Ein riesiger Wohlthäter

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Textdaten
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Autor: C. St.
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Titel: Ein riesiger Wohlthäter
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 5, S. 81–84
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1876
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Hierzu: Noch ein paar Worte über den blauen Gummibaum in Heft 13, S. 224
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[86]
Ein riesiger Wohlthäter.


Als im Frühjahre 1792 der französische Botaniker de la Labillardière die Insel Vandiemensland besuchte, erregten vor Allem die riesenhaften Gummibäume, aus dem edeln Geschlechte der Myrthengewächse, welche dort Buchten und Schluchten mit ihrem herculischen Wuchse und ihrem aromatischen Dufte füllen, sein Interesse, und da er bei dem gemäßigten Klima ihrer Heimath annehmen durfte, daß sie die französische Luft vertragen würden, rieth er seiner Regierung, einen Anpflanzungsversuch zu machen, weil es ein schneller wachsendes und besseres Nutzholz auf der ganzen Welt nicht gäbe. Sein Vorschlag verhallte in den Revolutionswirren, und erst um die Mitte unseres Jahrhunderts richtete sich die allgemeine Aufmerksamkeit Südeuropas ernstlich auf die australischen Gummibäume, die, ihrer höchst schätzenswerthen Eigenschaften wegen seit zehn Jahren in allen Mittelmeerländern cultivirt, nach hundert Jahren vielleicht deren Landschaftsphysiognomie ebenso verändert haben werden, wie es im Alterthume Pinien und Platanen, seit Beginn der christlichen Aera die Orangenbäume, in der Neuzeit Agaven und Cactus gethan haben, sodaß auf jenen glücklichen Gestaden die Charakterpflanzen nicht weniger oft gewechselt haben, wie die Menschenstämme, unter denen Phönicier, Römer, Gothen und Mauren einander folgten.

Es war, wie gesagt, um die Mitte unseres Jahrhunderts, als der englische Botaniker Dr. Hooker und der Director des botanischen Gartens in Melbourne, Dr. Fr. Müller (ein Schleswig-Holsteiner), die Welt mit der Kunde überraschten, daß die australischen Gummibäume die hochragendsten Größen der Pflanzenwelt seien und ihre Wipfel sogar noch über die berühmten californischen Riesencedern erhöben. Lange galt ein Exemplar des jetzt im Südeuropa und Nordafrika vorzugsweise angepflanzten blauen Gummibaumes, welches Pemperton Walkott in einer reizenden Schlucht Westaustraliens entdeckt hatte, für den höchsten Baum dieses Welttheils. Derselbe besaß eine Höhe von vierhundert Fuß und bildete die ersten Seitenäste in einer Erhöhung von dreihundert Fuß über dem Boden, sodaß die meisten Kirchthürme Europas, ohne ihre Fahnen und Hähne zu beschädigen, darunter hinwegspazieren könnten; der hohle Stamm hatte am Fuße einen solchen Durchmesser, daß drei Reiter nebst Packpferden neben einander in demselben umwenden konnten. Dieser Gigant wurde aber bald durch neuentdeckte Stämme einer nahe verwandten Art, des sogenannten Pfefferminzbaumes, überholt, welche fünfhundert Fuß erreichten, mithin die Spitzen der höchsten Bauwerke der Menschenhand, die große Pyramide von Gizeh und das Straßburger Münster, beschatten könnten.

[87] Je mehr diese Bäume von den australischen Ansiedlern studirt wurden, um so dringender forderten dieselben die Bewohner ihres Mutterlandes auf, es mit dem Anbaue besonders des obenerwähnten blauen Gummibaumes in sumpfigen Gegenden zu versuchen. Sie rühmten demselben nämlich nach, daß er nicht nur durch sein großes Wasserbedürfniß morastigen Boden wie kein anderes Gewächs austrockne, sondern auch durch die aromatischen Ausdünstungen seiner Blätter die gefürchtete Sumpfluft (Malaria) verbessere, außerdem ein unvergleichlich schnell wachsendes Nutzholz und in Blatt und Rinde ein den Eingeborenen seit Urzeit bekanntes ausgezeichnetes Mittel gegen Fieber und Krankheiten der Athmungsorgane darbiete. Gelegentlich der Weltumseglung der Corvette „la Favorita“ kam Capitain Salvy mit zweiunddreißig fieberkranken Matrosen in Botanybay an, die sämmtlich sehr bald unter den Augen des französischen Marine-Arztes Lydoux durch den Theeaufguß der Blätter geheilt wurden.

