Ein schleswigscher Bauer

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Titel: Ein schleswigscher Bauer
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aus: Die Gartenlaube
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1863
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[809]
Ein schleswigscher Bauer.
Erinnerungen aus dem Jahre 1860.


Ich saß mit meinem Freunde in dem Omnibus und fuhr in das Land hinein. Das Gespräch kam bald wieder auf die Zustände der Herzogthümer, und Jeder wußte eine Nichtswürdigkeit des dänischen Bedrückungssystems zu erzählen. Plötzlich unterbrach ein fröhliches Lachen in der einen Ecke des Wagens unser Gespräch. „Was ist da los?“ frug ich verwundert über die Fröhlichkeit, die bei den ernsten Schleswigern sonst sehr selten ist.

„Ich werde es Ihnen erzählen,“ sagte mein stämmiger Nachbar zur Linken, nachdem er sich noch einmal recht nach Herzenslust satt gelacht hatte. „Sie wissen doch, daß die Dänen seit einiger Zeit Jagd machen auf unsere Hauslehrer und Gouvernanten, welche sich die Hofbesitzer angeschafft haben, um die Kinder nicht in die dänische Schule zu schicken. Wir können die lieben Kinder doch nicht wild aufwachsen lassen, wie unsere Pferde und Kühe. Und die Schulmeister, welche man uns aus Kopenhagen in’s Land geschickt hat, sind noch dümmer, als unsere dümmsten Knechte. Auch ist der Unterricht in deutscher Sprache, bis auf drei oder vier Stunden die Woche, in den Schulen auf dem Lande gänzlich abgeschafft. Sie wissen das ja, nicht wahr?“

Ich nickte stumm.

„Nun, mancher Landmann hat nicht die Mittel, sich allein einen Hauslehrer anzuschaffen oder eine Gouvernante. Das leiden unsere Pröpste und Hardesvögte aber durchaus nicht, daß derselbe Hauslehrer die Kinder mehrerer Familien unterrichtet. Wird das bekannt, so muß er fort. In Z. – es liegt zwei Stunden von hier, sehen Sie, dort hinaus über jenen Erlenwald – hat ein Hofbesitzer sich eine Gouvernante aus Holstein kommen lassen, um seine beiden Kinder, einen Knaben und ein Mädchen von zehn bis zwölf Jahren, zu unterrichten. Sie gab zugleich den Kindern eines seiner Verwandten, der eine Viertelstunde von seinem Hofe wohnt, Unterricht. Der Hardesvogt kam dahinter und ließ ihn zu sich rufen. Er drohte ihm mit funfzig Bankthaler Brüche, wenn er nicht sofort die Gouvernante abschaffe, falls dieselbe nicht den gemeinschaftlichen Unterricht aufgebe. „Aber mein Vetter kann sich doch selbst eine Gouvernante für seine Kinder halten, Herr Hardesvogt?“ fragte er. – „Das kann er, wenn er sie bezahlen kann,“ erwiderte der Hardesvogt. – Nach einiger Zeit kam eine zweite Gouvernante in Z. an. Sie zog zu dem Vetter des Hofbesitzers. Der Hardesvogt, der Pastor, der Schulmeister, der Gensd’arm mußten sich jetzt beruhigen. Täglich, wenn sie vorübergingen, um zu spioniren, sahen sie die neue Gouvernante geputzt am Fenster sitzen, die Kinder saßen ihr gegenüber. Sie hatte ein Buch in der Hand und die Kinder auch.“ –

„Aber ich finde in der ganzen Geschichte noch nichts Lächerliches.“ –

„Es ist ja gar keine Gouvernante,“ rief mein Nachbar, „es ist eine Verwandte, welche auf Jahr und Tag zum Besuch gekommen ist. Sie sitzt nur einige Stunden des Tages mit den Kindern am Fenster, wenn der Hardesvogt und der Pastor vorübergehen, und hört ihnen die Lectionen ab, welche sie nach wie vor bei der eigentlichen Gouvernante haben. Denn der Hardesvogt kann doch die Kinder nicht hindern, sich gegenseitig zu besuchen.“

Jetzt lachte ich ebenfalls.

„Nun,“ rief mein Freund, den ich auf seinem Hofe besuchen wollte, in den Wagen hinein, „nächstens wird der dänische Pastor die Geschichte merken, dann werden die beiden Vettern in Z. die beiden Gouvernanten, die echte und die falsche, auf einmal verlieren und hundert Bankthaler Brüche auch dazu bezahlen müssen. Die Geschichte des Hofbesitzers Berkhahn hat doch Jeder noch wohl in der Erinnerung.“

„Was ist denn mit Berkhahn?“ fragte ich.

