Ein neuer Feind

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Textdaten
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Autor: Fr. H.
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Titel: Ein neuer Feind
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 6, S. 103
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1873
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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siehe auch: Ein überschätzter Feind In: Die Gartenlaube, Heft 31, 1877
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[103]
Ein neuer Feind.

Es wird nicht außerhalb des Kreises der Gartenlaube liegen, auf einen nahenden Feind aufmerksam zu machen, welcher die wichtigste Nahrfrucht Deutschlands, die zugleich die Basis mehrerer Industriezweige bildet, nämlich die Kartoffel, auf das Ernstlichste bedroht. Längst hatte die Kartoffelpflanze in Nordamerika mit zwei Feinden zu kämpfen, welche Blattwerk und zarte Sprossen derselben auffraßen und die Ernte zerstörten, es waren dies zwei der Cantharidenfamilie angehörige Blasenkäfer, Lytta atrata s. vittata, und Cantharis viniaria. Ihrer konnte man noch Meister werden. Nun aber hat ein Insect, Doryphora decemlineata, der Colorado-Kartoffelkäfer, sich gezeigt, welches den Kartoffelbau geradezu zu vernichten droht. Ist dieser Hartflügler (Coleoptera) erst auf seinem Wanderzuge an der atlantischen Küste angelangt, schwärmt er in den Straßen der dortigen Seestädte, so wird er sich auf Schiffen niederlassen und unvermerkt nach Europa verbreiten, und wehe dann dem Kartoffelbau! Man muß die Legionen dieses Insects und seiner überaus gefräßigen Larven selbst gesehen und gegen diese Pest gekämpft, deren Vertilgung versucht, betrieben haben, um sich eine Vorstellung von der Gefahr machen zu können. Bei dem zähen Leben des Insects, bei der Langlebigkeit des ausgebildeten Käfers, scheint mir seine Verschleppung in ferne Länder außer allem Zweifel.

In den Felsengebirgen hauste dies Insect, welches sich von den Blättern einer dort vorkommenden wilden Kartoffelart, Solanum rostratum s. carolinense nährte. sobald nun die ersten Kartoffeln (Solanum tuberosum) am Fuße der Felsengebirge auf vereinzelten Stellen gebaut wurden, überfiel sie das Insect. Je mehr die Bodencultur sich westlich erstreckte, desto mehr rückte dieser Feind gegen Osten vor und breitete sich aus. Im Jahre 1859 war er bereits bis hundert Meilen westlich von Omaha City in Nebrasca eingetroffen. 1861 zeigte er sich in Iowa. 1864 und 1865 hatte er nicht nur in Missouri seine Verwüstungen begonnen, sondern war bereits über den Missisippi in Illinois eingedrungen, überall seine verheerenden Colonien zurücklassend. Im Jahre 1868 hatte er bereits Indiana, 1870 Ohio und die Grenzen von Canada erreicht, zeigte sich da und dorten in Pennsylvanien und New-York, und bereits wird sein Eintreffen in Massachusetts berichtet. Im Jahre 1871 bedeckten Schwärme desselben den Detroit-River in Michigan, überschritten den Erie-See auf schwimmenden Blättern, Spähnen, Brettern, Schindeln und Holzstücken und nahmen in kurzer Zeit die Gegend zwischen den Flüssen St. Clair und Niagara in Besitz, und man wird sie bald in den Straßen von New-York, Boston etc. ebenso schwärmend finden, wie in St. Louis, und dann ist die Fahrt des Insects aus den Seehäfen über den Ocean außer Zweifel. Und da es den rauhesten Winter hier ebenso ungefährdet übersteht, als Mairegen und Gewitter und den damit verbundenen Temperaturwechsel, so wird es auch in dem Klima Deutschlands sich heimisch fühlen.

Die Verheerungen des Insects sind um so gewaltiger, als es sich zahllos vermehrt und mehrere Bruten im Laufe des Jahres, von Ende April oder Mai (je nach der Milde des Jahrgangs) sich folgen. Kaum ist die Kartoffelpflanze der Erde entsprossen, so zeigt sich auch das in der Erde überwinterte Insect. Das Weibchen legt zwischen siebenhundert und zwölfhundert orangegelbe Eier in Klumpen von zwölf bis dreißig Stück an die untere Seite der Blätter. Je nach der Witterung kriechen die Larven innerhalb fünf bis sechs Tagen aus, beginnen ihr Werk der Zerstörung und setzen es gegen siebzehn Tage fort, worauf die Larve sich in der Erde verpuppt, und nach zehn bis vierzehn Tagen beginnt der ausgebildete Käfer die Paarung, und das Eierlegen beginnt auf’s Neue. Besonders günstige warme Witterung kürzen obige Zeitperioden ab. So folgen sich nach den bisherigen Beobachtungen drei Bruten. Die letzte überwintert, wie gesagt, in der Erde. Von der Gefräßigkeit des Insects, besonders seiner Larven, kann nur der sich eine Vorstellung machen, der es gesehen. In wenigen Tagen ist das Kartoffelfeld nur noch eine trostlose Wüste von Stengeln, welche bald verdorren; die Ernte ist dahin.

