Feinde der Kindheit

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Autor: Dr. –a–
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Titel: Feinde der Kindheit
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 2, S. 35–37
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
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Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Feinde der Kindheit.
1. Diphtheritis und Croup.

Vor keiner Affection zeigt wohl die Mutter eine größere Furcht, als vor der Diphtherie, Und dennoch läßt sich mit Sicherheit behaupten, daß es nirgends mehr in die Hand der Eltern gelegt ist, ein schlimmes Ende zu verhüten, als gerade bei dieser Geißel der Kindheit. Es herrschen unter dem Volke im Allgemeinen ziemlich verworrene Ansichten über diese Krankheit. Man verlegt ihre Entstehung in die Neuzeit, weiß aber nicht recht, wie die alte Rachenbräune und der Croup damit in Verbindung zu setzen sind. Die Diphtheritis ist nichts weniger als ein Product unseres Jahrhunderts, sondern nur ein neuer Name für eine längst bestandene Körperstörung. Schon Hippokrates, der berühmte Altvater der Medicin, beschreibt 450 Jahre vor Christi Geburt in einem seiner Werke eine Erkrankung, welche vollständig, wie dies schon das nachfolgende Citat beweist, unserer Diphtherie entspricht:

„wenn die Mandeln schnell weiterschreitende Geschwüre bedecken, so ist Gefahr, daß unter andauerndem Fieber und Husten wiederum Geschwüre entstehen, welche in die Halsgegend zurücktreten. Es ist kein gutes Zeichen, wenn die Geschwüre eine netzförmige Anordnung zeigen. So lange sich die Geschwüre nicht innerhalb fünf bis sechs Tagen vermehren, sind sie ungefährlich. Die Geschwüre, welche um das Zäpfchen herum sich bilden, verändern die Stimme, während die weiter hinten im Rachen entstandenen eine größere Gefahr mit sich führen, vorzüglich aber Athemnoth bewirken.“

In diesem kurzen Auszug des genialen griechischen Beobachters werden viele unserer Leser nicht nur leicht das vollkommen getroffene Bild der Diphtherie erkennen, sondern es geht auch mit Sicherheit daraus hervor, daß schon im Alterthum ein Abwärtssteigen aus den Rachentheilen in die Luftwege als die gefährlichste Complication betrachtet wurde.

Die Diphtherie ist eine contagiös-miasmatische Krankheit, das heißt, sie kann sich unter gegebenen Bedingungen an einem Orte von selbst entwickeln, ohne eingeschleppt zu sein, pflanzt sich aber auch außerdem durch Ansteckung weiter fort. Gleichwie Masern und Scharlach pflegt sie den Patienten in der Regel nur einmal zu befallen, sie unterscheidet sich aber darin von diesen ansteckenden Kinderkrankheiten, daß sie nicht eine Zeit lang in dem Körper verweilt und dann nach außen durchbricht, sondern zuerst an einem bestimmten Orte haftet und sich von diesem aus in den Körper verbreitet. Jede Wunde kann daher diphtheritisch inficirt werden, die Lieblingsstätte der speciell als Diphtherie genannten Krankheit aber bilden die Mandeln. Die anatomische Lage dieser Gebilde ist nicht so bekannt, wie dies ihre Wichtigkeit erfordert. Drückt man mit einem Löffelstiel (am besten vor dem Spiegel an sich selbst) die Zunge etwas nach abwärts, so bemerkt man Folgendes:

Die Mundhöhle wird nach hinten zu vorläufig abgeschlossen durch eine von oben herabhängende Hautfalte (das Gaumensegel), welche an ihrem unteren halbkreisförmigen Saume direct über der Zunge einen fleischigen soliden Vorsprung zeigt, das Zäpfchen. Rechts und links neben dem Zäpfchen liegen in einer kleinen Vertiefung des an den Seiten getheilten Gaumensegels zwei rundliche, nußförmige Organe, die Mandeln. Bei genauer Betrachtung findet man an der Oberfläche derselben verschiedene ziemlich große Grübchen oder auch Höhlen; es sind die für unsere spätere Beschreibung wichtigen Ausführungsgänge kleiner Balgdrüsen, deren die gesunde Mandeloberfläche fünfzehn bis zwanzig aufweist. Hinter dem weichen Gaumen schließt sich nach oben der Eingang in die Nasenhöhle, nach unten in den Kehlkopf und die Speiseröhre an.

