Ein denkwürdiger Besuch

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Autor: Hans Blum
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Titel: Ein denkwürdiger Besuch
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 2 und 3, S. 22–41
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1868
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[22]
Ein denkwürdiger Besuch.
Fragment aus unsern Familienpapieren.
Von Hans Blum.

Die Wiener Octoberrevolution war zu Ende. Langsam, aber mit entsetzlicher Gewißheit wurden die Ungeheuerlichkeiten in Deutschland laut, die den Triumphzug des Siegers begleitet. Jede neue Zeitung brachte neue Gräuel, gesteigerte unmenschliche Rachgier. Aber die That, die Alle mit einstimmigem Schmerzensschrei Hinausriefen in die Welt, die am längsten nachhallte und am tiefsten die Herzen ergriff – diese That hatte auch uns am tiefsten verwundet.

In diesen Tagen, am 18. November 1848, erhielt Bürgermeister Klinger in Leipzig ein Schreiben folgenden Inhalts:

„Wohlgeborner Herr,

Hochgeehrter Herr Bürgermeister!


Gestatten Sie auch mir, ich bitte herzlich, beifolgende Einhundert
Thaler für Robert Blum’s Wittwe und Kinder Ihrer
vorsorgenden Theilnahme zu übersenden.

Sagen Sie der Wittwe, die jetzt der Liebling theilnehmender,
mitfühlender Menschen ist, daß, so lange ich lebe, mein Herz ihr
angehört, so oft und so viel sie eines Frauenherzens treue Freundschaft
bedarf. Auch darum bitte ich Euer Wohlgeboren. Zudrängen
werde ich mich nicht – aber so oft Bedürfnisse in dieser
Familie stattfinden sollten, oder Wünsche, welche zu erfüllen ich
im Stande wäre, so würde ich es als ein Glück und die höchste
Ehre ansehen, nicht übergangen zu werden. Ergebenst ersuchend
um Empfangs-Schein, habe ich die Ehre mit ausgezeichneter Hochachtung
zu unterschreiben

Dresden, 16. Nov. 1848.

Auguste Charlotte Gräfin von Kielmansegge
geb. von Schönberg.“

Sorgen und Geschäfte mancherlei Art: die Unterhandlungen mit dem sächsischen Ministerium über die Auslieferung von Vaters sterblichen Ueberresten, die sich zerschlugen; die Ordnung unserer Vermögensverhältnisse; endlich das in Broschüren und selbst in einer angeblichen Note Kossuth’s aufgetauchte Gerücht, daß mein Vater nicht erschossen, sondern in einer der österreichischen Festungen gefangen gehalten werde, ein Gerücht, das nach vielerlei Nachforschungen und innern peinigenden Zweifeln, auf immer zurückzuweisen – dies Alles war es, was die Antwort auf obigen Brief bis zum 2. Januar 1849 verzögerte. Schon nach sechs Tagen lief die Erwiderung ein, den 8. Januar 1849 von Plauen bei Dresden, dem Landgute der Gräfin, datirt. Sie bezeichnete sich darin als eine Dulderin, wie meine Mutter, und meinte, daß dadurch allein schon ihre Sympathie und gegenseitige Unterstützung vorgezeichnet sei. „Mit bittern Thränen,“ fährt sie fort, „hebt eine solche Bahn an, sie endet aber mit dem Vollgefühl der unaussprechlichsten Freude …“ dann ermähnt sie ihre „theure Freundin, denn so haben wir’s ja verabredet“, auszuharren, bis sie ihrem Gatten „selig entgegentreten werde“, und schließlich fordert sie dieselbe dringend auf, mit den „lieben Kindern“ ihr einen Tag zu schenken, wobei Letztere „während unsrer ernstern Gespräche auf einige Unterhaltung rechnen können.“

Was sollte das bedeuten? fragte sich, wer auch nur immer diese Zeilen zur Durchsicht erhielt. Wozu diese Antwort überhaupt auf ein Schreiben, das mit der Danksagung meiner Mutter recht wohl die ganze Angelegenheit hätte beschließen können? Wozu jene mystischen Andeutungen über Wiedervereinigung mit geliebten Todten nach dem Tode, oder gar früher? Der Schluß des Briefes ließ wohl vermuthen, daß die Gräfin meiner Mutter Besuch aus mehr als bloßer Freundschaft oder Neugierde wünschte. Aber was hatte sie ihr in den „ernstern Gesprächen“ anzuvertrauen?

Glaubte sie etwa gar an das Märchen, daß der Vater noch lebe? Hatte sie den Schlüssel, ihr Räthsel zu lösen? Nur die Zeit konnte diese Fragen beantworten, und wahrscheinlich am besten ein Besuch bei ihr selbst.

Unterdessen war der Vorschlag Karl Vogt’s, daß wir Kinder in der Schweiz (Bern) zu erziehen seien – Dank der Energie unserer Mutter – von den sächsischen Behörden endlich nach zähem Widerspruch genehmigt und die Zeit unserer Abreise auf die ersten Tage des Mai festgesetzt worden. Es galt also Abschied zu nehmen von den Freunden des Vaters, von denen eine nicht geringe Anzahl damals ihren Sitz auf dem Landtage in Dresden gefunden hatte. Was war natürlicher, als daß meine Mutter bei einer Reise nach Dresden zugleich eine Lösung jener Räthsel sich zu verschaffen suchte, welche die merkwürdige Frau auf ihrem Schlosse im Plauenschen Grunde bei Dresden einem flüchtigen Blatte anzuvertrauen sich offenbar scheute?

