Ein angebundener Schaufler

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Textdaten
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Autor: D.
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Titel: Ein angebundener Schaufler
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 47, S. 37, 38–39
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Text und Illustration: Carl Friedrich Deiker
Wild-, Wald- und Waidmannsbilder Nr. 42
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Die Gartenlaube (1877) b 037.jpg

Der angebundene Schaufler.
Originalzeichnung von C. F. Deiker.

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Wild-, Wald- und Waidmannsbilder.
Nr. 42. Ein angebundener Schaufler.


Kaum hatte der Ruf des buntbefiederten „Hauspropheten“ den dämmernden Augustmorgen begrüßt, als der Weckruf meines Principals, des trefflichen, mir in dankbarer Erinnerung verbleibenden Oberförsters G., meine Träume von Suche und Treibjagen abschnitt und mich zur Wirklichkeit zurückführte.

„Ach, Herr D., wenn Sie doch wollten aufstehen und zusehen, was eigentlich daran sein mag; soeben meldet mir ein Holzkärrner, ein Stück Wild habe sich in den Netzen am Dienstacker verwickelt und könne nicht fort; vielleicht gelingt es Ihnen, das Thier unbeschädigt auszulösen. Ich werde Ihnen Hülfe nachschicken. Sollte es bereits verletzt worden sein, nun, so schießen Sie es todt, obschon mir jetzt, in den warmen Tagen, nicht am Wildpret liegt.“

„Rasch von seiner Lagerstatt etc.“ summte es durch meine Ohren; schnell gegürtet und „bis an die Zähne bewaffnet“, befand ich mich bald auf dem Wege zu dem mit Netzwerk umstellten Dienstacker. Ein herrlicher Morgen war es, schön, wie er nur im Walde so sein kann. Noch war die Beleuchtung mehr Dämmerung als Tageslicht, für die Eule zu spät, für den Sänger zu früh; noch schwebten die Nebelschleier in verschiedenen Schichten durch die Baumwipfel und das Gesträuch; noch perlte reichlicher Thau an jedem Halme. Kein Laut unterbrach die feierliche Stille und tiefer Friede ruhte auf der Schöpfung.

Die Oberförsterei lag einsam und idyllisch schön im Walde. An ihre Gärten und Aecker schlossen sich ausgedehnte Kiefernschonungen und Stangenhölzer, in welchen Roth-, Damwild und Rehe standen. Zum Schutze gegen diese nächtlichen, sehr ungebetenen Gäste waren die Feldflächen mit altem Jagdzeug – Netzwerk aus dicker Schnur von circa acht bis neun Fuß Höhe – umstellt worden, welches der Oberförster gelegentlich auf Jagdschloß Grunewald erstanden hatte. Ursprünglich bildete es eine Wand, die nach und nach durch Wind und Wetter zermürbt und von den Befestigungen gelöst worden war, so daß sie jetzt stellenweise am Boden lag.

Der Richtung auf die Netzwand folgend, bemerkte ich bald einen sich heftig bewegenden unförmlichen Haufen, aus dem sich, als ich mich ihm näherte, ein reichlich garnirter, stattlicher Schaufler herausschälte, der in Folge zunehmender Angst schließlich im Kampfe gegen die polypenartigen Umschlingungen solche Muskel- und namentlich Schnellkraft entwickelte, daß es ihm gelang, sich zu befreien. Das Anhängsel eines beträchtlichen Geschleppes blieb ihm indessen an den unteren Stangentheilen und den Eissprossen haften, hinderte seine Bewegungen aber nicht. Bei der nun eintretenden Flucht über eine Rillensaat ketteten sich die nachschleppenden Netztheile an das widerstrebende Wurzelwerk und verkürzten sich dadurch mehr und mehr. Bald war der Flüchtling in der gegenüberliegenden Kiefernschonung verschwunden. „Der ist unverletzt, also der Nachsatz der erhaltenen Instruction des guten Oberförsters gegenstandlos und mithin – Hahn in Ruh.“ So sagte ich mir, der Spur des Geschleppes folgend, die sich im Thau und durch Netztheile am Gewürzel markirte.

