Ein preußischer Landwehrmann

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Autor: unbekannt
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Titel: Ein preußischer Landwehrmann
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aus: Die Gartenlaube, Heft 29, S. 463–464
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
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Erscheinungsdatum: 1866
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Einquartierung einmal anders
Blätter und Blüthen
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[463] Ein preußischer Landwehrmann. „In und bei Leipzig wird ein Reserve-Armeecorps von dreißigtausend Mann aufgestellt. Auch bei uns ist Einquartierung angesagt. Liebe Frau, wie sollen wir das erschwingen! Da mag Gott helfen!“ So sprach ein armer Handwerker, der mit seiner zahlreichen Familie ein Stübchen des vierten Stocks eines Hauses in der Hainstraße bewohnt, zu seiner Gattin. Die sorgliche Hausfrau räumt ihr einziges Dachkämmerchen aus und macht es mit einem Bett, Tisch und Stuhl zu einem leidlich wohnlichen Aufenthalt.

Die Einquartierung kommt: ein preußischer Landwehrmann. Der Bürger führt ihn in das Kämmerchen und bittet ihn fürlieb zu nehmen. „Es ist freilich nur eine Dachkammer und die Aussicht wieder auf’s Dach, aber wir haben’s selbst nicht besser. Machen Sie sich’s bequem und kommen Sie nachher gefälligst herüber zum Mittagessen.“ Zur großen Beruhigung des besorgten Bürgers fand der bärtige Soldat Alles ja ganz gut und hübsch, und mit erleichtertem Gemüth kehrt der bedrängte Mann zur ängstlich harrenden Gattin zurück.

Der Mittag ist da und der Landwehrmann begiebt sich in das Wohnstübchen seines Wirths. Da sitzt um den Tisch ein Häuflein Kinder und auf dem Tisch steht eine mächtige Kanne voll Kaffee und ein frisches großes Brod liegt daneben. Für den Soldaten trägt aber die Frau eine lange, gebratene Rauchwurst und ein Tellerchen voll Salat auf und bittet ihn, nun das Brod anzuschneiden. Es bringt Ja Frieden und Glück in’s Haus, wenn ein Gast das Brod anschneidet.

Und der Landwehrmann that’s. Er schnitt Stück um Stück vom Laib ab, dann je für ein Stück Brod ein Stückchen Wurst und theilte so von Kind zu Kind am Tisch herum mit und auch den beiden Eltern. Je freundlicher die Gesichtchen der Kinder, um so bedenklicher wurde das Antlitz der Mutter; in bekannter Hausfrauenweise betrübt und verletzt äußerte sie: „Ich sehe wohl, daß es Ihnen nicht gut genug ist, aber ich kann Ihnen mit dem besten Willen nichts Besseres geben.“

„Werthe Frau, so ist’s nicht gemeint. Mir schmeckt das Einfachste vortrefflich, wenn ich fröhliche Gesichter um mich sehe. Sie werden sich gleich davon überzeugen.“ Und nun aß er den ihm gebliebenen Rest der Wurst und den Salat mit großem Behagen und theilnehmender Unterhaltung, während die übrige Tischgesellschaft ihrem Kaffeetopf noch einmal so munter zusprach, und empfahl sich dann.

Wir werden nicht falsch berichten, wenn wir behaupten, daß Mann und Frau sich Glück zu einer so bescheidenen und gemüthlichen Einquartierung wünschten. Aber es kam noch anders. Gegen Abend keuchte ein Packträger mit einem schweren Korb die Treppe herauf, pochte an des Handwerkers Thür an, setzte, nachdem Frage und Antwort ihn überzeugt, daß er an die richtige Adresse gekommen, seine Last nieder und begann auf den Tisch auszukramen: Schinken und Schweinskeulen, lange Würste, Butter, Käse, Brod und was sonst so manches Auge am Schaufenster des „Victualien-Händlers“ anzieht.

„Aber um’s Himmelswillen, was sollen wir denn mit den theuern Sachen? Wir haben sie wirklich und durchaus nicht bestellt. Wo sollten wir jetzt so viel Geld auftreiben, um eine solche Ausgabe zu bestreiten? Sie haben sich ganz gewiß geirrt.“

„Nein, es ist Alles in der Ordnung,“ behauptete der Packträger. „Name, Stand, Wohnung, Alles trifft, und der preußische Soldat, der mir diese Waaren zur Besorgung übergeben hat, läßt Ihnen sagen, er werde gleich selbst kommen.“

„Da hast Du nun die Bescheidenheit und Gemüthlichkeit! Der zeigt uns, was er beansprucht, ohne viel Umstände. Das sind Vorräthe für eine Herrschaftsküche! Gott weiß, wie wir Das erschwingen sollen!“ Während die Hausfrau noch in solchen Klagen sich ergeht, tritt der Landwehrmann zur Thür herein, und schon sein herzlicher Gruß verscheucht die aufgethürmten Sorgenwolken.

„Ihr lieben Leute,“ sprach er, „nehmt’s nicht übel, daß ich etwas Vorrath beigeschafft habe. Ich sah heute Mittag, daß Ihr selbst Mangel leidet und habt mir doch das Beste gebracht, was Ihr aufzubringen vermochtet. So laßt es Euch denn gefallen, daß wir’s einmal umgekehrt machen. Hier ist Vorrath für mich und für Euch, und ich bitte Euch, auch wenn ich einmal nicht zu Tisch komme, doch herzhaft davon zu essen. So lange ich bei Euch im Quartier liege, sollt Ihr nicht über Mangel zu [464] klagen haben. Und damit Sie, werthe Hausfrau, sich keine Sorgen meinethalb dieser Ausgabe wegen machen, so erlaub’ ich Ihnen, einen Blick in meine Casse zu thun.“

Damit öffnete er sein Portemonnaie, aus welchem der erstaunten Frau so viele Goldstücke entgegenblitzten, daß sie die Hände zusammenschlug. Schließlich erklärte der Landwehrmann, daß er ein Rittergutsbesitzer aus P. sei.

Das ist gewiß in dieser Zeit, wo der Krieg uns so viele Trauerbilder bringt, eine schöne Geschichte, aber das Schönste an ihr bleibt, daß sie wahr ist.