Sie schrieb daher am 17. April an die Gräfin, sie werde am 20. mit dem Frühzuge in Dresden eintreffen und sich, wenn die Gräfin nicht gerade abwesend wäre, die Ehre eines Besuches gönnen. Andern Tags schon kam folgende Antwort:

„Theure Freundin! In diesem Augenblick … erhalte ich Ihre Zeilen, sende sogleich einen reitenden Boten nach der Post, damit meine Antwort noch die Eisenbahn erreiche. Kommen Sie, kommen Sie, Alle, mein Herz hat Raum für Alle und für Alles. Schenken Sie mir die ganze Zeit, Mittags, Abends, die ganze Zeit… Ihre treue Freundin in Plauen – A. K.“

Auch das Couvert trug die Spuren der Hast und der ängstlichen Sorge der Gräfin, sich diesen Besuch um keinen Preis entgehen zu lassen. Dort hatte sie eigenhändig bemerkt, daß der Brief durch einen Expressen „noch heute“ bestellt werde.


Der 20. war ein recht unfreundlicher Apriltag. Regen und Sturm luden nicht gerade dazu ein, uns Kinder früher als gewöhnlich zu wecken. Wir fuhren daher erst mit dem Zwölfuhrzug und stiegen im Hotel L………………g ab, das wir stets bei einem Aufenthalte in Dresden bezogen hatten. Wenige Monate vorher, bei Gelegenheit der Unterhandlungen mit dem sächsischen Ministerium über die Auslieferung von Vaters Leiche, war meine Mutter hier gewesen; um so mehr mußte ihr der Wechsel in der Person des Wirthes auffallen, der sich bei der freundlichen Theilnahme des frühern Besitzers sehr fühlbar machte. Indessen Zeit zu Fragen war nicht gegeben – der Hotelwagen, der uns zur Gräfin bringen sollte, war vorgefahren.

In einer halben Stunde hatten wir die ersten Häuser von Plauen erreicht. Einen Steinwurf weiter, rechts von der Landstraße, tauchte ein gelbangestrichenes, einstöckiges, vielfensteriges Haus auf, das wohl nur bei einer so höflichen Bevölkerung, wie der Sachsens, sich den stolzen Namen „das Schloß“ erobern konnte. Als der Wagen vor dem Hausthor hielt, dessen angrenzendes Spalier in einen geräumigen Hofraum blicken ließ, war der Totaleindruck der gräflichen Behausung, soweit sie sich von außen beurtheilen ließ, nichts weniger als einladend. Alle Fenster des Hauses waren durch verschossene grün-gelbliche Läden dicht verschlossen und die paar im Erdgeschoß dem Lichte zugänglichen dicht verhangen.

Als der Wagen davoneilte, standen wir frierend in dem rauhen Winde vor dem Thore, das sich dem Klingeln der Mutter nicht öffnen wollte, bis endlich am Parterrefenster hastig ein runzliges Gesicht hinter dem Vorhang hervorhuschte und dann ebenso plötzlich wieder verschwand. Erst geraume Zeit später erschien dieses [23] runzlige Gesicht in Lebensgröße am Thor und fragte mürrisch nach unserem Begehr. Meine Mutter nannte den Namen, worauf wir etwas freundlicher eingelassen wurden. Die Dienerin, anscheinend der Inbegriff aller gräflichen Hausmacht, führte uns über die mit Unkraut und Gras überwachsenen Pflastersteine des Hofes nach der Rückseite des Hauses, wo sie uns in einer feuchtkalten, mit Stein belegten offenen Vorhalle stehen ließ, um mit ein paar unverständlichen Worten wieder zu verschwinden. Hier lagen Tische und Bänke und Stühle unordentlich übereinander. Der Garten und seine Geräthschaften mußten wohl noch lange warten, bis der Frühling einzog in dies frostige Haus und die winterlichen Herzen seiner Bewohner!