„Nun, was ist? eine skandalöse Geschichte von Polizeiwillkür, Rechtsverweigerung und Brutalität, wie sie selten in einem europäischen Lande vorgekommen sein mag, wie sie hier aber alle Tage passirt. Der Hofbesitzer Berkhahn ist aus Preußen gebürtig, seine Frau ist die Tochter eines Arztes in Schleswig. Natürlich ist in der Familie Deutsch die ausschließliche Umgangssprache. Für den Unterricht der Kinder befand sich im Hause eine Gouvernante, die Tochter eines Rathsherrn aus Schleswig. Bei der Special-Kirchenvisitation mußte sich die Gouvernante mit den Kindern in der Kirchspielsschule zu Bruxdorf einfinden, damit die Kinder an der von dem dänischen Propst angestellten Schulprüfung Theil nähmen. [810] Da der Propst in der Religion in dänischer Sprache examinirte, welche die Kinder nicht verstanden, so antworteten diese regelmäßig falsch. In Folge dessen erklärte der Propst nach Beendigung des Examens dem Hofbesitzer, daß die Gouvernante binnen acht Wochen ein dänisches Examen zu bestehen habe, widrigenfalls sie entlassen werden müsse. Da dieselbe sich zu einem solchen Examen zu stellen nicht für gut befand, erging von Seiten des Kirchenvisitatoriums ein Rescript an Berkhahn, binnen vierzehn Tagen die Gouvernante bei einer namhaften Strafe zu entlassen.

Der König verweilte damals, wie er gewöhnlich thut, auf dem Schlosse Glücksburg. Es gelang dem Berkhahn, eine Audienz bei dem König zu erhalten. Derselbe sagte ihm, da er einmal in einem gemischten District wohne, so könne auch mit seinen Kindern keine Ausnahme gemacht werden, und fragte, ob denn nicht noch einige alte Leute im Kirchspiel wohnten, welche dänisch verständen, worauf Berkhahn antwortete, daß er sechs Jahre Kirchenvorsteher gewesen sei und das Kirchspiel genau kenne, daß es aber Niemanden im Kirchspiel gebe, der eine dänische Predigt verstehe, wenn auch mehrere, welche als Soldaten in der dänischen Armee gedient hätten, einzelne dänische Wörter verständen; die Kirche sei deshalb bei dem dänischen Gottesdienst auch immer leer.

Ueber den Inhalt dieser Audienz brachte der Altonaer Mercur eine Notiz. Plötzlich wurde gegen Berkhahn eine Untersuchung eröffnet, derselbe vom Hardesvogt gerichtlich vernommen, und nach Verlauf von einigen Wochen war Berkhahn vom Polizeigericht zu Struxdorfharde zu einer zehntägigen Gefängnißstrafe und zu den bedeutenden Proceßkosten verurtheilt, weil er sich der Agitation gegen die Verfassung schuldig gemacht habe. Daß die Gouvernante längst entlassen war, versteht sich von selbst. Nicht wahr, das ist doch ein denkwürdiges Urtel? Ein Urtel, wie es nur ein dänischer Gerichtshof sprechen kann. Jemanden zu zehn Tagen Gefängniß verurtheilen, weil er die Worte mitgetheilt hat, welche der König zu ihm äußerte. – Ich muß dagegen hinzufügen, daß Berkhahn wider alles Erwarten in zweiter Instanz vom Appellationsgerichte freigesprochen wurde; die Kosten mußte er aber dennoch bezahlen. In Criminaluntersuchung war er aber doch gewesen, und wenn er nun nicht appellirt hätte, was dann? Dann hätte er doch richtig seine zehn Tage abgesessen. Das nennt man in Schleswig dänische Gerechtigkeit!“

Der Wagen hielt, als mein Nachbar mit der fabelhaften Geschichte, von deren vollständiger Wahrheit ich mich später durch Einsicht der Acten selbst überzeugt habe, gerade zu Ende war. Das Ziel unserer heutigen Reise war erreicht. Der Hof, den ich besuchen wollte, war nur einige Minuten von dem Punkte der Landstraße, wo der Wagen hielt, entfernt.

