Ein südamerikanisches Urtheil über Leipzig

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Autor: A.
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Titel: Ein südamerikanisches Urtheil über Leipzig
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 8, S. 112
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1857
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[112] Ein südamerikanisches Urtheil über Leipzig. Während meines Aufenthaltes in St. Jago, der Hauptstadt der Republik Chile in Südamerika, fiel mein Auge eines Abends im Hotel auf ein Zeitungsblatt, el Ferro-carri! (die Eisenbahnn und nicht wenig erstaunt war ich, in einem Artikel des Feuilleton das Wort „Leipzig“ zu finden. Als Leipziger nahm ich mit Interesse das Blatt zur Hand und las mit Vergnügen einen Reisebericht, den ein Chilene, der von 1853-55 in Europa gereist war, seinen Landsleuten vorlegte. Sein Urtheil über Leipzig gebe ich hier wörtlich wieder und ich hoffe, daß es von den Leipzigerinnen nicht allzu ungünstig aufgenommen werden wird.

„Nach einem angenebmen und nützlichen Aufenthalte von zwei Tagen in Freiberg, reisten wir nach Leipzig, der zweiten Stadt Sachsens, berühmt durch seine Universität, welche auch Leibnitz und Goethe unter ihre Schüler zählt. Jetzt ruht seine größte Wichtigkeit auch mit in den Buckdruckereien und dem Buchhandel, welchen es mit ganz Deutschland unterhält, denn es ist der Brennpunkt der intellektuellen Thätigkeit dieser großen Nation, welche nur von Intelligenz lebt. Alle Jahre vereinigen sich in den beiden großen Messen über 600 Buchhändler, die in ihren Geschäften einen Umsatz von zwei Millionen Species geben.

„Die Stadt besteht aus drei oder vier großen Straßen mit alten und hohen Gebäuden, die sich in verschiedenen Ricktungen innerhalb der Stadtmauern jetzt in öffentliche Spaziergänge verwandelt ausdehnen, und durch enge und krumme Gäßchen verbunden sind. Ein großer und alterthümlicher Platz als Markt dienend, nimmt den Mittelpunkt der Stadt ein und ist, wie die größere Anzahl der Straßen, mit einigen Brunnen geziert. In der Abendstunde sah ich zu diesen Brunnen die Dienstmadchen gehen, mit ihren reinlichen Einern, welche sie füllten und dann wieder gingen. Es war ein Anblick, dessen Betrachtung entzückte; diese Gruppen der Mädchen voll zauberischer Sckönheit, die sich gegenseitig in ihrer Arbeit halfen, sich mit lächeln Dank sagten und auf dem Trottoir entfernten, mit niedergeschlagenen Augen, keuscher Stirn, und bloßen weißen Füßen, alle den Neid und alle die Bewunderung mit sich nehmend, welche die Schönheit einflößt. Ich gestehe, daß ich in keiner Stadt Enropa’s so viel scköne Gesichter gesehen habe als in Leipzig, schon durch die Bescheidenheit und jungfräuliche Schüchternheit, durch die Sanftmmh ihrer Augen, aus denen die Seele zum ersten Male vor den Geheimnissen der Leidenschaften und des Lebens zu erschrecken schien.“

Nach einigen Bemerkungen über die Pariserinnen, Engländerinnen etc. schließt der Reisende den Abschnitt über Leipzig mit den Worten:

„Und ich begnüge mich, zu wiederholen, daß es in Leipzig war, wo ich die schönsten Frauen gesehen habe.“

A.