Man hatte sich der eiteln Hoffnung hingegeben, daß diese Pest nur durchwandern, aber sich nicht einbürgern würde; man wurde in der Hoffnung bestärkt, als nach einem heißen Sommer und Herbst und anhaltender Dürre im folgenden Jahre sich die Zahl zu vermindern schien; allein der Staats-Entomologe von Missouri wies nach, daß die Verminderung nur darin ihren Grund habe, daß manche Larven durch das zusammenbacken des Bodens bei der Hitze zu Grunde gingen, allein genug übrig blieben.

Voll all’ den zahlreichen Mitteln zur Bekämpfung dieser Pest zeigte sich nur ein einziges erfolgreich, nämlich das Bestäuben der Pflanzen mit dem höchst giftigen Pariser Grün (aus Kupferoxyd und Arsenik). Allein abgesehen von der Gefahr der Vergiftung durch Einathmen des tödtlichen Giftstaubes, erhoben sich ernstliche Bedenken gegen die Imprägnirung des Bodens mit diesen tödtlichen Substanzen, und von Washington angestellte Versuche haben gezeigt, daß diese Besorgnisse nicht unbegründet sind. So blieb nichts übrig, als Tag für Tag Eier, Larven und Käfer abzulesen und zu vernichten. Aber selbst dieses erheischt große Vorsicht. Der Saft des zerquetschten Insects und seiner Larven erzeugt Blasen auf der Haut und Geschwüre. Bringt man es in eine wunde Stelle, so entstehen bösartige, leicht in Brand übergehende Entzündungen; bringt Jemand das Gift in die Augen, so ist das Auge auf’s Allerhöchste gefährdet.

Wenn ich mir nun die weiten, viele tausend Acker großen Kartoffelfelder Deutschlands von dieser Pest heimgesucht denke und mir die Mühe des täglichen Ablesens der Eier, Larven, Käfer dazu vorstelle, so kann ich mich eines Grauens nicht erwehren. Hier in der Union spielt die Kartoffel weitaus nicht die Rolle wie dort; für die Südstaaten vertritt ohnehin die Batate und Yamswurzel deren Stelle.

Die folgende Abbildung stellt das Insect, seine Eier und Larven dar.

Die Gartenlaube (1873) b 103.jpg

Die Eier a sind von tief orangegelber Farbe. Die kleinen Larven b erscheinen auf den ersten Anblick schwärzlich und nehmen bald eine dunkelrothe in Orange spielende Färbung an. Die größeren Larven 1b 2b sind von einer zwischen orange oder rothgelb und Fleischfarbe spielenden Farbe; e ist die vergrößerte linke Flügeldecke, f das Bein des Käfers, d er selbst in natürlicher Größe. Der Grund der Flügeldecken ist rahmgelb, fünf schwarze Streifen zieren jede Flügeldecke; der dritte und vierte Streifen (von außen herein gezählt) vereinigen sich am hinteren Ende.

Das Insect, zierlich in Bau und Färbung, läßt beim ersten Anblick nicht ahnen, welch tückischen Verderber wir in ihm vor uns haben. Seine Verwüstungen beschränken sich nicht auf die Kartoffel. In deren Ermangelung fällt es über alle Solaneen vom gemeinen Nachtschatten bis zur Eierpflanze (Solanum melongena), Tomato oder Liebesapfel (Sol. Lycospersicum), Judenkirsche (Physalis viscosa) etc. her, und unzweifelhafte Berichte aus Nord-Illinois und Wisconsin setzen uns in Kenntniß, daß es, so unglaublich es uns auch anfangs erschien, in Kraut-(Kohl-) Pflanzungen (cabbage) ebenso gehaust habe wie auf den Kartoffelfeldern.

Möge dieser Kartoffelfluch von Deutschland abgewendet werden!

Smfd. im Staate Illin., December 1872.
Fr. H.