Ich werde den Eindruck nie vergessen, den das Erscheinen der Gräfin, die uns eben hier zuerst empfing, auf mich machte. Ich habe nie wieder eine so aristokratische Gestalt in so schmutzig-plebejischem Aufzuge oder, um mit den Aesthetikern zu reden, nie wieder eine so vollendete Idee in so widersprechender Form gesehen. Die Gräfin Kielmansegge war damals schon eine greise Frau – aber ungebrochen hatte dieser stolze Nacken die Stürme überdauert, die Europa seit mehr als zwei Menschenaltern durchzogen und auch sie oftmals gewaltig erfaßt hatten. Eine Säule von ehedem stand sie da, hoch und schlank, in dem sichern Bewußtsein eines tadellos aristokratischen savoir vivre. Ihre feinen, regelmäßigen Züge verriethen meiner prüfenden Mutter schnell die letzten Spuren jener gefeierten Schönheit, auf welche einst der erste Napoleon bewundernd geblickt haben soll. Und konnten diese gemüthslosen, kalten, blauen Augen, diese harten, marmornen Züge wirklich jenes innere Feuer verbergen, das in den Briefen an meine Mutter lebendig hervortrat, dann hatte sie entweder eine außerordentliche Gewalt über den Spiegel ihrer Seele, oder sie war einer der selbst unter Männern seltenen Charaktere, bei denen jede Geberde, jedes Wort, jede That den Stempel einer innern Nothwendigkeit trägt, an denen jeder Zoll ein Wille, ein Charakter ist und die darum dem gewöhnlichen Sterblichen mit undurchdringlicher Kälte und Herzlosigkeit behaftet erscheinen. Wenn aber einmal – was nur selten geschah – das schlafende Feuer seine Hülle zersprengte, dann bot ihr Antlitz den erschreckendsten Ausdruck dar. Wie ein heimlicher Krater plötzlich eine friedliche Landschaft mit Lavaströmen tränkt, wenn seine verhaltene Lohe emporschießt, so flog alsdann über diese sonst regungslosen Muskeln ein jähes, dämonisches Feuer, ein Zucken und Wühlen und Arbeiten, das plötzlich wieder zu einem souverainen Lächeln erstarrte.

Im grellsten Widerspruch mit diesem imponirenden Aeußern stand die Gewandung, in der sie erschien. Ihre hohe Stirn war fast vollkommen bedeckt durch eine große Haube mit breiter enganliegender Spitze. Ein Ueberrock vom ordinärsten baumwollnen Stoff, grau und schwarz gewürfelt, umgab schmucklos die ganze Gestalt und reichte kaum bis zum Knöchel. Alles dies rief unwillkürlich den Gedanken an ein klösterlich büßendes Wesen hervor, ein Gedanke, den die einsiedlerische Lage dieser Behausung, die Dürftigkeit der ganzen fahrenden Habe und der äußerst einfache Apparat der gräflichen Bedienung wahrlich nicht Lügen strafte. Spleen, Weltüberdruß oder Geiz konnten nicht die Ursachen der außerordentlichen Verwahrlosung des Gutes und deren Eigentümerin sein; denn Spleen und Weltüberdruß paßten schlecht zu der allgemein bekannten Thatsache, daß die Gräfin sehr oft zu Hofe ging, und zwar in ihrem oben geschilderten Aufzuge, und an ihrer Freigebigkeit durften wenigstens wir nicht zweifeln. Eine geheimnißvolle starke Macht, stark genug für eine so stolze und früher so weltliche Dame, mußte also gebieterisch über ihr schweben und ihr als Buße für weiß Gott welche Vergehen diese eigenthümliche Tracht und Abgelegenheit des Wohnsitzes auferlegen. In wessen Händen ruhte solche Macht? Und was war die Veranlassung zu solcher Kasteiung? Die Gräfin hat uns die Antwort darauf nie gegeben.

Die ersten Worte des Willkommens waren nicht so herzlich, wie wir nach der Gräfin Briefen hätten erwarten dürfen, aber immerhin warm genug für eine Greisin von solchem Aussehen. Es schien eine unmuthige Laune sich ihrer augenblicklich bemächtigt zu haben. Sie schritt uns wortlos voran und öffnete auf der rechten Seite der Vorhalle eine Thür, durch die sie uns eintreten hieß. Wir befanden uns nun in einem kleinen Zimmer mit gelb getünchten Wänden und höchst ärmlichem Meublement.

„Dieses Zimmer,“ begann die Gräfin, „wird von meiner Nichte bewohnt, wenn sie mich besucht. Indessen, bitte, nehmen Sie Platz. Ich bedaure außerordentlich, Sie nicht schon heute Morgen am Bahnhöfe getroffen zu haben.“

„Sie waren so freundlich uns abholen zu wollen, Frau Gräfin. Wir konnten leider nickt früher abreisen,“ sagte meine Mutter. „Vielleicht ließen Sie unsertwegen Ihre Equipage umsonst nach Dresden fahren?“

„Equipage?“ fragte die Gräfin verwundert, und der Unmnth von vorhin machte einem flüchtigen Lächeln Platz. „Equipage?“ fuhr sie fort, ohne eine Frage meiner erstaunten Mutter abzuwarten. „Glauben Sie, daß ich meine Wege nach der Stadt zu Wagen mache? Ich gehe immer zu Fuß. Nun, betrüben Sie sich nicht. Ich habe meinen Aufenthalt in Dresden benützt, den jungen Herren hier ein kleines Andenken für die Schweiz zu besorgen.“

Später kam nicht mehr die Rede auf dies Andenken.