Die Mandeln bilden als eine Art Schmutzwinkel der Mundhöhle den günstigen Boden, auf welchem die Diphtherie fast ausnahmlos ihren Anfang nimmt. Der erste Beginn entgeht beinahe immer der Beachtung; wie der Dieb in der Nacht befällt der gefährliche Feind den kleinen Patienten. Das Kind ist früh noch vollkommen wohl, klagt nur etwas über allgemeine Ermattung und das Essen wird nicht mit dem gewohnten Appetite verzehrt. Hierzu gesellt sich bald Frösteln, oder bei erregbaren Naturen Schüttelfrost, häufiger aber noch ein Krampfanfall und Erbrechen; die Zunge ist belegt, und die Ausleerung stockt. Bei älteren Kindern sollte die bald folgende Klage über Schlingbeschwerden die Aufmerksamkeit auf den Hals lenken, und selbst wenn sie ihrer Jugend wegen diese Empfindung noch nicht zu äußern vermögen, muß die Unlust zum Schlucken jeder sorgsamen Mutter auffällig erscheinen. Das Innere des Halses bietet zu dieser Zeit außer einer stärkeren Röthung und Anschwelllung höchstens einem scharfen Auge, vorzüglich auf der rechten Mandel, einen schleierartigen hellen Beleg, welcher sich schwer von dünnem Schleime unterscheiden läßt. Untersucht man diese Schicht bei starker Vergrößerung unter dem Mikroskope, so sieht man, daß sie zum größten Theile aus kleinsten punktförmigen Organismen, den sogenannten Diphtheritis-Pilzen (Mikrococcen) besteht, pflanzlichen Gebilden, welche sich stets in Begleitung der Diphtherie finden und durch ihre unglaubliche Wucherung den zerstörenden Einfluß erklären. Bald dringen sie in das Mandelgewebe selbst ein; den einzelnen Pionieren folgen Tausende; die Blutgefäße werden gereizt, und Blutbestandtheile treten aus, dienen aber wiederum nur als Nahrungsmaterial zur Fortentwickelung der gefräßigen Schmarotzer. Rasch mehren sich unterdessen die äußeren Symptome. Der Kopf des kleinen Patienten ist etwas zurückgebogen; die Lippen sind trocken und geöffnet; die Sprache ist näselnd, der Athem durch das Fieber und die Halsschwellung erschwert und übelriechend, und während des Schlafes verräth ein oft starkes Schnarchen das Hinderniß für den eintretenden Luftstrom. Die Mandeln zeigen jetzt deutlich die Anfänge der Diphtherie, besonders auf der rechten Seite finden sich kleine scharf umschriebene Inseln von glänzend weißer Farbe. Der fernere Verlauf richtet sich nach der Stärke der Ansteckung, der Constitution des Kindes und den getroffenen Vorkehrungsmaßregeln.

Diphtherie ist vom Croup nur durch das stärkere Eindringen in die Schleimhaut und das darunter liegende Gewebe verschieden. Bei Croup tritt aus den an der Oberfläche gelegenen Blutgefäßen nicht allein wie bei gewöhnlichen Entzündungen Blutwasser, sondern auch noch eine ebenfalls im Beginne flüssige Substanz, Faserstoff genannt, aus. Diese ergießt sich in die obersten Epithelzellen, vergrößert sie und gelangt dann auf die freie Mandeloberfläche, wo sie sofort zu einem feinmaschigen [36] weißen Netzwerke gerinnt. Die wahre Diphtherie oder Rachenbräune unterscheidet sich dagegen vom Croup insofern, als neben dem Belege auf der Mandeloberfläche die ganze Schleimhaut im Innern verschieden reichlich mit den weißen, Blutkörperchen ähnlichen Zellen durchsetzt ist. Diese Zellen mehren sich bei der brandigen Diphtheritis so sehr, daß sie sogar die Circulation unterdrücken und den Ernährungszufluß abschneiden. Selten gelangt der Proceß schon auf einer Mandel zum Abschlusse; gewöhnlich erscheinen binnen Kurzem die gleichen Belege auf der andern Mandel, fließen zu einer weißen Haut zusammen und verbreiten sich auf die Gaumenbögen und das Zäpfchen, sodaß in schlimmen, aber immerhin nicht verzweifelten Fällen die ganze hintere Mundhöhle mit einer glänzend weißen Masse bedeckt ist. Die Lymphdrüsen an den äußeren Seiten des Halses, von den Laien oft fälschlich Mandeln genannt, sind ansehnlich geschwollen; der Arzt wird zuweilen nur dieser Drüsenanschwellung wegen geholt und noch um Entschuldigung gebeten, daß man ihn des unbedeutenden Bauernwetzels wegen belästigt. Der Athem ist sehr übelriechend, das Schlucken äußerst schmerzhaft, und zur Vermeidung von Schlingbeschwerden wird der vermehrte Schleim und Speichel durch den geöffneten Mund ausgeschieden. Trotz des hohen Fiebers ist das Gesicht eher bleich als roth und etwas gedunsen. Der Tod kann durch die Höhe des Fiebers, die allgemeine Körpervergiftung, Diarrhöe oder Erschöpfung herbeigeführt werden. Bei glücklichem Verlaufe gewinnen die Belege ein immer mehr durchweichtes oder auch trockenes gelbliches Aussehen, bis sie nach und nach durch die Schluckbewegungen abgespült werden. Innerhalb drei Wochen ist gewöhnlich die Störung beendet.

