel, Torstensohn, wie der fünfte geheißen, ist [34] mir entfallen, Hertzog Bernharden von Weimar in der Pfarrstube zu Günthersdorff unversehens umringt, setzten das Gewehr zusammen ihm auf den Leib, mit Bedrohung des Todes, wenn er das Mazzaloth nicht gleich zur Stelle schaffe, das auch geschehen. Da nun Gefangene genug vorhanden, wurde es in der bei Lützen liegenden wohlbesetzten Gottesackerkirche durch Tödtung, indem zwei Stunden langsam erst 12, hernach 7 Personen ermordet wurden und das dreimal, Abends um 8 Uhr, um 12 Uhr Mitternachts und Morgens auf den Punct, da die Sonne den Horizont berührte, geschehen, wieder Schehinach gemacht. Unter denen, die getödtet wurden, waren zwei Grafen von Reuß, einer von Kirchberg und ein natürlicher Sohn Erzherzogs Ferdinandi des IIten, welchen er mit einer von Spiegelfeld erzeugt. Die Todten wurden mit den andern, als im Treffen geblieben, begraben. Ist also niemals wieder zu Sachsen gekommen.

Obgedachter Geißler wohnte nun im J. 1715 einsam in einem wohlverwahrten Weinbergshause, das nach Uebigau bei Dresden gehörte. Einst in der Nacht ward er durch heftiges Klopfen an der Thüre erweckt und gewahrte einen Reiter, der Einlaß begehrte, weil er mit ihm zu sprechen habe. Geißler öffnet aber, aus Besorgniß vor räuberischem Ueberfall, erst als es Tag geworden war, und der Fremde gab sich als einen Schweden, Namens Roße im Thal oder Rosenthal zu erkennen. Er zeigte Geißler das erwähnte Meschaloth, von dem Letzterer sagt, „daß es in einem antiken Büchslein läge, länglich viereckig, nach Proportion des Mazzaloth: es war ein wunderliches antikes Stücke, von Silber- und Goldarbeit, das die Zeit erreichte, da Bactrien unter Zoroaster in Flor gewesen, das Untertheil war ein ganzer Rubin, so groß als die ganze Büchse: das Mazzaloth ist auf weiße Materie wie seiden Papier, ist aber nicht von Seidenwürmern.“ Rosenthal forderte Geißler auf, unter der nöthigen Constellation einen Ueberzug über des Meschaloth zu machen, „damit es immer wie neu aussehe, auch durch die Eröffnung der Pforten neue Influenz bekäme“, gab ihm über das Verfahren [35] genaue Anweisung und händigte ihm das Meschaloth selbst aus, worauf er sich am dritten Tage während der Nacht entfernte. Geißler benutzte nun die Gelegenheit, das Meschaloth auf das Genaueste nachzumachen. Sieben Wochen ehe Karl XII. vor Friedrichshall blieb (also im October 1718) kam Rosenthal wieder, „hatte allen Präparat wohl verwahrt bei sich in einem involucro, das wegen der geschnittenen Edelsteine mehr als eine halbe Million werth war, wie denn Diamanten darunter waren von 15,16 Gran, gar einer von 19 Granen.“ Er brachte noch ein anderes Meschaloth, das schwedische, von Gustav Adolph herrührend, mit, hatte auch zwei Fläschlein von Bergkristall bei sich und in beyden schwarze liquores wie Tinte „die, wenn die Gläser eröffnet wurden, einen großen schwarzen Dampf von sich gaben, der endlich grün wurde, bis die Dämpfe in gelindem Geruche abnahmen, daß man es kaum merken konnte, daß es dampfe.“ Es ward nun die nöthige Operation, über die wir jedoch nichts Näheres erfahren, vorgenommen, und nachdem die beiden Meschaloths (das sächsische und das schwedische) ihre Kraft empfangen, ritt Rosenthal davon, indem er das schwedische, unter Abnahme des Versprechens, es nur ihm auszuhändigen, Geißler zurückließ, damit dieser „in etlichen Tagen das Nöthige daran mache.“ Rosenthal hatte übrigens Geißler aufgefordert, mit ihm nach Schweden zu gehen, und als dieser erklärte, er könne seiner Gesundheit wegen nicht in ein so kaltes Land ziehen, ihm Hamburg als Wohnsitz vorgeschlagen, auch ihm daselbst ein Haus mit Garten, dessen Ertrag sich auf etwa 200 Thaler belaufe, angeboten. Geißler ging darauf ein und rüstete sich zur Abreise, die einige Wochen später nach der Rückkehr Rosenthals erfolgen sollte. Letzterer kehrte aber nicht zurück.

