Ein lohnendes Sujet für Historienmaler

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Titel: Ein lohnendes Sujet für Historienmaler
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aus: Die Gartenlaube, Heft 48, S. 664
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1857
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[664] Ein lohnendes Sujet für Historienmaler. Als Voltaire im Frühling des Jahres 1778 Paris zum letzten Male besuchte, wo er bekanntlich von der Freude über den ihm von allen Schichten der Gesellschaft bereiteten glänzenden Empfang getödtet wurde, suchte er, der vierundachtzigjährige Greis, den nur um zwölf Jahre jüngeren Benjamin Franklin auf, der als nordamerikanischer Gesandter am französischen Hofe in Passy wohnte, und überhäufte den biedern Amerikaner, den schlichten, ehrlichen Schöpfer der republikanischen Verfassung seines Vaterlandes, mit allen möglichen Schmeicheleien. Die beiden berühmten alten Herren, gewissermaßen die Träger des neuen Zeitgeistes nach seinen zwei verschiedenen Richtungen, nach der ehrlichen, einfachen, tugendhaften und nach der outrirten, raffinirten, höhnisch überreizten und carikirten, verkehrten miteinander, und als Voltaire von seiner alten Feindin, der Akademie, eine Einladung erhielt, beredete der alte eitle Mensch, der seiner ganzen echt französischen Richtung nach die Theatercoups, den Eclat liebte, den bescheidenen Naturforscher und ehemaligen Buchdrucker, welcher Mitglied der Akademie war, mit ihm zu gehen. So wenig der schlichte Amerikaner Lust zu einer solchen Schaustellung hatte, so wurde er doch von seinen zahlreichen Pariser gelehrten Freunden dazu gedrängt. So traten sie denn eines Tages Hand in Hand in die vollzählig versammelte Akademie. Die ganze Versammlung erhob sich beim Anblick der beiden großen Männer ehrfurchtsvoll von ihrem Sitze, und begrüßte sie mit allen Zeichen der höchsten Achtung. In diesem Augenblick rief plötzlich eine Stimme: „Sophokles und Solon!“ und diese Worte erzeugten einen wahren Begeisterungsrausch, der gar nicht enden wollte.

Dieser Moment ist ungemein schön und wichtig, aber der Maler muß ihn in seiner ganzen weltgeschichtlichen Bedeutung zu erfassen und zur Erscheinung zu bringen verstehen. Der eine dieser Greise ist der außerordentliche Mensch, der mit den ätzenden Säuren seines frivolen Spottes die morschen Grundsäulen der alten Welt vollends zerfressen hat: nur noch wenige Jahre und sie brechen, und die leichtsinnige Gesellschaft stürzt mit dem obsolet gewordenen Bau zusammen; der andere dieser Greise ist jener außerordentliche Mensch, der sich durch Arbeit und Entbehrung, durch redliches Forschen und unablässiges Streben, durch wahre Tugend und Menschenliebe die sittliche Reife erworben hat, die Grundsteine und Schwellen eines neuen Gesellschaftsbaues zu legen. Der Zerstörer der alten Welt und der Schöpfer der neuen, Epimetheus und Prometheus, da stehen sie Hand in Hand vor der geistigen Elite des französischen Volks und begrüßt von ihrem Jubel, der alte eitle Franzose geschmeichelt von diesem Triumph, der alte bescheidene Amerikaner beschämt davon. Gewiß, es kann kaum eine würdigere Aufgabe für einen geistreichen Maler geben. Was für ein paar herrliche Köpfe! Und nun unter den Akademisten, welche reiche Auswahl! Alles durch Wissenschaft ausgezeichnete Männer, die meist nachher in der Revolution eine politische Rolle spielten. In allen diesen Köpfen flammt der Geist der Neuzeit mehr oder minder stark, lebt die Ahnung von dem, was die nächste Zukunft bringen muß, mehr oder minder lebendig. Und gerade in diesem Momente treten Geist und Ahnung gleichsam greifbar in die Gesichtszüge.