„Wo gedenken Sie sich in Dresden aufzuhalten?“

„Im Hotel L…………..g.“

„Also sind Sie da eingekehrt?“

„Ja, ich war dort durch, einen neuen Wirth unangenehm überrascht.“

„Also gefällt es Ihnen nicht? Nun, ich weiß nicht, ob Sie und Ihre Kinder Anspruch machen; – oben habe ich zwar Raum und Betten genug, aber zum Empfang für Gäste nicht geordnet. – Wenn Sie mit Ihrem Töchterchen Platz genug in diesem Bette finden und die beiden jungen Herren in einem Bett in der anstoßenden Kammer, so bleiben Sie bei mir über Nacht.“

„Da wir jedenfalls morgen wieder nach Leipzig zurück müssen, werden wir kaum auf so kurze Zeit die Ordnung Ihres Hauses stören dürfen.“

„Fühlen Sie sich doch hier zu Hause, werthe Frau; andern Tags begleite ich Sie nach Dresden, vor Ihrer Abreise thun Sie mir den Gefallen mit mir in Stadt N…………………..g, meinem Absteigequartier, zu speisen, und heute Abend wollen wir in Plauen, also ganz in der Nähe, soupiren.“

Nachdem noch die Gräfin versprochen, aus dem Gasthof in Plauen Jemand zur Besorgung unserer Wäsche nach unserem Hotel abzusenden, bot sie uns eine Erfrischung. Wir baten um ein Glas Milch und ergingen uns dann längere Zeit in dem höchst unheimlichen Park der Gräfin, an dessen Grenze das düstere Wasser der Weißeritz vorüberrauschte.

Unterdessen war die Dunkelheit vollständig hereingebrochen und die Gräfin, wie sie ging und stand, geleitete uns, nachdem unser Schwesterchen schlafen gegangen war, nach dem Gasthof in Plauen. Gleich am Eingang desselben stießen wir in der Person des Wirthes auf ein bekanntes Gesicht. Es war der meiner Mutter durch frühere Besuche in Dresden bekannte Besitzer des Hotel L…………….g in Dresden, unserem Absteigequartier. Allein der Ausdruck des beiderseitigen Wiedersehens war ein sehr verschiedener. Während meine Mutter ihre Freude nicht verhehlte, konnte der Wirth die höchste Bestürzung nicht verbergen, als er sah, daß wir die ihm angemeldeten Gäste der Gräfin Kielmansegge seien, und als die Gräfin uns Jungen die Treppe hinaufführte und uns fragte, ob wir den Herrn kännten, hatte der Wirth selbst Zeit genug, der Mutter aufs Eindringlichste zu bedeuten, daß er dafür sorgen werde, noch diesen Abend in Betreff der Gräfin mit ihr zu sprechen. Als der Wirth die Suppe servirte, bat ihn die Gräfin, sogleich Jemand wegen unserer Wäsche in die Stadt zu senden.

Der Wirth kam, als er den ersten Gang auftrug, wieder herauf und meldete, daß er für den Weg allerdings Jemand aus dem Dorfe gefunden habe, der Bursche aber etwas schwer von Begriffen sei und die Gräfin daher gestatten möge, daß Frau Blum, theils wegen seiner Instruction, theils wegen der Ausfertigung seiner Legitimation, sich einen Augenblick hinunter bemühe.

Wenn der arme Bursche gewußt hätte, was droben über ihn behauptet wurde, er würde ohne Zweifel den Wirth wegen Injurie verklagt haben, denn ein paar Secunden reichten aus ihn vollständig für seinen Gang auszurüsten. Kaum war aber der Wirth mit der Mutter allein, als er ausrief: „Vor Allem, wie kommen Sie mit der Frau zusammen?“

Meine Mutter erzählte es ihm.

„Das ist Alles ein feinangelegtes, raffinirtes Spiel!“ setzte er in großer Aufregung hinzu. „Zuerst sendet sie Ihnen hundert [24] Thaler in der schonendsten Weise, dann lockt sie Sie als Leidensschwester an sich, dann mit expressen Boten, bis sie Sie sicher im Netz hat.“

„Das klingt ja entsetzlich, Verehrter!“ entgegnete lächelnd meine Mutter. „Was denken Sie denn, daß die Gräfin mit uns vorhat?“

„Ja, wenn ich das wüßte, würde ich mit der Hülfe des Gerichtes, nicht mit meiner schwachen Einsicht zu Ihnen reden. Aber bitte, sprechen Sie, ist Ihnen denn bisher gar nichts Verdächtiges an ihr aufgefallen?“

Die Mutter recapitulirte rasch jedes irgendwie verdächtige Wort der Gräfin, als sie der Wirth unterbrach:

„Fragen Sie sie doch einmal, wohin ihre beiden Männer gekommen sind, die so plötzlich starben, fragen Sie sie einmal, beste Frau. Die Leute hier draußen erzählen, sie sei schon auf Tod und Leben angeklagt gewesen und der Proceß plötzlich niedergeschlagen worden durch hohe Verwandte in Rußland, und seither müsse sie etwas um den Hals tragen – doch das mag Alles hinzugedichtet sein. Fragen Sie sie einmal, ob sie nicht zu dem ver– Jesuitenorden gehöre, – Gott verzeihe mir meine Sünden! – und ihr der Orden ihre Tracht, ihr Kloster, Geißelung und all den Firlefanz auferlegt hat zur Sühne. Und sehen Sie, beste Frau, da will mir der Gedanke nicht aus dem Kopfe, der mir gleich hineinschoß, als ich Ihrer ansichtig wurde, ob sie nicht mit Ihnen oder Ihren lieben Kindern etwas Teuflisches vorhat, um ihre Buße schneller abzuquirlen. Deshalb, beste Frau Blum, gehen Sie nicht zurück, bleiben Sie unter meinem Dache!“

„Selbst wenn Alles wahr wäre, was Sie sagen, verehrter Freund – das geht nicht!“ entgegnete meine Mutter.