Wir stiegen aus. Der Kutscher reichte uns das Gepäck von dem Verdeck. Ich schüttelte meinem stämmigen Reisegefährten, der für seine breite Figur jetzt hinreichend Platz auf der Bank fand und es sich bequem machte, zum Abschiede herzlich die Hand, rief den Andern ein „Lebewohl“ zu, und der Wagen rollte weiter. Der Hofbesitzer gab einem Bauerburschen, der vor der Thüre des Posthauses umherlungerte, Auftrag, meinen keinen Koffer nach seiner Wohnung zu tragen, und trat in das Posthaus. „Nur ein paar Minuten,“ sagte er, „ich will nachsehen, ob Briefe für mich da sind.“

Nach einigen Minuten kam er zurück, zwei Briefe in der Hand. Sein Gesicht sah zornig und erregt aus. „Was haben Sie denn?“ rief ich ihm entgegen; „Sie haben sich geärgert!“

„Soll man sich nicht ärgern?“ erwiderte er, „täglich neue Erbärmlichkeiten! Und immer so kleinlich! Sehen Sie diese beiden Briefe. Da ist mein Name und mein Wohnort, welche selbstverständlich in deutscher Sprache geschrieben sind, weil ich in einem ganz deutschen Districte wohne, wo auch nicht ein einziger Däne zu finden ist, nun von den dänischen Postbeamten des Absendungsortes durchgestrichen und in dänischer Sprache darüber geschrieben.“

„Das ist so albern, daß ich kaum darüber lachen kann.“

„Glauben Sie das nicht, der Grund ist mir ganz klar. Es ist schon mehrmals geschehen. Einer meiner Nachbarn hat neulich auch bereits eine in dänischer Sprache geschriebene Verfügung bekommen. Auf Grund von so wenigen Thatsachen, welche uns gewaltsam aufgedrungen werden, wird dann unser District nächstens für einen „gemischten District“ erklärt. Und dann wird in unserer Kirche am nächsten Sonntage dänisch gepredigt, der deutsche Unterricht wird in der Schule ausgerottet, auf dem Wegweiser dort am Wege, den Sie da sehen, wird der Name des Dorfes in dänischer Sprache geschrieben – und wir sind Alle über Nacht mit Haut und Haar Dänen geworden. Sehen Sie mal meinen Namen da an auf dem Briefcouvert. Wie er sich verdänischt ausnimmt! Ich kenne ihn kaum wieder. Pfui, über dies nichtswürdige Gesindel! Wie, ist Ihnen solch eine Schändlichkeit schon vorgekommen?“

Wüthend riß er beide Briefcouverts in Stücken und trat sie in den Straßenschmutz.

Einige Schritte ging er schweigend neben mir her. „Erzählen Sie meiner Frau und meiner Tochter diese neue Erbärmlichkeit nicht,“ sagte er dann mit immer noch zorniger Stimme, „wir sind gleich zu Hause. Da sehen Sie meinen Hof.“

Ich sah in der Richtung seiner Hand nach rechts. Einige funfzig Schritt von der Straße erblickte ich das Besitzthum meines Gastfreundes. Es war ein nach der Straße offenes Viereck, Alles geräumig und massiv, das Mauerwerk von gelbgrauen Ziegeln mit weißgestrichenen Fugen. Das Mittelgebäude war das Wohnhaus, die Seitengebäude bildeten die Scheunen und die Ställe. Sämmtliche drei Gebäude waren mit Stroh gedeckt. Die Fenster waren hoch und breit, die Fensterrahmen grün gestrichen, die großen Spiegelscheiben leuchteten in den Strahlen der Nachmittagssonne, zu der angestrichenen Thür führten einige Steinstufen. Vor dem Mittelgebäude erhob sich eine Colonnade verschnittener Linden. In einem weiten Kreise waren die Gebäude von einem Obstgarten umgeben, der in Schleswig den Namen „Apfelhof“ führt, und ein Staket von zierlich grün- und weißgestrichenen Pfählen, welches sich nach der Straße hin in ein breites, mit vielerlei Zierrath versehenes Thor öffnete, umfriedete das ganze Besitzthum, an dessen hinterer Seite sich der Gemüsegarten anschloß, den man in Schleswig den „Kohlhof“ nennt. Der Hof hatte ganz das Aussehen eines stattlichen adligen Gutes. Es fehlte nur der Hausgraben und die Ziegel- oder Schieferbedachung der Gebäude. Es herrscht in Schleswig ein großer bäuerlicher Wohlstand. Wie die Edelhöfe meistens von ziemlich anspruchslosem Aeußerem sind, haben sich die Parcellisten oder Hufner stattliche Häuser gebaut, deren innere Räume mit allem Comfort versehen und oft mit einem prächtigen Mobiliar, mit Teppichen, Stutzuhren, eleganten Schreibtischen, bequemen Schaukelstühlen, Pianinos und großen Spiegeln mit vergoldeten Rahmen versehen sind.