Die Hauptgefahr bildet das Ueberspringen auf Kehlkopf und Luftröhre. Das feste Gewebe gestattet hier keine erhebliche Betheiligung der ganzen Schleimhaut, nur die oberste Zellenschicht mit dem darauf befindlichen Belege stößt sich ab und erfüllt als häutiger Ausguß das Innere. Der Proceß kann sich allmählich bis in die Lunge hinein fortsetzen und führt bei der Enge der kindlichen Luftwege entweder den Erstickungstod oder bösartige Lungenentzündungen herbei. Gewöhnlich vor dem fünften Tage treten als Zeichen des Croups zu dem oft die Diphtherie begleitenden sonst ungefährlichen Kehlkopfkatarrh trockner gellender Husten und Erstickungsanfälle hinzu. Auch hier ist, vorzüglich wenn das Kind das zweite Lebensjahr überstanden, Heilung möglich. Der gelockerte Croupbeleg wird herausgehustet oder durch den Luftröhrenschnitt entfernt, und die erkrankte Schleimhaut kehrt wieder zu ihrer gesunden Beschaffenheit zurück. Die Möglichkeit des Luftröhrenschnittes beruht auf dem von uns früher („Gartenlaube 1875 S. 308) geschilderten Mechanismus des menschlichen Brustkorbes. Die Operation ist selten gefährlich, doch nur dann zu unternehmen, wenn wirkliche Erstickungsanfälle vorhanden sind.

Andere Organe werden mehr oder minder betroffen. Auf gleiche Weise wie auf den Kehlkopf kann sich die Veränderung in die Nasenhöhle fortsetzen; die Nieren zeigen am häufigsten einen gleichen Katarrh, auch auf dem Magen finden sich in manchen Fällen ganz ausgeprägte Crouphäute. Die merkwürdigste Verbindung und zugleich das sicherste Zeichen einer überstandenen wirklichen Diphtherie bildet das Eintreten von diphtheritischen Lähmungen.

Ein achtjähriges Mädchen erkrankte kürzlich an einem Croup hauptsächlich der rechten Mandel. Die Krankheit verlief sehr schnell, so daß sie schon nach einigen Tagen als gesund entlassen werden konnte. Nach drei Wochen erschien die Kleine wieder wegen eines schnarrenden Beiklangs beim Sprechen, welcher ihr in der Schule Lesen und Singen unmöglich machte. Die Untersuchung ergab eine Lähmung der rechten Hälfte des Gaumensegels. Beim Sprechen zog sich nur der linke Theil zusammen, während der rechte, hin- und herschwingend, die Stimmveränderung bewirkte. Nächst der Gaumenlähmung tritt vielfach die der Augenmuskeln, also Schielen ein, doch kommt es auch zu vollständigen Lähmungen ganzer Körpertheile, welche aber sämmtlich unter geeigneter Unterstützung zu verschwinden pflegen. Daß auch die kleinen als Pilze bezeichneten Organismen selbstständig gefährliche Veränderungen nach sich ziehen, zeigt folgende Krankengeschichte. Das Kind eines Arztes wurde am zwölften Lebenstage von Diphtherie angesteckt, magerte ab und starb in der zwölften Woche. Die Section zeigte die rechte Gehirnhälfte größer und beinahe die ganze Hirnsubstanz durchsetzt mit einer Unzahl Mikrococcen, welche die Nervenelemente so zerstört hatten, daß eine Normalfunction unmöglich war.