„Nicht? So hören Sie noch Eines! Ich sehe oft vornehme Herren von Dresden hier, und da habe ich zufällig auch erfahren, daß die Gräfin Briefe wechselt, wissen Sie mit wem?“

„Nun?“

„Mit Windischgrätz, Frau Blum!“

„Nun, wenn auch das noch wahr wäre, was wir ja Beide nicht ohne Weiteres annehmen können, so könnten wir doch nicht hier bleiben. Mein Töchterchen ist noch im Hause der Kielmansegge. Wenn ich der Gräfin Wunsch befolgen könnte und wollte,“ setzte sie lächelnd hinzu, „so müßte ich sie ihr auf immer lassen.“

„Wie meinen Sie das?“ fragte er wirklich ängstlich.

„Die Gräfin, die Sie so sehr zu fürchten scheinen, hat mich auf’s Dringendste gebeten, meine Tochter ihr zur Erziehung zu überlassen.“

„Frau Blum! Um Gotteswillen . .

„Sie können sich wohl denken, daß ich unter keinen Umständen Ja sagen würde.“

„Gewiß, ich werde also Ihr Töchterchen holen lassen.“

„Nein, werthester Freund, lassen Sie das! Meine Kinder und ich werden diese Nacht noch in ihrem Hause schlafen, und verlassen sie ohnehin schon morgen. Ich habe keine Furcht, selbst wenn all das wahr wäre oder wahr ist, was Sie mir sagten. An offene Gewalt kann und wird sie nicht denken, und gegen etwaige List und Ränke werde ich, Dank Ihrer freundlichen Warnung, gewaffnet sein. Nun, seien Sie unbesorgt!“

Sie reichte ihm die Hand und wandte sich nach oben, während er ihr besorgt und kopfschüttelnd die Thür öffnete. [41] Während der Mahlzeit machte meine Mutter zu wiederholten Malen den Versuch, wenigstens einige Bruchstücke aus dem früheren Leben der Gräfin enthüllt zu sehen, namentlich das Verhältniß zu ihren Gatten – allein stets vergeblich; immer wußte ihr die Gräfin durch den Wunsch zu entgehen: daß ihr die Mutter bei der kurzen Zeit ihres diesmaligen Aufenthaltes möglichst viel von ihrem eigenen Leben erzählen und alles Uebrige einem späteren Zusammensein überlassen möchte. Dagegen wiederholte sie immer eindringlicher und öfter die Bitte, ihr unsere Ida zur Erziehung zu überlassen, und stand erst davon ab, als ihr auf’s Bestimmteste erklärt wurde, daß solche Anerbietungen ebenso nutzlos wie unangenehm seien. – Es war unterdessen Stunde um Stunde verstrichen, ohne daß der entsendete Bote zurückgekehrt wäre, und die Mutter bat unsere Wirthin endlich dringend, dessen Kommen nicht abzuwarten, da die Kleine im „Schloß“ aufwachen und,sich in den ungewohnten Räumen ohne Mutter verlassen fühlen, wohl gar verletzen könne. Die Gräfin war damit einverstanden und versprach der Mutter einen Ersatz für ihre Wäsche zu liefern; wir kehrten denn in’s Schloß zurück. Wir Knaben legten uns sofort zur Ruhe und, schliefen sogleich ein. Nicht so unsere Mutter. Zunächst war das von der Gräfin verabreichte Surrogat von Wäsche höchst eigenthümlicher Natur, nämlich nichts Geringeres als ein ähnlicher schmutziger, grau und weiß carrirter Ueberwurf und eine genau ähnliche Haube, wie sie selbst trug. Endlich entschloß sich die Mutter, Beides anzuziehen und sich niederzulegen – da klopfte es. Es war schon tiefe Nacht – was konnte man noch wollen? Die Gräfin trat ein.

„Sie werden mir’s gewiß nicht verargen, wenn ich den Wunsch ausspreche, noch ein Stündchen mit Ihnen zu plaudern,“ sprach sie und setzte sich vor das Bett.

Wie gesagt, hatte Alles, was meine Mutter gesehen und gehört, sie zu sehr aufgeregt, als daß sie vor der Hand auf Schlaf hätte rechnen können. Sie willigte daher gern in die erbetene „Plauderei“, namentlich weil sie hoffen durfte, daß die Gräfin ihr nun, innerhalb ihrer eigenen Mauern, wohl eher etwas über sich selbst mittheilen werde, als im Gasthaus. Doch auch diesmal blieben alle dahin zielenden Versuche fruchtlos.

„Erzählen Sie mir von Ihrem theuren Gatten,“ bat die Gräfin, nachdem sie längere Zeit über andere Dinge gesprochen hatten, „erzählen Sie von Ihrer Liebe, Ihrer Ehe.“

Die Geschichte der Liebe war einfach und bald erzählt. Indessen dabei war der Gräfin wieder etwas eingefallen.