Endlich hatte ich die bereits erwähnte Schonung erreicht – ein ungleicher Bestand, stellenweise den Uebergang vom Buschholze zum Stangenholze veranschaulichend, meistens aber noch jüngern Alters aus Nachbesserungen hervorgegangen. Da wurde etliche hundert Schritte vor mir ein Gepolter bemerklich, wie wenn Jemand Stöcke rodete – im Lauf begebe ich mich an Ort und Stelle und finde meinen Schaufler an einem aus Platzsaat dicht erwachsenen Kieferhörstchen fest vor Anker gelegt. Wie er dies zu Stande gebracht und das fliegende, lose Netzwerk an den jungen Stangen so festen Halt gewinnen konnte, um so kräftigen Lauf hemmen zu können, wurde mir zur Zeit nicht klar, auch war rasches Handeln geboten. Aber was nun thun? Der Hirsch war mehr in den Lüften als am Erdboden: die riesenhaften Anstrengungen, um sich frei zu machen, hatten ihn außer sich gebracht; dicker Schaum stand vor dem Geäß und flog spritzend umher. Keuchenden Athems wurde ein Prallansatz nach dem andern unternommen und fast nach jedem derselben der Kämpfer durch den heftigen Ruck zu Boden gerissen. Sätze, kerzengerade in die Höhe gerichtet, wurden versucht und hatten nur ein vollständiges Ueberschlagen zur Folge, so daß der Herabgerissene auf Geweih und Rücken stürzte – kurz, es giebt wohl keine Körperverrenkung, keinen Formenwechsel beim Prellen eines Fuchses, die unser geplagter Schaufler nicht in vergrößertem Maßstabe veranschaulicht hätte, und mir ist heute noch unerklärlich, daß er sich nicht innerhalb der ersten fünf Minuten Hals und Läufe zerbrach. Todtschießen durfte ich das geängstigte Wesen nicht, denn noch war es ja unverletzt, und Verletzung möglichst fern zu halten, erschien mir schon aus Mitleid als Pflicht, endlich aber wäre das lebendig gekochte, blutvergiftete Wildpret für die Küche nicht brauchbar gewesen.

Ihn loszulösen oder vielleicht mit einem kräftigen Hirschfängerzuge die Bande zu zerschneiden, das war absolut unmöglich, denn auch ohne die Absicht des Rasenden wäre ich voraussichtlich den Geweihschlägen und -Stößen, namentlich aber den kräftig einsetzenden Läufen zum Opfer gefallen; zudem war ich allein – die nachgesendete Hülfe hatte mich nicht gefunden. Und den noch Festgehaltenen seinem Geschicke zu überlassen, wäre waidmännisch unrichtig gewesen; denn das arme geplagte Wesen wäre in Folge der Erschöpfung oder der Todesangst umgekommen oder Wilddieben oder Hunden verfallen. Also jetzt, und zwar rasch, mußte zu einer rettenden That geschritten werden, denn schon krachte Knoten nach Knoten, riß Masche nach Masche im Netze – im nächsten Augenblicke konnte der jetzt noch Festgeankerte wieder frei sein, und ein Verfolgen der Fährte ohne Ende und wahrscheinlich ohne Nutzen wäre dann unausweichlich geworden.

Der am Kopfe des Hirsches festsitzende Netzesschleier hatte sich inzwischen der Länge nach in zwei Theile gespalten, von denen der linksseitige die verhängnißvolle Fessel bildete, während der rechtsseitige, den Bewegungen des Thieres folgend, sich frei in allen möglichen Schlangenlinien und Curven in den Lüften umherbewegte. Rasch den Umstand wahrnehmend, gelang es mir, den fliegenden Strähn zu erhaschen, zu einem Seile zusammen zu drehen, dasselbe um einen Baum des erwähnten Hörstchens zu schlingen und einmal zu verschürzen – und angebunden war der Schaufler.

Schnell zwar war das Werk beendet, jedoch nicht ohne einige Aufregung; denn immerhin war damit persönliche Gefahr verbunden, gegen welche, falls sie hereinbrach, der bereit liegende Hirschfänger eine genügende Abwehr nicht bieten konnte. Die Ueberzeugung: der Hirsch muß zunächst angebunden werden, überschüttete mich von oben herunter mit jenem Rieselschauer, der uns angesichts ungewohnter, ernster Situationen nicht leicht erspart bleibt, dem sich fast sofort ein pochender Herzschlag zugesellt, zu welchem sodann, just um die Trias herzustellen, ein den Körper schüttelndes Fieber hinzutritt (daher auch das „Hirschfieber“). Ich mußte mir sagen, daß mein eben vollführtes Waidwerk kein alltägliches sei. Gewiß befindet sich unter Tausenden praktischer Waidleute kaum Einer, dem Aehnliches passirt ist, obschon Tausende an meiner Stelle dasselbe ausgeführt haben würden. Noch einen Blick nach dem noch immer tobenden Schaufler, und heimwärts ging es nun unter der Erwägung, daß mit Hinzuziehung einiger Hülfe die Befreiung des Gefangenen möglichst schnell und vollständig auszuführen sei, aber kaum hatte ich die Dickung verlassen und den directen Weg erreicht, als mir mein guter Oberförster begegnete, der soeben nach der Stadt fuhr, um einem der damals zahlreich stattfindenden Servitutenablösungstermine beizuwohnen. Staunend hörte er meinen Bericht, an dessen Wahrheit ja kein Zweifel sein konnte, selbst wenn meine noch immer andauernde Gemüthsaufregung, sowie die auf der Höhe sichtbaren, in steter Bewegung hin- und herwehenden Kiefernwipfel, durch die Arbeit des Hirsches geschüttelt, nicht als Beweise gedient hätten. Das Ergebniß unserer Erwägung formte sich im Munde des Oberförsters ungefähr wie folgt:

„Nun, lieber Herr D., thun Sie mir den einzigen Gefallen und schießen Sie nicht etwa den Hirsch nachträglich doch noch todt! Gehen Sie nach Hause, erholen und beruhigen Sie sich! Ich werde auf dem Rückwege Herrn Assessor von T. mitbringen und dem lieben guten Herrn wollen wir eine Freude bereiten – er mag den Schaufler todtschießen.“

Dagegen ließ sich nichts sagen; die gutmüthige, prächtige [39] Seele wollte ja einem Anderen ein seltenes Vergnügen machen – ich gestehe, nie hätte es mir Amusement gewähren können, nach einer lebendigen Scheibe zu schießen.