Diese mannigfachen Störungen, welche in Begleitung unserer Krankheit erscheinen, machen eine hohe Sterblichkeitsziffer so begreiflich, daß die Frage fast überflüssig erscheint, ob die Rachenbräune in Wirklichkeit als ein so entsetzlicher Kinderfeind zu betrachten sei. Die ungenügende Statistik trägt die Hauptschuld an der großen Furcht der Laien vor der Diphtheritis. Dieselbe kann hier nur endgültig sprechen, wenn zugleich durch sie die Zahl der Genesenden neben den Todesfällen festgestellt wird. Ein wenigstens annäherndes Bild giebt folgender Auszug von Diphtheritis-Erkrankungen aus den Krankenlisten sämmtlicher Armenbezirke Leipzigs innerhalb eines Jahres. Es wurden durchschnittlich fünfundachtzig Fälle behandelt, wobei zehn Patienten starben. Bei Kindern bis zum zweiten Lebensjahre kamen zehn Erkrankungsfälle vor, von welchen vier, also noch nicht die Hälfte mit dem Tode endigten; es fallen daher auf die andern fünfundsiebzig Patienten nur sechs Todte, sicher ein guter Procentsatz, wenn man die Schwierigkeiten überlegt, mit denen der Arzt bei der ärmeren Bevölkerungsclasse zu kämpfen hat, abgesehen davon, daß er meistens erst bei vollkommen ausgebrochener Diphtherie gerufen wird. Die zahlreichsten Erkrankungen wiesen die Monate October (18), September und März auf, die wenigsten der Juli (1), der Juni und der December.

Zur genauen Erkennung der Diphtheritis ist noch die Schilderung einiger Affectionen beizufügen, welche nicht das Geringste mit ihr zu thun haben, leicht aber damit verwechselt werden. Die größte Aehnlichkeit mit der Diphtheritis hat die sogenannte folliculäre Mandelentzündung, ein ganz ungefährliches Leiden, welches durch eine Eiterung der früher erwähnten Mandeldrüschen zu Stande kommt. Die Mandel ist bedeckt mit weißen Punkten, welche aber stets isolirt bleiben und nur dann einen größeren Umfang erlangen, wenn die Mandeln durch vorhergehende Katarrhe stark zerklüftet sind. Im letzteren Falle führen sie uns sehr leicht, besonders weil die Störung fast immer von hohem Fieber begleitet wird, ein der Diphtheritis ähnliches Bild vor Augen. Man hört oft Laien über die Gefährlichkeit der Diphtherie lächeln; es käme nur auf die Behandlung an; sie oder ihre Kinder würden jährlich mehrmals von dieser Krankheit befallen und das Bestreichen mit Milch oder Citronensäure habe sie jedesmal gerettet, – selbstverständlich bei diesem ohne jedes Zuthun zur Abheilung gelangenden Leiden. Bei kleinen und heruntergekommenen Kindern können auch Schwämmchen Anlaß zur Befürchtung geben. Dieselben bedecken aber und zwar längere Zeit die Backen-Schleimhaut, Zahnfleisch und Zunge; sie lassen sich leicht entfernen und verlaufen ebenso wie die Mundfäule ohne Fieber. Die Mundfäule bildet ebenfalls der Diphtheritis ähnliche mehr speckige Geschwüre, doch befallen dieselben vor Allem Mundwinkel und Backen-Schleimhaut und haften selten auf den Mandeln. Die einfach katarrhalische Schwellung der Kehlkopfs-Schleimhaut verursacht zuweilen dem Croup ähnliche gellende Hustenstöße, doch zeigt bald der gelockerte Husten den ungefährlichen Zustand, abgesehen davon, daß der im Kehlkopf zuerst ohne Diphtherie auftretende Croup jetzt glücklicherweise seltener geworden ist.