„Das ist eine prächtige Besitzung!“ konnte ich nicht unterlassen auszurufen. „Bei mir in Westphalen giebt es auch derartige große Bauergüter, aber es fehlt überall dort die Reinlichkeit, die Zierlichkeit und der Geschmack, worüber ich hier bei Euern Bauerhänsern staune. Statt des hübschen Gartens findet man dort Düngerhaufen und oft eine große Pfütze auf dem Hofe.“

Mein Gastfreund fühlte sich sichtlich geschmeichelt von dem Lobe, welches ich seinem Hofe spendete. Der schleswigsche Bauer ist stolz auf seine Wohlhabenheit und liebt es, diese auch im Aeußeren zur Schau zu tragen. Schöne und geschmackvoll eingerichtete Wohnungen, modische seidene Kleider, Hüte nach der neuesten Mode, stattliches Vieh, prächtige Pferde, zierliche Wagen sieht man überall auf dem Lande. Manche Hochzeit und manche Kindtaufe wird blos deshalb in so stattlicher Weise gefeiert, um recht viele Gäste einladen und seinen Reichthum so recht zeigen zu können. Der schleswiger Bauer liebt das Geld, wie alle Bauern in der Welt, aber derselbe ist kein Filz, kein Knicker; er heirathet schwer die Tochter eines Tagelöhners, weil sie ihm kein Vermögen mit in’s Haus bringt und weil die veränderte Wirthschaft doch einen größern Aufwand erfordert; aber seine Gastfreundschaft ist unbegrenzt, reichlich theilt er den Armen und Nothleidenden mit, und während der Kriegsjahre, welche wahrlich auf manchen Theilen des Landes schwer gelastet haben, war ihm für sein Vaterland kein Opfer zu groß. Er gab es freiwillig und mit Freuden. Aber er bildet sich auf seinen Reichthum, auf seine Bildung, auf seine Belesenheit, auf seine politischen Kenntnisse auch nicht wenig ein. Besonders zeigt er diesen ganz gerechtfertigten Stolz den Inseldänen gegenüber. Er betrachtet seinen Hardesvogt, seinen Pastor, seinen Schulmeister, welche ihm die Regierung in Kopenhagen seit zehn Jahren statt der früher aus dem Lande gebürtigen Geistlichen und Beamten in’s Land geschickt hat, wie armselige Lumpe, welche gekommen sind, um sich satt zu fressen, weil sie auf ihren Inseln Hunger leiden, und sieht sie hochmüthig über die Achsel an. Daß er mit diesen Hungerleidern und „Levebrödern“ (Levebrod ist das Brod zum Leben) jeden gesellschaftlichen Verkehr vermeidet, versteht sich von selbst. [811] Er würde es auch ohne den politischen Haß thun, der täglich mehr heranwächst im Lande und riesengroß zu werden droht, – aus Geringschätzung und im Bewußtsein seines eigenen Werthes.

Mein Gastfreund führte mich zuerst in seinen auf der rechten Seite des Hauses belegenen Kuhstall. Der Kuhstall ist der Stolz des schleswigschen Bauern. Auf stattliches Vieh wird außerordentlich viel gehalten, meistens noch mehr, als auf schöne Pferde. Geringe Aeußerlichkeiten in der Farbe oder in der Bildung des Kopfes oder der Hörner werden oft sehr hoch bezahlt. Ich habe zuweilen stundenlang im Wirthshaus drei oder vier Bauern um den Tisch sitzen sehen. Sie waren in ernste Unterhaltung vertieft, und wenn ich hinantrat, um an dem Gespräch Theil zu nehmen, so handelte es sich um die Vorzüge dieser oder jener Kuh, welche einer von ihnen so eben gekauft hatte. Im Kuhstall meines Freundes war es heute leer; sein Vieh war auf der Weide zwischen den Knicks. Er versprach, mich am andern Morgen hinzuführen; heute sollte ich nur die außerordentliche Reinlichkeit und Sauberkeit in seinen Ställen bewundern. Von dort ging es in den Milchkeller, die Freude der schleswigschen Bäuerin. Dann wurden mir von einem Knecht, der in den im Lande üblichen Holzschuhen, welche den ganzen Fuß umschließen und vorn in der Spitze schnabelartig in die Höhe gebogen sind, einherschritt, zwei schöne Pferde anglischer Race vorgeführt, welche der Hofbesitzer zum Reiten für sich und seine Tochter angeschafft hatte, und welche zu keinem andern Zwecke verwandt wurden. Alle andern Pferde waren auf dem Acker beschäftigt. Der Pferdestall war äußerst sauber und reinlich gehalten, weiß gestrichen, die Raufen von Eisen, ein Weg, mit breiten Steinen belegt, führte in der Mitte zwischen den Ständen hindurch. Auch nicht der geringste Schmutz war in den Ständen zu bemerken. Alles war gefegt, gespielt und gewaschen, wie im Marstall eines reichen Edelmannes, welcher seinem Besitzer einzig und allein zum Luxus dient. Ich konnte nicht umhin, meine Bewunderung über die überall herrschende Sauberkeit und Ordnung auszusprechen.