„Ihr Gatte war vorher schon einmal verheirathet?“

„Ja, Frau Gräfin, seine erste Frau starb schon im vierten Monat der Ehe.“

„Und er liebte sie?“

„Außerordentlich. Es war eine schöne junge Frau. Er war sehr unglücklich bei ihrem Tode.“

„Und ist sie ihm nie darauf erschienen?“

„Wenn Sie das ,erscheinen’ nennen wollen, was uns unsere erregte Seele im Traum vorführt, mehrmals. Er hat einige höchst merkwürdige Aufzeichnungen hinterlassen über die Gespräche, die er dann mit ihr über das Jenseits zu führen meinte. Doch was soll das Alles? Frau Gräfin, glauben Sie denn an Erscheinungen?“

„Gewiß! Die wahre Liebe fesselt zwei Seelen über das Grab hinaus aneinander. Diese geheimnißvolle Sympathie zeigt sich ja schon im Leben, wenn unsere Liebe anfängt, und je inniger sie wird, um so schöner, deutlicher. Haben Sie es nicht stets im Voraus gewußt, wann und daß er Sie besuchen würde, als Sie sich noch nicht erklärt hatten?“

„Allerdings – aber das lügt man sich selbst vor. Man erwartet den lieben Besuch stets, unaufhörlich, und wenn die Hoffnung eintrifft, meint man eine Ahnung gehabt zu haben.“

„O, schätzen Sie das nicht so gering, werthe Frau, glauben Sie mir –° ich kann darin von merkwürdigen Dingen erzählen.“

„Nun?“

„Ach, das ist lange, lange vorüber – reden wir nicht davon. Beantworten Sie mir nur noch einige Fragen. Wie war es Ihnen zu Muthe, als er in Wien war; ich meine zu der Zeit, am Tage oder in der Nacht seiner – seines Todes?“

„O Gott, gnädige Frau, erlassen Sie mir das – wie hätte ich das ahnen, fürchten können – daß er mir so bald entrissen würde! Ich hatte an seinem Todestage einen beruhigenden, ja heitern Brief aus seinem Gefängniß von ihm erhalten, und als ich mich anzog, um diesen Brief einigen seiner Freunde mitzutheilen, da muß eine plötzliche Schwäche über mich, mein Auge gekommen sein; ich stand vor dem Spiegel – kurz ich sah mich in Schwarz gekleidet –“

„Sehen Sie!“ rief die Gräfin mit einer Art triumphirender Hast – „aber ich rege Sie zu sehr auf, gewiß – und möchte Sie doch so gern trösten!“

Sie ergriff meiner Mutter Hand mit ihren kalten, knöchernen Fingern, als ob sie nach ihrem Puls fühlte, und sah ihr mit ihren herzlosen blauen Augen prüfend in’s Antlitz. Es entstand eine lange Pause; endlich begann die Gräfin von Neuem:

„Glauben Sie überhaupt daran, daß er todt ist?“

„O Frau Gräfin, wenn Sie wüßten, mit welcher Pein ich diese Zweifel niedergekämpft habe – Sie würden mich darnach nicht fragen! Ich muß es ja glauben. Er ist gewiß und wahrhaftig todt!“

Wieder ließ die Gräfin einige Minuten verstreichen; dann sagte sie mit scharfer Betonung:

„Das mögen Sie glauben und alle Welt – oder das mag man Ihnen glauben gemacht haben – allein ich – –“

„Was wollen Sie sagen, Frau Gräfin?“ [42] „Ich correspondire mit Windischgrätz.

„Also das ist wirklich wahr?“

„Hörten Sie davon?“

„Ja, ja – öfters. Doch, Frau Gräfin, haben Sie auch nach der Katastrophe einen Brief von diesem – Manne?“

„Auch nach dem neunten November!“ sagte sie feierlich.

„Nun denn, Frau Gräfin – beantworten Sie mir die eine, die einzige Frage: Glauben Sie, wissen Sie, daß er noch lebt?“

„Ich kann Ihnen,“ antwortete die Gräfin mit einer eisigen Ruhe und Sicherheit, „nur die Antwort auf diese Frage geben: Der Diplomatie ist Alles möglich! Siegt Kossuth, so wird Blum frei!

Bei diesen Worten sank meine Mutter überwältigt auss Kissen zurück, einen Augenblick umsonst nach Fassung ringend.

Aber dann war’s ihr, wie wenn mit einem Male von diesem undurchdringlichen Gesicht vor ihr eine verschönernde Maske gerissen würde, so grinsend höhnisch schien die Gräfin sie anzublicken, während dieselbe ihre Augen mit der Hand bedeckt hielt. Sie wollte sich von der Wahrheit dieses Anblickes überzeugen und fuhr rasch empor. Das Talglicht flackerte heftig – Doch als sie der Gräfin fest in’s Gesicht blickte, gewahrte sie einen so mütterlich besorgten Ausdruck, daß ihr ganzer Zorn wieder entwaffnet wurde und sie sicher annahm, sich getäuscht zu haben.

„Vergeben Sie mir,“ sprach die Gräfin leise, „wenn ich Sie wider Willen aufgeregt haben sollte – aber ich kann Ihnen nicht mehr sagen; lassen Sie mich also abbrechen und schlafen Sie recht wohl.“ Damit entfernte sie sich.

