Ein indischer Baum

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Titel: Ein indischer Baum
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aus: Die Gartenlaube, Heft 40, S. 546
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1856
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Die Gartenlaube (1856) b 545.jpg

Indischer Feigen-Wald.

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Ein indischer Baum.
(Mit Abbildung.)

Auf keinem andern Punkte der Erde zeigt sich die ewig zeugende und ewig zerstörende Natur herrlicher und furchtbarer, als in Indien, dem Lande, das man die geheimnißvolle Mutter der Menschen, der Religionen und der Civilisation nennt. Das Leben quillt da in so unerschöpflicher Fülle, daß ihm längst kein Raum zur weiteren Entwickelung geblieben sein würde, wenn nicht auch der Tod mit so reichen und gewaltigen Mitteln zur Vernichtung ausgestattet wäre, wie nirgend in der Welt. Die Sonnenstrahlen werden dort zu glühenden Todespfeilen; es wimmelt von den giftigsten Schlangen; die Dickichte sind erfüllt von den blutdürstigsten Thieren; die drückende Hitze erzeugt in den feuchten Niederungen geheimnißvolle Krankheiten, wie Cholera u. A., welche die Menschen zu Millionen hinraffen, und der Mensch selbst muß in seinem Wahne, der ihm den Mord als seiner Gottheit wohlgefällig erscheinen läßt, der Natur als blindes Werkzeug der Zerstörung seines Gleichen dienen. Und trotz dem unendlichen Morden, trotz Seuchen und Hungersnoth mitten in der üppigsten Fülle, trotz endlosen Kriegen seit vielen Tausenden von Jahren, trotz immer sich erneuernden Revolutionen und der blutigsten Herrschaft der scheußlichsten Tyrannen mehren sich die Millionen der Menschen in Indien bis auf den heutigen Tag, wie die unermeßliche Zahl der verschiedensten Thiere, von dem Elephanten bis zu den Heuschreckenschwärmen und Moskitowolken, fort und fort sich neu erzeugt und die Welt der Pflanzen, in ewigem Frühling, in wunderbarer Ueppigkeit gedeiht.

Blicken wir zunächst auf die letztere, so stellt sich uns ein wahrhaft zauberisches Bild dar. An Stellen, wo bei uns gebrechliches, schwankendes Rohr und dünnes Schilf kümmerlich wachsen würde, breiten sich in Indien Bambuswälder aus, deren glatte Stämme rasch emporschießen, bis sie die Dicke von Mannsschenkeln und Häuserhöhe erreichen, und gleich Marmorkolonnaden in Zauberpalästen erscheinen. An sie schließen sich Gebüsche, deren Blüthen in brennenden Farben berauschenden Duft verbreiten und Bäume mit schwarzgrünen, glänzenden, dicken Blättern, die zum allergrößten Theile die herrlichsten Blüthen tragen, während über alle hinweg die Kronen der Palmen ragen, in denen es im geheimnißvollen Geflüster rauscht, und die prächtigen Platanen mit den blaßgrünen, gefiederten Blättern wie zum Schmuck absichtlich daneben gestellt zu sein scheinen. An andern Orten wachsen unter Palmen und Platanen Orangen-, Feigen- und Mandelbäume, oder Mangobäume, deren Blüthen den aromatischsten Geruch weithin verbreiten und deren herrliche Früchte mit nichts besser als mit dem süßesten Rahm verglichen werden können. Die Blüthen fast aller Fruchtbäume Indiens riechen angenehm und stark; von den Rosen- und Resedafeldern wollen wir nicht sprechen; sogar die Blätter und die Rinde mancher Bäume duften lieblich, ja es gibt Gewächse, an denen Alles, Blüthen, Blätter, Rinde und Wurzeln aromatisch ist. Die Reben geben die süßesten, größten Trauben, aber nur, wenn man ihnen einen künstlichen Winter schafft, so daß sie nicht in’s Unendliche forttreiben können. Man thut dies, indem man einen Theil des Jahres über die Wurzeln ganz bloß legt.