„Nun kommen Sie, jetzt will ich Sie zu meiner Familie führen,“ sagte der Hofbesitzer, als wir mit der Besichtigung der Ställe und des Milchkellers fertig waren. Wir gingen durch den Blumengarten, in dem ich einige künstlich mit bunten Muscheln ausgelegte Beete erst genauer betrachten mußte, zu der steinernen Treppe, welche zu der Thüre des Wohnhauses führte. Wir traten ein. Auf dem hellgestrichenen, gedielten Vorplatz öffneten sich nach beiden Seiten mehrere Thüren von getäfeltem Holz zu zwei Zimmerreihen.

Der Hofbesitzer brachte mich in den „Saal“, der gleich links der Hausthür zunächst lag. Der „Saal“, auch „Pesal“ genannt, ist der größte und am reichsten eingerichtete Raum im Hause eines schleswigschen Bauern. Im „Saal“ werden die Gäste empfangen; dort finden die Hochzeiten und Kindtaufen statt; dort werden die Schmäuße abgehalten, und dort wird auch das Leichenmahl gegeben, wenn der Besitzer des Hofes oder eins seiner Familienmitglieder aus dem Hausthor hinausgetragen wird zur ewigen Ruhe. Auch der Saal meines Gastfreundes war ein großes und äußerst stattliches Gemach, die Wände und die Decke waren tapezirt, vergoldete Leisten rahmten die Tapeten in den Ecken, an der Decke und am Boden ein, welcher in brauner Farbe gestrichen und spiegelglatt gebohnt war. Große, reichgestickte Teppiche waren vor den Sophas und unter den Tischen ausgebreitet, sämmtliche Mobilien waren von ganz neumodischer Form, von Palisianderholz und hier und da mit Elfenbein und vergoldeten Zierrathen ausgelegt. In der einen Ecke stand ein prächtiges Pianino, in der andern ein mit Roßhaar gepolstertes, großes und bequemes Sopha hinter einer großen Tafel von Mahagoniholz, deren nach dem innern Raum offene Seite von mehreren bequemen und mit Stickereien bedeckten Armstühlen und Schaukelstühlen umstellt war. Ein breiter Spiegel, aus nur einem einzigen Stück vortrefflichen Glases bestehend, in übergoldeter Einfassung, reich mit Blumen und Arabesken verziert, reichte von dem getäfelten Boden bis zu der tapezirten Decke, aus deren Mitte ein Kronleuchter aus vergoldeter Bronze herabhing. Dem Pianino gegenüber stand ein großer, reich mit Elfenbein ausgelegter Schreibsecretair. Mein Freund ging hinaus, um seiner Frau und Tochter, welche im „Kohlhof“ waren, unsere Ankunft anzuzeigen. Ich hatte während seiner Abwesenheit Muße genug, mir den Saal des schleswiger Bauern genau zu betrachten. Die ganze Einrichtung war zierlich, reich und geschmackvoll. An der einen Wand war eine Etagère mit Büchern angebracht. Unter einigen klassischen und belletristischen Werken der neuesten deutschen Literatur fand ich dort die „schleswig-holsteinischen Briefe“ von Moritz Busch, und das Buch des Pastors Valentiner „über das Kirchenregiment in Schleswig“, prächtig eingebunden, daneben Uhland’s und Geibel’s Gedichte. An der dem Spiegel gegenüber liegenden Wand war eine kostbare, große Stutzuhr auf eine Console von vergoldeter Bronze aufgestellt; die breite, der Eingangsthür gegenüber befindliche Wand war mit einer Reihe von Bildern geschmückt. Unter ihnen befand sich ein Steindruck, die deutsche Majorität der letzten schleswigschen Ständeversammlung darstellend und ein mit großer Sauberkeit in Wasserfarben gemaltes Schiff. Es war ein Zweimaster. Das Schiff gehörte dem Hofbesitzer, wie er mir hernach erzählte, führte für seine Rechnung Waaren über’s Meer, und befand sich augenblicklich in Valparaiso.

