Ein seltenes Frauenschicksal

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Textdaten
Autor: Walther Kabel
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Titel: Ein seltenes Frauenschicksal
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aus: Das Buch für Alle, Illustrierte Familienzeitung, Jahrgang 1916, 5tes Heft, Seite 106 und 108
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1916
Verlag: Union Deutsche Verlagsgesellschaft
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Erscheinungsort: Stuttgart
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Quelle: Commons
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Ein seltenes Frauenschicksal.

Zu Lyon starb am 16. März 1911 eine neunzigjährige Bettlerin, deren außergewöhnliche Schicksale die Öffentlichkeit lange beschäftigten. Marguerite Carrel war die Tochter eines der reichsten Seidenfabrikanten von Lyon. Von ihrer Mutter, einer Spanierin, war ihr außer berückender Schönheit und Grazie ungezügelte Leidenschaft vererbt worden. Mit siebzehn Jahren war die schöne Marguerite, die gleich einer Prinzessin nur in Samt und Seide ging und von ihren Eltern maßlos verwöhnt wurde, in ihrer Vaterstadt zur Berühmtheit geworden. Wenn sie in ihrem eleganten Wagen fuhr, blieben die Leute stehen und sahen ihr bewundernd nach. Zu ihren Verehrern gehörten die Söhne der ersten Familien des Landes, Träger jahrhundertealter Namen und Kaufmannssöhne mit Millionenvermögen. Gegen alle Bewerbungen blieb Marguerite unzugänglich. Eines Tages erschien ein junger Engländer in Lyon, Edward Sealstor, der einzige Sohn eines Londoner Seidenhauses. Die Sealstors waren nicht nur Konkurrenten der Carrels, sondern auch deren unversöhnliche Feinde. Vor Jahren hatte ein Familienzwist beide Häuser, die bis dahin in freundschaftlichen Beziehungen lebten, für immer getrennt. Gegenseitiger Haß wurde zur Triebfeder ununterbrochener geschäftlicher Feindseligkeiten, und beide Häuser gingen in der Wahl ihrer Mittel mit größter Gewissenlosigkeit zu Werke. Es schien, daß die offenen und versteckten Gehässigkeiten nie mehr auszutilgen waren.

Das Schicksal fügte es, daß Marguerite den jungen Engländer im Hause einer Freundin kennen und lieben lernte. Edward Sealstor, zu stolz, um hinter dem Rücken von Marguerites Eltern sich mit der Geliebten zu treffen, suchte den Zwist der beiden Häuser durch eine kühne Handlung aus der Welt zu schaffen. In jugendfroher Zuversicht begab er sich zu dem alten Carrel und hielt um die Hand der Tochter an. Bei dieser Unterredung war Viktor Carrel, Marguerites einziger Bruder, zugegen. Kaum hatte Sealstor die ersten Worte gesprochen, kaum den Wunsch geäußert, die alte Gehässigkeit zu begraben, als Vater und Sohn Sealstor mit brutalen Schimpfworten die Türe wiesen.

Am gleichen Tage brachte der alte Carrel seine pflichtvergessene Tochter nach dem zehn Meilen von Lyon entfernten Kloster Sauterre. Da man argwöhnte, der abgewiesene Freier würde einen Handstreich wagen, begleitete Viktor Carrel, gut bewaffnet wie sein Vater, die trostlose Marguerite. Im Walde von Malville, etwa auf der halben Strecke zwischen Lyon und dem Kloster, wurde der Carrelsche Wagen von einem anderen Gefährt überholt, dem Edward Sealstor und zwei Diener entstiegen. Edward, der mit erhabener Pistole vor die Männer trat, wurde nach kurzem Wortwechsel von Viktor Carrel hinterrücks erschossen. Sealstors Kugel, die er nach dem Meuchelmörder richtete, ging fehl und traf den alten Carrel, der wenige Minuten später zugleich mit dem jungen Engländer sein Leben verhauchte.

Das war im Herbst des Jahres 1839 geschehen. Viktor Carrel und die Mutter Marguerites brachten sie nach dieser Gewalttat in das Kloster Sauterre, von wo sie nach vier Jahren geheimnisvollerweise verschwand. Dicht hinter dem Klostergarten lag ein großer See, an dessen Ufer die Nonnen zu waschen pflegten. Allerlei Anzeichen sprachen dafür, daß Marguerite sich dort ertränkte, Vergessenheit gesucht hatte. Aus den behördlichen Registern von Lyon wurde sie als verstorben gestrichen, obwohl ihre Leiche trotz eifriger Nachsuche nicht zu finden gewesen war.