Wie die unbegrenzte Fruchtbarkeit Indiens sich in der außerordentlichen Mannigfaltigkeit ihrer Erzeugnisse, namentlich der Pflanzenwelt, zeigt, so auch in der Riesenhaftigkeit einiger ihrer Arten. Und hier brauche ich als Beispiel nur den Baobab (Affenbrotbaum, Adansonia digitata der Botaniker) zu erwähnen, den man den Elephanten unter den Bäumen nennen könnte, da er von gewaltiger Stärke ist, oft dreißig Fuß im Umfange mißt, aber niedrig bleibt, oder doch keine zu dem Umfange im richtigen Verhältniß stehende Höhe erreicht, und den Wunderbaum, den unsere Abbildung zeigt, den Bantan- oder indischen Feigenbaum. Der letztere hat unter allen Herrlichkeiten und Seltsamkeiten der indischen Pflanzenwelt von Alters her die Bewunderung und die Verwunderung der Reisenden im höchsten Grade erregt. Und er hat des Ungewöhnlichen in der That viel an sich. Er wächst ungemein schnell, fast wie der Bambus, da aber sein Holz sehr zerbrechlich ist, so würde er die eigne Last bald nicht tragen können, wenn er sich nicht selbst Stützen wachsen ließe. Er treibt nämlich an der untern Seite der Hauptäste dünne, zarte, fadenartige Triebe hervor, die sich mehr und mehr verlängern, bis sie den Boden unten erreichen, wo sie sich sofort als Wurzeln festheften, um unglaublich schnell zur Dicke junger Bäume anzuschwellen, die dann den großen Aesten, von denen sie ausgingen, die sich nicht selten zwei- und dreihundert Fuß weit von dem Hauptstamm hinausstrecken und durch ihre Last an den Boden gezogen werden würden, als unerschütterliche Stützen dienen. So hat der Hauptast an dem von uns abgebildeten Baume eine Länge, von 225 Fuß und zwölf Stützen. Diese Stützen begnügen sich aber nicht damit, die Aeste zu tragen, sie treiben aus ihren Wurzeln wiederum neue Schößlinge, die sich zu Bäumen gestalten, und wiederum lange Aeste ausstrecken, die sich von Neuem stützen müssen und so fort, daß ein solcher Bantanbaum endlich wirklich einen Wald bildet und von Weitem immer wie ein kleiner Wald aussieht. Der hier abgebildete hat, nach den Zweigen gemessen, einen Umfang von 1345 Fuß und bedeckt eine Fläche von beinahe vier Ackern. Er ist aber bei Weitem noch nicht der größte, denn ein sehr berühmter steht seit uralter Zeit am Narbudda, unter : welchem einmal eine ganze Armee von siebentausend Mann auf dem Marsche Halt machte und Schatten fand und der, obgleich die Flut viel von ihm weggerissen hat, doch noch immer, nur um den Hauptstamm her, einen Umfang von mehr als 2000 Fuß hat.

Schon der alte englische Dichter Milton hat den seltsamen Bantanbaum würdig gefunden, in seinem „Verlorenen Paradiese“ besungen zu werden. – „Töchter wachsen,“ spricht er, „um den Mutterstamm, eine Schattenhalle, von hohen, grünen Bogen überspannt, mit Gängen, wo sogar das Echo weilt und wo oft der Hirt, den heißen Sonnenbrand zu meiden, im Schatten seine ganze Heerde weidet.“

Die scharlachrothen Feigen des Bantan-Baumes werden von Schaaren bunter Papageien, grünen Tauben und zahlreichen andern glänzend befiederten Vögeln aufgesucht, die oft zu Hunderten unter den weit gestreckten Aesten flattern, kreischen und plappern. Eichhörnchen springen von Zweig zu Zweig, lustig einander hinauf- und hinunterjagend an dem glatten Stamme, oft in Sprüngen von sechzig Fuß Weite oder Höhe. Affen sitzen auf den höchsten Zweigen und verzehren die Früchte, oder die Jungen hüpfen und spielen umher, während die alten graubärtigen Affenpatriarchen und die bedächtigen Affenmatronen gravitätisch den tollen Streichen der naseweisen Jugend zuschauen. In den Sonnenstrahlen, welche durch die dichte Blätterhülle hindurchdringen, schwirren kleine Vögel umher, deren Federschmuck in metallischem Glänze blitzt, mitten unter Schwärmen von bunten Käfern und Fliegen und unter Wolken von Moskitos, während in der Nacht Feuerfliegen da leuchten, die oft zu Millionen, gleich funkelnden Smaragden und Diamanten, an einem solchen Baume hängen, und ihn zu einer wahrhaft feenhaften Erscheinung machen.

Freilich wimmelt es auch in den alten Stämmen, die meist hohl sind, von giftigen Schlangen, Skorpionen und anderm Ungeziefer, so daß sich nahe an dieselben nicht so leicht Jemand wagt. Unter den schattigen Zweigen aber sieht man fast immer Bilder des indischen Lebens: Kinder spielen da, jagen die Affen und Eichhörnchen oder suchen die prachtvollen Schmetterlinge zu fangen, die sich gern in diesem Schatten aufhalten; weißbewandete Hindumädchen, Töpfe mit Wasser auf dem Kopf, eilen anmuthig dahin oder sitzen plaudernd neben einander; ernste Braminen schreiten einher; halbnackte Diener tragen Lasten; Reiter jagen dahin; müde Wanderer ruhen aus; Elephanten tappen schwerfällig einher; Buckelochsen und Büffel weiden; aus der Ferne schimmern weiße Paläste und Tempel, und über Alles spannt sich der tiefblaue, klare Himmel Indiens.