Dann führte mein Gastfreund seine Frau und seine Tochter in den Saal, um mich ihnen vorzustellen. Erstere war eine angehende Vierzigerin, groß und stattlich, blond, mit einem intelligenten Gesicht, aus Holstein gebürtig. Schleswig und Holstein waren auch hier durch Familienbande verschwägert, wie bei vielen Familien in den Herzogthümern; die Tochter war ein hübsches, junges Mädchen von zwanzig Jahren, von schlanker, zarter Figur, mit hellblondem Haar und weißem, rosig angehauchtem Teint. Das „Unglück im Lande“ war auch hier nach wenig Minuten der Gegenstand, auf den sich das Gespräch hinwandte. Ich fragte nach dem Prediger des Kirchspiels. Er war, wie fast überall, ein Däne, aus Kopenhagen hergesandt, um in schlechtem, fast unverständlichem Deutsch Predigten zu halten, welche fast Niemand besuchte, und das Vertrauen seiner Gemeinde in keinerlei Weise zu genießen. Auch diese ganz deutsche Gemeinde hatte sich früher durch ihre Kirchlichkeit ausgezeichnet, jetzt war der kirchliche Sinn fast ganz verschwunden. Niemand im Kirchspiel hatte mit dem Prediger Umgang, er vertrieb sich die Zeit mit Besuchen seiner dänischen Collegen, im Umgange mit den dänischen Beamten, mit Fahrten über Land, mit Kartenspiel und in Gelagen. Mein Gastfreund war seit mehreren Jahren gar nicht mehr in der Kirche gewesen. Die Eingesessenen ließ er im Hause taufen, um nur nicht die Kirche betreten zu müssen, und wenn die kirchliche Handlung zu Ende war, setzte man dem dänischen Prediger mit Höflichkeit und, wenn es nicht anders ging, auch mit groben Worten den Stuhl vor die Thür, um nur nicht mit ihm an demselben Tische sitzen zu müssen. Auf der Straße grüßte man ihn nicht, man wandte den Kopf weg, um ihn nicht zu sehen. Früher bot man dem Prediger den besten Platz im Saale an, man legte ihm die besten Bissen bei Tisch vor; zu seinem Geburtstage fand er ein schönes Pferd von mehreren hundert Thalern an Werth im Stalle, welches ihm die Gemeinde zum Angebinde machte. Dem jetzigen verweigerte man das Feuer, um seine Pfeife anzuzünden. Der Frau und dem jungen Mädchen traten die Thränen in die Augen, als sie mit mir von den jetzigen Zuständen sprachen. Auch in dieser Gemeinde hielten die Hofbesitzer, denen es ihre Mittel irgend erlaubten, Hauslehrer und Gouvernanten, nur um ihre Kinder nicht zu dem dänischen Schulmeister in die Schule schicken zu müssen. Mit den dänischen Beamten im Kirchspiel ging Niemand um. Auch hier herrschte der zäheste passive Widerstand, wie überall im Lande. Aber der dänische Prediger, der dänische Schulmeister, die dänischen Beamten kümmerten sich um den allgemeinen Widerstand nicht, der ihnen auf Schritt und Tritt entgegentrat; ihre Stirn war von Eisen, wie die Stirn einer Panzerfregatte. Jeder suchte von seiner Stelle so viel Sporteln zu erheben, wie irgend möglich war.

In Schleswig wird herzhaft gegessen und getrunken, trotz alles Herzeleids, wie in Mecklenburg. Bald war der Tisch gedeckt, und ich mußte mit meinem Gastfreunde ein zweites Mittagessen einnehmen, trotz aller Weigerungen meinerseits. Der Tisch war auf’s Reichlichste besetzt, das Roastbeef von derselben Güte, wie in England, der Wein vortrefflicher alter Medoc. Der Hofbesitzer war allein mit mir zu Tisch; seine Frauen hatten noch im Hause zu thun, da sie zum Abend Besuch erwarteten. „Sie sehen,“ sagte er, „ich lebe hier in wohlhabenden Verhältnissen – und doch, wäre ich meinen Hof los zu einem erträglichen Preise, ich ginge über die Eider nach Holstein und kaufte mich in der Nähe von Hamburg an. Aber ich müßte ihn zu einem Spottpreise losschlagen, und dann wäre schon ein Däne da, der ihn durch einen Agenten kaufen ließe und sich hier festsetzte. Der Dänen Bestreben geht täglich dahin, soviel Grundbesitz in die Hände zu kriegen, wie immer möglich. Noch weit schlimmer ist es in den nördlichen Districten.“