Nach drei Jahren fand man eines Morgens die Witwe Carrel und ihren Sohn Viktor im ersten Stockwerk des großen palastähnlichen Geschäftshauses ermordet. Beide waren durch Pistolenschüsse in den Kopf getötet worden. Die Dienstboten, die im Seitenflügel schliefen, hatten in der Mordnacht nichts Verdächtiges wahrgenommen; sie wußten nur zu sagen, daß am Tage vor dem Verbrechen ein junger, verkommen aussehender Mensch aufdringlich bettelnd an die Hintertüre gekommen sei. Da Schmucksachen und eine größere Summe Bargeld aus einem Schreibtisch der alten Dame fehlten, wurde Raubmord als geschehen, wenn auch nicht erweisbar angenommen. Alle Forschungen nach dem Täter blieben ohne Erfolg.

Jahrzehnte vergingen. Der Krieg 1870/71 begann. Da erkannte ein aus Lyon stammender älterer Krankenpfleger in einer mit ihm in demselben Metzer Lazarett tätigen barmherzigen Schwester die Tochter des Seidenfabrikanten Carrel wieder, deren Schönheit auch er einst als junger Mensch bewundert hatte. Er begrüßte sie als Landsmännin, aber die Schwester leugnete, Marguerite Carrel zu sein. Der Pfleger erkundigte sich heimlich nach ihren Verhältnissen und konnte nur erfahren, daß die Dame die Witwe eines bei Magenta gefallenen französischen Obersten sei. Ihren Mädchennamen wußte niemand.

Schwester Helene, wie sie sich nennen ließ, galt mit Recht als die aufopferndste Pflegerin des Metzer Lazaretts. Die Ärzte behandelten sie mit auszeichnender Achtung, um ihrer seltenen Opferfreudigkeit und Ausdauer willen. Als in Metz Typhus ausbrach, verlangte Schwester Helene mit seltsamer Dringlichkeit, dort pflegen zu dürfen. Es schien, als ob sie den Tod suchte. Sie erkrankte vorübergehend, aber ihre kräftige Natur überwand den Anfall, und sie genaß. Als der Feldzug endigte, verschwand sie aus Metz, um erst 1881 plötzlich in Lyon zu erscheinen. Dort bezog sie in der Vorstadt ein Dachkämmerchen und wurde bald zur stadtbekannten Erscheinung. Da gegen die Richtigkeit ihrer Papiere, die sie als die Oberstwitwe Helene Beauford, geborene Carrel, auswiesen nichts zu sagen war und ihr tägliches Betteln unaufdringlich geschah, ließ man sie in Ruhe. Niemand hätte in der krummen, häßlichen, in Lumpen gehüllten Frau jemals die einstige Schönheit wiedererkannt. Auf Straßen und Höfen war man gewohnt, ihr mit einem schmutzigen Leinwandsack auf dem Rücken und einem Hakenstock in der Hand zu begegnen. Emsig durchwühlte sie die Müllkästen und verkaufte die gefundenen Abfälle gegen eine Kleinigkeit an Händler. Was sie dafür erhielt und von Soustücken, die ihr Vorübergehende gelegentlich zusteckten, lebte sie. Ihr ungeschriebenes Vorrecht war es, den großen Müllhaufen hinter dem Hause, in dem sie wohnte, zuerst zu durchstöbern, und meist ging sie am hellen Morgen erst zur Ruhe, wenn sich im Kehrichtberg nichts mehr für sie fand. In der Stadt hieß man sie allgemein „Frau Oberst“ und wußte allerlei Geschichten über sie zu erzählen. Dem Gespött der Kinder und Halbwüchsigen, dem auffallende und vernachlässigte Geschöpfe meist verfallen, war sie durch all die Zeit ihres Elends entgangen. Überdies lag ein Ausdruck in den Augen dieser Verwahrlosten, der die Rüdesten schweigen hieß. Dreißig Jahre schlurfte sie so durch die Gassen und Höfe der alten Handelstadt. Dann kam für die Lyoner die große Überraschung.

Der Wirt des Hauses fand die Alte tot auf der Treppe vor der Tür ihres Stübchens. Man rief die Polizei, um die Greisin fortschaffen und begraben zu lassen. In ihrem Bette entdeckte man, im Strohsack verborgen, hundertvierzigtausend Franken in Gold und Wertpapieren; die eigentliche Überraschung waren umfangreiche Aufzeichnungen, die den Lebensweg der Verstorbenen in allen Einzelheiten enthüllten, und schließlich noch letztwillige Verfügungen, in denen Helene Beauford, geborene Marguerite Carrel, ihre Vaterstadt Lyon zur Erbin einsetzte mit der Bestimmung, daß aus ihrem Vermögen ein Kindergenesungsheim errichtet werden solle.