Meine arme Mutter war Anfangs zweifelhaft, ob sie nicht sogleich aufspringen und mit uns das Haus verlassen solle. Allein wozu konnte dieses Weib sich nicht möglicher Weise entschließen, wenn sie ahnte, daß meine Mutter argwöhnte? Es hätte dann leicht zu einer Scene kommen können, die bei der furchtbaren Aufregung meiner Mutter vielleicht tödtlich gewirkt. Sie entschloß sich daher zu bleiben – aber nie, nie wieder mit der Gräfin ein Wort über ihre Verhältnisse, ihren Verlust zu sprechen. Erst gegen Morgen fand sie ein Stündchen unruhigen Schlummers.


Wir standen spät auf. Unterdessen war die Reisetasche mit der Wäsche im Schlosse abgeliefert worden. Warum wir sie nicht am Abend erhielten, erfuhren wir nicht. Die Gräfin war merkwürdig einsilbig und übler Laune. Gegen Mittag endlich setzte sich die Gräfin einen ungeheuren Strohhut auf, an dem wir Jungen uns sichtlich erquickten; das war ihre ganze Toilette und nun wurde der Weg nach Dresden angetreten, natürlich, den Principien der Gräfin gemäß, zu Fuß. Wir Knaben schritten mit der Gräfin und der Reisetasche voran, die Mutter mit der Kleinen hinterdrein, und wenn uns Leute begegneten, sah die Mutter sie oft sich einander bedenklich anblicken und, auf die Gräfin deutend, fragen: „Wo will denn Die mit den Kindern hin?“ Obschon wir auf diesen Tag zu Bürgermeister Klinger eingeladen waren, beharrte die Gräfin auf ihrer Einladung für den Mittag. Wir sagten also bei Klingers ab und die Gräfin setzte es durch, daß Fräulein Bertha Klinger auch ihr Gast wurde. So kamen wir nach Stadt N…………g. Als wir dort eintrafen, verließ ein vornehm aussehender Herr, mit Orden etc., gerade das Hotel, mit dem die Gräfin einige leise Worte wechselte. Später erfuhren wir, daß es der spanische Gesandte gewesen sei.

Es war ein unheimliches Diner, das wir dort in der zweiten Etage apart einnahmen: die Gräfin einsilbig, die Mutter gedrückt, das Fräulein schüchtern, wir Knaben übermüthig, Ida vom Marsche so schläfrig, daß sie nach dem zweiten Gang schon einnickte und die Mutter, als die Gräfin eben im Begriff war, einen edlen Magyaren zu entkorken, sie aus dem Zimmer führen mußte, um sie im Ankleidezimmer auf ein Sopha zu legen. Um dahin zu gelangen, mußte man an der Treppe vorüber. Vom Fuße derselben ließ sich ein Wortwechsel zwischen einem Manne in der Amtstracht der Diener der sächsischen Kammern und einem offenbar groben Kellner vernehmen, der verstummte, sobald die im höhern Stock geöffnete Thür wieder geschlossen und Stimmen laut wurden. Der Diener in der Amtstracht kam lebhaft die Treppe herauf, auf meine Mutter zu und fragte, nachdem er wahrscheinlich ihre Trauerkleidung gemustert hatte:

„Ich bitte um Vergebung – wenn ich nicht irre, so sind Sie Frau verwittwete Blum.“

„Ja, zu dienen.“

„Ich habe ein Billet an Sie,“ sagte er flüsternd, als von drinnen Stimmen laut wurden, „von Dr. –n.“

„Warten Sie auf Antwort?“

„Wenn’s Ihnen gefällig wäre.“

Sie erbrach das Siegel und las:

„Werthe Frau!

Sie sind in fürchterlichen Händen! Kommen Sie sogleich mit Ihren Kindern und Bertha K. in meine Wohnung. –n.“

„Ist der Herr Doctor noch in der Kammer?“

„Jetzt wird sie geschlossen sein. Ich soll ihm die Antwort nach Hause bringen.“

„So sagen Sie, ich würde in einer Viertelstunde dort sein.“

Der unterzeichnete Name war so bedeutend, das Gewicht seiner Meinung so bestimmend, daß die Mutter, von allen Höflichkeitsrücksichten absehend, sofort aufbrechen zu müssen meinte.

Wir Knaben waren nicht wenig verwundert, als wir einem hoffnungsvollen Dessert durch die Nachricht entrissen wurden, daß wir Alle sofort aufbrechen müßten, da eine sehr dringende ernste Nachricht eingelaufen wäre. Die Gräfin dagegen nahm diese Botschaft mit großer Ruhe auf, als etwas längst Erwartetes. Der Abschied war sehr kühl auf beiden Seiten. Fräulein Klinger verließ das Speisezimmer etwas nach uns. Wir glaubten zu bemerken, daß die Gräfin sie etwas zurückhielt und sie zusammen flüsterten.

Auf der Straße angekommen, sah das Fräulein scheu zurück und sagte dann zu unserer Mutter:

„Das muß eine sehr, sehr böse Frau sein!“

„Warum denn, mein Kind?“

„Sie sagte mir, wenn Sie etwas über sie, ihre Verhältnisse und Reden sagen würden, so solle man Ihnen nicht glauben, denn es wäre hier oben nicht richtig mit Ihnen. Dabei legte die Gräfin den Finger an die Stirn.“

Ich verstand den Sinn dieser Worte nicht ganz, aber der Ernst in meiner Mutter Zügen, wie sie die Lippen an einander preßte und in langen Zügen athmete bei dieser Mittheilung, ließ mich ahnen, daß sie sich tief und ernst gekränkt fühle. –

Bei Dr. –n fanden wir viele Freunde des Vaters versammelt.