[812] „Aber haben Sie denn nicht Gelegenheit, Ihren Hof durch einen Agenten in Hamburg zum Verkauf zu stellen?“

Der Hofbesitzer seufzte. „Wer die Verhältnisse hier kennt,“ sagte er, „kauft hier wahrhaftig nicht. Recht und Gesetz haben hier seit Jahren gänzlich aufgehört. Niemand ist seines Eigenthums sicher. Und dann die unaufhörlichen Plackereien. – – Sehen Sie, ich habe zwei kleine Hypotheken auf meinem Hofe. Sie stehen innerhalb des ersten Viertels des Feuercassenwerths. Vor einem Jahre ist mir, durch eine Intrigue unsers Pastors veranlaßt, die erste Hypothek gekündigt. Ich mußte mir die Summe, welche nach einem halben Jahre gezahlt werden mußte, von einem Freunde leihen, um sie zurückbezahlen zu können. Glauben Sie, daß ich die Hypothek wieder beschaffen kann? Unmöglich. Niemand will sein Geld auf Grundstücke leihen. Ich bin gezwungen gewesen, mir von Monat zu Monat die Summe von Freunden nacheinander zu leihen. Nun, zum November habe ich Aussicht, mir die Hypothek zu beschaffen. Ja, wäre ich dänisch gesinnt, in Flensburg würde mir von den Dänen das Geld zehnmal vorgeschossen; aber so – man brächte meinen Hof zu gern zum öffentlichen Verkauf. Aber ich bin zähe, zäher als diese verdammten Inseldänen, ich weiche nicht.“

„Sagen Sie, ist das wahr, daß die Einwohner hier, als die Dänen das Land wieder besetzt hatten, so brutal behandelt worden sind? Hat man wirklich in Angeln die Bauern gezwungen, vor den dänischen Soldaten den Hut abzuziehen „bis auf die Lenden“, und hat man sie geprügelt, wenn es nicht geschah?“

Der Hofbesitzer trank sein Glas aus und seufzte. „Gewiß ist das wahr,“ sagte er, „ich habe es selbst oft gesehen. Jetzt leugnet die dänische Presse das Alles und sucht uns in Deutschland als Lügner hinzustellen. Es sind hier viele Monate lang unerträgliche Erpressungen vorgenommen worden. Mein Nachbar hat lange Zeit über hundert Soldaten auf seinem großen Hofe im Quartier gehabt, und eine Menge Pferde, denen er Fourage liefern mußte. Er kann den Schaden heute noch nicht verwinden.“

Wir wurden unterbrochen. Draußen vor der Steintreppe, welche zu der Thüre des Hofes führte, fuhren rasch nacheinander zwei Wagen vor. Wir traten an’s Fenster und eilten dann hinaus vor die Thür. Es war der angekündigte Besuch, zwei Hofbesitzer aus der Umgegend mit ihren Familien. Die Frau und die Tochter meines Gastfreundes waren schon draußen, um die Gäste zu empfangen.

Zwei mit vortrefflichen Pferden anglischer Race bespannte, hochrädrige Korbwagen hielten an der Thüre. Der Knecht in den [813] Holzschuhen war bereits mit dem Abspannen der Pferde beschäftigt. Wagen, Pferde, Geschirr, Alles war außerordentlich stattlich. Die Männer waren bereits vom Wagen gestiegen und beschäftigt, ihren Frauen und Töchtern herabzuhelfen. Alle waren im Festtagsanzug, in vollständig städtischer Kleidung; ich sah seidene, kostbare Kleider, ganz moderne Strohhüte, goldene Ketten, kleine, zierliche Damenuhren und mit edlen Steinen besetzte Armbänder. Man liebt es in Schleswig, bei Besuchen und Fahrten über Land seinen Schmuck und seine modernen Kleider, deren Schnitt sich oft keine Dame in einer großen deutschen Stadt zu schämen braucht, zu zeigen. Unter den Angekommenen waren zwei sehr hübsche Mädchen. Drei von den Bauern kannte ich bereits ihrem Namen nach als „große deutsche Männer“, wie mein Kutscher auf einer Fahrt durch Angeln zu sagen pflegte; ich hatte Empfehlungsbriefe an sie und wollte sie am andern Tage besuchen. Desto größer war meine Freude, sie unverhofft hier zu treffen. Alle schüttelten mir herzlich die Hände. Das „Unglück im Lande“ hatte uns bereits vertraut gemacht, als wir den Saal betreten hatten. Nach einer halben Stunde saßen wir sämmtlich an dem Tische, wo ich vor Kurzem erst zum zweiten Male das Mittagessen eingenommen hatte, um den Thee einzunehmen. Die Dämmerung war angebrochen, das große Zimmer wurde durch zwei prächtige Astrallampen mit milchweißen Kuppelgläsern erleuchtet, der an zwei Seiten durch Ausziehen zweier Einsätze vergrößerte Tisch war mit Theegeschirr, Tellern von seinem Porzellan, silbernen Gabeln und Messern, mit einer dampfenden großen Theemaschine und mit großen Vorräthen von Brod, Butter, Rum, Käse, Fleisch, Schinken, Würsten, Sardellen und Neunaugen bedeckt. Die Frau und die Tochter des Hofbesitzers gingen selbst ab und zu, um alles zum Thee Nöthige zu besorgen. Unsere Gäste unterhielten sich zuweilen in plattdeutscher Sprache, während sie meistens, mit mir aber immer, hochdeutsch sprachen. „Entschuldigen Sie nur,“ sagte einer der Angekommenen, „wir sind es gewöhnt, wenn wir unter uns sind, plattdeutsch zu sprechen.“