Die hinterlassene Lebensgeschichte dieser merkwürdigen Frau hielt nicht nur Lyon lange Zeit in Atem. Man erfuhr daraus, daß sie nach ihrer Flucht aus dem Kloster Sauterre in kluger Berechnung Selbstmord vorzutäuschen verstand. In Paris empfahl ihre stattliche Schönheit sie als Choristin an einem Vorstadttheater. „Ein Gedanke war es, der meine Seele förmlich zerfraß,“ heißt es in ihrer Lebensgeschichte, „der Wunsch, mich an denen zu rächen, die mir, verblendet von wütendem Haß, mein Lebensglück zerstörten. Ich liebte Edward Sealstor mit der ganzen Leidenschaft meines heißen Herzens. Die ihn mir raubten, ahnten nicht, daß sie durch diese Tat alle häßlichen Instinkte weckten, die in mir schlummerten. Mein Wunsch nach Vergeltung war so triebhaft ungezügelt, daß ich, dem Kloster entflohen, den Entschluß gefaßt hatte, meine Mutter und meinen Bruder - zwei Menschen, die so nahe verwandtschaftliche Namen nie verdient haben – meinen wilden Haß fühlen zu lassen. Meine Mutter schlug mich mit Fäusten ins Gesicht, weil ich schuld sein sollte am Tode des Vaters. Drei Jahre trotzte ich den Verführungen des Pariser Pflasters, ersparte jeden Sou, nur um Geld für die Fahrt nach Lyon zusammenzuraffen. Im Theater lernte ich, mich in Männerkleidern sicher zu bewegen, mein Gesicht durch [108] Schminken unkenntlich zu machen. Endlich war der heißersehnte Tag der Rache gekommen. Ich nützte einen unbewachten Augenblick, um als Bettler verkleidet mich ins Haus meiner Eltern zu schleichen. In einer Bodenkammer verbarg ich mich. Gegen Mitternacht schlich ich in das Schlafzimmer meines Bruders. Ich klopfte, flüsterte den Namen unserer alten Köchin und überlistete ihn so. Er schob den Riegel zurück und stand mit einem Nachtlicht in der Hand vor mir. Der Anblick der fremden Gestalt trieb ihn ins Zimmer zurück, er griff nach einer neben dem Bett liegenden Pistole. Ich gab mich zu erkennen. Was ich vorhatte, mochte er ahnen. Mit harter, laut schreiender Stimme befahl er mir, das Haus zu verlassen. Ich blieb. Da hob er die Waffe, um mich so hinterlistig zu töten, wie er meinen Geliebten ermordet hatte. Der Schuß ging fehl – und traf meine Mutter, die, durch Viktors lauten Schreien aufgeschreckt, aus dem gegenüberliegenden Zimmer herausgetreten war. Der dumpfe Fall des Körpers hinter mir und ein einziger Blick auf die regungslos Liegende gaben mir die volle Wahrheit. Das Schicksal hatte gesprochen. Was zu vollenden blieb, tat meine sichere Hand. – Die Leichenschau stellte fest, daß die beiden Toten jener Nacht durch Kugeln verschiedener Größe, durch die Schüsse zweier Pistolen, getroffen waren. Die Behörde vermochte die Vorgänge nicht aufzuklären. Vorsichtig genug nahm ich außer Geld und Schmucksachen auch Viktors Waffe mit. Keinen Augenblick meines späteren Lebens fand ich bereuenswert, was damals geschah.“

Ein Jahr später lernte Marguerite als Schauspielerin in Bordeaux, wo sie den Namen Helene Sauterre führte, den Oberst Charles Beauford kennen, der sie heiratete, obwohl sie ihm ihre Lebensgeschichte nicht vorenthielt.

„Mir, die ich Kinder über alles liebte, war Nachkommenschaft versagt,“ schrieb sie in ihrer Lebensbeichte. „Nach dem Tod meines Gatten wurde ich Krankenpflegerin und ging in ein Pariser Kinderhospital. Als der Krieg gegen Deutschland ausbrach, reiste ich mit einer Sanitätsabteilung nach Metz. Nach dem Frieden kehrte ich nach Paris zurück, wo ich im Kinderhospital meine alte Tätigkeit wieder aufnahm. Hier war es, daß ich auf den Gedanken geriet, ein Vermögen zu ersparen, das man für die geliebten Kleinen nach meinem Tode verwenden könnte. Das Erbe meines Mannes, das ich nie angegriffen, wovon ich nicht einmal die Zinsen verbraucht hatte, war dazu bestimmt.“

Kurz nach diesem Entschluß begann Marguerites Bettlerdasein in Lyon, wohin sie aus Liebe zur Stätte ihrer Kindheit und wegen der Erinnerung an jene Tage, wo sie mit Edward Sealstor kurze Zeit glücklich gewesen war, zurückgekehrt war. Im Schlusse ihrer Aufzeichnungen fand sich die Bemerkung, daß sie ihre Pension als Offizierswitwe seit einundzwanzig Jahren nicht mehr abgehoben und die Militärkasse in Paris angewiesen hätte, die jährlichen Beträge von 1700 Franken auf ihren Namen zurückzulegen und zu verwalten. Es erwies sich, daß diese Beträge auf 41 648 Franken angewachsen waren, so daß der Stadt Lyon zur Erbauung des von der „reichen Bettlerin“ gewünschten Kindergenesungsheims rund 181 000 Franken aufzuwenden möglich war. Der Wille der Stifterin wurde erfüllt. Im Juni 1913 konnte das Carrel-Haus seiner Bestimmung übergeben werden.

W.K.