Ein merkwürdiger Sport (W. Kabel)

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Textdaten
Autor: Walther Kabel
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Titel: Ein merkwürdiger Sport
Untertitel:
aus: Deutscher Hausschatz, Illustrierte Familienzeitschrift, 37. Jahrgang Oktober 1910 – Oktober 1911, S. 1077–1078
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1911
Verlag: Friedrich Pustet
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Erscheinungsort: Regensburg, Rom, New York, Cincinnati
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Commons
Kurzbeschreibung:
Ein fast wortgleicher Artikel wurde nochmals im Deutschen Hausschatz unter dem Titel Schmuggelsport veröffentlicht in: Deutscher Hausschatz, 42. Jahrgang Oktober 1915 – Oktober 1916, S. 26–27. Ein teilweise wörtlich übernommener Artikel von Walther Kabel erschien unter dem Titel Ein Millionärsport in der Bibliothek der Unterhaltung und des Wissens, Jahrgang 1911, Bd. 11, S. 212–215. Ein weiterer Artikel von Walther Kabel der ebenfalls mit Ein merkwürdiger Sport betitelt ist, jedoch die Durchquerung des atlantischen Ozeans zum Thema hat, erschien in der Bibliothek der Unterhaltung und des Wissens, Jahrgang 1915, Zweiter Band, S. 226–230.
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Ein merkwürdiger Sport.
Von W. Kabel.

Das Schmuggeln, die verbotswidrige Einführung von Waren in ein fremdes Staatsgebiet mit der Absicht der Hinterziehung des darauf gelegten Zolles, wird als leichte Verdienstmöglichkeit nicht nur von den ärmeren Bewohnern der Grenzdistrikte, sondern eigentümlicherweise als Sport gerade von Leuten betrieben, deren Vermögen sich oft auf Millionen beziffern. In dieser Beziehung leisten besonders die Amerikaner, Herren und Damen, Großes. Mit einer gewissen Genialität ersinnen sie stets neue Tricks, um die Zollbeamten zu täuschen. Dabei ist dieser Sport keineswegs billig und ungefährlich, wie aus den unten angeführten Fällen hervorgeht.

Frau G. gehört zu den vornehmsten Damen der Gesellschaft von Boston. Der Zollbehörde in New York fiel es auf, daß im Laufe weniger Monate eine ganze Anzahl von ziemlich wertlosen und einfach eingerahmten Gemälden für Frau G., Boston, eintraf. Man wußte, daß diese Dame früher nur äußerst selten alte Meister zur Ausschmückung ihres Palastes eingeführt hatte, und konnte sich die plötzliche Schwärmerei für derartige Dutzendware, wie sie jetzt stets von Frau G. verzollt wurde, nicht recht erklären. Eines Tages kam wieder eine Kiste mit jener Adresse an. Wieder enthielt sie ein Bild, das ein sachverständiger Beamter auf kaum 50 Dollars abschätzte. In dem Bureau der Zollbehörde besprach man nun abermals diese immerhin auffallenden Bildersendungen und beschloß dann, einen Detektiv nach Boston zu senden, um nach dem Verbleib der Gemälde forschen zu lassen, da man nicht annehmen konnte, Frau G. würde derartige Stücke ihrer Galerie einverleiben. Dieser Geheimagent der Zollbehörde war gerieben genug, sich für die Stellung eines zweiten Dieners bei Frau G. anwerben zu lassen. Auf diese Weise – und anders wäre der Betrug wohl nie aufgedeckt worden – stellte er fest, daß die Bilder, auf welchen stellenweise die Farbe mehr als zentimeterdick aufgetragen war, in Paris von einem verarmten Maler nur zu dem Zweck angefertigt wurden, um unter der Ölfarbe in ganz dünne Gummibeutelchen gehüllte Perlen und Edelsteine verbergen zu können und zwar überall da, wo eben starke Farbenklexe nicht auffallen konnten. Das „Spicken“ der Gemälde mit Edelsteinen sowie das Verpacken und Absenden besorgte eine Pariser Vertrauensperson der Frau G. Der Detektiv fand in einem Turmzimmer des G’schen Palastes nicht weniger als 26 dieser merkwürdigen Ölbilder, an denen noch deutlich zu erkennen war, wo die Pretiosen unter der sie selbst vor den Augen des gewitztesten Zollbeamten schützenden Ölschicht gesessen hatten. So hatten die als dicke weiße Farbenklexe gemalten Wogenkämme eines Gemäldes „Sturmnacht“ nicht weniger als 12 derartige Verstecke enthalten. Der Prozeß gegen Frau G., die auch für gute Freundinnen auf diese Weise Perlen und Diamanten eingeschmuggelt hatte, gestaltete sich insofern zu einer Tragödie aus, als die Dame sich aus Verzweiflung wegen der öffentlichen Bloßstellung ihrer Person mit Morphium vergiftete.