Man gab uns sogleich warme Milch zu trinken, unnützerweise, denn vergiftet waren wir natürlich nicht. Nachdem wir Alles erzählt, was uns begegnet war, und zahllose Hypothesen über die Absichten der Gräfin mit uns aufgestellt worden, ging ein von den anwesenden Freunden unterzeichneter Brief nach Plauen ab, worin die Gräfin gewarnt wurde, jemals wieder sich um uns zu bekümmern, widrigenfalls alte dunkle Geschichten wieder hervorgesucht werden würden, die Wohl zu ihrem eigenen Besten besser begraben blieben, – und wir haben auch nie mehr direct oder indirect ein Lebenszeichen von ihr erhalten. –

Ich würde den Boden der reinen Wahrheit verlassen und mich auf das schlüpfrige Gebiet der Hypothese begeben, wollte ich meinen Lesern sagen, welcher Art denn die vollen Absichten der Gräfin mit uns und welcher Art jene alten dunkeln Geschichten waren. Bis zu einem bestimmten Grade freilich liegt diese Absicht so klar zu Tage, daß ich keine Hypothese, sondern einen einfachen Schluß aus wahren Thatsachen ausspreche, wenn ich sage, daß die Gräfin die bestimmte, vollbewußte Absicht hatte, meine Mutter durch den Glauben, daß unser Vater noch lebe, geistig zu verwirren, mindestens ihre durch die Leiden der letzten Monate tief erschütterte Seelenruhe von Neuem wieder in der ungeheuerlichsten, grausamsten Weise zu stören.

Daß die Gräfin diese Absicht mit voller Klarheit und mit Vorbedacht auszuführen versuchte, das schließe ich aus folgender einfachen Thatsache. Die Gräfin behauptete, daß sie mit Windischgrätz correspondire, und suchte aus dieser Behauptung meiner Mutter den schlagendsten Beweis zu liefern, daß sie über meines Vaters wahres Schicksal auch am besten orientirt sein müsse. Diese Behauptung war nun entweder eine Lüge, und in diesem Falle liegt ihre Arglist auf der Hand, oder aber – wovon ich fest überzeugt bin – die Gräfin correspondirte wirklich mit Windischgrätz. Ich bin deshalb dieser Ueberzeugung, weil ich einmal keinen vernünftigen Grund kenne, eine Behauptung ohne Weiteres für eine Lüge zu erklären, und sodann weil die Gräfin Kielmansegge mit der zu Prag in den czechischen Unruhen erschossenen Gattin des Fürsten Windischgrätz eng befreundet gewesen ist. Ich will auch [43] glauben, daß sie noch nach dem 9. November Briefe von ihm hatte. Dann mußte sie aber so bestimmt wissen, wie wir es heute wissen (unter Anderm auch aus Windischgrätz’ Munde), daß der Vater wirklich todt war. Sie mußte dies wissen, sage ich, da die siegreiche österreichische Camarilla, so oft sie in der Geschichte auftrat, noch niemals einer solchen Heldenthat, wie sie an meinem Vater verübt wurde, sich zu schämen für nöthig hielt, nicht einmal ihren Feinden gegenüber, geschweige denn vor ihren Freunden!

Und selbst, wenn sie zwar mit Windischgrätz correspondirte, von ihm aber keinen Brief nach dem 9. November, keine directe Nachricht über das Schicksal des Vaters empfangen hatte – dann war es wiederum mindestens ein frevelhaftes Spiel mit der schwer errungenen Gemüthsruhe einer unglücklichen Frau, wenn die Gräfin Kielmansegge in solch’ apodiktischer Weise das Leben eines Todten behauptete und diese Behauptung doch mit nichts stützen konnte! – Was die Gräfin darüber hinaus für Zwecke verfolgte, ob sie, wie unsre Freunde damals bestimmt aussprachen, beabsichtigte, unsre Erziehung in die Hände des Ordens Jesu zu spielen, dem sie notorisch angehörte – darnach zu grübeln haben ich und die Meinigen uns nie gesehnt. Im Gegentheil, wir haben ihr längst vergeben, der merkwürdigen Frau auf dem „Schlosse“ im Plauenschen Grunde, und wünschen ihrer Asche von ganzem Herzen den Frieden, den sie in ihrem Leben schwerlich besessen hat.

So bin ich denn meinen Lesern blos noch Rechenschaft darüber schuldig, warum ich dem Spruche: „Von den Todten nur das Gute!“ nicht Rechnung trug und diese Thatsachen überhaupt veröffentlicht habe.

Es geschah erstens deshalb, um das Licht der Wahrheit über diese dunkle Geschichte zu verbreiten, die, wie ich hin und wieder aus Fragen, die an uns gerichtet wurden, entnehmen mußte, mit oder ohne Absicht gefälscht und verdüstert worden war. Sodann aber, und das ist mein Hauptgrund, um einen modernen Beleg mehr zu liefern zu dem trefflichen Worte des römischen Dichters:

Timeo Danaos, et dona ferentes!
(Ich fürchte die Danaer, auch wenn sie Geschenke bringen.)