Besitzen nun die Eltern wirksame Waffen gegen diese Krankheit? Man verhüte vor Allem ihre Entstehung! Das ist freilich leichter zu rathen als zu befolgen, aber gerade bei der Diphtheritis kann leicht die Ausführung ermöglicht werden. Interessante Versuche an Thieren haben ergeben, daß in die Darmwand eingespritzter diphtheritischer Ansteckungsstoff nur dann in dem Darm eine mit dem Tode des Thieres endigende Diphtherie erzeugt, wenn vorher die Schleimhaut durch Reizung in einen entzündlichen Zustand versetzt worden war, sonst blieb die Einspritzung ohne Erfolg. Im Anschluß an diese Untersuchungen bemerken wir auch in der Praxis, daß am leichtesten Kinder erkranken, die zu Halsaffectionen hinneigen. Man lasse daher die Kinder bei scharfen Nord- und Ostwinden nie Abends das Haus verlassen, präge ihnen ein, auf dem Schulwege allein und langsam zu gehen und mit geschlossenem Munde Athem zu holen, härte sie ab durch kaltes Waschen und lasse sie täglich mit kaltem Wasser gurgeln. Dringend müssen wir aber den Eltern an’s Herz legen, täglich einen Blick in die Mundhöhle ihres Kindes zu werfen; sie erhalten bald die erforderliche Uebung, und die Kleinen gewöhnen sich binnen Kurzem an das Hineinschauen. Sobald man nur irgend eine stärkere [37] Röthung und Schwellung bemerkt und das Kind über Schlingbeschwerden klagt, vorzüglich bei Vorkommen von Diphtheritisfällen in nächster Umgebung, behalte man den kleinen Patienten unter steter Aufsicht und isolire ihn, wenn es irgend angeht, von Geschwistern und Gespielen!

Die Hauptaufgabe der Behandlung folgt aus unserer Betrachtung. Die stets vorhandenen Pilze deuten auf abnorme Gährungsvorgänge; je mehr nun die gebildeten Producte sich zersetzen, liegen bleiben und faulen, eine desto größere Ausdehnung muß der Proceß erreichen. Reinigung und Desinfection der Mundhöhle ist daher die erste Bedingung. Solange noch nicht feststeht, daß wirklich eine Diphtherie das Kind ergriffen, beschränke man sich auf kalte Umschläge um den Hals (eine Serviette in kaltes Wasser getaucht, darüber ein wollenes Tuch, stündlich gewechselt) und löse in einer mit warmem Wasser gefüllten Tasse einen Theelöffel chlorsaures Kali (nicht zu reiben oder zu stoßen). Von dieser Lösung erhält das Kind stündlich einen Theelöffel voll zum langsamen Hinunterschlucken, und wenn es nicht zu gurgeln vermag, pinsele oder spritze man noch außerdem die Mundhöhle damit aus! Hierdurch wird der Schleim leicht gelöst und entfernt. Wenigstens drei Tage bleibe das Kind innerhalb des gut gelüfteten, nicht über 16° R. warmen Zimmers. Sorgsam spähe man auf Mandeln und Gaumen nach weißen Flecken, lasse sich aber nicht durch aus der Nasenhöhle herabhängenden Schleim das Bild derselben vorspiegeln! Entsteht wirklich ein Beleg, so schicke man sofort nach dem Arzte, und nur falls derselbe nicht zu erlangen, geschehe Folgendes: Das Kind muß sogleich zu Bett; die Mandeln werden mit einem in Spiritus getauchten Pinsel alle zwei Stunden vollständig bestrichen; das frühere Auspinseln und Spritzen ist theils mit der obigen an einem warmen Orte aufzubewahrenden chlorsauren Kalilösung, theils mit gewöhnlichem Kalkwasser (aus der Apotheke) halbstündlich zu wiederholen. Aetzen mit Höllenstein kann allein bei Beginn der Krankheit von Erfolg sein; später entwickelt sich unter dem Schorfe die Veränderung nur zu einem höhern Grade; Salicylsäure zeigt sich nutzlos, während die am besten wirkende Carbolsäure nur vom Arzte zu verordnen ist. Die Halsumschläge sind jetzt öfter zu erneuern, und wenn Eis zu erlangen, schiebe man dem Kranken bisweilen bohnengroße Stückchen in den Mund, und stets sei frischer Luftzufluß in dem Krankenzimmer vorhanden. Zur Milderung des starken Fiebers dienen kalte Umschläge von durchschnittlich 10 bis 15° Wärme um Brust und Leib mit wollener Bedeckung. Die Nahrung bestehe in Milch und etwas Rothwein, denn feste und zu warme Substanzen reizen zu sehr die entzündeten Theile. Weil auch der Erwachsene der Ansteckung unterliegen kann, vermeide die Pflegerin jede unnöthige zu nahe Annäherung (wie z. B. das Küssen). Von der Letzteren sind auch gesunde Kinder streng entfernt zu halten, und aus Fürsorge gebe man den Geschwistern ebenfalls etwas chlorsaure Kalilösung, jedoch aus einer andern Tasse. In diesen wenigen Verordnungen liegt der Schwerpunkt des mütterlichen Handelns. Manch blühendes Leben riß die Diphtheritis von den Herzen der Lieben. Möchten doch diese Zeilen eine Verminderung der Opfer bewirken!
Dr. –a–