„O,“ erwiderte ich im plattdeutschen Dialekt, „sprechen wir Alle plattdeutsch. Ich spreche und verstehe es ebensogut, wie das Hochdeutsche.“

Von nun an wurde den ganzen Abend fast durchgängig plattdeutsch gesprochen. Ich glaubte oft auf der rothen Erde in meinem westphälischen Vaterlande zu sein, so sehr glichen sich die Dialekte. In Schleswig wird auch in den Städten in manchen vornehmen Häusern vielfach plattdeutsch gesprochen. Die Unterhaltung drehte sich größtentheils um europäische politische Verhältnisse. Der Bauer in Schleswig politisirt sehr gern; er hat meist immer eine allgemeine politische Bildung; es werden viel Zeitungen im Lande gelesen; auf den meisten Höfen fand ich kleine, oft recht gut sortirte Bibliotheken. In Preußen war gerade die sogenannte „neue Aera“ angebrochen; man erwartete auch für Schleswig-Holstein viel von dem liberalen Ministerium. Wie hat man sich getäuscht! „Und sollten sie uns auch jetzt nicht helfen,“ rief einer der angekommenen Hofbesitzer aus, „wir halten Stand; den Dänen weichen wir lange noch nicht. Wir leisten Widerstand, so lange der letzte Deutsche im Lande ist.“ Dann sprachen sie von den italienischen Verhältnissen, welche sie sehr interessirten. Ich mußte ihnen so viel Einzelnheiten, wie ich wußte, von Garibaldi und von Cavour erzählen. Dazwischen wurde fleißig gegessen und getrunken. Die Vorräthe auf dem Tische wurden zusehends kleiner. Endlich ging, wie immer, das Gespräch wieder auf die eigenen Verhältnisse über; die Hardesvögte, die blauen und schwarzen Gensd’armen, der dänische Sonntag, der Schulzwang, die Sprachrescripte, die Brüche, die dänischen Polizei- und Beamtenkniffe kamen an die Reihe. Ich sah manche stille Thräne, und hörte manches erbitterte Wort. Der eine von den Hofbesitzern wollte sich in den nächsten Tagen von seinem Sohne trennen und ihn in eine Erziehungsanstalt nach Kiel schicken. Eine Tochter war schon dort. Seine Frau sprach mit Thränen in den Augen von der neuen, ihr bevorstehenden Trennung. Die Stimmung wurde im Saal meines Gastfreundes allmählich recht düster und traurig. Einer erzählte einige neuerdings vorgekommene Geschichten, wie sein Pastor den Handlanger der dänischen Polizei mache. Er war ein großer, kräftiger Mann, mit breiten Schultern und breitem Rücken.

„Aber schlagt dem schwarzen Gensd’armen doch Arme und Beine entzwei!“ rief ich entrüstet aus.

„Ne, Hähr,“ erwiderte er, traurig den Kopf schüttelnd, „dat is nich use Ohrt.“[1]

Um neun Uhr machten sich unsere Gäste zur Abfahrt bereit. Nach einer halben Stunde war es still und einsam im „Saal“ des schleswigschen Bauern und um zehn Uhr lag ich bereits in dem weichen Bette.



  1. Nein, Herr, das ist nicht unsere Art und Weise.