Nachdem, wie es scheint, zuerst die Engländer in den Capcolonieen günstige Erfolge durch die Anpflanzung des blauen Gummibaumes erzielt hatten und von einer förmlichen Klimaveränderung gewisser Districte sprachen, wurden auch in Europa (im Pariser Acclimatisationsgarten seit 1860) Versuche angestellt, die Pflanze bei uns einzubürgern. Hierbei bestätigten sich nun zunächst die Angaben über das rapide Wachsthum und das ungewöhnliche Feuchtigkeitsbedürfniß der Pflanze vollkommen. Man fand, daß die Schößlinge bei uns durchschnittlich im Jahre um einen Meter Länge zunehmen, aber in günstigen Lagen beträgt der Zuwachs noch mehr, und auf der vorjährigen Kölner Gartenbau-Ausstellung konnte man einjährige Schößlinge aus der Villa Trubetzkoi am Lago maggiore sehen, die es weit über Manneshöhe gebracht hatten. Ein Beobachter, Trottier, stellte fest, daß schon ein abgeschnittener größerer Zweig, in ein Gefäß mit Wasser gesetzt, innerhalb zwölf Stunden fünf Pfund Wasser emporhob und verdunstete, wonach man auf das Entwässerungsvermögen hochragender Bäume schließen kann. Leider ergab sich zugleich, daß der Baum schon das Pariser Klima nicht mehr ertrug und während des Winters im Kalthause untergebracht werden mußte, doch war dies keine Enttäuschung, da ja die nördlichen Sümpfe nicht so mörderisch sind, und die Mission des Baumes vorzugsweise für wärmere Striche in’s Auge genommen war. Dagegen zeigte sich, daß er in Südfrankreich und allen Mittelmeerländern, also dort in Europa, wo die Sümpfe am gefürchtetsten sind, sehr üppig in die Höhe schießt, sodaß die bleichen Leute, welche in den Morastdistricten bei Montpellier und Aiguesmortes, im Var-Delta, in den Maremmen von Toscana und Barri, bei Pästum, Rom und an den pontinischen Sümpfen wohnen, von Neuem auf diesen vegetabilischen Messias hoffen durften. In der That wurden aus dem Var-Delta, aus Corsica und Spanien, besonders aber aus Algier äußerst günstige Berichte erstattet, die das Beste hoffen lassen, wenn man bedenkt, daß keine dieser Anpflanzungen über zehn Jahre alt ist.

Ungefähr fünfunddreißig Kilometer von der Stadt Algier befindet sich der seit jeher wegen seiner Fieberluft verrufene Ort Fondouk, in welchem die Miasmen jeden Sommer zahlreiche Opfer forderten. Im Frühjahre 1867 pflanzte man daselbst dreizehntausend Stück Eukalyptus, und in demselben Sommer, obwohl die Stämmchen kaum drei Meter hoch waren, konnte der seit Menschengedenken nicht vorgekommene Fall constatirt werden, daß nicht ein einziger Fieberfall vorkam. Seit dieser Zeit ist das Klima ein gesundes, aber freilich wird man solche Radicalcuren nur von gleich ausgedehnten Anpflanzungen erwarten dürfen. Eine ähnliche Erfahrung hat man in der Nähe von Constantine gemacht, wo der Ort Ben-Machydlin einen Pestherd bildete, welcher die ganze Gegend in Verruf brachte. Auch hier hat man durch Anpflanzung von vierzehntausend Stämmen die Luft vollkommen gereinigt, und die Gegend gilt seit fünf Jahren für völlig gesund. Entsprechende Erfahrungen liegen von den Inseln Corsica und Cuba vor. Wenn in Italien noch nicht so ausgesprochene Erfolge erzielt worden sind, so liegt dies wohl hauptsächlich an der Lässigkeit der bedrohten Gemeinde, die zu viel von kleinen Versuchen erwarteten und sich nicht zu ausgedehnteren Anpflanzungen aufgerafft haben.

Im Uebrigen ist das Gedeihen dieses Desinfectionsmittels in den Mittelmeerländern geradezu überraschend. So rasch schießt der Stamm in die Höhe, daß man ihn in der Jugend stützen muß, wenn er nicht zu Boden sinken und ein kriechendes Dasein führen soll. Obwohl der Gesundheit bringende Gast erst seit höchstens zehn Jahren an den Gestaden des Mittelmeeres Wurzel geschlagen, trifft man in Südfrankreich und Oberitalien bereits sechszig bis siebenzig Fuß hohe Stämme an. So wenig der Baum sonst seinen dürren, grauen Brüdern, welche neben echten, blattlosen Akazien den lichten australischen Wäldern ihren eigenthümlichen Charakter geben, gleicht, in zwei Rücksichten kommt er ihnen nahe, in der graublauen Farbe der lederartigen Blätter (die ihm seinen Namen: blauer Gummibaum gaben) und in der Schattenlosigkeit seiner Krone. Die australischen Bäume zeigen in ihrer überwiegenden Mehrheit die Sonderbarkeit, ihre Blätter und die plattgedrückten Blattstiele, welche in vielen Fällen die fehlenden Blätter ersetzen, nicht wie sonst breit den Sonnenstrahlen des Mittags entgegenzuhalten, sondern sie halten sich senkrecht gegen die gewöhnliche Blattrichtung und lassen die Sonnenstrahlen wie durch ein weitmaschiges Sieb dem Boden zufließen, der deshalb in diesen Wäldern einen viel üppigeren Pflanzenwuchs nährt, als sonst. Obwohl ich unsern australischen Gast in Oberitalien wiederholt begrüßt habe, bin ich doch nicht sicher, ob er diese mit dem trockenen Klima seiner Heimath in Zusammenhang stehende Eigenthümlichkeit auch bei uns bewahrt hat, oder ob er nicht gar bereits in seiner Heimath als Bewohner feuchter Thäler eine Ausnahme macht. Die Durchsichtigkeit der Krone mag bei ihm blos von den weiten Abständen der sich zu zweien gegenüberstehenden Blätter abhängen.