Herr L., der zu den oberen Zehntausend von New York gehört, hatte in Amsterdam eine Anzahl Edelsteine erworben, um sie daheim zu einer Halskette vereinigen zu lassen. Noch im letzten Augenblick wurde dies der Zollbehörde in New York bekannt. Aber Herr L. leugnete bei seiner Ankunft in Amerika aufs entschiedenste, ungefaßte Brillanten bei sich zu haben. Man durchforschte die Koffer, und ein besonders findiger Beamter fand hierbei einige Schachteln mit Pillen, die nach der Aufschrift auf den Deckeln ein Mittel gegen Migräne darstellten. Leider waren die Pillen unverhältnismäßig groß geraten, und dies war Herrn L’s Unglück. Man zerdrückte die Pillen eine nach der andern, und siehe da: die Hälfte von ihnen enthielt erbsengroße Diamanten, welche zusammen einen Wert von 50 000 Dollars hatten. Der Schmuggelsport kam dem Herrn recht teuer zu stehen: L. zahlte nicht weniger als 15 000 Dollars Strafe.

Ein anderes Mal wieder wurde der Zollbehörde in New York durch einen ihrer Agenten hinterbracht, daß eine Frau Wenlerley auf einer Auktion in Paris einen echten Rubens („Fischermädchen“, Größe 34:27 cm) erstanden habe. Bei der Zollrevision aber war der Rubens nirgends zu finden. Man suchte stundenlang, und Frau Wenlerley stand mit einem malitiösen Lächeln dabei und schaute ruhig zu, wie man ihr Gepäck stets aufs neue durchwühlte und die Koffer nach verborgenen Fächern abklopfte. Schon wollten die Beamten das Spiel [1078] aufgeben, als plötzlich einer von ihnen die siegesgewisse Dame bat, doch einmal ihren modernen Riesenhut, der mit kostbaren blauen Straußenfedern garniert war, abzunehmen. Frau Wenlerley schrak zusammen, machte Ausflüchte. Es half alles nichts. Der Hut wurde ihr abgenommen und untersucht. Der geriebene, findige Beamte hatte das Richtige getroffen: In den runden, 35 cm breiten Hutboden war unter dem Seidenfutter der Rubens fein säuberlich eingenäht. Frau Wenlerley zahlte nicht weniger als 72 000 Dollars Strafe, was bei ihrem Millionenvermögen allerdings leicht zu verschmerzen war.

Berühmt geworden ist auch der Etagenkoffer des Herrn St., eines allbekannten amerikanischen Sportmannes, dessen Rennstall internationale Berühmtheit besitzt. Von einer Reise nach Europa brachte er einen mit drei Etagen versehenen neuen Patentkoffer mit und erklärte sich ohne Zögern bereit, den Inhalt – Wäsche, Kleidungsstücke, Schuhzeug usw., zu verzollen. Der ihn abfertigende Beamte gehörte jedoch zu jenen unangenehmen Menschen, die allen Dingen auf den Grund zu gehen pflegen. Er maß den Innenraum des Koffers genau aus und stellte so fest, daß das innere und das äußere Maß um 15 cm voneinander abwichen. Damit noch nicht zufrieden nahm er sogar in seiner Rücksichtslosigkeit ein Stemmeisen und brach den Boden des Riesenkoffers auf, was zur Folge hatte, daß in dem nun eröffneten Versteck das feinste Pelzwerk, Wert 25 000 Dollars, zum Vorschein kam. Herr St. war eben nicht nur Sports- sondern auch Geschäftsmann und hatte ebenfalls „sparen“ wollen, dieses Mal aber an unrechter Stelle, da er wegen versuchter Zollhinterziehung seine Börse ganz bedeutend erleichtern mußte.

Ein anderes Mal wieder hatte die Zollstation in New York davon Wind bekommen, daß Frau W., die Gattin eines vielfachen Millionärs und Besitzers großer Maschinenfabriken, in Brüssel einen Perlenschmuck von ungeheurem Wert erstanden hatte. Als der von Frau W. benutzte Dampfer in New York anlangte, erkundigten sich die Beamten daher teilnehmend, ob die Dame nicht auch den Perlenschmuck verzollen wolle. Sie besäße keinen derartigen Schmuck, erwiderte die elegante Frau aufgebracht. Man solle nur ruhig ihr ganzes Gepäck durchstöbern. – Natürlich wurden die Perlen nicht gefunden. Aber die Douaniers sind ebenso gründliche wie rücksichtslose Leute. Die Dame wurde in ein besonderes Zimmer geführt und mußte sich dort eine genaue Leibesvisitation gefallen lassen, die von einer älteren Frau vorgenommen ward. Der Perlenschmuck fand sich auch wirklich. Die Millionärin hatte ihn in ihrer hochgetürmten Frisur versteckt und sicherlich gehofft, ihn dort vor allen neugierigen Blicken aufs beste verborgen zu haben. Die Douane war ihr über. Und das Ende der Geschichte waren 25 000 Dollars Strafe.