Verstimmt kam ich zu Hause an. Langsam, ach so entsetzlich langsam schleppte sich der Vormittag hin. Die Arbeit gewann keinen Zug; die Schwingen der Gedanken waren bleibelastet – da endlich, Nachmittags, rollte ein Wagen in den Hof. Herr von T. ist mitgekommen; der zweite Theil des Dramas beginnt.

Also Sie haben mir einen Schaufler angebunden?“ so begrüßte mich der Herr. „Na, das, bekenne ich, ist mir noch nie geboten worden.“

„Würd Ihnen auch kaum ein zweites Mal geboten werden,“ ergänzte der Oberförster.

In waidgerechter Ausrüstung brach die Expedition auf – mir war zu Muthe, als würde ein Unrecht verübt. Der Seltenheit des Falles zu Ehren, schlossen sich die beiden Damen des Hauses, die Tochter meines Principals und eine Verwandte, der Partie an. Der Hirsch hatte unser Kommen von Weitem gehört; noch fern vom Orte konnte man die jungen Wipfel des Hörstchens, welches den Schaufler fest hielt, bereits die Lüfte peitschen sehen. Als der Gefangene eine für seine Begriffe entsetzliche Anzahl von auf’s Aeußerste gefürchteten menschlichen Wesen in immer bedrohlichere Nähe anrücken sah, gerieth er geradezu außer sich, wozu der damals hochmoderne weiße Camail, mit welchem das Fräulein Tochter auf dem Tableau erschien, viel beitragen mochte.

Aber trotz Allem hielt das Seil noch fest, und auf circa zwölf bis sechszehn Schritt Distanz stellte sich der begünstigte Herr auf, legte sich in Anschlag und – das Schloß wollte und wollte nicht losschlagen; dabei befand sich der Hirsch bald in den Lüften, bald am Boden, sich nun um seine Längs-, dann aber um die Querachse drehend. Eher hätte die Kugel die Läufe zerschmettern, das Geweih treffen, als das „Blatt“ finden können. Ich empfahl deshalb einen kurzen Aufschub der Execution, da voraussichtlich das keuchende Thier wenigstens auf Augenblickslänge einmal nach Luft schnappen und still stehen mußte.

Herr von T. setzte ab, aber da der Kämpfende in seinem Befreiungswerke nicht um eines Pulsschlags Dauer nachließ, so legte unser Gast wieder an – abermals versagt das Schloß. Endlich schreitet man zur näheren Ermittelung des vorliegenden Hindernisses. Dies wird bald beseitigt. Nun ist alles in Ordnung; Schloß und Stechschloß spielen exact zusammen. Herr von T. liegt im Anschlag – jetzt – jetzt muß das Gewehr Feuer geben – Aller Augen haften auf dem Hirsche – Herr von T. zielt sehr scharf – da! sch–n–a–a–r–z reißt das Seil entzwei; der Hirsch stürzt auch ohne Kugel zur Erde, rafft sich blitzschnell auf, verschwindet hinterm Hörstchen, flieht mit mächtigen, schlanken Lançaden hinter Hoch und über Niedrig hinweg in einem vollen Viertelkreise um seine Dränger herum, mit dem Schmucke eines Netzstückes am Hinterkopfe, welches als Allonge im Tempo der Flucht auf- und niederklappt, und fern verschwindet er, hin und wieder im Luftsprung, immer mehr verkleinert, noch einmal erscheinend.

Ein fünfkehliges, homerisches Gelächter unsererseits begleitete die Flucht des endlich und zwar im letzten verhängnißvollen Augenblicke noch Erlösten, und dieser Jubelruf legt wohl besser, als Worte es vermögen, Zeugniß dafür ab, daß im Grunde keiner der Anwesenden den Tod des edlen Thieres, namentlich so zur Unzeit, gewünscht hatte, und jeder ihm die Befreiung gönnte, um die es seit dem frühen Morgen ehrlich und andauernd gekämpft hatte.

Einer der fünf Zeugen, der Oberförster, liegt schon längst zu letzter Ruhe gebettet. Wie ich aber noch lebe und gesund bin, werden es hoffentlich die übrigen drei Zeugen ja auch sein. Sollten sie die vorstehend niedergelegte Schilderung zu Gesicht bekommen und durch die Auffrischung jenes Vorganges sich an eine angenehm verlebte Zeit erinnern, so soll mich dies aufrichtig freuen, und rufe ich ihnen zu: Ein herzliches Waidmannsheil!
D.