Aber ich sehe, daß ich dem Leser noch eine Personalbeschreibung schuldig bin, und das bringt mich einigermaßen in Verlegenheit, denn dieser Baum zeigt eine Wandelbarkeit in seinem Lande, die fast noch größer ist, als beim Lebensbaum (vergleiche Gartenlaube 1875,[WS 1] Seite 214). Aus den Samen treiben Schößlinge in die Höhe mit kaum zolllangen ungestielten gegenüberstehenden Blättern, die äußerst zart rundlich, wie aus Wachs gebildet erscheinen, Triebe und Blätter mit einem bläulichweißen Reife bedeckt. Aber allmählich schwindet der Schmelz der Jugend von Zweigen und Blättern. Die Rinde wird rissig; die Blätter werden immer länger und länger, zuletzt fußlang und obendrein gestielt, und die schimmernde, weißblaue Farbe ist einem bläulichen Grün gewichen. Das Gewächs hat sich vollkommen verwandelt, und kein Unbefangener würde den jungen und den erwachsenen Baum nebeneinander für dasselbe Gewächs halten. Die Blätter des letzteren lassen sich ihrer allgemeinen Form nach einem stark vergrößerten Weidenblatte vergleichen. Die myrthenartigen Blüthen stehen zu zweien bis dreien in den Blattachseln und bringen eine fast kugelrunde harte Frucht.

Wohl nicht mit Unrecht schreibt man einen Theil der desinficirenden Eigenschaften des Baumes dem stark aromatischen Dufte seines immergrünen Laubes zu, welcher an Lavendelöl und Kampher erinnert, aber noch angenehmer ist. Er rührt von einem reichlich in den Blättern vorhandenen ätherischen Oele her, welches man durch Destillation gewinnt und unter dem Namen Eukalyptöl bereits in allen Apotheken Südeuropas antrifft. Auch haben sich die Blätter in der Volksmedicin wie unter den Aerzten jener Länder einen großen Ruf erworben. Man benützt sie in Form eines Theeaufgusses, oder als Breiumschlag auf bösartige Wunden, ferner als daraus bereitete Tincturen und Liqueure, von denen einige so berühmt geworden sind, wie bei uns der Daubitz. Natürlich werden die Präparate des Fieberbaumes zunächst gegen die Sumpfkrankheiten, Wechselfieber und sonstige schleichende Fieber angewendet, außerdem aber auch gegen Brustkrankheiten mancherlei Art und überall, wo man einen Fäulniß erregenden Krankheitsstoff vermuthet. Eine Unzahl kleinerer und größerer Broschüren, von Aerzten wie von Laien, die in den letzten zehn Jahren erschienen sind, geben darüber Auskunft. In den Augen seiner Verehrer ist dieser Baum eine lebendige Pestscheuche, der Vertreiber aller schlechten Dünste, die Desinfection in Person. Ohne Zweifel hat er durch sein starkes Aroma, welches vielleicht den Ozongehalt der Luft erhöht, viel vor der Sonnenblume voraus, die man wegen ihrer starken Vegetationskraft ebenfalls als Gesundheitsbringerin im Sumpflande gepriesen hat.

Wenn nun eine allgemeinere Anpflanzung des bläulichen Menschenfreundes schon durch seine gesundheitliche Bedeutung lebhaft [88] empfohlen wird, so kommt glücklicherweise noch ein weiterer Ansporn hinzu, in dem außergewöhnlichen Ertrage an einem sehr nutzbaren Holze. Bei forstmäßiger Aufzucht in geeigneten Strichen, die gar nichts weiter als genügende Sicherheit zu bieten brauchen, schätzt man den Holzertrag auf die fünffache Menge anderer Wälder wegen des weidenartig schnellen Wachsthums. Ein Eukalyptus-Wald kann im Jahrhundert nicht blos wie andere Nutzhölzer einmal, sondern fünfmal abgeholzt werden, und auch darin liegt eine hohe Bedeutung für die holzarmen Südländer. Die jungen gerade aufgeschossenen Stämme können prächtige Telegraphenstangen liefern, die älteren aber würden das beste, dauerhafteste Schiffsbauholz ergeben, welches überhaupt in Europa gewonnen werden kann. Denen, welche sich noch weiter für diese moderne Berühmtheit interessiren, empfehle ich die Broschüre des Herrn Gimbert aus Cannes über den Eukalyptus, welche bei Delajaye in Paris 1870 erschienen ist.

C. St.




Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: 1874