Etliche Wochen darauf kam der schwedische Minister Baron von Görtz unversehens auf den Berg auf Postpferden und fragte „wie der Berg hieße, wie mein (Geißler’s) Name sey und dergleichen“; da er nun ferner wissen wollte, ob ich die Handschriften kennte, die er mir vorlegte, sagte ich: „keine [36] denn diese“ und mußte den Namen sagen, so war er zufrieden. Es war von Rosenthalen an ihn geschrieben. Darauf fragte er ferner, ob ich die Sachen gemacht, welche ich von ihm hätte, und ob er nichts dagelassen? Ich sagte „nein, er hätte alles mitgenommen, hätte aber in 3 Wochen wieder hier seyn, mich abholen und nach Hamburg bringen wollen.“ Er drang stark in mich, aber ich blieb bei meinen Worten, weil es Rosenthal also befohlen, Niemand etwas zu sagen als ihm selbst. Da stand der Baron vom Tische auf wie eine Furie, rang die Hände und fuhr endlich in die Worte heraus: „es ist um Alles geschehen, ach wenn es nur nicht dem Pater in die Hände gerathen ist. Der hat das Jagellonische schon mit Pipern, dem Premierminister, gefangen bekommen, der als ein kluger Mann es eher ruiniren als in des Czar Hände kommen lassen solle, kommt das Wasaische und Sächsische dazu, was soll daraus werden?“ Endlich schenkte er mir eine Dose und fuhr nicht lange nachher wieder fort, den Weg hinaus, der nach Moritzburg gehet. Er erinnerte auch, der gute Rosenthal hätte alles vermeiden können, aber als er nach Stendal gekommen, sey er in der Gegend 1 oder 1½ Meile herum, im Walde weggekommen, daß man nie etwas weder von ihm noch von seinem Knechte erfahren könne. Er habe stets Postpferde gehabt, aber in Stendal sey er von einem Offizier angeredet worden, wes er Postpferde nehmen wollte, incognito zu reisen, er wolle ihm seine eigenen Pferde geben. Ich wartete also auf ihn, aber vergebens, doch hätte ich die Reise gleichwohl nach Hamburg antreten können, trauete aber nicht. Auf diese Art ist das Wasaische und Abcopey des Sächsischen in meine Hände gekommen. Die Wasaischen sind das ganze Wnizurim, das einzige Original in der ganzen Welt, das Sächsische Original ist also mit Rosenthalen verloren gegangen, daß ich nicht weiß, welchem Potentaten es in die Hände gefallen. Ob die Königin Christine eine Copey mit nach Rom genommen, weiß ich nicht, es scheint aus einigen Schriften des Paters Kircher, denn das Original mußte sie in Schweden lassen. Als ich nun meinen einzigen [37] Freund und Wohlthäter, den ich gehabt, den Rosenthal lange genug betrauert und bald vergessen hatte, lag ich einst im Bette und schlief und erschrack, als man mich aufweckte und mir das Gewehr auf den Leib setzte, mich, wenn ich mich rühren würde, zu ermorden. Zwei Personen, hatten Laternen in jeder Hand mit zwei Lichtern und Pistolen, die anderen zwei nur gute Degen, hatten Kleider, die nicht nach ihrem Leibe gemacht, und Masken von Nasen und Bärten über den Gesichtern. Sie nahmen Schlüssel und durchsuchten Schränke und Kasten: erst fand der eine eine goldene Kugel, 1 Unze schwer, die nahm er zu sich und legte soviel Silbergeld dafür auf den Tisch, als sie dem Gewichte nach werth war, auch ein egyptisches Opfermesser, dafür er, weil es ein Original und Antiquität, welche die Composition des Metalles rarer machte, 30 Gulden hinlegte. Endlich fand er die 2 Gläser, darinnen der schwarze wenige Liquor des Rosenthals vorhanden und die Zonach oder Feder damit gezeichnet werden muß, sammt dem Lichte in unverbrennliche Leinewand gewickelt, alsobald schrie er: ha! ha! suchte weiter nichts als obenhin, gingen darauf fort und im Vorbeigehen meines Betts warf mir der Eine 5 Pakete, jedes zu 10 Thalern, in Dreiern und Reichspfennigen gerechnet, auf mich zu, der aber durchsucht hatte und voraus ging, sprach: parce qu’il Vous n’appartient pas, en prenez cinquante écus. Die andern drei Personen hatten alle viel Respect vor diesem, droheten anbei, wo ich mich in einer Stunde aus dem Bette machte, würde ich ohnfehlbar große Gefahr laufen, blieb also liegen. Wie ich nachdem nach den Thüren sah, war alles wieder wohlverwahrt, wie sie heraus und hineingekommen, da an den Thüren lauter Bergschlösser sind, mit Zangenwinden, weiß ich nicht. Endlich ging ich auf den Boden, wo ich unter einer Glocke von Glas die Mazzaloth geöffnet und ausgebreitet hatte, fand solche alle wohl conditionirt, daß sie also in keiner anderen Hand, folglich vorige Personen nicht oben gewesen, sonst würden sie solche wohl mitgenommen haben.

[38] Später ist auf Veranlassung des Stadtrichters Jacobi bei Geißler Haussuchung gehalten worden, entweder weil man ihn in Verdacht hatte, magische Künste zu treiben, oder weil er ein unerlaubtes Verhältniß mit einer Frauensperson unterhalten, welches Folgen gehabt hatte. Bei dieser Haussuchung ward das schwedische Meschaloth, vielleicht auch die Copie des sächsischen, nebst anderen curiosen Sigillen und Copien magischer Dinge von den Behörden weggenommen und dann scheint es verloren gegangen zu seyn. Geißler sagt noch, es dürfe das Meschaloth nur geöffnet werden von Personen, denen es gehört, und zu seiner Zeit auch wenn es schön Wetter ist, da es sich selbst wendet und drehet, auch grünlich blicket wie Gold auf den Capellen. Außerdem verlieret es seine Kraft mit dem Tode einer oder anderer ihrer verwandten Personen, die es geschützt hat, wie etwa das Palladium zu Troja oder die Lade des Bundes beim jüdischen Volke.